Wissenschaftler und Praktiker der Hörgeschädigtenpädagogik stellen fest, dass gehörlose Kinder und Jugendliche immer häufiger zusätzliche Schwierigkeiten haben - im Besonderen Verhaltensauffälligkeiten. Dieser Umstand tritt bei Gehörlosen anscheinend häufiger auf als in einer vergleichbaren Gruppe mit Kindern ohne Hörschädigung.
Durch die veränderten Bedingungen entsteht für Lehrer, Erzieher und andere Personen, die in diesem Bereich tätig sind, notwendigerweise auch eine veränderte Anforderung an das Arbeiten mit diesen Kindern und Jugendlichen. Für eine erfolgreiche pädagogische Arbeit ist es hierbei notwendig, dass sich der Praktiker sowohl mit der Hörgeschädigten- als auch mit der Verhaltensgestörtenpädagogik beschäftigt und die jeweiligen Ansätze und Vorgehensweisen miteinander abgleicht.
Die vorliegende Arbeit möchte sich bei dem „Methodenstreit“ über die richtige Förderung von gehörlosen Kindern und Jugendlichen innerhalb der Hörgeschädigtenpädagogik weder auf die eine noch auf die andere Seite schlagen. Weder die Förderung mit Lautsprache noch die mit Gebärdensprache kann für den gesamten Bereich der Hörgeschädigtenpädagogik als „der“ richtige Weg bezeichnet und gefordert werden.
Vielmehr ist es angebracht, genau diejenige Vorgehensweise zu favorisieren, die für das jeweilige Kind die optimale Ausnutzung seiner Möglichkeiten darstellt. Anders formuliert: Ressourcenorientiertes Denken und Handeln ist angebracht.
In Kapitel 2 werden zunächst die elementaren Begriffe Verhaltensauffälligkeit und Gehörlosigkeit differenziert erläutert, bevor in Kapitel 3 die erwähnte Beobachtung zur (steigenden) Häufigkeit von Verhaltensauffälligkeiten bei Gehörlosen auf seine Richtigkeit überprüft wird. Hierzu werden die Ergebnisse einiger empirischer Studien zusammenfassend dargestellt. Außerdem wird gezeigt, ob es bestimmte gehörlosentypische Verhaltensauffälligkeiten gibt. Danach wird in Kapitel 4 analysiert, welche Erklärungen es für die Auffälligkeiten bei gehörlosen Kindern und Jugendlichen gibt. Es werden dabei sowohl Risikofaktoren auf der Seite des Kindes, Ursachen, die sich eher den Eltern zuordnen lassen, als auch Bedingungen, auf Seiten von Fachleuten berücksichtigt. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grundlegende Begriffe
