Literarisches Lernen im Medienverbund. Ein Unterrichtsentwurf zum Medium Film und "Harry Potter und der Stein der Weisen"


Unterweisung / Unterweisungsentwurf, 2020

26 Seiten, Note: bestanden

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sachanalyse
2.1 Gegenstandsanalyse der ausgewählten Filmszene
2.2 Merkmale filmischen Erzählens am Beispiel der Szene King´s Cross
2.3 Verortung und Auseinandersetzung mit dem Lehrplan:

3. Ziele der Unterrichtsstunde
3.1 Kompetenzanforderungen
3.2 Grobziele
3.3 Feinziele

4. Didaktische Analyse
4.1 Didaktische Schwerpunktsetzung auf AV- Medien und Kontextualisierung
4.2 Lebensweltlicher Kontextbezug

5. Methodische Entscheidungen innerhalb des Verlaufsplans
5.1 Begründung der Methodik des Einstiegs
5.2 Bestimmung der Erarbeitungsphase
5.3 Legitimation der Ergebnissicherung

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit stellt einen möglichen Unterrichtsentwurf dar, welcher im Kontext literarischen Lernens im Medienverbund verortet wird. Das hier verwendetet Medium Film wird auf der theoretischen Basis näher untersucht, um einen kontextuellen Rahmen für die angestrebte Unterrichtsstunde zu bilden. Der amerikanische Spielfilm Harry Potter und der Stein der Weisen von 2002 dient als konkretes Beispiel, um den Schülern und Schülerinnen die Theorie am Beispiel aufzuzeigen. Da die Analyse eines kompletten Films weder in den zeitlichen Rahmen des Deutschunterrichts passt noch als sinnstiftend für das Verstehen einer Filmanalyse gesehen wird, bezieht sich der Unterrichtsentwurf lediglich auf die Analyse der Szene Bahnhof King´s Cross (Minute 0:31-0:33) in Harry Potter und der Stein der Weisen.

Da diese Unterrichtsstunde einen bloßen Entwurf darstellt und daher nicht unter realen Bedingungen abläuft, wird in der nachfolgenden Ausarbeitung keine Bedingungsanalyse aufgeführt. Dennoch müssen Rahmenbedingungen festgelegt werden, die die fiktive Stunde prägen. So wird die Unterrichtsstunde für eine 7. Klasse an einer bayrischen Mittelschule erstellt. Klassengröße, Geschlechterverteilung, demographischer Wandel wie der sozio- kulturelle Hintergrund der einzelnen Lernenden werden nicht berücksichtigt. Ebenso werden innerhalb des Stundenentwurfs keine nähere Individualisierung und Differenzierung für einzelne Schüler und Schülerinnen vorgenommen. Neben diesen Faktoren vernachlässigt das Konzept örtliche Vorbedingungen wie Klassenzimmer, Anordnung der Tische oder die technische Ausstattung des Raums. Lediglich setzt das Modell dieser Unterrichtsstunde folgendes Vorwissen voraus: Die Schüler und Schülerinnen haben bereits das Kinder- und Jugendbuch Harry Potter und der Stein der Weisen im Klassenverbund gelesen und gleichzeitig bereits einmal den dazugehörigen Film angeschaut. Die Lektüre wurde unter der Anleitung einer Lehrkraft ausführlich besprochen bzw. rezipiert, der Film hingegen noch nicht. Genau hier soll nun der Unterrichtsentwurf ansetzen und den Schülern und Schülerinnen aufzeigen mit welchen analytischen Hilfsmitteln ein Film theoretisch aufgearbeitet werden kann.

