Die nicht standardisierte Geldpolitik der EZB. Ökonomische Auswirkungen seit der Lehman Brothers-Pleite


Seminararbeit, 2020

35 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Vorgehensweise

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Das Europäische System der Zentralbanken (ESZB)
2.1.1 Gründung und Zielsetzung des ESZB
2.1.2 Aufbau und Organe der EZB
2.2 Konventionelle, geldpolitische Instrumente der EZB

3 Analyse der Geldpolitik der EZB seit der Lehmann Brothers - Pleite
3.1 Weg in die Eurokrise
3.3 Störung der konventionellen, geldpolitischen Übertragungswege

4 Ökonomischer Einfluss nicht standardisierter Geldpolitik
4.1 Unkonventionelle, geldpolitische Maßnahmen
4.1.1 Umstellung des Tenderverfahrens und Erweiterung des Liquiditätsrahmens
4.1.2 Erweiterung des Sicherheitsrahmens
4.1.3 Notfallkreditprogramm ELA
4.1.4 Kauf von besicherten Schuldverschreibungen und Staatsanleihen
4.2. Einfluss der unkonventionellen Geldpolitik auf die Wirtschaft

5 Schlussbetrachtung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

ABS Asset – Backed – Securities

Abb. Abbildung

Abs. Absatz

AEUV Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union

Art. Artikel

CBPP Covered Bonds Purchase Programme

CBPP2 Covered Bonds Purchase Programme 2

ELA Emergency-Liquidity-Assistance

ESZB Europäische System der Zentralbanken

EU Europäische Union

EWG Europäische Wirtschaftsgemeinschaft

EWU Europäische Währungsunion

EWWU Europäische Wirtschafts- und Währungsunion

EZB Europäische Zentralbank

NZB Nationale Zentralbank

OMT Outright Monetary Transactions

SMP Securities Markets Programme

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Gestörte Transmission der Leitzinsen auf die Preise

Abb. 2: Entwicklung der Inflation im Euroraum von 2005 -2019

Abb. 3: Historische Entwicklung der Leitzinssätze im Euroraum

Abb. 4: Rendite auf 10 – jährige Staatsanleihen

Abb. 5: Haupt- und längerfristige Refinanzierungsgeschäfte in der Eurozone

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Die Pleite der amerikanischen Investmentbank Leman Brothers am 15. September 2008 sorgte für den größten Kurssturz an der Börse in der US- Geschichte. Sie gilt als der Höhepunkt einer Krise, die sich bereits zuvor über Jahre angebahnt hatte. Die Immobilienkrise in den Vereinigten Staaten löste weltweit eine tiefgreifende Rezession aus und machte auch vor der Wirtschaft Europas keinen Halt. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar, nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch. In der Krisenzeit wurden von der Politik tiefgreifende Reformen für den europäischen Finanzmarkt versprochen, an deren Umsetzung es bis heute mangelt. Als Auslöser der Wirtschaftskrise in Europa werden in der Literatur häufig gierige Bänker, ahnungslose Bürger und Politiker sowie laxe Aufseher in den Zentralbanken aufgeführt. Woran lag es, dass es zu einem wirtschaftlichen Kollaps in Europa kam?1

„Innerhalb ihres Mandats ist die EZB bereit, alles zu tun, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir – es wird reichen.“ – Mario Draghi2

