Konstruktion von Wissen im öffentlichen politischen Diskurs über das Corona-Virus

Eine Analyse auf Basis des DIMEAN-Modells


Masterarbeit, 2020

104 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Forschungsgegenstand

3. Theoretische Fundierung
3.1. Diskurs
3.2. Textkorpus
3.3. Diskursanalyse
3.4. DIMEAN-Modell
3.4.1. Intratextuelle Ebene
3.4.2. Transtextuelle Ebene
3.4.3. Akteure
3.5. Argumente und Argumentationsanalyse
3.6. Exkurs: Politische Kommunikation

4. Korpusbeschreibung

5. Diskursverlauf

6. Analyse der Argumentationsstruktur im öffentlichen politischen Diskurs
6.1. Forschungshypothesen
6.2. Fachsprachlicher Anteil als Mittel der Wissenskonstruktion
6.3. Die außergewöhnliche Krisensituation als Argumentationsgrundlage
6.4. Fachsprachliche Entlehnungen zur Legitimation der Maßnahmen
6.5. Bezug auf wissenschaftliche Instanzen als Valuationstopos
6.6. Solidarität als Schlagwort zur Konstruktion von Verbindlichkeit
6.7. Undefinierte Ziele als Finaltopos sichern die Macht im Diskurs
6.8. Lob- und Motivation als Fähigkeitstopoi

7. Exkurs: Diskurskritik und Gegenargumentation

8. Zusammenfassung

9. Reflexion

10. Fazit und Ausblick

Anhang
I. Literaturverzeichnis
II. Darstellungsverzeichnis
III. Verzeichnis der Korpusquellen
IV. Dimean-Modell
V. Verzeichnis der Nutzerkommentare

1. EINLEITUNG

Für viele westliche europäische Länder erscheint 2020 ein spezielles Jahr, möglicherweise sogar als ein Wendepunkt in der bisherigen gesellschaftlichen Lebensweise. Neben der physischen Bedrohung der Gesundheit durch das Corona-Virus beschäftigt auch die ungewisse Zukunft eine Vielzahl von Menschen. Geprägt von Reaktionen und Maßnahmen auf das Corona-Virus zieht dies zahlreiche Einschnitte in den Alltag aller Bevölkerungsschichten und eine spezielle Reihe von Folgen nach sich. Doch ebenso schnell wie das Virus selbst verbreitet sich dessen Präsenz in der sprachlichen Öffentlichkeit. Nahezu kompromiss- und konkurrenzlos zieht sich dieses Thema durch einen Großteil der medialen Kommunikation. Besonders betroffen erscheint die politische Ebene, welche als gesellschaftliche Entscheidungsinstanz maßgeblich dafür verantwortlich ist, Maßnahmen zu formulieren, zu validieren und zu rechtfertigen. insbesondere die Aufbereitung der verfügbaren Informationen und die Akzeptanz der getroffenen Entscheidungen hinsichtlich Durchführbarkeit, Rechtmäßigkeit und Effizienz spielen hier eine zentrale Rolle.

Aus linguistischer Sicht ist es untersuchenswert, mit welchen sprachlichen Mitteln hier Aussagen formuliert werden und mit welchen inhalten, Topoi und Tropen hier argumentiert wird. Gerade die politische Sprache erscheint in dieser Situation besonders perfor- mativ. Ausgangssperren reglementieren die persönliche Freiheit, Kontaktverbote greifen direkt in das öffentliche Leben ein und Maskenpflichten geben gewisse Kleiderordnungen vor. Selten erscheinen Sprechakte so ausgeprägte Konsequenzen zu haben wie in diesen Zeiten der Krise. Die Politikerinnen und Politiker1 als Initiator von Handlungsanweisungen sind sprachlich sehr aktiv und werden in hohem Maße rezipiert. Dieses hohe Maß an Einfluss und Präsenz zieht aber auch die Frage nach sich, wie diese Argumentation aufgebaut wird. Welche Instanzen werden bemüht? Mit welchen Argumenten werden Maßnahmen sprachlich begründet? Wie verändert sich die Argumentation im Laufe des Diskurses? Auf welches gesellschaftliche Wissen bezieht sich die Argumentation und welches konstruiert sie selbst?

Eine Untersuchung dieser sprachlichen Phänomene würde auch mehr als ausreichend Untersuchungsmaterial für eine kritische Diskursanalyse bieten, welche eine Reflexion der mitunter durchaus diskutablen politischen Maßnahmen nach sich ziehen könnte. Davon wird in dieser Arbeit allerdings abgesehen, da sowohl die thematische Beurteilungskompetenz als auch der Überblick über die undurchsichtige, sich mit starker Dynamik entwickelnde Situation nicht gegeben ist. Vielmehr wird eine deskriptive Analyse abbilden, mit welchen Mitteln Wissen in diesem Diskurs konstruiert wird. Diese Forschung soll aufzeigen, wie in der öffentlichen politischen Kommunikation transtextu- ell Wissen konstruiert wird und in Form einer Argumentation Anwendung findet. Insbesondere die Art und Weise, mit der Situationen beurteilt und Konsequenzen gezogen werden, erscheint untersuchungsrelevant, da sich hieran exemplarisch und konkret die Konstruktion von Wissen im Diskurs nachvollziehen und abbilden lässt. Da gerade problematische Themen wie die mit Tod, Einschränkungen und wirtschaftlichen Verlusten einhergehende Corona-Pandemie eine massive Herausforderung für eine vermutlich grundsätzlich um Normalität bemühte Politik darstellt, lassen sich hier viele Besonderheiten im Sprachgebrauch feststellen. Diese zu beleuchten kann sowohl eine reflektierte, elaborierte Rezeption politischer Aussagen als auch ein fundiertes Verständnis für Argumentationen und Wissenskonzeptionen der deutschen Sprache im Allgemeinen begünstigen.

Um abbilden zu können, wie diese Prozesse verlaufen, wird ein Teildiskurs des übergeordneten Corona-Virus-Diskurses in Deutschland untersucht. Entscheidender semantischer Indikator für die Auswahl der Diskursbeiträge ist ein Zusammenhang zur politischen Argumentation unter Berücksichtigung von Diversität im Bereich der Akteure, Medien und Zeitpunkte sowie der Begriff der Lockerungen bzw. Exit-Strategien. Die Debatte um Maßnahmen und Einschränkungen ist eng mit der Debatte um entsprechende Lockerungen verknüpft, da diese als politische Gegenargumentation zunehmend im Verlauf des Diskurses an Bedeutung gewinnt und somit Druck auf die um die Legitimation und Aufrechterhaltung der Maßnahmen bemühte Argumentation der politischen Akteure ausübt. Entsprechende Untersuchungen über eine geforderte Rückkehr zur Normalität flankieren somit die Analyse der Argumente und deren Wissenskonstruktion. Insofern erscheint das Zusammenspiel aus Maßnahmen und Lockerungen eine vielversprechende Bühne, um sprachliche und argumentative Kontraste und Tabus darzustellen. Um einen Verlauf und z.B. damit verbundene veränderte Positionen und Perspektiven im Zusammenhang mit den Konsequenzen für die Argumentation der betreffenden Akteure abbilden zu können, werden zwei Messzeitpunkte bzw. drei Zeiträume für die Untersuchung herangezogen. Die Analyse erfolgt mithilfe des DIMEAN-Modells von Jürgen Spitzmüller unter Berücksichtigung von Arbeitstechniken nach Thomas Niehr und Martin Wen- geler, um die in der Politik im besonderem Maße relevanten Akteure ebenso abbilden zu können wie die transtextuelle und intertextuelle Ebene. Als Grundlage der Argumentationsanalyse wird als instrumentelle Verknüpfungskette (vgl. Lüger 2017:245-251) Josef Kleins Topos-Schema auf den vorliegenden Diskurs übertragen.

2. Forschungsgegenstand

Bevor das Virus in Deutschland die erhöhten Verbreitungszahlen aufwies, war die Thematik nicht sonderlich prägnant im öffentlichen Diskurs. Auch wenn man eine Auseinandersetzung mit Epidemien im weitesten sinne zu Gesundheits- oder vergleichbaren Umweltdebatten zählen würde, könnte wenig Vergleichbares als Untersuchungsgegenstand herangezogen werden. Durch die Aktualität der Thematik liegen bisher keine Korpusdaten von z.B. Cosmas II oder dem DWDS vor, da der Corona Begriff selbst, aber auch damit verbundene, bereits bestehende Begriffe nicht mit den entsprechenden Konnotationen und Bedeutungen verwendet wurden. Ein Vergleich kann zwar bemüht werden, um Bedeutungsveränderungen aufzuzeigen. Empirische Daten zu Verwendung und Häufigkeiten vor der aktuellen Entwicklung erscheinen aber nur bedingt zielführend und liegen zum Großteil nicht vor.

