Die charakterliche und sprachliche Wandlung Falstaffs in den beiden Teilen von Shakespeares King Henry IV


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Eine kurze Biographie des fiktiven Charakter Falstaff

3. Sprachliche Analyse Falstaffs in 1 Henry IV

4. Sprachliche Analyse Falstaffs in 2 Henry IV

5. Der charakterliche und sprachliche Wandel in beiden Teilen

6. Abschließende Bemerkungen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Sir John Falstaff ist zu Recht einer der populärsten Charaktere in Shakespeares Gesamtwerk und aus diesem Grund wurde bereits viel über ihn geschrieben. Die Rezeption in Shakespeares Zeit war ebenso entsprechend - als Beispiel ziert die Quartoausgabe von 1598 quasi als Werbemittel den Untertitel „With the humorous conceits of Sir Iohn Falstaffe“, wodurch sich die Popularität des Charakters festmachen lässt. Seine humoristischen Einlagen in beiden Teilen von Henry IV. waren so beliebt, dass sich Queen Elisabeth I. wünschte, ein Stück zu sehen, in dem Falstaff sich verliebt. Ein Umstand, dem wir heute das Werk „The Merry Wives of Windsor“ zu verdanken haben. Gleichzeitig ist Falstaff einer der am häufigsten in Shakespearestücken auftretenden Charaktere (1 Henry IV, 2 Henry IV, The Merry Wives of Windsor in Form von Auftritten und als Randnotiz in Henry V) sowie die umfangreichste Sprechrolle (fällt allerdings auf Rang 2 nach Hamlet zurück, wenn man The Merry Wives of Windsor nicht mitzählt). Gleichzeitig inspirierte Falstaff verschiedene spätere Werke wie Verdis sowie Salieris Opern über ihn. Das Hauptmedium Falstaffs Komik ist seine besondere Verwendung und Einsatz sprachlicher Mittel.

Diese Hauptseminararbeit versucht nun Falstaffs Sprache in beiden Teilen von Henry IV zu ergründen. Es soll dabei untersucht werden, wie Falstaffs Sprache gegenüber den anderen Charakteren funktioniert (vor allem dabei natürlich Prince Hal) und ob sich diese im Verlauf der beiden Stücke ändert. Weiterhin soll aufgezeigt werden, wie viele unterschiedliche Sprecher sich eigentlich in Falstaff befinden bzw. welche verschiedenen Rollen er als Parodie einnimmt. Dabei können jeweils nur ausgesuchte Passagen analysiert werden, da Falstaff in beiden Stücken zusammengenommen etwa 1200 Zeilen spricht, was den Rahmen dieser Arbeit völlig sprengen würde. Zunächst soll aber eine kurze Zusammenfassung des Charakters Falstaff erfolgen bzw. eine Kurzbiographie der historischen Vorbilder seiner Komposition.

Als Quelle für die gesamte Hauptseminararbeit werden die beiden Editionen aus dem Hause Arden Shakespeare verwendet. Für den ersten Teil stand dabei die dritte Serie zur Verfügung.

2. Eine kurze Biographie des fiktiven Charakter Falstaff

Falstaff hat im Gegensatz zu den meisten Charakteren in Shakespeares Historien kein echtes reales Vorbild. Am besten beschreibt man Falstaff als eine Komposition aus Sir John Oldcastle, Sir John Fastolf sowie Shakespeares Imagination von Komik und Parodie. Von einigen Seiten wird argumentiert, dass Falstaffs Name auf Shakespeare selbst anspiele (in der Form Falling oder Failing Staff im Kontrast zu Shaken Spear). Andere sehen in dem Namen ein Zeichen für Impotenz, ausgelöst durch den massiven Alkoholkonsum des Charakters1. Falstaff wird in den Dramen als alter und fetter Ritter dargestellt, welcher dem massiven Konsum von Wein und der Gesellschaft von Damen nicht abgeneigt ist2 (1H4, I, 2, 2 - 11). Trotz seiner Stellung als Edelmann versucht er grundsätzlich, Kämpfen aus dem Weg zu gehen (1H4, V, 1, 121 - 125) bzw. sich durch illegale Machenschaften wie Raub und Diebstahl zu bereichern (1H4, I, 2, 12 - 17). Falstaff ist somit anfällig für jegliche Form des Lasters. Wird er dagegen auf seine Fehler bzw. Lasterhaftigkeit angesprochen, so gelingt es ihm sich durch seine Schlagfertigkeit und Redekunst auf komische Weise zu verteidigen (z.B. 1H4, V, 4, 145 - 153). Diese Vorgehensweise ist es, was Falstaff als Charakter auszeichnet und ihm dem Publikum gegenüber sympathisch macht. Er ist weit davon entfernt, als böser Charakter etabliert zu werden.