Die einheitliche Geldpolitik und gemeinsame Währung Euro zählen seit der Einführung am 1. Januar 1999 zu integralen Bestandteilen der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU). Vor Gründung der EWWU war es für die Mitgliedstaaten durchaus möglich, Gelder der nationalen Zentralbank zur Erreichung politischer Ziele zu verwenden und sie damit ihrer ursprünglich gedachten Verwendung zu entziehen. In den vergangenen Jahrzehnten erlagen zahlreiche Regierungen dieser Versuchung in Europa, was Inflation und Währungskrisen beflügelte. Die Zweckentfremdung von Geldern der NZBen führte dazu, dass in der EU eine politisch unabhängige und in ihrer Entscheidungsfindung weisungsfreie Institution geschaffen wurde, die Europäische Zentralbank. Der Zweck dieser gemeinsamen Währungsbehörde liegt darin, den Geldwert zu erhalten. Eine Finanzierung von Staatshaushalten ist ihr ausdrücklich untersagt. Viele Jahre betrieb die EZB nahezu unscheinbar unter dem Radar der Öffentlichkeit in der EU ihre Geldpolitik. Im Zuge der weltweiten Finanzkrise 2008 wurde die EZB erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Nun wurden die Währungshüter vor enorme Herausforderungen gestellt: Die heftigen Turbulenzen an den amerikanischen Immobilien- und Finanzmärkten schwappten merklich nach Europa herüber. Schlagartig waren auch die europäischen Finanzmärkte unter Druck und bedrohten die Stabilität des Bankensystems. Zahlreiche Staathaushalte gerieten in eine finanzielle Schieflage und konnten nur durch geldpolitische Interventionen der EZB am Leben erhalten werden. Folglich entstand ein verheerender Kreislauf aus Banken- und Schuldenkrise, kurzfristig stand die Währungsunion sogar vor einem Zusammenbruch. Die Europäische Zentralbank ergriff daraufhin neben der Politik die notwendigen Initiativen, die aufgeheizte Marktsituation zu beruhigen. Um den Erhalt der Eurozone zu gewährleisten sollten 2012, wie im obigen Zitat durch den ehemaligen Präsidenten der EZB, Mario Draghi, beschrieben, alle notwendigen geldpolitischen Maßnahmen zur Bewältigung der Eurokrise eingesetzt werden. Kritiker befürchten, dass sich die EZB immer weiter von der konventionellen Geldpolitik löst und somit ihr Hauptziel, den Wert des Geldes zu erhalten, gefährdet. Mit welchen geldpolitischen Instrumenten gelang es der EZB die Eurokrise zu bewältigen und wie wirkten sich die ergriffenen Maßnahmen auf die Wirtschaft aus?3

1.2 Vorgehensweise

Die vorliegende Arbeit untersucht, welche ökonomischen Auswirkungen die nicht standardisierte Geldpolitik der Europäischen Zentralbank seit der Lehmann-Brothers Pleite auf die Wirtschaft hatte. Die ergriffenen Maßnahmen werden im Rahmen einer expansiven Geldpolitik kritisch evaluiert und in ihrer Wirkungsweise analysiert. Geldpolitische Handlungen auf der Ebene der Nationalstaaten bleiben in dieser Arbeit unberücksichtigt. Zu Beginn von Kapitel 2 werden wichtige theoretische Grundlagen erarbeitet: Wesentliche Informationen zur Gründung, Zielsetzung sowie zum Aufbau der Organe des ESZB bilden hierfür die Grundlage. Darauf folgt in Kapitel 3 eine Erläuterung der zentralen, geldpolitischen Instrumente der Europäischen Zentralbank. In Kapitel 4.1 werden die geldpolitischen Maßnahmen der EZB seit der Lehmann-Brothers Pleite erörtert. Hierbei finden sowohl konventionelle als auch unkonventionelle, geldpolitische Betrachtungen Eingang in die Betrachtung. In Kapitel 4.2 wird der ökonomische Einfluss nicht standardisierter Geldpolitik der Europäischen Zentralbank analysiert: Nach der Darstellung von elementaren Zusammenhängen zwischen Wirtschaft und Geldpolitik, werden die Auswirkungen der unkonventionellen Geldpolitik auf die Wirtschaft erläutert und daraus sich ergebende Chancen und Risiken abgeleitet. In Kapitel 5 werden die gewonnenen Erkenntnisse abschließend bewertet und es wird ein Zukunftsausblick gegeben.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Das Europäische System der Zentralbanken (ESZB)

