Internationale (Arbeits-) Migration - Analyse der Möglichkeiten staatlicher Steuerung auf den Philippinen und in Spanien


Magisterarbeit, 2007
88 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungs- und Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methodische und theoretische Grundannahmen
2.1. Arbeitsmigration, Globalisierung und der Nationalstaat
2.2. Migrationssysteme
2.2.1. Die Krise der Push- und Pull-Ansätze
2.2.2. Verknüpfung von Mikro- und Makro-Ebenen
2.2.3. Migrationssystem-Ansätze
2.2.4. Typologie von Einflussfaktoren
2.3. Neo-Gramscianismus
2.3.1. Das Konzept transnationaler Hegemonie
2.3.2. Erklärung strukturellen Wandels
2.3.3. Migrationssteuerung – ein neoliberales Projekt?

3. Erstes Fallbeispiel: Die Philippinen
3.1. Sozio-ökonomischer und politischer Wandel
3.2. Institutionalisierung von Migrationsprozessen
3.2.1. Rekrutierung
3.2.2. Betreuung im Ausland
3.2.3. Reintegrationsprogramme
3.3. Feminisierung und Flexibilisierung transnationaler Arbeit

4. Zweites Fallbeispiel: Spanien
4.1. Sozio-ökonomischer und politischer Wandel
4.2. Externalisierung von Migrationspolitik
4.2.1. Legalisierungen
4.2.2. Quotensysteme
4.2.3. Bilaterale Migrationsverträge
4.3. Ethnische Segmentierung von Arbeitsmärkten

5. Zusammenfassung

6. Literatur- und Quellenverzeichnis
6.1. Sekundärliteratur
6.2. Internetquellen und -seiten

Abkürzungs- und Abbildungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: A Systems Framework of International Migration

Abbildung 2: Linkages in Migration Systems

Abbildung 3: Categories of Forces

Abbildung 4: The New Southern European Immigration Policy

Abbildung 5: Regularization`s Applications/Quota system by Economic Sectors

1. Einleitung

“Die Staaten und der Privatsektor sollten sorgfältig geplante, zeitlich befristete Migrationsprogramme in Betracht ziehen, um den wirtschaftlichen Erfordernissen sowohl der Herkunfts- als auch der Zielländer zu begegnen.“

Diese Forderung der „Global Commission on International Migration“ (GCIM) stammt nicht aus der Zeit der Gastarbeiterprogramme, den 50er und 60er Jahren, sondern ist das Ergebnis einer Expertenkommission, die zwischen 2003 und 2005 neue Handlungsprinzipien für Migrationspolitiken entwickelt hat.[1] Das Zitat verdeutlicht einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Migration: „Temporary Migration Programmes“ (TMPs) gelten wieder als legitimes und sinnvolles Mittel, den Arbeitskräftebedarf nationaler Ökonomien zu decken.

Die Folgen der Gastarbeiterprogramme hatten viele europäische Staaten lange Zeit davon abgehalten, erneut Migrationsprogramme ins Leben zu rufen. Viele Gastarbeiter waren, anders als erwartet, nicht in ihre Heimatländer zurückgegangen und unterstützten durch die Bildung von familiären Netzwerken den kontinuierlichen Zustrom von Einwanderern. Dies führte zu den gegenwärtigen ethnisch-gemischten, jedoch zugleich sozial-getrennten Gesellschaften in Mittel- und Westeuropa.

Zu den negativen Konsequenzen gehören die soziale Ausgrenzung von Minderheiten, die Segmentierung des Arbeitsmarktes, ethnisch getrennte Wohnviertel und hohe Arbeitslosigkeit unter den Aussiedlern. Dies erhöhte das innergesellschaftliche Konfliktpotential, welches sich am Aufkommen extrem-rechter Bewegungen, institutionalisiertem Rassismus und den Aufständen von Jugendlichen mit „Migrationshintergrund“, wie zuletzt in den französischen Vorstädten, bemerkbar machte.[2]

Mit den neuen TMPs sollen jedoch konzeptionelle Fehler, die bei der Ausarbeitung der Gastarbeiterprogramme gemacht worden sind, von vornherein ausgeschlossen werden. Der umfassende Ansatz, der nicht nur den Bedürfnissen des Aufnahmelandes dient, sondern zugleich Vorteile für die Migranten selbst und deren Heimatländer verspricht, beinhaltet einen massiven regulativen Eingriff von Regierungen. Diese sind angehalten, ihre Migrations- und Arbeitsgesetze anzupassen, die Kosten für die Rekrutierung von Arbeitskräften zu kontrollieren, die Wettbewerbsfähigkeit einheimischer Arbeiter zu fördern, die Agenturen zur Vermittlung von Migranten zu überwachen, den Schutz von Arbeitsmigranten zu gewährleisten und die Rückkehr von Migranten zu erleichtern. Mit Hilfe solcher Maßnahmen könnte es gelingen, dass TMPs zum Vorteil aller Parteien durchgeführt werden und der Aufenthalt von Migranten zeitlich begrenzt bleibt.[3]

Die Frage, die sich daran anschließt, lautet: Sind Staaten überhaupt in der Lage, einen solch hohen Grad an Regulierung von ökonomisch bedingter Migration aufzubringen? Die Überlegungen hinsichtlich solcher Fragen sind vor allem der Tatsache verschuldet, dass internationale Arbeitsmigration weitestgehend unter Ausschluss staatlicher Steuerung stattfindet und Regierungen bei „der Einstellung von irregulären Migranten ein Auge zugedrücken“.[4]

Hinzu kommt, dass sich der Charakter von Internationaler Arbeitsmigration verändert hat. Arbeitsmigranten „pendeln“ häufiger zwischen Herkunfts- und Zielort hin und her und reagieren flexibel auf die Nachfrage von Arbeitsmärkten in industrialisierten Ländern.[5] Die Fragestellung der Arbeit ergibt sich daher auch vom umgekehrten Standpunkt aus: Welchen Einfluss haben die zirkulären und temporären (Arbeits-)Migrationsprozesse auf die Rolle des Nationalstaates?

