Suizidalität im Jugendalter

Zum Einfluss der Medien und Hilfsangeboten im Internet


Masterarbeit, 2018

90 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Terminologie
2.1 Begriffsbestimmung Jugendalter
2.1.1 Die Entwicklung im Jugendalter
2.1.2 Entwicklungsprobleme und Risikoverhalten
2.2 Begriffsbestimmung Suizidalität
2.2.1 Klassifikationsmöglichkeiten

3. Phänomenologie
3.1 Prävalenz und Epidemiologie
3.2 Suizidmethoden
3.3 Anzeichen und Wahrnehmung jugendlicher Suizidalität
3.3.1 Das präsuizidale Syndrom nach Ringel
3.3.2 Die Stadien der suizidalen Entwicklung nach Pöldinger

4. Ätiologie
4.1 Risikofaktoren
4.2 Erklärungsansätze
4.2.1 Soziologische Ansätze
4.2.2 Psychologische Ansätze
4.2.3 Lerntheoretische und kognitive Ansätze

5. Prävention und Therapie - ein kurzer Überblick

Teil II: Medien und Suizidalität

6. Medien und Suizidalität - eine Einführung
6.1 Begriffsbestimmung Medien
6.2 Ansteckungsphänomene durch Medien? - Der "Werther-Effekt"
6.3 Das Medium Internet
6.3.1 Internetnutzung von Jugendlichen
6.3.2 Kommunikation im Internet
6.3.3 Chats, Foren, Newsgroups - Ein Überblick
6.3.4 Suizidforen
6.3.4.1 Gefahren und Chancen
6.3.4.2 Wie groß ist die Gefahr? - Aktueller Forschungsstand
6.3.5 Präventionsmöglichkeiten und Hilfsangebote im Internet
6.3.5.1 E-Mail & Chat-Beratung der TelefonSeelsorge
6.3.5.2 JugendTelefon und JugendTelefon-Online
6.3.5.3 SMS-Beratung und das Konzept [U25]
6.3.5.4 Wie wirksam sind die Hilfsangebote im Internet? - Aktueller Forschungsstand

7. Fazit

Literaturverzeichnis

„Suizid macht Angst. Suizid ist endgültig. Suizid ist unglaublich. Suizid bei Kindern und Jugendlichen ist unglaublicher. Kein Mensch kann und mag sich vorstellen, dass das Leben für einen jungen Menschen schon so belastend sein kann, dass es sich nicht mehr vorstellen kann, erwachsen zu werden [Hervorhebung S.S.].“ (Knebel/Klüver 2010, S. 19)

Teil I: Suizidalität im Jugendalter

1. Einleitung

Obwohl Suizid ein weltweites Problem darstellt und die thematische Auseinandersetzung damit bis in die Antike zurückreicht, ist der gesellschaftliche Umgang mit diesem Thema von einer starken Ambivalenz geprägt (vgl. Rotthaus 2017, S. 15; Plener 2015, S. 3). Betrachtet man jedoch die Todesursachenstatistik von Deutschland, wird deutlich, dass Suizide die zweithäufigste Todesursache bei den 15- bis 19-Jährigen darstellen. Demnach scheinen Jugendliche aufgrund von entwicklungsbedingten Anforderungen eine erhöhte Anfälligkeit für die Entwicklung von Suizidalität aufzuweisen, weshalb die Thematik durchaus an Berücksichtigung gewinnen sollte (vgl. Baierl 2010, S. 364). So starben in dem Jahre 2012 insgesamt 580 junge Menschen zwischen dem 10. und dem 25. Lebensjahr durch einen Suizid, wobei man weiterhin von einer hohen Dunkelziffer ausgehen muss (vgl. Bründel 2015, S. 9f.).

Insbesondere in den Medien gewann die Thematik an Brisanz, da einige Berichte über Verabredungen zu gemeinsamen Suiziden in sogenannten Suizidforen aufkamen, die in diesem Zusammenhang von einer großen Gefahr für Jugendliche ausgingen. So wurde daraufhin schnell eine Verbindung zwischen Suizidalität und der Mediennutzung hergestellt, wodurch die Thematik auch in der Öffentlichkeit zunehmend diskutiert wurde (vgl. Born, S. 10f.; Fielder 2003, S. 19; Winkel 2005, S. 11). In Anbetracht dessen scheinen Medien einen alternativen Weg der Kommunikation darzustellen, der in Hinblick auf das eingeschränkte Kommunikations- und Sozialverhalten suizidaler Jugendlicher an Relevanz gewinnt. Insbesondere das Medium Internet scheint dabei von besonders großer Bedeutung zu sein, weshalb der Fokus der hier vorliegenden Arbeit auf diese Medienart sowie auf die erwähnten Suizidforen gelegt wurde.

Die vorliegende Arbeit wurde in zwei Teile gegliedert, wobei der erste Teil die theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema Suizidalität im Jugendalter umfasst, woraufhin der zweite Teil diesen inhaltlichen Schwerpunkt im medialen Kontext betrachtet. So soll zunächst die Terminologie der Begriffe Jugendalter und Suizidalität erfolgen, wobei nach einer allgemeinen Begriffsbestimmung (Kapitel 2.1) die Berücksichtigung der Entwicklungsmerkmale sowie der entwicklungsbedingten Herausforderungen des Jugendalters erfolgt (Kapitel 2.1.1 und Kapitel 2.1.2). Anschließend soll ebenfalls eine Begriffsbestimmung von Suizidalität vorgenommen werden (Kapitel 2.2), die daraufhin in Kapitel 2.2.1 in Hinblick auf die verschiedenen Klassifikationsmöglichkeiten vertieft wird. In Kapitel 3 erfolgt eine phänomenologische Betrachtung von Suizidalität, wobei hier der Fokus auf der Erscheinung sowie auf dem epidemiologischen Ausmaß liegt. Anschließend sollen in den Kapiteln 3.3 bis 3.3.2 mögliche Anzeichen jugendlicher Suizidalität hervorgehoben werden, wobei die Vorstellung von zwei prominenten Modelle der suizidalen Entwicklung erfolgt. Kapitel 4 weist daraufhin einen ätiologischen Blickwinkel auf. Dabei sollen sowohl verschiedene Risikofaktoren als auch ausgewählte Erklärungsansätze in Hinblick auf die Entstehung von Suizidalität beleuchtet werden. Diese vorgestellten Erklärungsmodelle sollen darüber hinaus in dem zweiten Teil der Arbeit hinzugezogen und in Bezug auf den medialen Kontext berücksichtigt werden. Kapitel 5, welches einen kurzen Ausschnitt konventioneller Präventions- und Therapiemöglichkeiten abbildet, stellt dann das letzte Kapitel des ersten Teils dieser Arbeit dar.

Der zweite Teil weist dann einen medialen Schwerpunkt auf, wobei auch hier zunächst eine allgemeine Begriffsbestimmung vorgenommen wird. Daraufhin soll eine mögliche „ansteckende“ Wirkung kritisch hinterfragt werden (Kapitel 6.2), die den Medien in der öffentlichen Diskussion nachgesagt wird (vgl. Fiedler 2003, S. 19). Anschließend daran erfolgt die spezifische Betrachtung des Mediums Internet (Kapitel 6.3), wobei zunächst ein allgemeiner Überblick über die Internetnutzung von Jugendlichen geboten wird (Kapitel 6.3.1). In Kapitel 6.3.2 sowie in dem darauffolgenden Kapitel 6.3.3 soll anschließend eine präzisere Betrachtung der für die Arbeit relevanten Eigenschaften des Internets vorgenommen werden. Ab Kapitel 6.3.4 soll der Fokus speziell auf den sogenannten Suizidforen liegen, wobei diese in Hinblick auf einen möglichen Einfluss auf eine bestehende Suizidalität kritisch beleuchtet werden. Hierbei erfolgt zunächst eine Übersicht über die möglichen Gefahren sowie Chancen solcher Foren (Kapitel 6.3.4.1), die daraufhin in Kapitel 6.3.4.2 anhand des aktuellen Forschungsstandes überprüft und hinterfragt werden sollen. Abschließend sollen dann in den Kapiteln 6.3.5 bis 6.3.5.4 verschiedene Präventionsmöglichkeiten vorgestellt werden, die sich verschiedene Medien zunutze machen. Auch an dieser Stelle soll ein kritischer Blick die Funktion sowie die Effizienz solcher Angebote überprüfen.