2.1.1 Gründung und Zielsetzung des ESZB

Mit Inkrafttreten des Vertrages von Maastricht am 1. November 1993 wurde ein 3-Stufenmodell zu einer europäischen Währungseinheit beschlossen. Mit der Gründung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) übernahm die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals die vollumfängliche Verantwortung über die Geldpolitik im Euro-Währungsgebiet. Die EZB ist ein offizielles Organ der EU und fungiert als Zentralbank der 19 europäischen Mitgliedstaaten, die den Euro als gemeinsame Währung besitzen. Die Hauptaufgabe der EZB liegt darin, die Preisstabilität und die Kaufkraft des Euros zu erhalten.4 Die Leitinstitution bildet zusammen mit den nationalen Zentralbanken (NZBen) der Mitgliedstaaten des Euroraums das Europäische System der Zentralbanken (ESZB). Für den Eintritt in das Euro-Währungsgebiet müssen die Konvergenzkriterien der EU erfüllt sein. Diese Kriterien bestimmen die wirtschaftlichen und rechtlichen Voraussetzungen, um der Wirtschafts- und Währungsunion beitreten zu können.5 Die rechtliche Grundlage einer gemeinsamen Geldpolitik bilden der Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) sowie die Satzungen des Europäischen Systems der Zentralbanken und der Europäischen Zentralbank. Sowohl EZB als auch nationale Zentralbanken übernehmen die ihnen übertragenen Aufgaben gemeinsam. Die Europäische Zentralbank und die nationalen Zentralbanken bilden gemeinsam das Eurosystem, das Zentralbankensystem des Euro-Währungsgebietes. Das Hauptziel des Eurosystems ist die Preisstabilität der EU zu gewährleisten und den Wert des Euro zu erhalten. Die EZB ist im Rahmen des einheitlichen Aufsichtsmechanismus (engl. Single-Supervisory-Mechanism) für die Überwachung der Kreditinstitute verantwortlich, die im Euro-Währungsgebiet und den übrigen Mitgliedstaaten ansässig sind.6

Durch eine konsequente Kontrolle leistet die EZB einen großen Beitrag zur Sicherheit und Solidarität des Bankensystems sowie zur Stabilität des Finanzsystems auf Unionsebene und in den Mitgliedstaaten. Die EZB hat die strikte Trennung der Aufgaben im Bereich Geldpolitik und Aufsicht zu beachten. Die Durchführung beider Aufgabenbereiche ist einem System aus gegenseitiger Transparenz und Kontrolle unterworfen.7 Wie bereits dargelegt, ist die EZB zusammen mit den Notenbanken der Unionsländer für die einheitliche Durchführung der Geldpolitik verantwortlich. Nach Art. 127 AEUV hat sie die Preisniveaustabilität sicherzustellen, um eine Inflation möglichst zu verhindern. Nach Beschluss des EZB-Rats von 1998 ist ein stabiles Preisniveau erlangt, wenn der Verbraucherpreisindex des Euro-Währungsgebiets (HVPI) im Vorjahresvergleich einen Anstieg von knapp unterhalb der 2 % -Marke erreicht. Grundsätzlich sind alle Verantwortungsbereiche der EZB dem Ziel der Erhaltung der Preisstabilität unterzuordnen. Weitere Zuständigkeitsbereiche der EZB zusammen mit den NZBen sind in Art. 127 AEUV festgelegt: die Festlegung und Ausführung der Geldpolitik in der EU, die Durchführung sämtlicher Devisengeschäfte, die Verwaltung der offiziellen Währungsreserven sowie die Gewährleistung der Funktion der Zahlungssysteme.8

2.1.2 Aufbau und Organe der EZB

Die Europäische Zentralbank ist, wie in Kapitel 2.1.1 aufgeführt, ein integraler Bestandteil des ESZB. Auf Grund der Tatsache, dass nicht alle EU-Mitglieder den Euro als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt haben, werden „Euro-Länder“ (Mitglieder des EWU) und EU-Staaten differenziert behandelt. Exakt dieser Unterscheidung wird die EZB mit ihren drei Entscheidungsorganen gerecht: dem Direktorium, dem Rat sowie dem Erweiterten Rat. Jedes Organ ist in seiner Tätigkeit und Entscheidungsfindung weisungsfrei und unabhängig. Jegliche Ratschläge, Weisungen oder Versuche, Mitglieder eines exekutiven Organs zu beeinflussen, sind verboten. Sämtliche Organe und Einrichtungen der EU sowie die nationalen Regierungen der Mitgliedstaaten verpflichten sich nach Art. 130 AEUV, diesen Grundsatz stets zu beachten.9

