Das kollektive Gedächtnis im Zeitalter der digitalen Medien. Das Internet als digitales Mega-Archiv?


Hausarbeit, 2017

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichte der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung
2.2 Maurice Halbwachs – Das kollektive Gedächtnis
2.3 Aleida und Jan Assmann – Das kulturelle Gedächtnis

3. Rolle der Medien für das kollektive Gedächtnis

4. Einfluss der digitalen Medien auf das kollektive Gedächtnis
4.1 Internet als digitales „Mega-Archiv“?
4.2 Demokratisierung bei der Erstellung von Gedächtnisinhalten
4.3 Die Rolle der sozialen Medien

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das alltagssprachliche Wort Gedächtnis wird allgemein als eine Fähigkeit definiert, die es ermöglicht „Bewusstseinsinhalte aufzubewahren […], zu speichern und sich ins Bewusstsein zurückzurufen“ (Duden). In der Wissenschaft gibt es dagegen diverse Konzepte und Definitionen für das Wort Gedächtnis. Verschiedene Disziplinen wie die Psychologie, Politologie oder Soziologie definieren das Gedächtnis jeweils durch ihre spezifischen Blickwinkel und Schwerpunkte. Trotz dieser Vielzahl an Begriffen und Konzepten ist die Gedächtnisforschung als interdisziplinäres Phänomen in den vergangenen Jahren zu einem Leitbegriff der Kulturwissenschaften geworden, das thematisch vermehrt in der Forschung behandelt wird. Der Grund für diese momentane Aktualität wird auf drei allgemeine Faktoren zurückgeführt:

Zum einen gibt es historische Transformationsprozesse, durch die die mündlichen Überlieferungen von Ereignissen im 20. Jahrhundert zurückgehen. Durch die sinkende Zahl von Zeitzeugen, die beispielsweise den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, ist die Gesellschaft auf andere Formen des Gedächtnisses angewiesen. Zum anderen hat sich die Gedächtnisforschung als Folge der postmodernen Geschichtsphilosophie konstituiert, in der Geschichte nicht mehr als objektiv gegeben oder als teleologischer Prozess betrachtet wird. Stattdessen fragt die Gedächtnisforschung, wie soziale Gruppen Vergangenheit erstellen und vereint damit die postmoderne Theorienbildung mit dem Interesse an Geschichte. Zuletzt führen auch die Entwicklungen der Medientechnologien zu einer Präsenz des Gedächtnisprozesses. Durch digitale Medien und das Internet gibt es neue Möglichkeiten, wie Informationen (öffentlich) geteilt und gespeichert werden können, wodurch sich die Aneignung von Informationen verändert (vgl. Erll 2011: 1 ff.).

Aus einer medienwissenschaftlichen Perspektive ist besonders der zuletzt genannte Faktor von Interesse. Die modernen Medientechnologien haben mit dem Internet nicht nur ein augenscheinliches Mega-Archiv entwickelt, in dem Daten gespeichert werden, sondern auch die Rezipienten der öffentlichen Medien wie Fernsehen und Radio selbst zu Produzenten von Inhalten gemacht. Besonders über die sozialen Medien kann jeder mit einem Zugang zum Internet eigene Inhalte herstellen und verbreiten. Diese neuen Entwicklungen führen dazu, dass die Selektion und Aneignung von erinnerungswürdigen Informationen schwieriger wird (ebd.: 1 ff.). Aus diesem Grund beschäftigt sich die vorliegende Hausarbeit mit der Frage, wie sich die Bildung des kollektiven Gedächtnisses durch die digitalen Medien verändert hat. Bei dieser Fragestellung wurde das Feld der Gedächtnisforschung bewusst auf den Teilbereich des kollektiven Gedächtnisses eingeschränkt, da Medien für dieses eine zentralere Rolle spielen als sie es etwa beim individuellen Gedächtnis tun. Das kollektive Gedächtnis wird allgemein als ein nicht erblich vermitteltes Gedächtnis eines menschlichen Kollektives beschrieben (vgl. Erll 2004: 3 f) und kann als ein Oberbegriff verstanden werden für „all jene Vorgänge organischer, medialer und institutioneller Art, denen Bedeutung bei der wechselseitigen Beeinflussung von Vergangenem und Gegenwärtigem in soziokulturellen Kontexten zukommt“ (Erll 2011: 6). Medien sind dabei konstitutiv für die Bildung eines kollektiven Gedächtnisses, da sie die Erstellung und Weitergabe von Wissen und das Bilden von spezifischen Vergangenheitsperspektiven ermöglichen. Unter Medien fallen bei diesem Verständnis zum Beispiel Sprache, Bücher oder auch das Internet (vgl. Erll 2004: 3 f). Studien haben belegt, dass es eine signifikante Korrelation zwischen der Gedächtnis-Agenda der Medien und der Gedächtnis-Agenda der Öffentlichkeit gibt, sodass man davon ausgehen kann, dass eine Veränderung bei den benutzen Medien sich auch auf das kollektive Gedächtnis ausübt (vgl. Kligler-Vilenchik et al. 2014: 495 f.).