Obwohl die Arbeit eine Bedingungsanalyse vernachlässigt, setzt sie sich mit der unabdingbaren Aufarbeitung einer Sachanalyse des Gegenstandes auseinander. Diese zeigt, wie in der wissenschaftlichen Literatur das Medium Film theoretisch untersucht. Ulf Abraham und Werner Faulstich geben hierbei eine Anleitung, wie ein Film und dessen Szenen analysiert werden sollen. Das Hauptaugenmerk stellt die Theorie der Merkmale filmischen Erzählens dar, weil dies das eigentliche Thema der Unterrichtsstunde sein soll. Weiterhin werden die Ziele und angestrebten Kompetenzen – hier vornehmlich die Visual Literacy1 – genannt. Um anschließend einen Eindruck über genauen Vorstellungen der Stunde zu erhalten, zeigt die Ausarbeitung den groben Ablauf der Unterrichtsstunde auf. Hierbei werden genaue Zeitangaben wie Lehrer- Schülerantworten vernachlässigt. Die nachfolgende didaktische Analyse betrachtet den Untersuchungsgegenstand näher und versucht diesen in den lebensweltlichen Kontext von Schüler und Schülerinnen einzuordnen. Weiterführend zeigt die Auseinandersetzung mit der ausgewählten Methodik, welche methodischen Formen verwendet werden und warum jene für diese Modell als sinnvoll erachtet werden. Abschließend versucht die Arbeit im Schlussteil ein Fazit zu resümieren. Mögliche Schwierigkeiten und Probleme, die auftreten können, sollen durchdacht werden. Ebenso werden Chancen gezeigt, die diese Stunde bieten kann.

2. Sachanalyse

Um zunächst einmal einen Film zu betrachten, benötigt es keine besonderen Vorkenntnisse. Es genügt vorerst den Film mit seinen Bildern und Handlungen anzuschauen und auf sich wirken zu lassen. Doch um dieses Medium rezipieren bzw. deuten zu können, ist es sinnvoll, sich mit der Theorie der Filmanalyse auseinanderzusetzen. Auf dieser theoretischen Basis lässt sich für die Schüler und Schülerinnen ein Konzept erstellen, welches ihnen hilft, die ausgewählte Filmszene Bahnhof King´s Cross (Minute 0:30-0:33) aus Harry Potter und der Stein der Weisen in vier chronologisch festgelegte Schritte zu analysieren. Anschließend sind die Rezipienten in der Lage eine Filmszene in den filmischen Kontext einzubetten und daraus unterschiedliche Merkmale filmischen Erzählens und deren Wirkungsästhetik2 zu erkennen. Die nun nachfolgende Theorie dient anschließend als Basis für sämtliche weitere Filmszenenanalyse aus Harry Potter und der Stein der Weisen.

2.1 Gegenstandsanalyse der ausgewählten Filmszene

„Die Wirklichkeitskonstruktion, die ein Film anbietet, ist auch immer ein Sinnentwurf, den wir annehmen oder ablehnen können. Insofern sind filmische Techniken und Verfahren von Inhalten und Themen eines Films nicht zu trennen.“3

Wie Ulf Abraham zeigt, ist die Filmanalyse nicht nur auf eine inhaltliche Auseinandersetzung gestützt, sondern ebenfalls auf die im Medium Film verwendeten Techniken. Denn nur das Zusammenspiel dieser beiden Ebenen ermöglicht den Zuschauern eine Interpretation und Analyse vorzunehmen.

Der Ablauf einer Filmanalyse geschieht in vier Schritten: Zunächst konzentriert man sich nach dem ersten Ansehen des Films auf dessen genauen Inhalt und versucht diesen möglichst genau beschreiben zu können. Fragen wie beispielsweise „Wovon handelt der Film?“4 oder „Welche Frage- und Problemstellungen werden thematisiert“5 können beantwortet werden. Anschließend sollen die Schüler und Schülerinnen die handelnden Figuren näher beleuchten. Die Lernenden beleuchten einzelne Charaktere und deren Besonderheiten - wie Äußerlichkeiten oder Sprechweise – näher. Weiterhin beschäftigen sich die Schüler und Schülerinnen mit den Werten und Normen, die der Film vermittelt. Es werden Ziele und Intensionen der Filmmacher bzw. der Autoren herausgearbeitet. Der letzte Schritt einer Filmanalyse beschreibt die Untersuchung des Aufbaus des Films selbst. Welche Schnitttechniken werden verwendet? Oder welche Kameraeinstellungen werden benutzt, um die gezeigte Szene bestmöglich darzustellen? Diese Fragen können nun innerhalb des vierten Teils einer Filmanalyse beantwortet werden.6 Dieser Unterrichtsentwurf konzentriert sich jedoch zunächst auf den letzten Schritt einer analytischen Betrachtung des Films – sprich der Untersuchung von Aufbauprinzipien und technischen Mitteln eines Films. Hierzu bezieht sich die Lehrkraft vornehmlich auf die von Werner Faulstich beschriebenen Einstellungsgrößen und Kameraeinstellungen7. So werden also fachwissenschaftliche Methoden, wie beispielsweise Verfahrensweisen der Textanalyse, auf ein audiovisuelles Medium8 übertragen und kontextualisiert. Die gewählte Filmszene zeigt die gängigsten Einstellungsperspektiven anschaulich dar, auch wenn diese in schnellen Sekundenfrequenzen aufeinander folgen oder auch wechseln. Dennoch zeigt die Szene ihr volles Potenzial, da die Einstellungen vor allem anhand des Protagnisten Harry herausfiltern kann. Dieser dient als Identifikationsmöglichkeit der Schülerinnen und Schüler. Sie können sich in dessen Lage hineinversetzen und so ebenfalls die technischen Kameraperspektiven in ihrer Funktion bzw. Wirkung ästhetisch deuten.

