Im Rahmen des Seminars „Das Gute Leben – nachgefragt bei den alten Griechen“ sind wir auf die Schrift von Aristoteles „Die Tugend“, seines Werkes Nikomachische Ethik gestoßen. Im Rahmen dieser Arbeit soll der Tugendbegriff genauer betrachtet werden. Dazu wird zunächst mit Hilfe eines Historischen Wörterbuches der Philosophie der Begriff im Allgemeinen thematisiert, bevor der Tugendbegriff bei Aristoteles dargestellt wird. An dieser Stelle soll unter anderem der Unterschied zwischen Verstandestugenden und sittlichen Tugenden geklärt werden. Auch die Begriffe des „Habitus“ und der „Mitte“ sollen thematisiert werden.
Im Anschluss an die Darstellung der Tugendlehre von Aristoteles soll Thomas’ Sichtweise erläutert werden. Er übernimmt einige Ansichten von Aristoteles, bringt aber die theologische Bedeutung von Tugend mit ein.
Anschließend soll die Rezeption des Tugendbegriffs von Aristoteles bei Thomas von Aquin genauer betrachtet werden.
Zum Abschluss dieser Seminararbeit möchte ich selbst Stellung beziehen, indem ich für mich wichtige Punkte noch einmal kurz aufgreife und meinen Standpunkt darstelle. Zum Einstieg in das Thema soll ein Blick auf die Bedeutung des Begriffs „Tugend“ im Allgemeinen dienen. Dazu wird sich im Folgenden hauptsächlich auf Ausführungen des Historischen Wörterbuches der Philosophie bezogen.
In der Antike wurde das Wort „Tugend“ in der Philosophie zur Übersetzung des griechischen Wortes „Arete“ benutzt. Diese Übersetzung ist zwar häufig als irreführend bezeichnet worden, hat sich aber trotzdem durchgesetzt. Die Bedeutung von „Arete“ ist bei den Griechen so zu verstehen, dass ein Mensch, der „Arete“ besitzt, gut ist. „Gutsein“ ist demnach die exakte Übersetzung von „Arete“. Doch der Tugendbegriff hat sich weit etabliert und meint somit nichts anderes. Es stellt sich jedoch die Frage, was einen guten Menschen ausmacht. Dessen Eigenschaften zu definieren ist nicht ganz unstrittig. Es gibt mehrere Ansichten, was einen Menschen zu einem guten Menschen macht. Beispielsweise mache seine Moralität ihn aus. Tugend scheint für ein moralisches Verständnis sehr anfällig zu sein, immer wieder tauchen Übersetzungen auf, die im Sinne von Moralität und Sittlichkeit verstanden werden.
Gliederung
1 Einleitung
1.1 Der Tugendbegriff im Allgemeinen
2 Tugenden bei Aristoteles
2.1 Verstandestugenden
2.2 Sittliche/ Ethische Tugenden
3 Die Bedeutung der „Mitte“ bei Aristoteles
4 Der Habitus
4.1 Lust und Unlust
5 Die Tugend bei Thomas von Aquin
6 Zur Rezeption der aristotelischen Tugendlehre bei Thomas von Aquin
7 Schlusskommentar
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, den Tugendbegriff bei Aristoteles zu analysieren und dessen Rezeption sowie Weiterentwicklung in der theologischen Ethik des Thomas von Aquin darzustellen. Die zentrale Forschungsfrage untersucht dabei, wie Thomas die aristotelische Lehre durch das Konzept der göttlichen Gnade ergänzt und theologisch neu interpretiert, um eine Vollendung des menschlichen Handelns zu begründen.
- Grundlagen des Tugendbegriffs in der Antike und bei Aristoteles
- Die Bedeutung der „Mitte“ und des Habitus in der aristotelischen Ethik
- Transformation der Tugendlehre bei Thomas von Aquin
- Integration von Gnade und Glaube in das Handlungsmodell
- Vergleich von philosophischer Vernunft und theologischer Vollendung
Auszug aus dem Buch
3 Die Bedeutung der „Mitte“ bei Aristoteles
Wie im vorangegangenen Punkt angeschnitten, soll die „Mitte“ nun näher erklärt werden, da diese in der Tugendethik Aristoteles’ eine sehr wichtige Rolle spielt. Wie das Beispiel zeigen sollte, befindet sich die „Mitte“ zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig. Aristoteles versteht darunter das „Richtige“. Wer also die Tugenden hat, dessen Affekte sind richtig und folglich auch die damit verbundenen Handlungsentscheidungen. Hier setzt jedoch die ethische Tugend die Verstandestugend, die Klugheit, voraus. Richtig ist, was die Vernunft als richtig erkennt. Der Kluge ist demnach in der Lage zu entscheiden, was in Bezug auf das gute Leben insgesamt glückszuträglich ist und was nicht. Er muss jedoch etwas, auf das er blicken kann, vor Augen haben, welches bei Aristoteles als Glück definiert wird. Außerdem muss er dazu in der Lage sein zu wissen, was das gute Leben ausmacht, sonst würde er nicht zwischen Übermaß und Mangel abwägen können. Das gute Leben liegt schließlich in der „Mitte“.