Der Rat stellt das höchste Beschlussorgan der Europäischen Zentralbank dar. Das Organ besteht aus den sechs Mitgliedern des Direktoriums sowie den Präsidenten der NZBen des Euroraums. Die wesentlichen Aufgaben des Organs sind die Verabschiedung von Leitlinien und Beschlüssen zur Ausführung von Aufgaben, mit denen die EZB betraut wurde. Des Weiteren ist der Rat für die Geldpolitik verantwortlich. Dies umfasst die Formulierung geldpolitischer Ziele, die Bestimmung der Leitzinssätze, die Bereitstellung von Zentralbankgeld sowie die Festlegung von Leitlinien zur Realisierung dieser Beschlüsse. Im Rahmen der Bankenaufsicht übernimmt der Rat laufend neue Aufgaben, die in den Zuständigkeitsbereich der EZB fallen. Dies umfasst beispielsweise die Verabschiedung von Beschlüssen für die Aufsichtsbeschlüsse sowie der vom Aufsichtsgremium vorgeschlagenen, vollständigen Beschlussentwürfe. Der Rat hält zwei monatliche Sitzungen in der Hauptniederlassung in Frankfurt am Main. Dabei evaluiert er die ökonomische und monetäre Entwicklung und trifft alle sechs Wochen seine geldpolitischen Entscheidungen. In Sondersitzungen werden Themen diskutiert, die die sonstigen Aufgaben und Verantwortungsbereiche der EZB betreffen. Durch zwei Haupt- und zusätzliche Sondersitzungen wird eine klare Trennung zwischen geldpolitischen und aufsichtlichen Pflichten sichergestellt.10

Das Direktorium der EZB umfasst den Präsidenten, den Vizepräsidenten sowie vier weitere Mitglieder. Jedes Mitglied des Direktoriums wird direkt vom Europäischen Rat mit qualifizierter Mehrheit für eine nicht verlängerbare Amtszeit von acht Jahren gewählt. Die Aufgaben des Direktoriums umfassen die Vorbereitung der Sitzungen des EZB-Rats, die Realisierung der Geldpolitik des Euroraums, die Führung der operativen Geschäfte der Zentralbank sowie die Übernahme bestimmter vom EZB-Rat dazu ermächtigter Befugnisse.11

Dem Erweiterten Rat gehören der Präsident und Vizepräsident der EZB sowie die Präsidenten der nationalen Notenbanken der 28 EU-Mitgliedstaaten an. Somit werden auch jene Staaten in die europäische Geldpolitik miteinbezogen, die den Euro nicht als gesetzliche Währung eingeführt haben. Der Erweiterte Rat übernimmt den ursprünglichen Zuständigkeitsbereich des Europäischen Währungsinstituts mit dem Hintergrund, dass der Euro als gemeinsame Währung nicht von allen Unionsmitgliedern eingeführt wurde und in der dritten Stufe zur Wirtschafts- und Währungsunion von der EZB weiterzuführen ist. Haben alle 28-EU-Mitgliedstaaten den Euro eingeführt, wird der Erweiterte Rat der EZB aufgelöst.12