Auch im Bereich der linguistischen Forschung existieren noch keine Befunde oder Untersuchungen, die einen erweiterten Blickwinkel auf die untersuchten Phänomene ermöglichen. Zwar existieren Untersuchungen wie z.B. zur Kommunikation in gesellschaftlichen Umbruchsituationen (vgl. Auer & Hausendorf 2000), allerdings liegt dieser retrospektive Fokus eher auf den Wortschatzveränderungen und sprachwandelprozessen im Kontext der Wiedervereinigung und erscheint thematisch kaum vergleichbar. Insofern ist die vorliegende Arbeit forschungsspezifisch zwar sehr gut zu rechtfertigen, lässt sich allerdings nicht einem bereits bestehenden Forschungskatalog zuordnen oder an vorherige Untersuchungen anschließen.

Die Methode allerdings ist praktikabel und zielführend, da die Arbeit mit dem DIMEAN- Modell bereits linguistisch bereits erprobt wurde. In Untersuchungen wie in der von Porstner (2014) wird ebendiese Methode angewandt, um die Wirkmacht des österreichischen Geschichtsgedächtnisses in der didaktischen Aufbereitung verschiedener Schulbücher diskurslinguistisch zu untersuchen. Es handelt sich hierbei zwar um eine historische, abgeschlossene und retrospektive Thematik, die nach anderen Schwerpunkten und Quellen sowohl hinsichtlich der Akteure als auch des Erkenntnisinteresses untersucht wurde. Dennoch erweist sich die Methode als funktional und scheint auch themenübergreifend einsetzbar zu sein, wie die Reflexion der Forschungsmethode nahelegt:

„Im Zuge der vorliegenden Studie erschien das diskurslinguistische Rahmenmodell, das Konzept der DIMEAN, zweckmäßig (vgl. Kapitel III/9.3 und IV/12.1), erwies es sich doch in idealer Weise kompatibel mit multimodalen Ansätzen. Die daraus abgeleitete „multimodale diskurslinguistische Mehrebenenanalyse“ erlaubte eine Untersuchung verschiedener relevanter sprachlicher Einheiten der Makro- und Mikrostruktur der linguistischen Schulbuchtexte und inkludierte in harmonischer Weise die visuellen Elemente wie Bilder, Typographie und Layout, sodass die Texte als „multimodales Gesamtwerke“ erfasst und beschrieben werden konnten“ (Porstner 2014:143)

Da auch in dieser Untersuchung multimodale Quellen aus offiziellen Reden und Verlautbarungen, Interviewbeiträgen und Pressekonferenzen, Zeitungsartikeln und Kommentaren vorliegen, erscheint eine Verwendung des DIMEAN-Modells vielversprechend. Ähnlich der verschiedenen Schulbuchtexte liegen verschiedene Aussagen und Beiträge vor, die nach linguistischen Kriterien miteinander deskriptiv verglichen werden. Zwar ist keine thematische Überschneidung der Arbeiten vorhanden, aber die Arbeitstechnik ist prinzipiell ähnlich organisierbar. Abzugrenzen wäre in diesem Fall die Untersuchung der optischen Gestaltung von Bildern, Layout usw., welche in dieser Arbeit keine Anwendung findet.

Auch die im DIMEAN-Modell vorgenommene Berücksichtigung der Akteure ist vor allem im politischen Kontext sinnvoll und notwendig, da die Politikerinnen und Politiker als öffentliche Personen und gebunden an Parteien unter besonderen Voraussetzungen Sprechhandlungen vornehmen und es diese Besonderheit zu beachten gilt.

3. THEORETISCHE FUNDIERUNG

Die Untersuchung der dargestellten Thematik erfolgt mithilfe einer Diskursanalyse. Diese weist als anerkannte linguistische Arbeitstechnik einige Charakteristika auf, die es im Folgenden kurz darzustellen und von ähnlichen Arbeitstechniken, wie der kritischen Diskursanalyse, abzugrenzen gilt. Auch die Begriffe Diskurs und Korpus haben einen zentralen stellenwert in dieser untersuchung, weshalb es einer entsprechenden Konkretisierung bedarf. Zuletzt erfolgt eine Vorstellung und Erläuterung des DIMEAN-Modells als grundsätzliche Arbeitstechnik mit Bezügen auf die geplante untersuchung. Zudem erfolgt eine linguistische Systematisierung des Terminus Argument und ein kurzer Exkurs zur politischen Kommunikation mit ihren Zielen und Besonderheiten.

3.1. Diskurs

in der Linguistik kursieren bezüglich des Diskursbegriffes bisweilen unterschiedliche Definitionen, weshalb diese zunächst expliziert werden muss, um irritationen zu vermeiden. Grundsätzlich auf den bei Busse (vgl. 2008:57-61) beschriebenen Erkenntnissen Focaults basierend kann als grundlegend für diese Untersuchung die von Spitzmüller nach Busse & Teubert zitierte (Teil-) Definition dienen:

„Zu einem Diskurs gehören alle Texte, die sich mit einem als Forschungsgegenstand gewählten Gegenstand, Thema, Wissenskomplex oder Konzept befassen, untereinander semantische Beziehungen aufweisen und/oder in einem gemeinsamen Aussage-, Kommunikations-, Funktions- oder Zweckzusammenhang stehen.“ (Teildefinition nach Busse & Teubert 1994 in Spitzmüller 2017:355)

Weiter gelten auch jene Texte dem Diskurs zugehörig, die die Forschungskriterien erfüllen und durch u.a. explizite und implizite Verweise in einem intertextuellen Bezug zueinander stehen (vgl. Spitzmüller 2017:355). Dies offenbart, wie elementar die Wahl der zugrundeliegenden Kriterien für die Abbildung von Diskursen ist, wenn diese variablen Merkmale über die Zugehörigkeit zu einem Diskurs entscheiden. Ebenfalls wird deutlich, wie eng die untersuchung von Diskursen an ein generiertes Korpus geknüpft ist, da Diskurse häufig textsortenübergreifend verlaufen und häufig nur sehr sporadische Verweise und Bezüge zu anderen Akteuren oder Aussagen getätigt werden. So wird laut Niehr (vgl. 2004:4) der Begriff trotz zum Teil abweichender Subkriterien einheitlich als über den Text hinausgehend und ein Korpus in den Blick nehmend verstanden. Er (vgl. ebd.) verortet den Diskurs zunächst in Anlehnung an Busse/Teubert als dem Text über- geordnete, größere Einheit auf der transtextuellen Ebene in einer Kette von bedeutungstragenden Einheiten der Sprache. Da der Textbegriff allerdings ebenfalls nicht unstrittig ist, bleibt hier zu argumentieren, inwieweit ein Diskurs an die zugrundeliegenden Texte gebunden ist. Diese umfassen zum Teil eine Reihe verschiedener Aussagen aus mitunter zahlreichen Diskursen, weshalb die Zuordnung eines Textes nur zu einem bestimmten Diskurs zuweilen schwerfällt, sofern dies überhaupt möglich ist. Spitzmüller (2017:356) formuliert hingegen, dass Texte „von verschiedenen Diskursen ,durchzogen‘ sein können [Hervorhebung im Original]“. Insofern ist der Ansatz von Jung/Wengeler für die Analyse zielführend, Diskurse als „in Texten realisiertes Aussagenkorpus“ (Niehr 2004:7) zu verstehen.

Dennoch sind die Aussagen nicht losgelöst von Texten, da sie in diesen realisiert werden (vgl. Spitzmüller 2017:356). Diese Sichtweise berücksichtigt die verschiedenen Diskursebenen, Teildiskurse und Textsorten und wird von den Autoren Jung und Wengeler (1998:148) in einem Würfelmodell visualisiert. Dies veranschaulicht, dass ein Gesamtdiskurs D sich aus einer Vielzahl einzelner Segmente zusammensetzt und lediglich partiell und exemplarisch untersucht werden kann (vgl. Niehr 2014:8). Die Klassifizierung als Aussage erscheint vor allem im Kontext der Untersuchung von politischer Kommunikation hilfreich, da die vorherrschende Textform der Rede zwar meistens grundsätzlich in einem Oberthema verortet ist, trotzdem aber allein aufgrund der Ambivalenz der Zuhörerinnen und Zuhörer eine Vielzahl verschiedener Themenbereiche behandelt. Diskurse werden hier somit nicht einfach als „Textmengen“, sondern als „Aussagenverbünde“ (Spitzmüller 2017:356) verstanden. Zudem ist die Aussage repräsentativer für den tatsächlichen Diskurs, da sie sich klarer eingrenzen lässt und das informative und rhetorische Beiwerk einfacher zu eliminieren ist. Somit lässt sich in diesem Fall ein Diskurs präziser darstellen, wenn das Textkorpus auf Basis von Aussagen und nicht von kompletten Texten erstellt wird. Da in dieser Arbeit aber zum Teil auch Untersuchungen auf der intratextuellen Ebene erfolgen, sind sowohl die Texte als auch Aussagen Bestandteil des Korpus.