2.2 Merkmale filmischen Erzählens am Beispiel der Szene King´s Cross

Damit die Schüler überhaupt etwas mit einer Analyse anfangen können, sollte man vorerst auf die Grundmerkmale einer Filmanalyse eingehen. So wird in einer visuellen Ebene, in einer Auditiven Ebene und einer Narrativen Ebene unterschieden.9 Trotz der Aufgliederung auf drei Ebenen, widmet sich dieser Entwurf lediglich der visuellen Ebene, da die Schülerinnen und Schüler verstehen sollen, wie visuelle Bilder „gelesen“10 werden können. Der ausgewählte Szenenabschnitt Bahnhof King´s Cross spielt sich im zeitlichen Rahmen von lediglich drei Minuten ab, genauer von Minute 0:30 bis Minute 0:33. Die Szene wird einerseits gewählt, da sie zu Beginn der Handlung im Film steht und inhaltlich – aufgrund der zauberhaften Wegbeschreibung Harrys nach Hogwarts – bedeutsam erscheint. Andererseits umfasst die Szene in diesen drei entscheidenden Minuten möglichst viele technische Einstellungen, die klar erkennbar dargebracht werden. So legitimiert sich diese Szene als besonders und ergiebig hinsichtlich der Stundenziele und Kompetenzanforderungen.