2.2 Konventionelle, geldpolitische Instrumente der EZB

Das Hauptziel der EZB im Zusammenspiel mit den NZBen ist, wie in Kapitel 2.1 ausgeführt, nach Art. 127 AEUV die Preisstabilität in der Eurozone zu gewährleisten. Der AEU – Vertrag enthält in seinen Ausführungen den Grundgedanken eines modernen, liberalen Wirtschaftsdenkens. Hinsichtlich der Rolle, des Handlungsrahmens und der Grenzen der Geldpolitik bildet er die Basis zur Regulierung des Zentralbankwesens in der Wirtschafts- und Währungsunion. Das ESZB hat drei grundlegende Möglichkeiten, die Geldpolitik zu steuern: Offenmarktgeschäfte, die Bereitstellung ständiger Fazilitäten sowie die Höhe der zu hinterlegenden Mindestreserven von Kreditinstituten.13 Das ESZB gibt durch Offenmarktgeschäfte Hinweise über die künftige, geldpolitische Ausrichtung. Offenmarktgeschäfte werden zur Regulierung der Zinssätze und Liquidität am Markt verwendet. Sie werden in Form von Standardtender- und Schnelltenderverfahren sowie bilateralen Geschäften realisiert.

Hauptrefinanzierungsgeschäfte spielen eine wichtige Rolle bei Offenmarktgeschäften: Über die nationalen Notenbanken wird dabei den Geschäftsbanken auf monatlicher Basis angeboten, befristete Transaktionen durchzuführen. Die Geldhäuser können auf diesem Weg Kredite bei der nationalen Zentralbank aufnehmen. Die Laufzeit ist in der Regel auf eine Woche begrenzt und aufgenommene Darlehen müssen verzinst werden. Die Transaktionsabwicklung nimmt einen Tag in Anspruch.

Bei Standardtenderverfahren existieren zwei Varianten: der Mengentender und der Zinstender. Der Zinssatz, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Zentralbank Geld leihen können, wird beim Mengentenderverfahren im Voraus bestimmt. Zur Absicherung des Kredites werden Sicherheiten wie beispielsweise Wertpapiere herangezogen. Die Höhe der Zuteilung von Krediten an die Banken richtet sich nach der zu diesem Zeitpunkt im Umlauf befindlichen Zentralbankgeldmenge.14 Beim Zinstenderverfahren hingegen wird nicht der Zinssatz im Voraus festgelegt, sondern die sich im Umlauf befindliche Geldmenge wird durch das ESZB selbst festgelegt. Aus den Geboten der Geschäftsbanken wird im Anschluss der Zinssatz errechnet, wobei das ESZB das Mindestgebot durch den Hauptrefinanzierungssatz selbst vorgibt. Die Angebote der Geschäftsbanken werden nach der Höhe des Zinssatzes geordnet, alle Angebote unterhalb des Hauptrefinanzierungssatzes werden nicht berücksichtigt. Die insgesamt zur Verteilung stehende Geldmenge wird in absteigender Reihenfolge der Zinsgebote gegen die Verpfändung von Wertpapieren verteilt. Die Hauptrefinanzierungsgeschäfte werden seit der Jahrtausendwende im Zinstenderverfahren durchgeführt, zuvor im Mengentender – Verfahren.15

Langfristige Refinanzierungsgeschäfte sind die zweite Art der Offenmarktgeschäfte. Sie unterscheiden sich zu den Hauptrefinanzierungsgeschäften durch Fristen. In monatlichem Abstand werden über die NZBen den Geschäftsbanken im Standardtenderverfahren befristete Transaktionen mit üblicherweise drei Monaten Laufzeit angeboten. Zusätzliche Refinanzierungsmittel sollen den Geldhäusern auf diese Weise über einen längeren Zeitraum zur Verfügung gestellt werden.

Die dritte Art der Offenmarkgeschäfte sind Feinsteuerungsoperationen, die die Marktliquidität und Zinssätze nur in geringem Umfang beeinflussen. Sie werden von den NZBen entweder als Schnelltender oder bilaterales Geschäft durchgeführt. Feinsteuerungsoperationen kommen am letzten Tag zur Erfüllung der Mindestreservepflicht zur Anwendung, um die Wirkung unvorhergesehener Liquiditätsschwankungen am Markt auf die Zinssätze auszugleichen. Die Feinanpassung findet über befristete Transaktionen, Devisenswapgeschäfte sowie die Hereinnahme von Termineinlagen statt. Über Devisenswapgeschäfte werden die Eurobestände gegen eine fremde Währung getauscht und später wieder zurück gewechselt. Beim Einzug von Termineinlagen werden den Geschäftsbanken Angebote unterbreitet, Kapital mit fester Laufzeit und Zinssatz bei den NZBen zu hinterlegen.