2.1 Verhaltensauffälligkeit
2.1.1 Einteilungen
2.1.2 Häufigkeit
2.1.3 Ursachen und Handlungsmöglichkeiten
2.2 Gehörlosigkeit
2.2.1 Einteilungen
2.2.1.1 Nach Ausmaß
2.2.1.2 Nach Art
2.2.1.3 Nach Kulturzugehörigkeit
2.2.2 Häufigkeit
2.2.3 Ursachen
2.2.4 Förderungsmöglichkeiten
2.2.4.1 Medizinisch-technische Förderung
2.2.4.2 Auditiv-verbale Förderung
2.2.4.3 Bilinguale Förderung
2.3 Zusammenfassung
3. Formen
3.1 Häufigkeit von Auffälligkeiten bei Gehörlosen
3.1.1 Gehörlose mit Mehrfachbehinderungen
3.1.2 Gehörlose mit Verhaltensauffälligkeiten
3.2 Arten der Verhaltensauffälligkeiten
3.3 Zusammenfassung
4. Erklärungsansätze
4.1 Ansatzpunkt Kind
4.1.1 Was ist Sprache?
4.1.1.1 Die Bedeutung von Sprache
4.1.1.2 Der Aufbau von Sprache
4.1.2 Gehörlose Kinder und Lautsprache
4.1.2.1 Der Lautspracherwerb in seinem zeitlichen Verlauf
4.1.2.2 Schwierigkeiten des Lautspracherwerbs für das gehörlose Kind
4.1.3 Folgen der reduzierten Kommunikationsfähigkeit
4.2 Ansatzpunkt Eltern
4.2.1 Beziehungsstörung und mangelnde Akzeptanz
4.2.2 Ungünstiges Erziehungsverhalten
4.3 Ansatzpunkt Fachleute
4.3.1 Reduktion auf Kommunikation und Identität
4.3.2 Falsche Zuschreibung wegen ungenügender Kulturkenntnis
4.4 Zusammenfassung
5. Pädagogische Handlungsmöglichkeiten
5.1 Ansatzpunkt Kind
5.1.1 Adäquate Möglichkeiten der Kommunikation eröffnen
5.1.2 Training sozialer Kompetenzen
5.1.2.1 Konstruktiver Umgang mit der Gehörlosigkeit
5.1.2.2 Kiosk-Projekt
5.1.3 Gehörlose Personen in den Erfahrungskontext einbeziehen
5.2 Ansatzpunkt Eltern
5.2.1 Akzeptanz fördern
5.2.2 Netzwerke bilden und Belastbarkeit stärken
5.2.2.1 Erfahrungsaustausch unter betroffenen Eltern
5.2.2.2 Familienentlastende Dienste (FED)
5.2.2.3 Kontakt zu gehörlosen Bezugspersonen herstellen
5.3 Ansatzpunkt Fachleute
5.3.1 Leiblichkeit er- und anerkennen
5.3.2 Interkulturalität als Norm des pädagogischen Handelns
5.4 Zusammenfassung
6. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Themenfeld der Verhaltensauffälligkeiten bei gehörlosen Kindern und Jugendlichen. Ziel ist es, ein theoretisches Verständnis für die Hintergründe dieser Auffälligkeiten zu schaffen und pädagogische Handlungsmöglichkeiten für den Umgang mit betroffenen Kindern, deren Eltern und den beteiligten Fachleuten aufzuzeigen, um so einen Beitrag zur verbesserten Erziehung und Bildung zu leisten.
- Phänomenologie und Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten bei Gehörlosen.
- Die zentrale Rolle der Sprache und Kommunikation für die Entwicklung.
- Einfluss von Eltern-Kind-Beziehungen und soziokulturellen Faktoren.
- Pädagogische Interventions- und Präventionsstrategien im schulischen und familiären Umfeld.
- Bedeutung von Identitätsentwicklung und interkultureller Kompetenz.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Warum beschäftigt sich die vorliegende Arbeit gerade mit Verhaltensauffälligkeiten bei Gehörlosen? Die Entscheidung für dieses Thema lässt sich aus zwei Richtungen heraus begründen. Aus der Perspektive der Hörgeschädigtenpädagogik und der Verhaltensgestörtenpädagogik. Wissenschaftler und vor Allem Praktiker der ersten Disziplin stellen fest, dass gehörlose Kinder und Jugendliche immer häufiger auch zusätzliche Behinderungen haben. Zwar treten auch zusätzliche körperliche oder geistige Behinderungen oder Einschränkungen im Bereich Lernen auf. Im Besonderen sind mit den erwähnten Mehrfachbehinderungen aber Verhaltensauffälligkeiten gemeint. Es macht den Anschein, als würden diese bei Gehörlosen sogar häufiger auftreten, als in einer vergleichbaren Gruppe ohne Hörschädigung.
Durch die veränderte Klientel entsteht für Lehrer, Erzieher und andere in diesem Bereich Tätige notwendigerweise auch eine veränderte Anforderung an das Arbeiten mit diesen Kindern und Jugendlichen. Um diesem Anspruch zu genügen, informieren sie sich deswegen möglicherweise mittels Literaturrecherchen über Verhaltensauffälligkeiten oder durch den Kontakt mit Praktikern aus der Disziplin der Verhaltensgestörtenpädagogik. Eventuell wird von ihnen interdisziplinäres Arbeiten mit Vertretern beider Richtungen initialisiert.