Um die Frage zu klären, ob und wie die digitalen Medien das kollektive Gedächtnis beeinflussen, wird in der vorliegenden Hausarbeit zunächst auf die Entwicklung der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung eingegangen, um einen eventuell hervorgerufenen Wandel durch die neuen Medientechnologien besser herausstellen zu können. Hierbei werden besonders die Theorien von Maurice Halbwachs und Aleida und Jan Assmann in den Fokus gerückt. Darauf aufbauend wird dann die allgemeine Funktion der Medien für das kollektive Gedächtnis geklärt, um anschließend konkret auf den Einfluss der digitalen Medien und insbesondere des Internes einzugehen. Hierbei wird sowohl auf das Internet als Speicherort von Informationen eingegangen, als auch auf die veränderten Produktions- und Selektionsbedingungen in den digitalen Medien sowie auf die Rolle der sozialen Nezwerke. Im folgenden Kapitel wird nun allerdings zunächst die kulturwissenschaftliche Forschungsgeschichte zum kollektiven Gedächtnis skizziert.

2. Geschichte der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung

Bereits in der Antike wurde sich mit dem Phänomen des kollektiven Gedächtnisses auseinandergesetzt, wobei hier die Pflege und Reflexion des kulturellen Erbes der Menschen im Fokus stand. Die ersten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem kollektiven Gedächtnis traten dagegen erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf. In den 1920er Jahren untersuchten der Soziologe Maurice Halbwachs und die Kulturhistorikerin Aby Warburg zum ersten Mal und unabhängig voneinander das kollektive Gedächtnis systematisch in ihren Studien. Besonders Maurice Halbwachs gilt auch heute noch als Begründer der kollektiven Gedächtnisforschung, weshalb auf seine Theorie im Folgenden noch weiter eingegangen werden soll. Im Gegensatz zu Halbwachs, der sich allgemeiner mit dem Phänomen des kollektiven Gedächtnisses auseinandergesetzt hat, hatte Warburg sich auf das europäische Bildgedächtnis fokussiert (vgl. Erll 2011: 15). Da dieses für die vorliegende Arbeit nicht von zentraler Bedeutung ist, wird auf ihre Theorie an dieser Stelle nicht weiter eingegangen.

Obwohl Halbwachs eine zentrale Stelle in der Forschung zum kollektiven Gedächt- nis zukommt, war das Interesse an diesem Forschungszweig bis zum Ende des 20. Jahrhunderts eher begrenzt. Besonders im deutschsprachigen Raum hat erst die Beschäftigung von Aleida und Jan Assmann mit der Gedächtnisforschung diese wieder angeregt. Ihr Konzept gilt als eines der wirkungsvollsten und international am besten ausgearbeiteten Konzepte (ebd.: 15), weshalb es in diesem Kapitel ebenfalls vorgestellt wird.