Die vierte Art der Offenmarktgeschäfte sind strukturelle Operationen, die die EZB zur Anpassung der Liquiditätsstruktur des Eurosystems gegenüber dem Finanzmarkt nutzen kann. Zeitlich befristete Aktionen wie die Ausgabe von Schuldverschreibungen werden von den NZBen über Standardtender durchgeführt. Die Laufzeit der ausgegebenen Schuldverschreibungen beträgt weniger als 1 Jahr und verfolgt das Ziel, dem Markt Liquidität zu entziehen. Bei finalen Käufen bzw. Verkäufen erwirbt bzw. veräußert die EZB von Geschäftsbanken Aktiva, mit denen sich die Institute wiederum Zentralbankgeld beschaffen. Diese Transaktionen finden als bilaterales Geschäft statt.16

Ständige Fazilitäten haben den Zweck, Übernachtliquidität bei der EZB zu beziehen oder zu hinterlegen. Im Gegensatz zu Offenmarktgeschäften geht die Initiative von den Banken aus. Aus den ständigen Fazilitäten lässt sich der allgemeine, geldpolitische Kurs sowie die ungefähre Ober- und Untergrenze für Tagesgeldzinsen ableiten. Es werden zwei Arten der ständigen Fazilitäten unterschieden: die Spitzenrefinanzierungsfazilität sowie die Einlagenfazilität.17 Geschäftsbanken können sich im Rahmen der Spitzenrefinanzierungsgeschäfte für kurze Zeiträume Geld bei der EZB leihen. Dies passiert etwa, wenn nicht vorhersehbare, kurzfristige Finanzierungsereignisse auftreten. Die Geldbeschaffung über die Spitzenrefinanzierung ist vergleichsweise teuer, da der fällige Zinssatz über dem jeweiligen Marktzinssatz liegt. Geschäftsbanken nutzen die Möglichkeit der Spitzenrefinanzierungsfazilität folglich nur in Ausnahmefällen. Zur Inanspruchnahme der Spitzenrefinanzierung ist die Hinterlegung zusätzlicher Sicherheiten bei der EZB erforderlich. Bei der Einlagenfazilität parken Geschäftsbanken überschüssiges Guthaben bei der EZB bis zum nächsten Bankarbeitstag. Die Höhe der Einlage ist unbegrenzt und die Einlagenverzinsung liegt an der Untergrenze des Tagesgeldzinses.

Geschäftsbanken in der Eurozone sind gesetzlich dazu verpflichtet, eine Mindestreserve bei der Europäischen Zentralbank zu hinterlegen. Diese Reserve dient dazu, die Geldmarktzinsen konstant zu halten sowie dem Markt je nach Reservehöhe Liquidität zu entziehen bzw. bereitzustellen. Bei Gründung der EWWU wurde der Mindestreservesatz auf 2 Prozent festgelegt. Die Geschäftsbanken können ihrer Verpflichtung zur Hinterlegung der Mindesteinlage im Monatsmittel nachkommen. Die Mindestreserve wird zum Zinssatz für Hauptrefinanzierungsgeschäfte verzinst, somit ergibt sich für die Banken kein Wettbewerbsnachteil. Anpassungen in der Höhe der Mindestreserve haben direkte Auswirkungen auf die Liquiditätslage der Banken: Eine Erhöhung reduziert die Geldmenge bei den Geldhäusern und eine Reduktion erhöht die Geldmenge. Das geldpolitische Instrument der Mindestreserve wird aufgrund der ungenauen Steuerungsfähigkeit selten genutzt.18