2.1 Elemente von Sir John Oldcastle in Falstaff

Grundsätzlich orientiert sich die Biographie Falstaffs am historischen Sir John Oldcastle, einem protestantischem Märtyrer3. Oldcastle war ein Freund Henry IV. und auch des jungen Prinzen von Wales. Als Armeekommandant diente er zunächst in den Waliser Kampagnen und später zusammen mit Prince Hal in Frankreich. Durch seine Heirat mit Jane of Cobham wird er zum Erbe ihres Titels und sitzt stellvertretend für sie im Parlament. Das freundschaftliche Verhältnis mit dem Prinzen ändert sich mit dem Wechsel von Oldcastles religiösen Überzeugungen hin zu der protestantischen Lollard-Bewegung. Nach dem Tode Henry IV. im Jahre 1413 wird Oldcastle wegen Häresie angeklagt. Die Freundschaft zu Henry V., welcher Oldcastle mehrfach versucht umzustimmen bzw. Fluchtmöglichkeiten bietet, endete aber spätestens mit den Verschwörungsplänen aus religiösen Gründen. Nachdem es ihm gelingt, sich noch weitere vier Jahre seiner Verhaftung zu entziehen, wird Oldcastle gefasst und am 14.12.1417 als Häretiker hingerichtet. Protestantische Fraktionen erklären ihn daraufhin zum Märtyrer.

In der ersten, noch fragmentarisch erhaltenen Quartoausgabe von 1 Henry IV taucht der Charakter noch als Oldcastle auf (ebenso wie Bardoll und Peto die Namen Russell und Harvey tragen). Shakespeare wurde allerdings durch den Druck der Nachkommen Oldcastles (der einflussreichen Cobhams) dazu gezwungen, den Namen zu ändern. Dazu gilt auch zu beachten, dass nach dem Wechsel von Mary Stuart zu Elisabeth I. wieder eine protestantische Herrscherin an der Macht war. In 1 Henry IV kann man den schnellen Wechsel daran festmachen, dass der Name Falstaff metrisch oft nicht funktioniert, Oldcastle dagegen schon. Aus diesem Grund verwendet die Oxford-Gesamtausgabe unter Stanley Wells auch die ursprünglichen Bezeichnungen4. Shakespeare muss zusätzlich in 2 Henry IV klarstellen:

„For Oldcastle died a martyr, and this is not the man“5 (2H4, Epilogue, 29-32) Charakterlich trifft diese Aussage auch zu, wenn man den Namen Oldcastles stehen lässt, da Falstaff sich völlig anders verhält. Das historische Vorbild war tapfer und wurde für seinen Glauben hingerichtet. Sir Jack dagegen hätte die Möglichkeit abzuschwören aus Feigheit wahrgenommen. Die Inspiration für Falstaff aus Oldcastle heraus lag wohl vielmehr in dessen persönlichen Nähe zu Prince Hal.