Die nun folgende Einstellungsanalyse wird nicht Sekundeneinheiten vollständig präsentiert, da dies den hier formalen Rahmen sprengt. Dennoch versucht diese Analyse auf die wesentlichen Einstellungen einzugehen. So beginnt die Szene, indem sie den Londoner Bahnhof King´s Cross zeigt, von dem die Bahngleise und eine darüber führende Fußgängerbrücke sichtbar wird. Diese Sicht wird mittels der technischen Einstellung einer Halbtotalen offen. Diese dient dazu, um „einen Teil eines Raumes, indem sich der Mensch oder mehrere Menschen aufhalten“11. Die anschließende Kamerabewegung hin zu Nahaufnahme Hagrids aus der Sicht von Harry Potter, nämlich aus der Bauchsicht, verläuft fließend. Die Nahaufnahme definiert sich darin, dass der „Kopf und de[r] Oberkörper [hier von Hagrid] bis zur Gürtellinie“12 gezeigt wird. „Die Bauchsicht (´low shot´) zeigt das Objekt aus leichter Untersicht“13, da hier aus der Perspektive von Harry gefilmt wird. Die gezeigten Bilder bleiben in den Sequenzen von Minute 0:30 bis Minute 0:31 in ihrer Kamerabewegung statisch, d.h. die Kamera selbst scheint sich nicht zu bewegen, eher springt das eine Bild ohne fließenden Übergang zum nächsten. Auf den Zuschauer wirkt solche Bildwechsel eher statisch und führt erstmals in den kommenden Inhalt ein. Ab Minute 0:31:47 schwenkt das visuelle Bild von der Nahaufnahme in die Halbtotale zurück und leichten Aufsicht, welche „das Objekt leicht von oben“14 zeigt. Dieser Wechsel erfolgt in einer dynamischen Bewegung, sodass nun auch gleichzeitig der inhaltliche Aspekt der Szene an Dynamik und Spannung zunimmt. Der Zuschauer stellt sich möglichweise die Frage, wie Harry allein das Gleis neundreiviertel finden soll. Zum weiteren Spannungsaufbau schwenkt die Kamera in Minute 0:31:55 von rechts nach links durch das Bild, welches in der Perspektive der Aufsicht und im der Einstellungsgröße einer Halbtotalen abgebildet ist. Diese Funktionsweise wird zur Minute 0:32:08 ersichtlich, denn erst hier steht das Bild bewegungslos und zeigt, wie Harry auf einen Bahnwärter zuläuft. Es folgt ein klarer Schnitt zwischen den Bilder von Minute 0:32:11 in der Aufsichtsperspektive bis hin zu Minute 0:32:15, in welcher die Kamerabewegung wieder einsetzt. Mittels eines Schwenks zur linken Seite des Bildes wird der inhaltliche Spannungsaufbau im Bild erneut sichtbar. Nun wechseln sich in den kommenden Sekundenfrequenzen stets statische Bilder und Kamerabewegungen in der Halbtotalen- Einstellung ab. Dies erzeugt vermehrt Dynamik innerhalb des Geschehens. Auch die Amerikanische Einstellung, in welcher der „Kopf bis zu den Oberschenkeln“15 von Audrey Weasley sichtbar wird, findet Einzug in die Szene. Im Verlauf der inhaltlichen Geschichte werden nun die Weasley Zwillinge Fred und George vorgestellt, da diese ihre zum verwechseln ähnliche Optik nutzen, um die eigene Mutter auf die Schippe zu nehmen, wird diese kurze Spiel auch in der filmtechnischen Aufarbeitung dieser Sequenz erkennbar. In Minute 0:32:54 findet die Filmtechnik wie der inhaltliche Spannungsbögen ihren Höhepunkt: Die Nahaufnahme auf das Gleis neundreiviertel in der angedeuteten Halbtotalen lenkt den auf das scheinbar undurchdringbare Gleis. Die Kamera scheint zunächst wie kurz eingefroren das Gleis zu fokussieren und setzt in einem klaren Schnitt zwischen den Bildern in Minute 0:32:59 auf die Nahaufnahme in der Perspektive der Normalsicht Harrys. Die Kamera scheint unmittelbar vor ihm zu stehen, sodass es scheint, als würde er auf diese frontal zulaufen. In den folgenden Sekunden (Minute 0:33:06 bis Minute 0:33:22) wechseln sich sekündlich statische Bilder zwischen Harry und der Familie Weasley ab, welche dem Zauberjungen Mut zu sprechen, damit dieser das Gleis neundreiviertel betritt. Auch wird anschließend in Minute 0:33:25 eine Großaufnahme dessen gezeigt, um die scheinbare Undurchdringbarkeit einer gemauerten Säule zu unterstreichen. Die Normalsicht wird nun hier unterbrochen, indem das Bild das gesamte Gleis von oben nach unten abbildet. Schließlich reiht sich Harrys Entscheidung in Minute 0:33:31 in einer Halbtotalen an. Die Kamera positioniert sich vor Harry und so scheint es, als fahre dieser mit der Kamera auf das Gleis neundreiviertel zu. Jedoch wird in dieser Bewegung das Gleis selbst nicht sichtbar.

Der ständige Wechsel zwischen einzelnen Einstellungsgrößen und Kameraperspektiven beleben die Bahnhofsszene regelrecht und erlauben den Schülerinnen und Schülern die Wirkungsmacht von filmtechnischen Mitteln zu begreifen. Gleichzeitig wird deren Relevanz deutlich und kann im Anschluss auf andere Szenen übertragen werden.

2.3 Verortung und Auseinandersetzung mit dem Lehrplan:

Die ausgewählte Filmszene wird in einer 7. Klasse einer bayrischen Mittelschule analysiert. Hierbei orientiert sich die Analyse am aktuellen Lehrplan für Bayrische Mittelschulen im Fach Deutsch der 7. Jahrgangsstufe (Regelklassen). Unter dem Punkt „7.2 Lesen und Mediengebrauch“16 zielt der Lehrplan darauf ab, dass die Schüler und Schülerinnen im Zusammenhang mit diesem konkreten Unterrichtsentwurf ein Jugendbuch zunächst gemeinsam lesen. Anschließend werden im Klassenverbund bestimmte Merkmale der Klassenlektüre näher bestimmt und ausgewertet. So erhält die Lehrkraft die Möglichkeit, die Lektüre mit der Analyse des zugehörigen Films zu verbinden. „Medien und Medienerfahrungen untersuchen“ (Punkt 7.2.5) stellen somit die nächsten Schritte der Verbindung von Buch und Verfilmung dar. Wie bereits die Untersuchung eines Jugendbuches, kann nun direkt die Analyse eines Films – wenn auch nur einzelner Szenen und nicht zu detailliert, da dies sonst den zeitlichen Rahmen sprengen würde – folgen. Die Lehrkraft versucht die Filmanalyse ähnlich wie die Struktur der Untersuchung eines Buches aufzubauen, sodass die Lernenden in der Lage sind, den Inhalt, Personen zunächst zu erkennen. Mit der Einführung des Mediums Films werden gleichzeitig auch neue Analysemerkmale aufgezeigt, die den Schülern und Schülerinnen einen vertieften Einblick in den Aufbau und in die Interpretation einer Filmszene zulassen. Neben der Untersuchung eines neuen literarischen Mediums werden auch die damit verbundenen Medienerfahrungen aufgegriffen.