Um weitere Bedeutungsüberschneidungen zu vermeiden, hat sich in der politolinguisti- schen Diskursanalyse der Begriff der Debatte etabliert, welcher „eine konkrete, sich häufig über einen längeren Zeitraum erstreckende, aber dennoch zeitlich begrenzte Auseinandersetzung zu einer bestimmten Frage oder einem bestimmten Thema“ (Spitzmüller 2017:358) bezeichnet. Dies ermöglicht eine Abspaltung einzelner Auseinandersetzungen aus einem übergeordneten Diskurs, die eine gesonderte Untersuchung dieser begrenzbaren „diskursiven Ereignisse“ zulässt (Spitzmüller 2017:358). Zusätzlich verweist Spitzmüller (vgl. 2017:359) diesbezüglich darauf, dass Debatten nach linguistischem Verständnis eher aktiv geführt werden und zeitlich einzuschränken sind, während Diskurse passiv verlaufen und theoretisch nicht zeitlich begrenzbar sind. Im Hinblick auf die Untersuchung kann es also hilfreich sein, eine entsprechende Debatte abzugrenzen und gesondert zu analysieren, um den Diskurs selbst mithilfe eines funktionellen Korpus abzubilden und analysierbar zu machen.

3.2. Textkorpus

Das Textkorpus als „Ensemble von Texten“ (Niehr 2004:4) stellt die textuelle Manifestation des theoretischen Diskurses dar. Mithilfe einer abgrenzbaren und kriteriengeleiteten Text- bzw. Aussagenauswahl soll die umfangreiche und geradezu fluktuierende Substanz eines Diskurses greifbar gemacht werden. Ein Textkorpus stellt somit eine repräsentative Teilmenge der gesamten Aussagen innerhalb eines bestimmten Diskurses dar. Aus den in der Diskursdefinition angeführten Kriterien nach Busse/Teubert lässt sich entnehmen, dass ein Forschungsprogramm Eingrenzungen hinsichtlich u.a. Zeitraum/Zeit- schnitte, Areal, Gesellschaftsausschnitt, Kommunikationsbereich und Texttypik vornehmen kann. Diese Parameter gilt es somit, je nach Forschungsschwerpunkt, bei der Korpuszusammenstellung zu berücksichtigen. Das Korpus sollte zudem für den Forschenden machbar und zugänglich sein (Niehr 2014:40f.). Die Auswahl sollte inhaltlichen Überlegungen folgen, um den Diskurs bestmöglich abzubilden (vgl. Spitzmüller 2017:345). Somit sollte berücksichtigt werden, dass ein möglichst breiter Querschnitt an verfügbaren Daten in das Textkorpus aufgenommen wird. Zu beachten ist hier allerdings, dass dies bereits eine gewisse Vorentscheidung auf Basis der Annahmen des Forschenden beinhaltet (Niehr 2014:35). Die Auswahl erfolgt zwar nach Kriterien von Busse und Teu- bert, dennoch muss berücksichtigt werden, dass die Erstellung von Korpora als künstlicher, selektiver Prozess immer auch einen gewissen Grad an Verfälschung enthält. Diese gilt es bei der Zusammenstellung des Korpus zu minimieren, um eine fundierte Diskursanalyse vornehmen zu können.

3.3. Diskursanalyse

Nachdem die Diskursanaylse im Laufe des 20. Jahrhundert deutlich an wissenschaftlicher Popularität und Verbreitung gewinnen konnte, gibt es gegenwärtig einige divergierenden Ansätze. Den unterschiedlichen Zielen und Vertretern geschuldet bildeten sich hier verschiedene, an die politischen, soziokulturellen und linguistischen schwerpunkte angepasste Forschungsansätze heraus (Wengeler 2017a: 11-13). Eine einheitliche Definition mit klar umrissenen Grenzen existiert somit nicht:

„Auch hier [Analyse von Diskursen, Sv.B.] gibt es kein festgelegtes Verfahren, das nur mit der notwendigen Sorgfalt durchgeführt werden muss, um linguistische Erkenntnisse über die solchermaßen analysierten Diskurse garantieren zu können“. Niehr (2014:45)

Insofern kann der Begriff der Diskursanalyse nicht als Klassifikation der Methode fungieren. Die Wahl des passenden Schwerpunkts stellt somit eine für die untersuchte Thematik wichtige Entscheidung dar. um sich dieser anzunähern und die optimale Herangehensweise zu finden, ist es zweckdienlich, die Ziele der Analyse in den Blick zu nehmen. Grundsätzlich verfolgt die Diskursanalyse als Arbeitstechnik nicht das Ziel, lediglich die Bedeutung der im Korpus enthaltenen Texte und ihrer Sprachzeichen zu entschlüsseln (vgl. Niehr 2014:48). Vielmehr besteht ihr Ziel darin, dass sie „die semantischen Voraussetzungen, Implikationen und Möglichkeitsbedingungen erfassen will, die für einzelne Aussagen charakteristisch sind“ (Busse/Teubert 1994:23). Somit findet eine vertiefende Analyse der implizierten Sprechakte statt, die über die reine Katalogisierung von sprachlichen Merkmalen hinausgeht. Eine Möglichkeit dieses Verfahrens folgt einem deskriptiven Ansatz, der analytisch beschreibend und vergleichend arbeitend zu einem kritischen Ergebnis kommen kann. Eine moralische Bewertung oder Handlungsanweisung vorzunehmen fällt eher in das Aufgabengebiet der kritischen Diskursanalyse, welche sich z.B. dem Ansatz von Siegfried Jäger folgend, eher mit dem Verhältnis von Macht und Diskurs beschäftigt (Niehr 2014: 51). Diese lässt sich dahingehend von der in dieser Analyse gewählten Methode abgrenzen, dass dort eine verstärkte Analyse der herrschaftslegitimierenden Funktionen von Diskursen für kapitalistische und globalisierte Gesellschaften angestrebt wird (vgl. Niehr 2014: 51-52). Zwar sind auch die untersuchten Politiker der vorliegenden globalisierten, kapitalistischen Gesellschaft der Bundesrepublik vermutlich um den Fortbestand ihrer Herrschaft bemüht, weshalb dieses Kriterium grundsätzlich als erfüllt angesehen werden kann. Eine politische Analyse nach Jägers Kriterien wäre somit voraussichtlich durchführbar und legitim, allerdings wird dennoch davon abgesehen, diesen Ansatz zu verfolgen. Dieser eignet sich vor allem dafür, soziale Missstände zu offenbaren und „rassistische, antisemitische und nationalistische ,Sedimente’ im Alltagsdiskurs“ (Spitzmüller & Warnke 2011:106) zu untersuchen. Zwar lässt sich nicht ausschließen, dass der in dieser Arbeit untersuchte Diskurs Spuren dieses Ideenguts enthält, allerdings ist nicht davon auszugehen, dass die kritisierten Motive von zentraler Bedeutung sind, zumal der Forschungsschwerpunkt ein anderer ist. Einzig der Aspekt des aufkommenden Nationalismus oder eine Tangierung der Grundrechte ließe sich in den Blick nehmen, da vereinzelte Diskursbeiträge derartige Tendenzen beinhalten. Jedoch erscheint dies nicht ausreichend mit den Zielen der Untersuchung vereinbar, weshalb es bestenfalls als Nebenaspekt Berücksichtigung finden kann. Zudem zielt die kritische Diskursanalyse darauf ab, „Vorschläge zur Vermeidung herrschender Missstände zu entwickeln“ (Jäger 2005:69). Eine fundierte Beurteilung der komplexen und dynamischen Situation kann aufgrund fehlender Expertise nicht vorgenommen werden. Lediglich eine Sprachkritik wäre angemessen, welche allerdings ebenfalls im Kontext der Einschränkungen und Lockerungen problematisch erscheint, solange sich die Funktionalität und Angemessenheit der Maßnahmen nicht abschätzen lässt. Insofern wird von einer kritischen Diskursanalyse abgesehen, obgleich einige der linguistischen Arbeitstechniken aus diesem Bereich wie z.B. die Untersuchung des Sagbarkeitsraumes (vgl. Niehr 2014:53) oder von diskursiven Elementen wie „Euphemismen, Argumentationsformen, Anspielungen, Redensarten, allgemeine stilistische Mittel und Besonderheiten etc.“ (Jäger 2005:67) ebenfalls berücksichtigt werden.

3.4. DIMEAN-Modell

Beim DIMEAN-Modell handelt es sich um eine von Jürgen Spitzmüller entwickelte „Diskurslinguistische Mehr-Ebenen-Analyse“, (Spitzmüller 2009:2) dessen Abkürzung namensgebend für das Modell ist. Dieses soll dazu dienen, Diskurse als komplexe sprachliche Beschreibungsebene methodisch zugänglich zu machen und alle wichtigen Untersuchungsbereiche zu berücksichtigen (vgl. Spitzmüller 2017:360). Um dies zu ermöglichen, unterteilt er das Modell in drei Hauptebenen, welche jeweils einen separaten Aspekt des Diskurses in den Blick nehmen. Zu den im Folgenden erläuterten Betrachtungsebenen gehören neben der intratextuellen und der transtextuellen Ebene die der Akteure. Das Modell dient mit seiner Betrachtung auf mehreren Ebenen als Grundlage der Analyse von Argumenten, die im Vordergrund der Untersuchung stehen soll. Alternativ wäre auch eine Untersuchung auf Basis des Mehrebenenmodells von Spieß (vgl. Spitzmüller 2017:360) denkbar, welches ebenfalls eine renommierte Methode der Diskursanalyse darstellt. Dieses umfasst ebenfalls eine Analyse auf einer Makro- und Mikroebene unter Berücksichtigung zahlreicher Kriterien. Obgleich dieses Modell als Methodenmodell konkretere Handlungsweisen verspricht (vgl. ebd.), ist das DIMEAN- Modell als theoretische Basis in seiner Gliederung zielführender für die vorliegende Untersuchung, da gerade die Ambivalenz der Akteure eine wichtige Rolle spielt.