Die EZB kann geldpolitische Impulse über die Leitzinsen, Vermögenspreise sowie über Banken und deren Kreditzinsen setzen. In der Literatur werden die geldpolitischen Transmissionswege Zins-, Vermögenspreis- und Kreditkanal genannt. In Abbildung 1 ist die gestörte Wirkung der Übertragungswege dargestellt. Beim Zinskanal erfolgt die Übertragung bei einer expansiven Geldpolitik über die Steuerung der Nachfrage nach kurzfristigen realen Zinsen. Nehmen die Marktteilnehmer an, die EZB senkt ihren kurzfristigen Zinssatz langfristig auf ein niedriges Niveau, fallen der Annahme zufolge auch die langfristigen Zinssätze. In Krisenzeiten ist die Wirkung der konventionellen Geldpolitik begrenzt, daher sind unkonventionelle geldpolitische Maßnahmen erforderlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Gestörte Transmission der Leitzinsen auf die Preise19

3 Analyse der Geldpolitik der EZB seit der Lehmann Brothers - Pleite

3.1 Weg in die Eurokrise

Mit der Gründung der Wirtschafts- und Währungsunion am 01. Januar 1999 verloren die Staaten ihre individuelle Handlungskompetenz in der Währungspolitik. Sämtliche geldpolitischen Befugnisse wurden der Europäischen Zentralbank übertragen, wie in Kapitel 2.1 bereits dargelegt. Seitdem konnten währungspolitische Entscheidungen nur gemeinschaftlich getroffen und umgesetzt werden.20 Die wirtschaftlichen Voraussetzungen der 19 Mitgliedstaaten waren und sind auch heute noch unterschiedlicher Natur, was sich in den Wachstums- und Inflationsraten widerspiegelt. Jedes Beitrittsland erfüllte zwar bei Eintritt die Konvergenzkriterien, jedoch kam es im Laufe der Zeit zu teils gravierenden Abweichungen von diesen.21

Zwischenzeitlich verschärfte die gemeinsame Geld- und Währungspolitik sogar die Differenzen in den Kapital- und Leistungsbilanzen der Mitgliedstaaten und Interventionen der Währungshüter mussten das Eurosystem vor einem Zusammenbruch retten. Vor allem die südlichen Staaten wie Griechenland, Italien, Portugal und Spanien konnten durch niedrige Zinsen ihre Importe deutlich steigern. Allerdings wurden diese mit Krediten finanziert, bei gleichzeitig sinkenden Exporten. In der Folge verschlechterte sich die Leistungsbilanz drastisch und die Zinslast stieg. Innerhalb eines Staates führt ein Leistungsbilanzdefizit schnell zu einer Abwertung der Landeswährung. Im Euroraum hingegen werden negative Leistungsbilanzen einzelner Staaten durch Überschussbilanzen anderer Mitgliedstaaten ausgeglichen. Dieses strukturelle Problem der EWU verstärkte die negative Entwicklung schwacher Nationalstaaten während der Eurokrise, da ihnen die Überschussländer selbst keine zusätzlichen Kredite mehr zur Verfügung stellen konnten. Die weltwirtschaftliche Rezession 2008 bedingte, dass die Mitgliedstaaten der EWU zusätzliche Konjunkturpakete verabschieden mussten, um die Wirtschaftsleistung zu fördern. Folglich stieg dadurch die Verschuldung der Mitgliedstaaten zusätzlich an, was die EZB zu entsprechenden Gegenmaßnahmen veranlasste.22

Die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank stabilisierte die in Schieflage geratenen Staaten. Fraglich bleibt, ob der expansive geldpolitische Kurs nicht dem Ziel der Preisstabilität entgegensteht und ob dies bei der Krisenbewältigung aus den Augen der Währungshüter geriet. Bei Betrachtung der Entwicklung der Inflationsrate in Abbildung 2 in Zeiträumen vor und während Krisenzeiten fällt der konstante Verlauf der vergangenen 15 Jahre ohne größere Ausrisse nach oben oder unten auf.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Entwicklung der Inflation im Euroraum von 2005 -201923