3. Ziele der Unterrichtsstunde

Ziele geben dem Lehrenden wie dem Lernenden die Chance eine Unterrichtsstunde klar zu strukturieren, um an deren Ende einen möglichst großen Mehrwert daraus ziehen zu können. Die hier folgenden Ziele gliedern sich in Grob- und Feinziele auf, sodass möglichst alle Aspekte der einzelnen Lernschritte abgedeckt werden.

3.1 Kompetenzanforderungen

Visual Literacy und die Medienkompetenz definieren die Kompetenzanforderungen an diesen Unterrichtsentwurf. Zunächst meint Visual Literacy die Fähigkeit, visuelle Bilder wie die Worte in einem Buch lesen und anschließend kontextuell verstehen zu können. Denn dieses visuelle Verständnis eines Bildes bezeichnet die fünfte Fertigkeit neben dem Hören, Sehen, Lesen und Sprechen. So sollen Filme und filmisches Material vermehrt Einzug in den Unterricht – nicht allein in den Deutschunterricht – finden, um die Wahrnehmungsfähigkeiten von Schülerinnen und Schülern zu fördern bzw. zu verbessern.17 Schließlich dient dieser Unterrichtsentwurf der Förderung der Visual Literacy von Lernenden.

3.2 Grobziele

Die Grobziele dieser Unterrichtsstunde bzw. Doppelstunde lassen sich wie folgt beschreiben: Die Lernenden sollen filmische Techniken auf visueller wie auditiver Ebene identifizieren und somit erklären können. Weiterhin sollen die Lernenden ein Bewusstsein für filmästhetische Motive und deren Wirkung erlangen. Denn die Stärkung der Wahrnehmungsfähigkeiten von Schülerinnen und Schülern sind für einen angemessenen Umgang mit Medien und deren Rezeption notwendig.

3.3 Feinziele

Die nun nachfolgenden Feinziele untergliedern die allgemeinen Grobziele dieser Unterrichtsstunde genauer. So sollen die Schüler und Schülerinnen zehn Einstellungsperspektiven nach Faulstich zunächst erkennen können. Hierbei handelt es sich vor allem um Einstellungsgrößen wie die Großaufnahme, Nahaufnahme, Amerikanische Einstellung, Totale und Halbtotale. Die Lernenden sind am Ende der Doppelstunde in der Lage diese Einstellungstypen zu identifizieren wie zu definieren. Weiterhin beherrschen die Mittelschüler Unterscheidungen zwischen den genannten Einstellungsgrößen wie beispielsweise einer Totale und einer Halbtotalen auszumachen. Doch erkennen die Lernenden nicht nur die Definitionen und Merkmale dieser Einstellungen, sondern sind ebenso abschließend in der Lage die Wirkungsästhetik zu beleuchten. Sie wissen beispielsweise welche Einstellungen der Kamera zwischen den einzelnen Sekundensequenzen vorgenommen werden, um Spannung oder Dynamik aufzubauen. Neben der Definition und Differenzierung zwischen den oben genannten Kameraeinstellungen lernen die Schülerinnen und Schüler fünf unterschiedliche Einstellungsperspektiven und deren Wirkungsästhetik kennen. Diese umfassen die sogenannte Froschperspektive, Bauchsicht, Normalsicht, Aufsicht und die Vogelperspektive. Auch hier wissen die Lernenden die einzelnen Perspektiven zu identifizieren, differenzieren und definieren. Schließlich All diese Merkmale der visuellen Analyseebene einer Filmszene beziehen sich auf die theoretische Basis nach Faulstich.18