Der Staat als Akteur im Bereich der internationalen Migration ist in der Migrationsforschung lange Zeit unbeachtet geblieben. Klassische Theorien argumentierten vor allem aus ökonomischer Sicht. Am häufigsten wurden push- und pull- Faktoren oder mit soziologischen und psychologischen Elementen versehene rational choice-Ansätze verwendet, um Migrationsentscheidungen auf der Mikro-Ebene nachweisen zu können. Neuere Theorieansätze, ausgehend von der Weltsystemtheorie, konzentrierten sich auf die Herausbildung transnationaler sozialer Räume, in denen das Auftreten von sogenannten Migrationsnetzwerken nachgewiesen wurde.[6]

Seit Mitte der 80er Jahre begann die Politikwissenschaft mit der Forderung „Bring the State Back in“ verstärkt an der sozialwissenschaftlichen Analyse von Migration teilzuhaben.[7] Die Grundannahmen stellten die Prämissen des politischen Realismus, wonach die Nationalstaaten, als Hauptakteur des internationalen Systems, Migration vornehmlich unter dem Blickpunkt des nationalen Eigeninteresses und als potentielle Bedrohung wahrnehmen.

Eine zweite Forschungsperspektive orientierte sich an der Globalisierungsthese und sah die souveräne und regulative Macht des Nationalstaates wesentlich durch transnationale Kräfte wie Waren-, Kapital- und Migrationsbewegungen geschwächt. Vorrangiges Ziel war es, strukturelle Effekte und systemische Faktoren, die den Bedarf und das Angebot von Migrationspolitik determinieren, zu erklären. Zu den abhängigen Variablen dieser Perspektive zählt die prinzipielle Mobilität von Menschen und, im Gegensatz zum realistischen Ansatz, die Tatsache, dass Staaten nicht die alleinigen Akteure internationaler Beziehungen sind.[8]

Auch in dieser Arbeit wird ein systemanalytischer Ansatz verwendet, um Regelmäßigkeiten und „Gesetzmäßigkeiten“ über die Möglichkeiten staatlicher Steuerung von internationaler Migration aus globalisierungstheoretischer Perspektive zu erfassen.

Nach einer Einführung in die Begrifflichkeit und die gegenwärtigen Zusammenhänge von „Arbeitsmigration, Globalisierung und Nationalstaat“ wird das Konzept der Migrationssysteme näher erläutert. Der Ansatz basiert auf der Beobachtung, dass Migration „mobiler“ geworden ist und immer mehr Migranten zwischen Herkunfts- und Zielort hin und her pendeln bzw. die Verbindungen zum Herkunftsort bestehenbleiben. Auf diese Weise entstehen stabile, globale Migrationssysteme zwischen Entsende- und Aufnahmeländern, deren politische Einflussmöglichkeiten abhängig sind von sozialen, ökonomischen und kulturellen Verbindungen. Der Migrationssystem-Ansatz setzt voraus, dass beide Enden eines Migrationsstromes betrachtet werden, weshalb im empirischen Teil der Arbeit mit Spanien ein Einwanderungs- und den Philippinen ein Auswanderungsland als Fallbeispiel der Analyse gewählt worden ist.

Der Systemansatz fordert darüber hinaus, Migrationspolitik aus einer breiteren Perspektive zu betrachten, mit der Konflikte und Kooperationen zwischen verschiedenen Akteuren auf nationaler und internationaler Ebene erklärt werden können.[9] Dies geschieht mit Hilfe der neo-gramscianischen Theorie, deren Erkenntnisinteresse sich auf transnationale Macht- und Herrschaftsverhältnisse richtet. Der Ansatz betrachtet aus historisch-analytischer Perspektive den strukturellen Wandel von Produktionsbeziehungen, Staatsformen und Weltordnungen. Die Verbindung zu dem Thema der vorliegenden Arbeit ergibt sich, indem untersucht wird, inwieweit die Wechselwirkungen zwischen den drei Handlungsebenen Einfluss auf die staatliche Regulierung von Migrationsprozessen nehmen. Der Argumentationsstrang dieser Arbeit erfolgt entlang der folgenden Thesen:

(1) Internationale Arbeitsmigration ist komplexer und flexibler geworden. Dies schafft ein Steuerungsproblem nicht nur von Migrationsprozessen, sondern auch von internationalen Beziehungen.
(2) Staaten können Migrationsströme nicht kontrollieren, sondern lediglich „managen“. Regierungen versuchen, den eigenen Staat zu stärken, indem anpassungsfähige Mechanismen geschaffen werden, mit denen Angebot und Nachfrage eines „globalen Arbeitsmarktes“ optimal genutzt werden können.
(3) Der Handlungsrahmen nationalstaatlicher Politik erweitert sich. Sowohl die Sicherung von Arbeits- und Menschenrechten von Staatsbürgern im Ausland, als auch die nationale Arbeitsmarktpolitik verlagert sich zunehmend auf die Ebene der internationalen Beziehungen.

Die Auswahl der Fallbeispiele basiert zum einen auf inhaltlichen Gründen: Von den Philippinen sind 2006 zum ersten Mal mehr als eine Millionen Menschen für Tätigkeiten im Ausland angeworben worden. Bereits 1993 bezeichnete Stephen Castles die Philippinen als „prototype of labour exporting country“.[10] Diese Tendenz hat sich seitdem beständig fortgesetzt.

Im Gegensatz dazu sind nach Spanien im letzten Jahr fast eine Millionen Menschen eingewandert, von denen etwa 180.000 bereits vor der Einreise ein temporäres Arbeitsvisum erhalten hatten. Obwohl die Kontrolle der Außengrenzen immer mehr verschärft wurde, gehört Spanien mittlerweile zu den bedeutendsten Einwanderungsländern der Welt.