Die Inflationsrate in der Eurozone stieg bis zum Jahr 2008 auf deutlich über 3 % und fiel im Jahr 2009 schlagartig auf 0,32 %, was mit starken Deflationsrisiken verbunden ist. In den Jahren 2010 bis 2012 stabilisierte sich die Inflation auf über 2 %. Im Jahr 2013 fiel sie auf knapp über 1 % und von 2014 bis 2016 wurde erneut die 0,5 %-Hürde deutlich unterschritten. 2017 bewegte sich die Inflationsrate auf Werte unterhalb aber nahe der 2% - Hürde. Die Daten sind ein Beleg dafür, dass die EZB auch in Krisenzeiten im Euroraum durch eine expansive Geldpolitik stets ihr Hauptziel, die Erhaltung der Preisstabilität, langfristig erfüllen konnte. Mit welchen unkonventionellen Methoden sie dies erreichte, wird in Kapitel 4 genauer analysiert.24

[...]


1 Vgl. Gatzke, Marcus/Buchter, Heike: WTF ist damals eigentlich passiert? S.1.

2 Vgl. Mario Drahgi auf einer Rede der Global Investment Conference in London am 26.07.2012.

3 Vgl. Europäische Zentralbank/Gerdesmeier, Dieter: Preisstabilität: Warum ist sie für dich wichtig? S.23f.

4 Vgl. Europäische Zentralbank: Aufgaben, S.1.

5 Vgl. Europäische Zentralbank: Die ersten zehn Jahre, Geschichte, S.34.

6 Vgl. Europäische Zentralbank: Die ersten zehn Jahre, Geschichte. S.36.

7 Vgl. Europäische Zentralbank: Leitbild der EZB. S.1.

8 Vgl. Garcia, Oliver: Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union, Art. 127.

9 Vgl. Garcia, Oliver: Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union, Art. 130.

10 Vgl. Europäische Zentralbank: Der EZB-Rat, S.1.

11 Vgl. Europäische Zentralbank: Das Direktorium, S.1.

12 Vgl. Europäische Zentralbank: Der Erweiterte Rat, S.1.

13 Vgl. Europäische Zentralbank: Durchführung der Geldpolitik im Euro-Währungsgebiet, S.10f.

14 Vgl. Europäische Zentralbank: Durchführung der Geldpolitik im Euro-Währungsgebiet, S.10.

15 Vgl. Europäische Zentralbank: Durchführung der Geldpolitik im Euro-Währungsgebiet, S.10.

16 Vgl. Europäische Zentralbank: Durchführung der Geldpolitik im Euro-Währungsgebiet, S.11.

17 Vgl. Europäische Zentralbank: Durchführung der Geldpolitik im Euro-Währungsgebiet, S.12.

18 Vgl. Europäische Zentralbank: Durchführung der Geldpolitik im Euro-Währungsgebiet, S.12.

19 Vgl. Europäische Zentralbank: Die Reaktion der EZB auf die Krise, Monatsbericht Oktober 2010 (3), S. 63.

20 Vgl. Europäische Zentralbank: Wirtschafts- und Währungsunion, S.3

21 Vgl. Europäische Zentralbank: Konvergenzkriterien, S.1.

22 Vgl. Demary, Markus/ Matthes, Jürgen: EZB auf Abwegen?, S. 17.

23 Vgl. Eurostat: HVPI (2005 =100) – Monatliche Daten (monatliche Veränderungsrate).

24 Vgl. Demary, Markus/ Matthes, Jürgen: EZB auf Abwegen?, S. 3.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Die nicht standardisierte Geldpolitik der EZB. Ökonomische Auswirkungen seit der Lehman Brothers-Pleite
Hochschule
Fachhochschule Kaiserslautern
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
35
Katalognummer
V941179
ISBN (eBook)
9783346273260
ISBN (Buch)
9783346273277
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geldpolitik, ökonomische, auswirkungen, lehman, brothers-pleite
Arbeit zitieren
Tobias Brinkmann (Autor), 2020, Die nicht standardisierte Geldpolitik der EZB. Ökonomische Auswirkungen seit der Lehman Brothers-Pleite, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/941179

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