3.4.1. Intratextuelle Ebene

Die intratextuelle Ebene umfasst die textorientierte, propositionsorientierte und wortorientierte Analyse. Letztere nimmt bei der Betrachtung auf der Ebene von Einwort- oder Mehrworteinheiten Schlüsselwörter, Stigmawörter, Namen oder Ad-hoc-Bildungen in den Blick (vgl. Spitzmüller 2009:15). Die Proportionsorientierte Analyse beschäftigt sich mit Proportionen der Mikrostruktur wie z.B. Syntax, Rhetorische Figuren und sozialer, expressiver sowie deontischer Bedeutung (vgl. Spitzmüller 2009:16). Der letzte Bereich der intratextuellen Betrachtungsebene bildet die textorientierte Analyse mit Betrachtung der visuellen Textstruktur in Form von u.a. Layout, Design oder Material (vgl. Spitzmüller 2009:17) und Untersuchungen auf der Mikro- und Makro Strukturebene bezüglich Themen im Text bzw. Textteilen. Hierzu werden u.a. lexikalische Felder, Metaphernfelder, lexikalische Oppositionslinien, Textstrategie und -sorte untersucht (vgl. ebd.). Diese Hauptebene ist hinsichtlich der Untersuchung relevant, da die Argumentationen häufig intratextuell aufgebaut werden und somit diese Betrachtung hilfreich sein kann, entsprechende Mechaniken anhand ausgewählter Einzeltexte sichtbar zu machen. Zudem lassen sich auf Basis intratextueller Argumentation Vergleiche und Rückschlüsse auf eine transtextuelle Argumentation ziehen. Hier gilt es allerdings zu berücksichtigen, dass einige Diskursbeiträge sehr lang sind und eine umfassende Analyse mehrerer Texte nach allen Gesichtspunkten in diesem Untersuchungsumfang nicht realisierbar erscheint. Insofern ist eine Analyse nach ausgewählten Kriterien zielführend, um Besonderheiten aufzuzeigen und gleichzeitig auch mehrere Beiträge einer intensiven Analyse zu unterziehen, sofern dies der Untersuchung dienlich erscheint. Weniger Berücksichtigung wird der Aspekt der visuellen Textstruktur finden, da die Rede als häufige Textgattung diesbezüglich keine geeigneten Beobachtungen zulässt. In Einzelfällen kann auf damit verbundene Besonderheiten eingegangen werden, allerdings fällt dies auch mitunter in den Bereich der Akteure.

3.4.2. Transtextuelle Ebene

In diesem Teil des Modells findet die hauptsächliche diskursanalytische Arbeit statt. Hier werden intertextuelle Bezüge hinsichtlich Schemata (Frame/Scripts)2, diskurssemantischen Grundfiguren, Topoi, Sozialsymbolik, indexikalischen Ordnungen und Historizität herangezogen. Ideologien und Mentalitäten sowie allgemeine gesellschaftliche und politische Debatten lassen sich ebenfalls untersuchen (vgl. Spitzmüller 2009:22). Dies zielt stets darauf ab, Verbindungen oder Bezüge dieser Merkmale zwischen den Korpuselementen herzustellen und eine Vernetzung der Diskursteile nachzuweisen, um die „komplexe Morphologie des Diskurses“ (Spitzmüller & Warnke 2008:9) zu modellieren und zu systematisieren (vgl. Spitzmüller 2017:361).

Es können allerdings nicht alle Bereiche dieser Untersuchungsebene gleichermaßen Anwendung finden, da z.B. die Sozialsymbolik bei der Analyse von anonymen Kommentaren und Reaktionen nur sehr spekulativ untersucht werden kann3. Untersuchbar, aber trotzdem nicht unproblematisch ist im Kontext der angestrebten Untersuchung vor allem der Aspekt der Historizität. Zwar lassen sich Bezüge auf frühere Beiträge aus dem Diskurs herstellen, eine Historizität im Sinne langjähriger Verwendung von Begriffen mit eingeschliffenen Bedeutungen erscheint in vielen Fällen aufgrund der aktuellen Thematik aber nicht sinnvoll. Eine Betrachtung ist nur dann zweckdienlich, wenn bei Entlehnung von Begriffen ein diachroner Bezug zu früheren Verwendungen gezogen werden kann. Außerdem kann eine vorgenommene Einordnung der Aussagen in historische Gegebenheiten und Bezüge zielführend sein, um die konstruierte Darstellung der Ereignisse vor einem historischen Kontext nachzuvollziehen.

Grundsätzlich ist eine Arbeit auf Basis der vorgeschlagenen Kriterien aber sinnvoll, um die diskurslinguistischen Aspekte zu analysieren, zumal die Kategorien die Arbeit mit politischen Debatten explizit vorsehen (vgl. Spitzmüller 2009:22). Gerade bei der Analyse textübergreifender Argumentationsmuster ist es hochgradig sinnvoll, einen darauf ausgelegten Ansatz wie das DIMEAN-Modell zu wählen, um die Zusammenhänge und (Rück-) Bezüge sowie wiederkehrende Topoi und Argumente der einzelnen Texte auch hinsichtlich einer Kohärenz auf Diskursebene untersuchen zu können.

3.4.3. Akteure

Den Aspekt, der dieses Modell von vielen anderen unterscheidet, bildet das Untersuchungsfeld der Akteure. Dieser lange unbedeutende Aspekt wird im DIMEAN- Modell gleichwertig neben den anderen Hauptebenen verortet (vgl. Spitzmüller 2017:360). Diesem Schwerpunkt liegt die Annahme zugrunde, dass Diskursregeln und Diskursprägung gegenläufig wirken und z.B. der Autor und die antizipierten Adressaten interagieren (vgl. Spitzmüller 2009:20). So sind einzelne Emittenten4 durchaus in der Lage, einen Diskurs zu beeinflussen, ebenso wie der Diskursverlauf das Verhalten der Akteure beeinflusst. Hier lassen sich vor allem Diskurspositionen untersuchen, indem thematisiert wird, welche soziale Macht ausgeübt wird und wie ausgeprägt die Diskursgemeinschaften und -vertikalität sind (vgl. Spitzmüller 2009:20). Zusätzlich lassen sich die genutzten Medien klassifizieren, um Kommunikationsformen und -bereiche zu untersuchen (vgl. ebd.).

Vor allem die Analyse des Zusammenspiels aus Emittenten und Rezipienten soll mithilfe von Reaktionen in Form von Kommentaren untersucht werden. Zwar handelt es sich hierbei um ein schwer abzubildendes Feld, da nur ein Bruchteil der Rezipienten tatsächlich einen Kommentar hinterlässt und dort tatsächlich authentische Aussagen formuliert, aber gerade bei politischen Reden als besondere Kommunikationsform kann dies zielführend sein. Im Kontext politischer Debatten, in denen eine stärkere Verknüpfung von Inhalt, Autor und Image anzunehmen ist als in der Alltagskommunikation, ist es sinnvoll, diesen Aspekt in der Analyse zu berücksichtigen. Da hier in besonderem Maße ein Bezug zwischen Autor und intendiertem Adressaten, welcher an bestimmte Vorannahmen geknüpft ist, auftritt, sollte eine Untersuchung hinsichtlich der Diskursprägung erfolgen. Die politischen Akteure sind mitunter stark mit Erwartungen und Parteiverpflichtungen verknüpft, dass dies deren Sagbarkeitsraum einschränkt oder Konnotationen begünstigt. Eine derartige Untersuchung kann die Ambivalenz der Aussagen aufzeigen, aber auch die individuellen Versuche, den Diskurs zu prägen oder zu lenken, in den Blick nehmen.

3.5. Argumente und Argumentationsanalyse

Ein Kernelement der persuasiven politischen Kommunikations-Technik (vgl. Klein 2009:2113f.) stellen die Argumentationen dar, da Maßnahmen und Entscheidungen Begründungen fordern und sowohl Wählerinnen und Wähler als auch andere politische Akteure überzeugt werden müssen. Um dies zu begünstigen, sind Argumente bzw. der zielgerichtete Umgang mit diesen vonnöten. Argumente bezeichnen laut Nussbaumer das, „was in strittigen Fragen pro oder contra eine[r] Position als Grund ins Feld geführt wird“ (Nussbaumer 1995:2). Argumentation ist „das Ins-Feld-Führen“ von diesen und somit das „sprachliche Handeln“ (ebd.). Laut dieser Definition erscheint es unerheblich, welchen Wahrheitsgehalt entsprechende Argumente aufweisen, da jeder Einwand als Argument gelten kann. In der Politik spielt diese Komponente zwar durchaus eine Rolle, da in einer funktionierenden Demokratie nicht alle Argumente als gültig angesehen werden. Der Wahrheitsgehalt und die Formulierung von Wahrheiten scheinen im politischen Kontext jedoch nicht von primärer Bedeutung. Diese Aussage lässt sich auch bei Wengeler (2017:1) herauslesen, da es dort um „Meinungen, Werte, Überzeugungen und damit um plausible, Mehrheiten überzeugende Argumentationen und nicht um formallogisch beweisbare Wahrheiten geht“.

