Die Kinder von Industriearbeitern und die Umstände ihrer Lebenslage (1850-1914)


Seminararbeit, 2005

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1 Begriffsklärungen
1.1 Kind
1.2 Arbeiterkind
1.3 Kinderarbeit
1.4 Arbeiterklasse

2 Die Familien der Industriearbeiter

3 Wohnsituation
3.1 „Halboffene“ Familien

4 Die Erziehung der Kinder

5 Beitrag der Kinder zur Sicherung der Familienexistenz
5.1 Fabrikarbeit der Kinder

6 Schulbildung
6.1 Leseerfahrungen

7 Literaturverzeichnis

1 Begriffsklärungen

1.1 Kind

„In der Rechtssprache bezeichnet „Kind“ sowohl ein Abstammungsverhältnis ohne Rücksicht auf das Lebensalter, als auch einen bestimmten Abschnitt im Leben eines Menschen (Kindheit). Seit dem 19. Jahrhundert wird dem altersspezifischen Kindesbegriff der Vorzug gegeben.“[1] Im 19. Jahrhundert war die Phase der Kindheit auf einen kurzen Lebensabschnitt begrenzt. Erst allmählich gewann der Gedanke an einer verlängerten Kindheit an Boden, wobei das 14. Lebensjahr eine Zäsur stellte. Für Kinder der unteren Sozialschichten war der frühzeitige Eintritt in die Erwachsenenwelt noch bis weit ins 19. Jahrhundert die Regel.[2]

1.2 Arbeiterkind

Der Begriff „Arbeiterkind“ zielt auf die soziale Einstufung eines bestimmten Berufsstandes ab. Mit Arbeiter sind Berufszweige, wie Fabrik-, Lohn- und Tagearbeiter einschließlich der Arbeiter in der Landwirtschaft gemeint. Von den Kindern dieser Arbeiter ist also die Rede, wenn von „Arbeiterkindern“ gesprochen wird. Die Aufstiegschancen für diese Kinder waren im 19. und auch noch im 20. Jahrhundert sehr gering, da das Familienbudget niedrig war. Schon in jungen Jahren mussten diese Kinder am Erwerbsleben der Erwachsenen teilnehmen.[3]

1.3 Kinderarbeit

„(...) Lohnarbeit von Kindern, Ende des 18. Jh. in Fabriken üblich (...)“[4]

„ Kinder arbeiten im Handwerk, in der Heimindustrie, in Manufakturen und Fabriken (...). Wo immer sich Erwerbsmöglichkeiten anboten, zu deren Wahrnehmung man Kinder für geeignet hielt, wurden sie eingesetzt. Da Kinderarbeit nur in Unterschichten anzutreffen ist, dürfte die Ursache in den Existenzbedingungen dieser Familien zu suchen sein. Unter dem Druck der wirtschaftlichen Zwänge erschien Kinderarbeit als einzig möglicher Ausweg“[5]

1.4 Arbeiterklasse

Zugleich mit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert entstand eine neue soziale Schicht, die es vorher in dieser Form noch nicht gegeben hatte: die Arbeiterklasse auch Proletariat genannt.

Das Wort Proletarier stammt aus dem lateinischen von Proles und bedeutet der Nachkomme. Das kommt daher, dass die Familien oft sehr kinderreich waren, 15 Kinder und mehr waren keine Seltenheit.[6] Die Arbeiterklasse gehörte zur untersten und ärmsten Schicht, sie waren zwar im Gegensatz zu den Leibeigenen rechtlich frei, verfügten aber keine eigenen Produktionsmittel[7] und waren auf die Arbeit in den Fabriken und der Industrie angewiesen.

2 Die Familien der Industriearbeiter

Es waren vor allem die Familien der Industriearbeiter, die im späten 19. und frühen 20.Jahrhundert einen Prozess der relativen Homogenisierung durchmachten, was vor allem durch die örtliche Trennung von Familie und Arbeit bedingt war. Das Familienleben wurde durch die zunehmend vereinheitlichten Arbeitszeiten in den Fabriken geprägt. Die Familie des industriellen Arbeiters war keineswegs nur eine Konsumgemeinschaft. Verschiedene Arbeiten, wie die Herstellung oder das Suchen von Nahrungsmitteln oder auch das Herstellen von Kleidung, bildeten eine komplexe Organisation der familialen Reproduktion, bei der jedes Familienmitglied seine spezielle Aufgabe hatte. Daraus ergaben sich die individuellen Rollen in den Familien.

Die Geburt von Kindern war neben dem Verlust der Arbeitsstätte das einschneidenste Ereignis im Arbeiterhaushalt. Neugeborene Kinder bedeuteten allemal mehr Esser bei gleichem oder weniger Geld.[8]

„Da es für diese Familien um das tägliche Überleben ging, war die Erziehung in den Familien hart, denn „Arbeiterkultur war im Kaiserreich, aber auch noch lange danach eine >> Kultur der Armut <<(O. Lewis),eine schwere Disziplin aus Notwendigkeit, Fleiß, Sparsamkeit und Sorge um die Sicherung des täglichen Brotes, die Überflüssiges nicht duldete.“[9]

3 Wohnsituation

Seit der Mechanisierung durch die industrielle Revolution verlegten sich immer mehr Produktionsstätten in die Großstädte. In den Vororten dieser neuen Industriestädte „hausten“ dichtgedrängt die Arbeiter in Mietskasernen. Die Wohnung einer Familie aus der sogenannten Unterschicht bestand im normalen Fall aus einer kleinen Stube und einer angrenzenden Schlafkammer, die sehr einfach mit billigen Möbeln ausgestattet war. Oft lebten fünf Personen und mehr in einem Raum. Die Kinder hatten keine eigenen Schlafzimmer, sondern schliefen mit den Eltern in einem Raum, meist schliefen sogar mehrere Kinder gemeinsam in einem Bett.„(...) Soweit ich mich zurückerinnern kann, hatten wir immer die zwei gleichen, gelbfarbenen Bettgestelle dastehen. Ich schlief mit den großen Mädchen in dem einen und die Eltern in dem anderen Bett. “[10]

Da es in den ärmeren Haushalten keine großen Küchen gab, behalf man sich mit Gemeinschaftsküchen und gemeinsamen Waschküchen. Die zu kleinen, schlecht ausgestatteten und sehr teuren Wohnungen der Arbeiter, mussten wegen Zahlungsschwierigkeiten oft verlassen werden.[11]

3.1 „Halboffene“ Familien

Eine Lösung des Wohnungsproblems der Arbeiterfamilien war das Aufnehmen von Schlafgängern. Die sogenannten „Aftermieter“ oder „Bettgeher“ halfen vor allem den kinderreichen Familien ihren Mietzins aufzubringen und sich so ihre Wohnungen zu sichern. Die Schlafgänger waren Alleinstehende, die auf diese Weise Familienanschluss in den Arbeiterfamilien fanden. Ein Bett zu mieten, bedeutete jedoch keinesfalls, dass man auch ein eigenes Bett hatte, viele Betten wurden dreifach vermietet. Auch für die Familien, die ihnen die Unterkunft gewährten, war die Situation schlimm, denn sie hatten keinen Platz um sich zurückzuziehen. Ihr ganzes Leben spielte sich in der Halböffentlichkeit ab. Familie und Fremde wohnten hautnah miteinander. [12]

Für die bürgerlichen Beobachter war dies ein Zeichen von Armut und Sittenlosigkeit, für die proletarische Familie war es ein Mittel zum Überleben. Diese Form des Lebens war für viele Familien so lange unverzichtbar, bis es das Einkommen der arbeitsfähigen Kinder möglich machte, auf die „ Schlafgänger“ zu verzichten.[13]

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts machte das steigende Realeinkommen die zunehmende Privatisierung der Arbeiterfamilien möglich und sie konnten weitgehend auf die Aufnahme von familienfremden Personen im Haushalt verzichten.

4 Die Erziehung der Kinder

Im 19. und 20 Jahrhundert war der Vater aufgrund überlanger Arbeitszeiten eine blasse Hintergrundfigur im Familienalltag. „(...) Ein Familienvater kann daher kaum das Lallen seiner Kinder hören. Wenn er nach Hause kommt, schlafen sie schon, und wenn er ausgeht, sind sie noch nicht wach.“[14] Da auch die meisten Arbeiterfrauen erwerbstätig waren, wurden die Kinder oft vernachlässigt. Die kleinsten wurden von Geschwistern aufgezogen oder in die Obhut von Großeltern oder Pflegefrauen gegeben.

[...]


[1] Mühlbauer, Karl Reinhold: Zur Lage des Arbeiterkindes im 19. Jahrhundert: ein sozial- und bildungsgeschichtlicher Beitrag unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse im Königreich Bayern / hrsg. von Christoph Führ und Wolfgang Mitter, Köln; Wien 1991, S.16

[2] Edd.; S.16 ff

[3] Ebd.; S.18 ff

[4] Knaurs Lexikon / hrsg. von Lexikographisches Institut München – Bd.10; überarb. Aufl., München 1976, S.478

[5] Mühlbauer, Karl Reinhold, S. 23 f

[6] Rapsack, Rudolf F.: 1000 Jahre Europäische Geschichte. Das 19. Jahrhundert/hrsg. von Ulrike Müller-Kasper, Wien 2001, S.167

[7] Schülerduden, Geschichte/ hrsg. von Meyers Lexikonredaktion – 3.; überarb. Aufl.- Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 1996, S.376

[8] Kuhn, Axel: In Arbeiteralltag in Stadt und Land. Neue Wege der Geschichtsschreibung / hrsg. von Heiko Haumann, Berlin 1982, S. 114

[9] Mooser, Josef: Arbeiterleben in Deutschland 1900-1970/ hrsg.von Hans- Ulrich Wehler, Frankfurt am Main 1984

[10] Marchwitza, Hans in: Proletarische Lebensläufe, Autobiographische Dokumente zur Entstehung der zweiten Kultur in Deutschland / hrsg. von Wolfgang Emmerich.- Bd.1 Anfänge bis 1914. Hamburg 1974, S.315

[11] Wir lebten nie wie Kinder: e. Lesebuch / Friedrich G Kürbisch (Hrsg). Berlin, Bonn. 1979, S.9

[12] Gestrich, Andreas: Geschichte der Familie im 19. und 20. Jahrhundert / hrsg. von Lothar Gall – Bd. 50; München 1999, S. 25

[13] Mooser,Josef : Arbeiterleben in Deutschland 1900-1970/ hrsg. von Hans- Ulrich Wehler, Frankfurt am Main 1984, S. 185

[14] Johansen, Erna M (Hrsg): Betrogene Kinder. Eine Sozialgeschichte der Kindheit, Frankfurt am Main 1980, S. 131f

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Kinder von Industriearbeitern und die Umstände ihrer Lebenslage (1850-1914)
Hochschule
Pädagogische Hochschule Karlsruhe
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V94208
ISBN (eBook)
9783668076891
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinder, Industriearbeitern, Umstände, Lebenslage
Arbeit zitieren
Nina Kapschinski (Autor:in), 2005, Die Kinder von Industriearbeitern und die Umstände ihrer Lebenslage (1850-1914), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94208

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