4. Didaktische Analyse

Diese Unterrichtsstunde setzt sich didaktisch vor allem mit Erschließen neuer Inhalte von AV- Medien, insbesondere medialer Arbeitsweisen, auseinander. Dieser Lehr- und Lernprozess legt neue Inhalte bzw. Begrifflichkeiten aus der Filmsprache fest und zeigt anschließend deren Überprüfbarkeit anhand eines im Deutschunterricht noch nicht ganz etablierten Mediums, nämlich anhand des Films. Die Auswahl auf Harry Potter und der Stein der Weisen ist hauptsächlich durch dessen Popularität und Inszenierungkunst begründet. Er erweist sich als ansprechendes Beispiel zur Erörterung von filmsprachlichen Mitteln, die ähnlich der Analyse von sprachkundlichen Untersuchungen eines Textes zu beschreiben sind. Denn jener verhilft Medienkunde und gleichzeitig literarisches Lernen innerhalb des Deutschunterrichts zu verbinden.

4.1 Didaktische Schwerpunktsetzung auf AV- Medien und Kontextualisierung

Die angestrebte Unterrichtsstunde entspricht dem Konzept reflexiven Unterrichts, da der Lehrgegenstand zunächst anhand eines Videos theoretisch aufbereitet wird und anschließend auf einem Arbeitsblatt gesichert wird. Zuletzt zeigt sich der theoretische Gegenstand in der Reflexion einer konkreten Filmszene. Die Schülerinnen und Schüler sind nun also in der Lage das Gelernte direkt am Beispiel aufzuzeigen. Daneben findet die Auswahl der Materialien möglichst abwechslungsreich, aber dennoch übersichtlich statt. Der Lehrende verwendet ein Erklärvideo aus der ARD- Mediathek19, welches auf altersgerechte Weise das Wesentliche der ausgewählten Aspekte einer Filmszenenanalyse darstellt. Jedoch wird nicht das ganze Video gezeigt, da dies den zeitlichen Rahmen sprengt und nicht dem Ziel der Konzentration auf die wichtigsten Inhalte der Einstellungsgrößen und Kameraperspektiven entspricht. Die Übertragung der gelernten Fachtermini auf eine Filmszene erweitert den Lern- bzw. Erkenntnisweg der Schülerinnen und Schüler. Da die von der Lehrperson vorbereitete Filmszene so ausgewählt ist, dass die Lernenden das Gelernte direkt anzuwenden wissen. Dies entspricht dem Weg einer reflexiven Unterrichtsmodus. Weiterhin stellt die Übertragung neuer Inhalte auf andere eine enorme Bedeutung für zukünftiges Lernen der Schülerinnen und Schüler dar, weil sie nun in der Lage sind Neuartiges in andere Kontexte einzufügen und anschließend diese Kontextualisierung eigens beurteilen können. Somit erzeugt diese Unterrichtsstunde einen großen Mehrwert für das Lernverhalten und der Motivation von Lernenden.

4.2 Lebensweltlicher Kontextbezug

Um das Medium Film als relevant für den Deutschunterricht einzustufen, wird auf das Nutzungsverhalten von unterschiedlichen Medien im Vergleich zum Film mithilfe der sogenannten JIM Studie eingegangen. „Die JIM Studie ist als Basisstudie konzipiert, mit dem Anspruch, die gesamte Bandbreite des Medienumgangs von Zwölf- bis 19-Jährigen in Deutschland zu erfassen“20. 1200 Kinder und Jugendliche im Alter von zwölf bis 19 Jahren wurden telefonisch im Zeitraum von Mai bis August 2019 innerhalb Deutschlands befragt.21 Die nun hier vorliegenden Daten stammen aus der aktuellen Studie von 2019 und sind damit einhergehend besonders aktuell für die Entscheidungsfindung bezüglich des Medieneinsatzes innerhalb des Deutschunterrichts.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: JIM- Studie, mpfs 2019, S.13.

Da laut der Studie nun nicht mehr das Buch bzw. Printmedium als Leitmedium Jugendlicher gesehen werden kann, wird dieses durch Online-Videos, Fernsehen und Videostreaming abgelöst. Online- Videos werden bereits von 79% der Mädchen und 89% der Jungen angeschaut. Ebenso bemerkenswert erscheint die Mediennutzung von Fernsehen, welches noch immer 78% der Mädchen und 74% der Jungen mehrmals pro Woche als Freizeitbeschäftigung für sich betreiben. So gelten nun fortschreitend die audiovisuellen Medien als primäre Medien der derzeitiger Mediensozialisation. Bewegte Bilder, die mithilfe aufwändiger Technik produziert werden, sind also von ihren Rezipienten sinngemäß zu entschlüsseln und zu deuten. Damit Mediensozialisation im Bereich der audiovisuellen Medien sinnstiftend vorangetragen werden kann, muss innerhalb des Unterrichts auf die Produktion solcher differenziert eingegangen werden. Nur so ist es möglich die Schülerinnen und Schüler zu medienkompetenten Rezipienten von Film, Fernsehen, Videos und Co zu erziehen. Obwohl laut der JIM- Studie noch immer von 40% der Mädchen und 28% der Jungen gelesen werden, drängen sich Filme und Co. in den Vordergrund. Daher legitimiert sich der Anspruch darauf, neben der Lektüre eines Buches auch dessen Verfilmung zu analysieren. Für diesen Unterrichtsentwurf bietet Harry Potter und der Stein der Weisen von 2002 eine gute Vorlage, um das Buch ganz oder mindestens kapitelweise zu lesen. Anschließend kann der Film herangezogen werden, damit die Lernenden zum einen den Vergleich zwischen beiden medialen Erscheinungen differenzieren können und um sich der Analyse eines audiovisuellen Mediums anzunehmen. Doch dient dieser Film nicht nur auf der Ebene literarischen Lernens im Medienverbund Chancen der Medienkompetenzentwicklung für die Schülerinnen und Schüler. Dieser steht auch inhaltlich wie optisch im Interessenbereich der Jugendlichen. Denn der Spielfilm ist gespickt mit vielen Spezialeffekten und aufwändigen Kameraeinstellungen, die die Zuschauer regelrecht in ihren Bann ziehen. Sowohl die aufwändige Inszenierung von Spannung und die genaue Umsetzung vieler, aus dem Buch bekannter Details, zeigen eine durchaus gelungene Adaption des Bestsellerromans von J.K. Rowling. Zumal die Verfilmung des Romans bereits mit drei Oscars in den Kategorien „Beste Ausstattung“, „Beste Kostüme“ und „Beste Filmmusik“22 ausgezeichnet wurde. Solche hohen Filmauszeichnungen zeugen von der Qualität wie ebenso von der Popularität eines Spielfilms, welcher sich wiederrum für den Einsatz im Unterricht legitimiert.

5. Methodische Entscheidungen innerhalb des Verlaufsplans

In den nun folgenden Unterpunkten zeigt diese Arbeit auf, welche Methoden innerhalb der Arbeitsschritte einer Unterrichtsstunde angewandt werden und versucht dies mit Hilfe der zehn Merkmale guten Unterrichts nach Hilbert Meyer23 zu begründen. Gleichzeitig untergliedern sich diese Aspekte in die drei Hauptbestandteile des Unterrichts, nämlich zunächst in die Einstiegsphase, in welcher die Lernenden den erarbeiteten Stoff der Vorstunde(n) wiederholen und gleichzeitig in das Thema der kommenden Unterrichtsstunde von der jeweiligen Lehrkraft eingeführt werden. Weiterhin schließt sich die Erarbeitungsphase an. Hier versucht die Lehrperson passende Aufgaben auszuwählen, sodass die Schülerinnen und Schüler kollektiv die Theorie des Lerngegenstandes eigenständig und in seine Vollkommenheit erschließen. Zuletzt wird das Gelernte in der Phase der Ergebnisscherung nochmals zusammengefasst und gegebenenfalls auf einen weiteren Aspekt, der im unmittelbaren Erkenntnisbereich des hier ausgewählten Lerngegenstandes steht, zu übertragen. Dies bildet den Abschluss der Stunde, damit in den darauffolgenden Unterrichtsequenzen daran angeknüpft werden kann.

5.1 Begründung der Methodik des Einstiegs

Wie schon bereits in der Einleitung dieser Arbeit erwähnt, geht der Unterrichtsentwurf davon aus, dass die Schülerinnen und Schüler den Roman Harry Potter und der Stein der Weisen von J.K. Rowling (2002) bereits kapitelweise gelesen haben und anschließend dessen Verfilmung im Ganzen betrachtet haben. So beginnt der Einstieg in die Stunde mit einer inhaltlichen Kurzzusammenfassung der wesentlichsten Aspekte des Spielfilms an. Dies geschieht anhand eines von der Lehrkraft selbst erstellten Quiz´ auf der Lernplattform Kahoot!, welche ein kostenloses und interaktives Lernformat darstellt. Die Vorteile dieses Lernformates sind vielfältig: So kann die Lehrperson schnell, kostenlos und einfach Lernfortschritte kontrollieren und Inhalte spielerisch überprüfen. Zudem besteht die Möglichkeit passgenaue Fragesets zu erstellen, die bestmöglich auf die Inhalte des Lerngegenstandes eingehen. Weiterhin ist die Bedienung dieses Formates simpel und zeitsparend zugleich. Die Schülerinnen und Schüler müssen lediglich mithilfe ihres Smartphones im Browserverlauf Kahoot! öffnen und den von der Lehrperson (an der Tafel oder auf dem Whiteboard) Zahlencode eingeben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Zugangscode

Daraufhin erscheint das Quiz und jeder Lernende kann dieses unter Angabe eines Usernamens gemeinsam Frage für Frage im Kollektiv beantworten. Die von der Lehrkraft erstellten Fragen geben vier Antwortmöglichkeiten vor, jedoch ist nur stets eine davon richtig. Als Exempel wird folgende Beispielfrage aufgezeigt, die restlichen Fragen finden sich im Anhang der Arbeit.24

[...]


1 Vgl. Faulstich, Werner: Grundkurs Filmanalyse, 25ff.

2 Die Wirkungsästhetik wird innerhalb des Stundenverlaufs (siehe Kapitel 5. Methodische Entscheidungen innerhalb des Verlaufsplans) als „Funktion“ von Einstellungsgrößen und Kameraperspektiven bezeichnet.

3 Abraham, Ulf: Filme im Deutschunterricht, S.55.

4 https://www.mebis.bayern.de/infoportal/welten/film/filmanalyse (aufgerufen am 09.06.2020).

5 Ebd. (aufgerufen am 09.06.2020).

6 Ebd. (aufgerufen am 09.06.2020).

7 Vgl. Faulstich, Werner: Grundkurs Filmanalyse, 113ff.

8 Zukünftig abgekürzt durch „AV- Medien“.

9 Vgl. Staiger, Michael: Filmanalyse – ein Kompendium, S. 41.

10 Vgl. Faulstich, Werner: Grundkurs Filmanalyse, S.25ff.

11 Faulstich, Werner: Grundkurs Filmanalyse, S.116.

12 Ebd., S.115.

13 Ebd., S.119.

14 Faulstich, Werner: Grundkurs Filmanalyse, S.119.

15 Ebd., S.116.

16 Jahrgangsstufenlehrplan 7. Klasse, Mittelschule Bayern, S.208ff.

17 Vgl. Abraham, Ulf: Filme im Deutschunterricht, S.27.

18 Vgl. Faulstich, Werner: Grundkurs Filmanalyse, 3. Auflage, 2002.

19 https://www.ardmediathek.de/ard/video/alpha-lernen-oder-deutsch/visuelle-ebene/ard-alpha/Y3JpZDovL2JyLmRlL3ZpZGVvL2M5ZTNkOTQ1LTZhNjktNDgwMy1hNmE5LWZjZjYxMzVkYzk5MQ/, Minute 04:25 – 07:48.

20 JIM- Studie, mpfs 2019, S.2.

21 Vgl. JIM- Studie, mpfs 2019, S.3.

22 Vgl. Comfere, Karin: Interpretation zu Band 1 des Jugendbuchs von Joanne K. Rowling, S. 41.

23 Vgl. Meyer, Hilbert: Zehn Merkmale guten Unterrichts, S.36-43.

24 Unter 8. Anhang finden sich alle erstellten Fragen.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Literarisches Lernen im Medienverbund. Ein Unterrichtsentwurf zum Medium Film und "Harry Potter und der Stein der Weisen"
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
bestanden
Jahr
2020
Seiten
26
Katalognummer
V941668
ISBN (eBook)
9783346273864
ISBN (Buch)
9783346273871
Sprache
Deutsch
Schlagworte
literarisches, lernen, medienverbund, unterrichtsentwurf, medium, film, harry, potter, stein, weisen
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Literarisches Lernen im Medienverbund. Ein Unterrichtsentwurf zum Medium Film und "Harry Potter und der Stein der Weisen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/941668

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