2.2 Elemente von Sir John Fastolf in Falstaff

Durch den Protest der Cobhamfamilie benötigte Shakespeare einen neuen Namen und fand diesen in seinem älteren Stück 1 Henry VI. Obwohl dieses Stück zeitlich nach den Vorkommnissen in 1 Henry IV spielt, wurde es von Shakespeare als Teil der York-Tetralogie vorher geschrieben. Sir John Fastolf war ein englischer Soldat in den Feldzügen gegen Frankreich unter König Henry V., wo er auch unter seinem Sohn Henry VI. weiter diente6. Im Jahr 1429 erlitt ein englischer Konvoy unter Talbot und Fastolf eine schwere Niederlage bei Patay. Verschiedene englische und französische Quellen werten die Schuld daran unterschiedlich und sehen diese zu größtem Teil bei Talbot. Fastolf wurde allerdings Feigheit vor dem Feind unterstellt, da er seine Truppen fliehen ließ. Dieser Vorgang wird auch in Shakespeares 1 Henry VI negativ beleuchet (1H6, IV, 1). Dennoch verbleibt Fastolf in seinem Kommando und dient noch weitere Jahre erfolgreich. Mehrere Quellen lassen auch bei ihm eine Nähe zu den Lollards aufweisen, was aber nicht bewiesen werden kann. Im Jahre 1440 kehrt Fastolf im Alter von 60 Jahren schließlich nach England zurück. Im November 1459 verstirbt er in Caister und hinterlässt ein großes Vermögen. Den Vorwurf der Feigheit vor dem Feinde allerdings wurde er zeitlebens nicht wieder los.

Aus diesem Grunde bot sich Fastolf als Vorlage für Shakespeare auch schon vor der Abwendung vom Namen Oldcastles an. Der Vorwurf der Feigheit vor Feinden ist ein typisches Merkmal für Falstaff, wenn auch Fastolfs restliche Geschichte dagegen spricht. Die Abänderung von Fastolf in zunächst „Falstaffe“ (Quarto) kann entweder darin begründet sein, dass ein weiteres Verärgern einer Familie verhindern werden sollte (wobei Fastolf in Shakespeares Zeit ausschließlich negativ dargestellt wurde), oder darin, dass dieser Charakter von ihm schon in 1 Henry VI eingesetzt wurde und Logikfehler dadurch vermieden würden. Weiterhin verbleibt die zuvor erwähnte These „Fall = Shake“ und „Staff = Spear“.

2.3 Rein fiktive Elemente in Falstaff

Was auch nach der Betrachtung Falstaffs mit Oldcastle und Fastolf verbleibt, sind die für ihn typischen Elemente Lasterhaftigkeit, Trunksucht, Spielsucht, Vielweiberei, Diebstahl, Beredsamkeit und Vitalität. Diese sind von den historischen Personen nicht überliefert bzw. auch als unwahrscheinlich zu betrachten. Vielmehr dienen diese zur Verdeutlichung des Charakters Prince Hals, von dem aus historischen Quellen bekannt ist, dass er in seiner Jugend recht ungestüm gewesen ist. So wurde er aus dem Beraterstab des Königs zugunsten seines Bruders John verbannt, da er den Lord Chief Justice geschlagen hatte7. Teilweise wird aber argumentiert, dass diese ungestüme Jugend politisch lanciert ist, da verschiedene Fraktionen versucht haben, Henry IV. wegen seiner schlechten Gesundheit (Medizinhistoriker mutmaßen Lepra, Syphilis oder Schuppenflechte8 ) zugunsten von Hal zum Abdanken zu bewegen. Falstaff wäre demnach ein passender Spiegel zur Jugend des Prinzen.

3. Sprachliche Analyse Falstaffs in 1 Henry IV

Um die Schlagfertigkeit und Redeweise Falstaffs zu ergründen, müssen verschiedene Szenen aus 1 Henry IV betrachtet werden. Durch den reinen Umfang an Falstaffzeilen muss hierbei eine Auswahl getroffen werden. Kinney schreibt in seinem Aufsatz, dass die meisten Aussagen Falstaffs parodistischer Natur sind9. Aus diesem Grund soll nun zunächst das grundsätzliche Sprachmuster Falstaffs analysiert werden, um dann in verschiedenen Szenen die Parodien festzumachen.

3.1 Falstaffs allgemeine Redeweise

Die grundsätzlichen sprachlichen Konventionen Falstaffs zeigen sich schon bei seinem ersten Auftritt im zweiten Kapitel des ersten Aktes. Fallstaff verwendet im den gesamten beiden Stücken nie Blank Verse, sondern spricht grundsätzlich in Prosaform.

„Falstaff: Now, Hal, what time of day is it, lad?

