Geht es um die Bildung und Erziehung von Kindern, kommt man heute kaum umhin, sich mit Reformpädagogik auseinander zu setzen. Angesichts zunehmender Probleme an Regelschulen ( z. B. mit Gewalt oder den Leistungen) denken viele Eltern über den Besuch einer reformpädagogisch orientierten Schule nach. Was unterscheidet diese Schulen von herkömmlichen? Welche Intentionen stehen hinter den ungewöhnlichen Konzeptionen? Und wäre diese Pädagogik nicht auch etwas für die gemeindliche Arbeit mit Kindern – schließlich sind es doch die gleichen Kinder!? Aufgrund dieser aktuellen gesellschaftlichen und persönlichen Interessen, die einer Fülle von historischen Konzeptionen
gegenüberstehen, habe ich eine Schwerpunktverlagerung in Richtung der
Reformpädagogik bewusst zugelassen. Mit „Reformpädagogik“ wird in älteren wissenschaftlichen Darstellungen meist eine vielschichtige, erneuerungswillige pädagogische Bewegung bezeichnet, welche auf die Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Untergang der Weimarer Republik begrenzt wird.1 In neueren Publikationen jedoch wird zunehmend davon abgerückt, die Reformpädagogik zeitlich derart einzuschränken, wobei auch diese Darstellungen einer besonderen Zäsur und einer Hochzeit des veränderungswilligen pädagogischen Bestrebens
in dieser Zeit bestätigen.2 „In einem ganz eminenten Sinn war Pädagogik immer
‚Reformpädagogik’, nur dass sich die Verhältnisse änderten, in denen die damit
verbundenen Postulate Wirklichkeit wurden, oder besser: an der Wirklichkeit getestet werden konnten.“3 Grund für die besondere Häufung der veränderungsmotivierten Pädagogen, zahlreichen bemerkenswerten Konzeptionen und pädagogischen Versuche ist in den großen Veränderungen des 19. Jahrhunderts zu suchen.4 In meiner Arbeit werde ich zunächst das Wesentliche dieser unübersichtlichen pädagogischen Glanzzeit mit kurzem Blick auf ihre Vorwehen im 19. Jahrhundert darzustellen versuchen – wobei der Schwerpunkt auf der Situation in Deutschland liegen wird – mit Ausnahme der Konzeption Maria Montessoris – obgleich es sich um eine internationale Bewegung handelt(e).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Reformpädagogik in ihrer „Blütezeit“