Hier kann nun die Begründung des Themas aus der zweiten Richtung festgestellt werden. Denn wenn die Verhaltensgestörtenpädagogen mit der üblichen Vorgehensweise auf die verhaltensauffälligen und gehörlosen Kinder zugehen, werden sie oft feststellen, dass ihr Ansatz und ihre Methoden nicht greifen. Durch die erschwerte Kommunikation kann es häufig dazu kommen, dass sie erst gar keinen Zugang herstellen und somit auch keinerlei positiven Einfluss auf sie ausüben können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung begründet das Thema durch die Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten bei gehörlosen Kindern und die Schwierigkeiten in der pädagogischen Arbeit, welche eine interdisziplinäre Betrachtung erfordern.
2. Grundlegende Begriffe: In diesem Kapitel werden die elementaren Begriffe Verhaltensauffälligkeit und Gehörlosigkeit definiert, wobei verschiedene Einteilungsmöglichkeiten und Förderansätze differenziert werden.
3. Formen: Hier wird untersucht, welche Formen Verhaltensauffälligkeiten annehmen können, und es wird kritisch hinterfragt, ob eine erhöhte Prävalenz bei Gehörlosen statistisch belegbar ist.
4. Erklärungsansätze: Dieses Kapitel analysiert diverse Risikofaktoren und theoretische Modelle, wobei sowohl individuelle kindliche Aspekte als auch familiäre und professionelle Hintergründe beleuchtet werden.
5. Pädagogische Handlungsmöglichkeiten: Hier werden praktische Strategien für Lehrer, Erzieher und Eltern vorgestellt, die auf den in den vorherigen Kapiteln erarbeiteten Erkenntnissen basieren.
6. Schluss: Der Schluss fasst die Kerngedanken der Arbeit zusammen und gibt einen Ausblick auf notwendige weiterführende Forschungsansätze im Bereich der Gehörlosenpädagogik.
Schlüsselwörter
Gehörlosigkeit, Verhaltensauffälligkeiten, Hörgeschädigtenpädagogik, Mehrfachbehinderung, Kommunikation, Sprachförderung, Identitätsentwicklung, Elternarbeit, Frühförderung, Interkulturalität, Sozial-emotionale Entwicklung, Pädagogische Handlungsmöglichkeiten, Cochlea-Implantat, Gebärdensprache, Inklusion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Schnittstelle zwischen Hörgeschädigtenpädagogik und Verhaltensgestörtenpädagogik, um Wege für einen besseren Umgang mit verhaltensauffälligen gehörlosen Kindern zu finden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Definitionen von Gehörlosigkeit und Verhaltensauffälligkeit, die kritische Analyse ihrer Häufigkeit sowie die Erklärungsansätze und praktischen Handlungsmöglichkeiten in Erziehung und Unterricht.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die theoretische Einführung in den Themenkomplex, die kritische Auseinandersetzung mit Prävalenzdaten sowie die Bereitstellung praktischer Hinweise zur Förderung und Bildung gehörloser Kinder und Jugendlicher.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert primär auf einer Literaturanalyse, in der aktuelle wissenschaftliche Studien und pädagogische Diskurse zusammengeführt und kritisch reflektiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsklärung, die Untersuchung von Erscheinungsformen und Häufigkeiten, die Analyse theoretischer Erklärungsmodelle sowie die Ableitung pädagogischer Handlungsmöglichkeiten für Kind, Elternhaus und Fachkräfte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Gehörlosigkeit, Verhaltensauffälligkeiten, Kommunikation, Pädagogische Handlungsmöglichkeiten, Identitätsentwicklung und interkulturelle Bildung.
Welche Rolle spielt die Kommunikation in der Entwicklung gehörloser Kinder?
Kommunikation ist als Basis für soziale Interaktion, kognitive Entwicklung und Identitätsbildung von zentraler Bedeutung; Defizite hierbei sind maßgebliche Treiber für Verhaltensschwierigkeiten.
Wie bewertet der Autor den sogenannten „Methodenstreit“?
Der Autor bezieht keine einseitige Position für oder gegen bestimmte Förderwege (wie z.B. Laut- vs. Gebärdensprache), sondern plädiert für einen ressourcenorientierten Ansatz, der das individuelle Kind in den Mittelpunkt stellt.
- Quote paper
- Frank Alibegovic (Author), 2008, Verhaltensauffälligkeiten bei gehörlosen Kindern und Jugendlichen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94140