Ist die theologische Reflexion auf die Frage, ob auch Frauen die heiligen Weihen empfangen können, von vornherein zum Scheitern verurteilt, wenn Hans Urs von Balthasar seine „Gedanken zum Priestertum der Frau“ damit einleitet, dass er feststellt, dass „[d]ie Forderung, Frauen zum Weihepriestertum zuzulassen, […] sich wesentlich auf soziologische, nicht auf theologische Erwägungen“ stützt? Und ist also mit der Erklärung Papst Johannes Pauls II. aus dem Jahre 1994 im Apostolischen Schreiben »Ordinatio Sacerdotalis«, „daß die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und daß sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben" endgültig das letzte Wort gesprochen , wirklich „jeder Zweifel […] beseitigt“? Wenn sowohl der Katechismus der katholischen Kirche , als auch der aktuelle und rechtsgültige Codex des katholischen Kirchenrechts, der CIC 1983 konstatiert, dass „[d]ie heilige Weihe […] gültig nur ein getaufter Mann [empfängt]“ , läuft dann die bewusst offen gehaltene Frage Karl Rahners „Priestertum der Frau?“ – mit der er 1977 einen Beitrag in den »Stimmen der Zeit« betitelte – von vornherein ins Leere?
Sicherlich ist von einem Theologen vom Formate Karl Rahners kaum zu erwarten, dass er sich unsinnigen, weil letztgültig beantworteten, Fragen stellt. Genauso weist schon das große Spektrum an theologischen Positionierungen zur Frage des Frauenpriestertums darauf hin, dass die damit verbundenen Fragestellungen, Problemlagen und Argumentationsmodelle, komplizierter und deutungspluraler zu sein scheinen, als die suggerierte Eindeutigkeit und Endgültigkeit im Schreiben Papst Johannes Pauls II. vermuten lässt. Wie notwendig eine solche ist, zeigt sich einerseits in der hohen Emotionalität , mit der die Debatte auf beiden Seiten seit Jahrzehnten geführt wird. Andererseits und vor allem jedoch an der Dringlichkeit, die sich aus den theologischen Fragestellungen unmittelbar ergibt. Zwar scheint es zu stimmen, dass die Forderung zum Priestertum der Frau zuvorderst aufgrund soziologischer (nicht theologischer!) Überlegungen virulent wurde, wie Hans Urs von Balthasar – eingangs schon zitiert – konstatiert . Allerdings ist mit Wolfgang Beinert ebenso festzuhalten, dass das Thema Frauenordination auch zwei ganz zentrale Felder katholischer Theologie besetzt. Zunächst die ganze Palette dogmatischer Traktate wie Schöpfungs- und Sakramentenlehre, Anthropologie, Christologie, Ekklesiologie, Mariologie, uvm. ....
Inhaltsverzeichnis
1. Die geltende Position der Kirche zum Thema »Frauenordination« im Lichte einer kritischen Würdigung derselben
1.1. Hl. Schrift
1.2. Lehramt
1.3. Tradition
1.4. Zu Autorität und Verbindlichkeit des bisher Gesagten
2. Thomas Rusters Vorschlag für eine 'neue Gestalt des kirchlichen Amtes'
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Seminararbeit untersucht das Amtsmodell von Thomas Ruster auf seine Konsequenzen für die kirchliche Frauenordination. Ziel ist es, die derzeitigen lehramtlichen Argumente kritisch zu prüfen und zu analysieren, ob Rusters Neukonzeption des kirchlichen Amtes – basierend auf einer munera-Theologie und dem gemeinsamen Priestertum aller Getauften – den Ausschluss von Frauen vom Weiheamt hinfällig macht.
- Kritische Analyse des aktuellen lehramtlichen Ausschlusses von Frauen von der Priesterweihe.
- Untersuchung der biblischen, traditionellen und lehramtlichen Argumentationsstränge.
- Vorstellung von Thomas Rusters Modell einer neuen Gestalt des kirchlichen Amtes.
- Verhältnisbestimmung zwischen dem dreifachen Amt Christi und dem Weiheamt.
- Reflexion über die Vereinbarkeit von Rusters Modell mit einer sakramentalen Frauenordination.