Dennoch spielen diese Wahrheiten in der politischen Kommunikation eine besondere Rolle, da sie bei Klein in der Kommunikationsethik aufgegriffen werden (vgl. Klein 2009:2124). Die Besonderheit besteht darin, dass die formulierten Wahrheiten in vielen Fällen nur schwer quantifizierbar sind. so liegen den Bewertungen von situationen zwar Meinungen und Daten zugrunde, allerdings ist die Frage, ob ein Sachverhalt als gut oder schlecht einzustufen ist, allein aufgrund der ambivalenten Zustände in der Bevölkerung nicht eindeutig zu beantworten. Unabhängig von der gegenwärtigen Situation im Wirtschafts-, Bildungs- oder Sozialsektor wird es immer Menschen geben, denen es in diesen Bereichen besser oder schlechter geht. Insofern sind viele politisch formulierte Wahrheiten immer nur Aussagen über eine Auswahl an Datenmengen, welche - ähnlich wie bei der Auswahl eines Korpus - zwar miteinander verknüpft sein können, allerdings immer nur einen Teil der tatsächlichen Wahrheit abbilden, sofern diese überhaupt existiert. Folglich sind alle politischen Aussagen abhängig vom Standpunkt stets beschönigt oder dramatisiert.

Dies führt zu der Schlussfolgerung, dass es keine universalen, unumstrittenen politischen Wahrheiten geben kann, sondern diese nur situativ konstruiert wird und mündet in der Frage, welche Tendenzen sich abzeichnen und in welchen Situationen zu welcher sprachlichen Konstruktion der Wirklichkeit gegriffen wird.

Vor allem in Krisenzeiten, in denen kritische Situationen durch die Politik erläutert und schwierige Entscheidungen begründet werden müssen, erscheint eine Untersuchung ergiebig. So sieht Kindt (vgl. 2017: 835) neben dem Begründen auch das Erklären als Teil politischer Argumentation an. Da staatliche Einrichtungen verpflichtet sind, über ihre Arbeit Auskunft zu geben (Wiebusch 2000:79), sind diese gezwungen, auch unpopuläre Sachverhalte publik zu machen und entsprechend zu kommunizieren. Eine Analyse dessen kann dahingehend erfolgen, dass untersucht wird, „was in einer bestimmten Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit als Wahrheit gilt, was in dieser Gesellschaft überhaupt gesagt werden kann und mit welchen Strategien der Sagbarkeitsraum eingeschränkt oder aber auch ausgeweitet werden kann“ (Niehr 2004:52). Zwar ist dies Gegenstand der kritischen Diskursanalyse, eine Berücksichtigung ist aber auch interdisziplinär legitim und zielführend.

Insofern lässt sich festhalten, dass der tatsächliche Wahrheitsbegriff gesamtgesellschaftlich nicht eindeutig zu untersuchen ist. Stattdessen wird durch die Politik eine Konstruktion entsprechender Aussagen und deren Deklarierung als Fakten oder Wahrheiten im weitesten Sinne vorgenommen. Diese künstlichen Wahrheiten lassen sich unter der Konstruktion von Wissen zusammenfassen. Vor allem vor dem Hintergrund der Annahme, dass Sprache die Wirklichkeit konstruiert (Niehr 2014:48), ist es hochgradig forschungsrelevant, mit welchen sprachlichen Mitteln, Methoden und Techniken dies durch die Politik realisiert wird, zumal hier auch eine intendierte Wissenskonstruktion angenommen werden kann. Die enge Verknüpfung von Wissen und Sprachgebrauch wird von Ziem (2008:92) verdeutlicht: „Sprachliches Wissen ist emergentes und soziales Wissen, das sich allein aus dem Sprachgebrauch ableitet.“ Insofern ist eine Untersuchung des politischen Sprachgebrauches hinsichtlich der Wissenskonstruktionen als Kerninteresse der vorliegenden Forschungsarbeit zu rechtfertigen. Die Wissenskonstruktion als augenscheinlich komplexer sprachlicher Vorgang bedarf einer grundlegenden Systematik und geschieht zumeist argumentativ, wie im Folgenden erläutert.

Das Analysieren vereinzelt auftretender, wiederkehrender, typischer oder neuartiger Argumentationsmuster erweist sich im öffentlichen politischen Diskurs als ergiebig. An Nussbaumers Aussage (vgl. Nussbaumer 1995:2) anknüpfend lässt sich annehmen, dass dem Argumentieren im politischen Sinne eine gewisse Systematik innewohnt. Es kann von Politikern als routinierten Sprechern in der Öffentlichkeit angenommen werden, dass ihrer Kommunikation ein Konzept zugrunde liegt, zumal viele Beiträge nicht von ihnen selbst verfasst wurden. Zudem soll stets ein Sachverhalt erläutert oder ein Ziel erreicht werden. Somit ist trotz vereinzelter, möglicherweise inkorrekter Anwendungen grundsätzlich von einem intendierten und nicht zufälligen Auftreten entsprechender Aussagen und Argumente auszugehen.

Es lässt sich für die Untersuchung festhalten, dass ein Argument jede Behauptung sein kann, die eine Maßnahme oder Standpunkt belegt, ohne damit eine Aussage über deren Wahrheitsgehalt oder moralische Rechtmäßigkeit zu treffen. Unter einer Argumentation bzw. argumentieren ist weiter zu verstehen, dass Aussagen systematisch und argumentativ geäußert werden, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Die Analyse von Argumentationen stellt ein Aufgabenfeld diskurslinguistischer Untersuchungen dar. Es handelt sich hierbei um eine sprachgebrauchsorientierte Subdisziplin mit interdisziplinären Anteilen aus z.B. der Gesprächsanalyse oder der Textlinguistik (vgl. Wengeler 2017a:2). Hierbei „geht es um Analysen, die sich auf eine Vielzahl von Texten beziehen und dabei sich wiederholende Argumente, Argumentationen oder Argumentationsmuster, etwa solche inhaltlicher und formaler Art im Sinne der antiken Topik, herausarbeiten.“ (ebd.). Weiter sind wiederkehrende Argumentationen untersuchungsrelevant, wenn sie prägend für die Politik waren oder in unterschiedlichen Kulturen auftreten (vgl. ebd.). Insofern gilt es zunächst, die Ebenen (Argument, Argumentation, Argumentationsmuster) diskursanalytisch zu identifizieren und zu klassifizieren. Um die Untersuchung leistbar und zielorientiert zu halten, wird der Forschungsschwerpunkt hier auf die Argumentationsmuster gesetzt. Zusätzlich sollten diese Erkenntnisse in Bezug zum restlichen Korpus gesetzt werden. Hier gilt es allerdings, die bei Wengeler angedachte diachrone und kulturübergreifende Analyse dem zu untersuchenden Kontext anzupassen. Zwar wären entsprechende internationale Untersuchungen grundsätzlich möglich, erscheinen aber in diesem Forschungsdesign nicht realisierbar. Dennoch gilt es diese Maxime der politischen Argumentationsforschung zu berücksichtigen, weshalb eine Art Simplifizierung angestrebt wird. So werden anstelle verschiedener Kulturen verschiedene Akteure innerhalb der gesellschaftlichen Debatte herangezogen. Neben politischen Vertretern und Entscheidern sind die in Fix (vgl. 2007:214) Forschungen untersuchten „kleinen Leute“ ebenfalls Teil des öffentlichen politischen Diskurses und werden hier in Form von Medienartikel und Nutzerkommentare berücksichtigt. Zwar sind diese vermutlich alle einer Kultur zuzuordnen, bezogen auf die Bundesrepublik nehmen sie aber unterschiedliche gesellschaftliche Positionen ein. Statt von Kulturen als Kategorien der internationalen Gesellschaft wird hier eher ihre Position im Diskurs von Bedeutung sein, der ein mögliches Macht-, Bildungs- oder Einflussgefälle zugrunde liegt. In diesem stellt die Politik die Emittenten dar, während die anderen Diskursteilnehmer zumeist als Rezipienten auftreten. Überschneidungen und Rollenwechsel sind hier aber nicht ausgeschlossen. Auch innerhalb der Politik kann diese Klassifizierung teilweise durch Landes- und Bundesebene realisiert werden, da sich hier ebenfalls durch die verschiedenen politischen Positionen und Funktionen ein Machtgefälle im Diskurs andeutet.