Diese von der Vernunft bestimmte „Mitte“ wird „in Bezug auf uns“ bestimmt. Es ist also von Bedeutung, wer wir sind, auf wen sich der Affekt bezieht und wie die gegebenen Umstände sind. Laut Aristoteles lässt sich somit nur ein Umriss angeben, der die sittliche Tugend beschreibt und die damit verbundenen Handlungen. „Denn menschliche Handlungen, Affekte und Wahlakte, deren Habitus die sittliche Tugend ist, beziehen sich auf Konkretes, Kontingentes, Situationsgebundenes und durch mannigfache Umstände Bestimmtes. Das Richtige und Gute im Handeln ist „was sich je wieder auch anders verhalten kann.““
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Seminarthema ein und skizziert den Aufbau der Arbeit von den aristotelischen Grundlagen hin zur thomasischen Tugendlehre.
1.1 Der Tugendbegriff im Allgemeinen: Dieses Unterkapitel beleuchtet die philologische und philosophische Herkunft des Begriffs „Tugend“ (Arete) und seine Wandlung von der Antike bis zum christlichen Verständnis.
2 Tugenden bei Aristoteles: Es werden die zwei Hauptgattungen der aristotelischen Tugenden, die dianoetischen und die ethischen Tugenden, systematisch vorgestellt.
2.1 Verstandestugenden: Fokus auf die rationalen Tugenden Weisheit und Klugheit, welche das theoretische Wissen und die Lenkung des Handelns betreffen.
2.2 Sittliche/ Ethische Tugenden: Erläuterung der Charaktertugenden, die durch Gewöhnung entstehen und den nicht-vernünftigen Seelenteil steuern.
3 Die Bedeutung der „Mitte“ bei Aristoteles: Untersuchung der aristotelischen Lehre, dass das Gute in einer situationsadäquaten Mitte zwischen zwei Extremen liegt.
4 Der Habitus: Analyse der inneren Haltung als bleibende Handlungsdisposition, die für den Tugendbegriff zentral ist.
4.1 Lust und Unlust: Diskussion der Rolle von Empfindungen als Ankerpunkte des Handelns im Kontext der Tugendethik.
5 Die Tugend bei Thomas von Aquin: Darstellung der Modifikation des Tugendbegriffs durch Thomas, insbesondere unter Einbeziehung des lateinischen Begriffs virtus und theologischer Implikationen.
6 Zur Rezeption der aristotelischen Tugendlehre bei Thomas von Aquin: Vergleich der beiden Lehren mit Fokus auf die Ergänzung menschlichen Strebens durch die Gnade Gottes.
7 Schlusskommentar: Die Autorin resümiert die Aktualität des Tugendbegriffs und reflektiert das Zusammenwirken von situativer Klugheit und religiösem Glauben.
Schlüsselwörter
Tugend, Aristoteles, Thomas von Aquin, Habitus, Mitte, Arete, Nikomachische Ethik, Vernunft, Klugheit, Gnade, Sittlichkeit, Kardinaltugenden, Moral, Tugendethik, christliche Ethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Tugendbegriff bei Aristoteles und wie dieser von Thomas von Aquin im Rahmen einer christlich-theologischen Ethik rezipiert und transformiert wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die aristotelische Tugendlehre mit ihren dianoetischen und ethischen Tugenden, das Konzept der „Mitte“ sowie die Ergänzung dieser philosophischen Ansätze durch das Wirken der göttlichen Gnade bei Thomas von Aquin.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Übergang von einem rein philosophischen Tugendverständnis zur theologischen Tugendethik nachzuvollziehen und aufzuzeigen, wie Thomas die menschliche Vollendung durch Glauben und Gnade definiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine Literaturanalyse, die sich auf zentrale Quellentexte wie die „Nikomachische Ethik“ und das „Historische Wörterbuch der Philosophie“ stützt, ergänzt um moderne ethische Interpretationen, insbesondere von Eberhard Schockenhoff.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung der aristotelischen Tugendkategorien, die Erläuterung des Habitus-Begriffs und eine vergleichende Analyse der Rezeption bei Thomas von Aquin.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich über Begriffe wie Tugendethik, Habitus, Mitte, Aristoteles, Thomas von Aquin und göttliche Gnade definieren.
Wie unterscheidet Thomas von Aquin seine Tugendbegriffe?
Thomas unterscheidet zwischen intellektuellen, moralischen und theologischen Tugenden, wobei er Letztere als unmittelbar von Gott geschenkt und als Grundlage für die Vollendung des Menschen betrachtet.
Welche Bedeutung kommt der „Mitte“ bei Aristoteles zu?
Die Mitte ist bei Aristoteles das Maß für das richtige Handeln; sie ist kein starrer Punkt, sondern muss situativ durch die Klugheit zwischen den Extremen des Zuviel und des Zuwenig gefunden werden.
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- Martina Marmann (Author), 2008, Der Tugendbegriff von Aristoteles und seine Rezeption bei Thomas von Aquin, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94145