Zu Wolfgang Koeppens Radio-Essay „Ein Fetzen von der Stierhaut“ - Entstehungsgeschichte und Motive


Hausarbeit, 2008
22 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort - „Der Fetzen“

2. Prolog zu „Ein Fetzen von der Stierhaut“
2.1. Der Radio-Essay
2.2. Wer spricht eigentlich?

3. Wolfgang Koeppen ein harmloser Tourist?
3.1. Fremde und Fremdsein

4. Schlusswort

5. Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort - „Der Fetzen“

Ziel dieser Arbeit ist es die Entstehungsgeschichte des Radio- Essays „Ein Fetzen von der Stierhaut“ verfasst von Wolfgang Koeppen zu skizzieren. Diese Hausarbeit baut in ihren Grundzügen auf einem gleichnamigen Referat auf, das von mir im Seminar „Der Leser als Voy(ag)eur: Der Voy(ag)eur als Autor: Autobiographisches Schreiben am Beispiel von Texten Wolfgang Koeppens“ im WS 07/08, angeboten von Frau Anja Ebner an der Universität Bielefeld, gehalten wurde. Es soll im Laufe dieser Arbeit, unter Zuhilfenahme fundierter wissenschaftlicher Quellen, aufgezeigt werden, welches die Umstände waren, die zum Verfassen des Reiseberichtes „Ein Fetzen von der Stierhaut“ und der weiteren Berichte führten. Des Weiteren werde ich in einem Kapitel kurz das Genre des Radio-Essays in seinen Ursprüngen beleuchten. Zentraler Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist jedoch der Radio-Essay „Ein Fetzen von der Stierhaut“. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird von mir versucht zu klären, welche Sprecherrollen dem literarischen Text zugrunde liegen, welche Lesearten dieser zulässt und welche Intention bzw. Motivation und damit einhergehende Erkenntnisse des Autors zu identifizieren sind. So wie der der Text „Ein Fetzen von der Stierhaut“ Spanien nicht in seiner Gesamtheit, sondern nur in Fetzen wiedergeben kann, so stellt diese Arbeit auch nur eine Annäherung an Koeppens Werk dar. Diese Arbeit erhebt keineswegs den Anspruch auf Vollständigkeit im Hinblick auf die behandelten Themen. Es ist somit mit Nachsicht zu sehen, wenn in manchen Teilen, u.a. aus Gründen des Umfangs, die Thematik nur in „Fetzen“ dargestellt werden kann.

2. Prolog zu „Ein Fetzen von der Stierhaut“

Wolfgang Koeppens Reiseberichte, unter die auch der in dieser Arbeit vornehmlich betrachtete „Ein Fetzen von der Stierhaut“ fällt, entstanden aus einer Zusammenarbeit mit dem Süddeutschen Rundfunk heraus. Das Angebot für den Süddeutschen Rundfunk zu reisen und zu schreiben wurde Koeppen von Alfred Andersch unterbreitet der zum damaligen Zeitpunkt Leiter des Radio- Essays in Stuttgart war. Mit der Übernahme der „Radio- Essay- Redaktion“ 1956 etablierte Andersch ein Genre in der deutschen Radiokultur, das sich mit der Verarbeitung und Sendung von non-fiktionalen Gattungen im Kulturprogramm des Rundfunks auseinandersetze. Dies war zu diesem Zeitpunkt ein für Deutschland einmaliges Projekt, das seine Inspiration aus dem „Third Programme“ der BBC schöpfte.1

Wolfgang Koeppen selbst formulierte sein erstes Zusammentreffen mit Alfred Andersch als eine zufällige Begegnung in einer dunklen Seitenstraße Hamburgs.

„Mir begegnete er in Hamburg in der bürgerlichen Gestalt des unverhofften Glücks. Er sprach mich in einer dunklen Straße hinter der Oper an und fragte mich, ob ich Lust hätte zu verreisen. Ich war erstaunt, daß Andersch mich überhaupt kannte, daß er mich erkannte, daß er die Romane, die inzwischen von mir erschienen waren, gelesen hatte. Als Leiter des Radio- Essays in Stuttgart war er ein Gott, der mir die Welt anbot. Der Erdball lag in Andersch. Ich brauchte ihn nur zu ergreifen.“2

Koeppens Selbstauskunft beschreibt dabei eine Begegnung, die von einem solch szenischen und literarischen Charakter ist, dass man meinen könnte, der Autor stilisiere dieses erste Zusammentreffen zu einer Zäsur in seinem privaten und künstlerischen Leben. Dies ist insofern nachvollziehbar, da mit Wolfgang Koeppens Tätigkeit für den SDR gleichermaßen ein Genrewechsel erfolgte. Koeppen hatte in den vorangegangenen Jahren in relativ kurzen Abständen drei Romane veröffentlicht. "Tauben im Gras" (1951), "Das Treibhaus" (1953) und "Der Tod in Rom" (1954). Diese Romantrilogie setze sich auf kritische Art und Weise mit der restaurativen, die Vergangenheit verdrängenden, Politik der Adenauer-Ära auseinander.3 Wolfgang Koeppen hatte mit diesen Veröffentlichungen erneut, nach dem bereits vorausgegangenen Werk „Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ (1948), seine Position als kritischer und politischer Nachkriegsautor unterstrichen. Doch gleichermaßen schien Koeppen sich von der Romanform distanzieren zu wollen.