Die dynamischen Migrationsbewegungen haben die Gesellschaftsstrukturen in beiden Länder nachhaltig verändert. Auf den Philippinen sind Themen im Zusammenhang mit Migration und Auslandserfahrungen fester Bestandteil der Presse. Viele Unternehmen wie Reiseagenturen, Arbeitsvermittler, Überweisungs- und Versicherungsdienstleister sind direkt von Migrationsvorgängen abhängig. Von den 89 Millionen Filipinos waren schon über die Hälfte im Ausland oder haben Familienangehörige, die sich im Ausland befinden.

In Spanien hat der ökonomische Boom der letzten Jahre zu einer hohen Nachfrage an Arbeitskräften geführt. Mittlerweile können die wichtigsten Wirtschaftssektoren wie die Landwirtschaft und verschiedene Dienstleistungsbereiche nicht mehr auf die Einstellung von Immigranten verzichten. Gleichzeitig entwickelte sich in wenigen Jahren eine multikulturelle Gesellschaft, in der Fremdenfeindlichkeit und Rassismus immer häufiger auftreten.

Migration ist auf den Philippinen und in Spanien ein wesentliches Element der gesellschaftlichen und ökonomischen Stabilität geworden. Dies erklärt, warum die Regierungen dieser Länder ein besonders hohes Interesse an einem sicheren und legalen Umgang mit Migrationsprozessen haben.

Weiterhin spielten bei der Wahl der Fallbeispiele auch persönliche Gründe eine Rolle. Seit einem siebenmonatigen Aufenthalt in Salamanca im Rahmen eines Erasmus-Stipendiums verfolge ich intensiv die gesellschaftliche und politische Entwicklung in Spanien. Mein Interesse an den Philippinen wurde durch eine Seminararbeit über „Entwicklung und Migration“ geweckt. Meine Sprachkenntnisse ermöglichten mir einen ausführlichen Einblick in die für diese Arbeit notwendigen Quellen.[11] Dazu zählen Zeitungsberichte, Statistiken, sowie Internetseiten von Ministerien, Behörden und anderen Institutionen.

2. Methodische und theoretische Grundannahmen

2.1. Arbeitsmigration, Globalisierung und der Nationalstaat

Die Entwicklung von modernen Formen der Kontrolle von Migrationsbewegungen ist sehr eng an die Entstehung von Nationalstaaten geknüpft, zu deren wichtigsten Voraussetzungen die Zentralisierung von Macht und Herrschaft, Strukturen öffentlicher Verwaltung und die Ausbildung von Institutionen der staatlichen Kontrolle und Überwachung zählen.

Es geht nicht nur um die Ausübung von Herrschaftsansprüchen, sondern auch um die Durchsetzung der Zugehörigkeit und Anbindung von Menschen an ein bestimmtes Territorium. In diesem Prozess wurde die Legitimation von Herrschaft durch Abstammung von der Herrschaft der Beherrschten selbst, also dem Volk ersetzt. Innerhalb der feudalen und absolutistischen Strukturen in Europa entstand im 18. und 19. Jahrhundert die Idee des Nationalstaates auf der Grundlage einer nationalen Gemeinschaft.

Im verwaltungsmäßigen Sinne fand die Kopplung von Staatsvolk und Staatsterritorium mit der Entstehung des Passwesens ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ihren vorläufigen Abschluss.[12] Von nun an konnten Einreisezeitpunkt und Aufenthaltsdauer dokumentiert werden und es wurde möglich, Aufenthaltsrechte zu vergeben und deren Einhaltung zu kontrollieren.

Heutzutage ist die Regulierung von Zugehörigkeiten ein Instrument moderner Staaten geworden, „sich als Nationalstaaten zu begreifen und Geltung zu verschaffen.“ Die Regulierung erstreckt sich dabei auch auf die eigene Bevölkerung, indem diese im Unterschied zu den Anderen, den Eingewanderten als „vermeintlich homogene Einheit konstituiert und imaginiert“ wird.[13]

Innerhalb verschiedener Migrationsmuster wird Arbeitsmigration sowohl als „Sonderfall“ als auch als allgemeine Bedingung von Migrationsprozessen verstanden. Einerseits sind Migranten an sich „Arbeitsmigranten“, da meistens nur durch die Tätigkeit des Arbeitens der Lebensunterhalt gesichert werden kann. Andererseits ist Arbeitsmigration ein „Sonderfall“, da Migranten für bestimmte Arbeitstätigkeiten „angeworben“ werden. Beziehungen zwischen Migranten und „Einheimischen“ werden hier ausschließlich als ein funktionales Moment wahrgenommen und auf ihre rein ökonomischen Aspekte reduziert.

Auf zweifache Weise lässt sich eine daraus resultierende Ausgrenzung von Migranten feststellen: Zum einen wird Migranten, die dauerhaft in einer Gesellschaft leben, „Zweckrationalität“ unterstellt, da Migration „als funktional, als temporär unabgeschlossen“ angesehen wird. Zum anderen können mit diesem Verständnis der „bloßen“ Arbeitsmigration Migrationsmotive von gesellschaftlichen Neuankömmlingen de-legitimiert werden.

Moderne Gesellschaften lassen sich daher auch als „Exklusionsgemeinschaften“ charakterisieren, da eine „funktionale Festlegung von Migranten auf die Bedürfnisse der kapitalistischen Ökonomien“ vorliegt. Daraus ergeben sich Probleme der politischen und sozialen Zugehörigkeit, wie der nationalstaatlichen „Loyalität“ der Migranten und der politischen Legitimität des Nationalstaates, was zu „Konflikten“ zwischen dem Herkunftsstaat und dem „neuen“ Aufenthalts- und Bleibestaat führt.[14]

Obwohl in jüngster Zeit in den Gesellschaftswissenschaften auch normativ zu verstehende Konzepte entwickelt wurden, die Migration als einen natürlichen Prozess der „Vergesellschaftung“ deuten[15], scheint der funktionale Aspekt von Arbeitsmigration durch Prozesse der Globalisierung in der Praxis und Forschung weiter an Bedeutung zu gewinnen.