2.1. Der „Vorlauf“ im 19. Jahrhundert
2.1.1. Blick auf die sozial-gesellschaftliche Situation in Deutschland
2.1.2. Blick auf die schulische Situation
2.1.3. Kritik und frühe Reformpläne
2.1.4. Mythos Kind
2.2. Das neue Jahrhundert: Strömungen 1900 - 1933
2.2.1. Gesellschaftliche Bewegung
2.2.1.1 Frauenbewegung
2.2.1.2 Jugendbewegung
2.2.1.3 Soziale Bewegung
2.3. Schulreformkonzepte – und Versuche
2.3.1. Jahrhundertwende bis 1. Weltkrieg
2.3.1.1 Landerziehungsheime
2.3.1.2 Berthold Ottos Hauslehrerschule
2.3.1.3 Die Arbeitsschulidee
2.3.2. Kriegsende bis Machtergreifung der Nationalsozialisten
2.3.2.1 Äußere Schulreformansätze
2.3.2.2 Innere Schulreformansätze
2.3.2.3 Peter Petersens Jena-Plan-Schule
2.3.2.4 Waldorf-Schulen
2.4. Ausgewählte Konzeptionen
2.4.1. Die Pädagogik der Maria Montessori
2.4.1.1 Biographische Aspekte
2.4.1.2 Montessoris pädagogische Grunderkenntnisse und wichtigste Praxis Ansatzpunkte
2.4.1.3 Religiöse Motivation Maria Montessoris
2.4.1.4 Montessori- Materialien
2.4.1.5 Montessori- Pädagogik heute
2.4.2. Landerziehungsheimpädagogik mit besonderem Augenmerk auf das Werk Hermann Lietzs
2.4.2.1 Die Idee der Landerziehungsheime
2.4.3. Der Begründer des 1. deutschen Landerziehungsheims
2.4.3.1 Biographische Aspekte Hermann Lietzs
2.4.3.2 Lietzs Inspirationen und Vorbilder
2.4.3.3 Lietzs Pädagogik und die erzieherische Praxis in seinen LEH
2.4.3.4 Seine Weltanschauung
2.4.3.5 Alltag in Lietzs Landerziehungsheimen
2.4.3.6 Landerziehungsheime in der Bundesrepublik Deutschland heute
2.5. Teilresümee zur Reformpädagogik der Vergangenheit
3. Gegenwärtige Kirchliche Arbeit mit Kindern
3.1. Zur Lebenssituation von Kindern in Deutschland
3.2. Bildung und Erziehung am Lernort Gemeinde
3.3. Zur Situation der kirchlichen Arbeit mit Kindern in der EKD
3.3.1. Verschiedene Ansätze und Profile
3.3.1.1 Der Ansatz der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in der Bundesrepublik Deutschland e.V. (aej)
3.3.1.2 Leitlinien, Ansichten und Anstöße der Evangelischen Kirche Berlin – Brandenburg
3.3.1.3 Das Profil der Kinder- und Jugendarbeit in der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau (EHKN)
3.4. Teilresümee zur Kirchlichen Arbeit mit Kindern
4. Reformpädagogik von damals und Arbeit mit Kindern heute?
4.1. Parallelen
4.2. Chancen und Grenzen bei der Übertragung reformpädagogischer Ansätze in die Gegenwart
4.3. Beispiele der Verknüpfung gemeindepädagogischer Arbeit mit reformpädagogischen Ideen
4.3.1. „Das ist der Gipfel“ – Ein Partizipationsprojekt der Ev. Kirche von Westfalen
4.3.2. „Der KÜV kommt“ – verantwortliche Beteiligung von Kindern in der Ev. Kirche von Westfalen
4.3.3. „Motzen – Träumen – Klotzen“ Eine Zukunftswerkstatt zur Partizipation in der Ev. Kirche der Pfalz
4.3.4. Kinderparlament – das Projekt eines Kindergartens in der Ev. Kirche der Pfalz
4.3.5. Der Ansatz von „Godly Play“
4.4. Was lässt sich lernen aus der (Geschichte der) Reformpädagogik?
5. Fazit
6. Quellennachweis
6.1. Literaturverzeichnis
6.2. Websites
6.3. Sonstige Materialien
7. Anhang
Zielsetzung und Themen
Die Diplomarbeit untersucht die Potenziale der historischen Reformpädagogik für eine zeitgemäße kirchliche Arbeit mit Kindern. Die zentrale Forschungsfrage liegt darin, inwieweit reformpädagogische Ansätze, Prinzipien und Methoden in die heutige gemeindepädagogische Praxis übertragen werden können, um dort Partizipation, ganzheitliches Lernen und die Selbstständigkeit von Kindern zu fördern.
- Historische Analyse reformpädagogischer Strömungen und ihrer Konzeptionen
- Gegenwärtige Lebenssituation von Kindern in Deutschland
- Kirchliche Ansätze und Profile in der Arbeit mit Kindern
- Chancen und Grenzen bei der Übertragung reformpädagogischer Ideen in die kirchliche Arbeit
- Praxisbeispiele zur Verknüpfung reformpädagogischer Ansätze mit gemeindepädagogischer Arbeit
Auszug aus dem Buch
Die vorbereitete Umgebung
M. geht davon aus, dass das Kind eine angemessene Umgebung zur natürlichen Entwicklung braucht, welche ihm durch den Erwachsenen bereitgestellt werden soll. Diese soll dem Kind als Übungsplatz dienen. Aufwändiges Spielzeug wird daher eher abgelehnt, wichtig erscheinen ihr dagegen kindgerechte, z.T. verkleinerte Alltagsgegenstände und schlichtes, flexibles Mobiliar, dass für die Kinder leicht zu handhaben, aber nicht unzerbrechlich ist. Die Pflege der Gegenstände sollte nach ihren Vorstellungen ebenfalls den Kindern obliegen. Zum einen empfiehlt M. also, den Kindern hauswirtschaftliche Arbeiten anzuvertrauen, die ihnen sonst i.d.R. nicht übergeben werden, ‚ernstzunehmende’ Arbeiten also (Anmerkung U.T.), zum andern soll den Kindern wissenschaftlich entwickeltes Material an die Hand gegeben werden, von dem das Kind das ihm instinktiv geeignet erscheinende für seine derzeitige sensible Entwicklungsphase auswählen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Notwendigkeit und Möglichkeiten, sich mit reformpädagogischen Konzepten auseinanderzusetzen, um Impulse für die gemeindliche Arbeit mit Kindern zu gewinnen.
2. Reformpädagogik in ihrer „Blütezeit“: Dieses Kapitel gibt einen umfassenden Überblick über die historischen Hintergründe, gesellschaftlichen Strömungen (wie Frauen- und Jugendbewegung) sowie zentrale reformpädagogische Konzepte (Montessori, Landerziehungsheime, Waldorf, Arbeitsschule).
3. Gegenwärtige Kirchliche Arbeit mit Kindern: Es wird die heutige Lebenssituation von Kindern analysiert und exemplarisch anhand von Profilen und Leitlinien verschiedener Landeskirchen (EKD, EKHN) aufgezeigt, wie Kirche aktuell auf die Bedürfnisse von Kindern reagiert.
4. Reformpädagogik von damals und Arbeit mit Kindern heute?: Dieses Kapitel setzt die historischen Ansätze in Bezug zur heutigen Arbeit, reflektiert Parallelen sowie Chancen und Grenzen der Übertragung und stellt konkrete Praxisbeispiele (wie Partizipationsprojekte) vor.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Reflexion über das Potenzial der Reformpädagogik als Impulsgeber für eine verbesserte, kindgerechtere kirchliche Praxis.
6. Quellennachweis: Zusammenstellung der verwendeten Literatur, Websites und sonstiger Materialien.
7. Anhang: Ergänzende Informationen und Materialien, insbesondere zu Godly Play und den Zehn Bausteinen der EKHN.
Schlüsselwörter
Reformpädagogik, Maria Montessori, Gemeindepädagogik, Kindheit, Partizipation, Erziehung, Arbeitsschule, Landerziehungsheim, kirchliche Kinderarbeit, Bildung, Selbstständigkeit, Ganzheitlichkeit, Kindesrechte, Religiosität, soziale Bewegung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit?
Die Arbeit untersucht die historische Reformpädagogik und prüft, inwiefern deren Konzepte und Ansätze heute als Impulsgeber für eine moderne, partizipationsorientierte kirchliche Arbeit mit Kindern dienen können.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit umfasst die historische Entwicklung der Reformpädagogik, die Analyse gegenwärtiger Kindheitskonzepte, eine Untersuchung kirchlicher Arbeitsprofile sowie eine kritische Reflexion über die Übertragbarkeit reformpädagogischer Ideen in die Gemeindepraxis.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Gemeinsamkeiten zwischen reformpädagogischen Modellen und heutiger kirchlicher Praxis aufzudecken, um durch "Perspektivenwechsel" eine kindgerechtere und qualitativ hochwertigere Arbeit in Gemeinden zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin nutzt eine fundierte Literaturanalyse historischer pädagogischer Quellen, kombiniert mit der Untersuchung aktueller kirchensynodaler Dokumente und konkreter Praxisberichte aus verschiedenen Landeskirchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Aufarbeitung der reformpädagogischen Ära (Montessori, Lietz, Steiner etc.) und eine anschließende Gegenüberstellung mit der aktuellen kirchlichen Jugendarbeit, ergänzt durch spezifische Partizipationsbeispiele.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Reformpädagogik, Partizipation, Kindheit, Gemeindepädagogik, ganzheitliche Bildung, Eigenständigkeit und christliche Erziehung.
Warum spielt das "Gleichnis vom Guten Hirten" eine Rolle im Anhang?
Es dient als praktisches Beispiel für den "Godly Play"-Ansatz, der reformpädagogische Elemente der Montessori-Pädagogik in die religionspädagogische Praxis integriert.
Inwiefern ist der "KÜV" (Kirchlicher Überwachungsverein) relevant?
Er fungiert als konkretes, von Kindern entwickeltes Partizipationsprojekt in Westfalen, das zeigt, wie Kinder ihre eigene Lebenswelt in der Kirche aktiv mitgestalten und prüfen können.
- Quote paper
- Ulrike Tschirner (Author), 2005, Das "Erbe" der Reformpädagogik für eine zeitgemäße kirchliche Arbeit mit Kindern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94388