„Nach diesen drei Romanen trat vielleicht ein gewisser Überdruß an der Romanform ein, und ich nahm gern die Gelegenheit, die mir der Rundfunk bot, wahr, auf Reisen zu gehen.“4

Alfred Andersch hatte Koeppen den Erdball angeboten und er griff danach. Einerseits war es dem Schriftsteller möglich seiner Reiselust zu frönen und sich ein festes Einkommen zu sichern, andererseits stellte es die Möglichkeit eine gewisse Variation in sein Schreiben zu bringen. Koeppen bewegte sich literarisch weg von der Romanform, hin zur Reiseliteratur.

„[...] Nicht nur das Reisen, das Kennenlernen anderer Länder, auch das Schreiben über die Reise, der Versuch, eine neue Form des Berichts zu finden, das Experiment, machten mir Spaß.“5

Neben dem Werk „Ein Fetzen von der Stierhaut“, das von seiner Spanienreise berichtet, verfasste er noch Reisberichte zu Reisen nach Russland, Italien, England, Polen und Holland, die alle unter dem Titel „Nach Rußland und anderswohin. Empfindsame Reisen.“ 1958 gesammelt erschienen. Der Untertitel der Publikation „Empfindsame Reisen“ stellt dabei eine direkte Reminiszenz zu dem Roman- und Reisebuchautor Laurence Stern und seinem Werk „A Sentimental Journey through France and Italy. By Mr. Yorick“ von 1768 dar. Stern prägte im 18. Jahrhundert mit diesem Werk das Genre der Reiseliteratur. Das Augenmerk des Autors liegt in diesem Werk jedoch verstärkt auf der Darstellung von Empfindungen und Emotionen, die sich, ausgelöst durch die bereisten Orte und den Sachverhalt des Reisens selbst, im Protagonisten regen. Wolfgang Koeppen reiht sich durch diesen gewählten Untertitel zwar somit in die Tradition der Reiseliteratur, wie von Laurence Stern begründet bzw. in Teilen geprägt, ein, gewährt aber der inneren Gefühlswelt weniger Dominanz. Wie im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch weiter fundiert beschrieben werden wird, steht bei Koeppens Reiseliteratur und somit auch bei dem Werk „Ein Fetzen von der Stierhaut“ vielmehr die gegenständliche Welt im Mittelpunkt der literarischen Verarbeitung.6

Des Weiteren folgten noch Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre Reisen nach Frankreich, Amerika und Griechenland, die weitere Publikationen wie „Amerikafahrt“ von 1959 nach sich zogen.7

Wie bereits erwähnt, stellte sein erstes Reiseziel im Auftrag des Süddeutschen Rundfunks Spanien dar, welches zu diesem Zeitpunkt vom diktatorischen Franco-Regime beherrscht wurde. In einem Brief vom 13. Juni 1955 hält Alfred Andersch die Modalitäten und die durch Koeppen zu erbringende Leistung fest, mitunter um sich vertraglich, juristisch abzusichern.

„[…] Sie schreiben für die von mir geleitete Redaktion im Süddeutschen Rundfunk ein Manuskript, das die Erfahrungen einer Reise nach Spanien auswertet.“8

2.1. Der Radio-Essay

Im September 1955 macht sich Wolfgang Koeppen, in Begleitung seiner Frau Marion, auf den Weg nach Spanien. Stationen ihrer Reise bilden hierbei u.a. Barcelona, Toledo und Madrid. In diesem Zusammenhang könnte man durchaus von kulturellen, gesellschaftlichen und historischen Streifzügen Koeppens sprechen, die er durch die Seele Spaniens führt. Was Koeppen hierbei literarisch einzufangen versuchte, war „die konkrete, erfahrbare Welt“. Somit waren diese Reise, aber auch die Folgenden, eine Suche nach einer geeigneten Darstellungsform der Welt und der Realität in der Literatur. Wolfgang Koeppens Entscheidung für die Form des Reiseberichts kann man somit durchaus auch als Absage an den Roman in seiner klassischen Form verstehen, der eben dieses Potenzial für ihn nicht zu bergen schien.9

Ende 1955, nachdem Koeppen bezüglich des Abgabetermins für seinen Radio- Essay bereits mehrfach um Aufschub gebeten hatte, lag Alfred Andersch und der Redaktion des SDR ein Manuskript vor. Es stellte sich jedoch heraus, dass ein „Ein Fetzen von der Stierhaut“ für eine funkische Inszenierung noch einige Probleme barg. So war z.B. der Text für die geplante Radiosendung viel zu lang. Auch war der Text vom Aufbau her ein reiner Monolog, was die Sorge in der Redaktion um Alfred Andersch nährte, es könnte die Aufmerksamkeitsspanne der Hörer auf die Probe stellen. Koeppen selbst reflektierte über dieses Problem. In einem Brief an Alfred Andersch vom 26.12.1955 schrieb er:

„[…] Natürlich hätte ich es auch funkisch schreiben können, aber mein Spanieneindruck widerstrebte dieser Form, […].“

Im weiteren Verlauf des Briefes argumentierte er, warum er letztendlich die Form des Monologs hätte wählen müsssen.

„[…] zumal mir zu den dokumentarischen Stimmen die Belege fehlen; ich hätte dann doch reporterhaft reisen, um Interviews nachsuchen und evtl. mit einem Dolmetscher auftreten müssen, […].“10 11

Letztendlich entschloss sich die Radioredaktion dazu, zumindest den ersten Teil des Radio- Essays von mehreren Sprechern vortragen zu lassen. In der späteren Übertragung bezeichnete man diesen Teil als „Vorspiel zu drei Stimmen“. Beim Hauptteil folgte man jedoch Koeppens monologischer Struktur und setzte nur eine Sprecherrolle, die von Ernst Ginsberg bekleidet wurde, ein. Dabei handelte es sich um zwei Teile, welche die Titel „Die Rambla zu Barcelona“ und „Auch der Stierkampf ist ein Kampf gegen Gespenster (Madrid und Toledo)“ erhalten hatten.

[...]


1 „Die Redaktion ‚Radio- Essay‘ beim Süddeutschen Rundfunk 1955- 1981 im rundfunkgeschichtlichen Kontext“. Edgar Lersch. Dokumentation und Archive. Historisches Archiv und Wortdokumentation, Band. 5 Stuttgart 1996. S. 7-13. http://www.mediaculture-online.de (abgerufen: 22.02.08).

2 ''Ich wurde eine Romanfigur'' : Wolfgang Koeppen 1906 - 1996 ; [dieses Buch entstand parallel zur Vorbereitung der gleichnamigen Ausstellung ''Ich Wurde eine Romanfigur - Wolfgang Koeppen 1906 - 1996'' ; eine Ausstellung der Münchner Stadtbibliothek, 14. März - 25. Juni 2006] / von Hiltrud und Günter Häntzschel . - 1. Aufl. . - Frankfurt am Main : Suhrkamp , 2006. S. 123f.

3 Wolfgang Koeppen / hrsg. von Eckart Oehlenschlaeger . - Frankfurt a.M. : Suhrkamp , 1987 . - 472 S. : Ill. S. 142f.

4 ''Ich wurde eine Romanfigur'' : Wolfgang Koeppen 1906 - 1996 ; [dieses Buch entstand parallel zur Vorbereitung der gleichnamigen Ausstellung ''Ich Wurde eine Romanfigur - Wolfgang Koeppen 1906 - 1996'' ; eine Ausstellung der Münchner Stadtbibliothek, 14. März - 25. Juni 2006] / von Hiltrud und Günter Häntzschel . - 1. Aufl. . - Frankfurt am Main : Suhrkamp , 2006. S. 123f.

5 Ebd. S.123f.

6 Ebd. S. 126f.

7 http://www.wolfgang-koeppen-stiftung.de/koeppen/kleben.html (abgerufen 28.02.2008).

8 Alfred Andersch an Wolfgang Koeppen vom 13. Juni 1955, Original im SWR Archiv Stuttgart, Nr. 1905

9 Wolfgang Koeppen / hrsg. von Eckart Oehlenschlaeger . - Frankfurt a.M. : Suhrkamp , 1987 . - 472 S. : Ill. S. 143f.

10 ''Kampf gegen Gespenster'' : die Radio-Essays Wolfgang Koeppens und Arno Schmidts im Nachtprogramm des Süddeutschen Rundfunks als kritisches Gedächtnismedium / Ansgar Warner . - Bielefeld : Aisthesis-Verl. , 2007 . - 190 S. S. 81f.

11 Wolfgang Koeppen an Alfred Andersch, vom 26. Dezember 1955, Original im SWR Archiv Stuttgart, Nr. 1879

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Zu Wolfgang Koeppens Radio-Essay „Ein Fetzen von der Stierhaut“ - Entstehungsgeschichte und Motive
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Der Leser als Voy(ag)eur: Der Voy(ag)eur als Autor: Autobiographisches Schreiben an Texten von Wolfgang Koeppen
Note
2,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V93956
ISBN (eBook)
9783638072069
ISBN (Buch)
9783638956451
Dateigröße
696 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wolfgang, Koeppens, Radio-Essay, Fetzen, Stierhaut“, Entstehungsgeschichte, Motive, Leser, Voy(ag)eur, Autor, Autobiographisches, Schreiben, Texten, Koeppen
Arbeit zitieren
David Liniany (Autor), 2008, Zu Wolfgang Koeppens Radio-Essay „Ein Fetzen von der Stierhaut“ - Entstehungsgeschichte und Motive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93956

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