Eine zentrale Funktion von internationaler Migration ist demnach die weltweite Verfügbarkeit von gering und hoch qualifizierten Arbeitskräften. Aufgrund der „expansiven Natur des kapitalistischen Akkumulationsprozesses“ und des Wunsches der Unternehmer, die Arbeitskosten zu senken, stellt der Bedarf an Arbeitskräften „eine Konstante der Entwicklung des kapitalistischen Weltsystems“ da.[16] Sobald zu wenig oder nur unrentable Arbeit vorhanden ist, wird der Rückgriff auf „gewanderte Arbeit“ zu einer Alternative. Migration ist somit ein Subsystem, bzw. ein „labor supply system“[17] auf dem Weltmarkt für Arbeitskraft.

Verbindungen zwischen fortschreitenden Migrations- und Globalisierungsprozessen lassen sich laut Christoph Parnreiter in drei Bereichen unmittelbar nachweisen:

Erstens ist die Landwirtschaft in der Dritten Welt einer steigenden Weltmarktkonkurrenz ausgesetzt gewesen, was dazu führte, dass unrentable Betriebe aufgeben mussten und weltweit ein Verlust an agrarischen Arbeitsplätzen zu verzeichnen war. Der zunehmende Anteil ausländischer Direktinvestitionen unterminierte traditionelle Arbeitsformen und schuf eine neue Form der Lohnarbeit. Dies ließ Anreize zur Mobilisierung vor allem für junge Frauen entstehen.

Zweitens bauten globale Bewegungen von Kapital, Gütern, Dienstleistungen und Informationen transnationale Räume auf, in denen Mobilitätsbarrieren abgebaut wurden. Für die Migranten ergaben sich daraus Verbindungen und „Brücken“, die die sozialen und ökonomischen Kosten von Wanderung verringerten. Globalisierung schafft somit „über Entwurzelung Migrationspotentiale“ und sorgt zugleich über die ideologische, kulturelle und materielle Verknüpfung von Zentrum und Peripherie für die Basis der tatsächlichen Wanderung.

Drittens stieg mit der Globalisierung die Nachfrage nach Arbeitskräften für schlecht bezahlte, instabile und sozial nicht oder schlecht abgesicherte Jobs, insbesondere in den großen Metropolen. Dies ist eine Folge der zunehmenden Polarisierung und Fragmentarisierung der Arbeitsmärkte in den USA und in Westeuropa aufgrund der sozioökonomischen Reorganisationen nach den Umbrüchen der Weltwirtschaft in den 1970er Jahren. Es entstanden sehr „verwundbare“ Segmente des Arbeitsmarktes, für die Arbeitsmigranten wegen ihrer rechtlichen und sozialen Diskriminierung „als geeignet angesehen“ wurden.[18]

Die Debatte über die Auswirkungen von Globalisierungsprozessen nimmt in der Migrationsforschung einen wichtigen Platz ein. Anhand des Leitterminus „Transnationalismus“ ist die Entstehung neuer Migrationsformen beschrieben worden[19], durch die nationalstaatliche organisierte Systeme unterminiert und transformiert werden: Migration ist zu einem „Indikator“ geworden, inwieweit Globalisierungsprozesse bzw. –schübe die „nationalstaatlichen Handlungs- und Entscheidungsspielräume“ einengen bzw. verändern können.[20]

Einer der bekanntesten Befürworter einer tendenziellen „Denationalisierung“[21] des Staates ist James Hollifield. Für ihn sind Staaten aufgrund des zunehmenden Transnationalismus in Form von Handel, (Direkt-)Investitionen und Wanderungsbewegungen in einem „liberalen Paradox“ gefangen: Die ökonomische Logik des Liberalismus verlangt dabei eine immer weitere Öffnung des Staates, die politische und rechtliche Logik verlangt jedoch mehr Abschottung.[22]

Dieses Dilemma nationalstaatlicher Handlungsmöglichkeiten macht Hollifield an zwei Entwicklungstrends fest. Zum einen stellte er anhand der „convergence hypothesis“ eine zunehmende Anpassung von Arbeitskräfte-importierenden Ländern in Bezug auf die Mittel und Ergebnisse von Migrationspolitik fest. Zum anderen macht er anhand der „gap hypothesis“ darauf aufmerksam, dass die Kluft zwischen den Zielen und den Ergebnissen im Bereich der Migrationspolitik immer größer werden.

Diese Annahmen konnten in empirischen Studien durchaus bestätigt werden. So stellte etwa Ursula Birsl mittels einer vergleichenden Policy-Analyse sowohl einen „Annäherungsprozess in der Migrationspolitik verschiedener fortgeschrittener Industrie- und Einwanderungsländer“ als auch eine „widerstreitende Logik in den politischen Zielen“ fest.[23] Die These eines grundsätzlichen Kontroll- und Souveränitätsverlustes nationalstaatlicher Politik bestätigte sich jedoch nicht. Vielmehr müsse Globalisierung als ein Dehnungsvorgang über Raum und Zeit verstanden werden und habe für den politischen Raum des Nationalstaates eine „Entgrenzung“ und „Entterritorialisierung“ zur Folge. Politische Zuständigkeiten, Kompetenzen und Kontrollmechanismen dezentralisieren sich und gehen zum Teil auf transnationale und globale Ebenen, zum Teil auf regionale und lokale Orte über. Dies habe zur Folge, so Birsl, dass territoriale Grenzen von politischen oder eben auch von wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Räumen tendenziell zugunsten von funktionalen Differenzierungsmustern abgelöst würden, und sich über diesen Weg entgrenzten sowie neue politische Räume formierten“.[24]

In Anlehnung an diese Sichtweise gibt es in jüngster Zeit auch Positionen, die nicht etwa die „Ohnmacht“, sondern vielmehr die Anpassungsleistungen von Nationalstaaten angesichts einer fortschreitenden Globalisierung in den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen stellen. In diesem Zusammenhang argumentiert Saskia Sassen mit Blick auf das Verhältnis von Nationalstaat und Ökonomie, dass „der Staat an der Steuerung und Beeinflussung der Weltwirtschaft durchaus beteiligt ist […] und die Bedeutung von staatlicher Macht insgesamt nicht unbedingt verloren geht.“ Vielmehr veränderten sich „Formen und Verflechtungen von Politik und von politischen Ebenen in internationalen Beziehungen“, sodass Staaten durch veränderte Rahmenbedingungen nicht nur beeinflusst werden, sondern diese gezielt aufgrund ihrer „innenpolitischen Handlungsautonomie und der wirtschaftspolitischen Problemlösungskapazität von Regierungen“ mit neuen Strategien verändern könnten.[25]

Festzuhalten ist, dass Globalisierungsprozesse nicht automatisch zu einem quantitativen Anstieg internationaler Migration führen[26], sondern dass Wanderungsbewegungen selbst einen zunehmend globalen Charakter annehmen. Migranten „pendeln“ häufiger zwischen Herkunfts- und Zielorten oder, wenn sie am Zielort sesshaft werden, halten sie starke Verbindungen zum Herkunftsort aufrecht und tragen damit zum Ausbau transnationaler sozialer Räume und Identitäten bei. Dies hat zur Folge, dass immer mehr Nationalstaaten als Ziel- oder Herkunftsregionen (oder als beides zugleich) in weltumspannenden „Migrationssystemen“ eingebunden sind und sich innerhalb dieser positionieren müssen.

2.2. Migrationssysteme

2.2.1. Die Krise der Push- und Pull-Ansätze

Vertreter traditioneller Ansätze neoklassischer Ökonomie sehen Migration vor allem als ein Phänomen, das durch die Push- und Pull-Faktoren regionaler und nationaler Ökonomien bestimmt wird. Insbesondere das Angebot und die Nachfrage von Arbeit und unterschiedliche Lohnverhältnisse nehmen demnach Einfluss auf ein nutzenmaximierendes und rationales Individuum, das seine Entscheidung zur Migration ausschließlich aufgrund der wirtschaftlichen Disparitäten zwischen Heimat- und Zielland trifft.[27] Obwohl die Annahme der neoklassischen Ökonomie, dass der Anstieg von Arbeitslöhnen auch einen Anstieg des Migrationsvolumens zur Folge hat, für Untersuchungen über interne Migration als durchaus sinnvoll erachtet wird, ist das dialektische Prinzip des Push- und Pull- Ansatzes in Bezug auf internationale Migration zunehmend kritisiert worden.[28]

Gerade angesichts des großen Wohlstandsgefälles auf der Welt kann der Push- und Pull-Ansatz nicht erklären, warum nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der Weltbevölkerung einen Ortswechsel vornimmt und weshalb ein Großteil der internationalen Migranten aus nur einigen wenigen Ländern stammt. Trotz der enormen Einkommensunterschiede zwischen armen und reichen Ländern, die seit den 70er Jahren rapide angestiegen sind, lebten Mitte der 90er Jahre nur etwa 2,3 Prozent der Weltbevölkerung außerhalb ihres Geburts- bzw. Heimatlandes. Der individuelle Wunsch ist somit kein ausreichendes Kriterium für das Migrieren bzw. Nicht-Migrieren von Menschen.[29]

Dies erklärt, weshalb Staaten und deren Regierungen, die als Mittler auftreten, indem sie Migrationsprozesse regulieren oder erschweren, in gegenwärtigen migrationstheoretischen Debatten mehr Beachtung finden: „ […] it is precisely the control which states exercise over borders that difines international migration as a distinctive social process“[30]

Die quantitativen und qualitativen Einreisekontrollen des Staates schaffen unterschiedliche Klassen von Migranten, die unterschiedliche Positionen in der sozio-ökonomischen Struktur des Einwanderungslandes einnehmen. Migrationspolitische Veränderungen bestimmen Migrationsstrategien von Individuen, die ihr Verhalten den aktuellen Regeln und Richtlinien anpassen müssen. Ohne gültige Papiere bedarf es einer überdurchschnittliche Motivation oder vergleichbarer begünstigender Aspekte, wie etwa sozialer Kontakte im Zielland, um Migrationshindernisse zu überwinden und Zugang zu einem Arbeitsplatz zu bekommen.

Zunehmende selektive Aufnahmekriterien in den Einwanderungsländern führen dazu, dass die persönlichen Eigenschaften von Migranten wie Bildung, Qualifikationen, Vermögen und Familienbeziehungen, immer wichtiger werden für eine erfolgreiche Migration.[31]

Die staatlichen Maßnahmen zur Steuerung und Kontrolle von Migration verhindern die freie Zirkulation von Arbeit als Produktionsfaktor und grenzen das Potential von internationaler Migration ein. Traditionelle Push- und Pull-Theorien können diesen Vorgang nur unzureichend erklären. In der Migrationsforschung gibt es jedoch neue Ansätze, die den Fokus auf sogenannte „intermediäre Faktoren“ legen und besser beleuchten, wie Migrationsprozesse verhindert oder gefördert werden.[32]

2.2.2. Verknüpfung von Mikro- und Makro-Ebenen

Für die Frage, wie Migration beeinflusst wird, muss zunächst geklärt werden, welche Akteure prinzipiell Einfluss auf internationale Migrationsströme haben. Eine solche Differenzierung findet zum einen auf der Mikro- und zum anderen auf der Makro-Ebene statt:

Im Mittelpunkt der individuellen bzw. Mikro-Ebene steht der Grad der Freiheit, der das Migrationsverhalten eines Individuums prägt. Mit einigen Ausnahmen (Sklaven, Gefangene, Flüchtlinge) besitzen Menschen einen grundsätzlich hohen Grad an Autonomie, der primär abhängig ist von Ressourcen wie Geld, Informationen und Verbindungen.

Migrationsdynamiken sind jedoch nur in den seltensten Fällen rein individueller Natur und treten meist in gesellschaftlichen Formen wie Kollektiven und sozialen Netzwerken auf. Dazu gehören Familien, Haushalte, Freundschafts- und Kindheitskreise, Nachbarschaften, sowie ethnische, religiöse oder professionelle Verbindungen. Weitere kollektive Akteure in den Herkunfts- und Zielländern sind Nicht-Regierungs-Organisationen, Regierungen, politische Parteien, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände.[33]

Zum anderen werden Migrationsbewegungen auf der strukturellen bzw. der Makro-Ebene untersucht. Inwieweit Migrationsentscheidungen durch politische, ökonomische und kulturelle Strukturen beeinflusst werden, variiert: Nationalstaaten unterscheiden sich dahingehend, welche Macht sie im internationalen politischen System repräsentieren und welche administrative Durchsetzungskraft, Effizienz und politische Stabilität sie im Inneren besitzen. All diese Faktoren nehmen Einfluss auf das Entstehen von Migrationsströmen.

Letztendlich kann internationale Migration nicht verstanden werden „ohne die Unterscheidung von Nationalstaaten des Südens und des Nordens, die als potentielle Empfänger und Sender von Migration sich entlang von ökonomischen Merkmalen wie Lebensstandard, Arbeitsbedingungen, Arbeitslosigkeit und Löhnen unterscheiden“. Diese Unterschiede sind wesentliche Voraussetzungen für das Einsetzen von Migration zwischen Nationalstaaten.[34]

Darüber hinaus gibt es auch kulturelle Komponenten, die sich durch normative Erwartungen und kollektive Identität ausdrücken. In einigen Teilen der Welt kann von einer „Kultur der Migration“ gesprochen werden. Diese hat zur Folge, dass Formen der internationalen Migration akzeptiert und als Lebensform angewendet werden.

Globale Migrationsprozesse sind somit ein Zusammenspiel von sozio-ökonomischen Strukturen, Netzwerkstrategien und individuellen Entscheidungsprozessen, die sich innerhalb eines Haushalts-, Gemeinschafts-, nationalen und internationalen Kontextes ergeben.

2.2.3. Migrationssystem-Ansätze

„A migration system, than, is any movement of persons between states, the social, economic, and cultural effects of such movements, and the patterned interactions among such effects.”[35]

Ende der 80er Jahre führte die Erkenntnis, dass Migranten als Arbeitssuchende, Flüchtlinge, Studenten oder Geschäftsleute nicht langfristig, sondern zeitlich begrenzt im Ausland leben und migrationspolitische Maßnahmen zunehmend in Absprache mit anderen Staaten getroffen wurden, zu einer Neuausrichtung des migrationstheoretischen Diskurses über die bis dahin angewandten Konzepte der Migrationsforschung.[36]

Einer der umfassendsten Ansätze aus dieser Zeit ist die Beschreibung internationaler Migration als einen Prozess interaktiver Verknüpfungen zwischen zwei, oder mehreren Länder. Bisher waren Migrationsprozesse in der Regel entweder aus der Perspektive des Ausreise- oder des Einreiselandes betrachtet worden, sodass die inhärente Dynamik von Migrationsströmen nur unzureichend erklärt werden konnte. Die Entwicklung eines systematischen Analyserahmens wechselseitiger Verbindungen und Kontextfaktoren bietet die Möglichkeit, neu erkannte Phänomene wie Re-Migration oder Rücküberweisungen zu erklären und die politischen und strukturellen Abhängigkeiten, die an beiden Enden des Migrationsflusses betrachtet werden, nachzuvollziehen.[37]

Abbildung 1: A Systems Framework of International Migration

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Kritz.; Zlotnik.: Global Interactions, p.3.

Wie in der systematischen Darstellung von Kritz und Zlotnik gut zu erkennen ist, besitzt ein Migrationssystem eine räumliche Dimension, in der mindestens zwei Länder durch Migrationsströme und andere Verknüpfungen miteinander verbunden sind. Eingerahmt werden diese Wechselbeziehungen von bestimmten politischen, ökonomischen demographischen und sozialen Kontextfaktoren im Aus- und Einreiseland.

Daneben spielt die zeitliche Dimension eine entscheidende Rolle. Mit Hilfe einer historischen Perspektive können Interaktionsmuster zwischen Migration und strukturellen Gegebenheiten in den Herkunfts- und Zielländern ausfindig gemacht und ein besseres Verständnis der aktuellen politischen und ökonomischen Verbindungen geschaffen werden. Dies bedeutet, dass ein fortschreitender Entwicklungsprozess stattfindet und Migrationssysteme bis in die Zeit des Kolonialismus zurückverfolgt werden können.[38]

Das Erkenntnisinteresse des Migrationssystemansatzes liegt darin, „Migration auf globaler, regionaler und nationalstaatlicher Ebene mit politischen, wirtschaftlichen und sozialen Prozessen zu parallelisieren. Damit können historische Singularitäten und Gemeinsamkeiten von Migrationsströmen, Staaten und Regionen herausgearbeitet werden.“[39]

Trotz des funktionalen Gewinns des Migrationssystemansatzes, Migrationsprozesse aus einer umfassenden Perspektive beschreiben zu können, indem ein Analyserahmen mit einer gewissen Zahl von Entsende- und Aufnahmeländern aufgestellt wird, zeigt Douglas Massey mittels vier Hypothesen, dass gerade der nicht-statische Charakter von Migrationssystemen weitere Erkenntnisse verspricht:

„1. Countries within a system need not to be geographically close since flows reflect political and economic relationships rather than physical ones. Although proximity obviously facilitates the formation of exchange relationships, it does not guarantee them nor does distance preclude them.
2. Multipolar systems are possible, whereby a set of dispersed core countries receive immigrants from a set of overlapping sending countries.
3. Nations may belong to more than one migration system, but multiple membership is more common among sending than receiving nations.
4. As political and economic conditions change, systems evolve, so that stability does not imply a fixed structure. Countries may join or drop out of a system in response to social change, economic fluctuations, or political upheaval.”[40]

Aufgrund dieser Annahmen entstand ein zunehmender Erklärungsbedarf der dynamischen Veränderungen: Durch welche Faktoren verändern sich Migrationssysteme? Als immer wichtiger wurde die relationale Analyse erachtet, d.h. die Untersuchung von Verbindungen und Abhängigkeiten, die zwischen der Mikro- und der Makro- Ebene entstehen.[41]

Diese theoretische Lücke wurde zum Teil von den Netzwerk- bzw. Meso-Level-Theorien gefüllt. Ein Netzwerk besteht aus individuellen und kollektiven Akteuren, die von Individuen, Familien, Firmen bis zu Nationalstaaten reichen und durch Interaktionen verbunden sind. Soziale Netzwerke sind Verbindungen in einem sozialen System. In der jüngsten Zeit sind diese Verbindungen zwischen der Mikro- und der Makro- Ebene als so genannte Meso- Ebene beschrieben worden. Im Hinblick auf die Verbindungen von Individuen konzentriert sich die Analyse der Meso- Ebene auf soziale Interaktionen, durch die Menschen Kosten des Migrationsprozesses mit Hilfe von kulturellen und finanziellen Ressourcen verringern.[42]

Die auf der Meso-Ebene liegenden Migrationsnetzwerke verbinden die Hauptkomponenten von internationalen Migrationssystemen: Migranten auf dem Weg von der Herkunfts- in die Zielregion, eine spezifische Anzahl von Immigranten in der Zielregion und Migranten, die aus der Zielregion in die Herkunftsregion zurückkehren. Netzwerke sind besonders in der internationalen Migration von besonderer Bedeutung, da Ein- und Ausreisebestimmungen, gegebenenfalls Kosten für einen illegalen Grenzübertritt oder kulturelle Differenzen den Migrationsvorgang zusätzlich erschweren können. Die Netzwerktheorie hat einen wichtigen Beitrag zur Erklärung von dynamischen Vorgängen in Migrationssystemen geliefert. Anhand empirischer Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass Migrationsnetzwerke den „sozialen Mechanismus“ der Kettenmigration zur Folge haben, aufgrund dessen eine Vielzahl von Personen aus einer bestimmten Herkunftsregion eine ausgewählte Zielregion aufsucht, was zur Ausformung von Migrationssystemen führt.[43]

2.2.4. Typologie von Einflussfaktoren

Neben dem systematischen Analyserahmen, der von Kritz und Zlotnik ausgearbeitet worden ist, gibt es Bemühungen die bestimmenden Einflussfaktoren in Migrationssystemen mittels einer Typologie zu strukturieren.

Für den „praktischen Umgang mit dem Migrationssystemparadigma“ schlagen Fawcett und Arnold ein Rasterverfahren vor, mit dem die wichtigsten Kategorien von Einflussfaktoren innerhalb von Migrationsvorgängen, unabhängig von der theoretischen und empirischen Orientierung des Forschers, „gescannt“ werden sollen:

[...]


[1] Die GCIM war von mehreren Staaten und dem damaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, am 9. Dezember 2003 eingesetzt worden. GCIM: Migration in einer interdependenten Welt: Neue Handlungsprinzipien – Bericht der Weltkommission für Internationale Migration (dt. Ausg.), Berlin 2005, S.16.

[2] Vgl. Stephen Castles: Guestworkers in Europe: A Resurrection?, in: International Migration Review, Vol. 40, No.4, 2006, p.744.

[3] Vgl. Martin Rush: The potential of temporary migration programs in future international migration policy, in: International Labour Review, Vol.145, No.1-2, 2006, p.32. Der Aufsatz war primär für die GCIM geschrieben worden.

[4] Vgl. GCIM: Migration in einer interdependenten Welt, S.16.

[5] Vgl. Gerald Hödl; Karl Husa; Christof Parnreiter; Irene Stacher: Internationale Migration: Globale Herausforderung des 21. Jahrhunderts?, in: Karl Husa; Christof Parnreiter; Irene Stacher (Hrsg.): Internationale Migration – Die globale Herausforderung des 21. Jahrhunderts?, S.16.

[6] Vgl. Stefan Rother: Wie sich ein beeindruckendes Phänomen erklären lässt – Migrationstheorien Südostasien. http://www.asienhaus.de/public/archiv/05-3-004.pdf [22.11.07]

[7] Der Ausdruck wurde von Theda Skocpol 1985 als Aufsatztitel verwendet. Zitiert nach: James F. Hollifield: The Politics of International Migration – How Can We „Bring the State Back In“?, in: Caroline B. Brettell; James F. Hollifield (edit.): Migration Theory – Talking Across Disciplines, London 2000, p. 137.

[8] Vgl. Hollifield: International Migration, p. 157.

[9] Mary M. Kritz; Hania Zlotnik: Global Interactions: Migration Systems, Processes, an Policies, in: Mary M. Kritz; Lin Lean Lim; Hania Zlotnik (ed.): International Migration Systems – A Global Approach, Oxford 1992, p.15.

[10] Stephen Castles; Mark J. Miller: The Age of Migration – International Population Movements in the Modern World, Hampshire; London 1993, p.3.

[11] Neben Filipino ist Englisch Amtssprache auf den Philippinen.

[12] Der Gebrauch des Passes als ein Instrumentarium der Kontrolle ist hochaktuell geblieben. Mit technischen Innovationen wird versucht den Pass fälschungssicher zu machen und mit der Speicherung von Daten wird die Kontroll- und Überwachungsfunktion des Passes noch verstärkt. Mit der Aufnahme von biometrischen Daten könnte allerdings eine „neue Qualität“ erreicht werden, da „punktuelle Kontrollen“ in ein „weltumspannendes Kontrollsystem“ umgewandelt werden. Vgl. Thomas Geisen: Migration als Vergesellschaftungsprozess. Zur Konstruktion von Arbeitsmigration als Sonderfall, in: Thomas Geisen (Hrsg.): Arbeitsmigration – WanderarbeiterInnen auf dem Weltmarkt für Arbeitskraft, Frankfurt; London 2005, S.21.

[13] Eine solche „innere Migrationssteuerung“ lässt sich anhand von administrativen, rechtlichen und öffentlichen Kategorisierungsprozessen erkennen, die in politisch-ideologische und ökonomische Konzepte eingebettet sind. In Deutschland hatte sich der Begriff „Migrant“ erst seit Ende der 1990er Jahre durchsetzten können. In den 80ern wurde von „Ausländern“ gesprochen, die in den 60ern noch als „Gastarbeiter“ bezeichnet worden waren. Vgl. ebd., S.24 ff.

[14] Vgl. ebd., S.27 ff.

[15] Stephen Castle und Alastair Davidson entwickelten das Konzept des “Denizenship”, mit dem im Gegensatz zum “Citizenship” politische Partizipationsrechte an den Wohnort gebunden werden sollen. Vgl. Stephen Castle; Alastair Davidson: Citizenship and Migration, New York 2000.

[16] Hödl; Husa; Parnreiter; Stacher: Internationale Migration, S.14.

[17] Vgl. Saskia Sassen: The Mobility of Labor and Capital. A study in international investment and capital flow, Cambridge 1988.

[18] Vgl. Christof Panreiter: Theorien und Forschungsansätze zu Migration, in: Karl Husa; Christof Parnreiter; Irene Stacher (Hrsg.): Internationale Migration – Die globale Herausforderung des 21. Jahrhunderts?, 1.Aufl., Frankfurt a.M.; Wien 2000, S.35.

[19] Eine Auswahl der zahlreichen Literatur der transnationalen Migrationsforschung findet sich bei: Michael Bommes: Migration, Raum und Netzwerke. Über den Bedarf einer gesellschaftstheoretischen Einbettung der transnationalen Migrationsforschung, in: Jochen Oltmer (Hg.), Migrationsforschung und Interkulturelle Studien. Zehn Jahre IMIS (IMIS-Schriften, Bd. 11), Osnabrück 2002, S.91 f.

[20] Ursula Birsl: Migration und Migrationspolitik im Prozess der europäischen Integration?, Opladen 2005, S.47.

[21] Zur These der „Denationalisierung“ vgl.: Michael Zürn: Regieren jenseits des Nationalstaates - Globalisierung und Denationalisierung als Chance, 1. Aufl., Frankfurt a.M. 1998.

[22] James F. Hollifield: Offene Weltwirtschaft und nationales Bürgerrecht: das liberale Paradox, in: Sigrid Baringhorst; Dietrich Thränhardt: Migration im Spannungsfeld von Globalisierung und Nationalstaat, Wiesbaden 2003, S.37.

[23] Vgl. Birsl: Migration und Migrationspolitik, S.50.

[24] Vgl. ebd., S.54.

[25] Vgl. ebd., S.56 f.

[26] Es ist davon auszugehen, dass eher das Gegenteil der Fall ist. Vgl. hierzu: Thomas Faist: Transnationale Migration als relative Immobilität in einer globalisierten Welt, COMCAD - Arbeitspapiere No.11, 2006. http://www.comcad-bielefeld.de/downloads/workingpaper_11.pdf [22.11.07]

[27] Vgl. Arango, Joaquín: Explaining migration: a critical view, in: International Social Science Journal, No. 165, 2000, p.285 ff.

[28] Vgl. Massey, D. et al.: Worlds in Motion. Understanding International Migration at the End of the Millennium, Oxford 1998, p.10.

[29] Vgl. Massey, D.; Taylor, J.: International Migration – Prospects and Policies in a Global Market, Oxford 2004, S.2/3.

[30] Zolberg, A. R.: The next waves: migration theory for a changing world, in: International Migration Review, 23, 1989, p.405.

[31] Vgl. Massey: Worlds in Motion, S.13.

[32] Ebd., S.14.

[33] Vgl. Thomas Faist: The Volume and Dynamics of International Migration and Transnational Social Spaces, Oxford 2000, p.32.

[34] Ebd., p.33.

[35] Orlando Patterson: The Emerging West Atlantic System: Migration, Culture and Underdevelopment in the United States and the Circum-Caribbean Region, in: W. Alonso (Hg.): Population in an interacting world, Cambridge 1987, p.282.

[36] Vgl. Mary Kritz.; Hania Zlotnik: International Migration Systems – A Global Approach, Oxford 1992, p.1.

[37] Vgl. ebd. , S.2.

[38] Vgl. ebd., S.3 f.

[39] Mathias Bös: Migration als Problem offener Gesellschaften – Globalisierung und sozialer Wandel in Westeuropa und Nordamerika, Opladen 1997, S.11.

[40] Massey, D.: Theories of international Migration: A Review and Appraisal, in: Population and Development Review Vol.19, No.3, 1993, S.454.

[41] Vgl. Faist: Dynamics of International Migration, S.53.

[42] Vgl. ebd.

[43] Vgl. ebd., S.54.

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Internationale (Arbeits-) Migration - Analyse der Möglichkeiten staatlicher Steuerung auf den Philippinen und in Spanien
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
88
Katalognummer
V94232
ISBN (eBook)
9783640102983
ISBN (Buch)
9783640113743
Dateigröße
938 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Internationale, Migration, Analyse, Möglichkeiten, Steuerung, Philippinen, Spanien
Arbeit zitieren
Robert Westermann (Autor), 2007, Internationale (Arbeits-) Migration - Analyse der Möglichkeiten staatlicher Steuerung auf den Philippinen und in Spanien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94232

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Internationale (Arbeits-) Migration - Analyse der Möglichkeiten staatlicher Steuerung auf den Philippinen und in Spanien


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden