Angst wird in der Psychologie als ein mit Beengung und Verzweiflung verknüpftes Lebensgefühl beschrieben, dessen besonderes Kennzeichen die Aufhebung der willens- und verstandesmäßigen Steuerung der Persönlichkeit ist. „Man sieht in der Angst auch einen aus dem Gefahrenschutzinstinkt erwachsenden Affekt, der, teils in schleichend–quälender Form eine elementare Erschütterung bewirkt.“ Dieser Definition nach erscheint die Angst als unangenehmer Zustand, der nach Möglichkeit zu vermeiden sei. Zahlreiche Erfindungen, Gesetze und soziale Konventionen regeln das Zusammenleben der Menschen, um die Angst immer weiter aus dem täglichen Leben zu verbannen. Umso verwunderlicher erscheint vor diesem Hintergrund die gleichbleibende Popularität von Institutionen, die mit furchteinflößenden Attraktionen einen Ausbruch aus dieser Sicherheit ermöglichen wollen. So sind die Vergnügungen des Jahrmarkts, die schwindelerregenden Fahrgeschäfte, Free Fall Tower, Alkoholexzesse, Geisterbahnen und schauderhaft verzerrende Spiegel nicht denkbar ohne das bewusste Erleben von Angst und der Hoffnung, nach überstandener Prüfung mit beiden Beinen auf festem Boden in die Sicherheit des Alltags zurückzukehren.
Ein ähnlicher Masochismus lässt sich bei den Rezipienten Angst einflößender Filme beobachten. Es kostet Überwindung, die Einsamkeit im dunklen Kinosaal oder Wohnzimmer zu ertragen, hinzusehen, wenn mordlüsterne Monster, undurchschaubare Wesen aus einer anderen Welt oder die eigenen Nachbarn und Freunde dem Protagonisten zur lebensbedrohlichen Gefahr werden. Es ist zu spät, um den Blick abzuwenden von der abstoßenden Gestalt der Halbwesen und ihren blutigen Taten, denn das lustvolle Stöhnen der Täter und die Schreie ihrer panischen Opfer erfüllen in bester Klangqualität den Raum und verhelfen dem Schrecken zur vollen Präsenz. Angst erfüllt den Zuschauer und wenn es ihm nicht gelingt, den Film bis zum Ende zu ertragen, dann werden die unaufgelösten Schreckensbilder ihn bis ins Unterbewusstsein verfolgen. Der erste Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Angstlust des Publikums und unternimmt den Versuch einer Ursachenforschung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Genre- und thementypische Aspekte des Angstfilms
2.1. Gewalt und Lust in der Filmrezeption
2.2 Vom Bedürfnis nach Konfrontation mit der Angst – Eine Ursachenforschung
2.3 Die Ursprünge des Angstfilms
2.3.1 Horrorfilm
2.3.2 Thriller
2.3.3 Science Fiction Film
2.3.4 Der Angstfilm – Eine Kombination aus Horror-, Thriller und Science Fiction Film
2.4 Suspense und Surprise – Die konstitutive dramaturgische Struktur des Angstfilms
3. Von der Locus – Einstellung zum Masterspace – Zur Geschichte und Entwicklung der filmischen Raumdarstellung
3.1 Die Raummechanismen der starren Bildmedien
3.2 Die Raummechanismen des frühen Films
3.3 Die Raummechanismen der ersten narrativen Filme
3.4 Die Raummechanismen des klassischen Erzählkinos
3.5 Integration der Raummechanismen zum szenischen Masterspace
4. Angsträume im Film
4.1 Die Bedeutung des filmischen Raums für den Realitätseindruck des Phantastischen am Beispiel von The Haunting
4.1.1 Spezifische halluzinatorische Raummechanismen in The Haunting
4.1.2 The Haunting – Ein Thriller in einem verwunschenen Haus
4.2 Prozessuale Angsträume – Zur sukzessiven Entstehung von Raum und Bedrohung
4.2.1 Off Screen – Blicke und Zeigegesten in Aliens – Die Rückkehr
4.2.2 Mechanismen am Punkt des Schnitts - Shock Cuts bei Psycho
4.2.3 Der Terror des subjektiven Blicks in The Blair Witch Project
4.3 Die Semantisierung des Raumes im Angstfilm
4.3.1 Metapher und Wahnvorstellung – Brücken zwischen den Lebenden und den Toten in Wenn die Gondeln Trauer tragen
4.3.2 Das Eindringen von Dämonen in den weiblichen Körper als Sinnbild bedrohlicher Sexualität in Rosemary´s Baby und Der Exorzist
4.3.3 Das Alien und die Bedrohung des bekannten Raumes durch die Invasion
4.3.3.1 Die kulturelle Dimension der Invasionsbewegung
4.3.3.2 Die sexuelle Dimension der Invasionsbewegung
4.3.3.3 Die biologische Dimension der Invasionsbewegung
4.4 Reflexive Räume im postmodernen Angstfilm
4.4.1 Die Krise der Vernunft – Labyrinthstrukturen aus Raum und Zeit in The Shining
4.4.2 Ringu – Mediale Realitätsverdopplung als Horrorszenario
4.4.3 Von der Auflösung der Grenzen zwischen Spielräumen, medialen Räumen und Wirklichkeit in Funny Games
5. Schluß
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Angst im Film, wobei der Schwerpunkt auf der filmischen Raumdarstellung als zentralem Inszenierungsinstrument liegt. Es wird analysiert, wie moderne Regisseure durch spezifische Raummechanismen die Wahrnehmung des Zuschauers beeinflussen, Unsicherheit erzeugen und phantastische Szenarien plausibilisieren. Ein zentrales Ziel ist es, die Entwicklung vom klassischen, ordnungstiftenden Raum im Erzählkino hin zum dekonstruierten, subjektiv-psychologischen Angstraum der Postmoderne nachzuzeichnen.
- Phänomenologie der Angst in der Filmrezeption
- Geschichte und Entwicklung der filmischen Raumdarstellung
- Semantisierung von Architektur und räumlichen Strukturen
- Strategien der Raumillusion und des Suspense
- Auflösung narrativer und räumlicher Grenzen im postmodernen Kino
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung des filmischen Raums für den Realitätseindruck des Phantastischen am Beispiel von The Haunting
„Das Phantastische setzt die solide Beschaffenheit der realen Welt voraus, um sie desto mehr zu verwüsten. Die grundlegende Haltung des Phantastischen ist die Erscheinung: Was nicht passieren kann und dennoch geschieht, an einem Ort und in einem bestimmten Augenblick, inmitten eines fest umrissenen Universums, aus dem man irrtümlicherweise die Hexerei für immer verbannt hielt.“
Der Raum stellt die zentrale Kategorie menschlicher Anschauung dar. In der alltäglichen Welt ist räumliche Kontinuität der erste Indikator für Wirklichkeit und die Ordnung der Dinge. Eine Veränderung der Realität wird greifbar, wenn sie an Veränderungen des Raumes abzulesen ist. So sind zum Beispiel die ersten Zeichen eines Rauschzustandes häufig ein Schwindel und die zunehmende Schwierigkeit, den eigenen Körper fest im Raum zu verorten. Autofahrer sprechen vom Tunnelblick, um ihren eingeschränkten Sehsinn im Zustand großer Müdigkeit zu verdeutlichen. Halluzinationen werden als das Eindringen von inneren Bildern in den Realraum beschrieben. Daraus ließe sich folgern, dass man auch die Erscheinung von Phantastischem am besten an der Raumkategorie feststellen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Psychologie der Angst und deren Bedeutung für die Attraktivität des Horrorfilms als Massenphänomen.
2. Genre- und thementypische Aspekte des Angstfilms: Analyse der Ursprünge und der dramaturgischen Grundstruktur von Horror, Thriller und Science Fiction.
3. Von der Locus – Einstellung zum Masterspace – Zur Geschichte und Entwicklung der filmischen Raumdarstellung: Darstellung der Entwicklung filmischer Raumkonzepte vom frühen Stummfilm bis zum klassischen Hollywood-Kino.
4. Angsträume im Film: Detaillierte Analyse spezifischer filmischer Techniken zur Erzeugung von Unbehagen und die Untersuchung postmoderner Raumkonzepte.
5. Schluß: Zusammenfassende Betrachtung der Auswirkungen digitaler Ästhetik und postmodernen Erzählens auf die Zukunft des Angstfilms.
Schlüsselwörter
Angstfilm, Filmische Raumdarstellung, Psychoanalyse, Suspense, Horrorfilm, Thriller, Science Fiction, Montage, Off-Screen, Postmoderne, Filmphänomenologie, Inszenierungstechniken, Raumillusion, Identifikation, Mediale Realitätsverdopplung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Wechselbeziehung zwischen dem Phänomen der Angst und der filmischen Gestaltung des Raumes als Mittel der psychologischen Beeinflussung des Zuschauers.
Welche Genres stehen im Zentrum der Analyse?
Der Fokus liegt auf den Angstgenres Horror, Thriller und Science Fiction sowie deren postmoderner Dekonstruktion.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Mechanismen aufzudecken, mit denen Filmemacher den Raum nutzen, um Realismus zu simulieren und gleichzeitig eine Atmosphäre der Bedrohung und Plausibilität für das Phantastische zu schaffen.
Welche wissenschaftliche Methodik wird angewandt?
Die Autorin verfolgt einen filmphänomenologischen Ansatz, der die Analyse von Filmstrukturen mit der Reflexion über die eigene Rezeption verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert Raummechanismen in spezifischen Filmen (z.B. Psycho, The Haunting, Aliens) und untersucht, wie diese zur Induktion von Angst, Spannung (Suspense) und Überraschung (Surprise) eingesetzt werden.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Kern der Arbeit zusammenfassen?
Die zentralen Begriffe sind Angsträume, Filmische Raumdarstellung, Suspense, Montage, Prozessuale Angsträume und Postmoderne.
Warum spielt die Montage bei der Analyse des Films Psycho eine so große Rolle?
Die Montage ist laut der Autorin ein wesentliches Werkzeug Hitchcocks, um Zeit und Raum zu fragmentieren und den Zuschauer gezielt zu manipulieren, was für die Entstehung von Schockeffekten entscheidend ist.
Welche Bedeutung hat das Haus in The Haunting für die Protagonistin?
Das Hill House fungiert als eine Art Eigenleben besitzende Projektionsfläche für die psychischen Komplexe der Protagonistin Eleanor und unterstreicht die Verschiebung von einer äußeren zu einer inneren Bedrohung.
Wie unterscheidet sich die mediale Realitätsverdopplung in Ringu von klassischen Horrorszenarien?
Der Film durchbricht die Grenze zwischen dem fiktiven filmischen Raum und dem Zuschauerraum, indem das Medium Fernsehen selbst zum aktiven, bedrohlichen Element im Alltag des Zuschauers wird.
Welche Rolle spielt die Ironie im postmodernen Angstfilm laut der Autorin?
Die Autorin argumentiert, dass die postmoderne Ironie und Selbstreflexivität die emotionale Teilnahme des Zuschauers tendenziell mindert und somit die Erzeugung von echtem, tiefergehendem Unbehagen erschwert.
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- Maiwald Birgit (Author), 2007, Die Baupläne des Schreckens - Angsträume im Film, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94288