Auszug aus dem Buch
1.1. Hl. Schrift
Bei aller theologischer Differenziertheit lässt sich innerhalb der theologischen Positionierungen zum biblischen Befund über die Frage des Frauenpriestertums kein eindeutiges Urteil fällen. Selbst die päpstliche Bibelkommission kam schon 1976 im Vorfeld der Veröffentlichung des lehramtlichen Schreibens »Inter Insigniores«, das den Ausschluss der Frauenordination in der katholischen Kirche lehramtlich und nachdrücklich bezeugen und begründen sollte, zu dem »eindeutig uneindeutigen« und ambigen Ergebnis:
„It does not seem that the New Testament by itself alone will permit us to settle in a clear way and once and for all the problem of the possible accession of women to the presbyterate.“
Zusätzliches Gewicht erhält der Befund der Kommission durch die Tatsache, dass von den 17 Kommissionsmitgliedern 12 – also knapp Zweidrittel! – zu dem Urteil kamen,
„die Kirche könne die Dienste der Eucharistie und der Versöhnung Frauen anvertrauen, ohne gegen die Intention Jesu Christi zu verstoßen.“
Diesem Urteil gebührt besondere Aufmerksamkeit, zumal das biblische Argument für den Ausschluss der Frau gerade im Willen Jesu gründet. Es lautet nach »Ordinatio Sacerdotalis« – dem eingangs schon erwähnten apostolischen Schreiben Johannes Pauls II. aus dem Jahre 1994, das in Anbetracht eines erneuten Aufkommens von Zweifeln an der geltenden kirchlichen Praxis der Ablehnung der Frauenordination, ausgelöst durch die Zulassung derselben in der Anglikanischen Kirche, veröffentlicht wurde – etwa wie folgt: Jesus Christus war selbst ein Mann und berief ausschließlich Männer in seine unmittelbare Nachfolge, den so genannten »Zwölferkreis«. Jene 12 Apostel, als von Jesus eingesetzte Nachfolger, handelten ebenso, wählten also ihrerseits nur Männer, um ihnen in ihrem Amt nachzufolgen. Da sich die katholische Kirche freilich an den Willen Jesu gebunden sieht, als auch das Verhalten der Apostel als normativ anerkennt, sieht sich die Kirche nicht bevollmächtigt, Frauen die Heiligen Weihen zu spenden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die geltende Position der Kirche zum Thema »Frauenordination« im Lichte einer kritischen Würdigung derselben: Dieses Kapitel analysiert die lehramtliche Begründung des Ausschlusses von Frauen, wobei die Argumente aus Hl. Schrift, Lehramt und Tradition auf ihre Schlüssigkeit und Verbindlichkeit hin überprüft werden.
2. Thomas Rusters Vorschlag für eine 'neue Gestalt des kirchlichen Amtes': Hier wird Rusters Modell als eine auf der munera-Theologie basierende Neukonzeption vorgestellt, die das gemeinsame Priestertum aller Getauften betont und somit die aktuellen Zulassungsbedingungen zum Weiheamt als obsolet infrage stellt.
Schlüsselwörter
Frauenordination, Thomas Ruster, kirchliches Amt, munera-Theologie, Ordinatio Sacerdotalis, Inter Insigniores, Priestertum der Frau, Lehramt, Tradition, Eucharistie, Weihesakrament, communio-Ekklesiologie, Repräsentationsargument, Dogmatik, gemeinsames Priestertum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage nach der Frauenordination in der katholischen Kirche im Kontext des theologischen Modells von Thomas Ruster.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Felder sind die kirchliche Amtstheologie, die biblische Exegese zur Frauenfrage, die Tradition der Kirche sowie die Dogmatik der Weihe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu prüfen, ob Thomas Rusters Modell für eine neue Gestalt des kirchlichen Amtes theoretisch den Weg für eine sakramentale Weihe von Frauen ebnen könnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine dogmatisch-kritische Analyse, die bestehende lehramtliche Dokumente anhand von exegetischen und systematisch-theologischen Diskursen hinterfragt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine kritische Bestandsaufnahme der geltenden Position der Kirche (Kapitel 1) und eine detaillierte Auseinandersetzung mit Thomas Rusters Modell einer Neukonzeption des Amtes (Kapitel 2).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind Begriffe wie Frauenordination, munera-Theologie, Amtstheologie und das gemeinsame Priestertum aller Getauften.
Inwiefern spielt der "Zwölferkreis" eine Rolle bei der Argumentation gegen die Frauenordination?
Das Lehramt argumentiert, dass Jesus ausschließlich Männer in den Apostelkreis berief, was als normatives Vorbild für die ausschließliche Wahl von Männern zum Weiheamt angesehen wird.
Warum hält Thomas Ruster die derzeitigen Zugangsbedingungen zum Priesteramt für obsolet?
Nach Rusters Modell, das auf der munera-Theologie des II. Vatikanischen Konzils aufbaut, sind die heutigen Kriterien zölibatär und männlich eng an ein veraltetes Amtsverständnis gebunden, das in einer communio-Ekklesiologie nicht mehr zwingend ist.
Was besagt das sogenannte "Repräsentationsargument"?
Es besagt, dass nur ein Mann Christus in der Eucharistie repräsentieren könne, da auch der historische Jesus ein Mann war.
Wie bewertet die Arbeit die Verbindlichkeit von "Ordinatio Sacerdotalis"?
Die Arbeit verweist auf differenzierte theologische Analysen, die diesen Text – im Gegensatz zur lehramtlichen Sichtweise – nicht als unfehlbar, sondern als fehlbare lehramtliche Erklärung einstufen.
- Citation du texte
- Sebastian Riedel (Auteur), 2020, Thomas Rusters Modell "für eine neue Gestalt des kirchlichen Amtes" und dessen Implikationen für die Frage nach der Frauenordination in der katholischen Kirche, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/941974