3.6. Exkurs: Politische Kommunikation

Die Art der öffentlichen Kommunikation stellt einen massiven Erfolgsfaktor für die Politik dar (Wiebusch 2000:75f). Als Einflussmöglichkeit und Darstellungsebene eröffnet die politische Kommunikation Einflussnahme und das Verfolgen zahlreicher Ziele und erscheint aus der medialen Landschaft von Regierung, Wahlkampf und opposition nicht mehr wegzudenken (vgl. ebd.). Wenn derartige Erkenntnisse bereits in den 2000er Jahren vorlagen, dürfte sich durch die gesteigerte Nutzung und Bedeutung des internets und der medialen Vernetzung dieser Trend noch gesteigert haben, wie neuere Forschungsbeiträge vermuten lassen (vgl. Emmer 2013). Es lässt sich argumentieren, dass politische Kommunikation mehr als nur ein sprachliches Hilfsmittel darstellt: Diese ist „Kommunikation der Politik, Kommunikation mit der Politik und Kommunikation über Politik. Sie ist demnach weit mehr als nur ein Instrument der Politik. Sie ist vielfach selbst Politik [Hervorhebungen im Original]“ (Wiebusch 2000:77). Besonders der performative Effekt der Sprache in diesem Kontext liefert Anlass und Basis für eine Untersuchung. Das Ausmaß der tatsächlichen politischen Tragweite mit seinen Auswirkungen auf das Regierungsgeschäft ist primär in der Politikwissenschaft zu verorten und somit nicht Gegenstand dieser linguistischen Untersuchung. Da Art und Struktur der Kommunikation aber sowohl von gesellschaftlicher als auch von politischer Relevanz mit einer enormen Reichweite sind, sind Forschungen diesbezüglich absolut zu rechtfertigen, um Erkenntnisse über deren Kommunikationsstruktur und -techniken transparent zu machen.

Klein zufolge bedient sich die politische Kommunikation häufig persuasiven Kommunikationspraktiken, welche eine Überzeugung von Adressaten und gesteigertes Vertrauen in die Richtigkeit der Aussagen zum Ziel haben (vgl. Klein 2009: 2113f.). Zu diesem Zweck wird sich eines speziellen Vokabulars bedient und die „politisch-soziale Welt“ sprachlich so konzeptualisiert, „dass Identifikation ermöglicht und Zusammenhalt gestärkt wird“ (ebd.:2114). Diese Absichten werden in verschiedenen Sprechhandlungen realisiert, die neben Informieren, Behaupten und Begründen auch Argumentieren umfassen, welches die „wichtigste komplexe Sprechhandlung in politischer Kommunikation“ darstellt (ebd.:2115). Diese lässt sich in Legitimieren und Delegitimieren unterteilen (vgl. ebd.). Die angestrebte Analyse wird sich vor allem mit dem Aspekt des Legitimierens auseinandersetzen, welches im vorliegenden Fall auf eine Rechtfertigung der verhängten Maßnahmen abzielt.

Laut Klein folgt diese politische Argumentation zumeist einer festgelegten Abfolge topischer Argumente (vgl. 2017:37). Dies umfasst zum einen den Kernbestand des Musters aus Datentopos, Valuationstopos, Prinzipientopos und Finaltopos mit dem politischen Handeln als Konklusion. Unter Datentopos werden Situationsdaten verstanden, die im Valuationstopos einer Bewertung unterzogen werden. Entsprechende Normen, Prinzipien oder Werte werden im Prinzipientopos herangezogen, um das Ziel in Form eines Finaltopos argumentativ zu unterstützen. Dieser Kernbestand lässt sich um die Elemente des Erweiterungsbestandes ergänzen, welcher Ursachentopos, Konsequenztopos und Fähigkeitstopos umfassen kann. Mit dem Ursachentopos werden Hintergründe wie Vorgeschichte und Verantwortlichkeit veranschaulicht, mit Konsequenztopoi auf die Folgen verwiesen und mit dem Fähigkeitstopos die Realisierbarkeit des befürworteten politischen Handelns herausgestellt (vgl. ebd.).

Dieses Muster wendet Klein auf den Flüchtlingsdiskurs an und vergleicht dort die Akteure Seehofer und Merkel, welche ebenfalls mit Diskursbeiträgen in dieser Arbeit untersucht werden. Insofern ist das Muster praktikabel für Politikerinnen und Politiker der deutschen Politik und auch - trotz eingeschränkter Vergleichbarkeit - kompatibel mit Krisensituationen, wie anhand der Flüchtlingskrise ersichtlich wird. Eine Anwendung auf den vorliegenden Diskurs ist somit gerechtfertigt und sinnvoll.

Der hauptsächliche Untersuchungsbereich ist das Handlungsfeld „der öffentlichen Meinungs-, Einstellungs- und Willensbildung“ (Spieß 2017:862). Die darin vorherrschenden Korpusbeiträge sind Reden und politische Erklärungen. Letztere stellen laut Klein (2009:2119) eigentlich ein „nüchtern vorgetragenes Spektrum der Vorhaben in der kommenden Regierungsperiode“ dar, welches allerdings im vorliegenden Fall nicht immer gegeben ist. Hier sind aufgrund der Situation einige Abweichungen von der üblichen politischen Regierungserklärung zu beobachten.

4. Korpusbeschreibung

Das Korpus umfasst 37 Diskursbeiträge (siehe Tabelle), die ausgewählt wurden, um die argumentative Konstruktion von Wissen im Diskurs über das Corona-Virus und die politischen Maßnahmen zu untersuchen. Dementsprechend haben alle Beiträge grundsätzlich das Corona-Virus und die damit verbundenen Maßnahmen und Richtlinien zum Thema und wurden dahingehend ausgewählt. Da der Diskurs aufgrund seiner Aktualität und gesellschaftlichen Relevanz sehr umfangreich ausfällt, wird er auf diesen Teildiskurs über Maßnahmen und Lockerungen beschränkt, um die Untersuchung leistbar zu machen und gleichzeitig eine umfassende Darstellung zu ermöglichen. Die folgende tabellarische Übersicht soll die verwendeten Diskursbeiträge veranschaulichen und die Zitation entsprechender Korpusbeiträge vereinfachen. Die zugewiesene Nummer verweist auf den jeweiligen Diskursbeitrag und die Quelle5.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 1: Übersicht Korpusbeiträge

Ein wichtiges Korpus-Kriterium ist der Zeitpunkt der Diskursbeiträge. Um Entwicklungen und Tendenzen aufzeigen zu können, wurden Diskursbeiträge aus zwei größeren Zeiträumen und einem dritten, kürzeren Zeitraum mit weniger Beiträgen ausgewählt. Das erste Untersuchungsfenster (hellster Blauton) umfasst den Zeitraum vom 13.03.2020 bis zum 30.03.2020. In diesem Zeitraum sorgten Schulschließungen und großflächige Maßnahmen für eine starke, offensichtliche Veränderung des gesellschaftlichen Lebens und begünstigten das Aufkommen entsprechender Diskurse und Debatten. Der Zeitraum des ersten Korpus wird bereits am Ende des Monats geschlossen, um die Spekulationen und Beiträge um die für den 15.04. angekündigten, veränderten Maßnahmen gesondert betrachten zu können. Diese Beiträge in der Frühphase der Pandemie sind häufig von allgemeiner Unsicherheit gekennzeichnet. Zudem haben die ausgewählten Beiträge nur die Entwicklung von Maßnahmen und Lockerungen in Deutschland zum Thema. Etwaige Berichte über Nachbarländer wie z.B. Italien, EU-politische Debatten oder der wissenschaftliche Diskurs können aufgrund des Forschungsdesigns nicht Gegenstand der Untersuchung sein.

Das zweite Untersuchungskorpus (mittlerer Blauton) umfasst die Beiträge um die bereits angesprochenen veränderten Maßnahmen im Zeitraum vom 11.04.2020 bis 30.04.2020. Diese Beiträge haben auch vermehrt die Forderung nach Lockerungen zum Thema und bilden den mittleren bis späten Verlauf der ersten Phase der Pandemie ab. Diese Phase erklärt die Bundeskanzlerin in ihrem Beitrag vom 06.05.2020 für beendet, womit auch das gesamte Untersuchungskorpus abgeschlossen wird. Dieser kurze, letzte Zeitraum (dunkelster Blauton) vom 03.05. bis 8.05.2020 umfasst nur 5 Diskursbeiträge und dient einem abschließenden Vergleich und dem Aufzeigen von sich abzeichnenden Tendenzen. Zum Ende der ersten Phase stellt vor allem die Auseinandersetzung mit der Normalität eine wichtige Thematik dar.

Um die Wissenskonstruktion und die verwendeten Argumente möglichst vielseitig abbilden zu können, hat eine Auswahl zu erfolgen, die ein möglichst breites Spektrum an Akteuren und Textsorten abbildet. Als ein wichtiger Akteur wird Angela Merkel mit fünf Diskursbeiträgen berücksichtig (1, 2, 3, 4, 5). Sie stellt als Bundeskanzlerin und Mitglied des kleinen Corona-Kabinetts5 einen wichtigen Emittenten im Diskurs dar und verfügt über eine gewisse Macht im Diskurs. Ihre Beiträge werden häufig rezensiert und von den Landespolitikern aufgegriffen. Zudem definiert sie die Lage und Phasen der Krise sprachlich (vgl. z.B. 5, 0:08-0:21: Ende der ersten Phase der Pandemie), was die zahlreiche Auswahl ihrer Beiträge rechtfertigt.