In Kapitel 7 erfolgt dann das Fazit, dass die Verknüpfung der gewonnenen Erkenntnisse anstrebt. Dabei soll neben der rückblickenden Betrachtungsweise auch ein Ausblick geboten werden, bei dem offene Fragen berücksichtigt werden, um so mögliche zukünftige Forschungsschwerpunkte erarbeiten zu können.

2. Terminologie

In diesem Kapitel sollen nun die relevanten Fachbegriffe erläutert werden, wobei zunächst die Begriffsbestimmung von Jugendalter erfolgt. Hierbei soll zunächst eine Alterseingrenzung vorgenommen werden, bei der relevante Definitionen und Eingrenzungen aus der Fachliteratur vorgestellt werden. In Kapitel 2.1.1 sollen dann die relevanten Entwicklungsmerkmale des Jugendalters vorgestellt werden, wonach dann in Kapitel 2.1.2 die entwicklungsbedingten Herausforderungen und Problemen beleuchtet werden. In Kapitel 2.2 wird daraufhin der Begriff Suizidalität erläutert, der in Kapitel 2.2.1 in Bezug auf die Klassifikationsmöglichkeiten vertieft wird.

2.1 Begriffsbestimmung Jugendalter

Grundsätzlich ist anzumerken, dass der Begriff Jugend in dieser hier vorgestellten Form nicht in jeder Kultur existiert, da dieser auf historischen und kulturellen Grundlagen beruht, die bis in die Antike zurückreichen (vgl. Winkel 2005, S. 18).

Die Begriffsbestimmung von Jugendalter gestaltet sich aufgrund des stetigen Wandels der Lebenssituation von Jugendlichen sowie der Vielschichtigkeit des Begriffs durchaus schwierig. Orientiert man sich an der juristischen Definition, beginnt das Jugendalter mit Vollendung des 14. Lebensjahres, was dann mit Beginn des 19. Lebensjahres von dem Begriff des Heranwachsenden abgelöst wird. Will man jedoch die psychosoziale Entwicklung von Jugendlichen und dessen Zusammenhang mit Suizidalität beschreiben, erscheint diese Definition zu eng gefasst. In der Entwicklungspsychologie steht dieser für die Übergangsperiode zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, was mit einer starken Veränderungsdynamik einhergeht. So werden die Verhaltensformen der Kindheit aufgegeben und der Status sowie die Rolle des Erwachsenseins schrittweise begründet (vgl. Langer 2001, S. 26). Betrachtet man weitere wissenschaftliche Richtungen, wird schnell ersichtlich, dass keine einheitliche interdisziplinäre Verwendung und Definition des Begriffs vorliegt.

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird der Begriff häufig mit Pubertät und Adoleszenz assoziiert, was sich vom lateinische adolescere ableitet und so viel wie „heranwachsen“ bedeutet (vgl. Wunderlich 1999, S. 15). Auch in der deutschsprachigen Fachliteratur wird meist Jugend und Adoleszenz gleichgesetzt, wobei sich dennoch Unterschiede feststellen lassen. So verweist Schwalm (2005) auf Vera King und Burkhard Müller (2000), die eine inhaltliche Differenzierung vornehmen. Hierbei wird der Begriff Jugend laut der AutorInnen vorwiegend gewählt, wenn der Fokus auf soziologischen Merkmalen liegt. Der Begriff Adoleszenz dominiert hingegen insbesondere in der Entwicklungspsychologie und in der psychoanalytischen Forschung. In der Sozial- und Erziehungswissenschaft findet man Verwendung des Begriffs Adoleszenz überwiegend in Zusammenhang mit emotionalen und sozialen Prozessen. Dennoch können die Begriffe Jugend und Adoleszenz grundsätzlich gleichbedeutend gewertet werden, sodass auch in der vorliegenden Arbeit beide Begriffe synonym verwendet werden. Der Begriff Pubertät wird hingegen übereinstimmend von den beiden anderen Begriffen abgegrenzt, der grundsätzlich präziser verwendet wird und bei der Beschreibung von naturbedingten sowie körperlichen Wachstumsprozessen zum Einsatz kommt (vgl. Schwalm 2005, S. 26f.).

Eine weitere Herausforderung, die der Begriff Jugend birgt, bezieht sich auf die Alterseinschränkung. Auch hier findet man eine unterschiedliche Handhabung in der fachlichen Diskussion. Betrachtet man die verschiedene Fachliteratur, lässt sich Einigkeit darüber verzeichnen, dass die Adoleszenz mit Eintreten der Geschlechtsreife beginnt, wodurch der Beginn bei Mädchen etwa zwischen dem 10. und 12. Lebensjahr und für Jungen etwa zwischen dem 12. und dem 14. Lebensjahr liegt. Mit dem Übergang in das Erwachsenenalter, somit mit der abgeschlossenen Ausbildungszeit sowie dem Eintritt in das Berufsleben, endet dann die Jugendphase. Das Erwachsenenalter lässt sich ebenfalls differenzieren, wobei insbesondere das frühe Erwachsenenalter für diese Arbeit relevant ist. Die Grenzen zwischen Jugend und frühem Erwachsenenalter sind fließend, jedoch findet man hierbei meist die Altersmarke bei dem 18. bis 29. Lebensjahr (vgl. Winkel 2005, S. 18). In der vorliegenden Arbeit finden sich ebenfalls Bezüge zu dem frühen Erwachsenenalter, wobei jedoch eine eigene Altersgrenze bei dem 25. Lebensjahr gezogen wird.

Einige WissenschaftlerInnen kritisieren jedoch die Alterseingrenzung bei der Begriffsbestimmung, da sie von einer daraus resultierenden Ungenauigkeit ausgehen. So sei ein genauer Übergang von Kindheit zum Jugendalter oft schwer zu definieren, da sich bereits einige Kinder zwischen dem 9. und 13. Lebensjahr in der Pubertätsphase befinden, wodurch eine deutlich gezogene Altersgrenze zwischen den Lebensabschnitten nicht mehr präzise formuliert werden kann (vgl. Schwalm 2005, S. 27f.). Deshalb findet man in der Literatur verschiedene Möglichkeiten der Definition, die von formalen Kriterien; wie die Volljährigkeit, über verhaltensnahe Kriterien; wie Auszug aus dem Elternhaus, bis zu psychologischen Kriterien; wie etwa Autonomie und psychische Reife, reichen (vgl. Winkel 2005, S. 19).

In Anbetracht des vorliegenden Themas Suizidalität erscheint insbesondere die Definition des Jugendalters bei Suiziden laut WHO (World Health Organisation) interessant. So wird von einem kindlichen Suizid gesprochen, wenn dieser vor dem 15. Lebensjahr vollzogen wird. Ist von Suiziden von Jugendlichen die Rede, so handelt es sich um Personen zwischen dem 15. und 19. Lebensjahr (vgl. Langer 2001, S. 33). In der vorliegenden Arbeit wird jedoch bereits ab dem 13. Lebensjahr von jugendlichen Suiziden gesprochen, was sich somit an der gängigen Grenze des Jugendalters orientiert.

Im folgenden Kapitel sollen nun die Entwicklungsaufgaben nach Havighurst (1948), sowie die relevanten Entwicklungsmerkmale des Jugendalters vorgestellt werden, da diese für die Arbeit grundlegende Informationen beinhalten.

2.1.1 Die Entwicklung im Jugendalter

In jedem Lebensalter steht man vor verschiedenen Herausforderungen, die laut Winkel (2005) erstmals der amerikanische Pädagoge Robert J. Havighurst (1982) thematisierte. Das Konzept der Entwicklungsaufgaben eignet sich besonders um psychologische Bedingungen sowie Besonderheiten einer Lebensspanne zu beschreiben, weshalb es an dieser Stelle kurz erläutert werden soll (vgl. Winkel 2005, S. 19). Das Konzept besagt, dass man in jedem Lebensalter verschiedene Entwicklungsaufgaben antrifft, die sich als „gesellschaftlich-normativ und psychobiologisch determinierte Anforderungen […]“ (Boehnke/Münch zitiert nach Winkel 2005, S. 19) definieren lassen. Es handelt sich um einen lebenslangen Lernprozess, wobei innerhalb der verschiedenen Lebensspannen Zeiträume existieren, die sich hinsichtlich der äußeren und inneren Bedingungen besonders für bestimmte Entwicklungsaufgaben eignen. Viele solcher Aufgaben trifft man im Jugendalter sowie im frühen Erwachsenenalter an, die für die vorliegende Arbeit besonders relevant sind. Hierbei ist zu beachten, dass sich solche Entwicklungsaufgaben teilweise über mehrere Lebensphasen erstrecken, woraus eine komplexe Vernetzung entsteht.

Die Bewältigung dieser Aufgaben und Herausforderungen führen dann zu dem Erwerb verschiedener Kompetenzen und Fertigkeiten, die wiederum für das Leben in der jeweiligen Gesellschaft erforderlich sind. Kann eine Entwicklungsaufgabe nicht adäquat gelöst werden, können zum Teil schwerwiegende Probleme entstehen, die wiederum die Bewältigung nachfolgender Herausforderungen erschweren (vgl. Winkel 2005, S. 20).

Laut Havighurst gehören zu den zentralen Entwicklungsaufgaben in der Adoleszenz die Aufnahme und Vertiefung von Beziehungen zu Gleichaltrigen beider Geschlechter sowie die Übernahme der jeweiligen Geschlechterrolle. Des Weiteren stehen Jugendliche vor der Herausforderung, sich emotional von ihrem Elternhaus abzunabeln und eine eigene Zukunftsperspektive zu entwickeln. Hierzu gehören auch die Vorbereitung auf eine berufliche Karriere und der Aufbau von eigenen Werten sowie einer eigenen Weltanschauung. Ein weiterer wichtiger Aspekt stellt die Akzeptanz der eigenen körperlichen Veränderung und Erscheinung dar, die durchaus wichtig für das eigene Selbstvertrauen sowie Selbstwertgefühl ist. Im frühen Erwachsenenalter (18. bis 30. Lebensjahr) sollte laut Havighurst die Partnersuche sowie die Gründung einer eigenen Familie erfolgen. Auch der Berufseinstieg stellt in dieser Lebensspanne eine zentrale Aufgabe dar (vgl. Schwalm 2005, S. 49f.).

Da sich das Jugendalter bis in das definierte Erwachsenenalter verlängert, kommt es zu Überlappungen, da zentrale Aufgaben, wie beispielsweise die Identitätsbildung oder die Berufsentscheidungen noch nicht innerhalb des Jugendalters vollzogen wurden. Inzwischen lässt sich darüber hinaus eine entgegengesetzte Bewegung einzelner Aufgaben des frühen Erwachsenenalters in Richtung des Jugendalters verzeichnen, da sich eine Vielzahl der Jugendlichen bereits frühzeitig kritisch mit politischen oder gesellschaftlichen Geschehnissen auseinandersetzen.

Wie bereits in dem vorgestellten Konzept der Entwicklungsaufgaben angemerkt, vollzieht sich die Entwicklung im Jugendalter auf vielen verschiedenen Ebenen. So werden Jugendliche mit einer starken körperlichen Veränderung konfrontiert, was wiederum eine psychische Anpassung erfordert. Insbesondere Mädchen und junge Frauen sind oftmals unzufrieden mit ihrer körperlichen Erscheinung. Dies kann jedoch problematische Auswirkungen haben, da ein negatives Körperbild mit der Entwicklung von Essstörungen und auch Depressionen in Verbindung steht (vgl. Winkel 2005, S. 21ff.).

Auf der kognitiven Ebene vollziehen sich ebenfalls bedeutende Veränderungen. So steht insbesondere die Identitätsfindung im Vordergrund, wozu auch die stärkere Reflextion von sich selbst und anderen gehört. Wie bereits erwähnt, stellt die Identitätsentwicklung die zentrale Entwicklungsaufgabe der Adoleszenz dar, wobei ihre Bewältigung bis in das Erwachsenenalter hineinreicht. Es handelt sich dabei um eine sehr komplexe Aufgabe, „welche die Integration aller Dimensionen der Persönlichkeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erfordert“ (Krappmann zitiert nach Winkel 2005, S. 23). Winkel verweist dabei auf Erikson (1968), bei dem Identität die Selbsterkenntnis, die Selbstgestaltung, die Selbstwirksamkeit sowie das Selbstwertgefühl umfasst. Deren Entwicklung erfolgt nicht nur auf intrapersonaler Ebene, sondern zudem auch innerhalb Beziehungen zu anderen. Durch die Interaktion gewinnen Jugendliche neue Erkenntnisse über sich selbst, wobei negative Erfahrungen die Jugendlichen auf eine problematische Weise prägen können. Es kommt außerdem zu einer Erweiterung der Denkoperationen sowie zu einer Veränderung verschiedener bewusstseinsbildender Prozesse. Verschiedene AutorInnen sind der Ansicht, dass erst diese kognitiven Veränderungen Jugendliche zu einem Suizid befähigen, da gewisse kognitive Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um einen Suizid planen und durchführen zu können. Darüber hinaus erfordert der Wunsch zu sterben die kognitive Kompetenz zur Selbstreflexion und zur Selbstentwertung.

Auch auf emotionaler Ebene entwickelt sich eine Reihe von Kompetenzen. So verbessern sich die Fähigkeit zur Regulation des eigenen emotionalen Erlebens sowie die Einnahme der Perspektive Anderer. Trotz der verbesserten Emotionsregulation stellt allerdings die emotionale Labilität ein typisches Kennzeichen des Jugendalters dar, die aufgrund von verschiedenen inneren und äußeren Belastungen zustande kommen kann (vgl. Winkel 2005, S. 22f.).

Auf die zum Teil bereits angeschnittenen negativen Entwicklungsmöglichkeiten soll nun im folgenden Kapitel näher eingegangen werden.

2.1.2 Entwicklungsprobleme und Risikoverhalten

Bei der Entstehung von Suizidalität sind entwicklungsphasentypische, intrapsychische, familiäre sowie psychosoziale Konflikte maßgeblich, weshalb an dieser Stelle das Augenmerk auf die entwicklungsbedingten Probleme der Adoleszenz gelegt werden soll.

Insbesondere das Jugendalter weist ein erhöhtes Risiko für das Erleben von Krisen auf, da diese Zeit durch Umbrüche und große Veränderungen geprägt ist. Durch die vielen verschiedenen Anforderungen und Erwartungen, kann sich schnell Überforderung einstellen. Durchleben Jugendliche eine solche Krise, werden sie mit Hindernissen konfrontiert, die das Erreichen von weiteren Zielen erschweren oder gar verhindern könnten. Es kann dazu kommen, dass Jugendliche in dieser Situation ihren normalen Alltag nicht mehr richtig bewältigen können, da die gewohnten Bewältigungsstrategien keine Wirkung mehr zeigen. Insbesondere instabile Lebensbedingungen führen dazu, dass aus einer normalen Entwicklungskrise, die jeder Mensch durchlebt, eine höchst bedrohliche Situation für den Jugendlichen entsteht, aus der er ohne fremde Hilfe nicht mehr herauskommt (vgl. Knebel/Klüver 2010, S. 23.). Knebel und Klüver (2010) definiert eine solche Krise als „plötzliche oder fortschreitende Verengung der Wertesysteme und der Handlungsfähigkeit. Sie stellt alle bisherigen Erfahrungen, Werte und Normen in Frage. Krisen sind zeitlich begrenzt – und werden als bedrohlich wahrgenommen“ (ebd.). Durch eine solche Krise erfährt der Jugendliche eine Erschütterung seiner gesamten Persönlichkeit, wodurch sein Weltbild an Sicherheit verliert (vgl. ebd., S. 23f.). Im Falle eines zusätzlichen Mangels an sozialen Ressourcen sowie Bewältigungsstrategien, kann nach Winkel (2005) die Entstehung von Suizidalität begünstigt werden.

Entwicklungsbedingte Probleme können grundsätzlich dann auftreten, wenn anstehende Entwicklungsaufgaben nicht adäquat bewältigt wurden. Insbesondere bei der Identitätsentwicklung kann es dazu kommen, dass es zu einem Erleben von Selbstdiskrepanzen kommt. Hierbei besteht eine Unvereinbarkeit von dem „realen“ Selbst mit dem „idealen“ Selbst. Des Weiteren kann ein Versagen in Bereichen, die für das Erleben von Akzeptanz sowie für die Erfahrung des Selbstwerts relevant sind, wie beispielsweise Schule oder auch Gruppenzugehörigkeit, zu Problemen bei der Identitätsentwicklung führen. Besonders im Jugendalter ist die Integration in eine Peergruppe von hoher Relevanz. Sie dient den Jugendlichen als Unterstützung, da Gleichaltrige die gleichen Entwicklungsaufgaben sowie ähnliche Erfahrungen und Denkweisen teilen. Die Peergruppe stellt meist den ersten Ansprechpartner bei Problemen dar und leistet einen entscheidenden Beitrag zur Orientierung und Stabilisierung des Jugendlichen. Darüber hinaus unterstützt sie den Jugendlichen bei seiner Identitätsfindung, die bei der Entwicklung von Suizidalität eine wichtige Rolle spielt. Fehlt ein klares Selbstkonzept, kann der Jugendliche Verwirrung und Angst spüren, was wiederum auf Dauer zu Frustration führt und somit ein Risiko für die Entwicklung von Suizidalität darstellt (vgl. Winkel 2005, S. 25ff.).

Ein weiterer Faktor, der bei der Entwicklung von Jugendlichen relevant ist, ist die psychische Gesundheit. Psychische Störungen treten im Jugendalter etwa so häufig wie im Erwachsenenalter auf. Am häufigsten sind Kinder und Jugendliche von Angststörungen oder von disozialen Störungen betroffen, wobei beide behandlungsbedürftig sind. Des Weiteren sind Essstörungen, Drogenmissbrauch, selbstverletzendes Verhalten sowie depressive Störungen typisch für das Jugendalter. Selbstverletzendes Verhalten kann zudem als Ausdruck einer Nichtbewältigung von Entwicklungsaufgaben angesehen werden, weshalb eine vorschnelle Pathologisierung bei einer einmaligen Selbstverletzung nicht erforderlich ist (vgl. In-Albon u.a. 2015, S. 9).

Neben den genannten entwicklungsbedingten Schwierigkeiten, lassen sich im Jugendalter häufiger Risikoverhaltensweisen beobachten. Hierbei handelt es sich oftmals um eine Rebellion gegen soziale Normen oder Gesetze und dient dem Austesten der eigenen Handlungskompetenzen. Weibliche Jugendliche neigen dabei eher zu internalisierenden Verhaltensweisen, wie beispielsweise dem Konsum von Medikamenten. Männliche Jugendliche weisen hingegen eher externalisierendes Risikoverhalten auf. Bei ersterem handelt es sich um das sogenannte risk-behaviour, das ein substanzmittelbezogenes Risikoverhalten umschreibt. Das risk-taking behaviour, welches vorwiegend bei männlichen Jugendlichen anzutreffen ist, beschreibt risikoreiche Aktivitäten, wie beispielsweise riskante Mutproben. Pelz und Becker (2009) sehen in dem Risikoverhalten von Jugendlichen eine mögliche Bewältigungsform der Entwicklungsaufgaben. Sie verweisen dabei auf Raithel (2004), der in Risikoverhaltensweisen sogar eine eigenständige Entwicklungsaufgabe sieht, wobei diese bei verschiedenen Herausforderungen hilfreich sein können, wie beispielsweise bei einer Aufnahme in eine Peergruppe (vgl. Pelz/Becker 2009, S. 95ff.).

Im nächsten Kapitel soll nun der Begriff Suizidalität näher beleuchtet werden, um so das Verständnis für die weitere Arbeit zu gewährleisten

2.2 Begriffsbestimmung Suizidalität

Grundsätzlich scheint ebenfalls bei dem Begriff Suizidalität Uneinigkeit bei der Definition zu bestehen. Allerdings bildet die Begriffsbestimmung eine notwendige Abgrenzung zu Risikoverhaltensweisen und zu nichtsuizidalen Selbstverletzungen. Hierbei wird die Grenze lediglich auf theoretischer Ebene gezogen werden, da auch hierbei eine gewisse Absicht zu sterben durchaus vorhanden sein kann. Generell erscheint der Begriff unterschiedlich weit gefasst und kann je nach Definition unterschiedliche Verhaltensweisen beinhalten (vgl. Klicpera/Gasteiger-Klicpera 2006, S. 87). Laut Schwalm (2005) stellt er einen Oberbegriff für Suizidgedanken, Suizidpläne sowie für Suizidversuche und weitere Aspekte dar (vgl. Schwalm 2005, S. 22ff.). Auch bei Chehill und Kutcher (2013) umfasst Suizidalität „alle Gedanken und Handlungen mit dem klaren Wunsch zu sterben, d.h. Suizidfantasien, -absichten, -pläne und –versuche“ (Chehill/Kutcher 2013, S. 21). Demnach umfasst suizidales Verhalten „jede vorsätzliche Handlung, Suizidversuch und selbstverletzendes Verhalten eingeschlossen, die unabhängig von der zugrundeliegenden Absicht den eigenen Tod in Kauf nimmt“ (ebd.). Weibels (2015) beschreibt ihn als einen Zustand des subjektiven Leidens, der sich in einer krisenhaften Zuspitzung der Wahrnehmung und des Erlebens äußert. Suizidale Handlungen umfassen demnach alle Handlungen, die das Beenden des eigenen Lebens zum Ziel haben, wobei es zunächst irrelevant ist, ob diese Handlungen dieses Ziel erreichen oder nicht. Somit fallen auch abgebrochene Suizidversuche unter diese Definition, da auch diese eine gewisse Absicht zu sterben beinhalten (vgl. Weibels 2008, S. 5).

Weiterhin kann Suizidalität als „die Summe aller Denk-, Verhaltens- und Erlebensweisen von Menschen, die in Gedanken, durch aktives Handeln oder passives Unterlassen oder durch Handeln lassen den eigenen Tod anstreben beziehungsweise als mögliches Ergebnis einer Handlung in Kauf nehmen“ definiert werden (vgl. Scherr 2016, S. 45).

Einige AutorInnen versuchen allerdings eine Unterteilung in dem Grad der Ernsthaftigkeit vorzunehmen, was jedoch kritisch betrachtet werden muss. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen ist eine Beurteilung der Ernsthaftigkeit nur schwer zu treffen, da häufig aus Unwissenheit Suizidmittel falsch dosiert werden und somit der Ausgang der Handlung durch Unkenntnis als auch durch Zufall geprägt sein könnte. Darüber hinaus wird von einigen die getrennte Betrachtung von vollzogenen Suiziden und Suizidversuchen angestrebt, da beiden Begriffen unterschiedliche Ausgänge zugrunde liegen und sie sich zudem in ihrer epidemiologischen Ausprägung unterscheiden. Allerdings ist auch dieser Aspekt in Bezug auf das Jugendalter kritisch zu hinterfragen, da laut Schwalm (2005) oftmals nicht exakt bestimmt werden kann, welcher Anteil an Suizidversuchen misslungene Suizide darstellen und welcher Anteil an vollzogenen Suiziden misslungene Versuche umfasst (vgl. Schwalm 2005, S. 21).

Als sinnvolle Definition erscheint demnach die Begriffsbestimmung nach Malchau (1987), bei der „[...] Suizidhandlungen von Jugendlichen als paradoxe Handlungen [bezeichnet werden], mit denen unterschiedliche Intentionen verfolgt werden und deren letaler Ausgang in der Regel eine zwar mitgedachte, aber nicht immer gewünscht und unter Verfolgung anderer Intentionen häufig eine unvermeidbare Handlungsfolge darstellt“ (Malchau zit. nach Schwalm 2005, S. 22). Eine Unterteilung in die verschiedenen Ausprägungen der Suizidalität soll in dem darauffolgenden Kapitel vorgenommen werden.

Neben der allgemeinen Begriffsbestimmung von Suizidalität, scheint ebenfalls bereits bei der Begriffswahl der suizidalen Handlung Uneinigkeit zu bestehen. So findet man in der Literatur häufig den Begriff Selbstmord, der jedoch von vielen AutorInnen als negativ behaftet gewertet wird, da dieser mit einer gewissen moralischen Verwerflichkeit sowie mit dem Gesetzesbruch assoziiert wird. Der Begriff Mord beschreibt demnach ein Verbrechen aus niederen Beweggründen, das insbesondere eine bewusste Handlung voraussetzt, was wiederum unbewusste suizidale Tendenzen missachtet. Ebenfalls häufig zu finden ist der Begriff Freitod, wobei dieser im Gegensatz zu dem Begriff Selbstmord positiv behaftet ist. So beschreibt dieser laut Weibels (2015) einen Akt der menschlichen Freiheit, wobei ein Suizid meist kein Ausdruck von Freiheit oder Wahlmöglichkeit ist. Einer der bekanntesten Vertreter dieser Begriffswahl ist Améry (1979), der den Suizid als Ausdruck von Freiheit sieht, da jedem Menschen die Wahl für oder gegen einen Suizid zusteht: „Im Augenblick, wo ein Mensch sich sagt, er könne das Leben hinwerfen, wird er schon frei [...]. Denn nun gilt nichts mehr. Die Last, nur ein paar Meter noch ist sie zu tragen“ (Améry zit. nach Weibels 2015, S. 7). Ähnlich schwierig scheint es sich mit dem Begriff der Selbsttötung zu verhalten, da hierbei die suizidale Handlung auf das Motiv des Sterbens reduziert wird. Das stellt laut Schwalm (2005) allerdings nicht die einzige Eigenschaft von Suizidalität dar, da vielmehr von einer Vielzahl von widersprüchlichen Intentionen ausgegangen werden kann, die der Suizidalität zugrunde liegen können (vgl. Schwalm 2005, S. 20). Der Begriff Suizid erscheint in der Literatur am wertneutralsten, weshalb dieser auch in der vorliegenden Arbeit verwendet wird. Darüber hinaus soll auch hier suizidales Verhalten mit allen Handlungen sowie Ideen, die mit der Absicht des eigenen Todes einhergehen, beschrieben werden.

Grundsätzlich kann Suizidalität als ein komplexes System verstanden werden, das sich auf die Bewertung von sich als Person, die Wertigkeit der sozialen Beziehungen, die eigene Sicht auf die Zukunft sowie auf die Veränderbarkeit der aktuellen Situation bezieht (vgl. Weibels 2008, S. 6). Suizidales Erleben sowie Suizidversuche lassen sich als einen Ausdruck einer Zuspitzung von psychischen Prozessen verstehen, bei der sich die betroffene Person hilflos und verzweifelt fühlt und die aktuelle Situation als ausweglos betrachtet. Diese Lage ist meist geprägt durch interpersonelle Konflikte, Trennungen oder Tod eines nahestehenden Menschen, sowie durch Kränkungen oder berufliche Probleme. Des Weiteren kommt es häufig zu einer Vereinsamung sowie zu einem Verlust des Selbstwertgefühls, was insbesondere bei älteren Menschen anzutreffen ist. So weisen suizidale Menschen laut Fiedler und Lindner (1999) meist ein stark gekränktes Selbstwertgefühl auf, weshalb sie auf kleinere Kränkungen oder andere Belastungen hoch sensibel reagieren. Bei einigen betroffenen Personen bestehen traumatische Beziehungserfahrungen oder auch nicht ausreichend bewältigte Ablösungs- und Autonomiekonflikte, wodurch Suizidalität als eine Reaktion auf diese Situation verstanden werden kann (vgl. Fiedler/Lindner 1999, S. 7). Des Weiteren haben sie meist große Schwierigkeiten sich mit ihren Gedanken an Andere zu wenden, da sie sich selbst als schwach und gescheitert betrachten und sie befürchten, ihr Gegenüber könnte sie ebenfalls so wahrnehmen. Zudem plagt sie die Angst vor einer Stigmatisierung und Hospitalisierung, weshalb sie sich meist aus sozialen Beziehungen zurückziehen (vgl. Fiedler 2003, S. 34f.). Ähnlich sieht es auch Rotthaus (2017), der Suizide ebenfalls als einen Lösungsversuch beschreibt, um der als unlösbar empfundene Situation zu entkommen (vgl. Rotthaus 2017, S. 12). Für Jugendliche kann der Weg zum Erwachsensein eine große Hürde darstellen, die aufgrund von verschiedenen Faktoren, wie beispielsweise ein konfliktreiches Elternhaus oder Schwierigkeiten im Freundeskreis unüberwindbar erscheint. Treffen auf diese Faktoren eine besonders stark ausgeprägte Impulsivität oder depressive Verstimmungen, steigt das Risiko für das Entwickeln von Suizidalität an.

Des Weiteren dienen Psychische Erkrankungen häufig als Auslöser oder auch als zugrundeliegende Bedingung. Grundsätzlich tritt Suizidalität bei allen psychischen Erkrankungen gehäuft auf, wobei dies insbesondere auf Depressionen, Psychosen sowie Suchterkrankungen zutrifft (vgl. Klicpera/Gasteiger-Klicpera 2006, S. 87).

2.2.1 Klassifikationsmöglichkeiten

Ein vollendeter Suizid ist ein eher seltenes Phänomen. So heben Chehill und Kutcher (2013) hervor, dass auf jeden vollendeten Suizid etwa 20 Suizidversuche kommen. Suizidgedanken sind noch häufiger anzutreffen. Weiterhin benennen sie, dass solche Gedanken etwa sechs Mal so häufig vorkommen wie Suizidversuche und etwa 100 Mal häufiger als vollendete Suizide auftreten (vgl. Chehill/Kutcher 2013, S. 18). Wie bereits angeführt, lässt sich Suizidalität in Suizidgedanken, Suizidversuche sowie in vollendete Suizide unterteilen, wobei diese nun ausführlicher vorgestellt werden sollen.

Die leichteste Ausprägung von Suizidalität stellen suizidale Gedanken dar. Hierbei kann es sich sowohl um unspezifische Gedanken als auch um eine regelrecht zwanghafte Beschäftigung mit dem Thema Suizid handeln (vgl. Pelz/Becker 2009, S. 108). Sie umfassen somit alle Gedanken und Vorstellungen, sich selbst zu verletzen oder das eigene Leben zu beenden (vgl. Chehill/Kutcher 2013, S. 21). Im ICD-10 werden sie wie folgt beschrieben

„Gedanken und Grübeln [definiert], sich das Leben zu nehmen. Auftreten bei schweren Depressionen oder schizophrene Psychosen. Sie können sich dann darum kreisen, sich aus der unerträglichen Situation zu befreien. In Verbindung mit Schuldgefühlen oder Versündigungswahn kann dem Kranken auch der Gedanke kommen, sich selbst bestrafen zu müssen. Die Gedanken können auch den Charakter von erschreckenden, von Zwang geprägten Ankündigungen haben ohne begleitende aktuelle Todeswünsche [Hervorhebung S.S.]“ (Dilling 2009, S. 178).

Man kann darüber hinaus zwischen aktiven und passiven Gedanken unterscheiden, wobei man bei der gedanklichen Beschäftigung von aktiven Gedanken spricht und es sich bei aufdrängenden Phantasien um die passive Form handelt (vgl. Weibels 2015, S. 9). Suizidabsichten beschreiben dabei Vorüberlegungen, die zudem Vorankündigungen beinhalten können. Meist hat der Betroffene sich bereits für eine Methode entschieden und bringt seinen Wunsch zu sterben direkt oder indirekt zum Ausdruck. Suizidpläne beinhalten dann die genaue Methode, den Zeitpunkt des geplanten Suizides sowie den Ort hierfür. Die Gefährdung der Person steigt mit der Konkretisierung dieser Pläne (vgl. Bründel 2015, S. 16).

Ein Suizidversuch stellt laut Chehill und Kutcher (2013) eine vorsätzliche Handlung dar, die mit dem Wunsch zu sterben einhergeht, jedoch keinen tödlichen Ausgang beinhaltet (vgl. Kutcher/Chehill 2013, S. 21). Er lässt sich laut WHO wie folgt beschreiben:

„Handlung mit nicht-tödlichem Ausgang [beschreiben], bei der ein Individuum entweder gezielt ein nicht-habituelles Verhalten zeigt, das ohne Interventionen von dritter Seite eine Selbstschädigung bewirken würde, oder absichtlich eine Substanz in einer Dosis einnimmt, die über die verschriebene oder im Allgemeinen als therapeutisch angesehene Dosis hinausgeht und die zum Ziel hat, durch die aktuellen oder erwarteten Konsequenzen Veränderungen zu bewirken [Hervorhebung S.S.]“ (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie zit. nach Klicpera/Gasteiger-Klicpera 2006, S. 87).

Auch hierbei lassen sich weitere Unterscheidungen vornehmen. So spricht man von einem maskierten Suizidversuch, wenn es sich beispielsweise um eine Überdosierung von Medikamenten oder einem inszenierten Autounfall handelt. Demonstrative Suizidversuche beschreiben hingegen offensichtliche Suizidhandlungen, wie beispielsweise die eigene Strangulation oder das Aufschneiden der Pulsadern. Laut Weibels (2015) lassen sich Suizidversuche mit den Begriffen abgebrochen und unterbrochen beschreiben, wobei unterbrochen das Eingreifen durch Dritte meint und es sich bei abgebrochenen Suizidversuchen um Unterbrechungen durch den Suizidenten selbst handelt (vgl. Weibels 2015, S. 9f.).

Ein Vollendeter Suizid stellt eine vorsätzliche Handlung dar, die ebenfalls mit der Intention zu sterben einhergeht und im Vergleich zu Suizidversuchen tödlich endet (vgl. Chehill/Kutcher 2013, S. 21). Zu den vollendeten Suiziden zählt außerdem der erweiterte Suizid, bei denen weitere Personen mit in den Tod gerissen werden. Deren Einverständnis ist dabei meist nicht eindeutig nachzuprüfen. Ein bekanntes Beispiel eines erweiterten Suizides stellt der absichtliche Absturz am 24.03.2015 in Südfrankreich dar, der durch den Copiloten ausgeführt wurde und 150 Passagieren das Leben kostete (vgl. Weibels 2015, S. 8).

Einige AutorInnen unterscheiden bei Suizidalität weiterhin zwischen einer appellativen Form und einem tatsächlichen Todeswunsch. Bei der ersten Form lassen sich häufig auch intentional-manipulative Kommunikationselemente feststellen, wobei es sich meist um einen Ausdruck von Enttäuschung und Kränkung handelt. Bei Jugendlichen kommt dies in einigen Fällen beispielsweise nach Beziehungsproblemen vor. Solche Suizidversuche gehen nicht mit einem Todeswunsch einher, sondern stellen vielmehr einen Appell an die bestimmte Person dar, weshalb meist eine sogenannte weiche Methoden gewählt und offene Ankündigungen getätigt werden. Dennoch muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass Suizidversuche ebenso ernsthaft wie vollendete Suizide behandelt werden sollten, da grundsätzlich vorangegangene Suizidversuche das Risiko für nachfolgende Suizide erhöhen (vgl. Bründel 2015, S. 17).

3. Phänomenologie

In den folgenden Kapiteln soll Suizidalität in ihrer Erscheinung sowie in ihrem epidemiologischen Ausmaß vorgestellt werden. Epidemiologische Befunde beinhalten die Auftretenshäufigkeit und sollen außerdem Auskunft über den Einfluss von verschiedenen Faktoren wie beispielsweise Alter oder Geschlecht geben (vgl. Winkel 2005, S. 50). Damit die Vorstellung der epidemiologischen Befunde übersichtlich bleibt, soll auch hierbei die Bearbeitung der verschiedenen Ausprägungen nach dem Schweregrad geordnet erfolgen. Des Weiteren sollen in Kapitel 3.2 die von Jugendlichen bevorzugten Suizidmethoden vorgestellt und ein allgemeiner Überblick über die Verteilung der gewählten Mittel geboten werden.

3.1 Prävalenz und Epidemiologie

Wie bereits erwähnt, gelten als leichteste Ausprägungen von Suizidalität suizidale Gedanken und Wünsche. Grundsätzlich lässt sich hierzu sagen, dass sich insbesondere bei Jugendlichen ein häufiges Auftreten solcher Gedanken beobachten lässt. So berichtet Winkel (2005) von suizidalen Gedanken bei 20% der Jugendlichen, wobei diese in Passagen auftreten und oft nur ein vorübergehendes Phänomen darstellen (vgl. Winkel 2005, S. 50). Plener (2015) verweist auf eine Studie, die 17 europäische Nationen in Bezug auf suizidale Gedanken bei 15- bis 16-jährigen Jugendlichen untersuchte. Hierbei konnte eine mediale Prävalenz von 30,8% ermittelt werden. Ähnliche Zahlen konnten Studien hervorheben, die Schülerpopulationen in Deutschland untersuchten. So gaben 35,9% der Jugendlichen aus einer Schulstudie mit 665 SchülerInnen der neunten Jahrgangsstufe an, dass sie zumindest einmalig suizidale Gedanken hatten (vgl. Plener 2015, S. 17). Auch Born (2005) berichtet, dass sich suizidale Gedanken bei etwa 15% bis 30% der Jugendlichen in der Pubertät feststellen lassen, wobei auch hier betont wird, dass solche suizidalen Gedanken nicht unbedingt auf eine suizidale Gefährdung hindeuten müssen (vgl. Born 2005, S. 35). Zu konkreten Suizidplänen existieren kaum konkrete Zahlen, wobei ein Zuwachs solcher Vorkommnisse erst mit dem 15. Lebensjahr zu verzeichnen sind. Plener (2005) verweist hierbei ebenfalls auf eine deutsche Schulstudie, die 239 SchülerInnen mit Suizidgedanken zu konkreten Plänen befragte. Dabei gaben 42,7% der TeilnehmerInnen an, bereits unspezifische Suizidpläne gehabt zu haben, wobei 17,6% angaben, sogar konkrete Pläne entwickelt zu haben (vgl. Plener 2015, S. 18).

Bei Suizidversuchen existieren kaum offizielle Zahlen, da diese nicht registriert werden und deshalb Angaben diesbezüglich hauptsächlich auf Befragungen basieren. Dennoch lässt sich auch hierbei eine Zunahme mit dem Lebensalter verzeichnen, wobei der Anteil der Jugendlichen, die sich nach einem Suizidversuch in ärztlicher Behandlung befinden, überwiegend weiblich ist (vgl. Klicpera/Gasteiger-Klicpera 2006, S. 87). Knebel und Klüver (2015) geben hierbei an, dass bei jungen Erwachsenen auf jeden vollendeten Suizid schätzungsweise 20 bis 30 Suizidversuche erfolgen (vgl. Knebel/Klüver 2015, S. 16). Auch Winkel (2005) berichtet, dass Suizidversuche insbesondere bei jüngeren Menschen überwiegen und in der Geschlechterverteilung vorwiegend von Mädchen unternommen werden. Die höchste Rate liegt dabei bei jungen Frauen zwischen dem 15. und dem 24. Lebensjahr und bei Männern zwischen dem 15. und dem 24. Lebensjahr (vgl. Winkel 2005, S. 52). Nach Plener (2015) berichtet twa jeder zwölfte Jugendliche in Deutschland bereits einen Suizidversuch unternommen zu haben (vgl. Plener 2015, S. 19). Obwohl man bei suizidalen Gedanken nicht vorschnell von einer akuten Gefährdung ausgehen sollte, raten die AutorInnen jedoch Suizidversuche stets ernst zu nehmen, da diese häufiger mit einer bestehenden Psychopathologie einhergehen (vgl. Winkel 2005, S. 51f.).

In Bezug auf vollzogene Suizide lässt sich hervorheben, dass jährlich weltweit etwa Eine Millionen Menschen durch Suizide sterben. Laut Scherr (2016) gehen Schätzungen davon aus, dass es bis zu dem Jahr 2020 jährlich etwa 1,5 Millionen Menschen sein werden (vgl. Scherr 2016, S, 43). In Deutschland belief sich die allgemeine Zahl der Suizide im Jahre 1995 auf etwa 13.000 Menschen, wobei etwa 250.000 Suizidversuche hinzukommen (vgl. Knapp 1995, S. 5). Grundsätzlich lässt sich kaum eine Statistik zu Suiziden als wirklich verlässlich deklarieren, da man von einer hohen Dunkelziffer ausgehen muss. So stellen etwa 10% bis 20% der jugendlichen Tode durch Drogen und Unfällen maskierte Suizide dar. Suizide sind zwar selten, dennoch lässt sich sagen, dass ein Suizid mit etwa 12% bis 15% bei den 15- bis 19-Jährigen die zweithäufigste Todesursache nach Unfällen darstellt, wobei die höchste Suizidrate jedoch bei Personen über 60 Jahren liegt (vgl. Baierl 2010, S. 364; Klicpera/Gasteiger-Klicpera 2006, S. 87; Born 2005, S. 34).

Weibels (2015) verweist auf die Daten des Statistischen Bundesamtes, das für das Jahr 2010 etwa 17% Suizide unter den Todesursachen bei den 15- bis 20-Jährigen angibt. So lässt sich festhalten, dass etwa jeder vierte Tod der unter 30-Jährigen durch einen Suizid erfolgt ist (vgl. Weibels 2015, S. 13). Auch Plener (2015) berichtet, dass sich pro Jahr etwa 200 Jugendliche vor dem 18. Lebensjahr in Deutschland das Leben nehmen (vgl. Plener 2015, S. 19). In der Altersgruppe der Kinder und Jugendliche zwischen dem 10. und dem 15. Lebensjahr, ließen sich im Jahre 2012 20 Suizide verzeichnen. Im Jahre 2014 stieg die Zahl sogar auf 28 Suizide an (vgl. Rotthaus 2017, S. 28). Grundsätzlich lässt sich in Bezug auf die Altersverteilung festhalten, dass Suizide ab dem 13. Lebensjahr bis zu dem 24. Lebensjahr an Häufigkeit zunehmen und dann vorerst konstant bleiben (vgl. Weibels 2015, S. 13f.).

In Hinblick auf die Geschlechterverteilung geben Knebel und Klüver (2015) an, dass es sich bei etwa 18% der Todesfälle bei Männern im Alter von 15 bis 25 Jahren um einen Suizid handelt. Bei Frauen liegt der Anteil bei 11,2% (vgl. Knebel/Klüver 2015, S. 16). Generell sind somit männliche Personen häufiger unter den Suizidenten, was jedoch teilweise an der gewählten Methode liegt (vgl. Klicpera/Gasteiger-Klicpera 2006, S. 87; Weibels 2015, S. 13f.). Weibels verweist zudem bei dem Geschlechterunterschied auf die Erklärung der WHO:

„Gender equality issues, differences in socially acceptable methods of dealing with stress and conflict for men and women, availability of and preference for different means of suicide, availability and patterns of alcohol consumption, and differences in careseeking rates for mental disorders between men and women [Hervorhebung S.S.]“ (World Health Organization zit. nach Weibels 2015, S. 14).

Auch Bründel (2015) erklärt den Geschlechterunterschied mit geschlechtsspezifischen Sozialisationseinflüssen sowie unterschiedlichen Erziehungsverhalten gegenüber Jungen und Mädchen (vgl. Bründel 2015, S. 25).

Baierl (2010) verweist dennoch auf einen allgemeinen Rücklauf der Suizidrate, der möglicherweise für die verbesserte Behandlungsmethode und somit Rettungsmöglichkeiten der Suizidenten spricht (vgl. Baierl 2010, S. 364). Winkel (2005) tendiert in ihren Äußerungen auch eher zu einem rückläufigen Trend, wobei die Autorin betont, dass solche Angaben mit Vorsicht bewertet werden sollten, da nach wie vor viele Suizide nicht als solche erkannt werden und deshalb ein zeitlicher Trend schwer zu bestimmen ist. Hinzu kommt, dass die medizinische Versorgung deutlich verbessert ist, was daraus schließen lässt, dass zwar viele Suizidenten rechtzeitig gerettet werden können, die eigentliche Zahl der Suizidversuche jedoch nicht sinkt. Im Gegensatz zu Deutschland, lässt sich beispielsweise für die USA ein Anstieg um 14% bei den Suiziden der 14- bis 19-Jährigen verzeichnen (vgl. Winkel 2005, S. 57f.).