Prince: Thou art so fat-witted with drinking of old sack and unbuttoning thee after supper, and sleeping upon benches after noon, that thou hast forgotten to demand that truly which thou wouldst truly know.” (1H4, I, 2, 1 - 5)

Gleich zu Beginn wird Falstaff vom Prinzen sprachlich herausgefordert, in dem dieser ab Zeile 6 „Unless hours were cups of sack, and minutes capons (…) dials the signs of leaping houses (..)“ (1H4, I, 2, 6-8) in Form von Transmutationen von Zeiteinheiten quasi in Lastereinheiter seine Lebensweise persifliert. Falstaff zeigt aber nun im Gegensatz eine Reaktion, welche für ihn im Verlauf typisch wird:

„Indeed you come near me now, Hal, for we that take purses go by the moon and the seven stars, and not ‘By Phoebus, he, that wand'ring knight so fair.' And I prithee, sweet wag, when thou art a king, as God save thy grace—‘majesty' I should say, for grace thou wilt have none“ (1H4, I, 2, 12-17)

Zunächst stellt sich Falstaff auf die gleiche Stufe wie Hal (immerhin der Prince of Wales) ohne Standesunterschied und antwortet schlagfertig, dass Diebe kein Zeitgefühl haben, da sie stets nachts arbeiten. Das folgende Zitat, vermutlich aus einem zeitgenössischen Sonett oder einer Ballade, zeigt auf, wie gebildet Falstaff ist, ebenso wie die rhetorische Verwendung des Motivs der Nacht („moon and seven stars“) im Vergleich zu Phoebus (Sonnengott). Falstaff zeigt sich damit nicht nur dem Prinzen rhetorisch gewachsen, sondern übertrifft diesen teilweise stilistisch, um dann mit dem Begriff „grace“ in den beiden Formen „Your Grace“ (Anrede für den König) und „Segen für eine Mahlzeit“ zu spielen. Hal ist allerdings nur „prologue to an egg and butter“ (1H4, I, 2, 20) und braucht daher keinen Segen. Aber auch Hal vermag es in den folgenden Zeilen zurückzuschlagen. Hal und Falstaff sind sich rhetorisch ebenbürtig und aus diesem Grunde kommt es zwischen ihnen immer wieder zu Redegefechten, die aber stets einen freundschaftlichen Unterton haben. In diesem ersten Auftreten zeigt sich gleichzeitig auch eines der ersten Parodieelemente. Durch seine ursprüngliche Orientierung an Oldcastle und den Lollards benutzt dieser ungewöhnlich viele biblische oder sakrale Themen, wie hier in diesem Fall den Segen.

3.2 Falstaffs Sprache als Parodie christlicher Motive

Falstaff verwendet im Stück zahlreiche Bibelzitate und gibt sich dabei einen religiösen Anstrich, was wiederum auf Oldcastle, teilweise auch Fastolf und die Lollards verweist. Dazu ein Beispiel:

„Falstaff: O, thou hast damnable iteration and art indeed able to corrupt a saint. Thou hast done much harm upon me, Hal; God forgive thee for it. Before I knew thee, Hal, I knew nothing and now am I, if man should speak truly, little better than one of the wicked. I must give over this life, and I will give it over. By the Lord, an I do not, I am a villain. I’ll be damned for never a king’s son in Christendom.

Prince: Where shall we take a purse tomorrow, Jack?

[...]


1 Wikipedia - Eintrag Falstaff

2 Vgl. Shakespeare, King Henry IV - Part 1, im Verlauf der Hauptseminararbeit wird allerdings auf die Nennung der beiden Quellen verzichtet und aus Gründen der Übersichtlichkeit die Kurzform gewählt

3 Vgl. Gardner, On the historical Element in Shakespeare’s Falstaff

4 Dazu Stanley, Shakespeare - The Complete Works, S. 453

5 Shakespeare, 2 Henry IV

6 Vgl. Gardner, On the historical Element in Shakespeare’s Falstaff

7 Kommentar von Kastan in 1 Henry IV, S. 259

8 Wikipedia, Eintrag King Henry IV.

9 Kinney, Shakespeare’s Falstaff as Parody

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die charakterliche und sprachliche Wandlung Falstaffs in den beiden Teilen von Shakespeares King Henry IV
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V94366
ISBN (eBook)
9783640128426
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wandlung, Falstaffs, Teilen, Shakespeares, King, Henry
Arbeit zitieren
Ingo Barkow (Autor), 2006, Die charakterliche und sprachliche Wandlung Falstaffs in den beiden Teilen von Shakespeares King Henry IV, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94366

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