2.2 Maurice Halbwachs – Das kollektive Gedächtnis

Der französische Soziologe Maurice Halbwachs hat während seiner Forschungen insgesamt drei Schriften zum Konzept des kollektiven Gedächtnisses verfasst, die auch heute noch als wichtige Bezugspunkte in der Gedächtnisforschung gelten. Mit seiner ersten Studie „Les cadres sociaux de la mémoire“ (Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen) veröffentlichte Halbwachs 1925 die Grundlagen seiner Gedächtnistheorie und widersprach darin den damaligen Ansichten der Forschung, dass Erinnerung nur als ein individueller Prozess verstanden werden kann (vgl. Erll 2011: 16). Für Halbwachs war der Mensch kein isoliertes Wesen, sodass seine Erinnerungen auch nicht im Individuum, sondern in der Gesellschaft lokalisiert werden müssen (vgl. Halbwachs 1985: 20). Aus diesem Grund sieht Halbwachs den Rückgriff auf soziale Bezugsrahmen als notwendige Voraussetzung für Erinnerung. Erst durch die Kommunikation und Interaktion mit anderen Menschen erhält der Mensch Informationen, eine kollektive Raum- und Zeitvorstellung sowie Zugang zu den kollektiven Denksystemen, in denen die menschlichen Wahrnehmungen und Erinnerungen eingebettet werden können (vgl. Erll 2011: 17). „Die verbalen Konventionen bilden also den zugleich elementarsten wie dauerhaftesten Rahmen des kollektiven Gedächtnisses“ (Halbwachs 1985: 124). Sobald ein Mensch eine Wahrnehmung benennt oder einer Kategorie zuordnet, unterwirft er sich dabei den gesellschaftlichen Konventionen, weshalb es keine rein individuelle Erinnerung laut Halbwachs geben kann. Der Charakter und die Lebensumstände der Menschen individualisieren allerdings die Erinnerung, sodass die Gemeinschaft die einzelnen Erinnerungsinhalte nicht kennen muss. Es genügt, dass das Individuum sie zum Erinnern in den sozialen Kontext setzen muss. (ebd.: 200 f.; 363). Kollektives und Individuelles Gedächtnis stehen sich bei Halbwachs also nicht als Gegensätze gegenüber, sondern sind vielmehr in einer wechselseitigen Abhängigkeit, da das Individuum den sozialen Bezugsrahmen zur Erinnerung benötigt und das kollektive Gedächtnis erst über die individuellen Erinnerungsprozesse beobachtbar wird (vgl. Erll 2011: 18).

Sobald die sozialen Bezugsrahmen der Erinnerung verschwinden, setzt deshalb auch nach Halbwachs das Vergessen ein. Die Konstruktion der Vergangenheit beruht in der Gesellschaft immer auf den aktuellen Gegebenheiten. Wenn sich diese verändern, werden auch die gesellschaftlichen Konventionen an die neuen Bedingungen angepasst. Da sich die Individuen einer Gesellschaft diesen Veränderungen anpassen, entwickeln sich die einzelnen Erinnerungen in dieselbe Richtung wie das kollektive Gedächtnis. Dies hat nicht zwangsläufig das Vergessen von Inhalten zur Folge, sondern kann auch in deren Deformierung münden, wenn sich nur Teile des sozialen Bezugsrahmens verändert haben (vgl. Halbwachs 1985: 368; 390). Durch diese ständige Rekonstruktion des kollektiven Gedächtnisses unterscheidet Halbachs auch konsequent zwischen der Geschichte und dem Gedächtnis. Die Geschichte ist durch eine unparteiische Gleichordnung der stattgefundenen Ereignisse gekennzeichnet und somit universal. Das kollektive Gedächtnis hingegen ist partikular, da es auf Bedürfnisse der Gesellschaft in der Gegenwart ausgerichtet ist. Die Erinnerungen des kollektiven Gedächtnisses sind deshalb immer stark wertend und hierarchisierend und von einer räumlich und zeitlich begrenzten Gesellschaft abhängig (vgl. Erll 2011: 18 f.).

Mit seinen Überlegungen zum kollektiven Gedächtnis hat Halbwachs der damaligen Gedächtnisforschung eine neue Richtung gegeben und zwei grundlegende Konzepte des kollektiven Gedächtnisses entwickelt, die auch heute noch von Bedeutung sind: Zum einen sieht er das kollektive Gedächtnis im Gedächtnis des Individuums lokalisiert, das sich erst durch die sozikulturellen Bezugsrahmen der Gesellschaft herausbildet. Zum anderen versteht Halbwachs das kollektive Gedächtnis aber auch in Abgrenzung zum Begriff der Geschichte als Bezug von sozialen Gruppen und Kulturgemeinschaften auf Vergangenes durch Kommunikation, Medien und Institutionen (vgl. Erll 2011: 16 f.).

In diesem Kontext wurden viele von Halbwachs Begriffen in verschiedene wissen- schaftliche Zweige wie der Sozialpsychologie oder Oral History aufgenommen und weiterentwickelt. Allerdings zeichnet sich sein theoretisches Konzept zum kollektiven Gedächtnis auch durch einen sehr weiten Anwendungsbereich aus, wodurch es nicht ausreichend differenziert und in sich konsistent ist, um es wissenschaftlich präzise anwenden zu können (vgl. ebd.: 19 f.). Aus diesem Grund wird sich im Folgenden mit dem Konzept von Aleida und Jan Assmann auseinandergesetzt, die Halbwachs Aspekt der Überlieferung kulturellen Wissens mit ihrer Theorie des kulturellen Gedächtnisses weitergeführt haben.

2.3 Aleida und Jan Assmann – Das kulturelle Gedächtnis

Wie bereits in der Einleitung zu diesem Kapitel erwähnt wurde, handelt es sich bei dem Konzept von Aleida und Jan Assmann zum kulturellen Gedächtnis um eines der zentralen Konzepte in der modernen kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung. In ihrer Theorie haben sie die Verbindung zwischen Gedächtnis und Kultur theoretisch fundiert und begrifflich differenziert herausgestellt, und somit anderen Disziplinen wie der Literaturwissenschaft oder Soziologie Anknüpfungspunkte an die Gedächtnisforschung gegeben (vgl. Erll 2011: 30).

Ähnlich wie Halbwachs betrachten Assmann und Assmann den Menschen auch als ein soziales Wesen, das zu verschiedenen „Wir-Gruppen“ (A. Assmann 2006: 1) gehört. Diese Wir-Gruppen bilden den sozialen Bezugsrahmen für das Individuum, in die es entweder hineingeboren wurde (Bspw.: Familie, Generation, Ethnie) oder die es sich selbst aussucht (Bspw.: Parteien, Vereine). Durch die Interaktion mit diesen Wir-Gruppen bildet sich dann, ähnlich wie bei der Theorie von Halbwachs, das Gedächtnis des Individuums (vgl. ebd.: 1). Anders als bei Halbwachs unterscheiden Assmann und Assmann allerdings zwischen zwei Formen des kollektiven Gedächtnisses. Sie teilen dieses in das kommunikative und in das kulturelle Gedächtnis auf, wobei sich unter anderem die Inhalte, Medien und Zeitstrukturen der beiden Gedächtnisformen voneinander unterscheiden (vgl. J. Assmann 1992: 48 f.). Das kommunikative Gedächtnis ist durch die Alltagsinteraktion von Menschen geprägt und basiert auf deren Erfahrungen. Da das Gespräch eines der wichtigsten Medien des kommunikativen Gedächtnisses ist, bezieht es sich immer nur auf einen zeitlich begrenzten Bereich, der ungefähr 3-4 Generationen umfasst. Es wird eine gemeinsame Vergangenheit erinnert, wodurch sich seine Inhalte mit den Veränderungen in der Erinnerungsgemeinschaft mit verändern (vgl. J. Assmann 1992: 56 f.). Im Gegensatz dazu ist das kulturelle Gedächtnis eine gestiftete und an feste Objektivationen geknüpfte Form der Erinnerung, die sich beispielsweise in Festen durch eine bestimmte Inszenierung wiederspiegelt. Anders als beim kommunikativen Gedächtnis sind nicht alle Menschen Träger des kulturellen Gedächtnisses, sodass dieses eher von spezialisierten Experten wie Priestern oder Archivaren vermittelt wird. Inhaltlich stellt das kulturelle Gedächtnis eine absolute Vergangenheit dar, in der die Ereignisse so interpretiert werden, dass sie die Gemeinschaft unterstützen (vgl. ebd.: 56 f.). In ihrer Forschung fokussieren Aleida und Jan Assmann sich besonders auf das kulturelle Gedächtnis. Das Konzept des kommunikativen Gedächtnisses verwenden sie eher als Gegenbegriff, um das kulturelle Gedächtnis besser eingrenzen zu können. Ihr Interesse gilt mehr den Zusammenhang zwischen kultureller Erinnerung, kollektiver Identitätsbildung und politischer Legitimierung herauszustellen (vgl. Erll 2011: 30 f.).

Neben der Unterscheidung von kulturellen und kommunikativen Gedächtnis wird in der Assmanschen Gedächtnistheorie allerdings auch noch zwischen dem Speichergedächtnis und dem Funktionsgedächtnis unterschieden, um die Veränderungsprozesse des kulturellen Gedächtnisses erklären zu können (vgl. ebd.: 35). Das Funktionsgedächtnis zeichnet sich dabei durch eine Zukunftsorientierung aus, in der durch Selektion von Erinnerung eine zusammenhängende Geschichte erstellt wird, die die Identität der Gruppe festigt (vgl. A. Assmann 1999: 134 f.). Das Speichergedächtnis ist im Gegensatz dazu „das unbrauchbar, obsolet und fremd Gewordene, das neutrale, identitäts-abstrakte Sachwissen, aber auch das Repertoire verpaßter Möglichkeiten, alternativer Optionen und ungenutzter Chancen“ (A. Assmann 1999: 137). Aleida Assmann sieht im Speichergedächtnis die Bedingung, um einen kulturellen Wandel möglich zu machen. Die Inhalte des Speichergedächtnisses können in das Funktionsgedächtnis übernommen werden und so als Grundlage für neue Funktionsgedächtnisse dienen, wenn sie für die Gesellschaft von Vorteil sind. Durch diese zentrale Rolle des Speichergedächtnisses hat Aleida Assmann den Gegenstandsbereich des kulturellen Gedächtnisses ausgeweitet. Es sind nicht mehr nur die verwendeten Objektivationen wie Feste, Bilder oder Bücher von Bedeutung, sondern auch archivierte Dokumente oder andere nicht beachtete Kulturträger (vgl. Erll 2011: 34 f.). Diese können durch einzelne Individuen der Kulturgemeinschaft wieder in das kollektive Funktionsgedächtnis integriert werden und zu einer Veränderung der Kultur beitragen. Es besteht also eine Wechselwirkung zwischen dem Speicher- und dem Funktionsgedächtnis, womit sie das kulturelle Gedächtnis beeinflussen können. Für das kommunikative Gedächtnis spielen diese beiden Funktionen des Gedächtnisses nach Aleida und Jan Assmann jedoch keine Rolle (vgl. Erll 2011: 35).

Allgemein fokussieren sich Aleida und Jan Assmann in ihrer Gedächtnistheorie stark auf das Konzept des kulturellen Gedächtnisses, grenzen die Verwendung dieses Begriffs allerdings auch stark ein, sodass sie mit dem kulturellen Gedächtnis besonders auf Bereiche wie Geschichte, Kunst und Religion abzielen. Dies erschwert die direkte Anwendung des Konzepts auf digitale Gedächtnisangebote (vgl. Pentzold 2009: 259). Zudem wird in dieser Gedächtnistheorie nicht klar herausgestellt, ob es sich bei den zwei Formen des kommunikativen und kulturellen Gedächtnisses um zwei gegensätzliche Gedächtnisse handelt oder ob sie zwei Extremformen eines Kontinuums sind (vgl. Pentzold 2009: 259). Folgt man den beiden Definitionen des kommunikativen und kulturellen Gedächtnis gibt es zwischen der biographisch erinnerten Vergangenheit und der absoluten, kulturellen Vergangenheit eine zeitliche Lücke, den vom Ethnologen Jan Vansina bezeichneten floating gap (vgl. Erll 2011: 31 f.). In späteren Ausarbeitungen stellt Aleida Assmann den Übergang vom kommunikativen ins kulturelle Gedächtnis allerdings häufig als eine Aggregatsänderung dar, in der die lebendigen, flüssigen Inhalte des kommunikativen Gedächtnisses bei ihrem Eintritt ins kulturelle Gedächtnis durch eine Verschriftlichung oder beispielsweise das Herstellen von Denkmälern erstarren (vgl. ebd.: 259). Dies würde eher für ein Kontinuum sprechen in dem es keine zeitliche Lücke gibt, sondern eine stetige Umwandlung von Gedächtnisinhalten in der sich neben den Gedächtnisinhalten auch die verwendeten Medien ändern.

Bisher wurde der Begriff „Medien“ in dieser Ausarbeitung noch nicht weiter erläu- tert, obwohl hier besonders die neu entwickelten Medien und ihre Folgen für das kollektive Gedächtnis von Interesse sind. Aus diesem Grund wird im nachfolgenden Kapitel die allgemeine Bedeutung der Medien für das kollektive Gedächtnis noch kurz skizziert, um sich danach ausführlich mit der Rolle der neueren Medientechnologien und besonders der Bedeutung des Internets auseinanderzusetzen.

3. Rolle der Medien für das kollektive Gedächtnis

In der Einleitung zu dieser Arbeit wurde bereits erwähnt, dass Medien für die Bildung eines kollektiven Gedächtnisses konstitutiv sind, da sie die Erstellung und Weitergabe von Wissen und das Bilden von spezifischen Vergangenheitsperspektiven ermöglichen (vgl. Erll 2004: 3 f). Prägnanter wurde es an einer anderen Stelle von Astrid Erll formuliert: „Kollektives Gedächtnis ist ohne Medien nicht denkbar“ (2011: 137). Dabei eignen sich allerdings nicht alle Medien gleichmäßig gut als Medien des kollektiven Gedächtnisses. Als allgemeine Kriterien können zwei Merkmale festgehalten werden: Zum einen müssen die repräsentierten (historischen) Inhalte als für das Kollektiv relevant sein. Zum anderen muss das Kollektiv auch in der Lage sein diese Medieninhalte rezipieren zu können (vgl. Meyer & Leggwie 2004: 278 f.). So können Familienfotos beispielsweise für den Zweck des individuellen Erinnerns und Archivierens aufgenommen werden, falls dort allerdings eine wichtige Persönlichkeit abgebildet ist, könnten die Bilder für das kollektive Gedächtnis relevant werden. Gleichzeitig sind aber auch nicht alle massenmedial vermittelten Inhalte für das kollektive Gedächtnis relevant. Spielfilme beispielsweise sind nur Medien des kollektiven Gedächtnisses, wenn sie Aussagen über die Vergangenheit enthalten. Ansonsten können sie nur zu Medien des kollektiven Gedächtnis werden, wenn sie relevante Inhalte kommunizieren (vgl. ebd.: 279). Es hängt also immer von den Rahmenbedingungen und vermittelten Inhalten ab, ob es sich bei Medien um ein Medium des kollektiven Gedächtnisses handelt oder nicht.

In der Forschung werden den Medien des kollektiven Gedächtnisses darüber hinaus auch unterschiedliche Funktionen zugeschrieben. Ähnlich wie Aleida und Jan Assmann zwischen dem Speicher- und Funktionsgedächtnis unterscheiden, kann man den Medien in der Erinnerungskultur auch eine Speicher- und eine Zirkulationsfunktion zuschreiben. Mit der Speicherfunktion ist dabei gemeint, dass Medien Inhalte speichern und verfügbar halten, wofür der klassische Text ein Beispiel wäre. Dabei ist allerdings nicht nur wichtig, dass die Inhalte erhalten bleiben, sondern auch, dass die Inhalte weiterhin decodiert und verstanden werden können. Die Speicherfunktion bezieht sich somit auf eine zeitliche Dimension. Zirkulationsmedien hingegen beziehen sich auf eine räumliche Dimension, indem sie die (aktuellen) Inhalte des kollektiven Gedächtnisses an alle Mitglieder der Gesellschaft verbreiten und diese so synchronisieren. Diese Funktion wird häufig von Zeitungen, dem Fernsehen oder auch vom Internet eingenommen. Einzelne Inhalte von Zirkulationsmedien werden dabei schnell durch aktuellere Angebote abgelöst (vgl. Erll 2011: 151 f.). Neben diesen Hauptfunktionen weisen Gedächtnismedien allerdings noch eine dritte Funktion auf, die Abruffunktion. Hier dienen die Medien, aber auch besonders Orte, als Erinnerungsanlass, indem Erinnerungen durch deren Inhalte assoziiert werden. Dabei unterscheiden sich die individuell abgerufenen Erinnerungen allerdings zwischen verschiedenen Personen, sodass nur der Erinnerungsanlass an sich als kollektiv betrachtet werden kann. Dieser kollektive Anlass wird in der Gemeinschaft durch Erzählungen hergestellt. Da die Abruffunktion allerdings stark durch die psychologische Gedächtnisforschung geprägt ist (vgl. Erll 2011: 152), wird sich im Zusammenhang mit der Digitalisierung auf die Rolle der Speicher- und Zirkulationsmedien fokussiert. Diese beiden Funktionen haben sich dabei erst im Laufe der Zeit durch neue Formen der Medien entwickelt.

Allgemein wird die historische Geschichte des kollektiven Gedächtnisses häufig auch als eine Mediengeschichte betrachtet, bei der die Entwicklungen neuer Medienformen auch Veränderungen im kollektiven Gedächtnis bedeutet haben. In den frühen Gesellschaften, die auf Oralität basierten, fielen das Funktions- und Speichergedächtnis zusammen, da es keine alternative Form der Speicherung gab. Somit war das kollektive Gedächtnis auf zeremoniell-rituell kommuniziertes Wissen begrenzt (vgl. Hein 2009: 74). Mit der Erfindung der Schrift ergaben sich dann neue Möglichkeiten Inhalte zu speichern, weshalb sich das kulturelle Gedächtnis von den oralen Riten hin zu Texten entwickelte, wodurch eine kulturelle Vergangenheitsrepräsentation möglich wurde (vgl. ebd.: 74). Aber erst durch den Buchdruck verlor die Oralität ihre vorherrschende Position, da Texte nun durch die Seriendrucke eine größere Verbreitung fanden. Gleichzeitig änderte sich auch die Hauptfunktion des kollektiven Gedächtnisses. Durch die verbesserten Speichermöglichkeiten war nicht mehr das Erinnern an Informationen zentral, sondern die Selektion von Inhalten und das Vergessen redundanter Informationen (vgl. Hein 2009: 75). Eine weitere Veränderung der Medien gab es dann durch die Entwicklung der elektronischen Medien, da diese zu einer gesteigerten Transportgeschwindigkeit und einer größeren Speicherkapazität führten. Sie verwandelten „die Welt in ein globales Dorf“ (1968: 47) um es mit Marshall McLuhan anschaulich auszudrücken und vertieften die Folgen des Buchdrucks für das kollektive Gedächtnis, indem die Notwendigkeit der Selektion von Inhalten weiterhin verstärkt wurde. Durch die Digitalisierung wurde dieser Aspekt schließlich komplett in den Fokus gerückt, da das Moment der Selektion über die eigentliche Information gestellt wird (vgl. Hein 2009: 76).

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das kollektive Gedächtnis im Zeitalter der digitalen Medien. Das Internet als digitales Mega-Archiv?
Hochschule
Universität Bremen  (Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
24
Katalognummer
V941141
ISBN (eBook)
9783346273550
ISBN (Buch)
9783346273567
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kollektives Gedächtnis, Digitale Medien, Internet als Mega-Archiv, Medien kollektives Gedächtnis, Maurice Halbwachs, Aleida und Jan Assmann
Arbeit zitieren
Lena Schneider (Autor), 2017, Das kollektive Gedächtnis im Zeitalter der digitalen Medien. Das Internet als digitales Mega-Archiv?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/941141

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