Wie bereits angeführt, spielt bei dem tödlichen beziehungsweise nicht-tödlichen Ausgang von Suiziden ebenfalls die Methodenwahl eine erhebliche Rolle, weshalb diese im folgenden Kapitel kurz dargestellt werden soll.

3.2 Suizidmethoden

Auch in Hinblick auf die Suizidmittel lassen sich verschiedene Einteilungen vornehmen. So lassen sie sich zunächst in aktive Handlung, wie beispielsweise Sturz aus großer Höhe, Erhängen sowie Erschießen oder in passive Handlung, wie die Einnahme von Tabletten, Giften sowie Gasen, einordnen. Eine weitere Unterscheidung bezieht sich auf die Überlebenschance bei der Durchführung der gewählten Suizidmethode, wobei man hier zwischen den sogenannten weichen und harten Methoden unterscheidet. Zu den harten Methoden zählen unter anderem Erhängen, Erschießen oder der Sprung aus großer Höhe. Suizidmethoden wie beispielsweise Überdosierung von Tabletten und somit die Selbstvergiftung zählen zu den sogenannten weichen Methoden. Grundsätzlich geben verschiedene AutorInnen an, dass weibliche Suizidenten die sogenannten weichen Methoden bevorzugen und die männlichen eher harte Mittel wählen (vgl. Klicpera/Gasteiger-Klicpera 2006, S. 91; Knapp 1995, S. 36). Als mögliche Erklärung für den geschlechtsspezifischen Unterschied nennt Knapp (1995) den möglichen Einfluss der geschlechtsspezifischen Erziehung, wonach Mädchen eher zur Sanftheit erzogen werden. Ebenfalls wäre es möglich, dass weibliche Suizidenten eher zu den vermeintlich schmerzfreieren Mitteln tendieren (vgl. Knapp 1995, S. 36). Allerdings kann für die Wahl der Methode auch lediglich die Verfügbarkeit beziehungsweise Zugänglichkeit des Mittels ausschlaggebend sein. So hängt dies laut Weibels (2015) beispielsweise von existierenden Waffengesetzen ab, weshalb in Ländern, in denen ein Waffenverbot herrscht, seltener Suizide durch Erschießen verzeichnet werden. In Ländern wie China oder Hongkong, die über viele Hochhäuser verfügen, stellt der Sturz aus großer Höhe eine besonders häufige Suizidmethode dar. Eine Unterscheidung der Mittel hinsichtlich der Ernsthaftigkeit der Suizidabsicht sollte kritisch betrachtet werden, da auch hinter den sogenannten weichen Methoden ernste Absichten stecken können. Weitere Kriterien zur Auswahl der Suizidmethode können beispielsweise finanzielle Aspekte oder auch kulturelle Hintergründe sein.

Hinsichtlich des Jugendalters scheint insbesondere die Verfügbarkeit der Mittel eine entscheidende Rolle bei der Wahl zu sein. So gibt Weibels (2015) an, dass alle Altersgruppen die sogenannten harten Methoden bevorzugen, wobei insbesondere junge Menschen darauf zurückgreifen. So wählten im Jahre 2006 81,5% der 10- bis 15-Jährigen eine der harten Mittel aus. Im Jahre 2012 erfolgten etwa 45% aller Suizide in Deutschland durch Strangulation. Die zweithäufigste Methode im Jahre 2012 stellte in allen Altersgruppen allerdings die Selbstvergiftung dar, die zu den sogenannten weichen Mitteln zählt. Als dritthäufigste Methode wurde der Sturz aus großer Höhe oder der Tod durch ein sich bewegendes Objekt gewählt. Allerdings wird grundsätzlich eine Vielzahl der vollendeten Suizide ohne Angabe der gewählten Methode registriert. So konnten ebenfalls für das Jahr 2012 mehr als 2000 Tode durch einen Suizid ohne Angabe der Methodenwahl verzeichnet werden (vgl. Weibels 2015, S. 10ff.).

3.3 Anzeichen und Wahrnehmung jugendlicher Suizidalität

„Signale erkennen, bedeutet Hinschauen zu müssen. Hinschauen bedeutet, in Kontakt zu gehen – und dies bedeutet, Mut zu haben, den eigenen Wahrnehmungen zu trauen, dem Menschen nahe zu kommen und ihm ein Angebot zu machen [Hervorhebung S.S.]“ (Knebel 201, S. 26.).

In diesem und in den folgenden Kapiteln soll der Fokus auf den Anzeichen von Suizidalität bei Jugendlichen liegen. Hierbei sollen insbesondere das präsuizidale Syndrom nach Ringel (1953) sowie die Stadien der suizidalen Entwicklung nach Pöldinger (1968) hervorgehoben werden, die sich auf die Dynamik von Suizidalität beziehen.

Suizidale Jugendliche senden meist bewusst oder unbewusst verschiedene Signale an ihr Umfeld. Etwa 80% aller Suizide werden im Vorfeld angekündigt, weshalb die Erkennung dieser Signale maßgeblich zu Verhinderung eines Suizids beitragen kann. Zu den allgemeinen Signalen, die einem Suizid vorausgehen können, gehören unter anderem der Rückzug aus sozialen Beziehungen sowie aus Freizeitaktivitäten und ein Abfall der Leistungen. Viele Jugendliche neigen außerdem zu einem vermehrten Alkohol- und Drogenkonsum und zeigen häufig autoaggressives Verhalten. In vielen Fällen lässt sich zudem beobachten, dass die Jugendliche private Dinge verschenken, die ihnen einst viel bedeutet haben. Knebel und Klüver (2010) erklären, dass nicht das eine bedeutende Signal existiert, sondern dass es sich meist um viele kleine Hinweise handelt, die als solche erkannt und ernst genommen werden müssen. Die Aussage „Die, die es sagen, springen nicht und die, die springen sagen es nicht“ (Käsler/Nikodem zit. nach Knebel 2010, S. 26) ist empirisch nicht haltbar, weshalb jegliche Signale auf eine konkrete Suizidgefährdung hindeuten können und deshalb nicht verharmlost werden sollten (vgl. Knebel/Klüver 2010, S. 25f.).

Baierl (2010) beschreibt den Prozess der Suizidalität ambivalent und langwierig. So geschieht die Auseinandersetzung mit dem Thema Suizid meist lange im Voraus, was jedoch durch eine starke Ambivalenz geprägt ist und meist sogar bis zu der eigentlichen Durchführung anhält. Auch hierbei wird auf die Änderung von Gewohnheiten sowie eine Veränderung des Verhaltens hingewiesen, was als Anzeichen für eine akute Suizidalität dienen kann (vgl. Baierl 2010, S. 367).

3.3.1 Das präsuizidale Syndrom nach Ringel

Das präsuizidale Syndrom wurde 1953 von dem Wiener Psychiater Erwin Ringel beschrieben, das sich auf die Auswertung der Untersuchung von 745 erwachsenen Suizidenten bezieht, die sich nach ihrem Suizidversuch in einer Wiener Klinik aufhielten und die Beschreibung der suizidalen Entwicklung zum Ziel hat. Die Erkenntnisse des Konzeptes wurden später auch auf die Adoleszenz und auf das Alter angewandt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 90 Seiten

Details

Titel
Suizidalität im Jugendalter
Untertitel
Zum Einfluss der Medien und Hilfsangeboten im Internet
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
90
Katalognummer
V941940
ISBN (eBook)
9783346321800
Sprache
Deutsch
Schlagworte
suizidalität, jugendalter, einfluss, medien, hilfsangeboten, internet
Arbeit zitieren
Sarah Schäfer (Autor), 2018, Suizidalität im Jugendalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/941940

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