Ebenfalls von konzeptionell zentraler, wenn auch repräsentativer Bedeutung für die deutsche Politik ist der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der eine spezielle Rolle in Debatten einnehmen kann, da er in dieser Thematik keine exekutiven Entscheidungen zu treffen hat und zudem eine breite Zuhörerschaft bedient.

Mit der Pandemie als gesellschaftliche Krise durch die Bedrohung der Gesundheit erscheint es zudem sinnvoll, die Diskursbeiträge des für diesen Fachbereich zuständigen Bundesministers zu berücksichtigen. Jens Spahn, bei dem es sich ebenfalls um ein Mitglied des kleinen Corona-Kabinetts handelt, ist dementsprechend ebenfalls mit einigen Beiträgen vertreten.

Als weitere Mitglieder sind die Akteure Horst Seehofer (Bundesinnenminister), Olaf Scholz (Bundesfinanzminister) und Helge Braun (Chef des Bundeskanzleramts) mit entsprechenden Beiträgen im Diskurs berücksichtigt. Diese sind in unterschiedlichen politischen Lagern verortet (z.B. CDU und SPD) und unterscheiden sich auch hinsichtlich ihrer Positionen und Aussagen. Eine größere Forschungsbreite wäre möglich, wenn auch noch Politikerinnen und Politiker von Randparteien (z.B. die Grünen, AfD, Linke, usw.) berücksichtig würden, allerdings befinden sich diese zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht in bundespolitisch entscheidenden Positionen, weshalb ihre Diskursbeiträge zumeist wenig bedeutend erscheinen. Um diese dennoch mit abzubilden und Gegenstimmen zur aktuellen Politik zu untersuchen, wird Christian Lindner (FDP) mit einigen Beiträgen im Korpus berücksichtigt.

Damit auch innerhalb der Politik Machtgefälle und Veränderungen aufgezeigt werden können, werden nicht nur die Beiträge der Bundespolitiker, sondern auch die der landespolitischen Entscheidungsträger untersucht, zumal die Umsetzung der Maßnahmen eine Entscheidung auf Landesebene darstellt. Außerdem variieren die verhängten Maßnahmen und die Positionierung im Diskurs der verschiedenen Akteure mitunter recht stark, sodass sich die sprachliche Breite des Diskurses gut abbilden lässt. Insbesondere im Kontext der Lockerungen vertreten die Landesregierungen sehr unterschiedliche Ansätze. Als landespolitische Entscheidungsträger wurden Beiträge der Ministerpräsidenten Markus Söder, Armin Laschet und Daniel Günther ausgewählt. Diese vertreten Länder mit hohen (Bayern und Nordrhein-Westfalen) und niedrigen Infektionszahlen (Schleswig-Holstein), finden aber unterschiedliche Handlungsstrategien und sprachliche Formulierungen. Somit ist im Rahmen dieser Untersuchung ein breites Spektrum der möglichen Akteure abgedeckt. Um auch den Gesundheitsminister auf Bundesebene einem Vergleich unterziehen zu können, wurde mit Heiner Garg auch ein Gesundheitsminister des Landes mit aufgenommen, obwohl diese medial nicht so präsent sind wie Jens Spahn.

Die genannten Akteure wenden sich in unterschiedlichen Formaten und Textformen an die Bevölkerung, bei der zum Teil direkte, live aufgezeichnete Reden vorliegen, häufig aber auch eine Berichterstattung durch die Medien erfolgt. Hier wurde versucht, ein relativ breites Spektrum an Textsorten und Berichterstattern abzudecken, sodass LiveReden unterschiedlicher Länge, Redeausschnitte, Bekanntmachungen in geschriebener Form, Appelle und Aufrufe, Interviews, Presseerklärungen und -konferenzen sowie vereinzelte Ausschnitte aus Parlamentsdebatten und Weiteres aufgegriffen werden. Die berücksichtigte mediale Berichterstattung erfolgt zumeist aufgrund der Zugänglichkeit in Form von Onlineartikeln.

Um auch im Bereich der medialen Berichterstattung ein möglichst weites Spektrum abbilden zu können, wurden hier Mediengesellschaften unterschiedlicher Seriosität und Auflagenzahl herangezogen, um z.B. den unterschiedlichen Umgang mit den politischen Äußerungen aufzuzeigen. So sind zum Beispiel Die Zeit, die Süddeutsche Zeitung, die Tagesschau, die Augsburger Allgemeine und weitere vertreten. Im Bereich der Boulevardpresse ist vor allem die Bild als auflagenstärkste Boulevardzeitschrift, aber auch z.B.

der Spiegel vertreten. Aufgrund des Ausmaßes der medialen Beiträge wurden hauptsächlich Artikel mit Bezug zu Einschränkungen und Lockerungen oder Kommentare, Spekulationen oder Rezensionen bezüglich der entsprechenden Politik berücksichtigt. Als weitere Akteursgruppe finden die Rezipienten in Form der Bevölkerung Erwähnung. Diese werden mit Nutzerkommentaren unter den Beiträgen der Politikerinnen und Politikern berücksichtigt. Es gilt zu berücksichtigen, dass selbstverständlich keine umfassende Darstellung oder entsprechende Rückschlüsse auf Motive, Situationen oder Personen mit ihren Werten und Weltanschauungen möglich sind, weshalb die Kommentare trotz Nutzernamen als anonym betrachtet werden. Die Untersuchung soll lediglich dazu dienen, Tendenzen in Sprachgebrauch und Argumentation sowie eine Rückmeldung der rezipierten Inhalte punktuell aufzuzeigen.

Zu erwähnen ist zusätzlich, dass einige Korpusbeiträge umfangreicher analysiert werden als andere, die nur sporadisch herangezogen werden, um Vergleiche und Beispiele zu ermöglichen, Rahmenbedingungen und Kontraste zu offenbaren oder um den Diskurs vielseitiger abbilden zu können.

5. Diskursverlauf

Zeitnah mit dem Aufkommen einer Corona-Epidemie in China beginnt auch ein entsprechender Diskurs in Deutschland, wenn auch zunächst in geringem Ausmaß. Entsprechende Beiträge finden sich im Laufe des Januars und mit zunehmender Anzahl in Februar und März. Während im Januar zum Beispiel Hygienemaßnahmen6 verhängt werden, zieht Gesundheitsminister Spahn am 12. Februar schon eine drohende Pandemie in Erwägung: „Ganz ausschließen können wir natürlich nicht, dass sich aus einer regional begrenzten Epidemie in China am Ende doch eine weltweite Pandemie entwickelt.“7. Im Verlauf der Monate Februar und März nimmt die Breite des allgemeinen Corona-Diskurses zu und mehr Akteure beteiligen sich. Zudem entstehen Sub-Diskurse z.B. auf einer wissenschaftlichen Ebene über das Corona-Virus, die Verbreitungsgebiete, Maßnahmen und wirtschaftliche Folgen. Die entsprechenden Debatten sind zu diesem Zeitpunkt noch recht spekulativ und weisen häufig eine wortgewaltige Schilderung der Zustände im Ausland auf.8 In der Bevölkerung erscheint das Virus anfangs noch keine große Verunsicherung hervorzurufen, wie aus einer Befragung des MDR hervorgeht.9 Erst mit den Schulschließungen und der Ansprache der Bundeskanzlerin (vgl. 2) erfährt die Epidemie in Deutschland eine Art offiziellen Beginn. Mit der Ansprache wird die Lage entsprechend eingeordnet und die Wirklichkeit der Pandemie konstatiert. In der Folge wächst der Diskurs massiv an. Zu Beginn wird vor allem die Verhängung von Maßnahmen, Einschränkungen und Leitlinien thematisiert (u.a. 1, 2, 7, 12, 18, 34). Weiter sind das Befolgen der Maßnahmen (z.B. in 8), Aufrufe zur Solidarität (z.B. in 9) oder Kommentare und Vergleiche von Länderpolitik (z.B. in 17) häufige Diskursthemen. Die Debatte um Lockerungen und Normalität ist zwar vorhanden (u.a. 20, 22, 24), scheint aber zu Beginn der Pandemie keine entscheidende Rolle zu spielen. Entsprechend dementierende Diskursbeiträge lassen sich finden (z.B. 28) und diese Thematik wird in Kapitel 7. exemplarisch untersucht. Massive argumentative Gegenbewegungen von unterschiedlichen politischen Parteien sind in dieser Phase noch nicht zu verzeichnen. Grundsätzlich entsteht der Eindruck, dass diese frühe Phase der Pandemie von Unsicherheit und Einschränkungen geprägt ist. Der weitere Verlauf des Diskurses ist an die Entwicklungen der Pandemie geknüpft. Mit zunehmender Verbesserung der Infektionsrate in Deutschland erfolgen Änderungen der Maßnahmen und zunehmende Debatten in diesem Bereich. Insbesondere die Debatte der Lockerungen und einer zukünftigen Rückkehr zur Normalität erhält viel Aufmerksamkeit (z.B. 26). Es folgt eine zunehmende Rechtfertigung der anfangs vermeintlich unkritisch hingenommenen Maßnahmen (z.B. 25). Auch die vorher in eine Art Schockstarre verfallene Opposition verbalisiert nun Kritik (z.B. 23). Aber auch unter den Regierungen kommt es zunehmend zu politischen Profilierungen, die von den Medien entsprechend stilisiert werden (z.B. 31). Zusätzlich wirbt die Politik um Verständnis und Einsicht für die Art ihrer Entscheidungen (z.B. 37). Somit ist die mittlere Phase im April deutlich von der Debatte um Lockerungen gekennzeichnet, in der die Politikerinnen und Politiker darum bemüht sind, Maßnahmen zu rechtfertigen und aufrecht zu erhalten sowie vorsichtig zu lockern, während viele andere Akteure aus Medien und Bevölkerung für schnelle Lockerungen plädieren. In diesem Kontext ist auch die in der Analyse thematisierte Rückkehr und Definition von Normalität häufig vertreten.

Dieser Trend setzt sich über die Korpusschließung hinaus fort und lässt sich bereits in späten Diskursbeiträgen erahnen (z.B. 27). Nachdem Merkel, wie bereits zitiert, die erste Phase der Pandemie für beendet erklärt, wandelt sich der Diskurs zunehmend in Richtung Rückkehr zur Normalität. Während zuerst die Maßnahmen im Zentrum standen und es eher darum ging, Lockerungen zu rechtfertigen, findet eine Veränderung dahingehend statt, dass nun vermehrt die Aufrechterhaltung der Maßnahmen zu rechtfertigen ist. Zwar ist dies eine konstruierte Darstellung, diese basiert jedoch auf dem zunehmenden öffentlichen Interesse an Lockerungen und Beendigung der Maßnahmen, die sich an vielen Stellen abzeichnen.10 Verbunden mit vielen Lockerungen im wirtschaftlichen und privaten Bereich geht es im weiteren Verlauf des Diskurses eher darum, was wie gelockert werden kann und nicht, ob gelockert werden sollte, was am Anfang der Pandemie noch fraglich war.11

Insofern bildet der für das Korpus ausgewählte Zeitraum eine komplexe und entscheidende Entwicklungsphase im Diskurs ab, der sowohl den sprachlichen Schockzustand als auch die stückweise Reaktivierung einer wie auch immer gearteten Normalität abbildet. Viele spätere diskursive Entwicklungen und Elemente nehmen hier ihren Ursprung, Lexeme erhalten Bedeutungsveränderungen. Zudem beziehen und wechseln viele Akteure in dieser Phase ihre argumentativen Positionen, weshalb die Auswahl dieses parallel auch gesellschaftlich veränderungsreichen Diskursabschnittes linguistisch viel Untersuchungspotential bietet.

6. Analyse der Argumentationsstruktur im öffentlichen politischen Diskurs

Die Analyse der Argumentationsstruktur im öffentlichen politischen Diskurs erfolgt thesenorientiert. Diese Thesen sind lose mit den von Josef Klein aufgestellten Argument- topoi verknüpft und bilden die linguistischen Oberthemen der einzelnen Kapitel. Als roter Faden findet eine Untersuchung der transtextuellen topischen Argumentabfolge statt, deren einzelne Bestandteile in den Kapiteln aufgegriffen und analysiert werden. Diese zugrundeliegende Argumentationsstruktur kann wie folgt veranschaulicht werden:

ARGUMENTATIONSSTRUKTUR IM ÖFFENTLICHEN POLITISCHEN DISKURS

1. Datentopos: Die Neuinfektionen und der Reproduktionsfaktor sind hoch.
2. Ursachentopos: Das Virus ist neuartig und sehr ansteckend/ Es handelt sich um eine außergewöhnliche Situation.
3. Konsequenztopos: Aussicht auf Verringerung der Ansteckung durch Maßnahmen und Einschränkungen/ Strafen bei Nichtbefolgen.
4. Valuationstopos: Die Experten raten zu den Maßnahmen/ Die Infektionszahlen lassen sich positiv deuten.
5. Prinzipientopos: Solidarität gegenüber gefährdeten Personen und Risikogruppen.
6. Finaltopos: Das Gesundheitssystem darf nicht überfordert werden und die Infektionsrate muss verringert werden.
7. Fähigkeitstopos: Die Mehrheit setzt die Maßnahmen bereits zufriedenstellend um und findet sich in der neuen Normalität zurecht.

Konklusion: Verhängung entsprechender Maßnahmen und schrittweiser Lockerungen auf Basis der Datenlage

[...]


1 Hinweis zur gendergerechten Sprache: Es wird versucht, eine entsprechend universale Formulierung zu wählen, wo immer Lesbarkeit und Textfluss dadurch nicht behindert werden. Dies hat eine häufige, aber nicht zwangsläufig allumfassende Verwendung der geschlechtsneutralen Form zur Folge. Auch bei nur einfacher Verwendung (z.B. der maskulinen Form) werden in der Regel alle Geschlechter mitgedacht. Abweichungen finden sich bei expliziten Bezügen auf einzelne Personen und Fachbegriffen (z.B. ,Akteure'), die nicht universal angepasst werden.

2 Das dieser Arbeit zugrundeliegende Verständnis eines Frames wird in der Anwendungen wie bei Klein (2009) verwendet und in den Ausführungen von Konerding (1993) erläutert.

3 Die Problematik besteht darin, dass über die Nutzerinnen und Nutzern außer einem undefinierbaren politischen Interesse (vgl. Emmer 2013: 140) und der Facebook-Mitgliedschaft keine weiteren Aussagen getroffen werden können.

4 Nach Klein wird ein Emittent „zur Bezeichnung der für einen Text verantwortlichen Person(enguppe) oder Institution verwendet “(Klein 2009:2114). Eine darauf basierende Kategorisierung im Diskurs lässt sich ebenfalls vornehmen, indem häufige Emittenten von bedeutsamen Texten innerhalb eines Diskurses als Emittenten in diesem bezeichnet werden.

5 Umfasst ein politisches Gremium aus mehreren Bundesministerinnen und Bundesministern, welche direkt mit dem Krisenmanagement betreut sind. Vgl.<https://www.bundesregierung.de/breg-de/the- men/coronavirus/regierungshandeln-covid19-1740548> [Zugriff am 27.06.2020].

6 Kleinere Einschränkungen z.B. bei der Einreise aus Risikogebieten. Artikel verfügbar unter <https://www.mags.nrw/coronavirus> [Zugriff am 21.06.2020].

7 Parlamentsdebatte vom 12.02.2020, verfügbar unter <https://www.bundesgesundheitsministe- rium.de/presse/reden/aktuelle-stunde-coronavirus.html> [Zugriff am 03.07.2020].

8 Berichtet wird z.B. über die Zustände in den Krankenhäusern, Arbeitsbedingungen des medizinischen Personals und die Situation im Allgemeinen. Im vorliegenden Beispiel wird mit „wie ein Tsunami" auf Naturkatastrophen referiert. Artikel verfügbar unter <https://www.spiegel.de/politik/ausland/coronavirus- in-italien-wie-ein-tsunami-a-634be2c3-3666-434e-be74-44c6452e3690> [Zugriff am 29.06.2020].

9 Ergebnisse vom 06.03., 12000 Befragte in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, vgl. <https://www.mdr.de/nachrichten/mitmachen/mdrfragt/umfrage-ergebnis-corona-virus-100.html> [Zugriff am 16.07.2020].

10 Artikel verfügbar unter <https://www1.wdr.de/nachrichten/landespolitik/neue-lockerungen- 102.html> [Zugriff am 27.06.2020].

11 Artikel verfügbar unter <https://www.stimme.de/suedwesten/nachrichten/pl/die-corona-lockerun- gen-im-ueberblick;art19070,4368619> [Zugriff am 27.06.2020].

Ende der Leseprobe aus 104 Seiten

Details

Titel
Konstruktion von Wissen im öffentlichen politischen Diskurs über das Corona-Virus
Untertitel
Eine Analyse auf Basis des DIMEAN-Modells
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,1
Autor
Jahr
2020
Seiten
104
Katalognummer
V942251
ISBN (eBook)
9783346374790
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Corona, Diskurs, Diskursanalyse, Medien, Wissen, Konstruktion, Coronavirus, Sars-Cov-II, Dimean, Dimean-Modell, Wissenskonstruktion, Politik, politischer Diskurs, medialer Diskurs, privater Diskurs, Internet, Internetkommunikation, Maßnahmen, Lockdown, Einschränkungen, Covid, Epidemie
Arbeit zitieren
Sven Beth (Autor:in), 2020, Konstruktion von Wissen im öffentlichen politischen Diskurs über das Corona-Virus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/942251

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Konstruktion von Wissen im öffentlichen politischen Diskurs über das Corona-Virus



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden