Angsterkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Klassifikationen und Entstehungsmodelle


Hausarbeit, 2019

26 Seiten, Note: 1,2

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Was ist Angst?
1.2 Unterscheidung der Angst von Furcht, Phobie und Panik
1.3 Unterscheidung von Angst und Angsterkrankungen

2. Klassifikation und Beschreibung verschiedener Angststörungen
2.1 Phobien
2.1.1 Spezifische Phobien
2.1.2 Soziale Phobie
2.2 Generalisierte Angststörung
2.3 Störung mit Trennungsangst
2.4 Selektiver Mutismus

3. Entstehungsmodelle
3.1 Klassische Konditionierung
3.2 Rachmans Modell des Angsterwerbs
3.3 Kognitive Modelle (Beck und Emery)
3.4 Das Bindungsmodell (Bowlby)

4. Epidemiologie und Komorbidität
4.1 Epidemiologie
4.2 Komorbidität

5. Verlauf von Angststörungen

6. Behandlung und Therapie
6.1 Systematische Desensibilisierung
6.2 Kognitive Verhaltenstherapie
6.3 Pharmakotherapie

7. Eigene Auseinandersetzung mit dem Thema

Danksagung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen des Moduls Psychologische Grundlagen wollte ich mich mit einem Thema befassen, mit dem ich zuvor in Berührung gekommen bin - sowohl beruflich, als auch privat - und mich mit den damit zusammenhängenden Hintergründen auseinandersetzen, nicht nur aus bloßem Inte­resse heraus, sondern auch aus dem Willen, Betroffene und Klienten noch besser verstehen zu lernen und ihnen helfen zu können. Die Verbindung zum Thema Entwicklungspsychologie stellte für mich eine be­sondere Herausforderung dar.

Zunächst beschäftigte ich mich allgemein mit der Frage, was Angst und Angsterkrankungen ei­gentlich sind und wie sie sich von Furcht, Phobie und Panik unterscheiden. Anschließend stelle ich einige Formen von Angststörungen und verschiedene Entstehungsmodelle vor, wonach ich auf die Epidemiologie, Komorbidität und den Krankheitsverlauf eingehe. Zuletzt stelle ich einige Ansätze zur Behandlung und Therapie vor, bevor ich mich mit meinem Verhältnis zum Thema Angster­krankungen auseinandersetze.

1.1 Was ist Angst?

Angst wird beschrieben als „Affektzustand, der durch die Wahrnehmung von Gefahr oder Bedro­hung in der Umwelt oder im Individuum ausgelöst wird“1, als „affektiver Zustand, der mit dem Gefühl, bedrängt und bedroht zu sein […] verbunden ist“2, aber auch als „elementare, überlebens­notwendige Basisemotion, welche sich in als bedrohlich empfundenen Situationen äußert“3. Bei Angst scheint es sich also um eine natürliche, instinktive und sogar wichtige Reaktion des menschlichen Körpers zu handeln. Weiterhin dient sie uns als Schutz4, warnt uns vor Gefahren wodurch sie unser Überleben sichert und dient der sozialen Anpassung an die äußere Realität5, kann uns beispielsweise „bei der Bewältigung widriger Situationen hilfreich sein“6. Cornelia Essau charakterisiert Angst außerdem als eine komplexe Erfahrung, die sich auf verschiedenen Ebenen äußert. Sie hat sowohl körperliche, als auch kognitive und behaviorale Komponenten7, das heißt, sie zeigen sich als körperliche Reaktion, als Gedanke und als Verhaltensweise8.

Auf der körperlichen Ebene wird das sympathische Nervensystem aktiviert, sobald eine Gefahr wahrgenommen oder erwartet wird, wodurch die sogenannte Kampf/Flucht-Reaktion ausgelöst wird: Der Körper bereitet sich auf Kampf oder Flucht vor und versetzt sich selbst in Hand­lungsbe­reitschaft, indem die Botenstoffe Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet werden. Diese be­wirken eine Erhöhung der Herzfrequenz, was die Beschleunigung des Blutkreislaufs und eine da­mit verbundene gesteigerte Abgabe von Sauerstoff an das Gewebe zur Folge hat; der Kör­per ist jetzt in Aktionsbereitschaft. Gleichermaßen bewirkt dieser Vorgang jedoch auch Symptome wie einen höheren Puls, Sehstörungen, Mundtrockenheit oder Übelkeit - bekannte Anzeichen von Angst9. Diese werden oft negativ wahrgenommen.

Die kognitive Komponente beinhaltet einerseits die Unsicherheit, wie mit einer bestimmten Situation um­zugehen ist, andererseits die Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft. Ursache dafür ist das Hauptziel des eben erwähnten Kampf/Flucht-Systems: das Signalisieren einer möglichen Gefahr, was zur Suche nach einer potentiellen Bedrohung führt. Dies kann sich bei Kindern mit Angsterkrankungen beispiels­weise durch Konzentrationsstörungen äußern, wenn sie ständig damit beschäftigt sind, potenti­elle Bedrohungen und Gefahren zu suchen10.

Entsprechend der Kampf/Flucht-Reaktion sind die folgenden Impulse auf der Verhaltensseite „Aggression und der Wunsch, der Situation zu entfliehen“11, welchen aufgrund von sozialen Gege­benheiten jedoch nicht immer nachgegangen werden kann12.

Doch wie unterscheidet sich Angst von Furcht und Phobien und wann spricht man von einer Angsterkrankung?

1.2 Unterscheidung der Angst von Furcht, Phobie und Panik

In Abgrenzung zum Phänomen Angst werden Furcht, Phobie und Panik zunächst als die drei mit ihr zusammenhängenden Emotionen beschrieben13.

Bei der Furcht handelt es sich um „das Gefühl konkreter Bedrohung“14 und im Unterschied zur Angst immer ganz konkret auf ein bestimmtes Objekt15, eine gegenwärtige Gefahr oder eine lebens­bedrohliche Situation gerichtet und von kurzer Natur16, also „meist rational begründet und angebracht“17.

Eine Phobie hingegen wird charakterisiert als eine „krankhafte, unbegründete und anhaltende Angst vor Situationen, Gegenständen, Tätigkeiten oder Personen“18 und ist zum einen gekenn-zeichnet durch den übermäßigen, unangemessenen Wunsch, diese zu vermeiden und zum ande­ren durch eine unmittelbare Angstreaktion beim Auftreten19. Ähnlich wie die Angst tritt sie nicht punktuell auf, sondern über einen längeren Zeitraum.

Von Panik wiederum spricht man bei einer plötzlichen, überwältigenden Periode intensiver Furcht oder Unbehagens, welche zusammen mit den körperlichen und kognitiven Symptomen der Kampf/Flucht-Reaktion auftritt20.

Im Gegensatz dazu ist Angst ein auf die Zukunft gerichtetes Warnsignal21, bezieht sich also auf Befürchtungen oder das Gefühl, eine künftige Situation (möglicherweise, aber nicht zwingend von bedrohlicher Natur) nicht kontrollieren zu können22. Anders als die anderen drei beschriebenen Emotionen ist Angst „ein diffuseres Gefühl von geringerer Spezifität“23, also eine allgemeinere, weniger zielgerichtete Emotion von längerer Dauer als beispielsweise eine Panik.

1.3 Unterscheidung von Angst und Angsterkrankungen

Da es sich bei Angst um eine normale Emotion handelt, sind schwache Ängste Teil der normalen Entwicklung eines Kindes, sofern sie nur vorübergehend auftreten24.

Während des Heranwachsens eines Kindes gibt es hierbei verschiedene Phasen, in denen unter­schiedlich geartete Ängste auftreten, zum Beispiel die sogenannte „Fremdelangst“, also Angst vor fremden Menschen (welche beispielsweise der kleine Sohn von Freunden zur Zeit häufig zeigt, sobald sich eine ihm vermeintlich nicht bekannte Person nähert) im Alter von sieben bis zwölf Monaten oder auch die Angst vor Fantasiekreaturen, Dunkelheit und potentiellen Einbrechern im Alter von zwei bis vier Jahren. Dies lässt sich damit erklären, dass sich Angst entsprechend der kognitiven Entwicklung eines Kindes und der damit steigenden Fähigkeit, Gefahren in verschiede­nen Situationen wahrzunehmen, ebenfalls entwickelt. Wie bereits erwähnt, sind diese Ängste normal und verschwinden im Normalfall wieder25.

Von einer Angsterkrankung wird dann gesprochen, wenn Ängste lange anhalten, eine erhebliche Beeinträchtigung für das Kind bedeuten und es darunter leidet26, deren Dauer und Intensität dem Potenzial einer Gefahr nicht angemessen sind (oder sie in harmlosen Situationen auftreten)27, diese außerdem langfristig die Entwicklung des Kindes verhindern28 oder dieses „keine Möglich­keit der Erklärung, Reduktion oder Bewältigung der Angst hat und seine Lebensqualität massiv beeinträchtigt“29. In diesen Fällen ist Angst behandlungsbedürftig, anders als solche von mil­der oder nur vorübergehender Natur30.

Entsprechend der Angstphasen gibt es auch alterstypische Angststörungen, die im Verlauf der Entwicklung typischerweise auftreten können, zum Beispiel im Alter von zwei bis vier Jahren Trennungsangst oder sog. spezifische Phobien (siehe Kapitel 2.3 bzw. 2.1.1), etwa vor Geistern sowie im Alter von acht bis elf Jahren Prüfungsangst31.

2. Klassifikation und Beschreibung verschiedener Angststörungen

Die verschiedenen Arten von Angststörungen werden, wie die meisten anderen Krankheiten auch, in der ICD-10 klassifiziert. Allgemein unterteilt diese zunächst in phobische Angststörungen (z.B. Agoraphobie, Soziale Phobie, Spezifische Phobien) und andere Angststörungen, zu denen man auch die Panikstörung und die Generalisierte Angststörung zählt32.

Speziell bei Kindern und Jugendlichen sind dort vier Angststörungen, die sogenannten emotiona­len Störungen des Kindesalters aufgeführt: die emotionale Störung mit Trennungsangst des Kin­desalters, die Phobische Störung des Kindesalters, die Störung mit sozialer Ängstlichkeit des Kin­desalters und die emotionale Störung mit Geschwisterrivalität33. Der DSM-IV Katalog kann zur Klassifikation ebenfalls verwendet werden; da er in großen Teilen mit der ICD-10 übereinstimmt und meines Wissens nach in Deutschland wenig verwendet wird, gehe ich näher auf ihn ein.

2.1 Phobien

Bei einer Phobie handelt es sich laut ICD-10 um eine Störung, „bei der Angst ausschließlich oder überwiegend durch eindeutig definierte, eigentlich ungefährliche Situationen hervorgerufen wird“34, In-Albon definiert Phobien als übertriebene, anhaltende und starke Angstreaktionen gegenüber bestimmten Objekten (z.B. Spritzen, Nadeln, Bohrer beim Zahnarzt), Situationen (z.B. Dunkelheit, Höhe), Tieren oder sozialen Interaktionen (z.B. Vortrag halten, Gespräch mit dem Chef) von denen aber tatsächlich keine Gefahr ausgeht. Bei einer Konfrontation mit und bereits beim Denken an diese Situation wird eine sofortige Angstreaktion ausgelöst, die sich bei Kindern in Form von Weinen, Wutanfällen, Erstarren oder Anklammern35, aber auch in der einer Panikatta­cke zeigen kann36.

2.1.1 Spezifische Phobien

Spezifische Phobien hingegen zeichnen sich dadurch aus, dass die Angst ganz bestimmten Objek­ten oder Situationen gilt, ergo einen ganz konkreten Auslöser hat, bei dem es sich beispielsweise um Spinnen, Spritzen oder Fantasiegestalten handeln kann37. Für die Diagnose muss sich die Symp­tomatik über eine längere Zeit äußern, welche C. Essau mit einem Zeitraum von mindes­tens sechs Monaten definiert. Bei Kin­dern kommt hinzu, dass sie anders als erkrankte Er­wachsene häufig nicht er­kennen, dass ihre Angst übertrieben oder unangemessen ist38.

Wie in 1.1 beschrieben, zeigen sich auch Phobien auf den drei Ebenen Körper, Verhalten und Ge­danken: Als häufige Reaktion wird das angstauslösende Objekt oder die angstauslösende Situation vermieden; auf der kognitiven Ebene zeigen sich katastrophale Gedanken oder negative Erwar­tungen und bei einer Konfrontation mit oder Gedanken an den phobischen Reiz äußern sich phy­siologische Reaktion wie Herzrasen, Schwitzen oder Zittern39. Die Gedanken haben das Potential, das Kind zu beschäftigen und Belastungen hervorzurufen, die das Kind bei seinen Alltagsaktivitä­ten beeinträchtigen40.

In-Albon berichtet, dass der Gegenstand spezifischer Phobien von Kindern im Vorschulalter meist Fremde, Dunkelheit und Tiere waren; im Grundschulalter kamen Wetterphänomene wie Gewitter und Stürme sowie die Angst um die eigene Sicherheit hinzu41. Bei Jugendlichen im Alter von zwölf bis 17 Jahren handelt es sich um Tiere, Naturkatastrophen und spezifische Situationen wie enge Räume oder Höhen. Die Veränderung der phobischen Inhalte entsprechend der Entwicklung der Kinder ist somit auch hier zu beobachten.

Der ICD-10 (und der DSM-IV) unterscheidet fünf Subtypen der spezifischen Phobie: Der Tier-Ty­pus, der Umwelt-Typus (z.B. Sturm, Dunkelheit, Wasser), der Blut-Injektions-Verletzungs-Typus (z.B. Spritze bekommen, Blut oder Verletzung sehen), der situative Typus (z.B. Fahrstuhl, Tunnel, Brücken) und andere Typen (z.B. laute Geräusche, maskierte Personen).

2.1.2 Soziale Phobie

Wie bei vielen anderen Ängsten ist die Angst vor sozialer Beurteilung ebenfalls Teil der normalen Entwicklung von Kindern, die auf die Pubertät zugehen42. Von einer sozialen Phobie spricht man hingegen dann, wenn eine übermäßige Angst oder Sorge gegeben ist, sich zu blamieren, oder etwas zu tun oder zu sagen, was peinlich sein könnte43 und diese extreme Belastungen und Beein­trächtigungen über einen längeren Zeitraum von mindestens sechs Monaten verursacht44.

Ähnlich wie bei spezifischen Phobien äußert sich bei Konfrontation häufig eine Angstreaktion, die C. Essau als übertrieben oder unangemessen charakterisiert. Bei Kindern können sich diese in den in 2.1 beschriebenen Verhaltensweisen, bei Jugendlichen eher in panikartigen Symptomen äu­ßern. Zusätzlich können sich soziale Ängste beispielsweise durch Stottern, geringem Augenkon­takt, Nägelkauen und ein Zittern der Stimme zeigen. Weiterhin beschreibt sie außerdem einen Vorgang, in welchen Jugendliche mit einer sozialen Phobie häufig geraten: Sie nehmen zunächst an, dass ihre Angst durch die körperlichen Reaktionen verraten werden, wodurch sie noch ängstli­cher werden. In Folge dessen nehmen sie ihr Versagen gedanklich vorweg, was die Nervosität und körperlichen Symptome der Angst weiter steigert. In Folge dessen wird deren Angst so groß, dass sie in ein Vermeidungsverhalten verfallen45.

2.2 Generalisierte Angststörung

Die Generalisierte Angststörung äußert sich typischerweise in einem ausgeprägten sich Sorgen machen in einem oder mehreren Bereichen des Lebens46: Wie bei den bisher beschriebenen Störun­gen ist ein gewisses Maß an Sorge normal und Teil der regulären Entwicklung; eine Genera­lisierte Angststörung ist jedoch durch Übermaß an unbegründeter, unkontrollierter Angst und Sorge in Zusammenhang mit zahlreichen Ereignissen und Aktivitäten - über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten - gekennzeichnet47. Gegenstand der Angst sind häufig Erwachsenen-Themen wie Pünktlichkeit, Finanzen und Gesundheit der Familie sowie das Weltgeschehen, wes­wegen Heranwachsende mit einer Generalisierten Angststörung häufig als „kleine Erwachsene“ gesehen werden48. Auslöser der Angst kann beispielsweise jedes Unglück sein, das betroffene Kinder im Fernsehen oder im Internet sehen; sie beziehen dieses auf sich selbst und beginnen sich Sorgen zu machen, ein solches könnte ihnen oder ihrer Familie zustoßen. Wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich das Eintreten dessen ist, nehmen sie nicht wahr und spielt für sie keine Rolle49.

Jedoch können auch alterstypische Themen wie Konkurrenz im schulischen, sozialen oder sportli­chen Bereich Objekt der Sorge sein - selbst wenn keine Bewertung durchgeführt wird. Dazu kann eine per­fektionistische Komponente kommen, die sich auch bei kleinen, vermeintlich irrelevanten Aufga­ben durch enorme Sorgfalt und Wiederholung äußern kann. Typisch für die Generalisierte Angst­störung sind auch ein häufiges Einholen von Rückversicherung bei den Eltern und somatische Be­schwerden50 wie Ruhelosigkeit (mit Schlafstörungen), leichte Ermüdbarkeit, Konzentrationsstö­rungen, Reizbarkeit, aber auch Kopfschmerzen und gastro-intestinale Beschwerden. Einschränkungen erleben die Betroffenen nicht nur durch die Sorge selbst, sondern auch durch die Schwie­rigkeit bis Unfähigkeit, diese zu kontrollieren51. T. In-Albon sieht die Einschätzung der Problematik mitunter als schwierig, da einige Komponenten der Generalisierten Angststörung wie Perfektionismus und Pünktlichkeit in einem be­stimmten Maß durchaus gesellschaftlich erwünscht sind. Daher würden die Eltern meist erst dann therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, wenn das Kind zunehmend verzweifelt ist, dessen Schulleistungen nachlassen oder sie keine Geduld mehr haben, dessen ständige Rückfragen zu beantworten52.

2.3 Störung mit Trennungsangst

Bei Kindern mit einer Angststörung mit Trennungsangst liegt, wie der Name bereits verrät, eine übermäßige Angst vor Trennungssituationen von zu Hause oder den Hauptbezugspersonen - den Eltern oder älteren Geschwistern - vor. Wie bei den zuvor vorgestellten Angststörungen ist eine solche Trennungsangst in einem gewissen Maße normal, insbesondere im Alter von sieben Monaten bis durch das Vorschulalter hindurch53. Betroffene Kinder haben eine unangemessen starke Furcht davor, ihre Bezugspersonen zu verlieren, indem diesen oder ihnen selbst etwas zustößt. Diese Angst führt zum Vermeiden von eigentlich alltäglichen Situationen wie dem Kindergarten- und Schulbe­such; alleine zu Hause bleiben; im eigenen Bett, ohne Licht, bei geschlossener Tür oder auch bei Freun­den zu schlafen54.

Konfrontationen mit Trennungssituationen führen bei erkrankten Kindern zu enormem Stress, der sich in einer gereizten, aggressiven oder auch teilnahmslosen Stimmung äußern kann. Auf der behavioralen Ebene kann sich das beispielsweise durch Weinen, Schreien, um sich schlagen oder Anklammern zeigen; auf der körperlichen Ebene äußert sich dieser unter anderem durch Bauch- und Kopfschmer­zen, Übelkeit bis hin zum Erbrechen55.

Zum Vermeidungsverhalten trägt es zusätzlich bei, wenn die Eltern die Angstquelle wegnehmen, indem die Eltern doch daheim bleiben oder sie es erlauben, dass das Kind vom Kindergarten oder der Schule fernbleiben darf, die gefürchtete Trennungssituation also doch nicht eintritt. Zwar wird so kurzfristig Entlastung geschaffen, indem die Angst und die körperlichen Symptome reduziert werden, langfristig trägt dies aber zur Aufrechterhaltung bei und verstärkt die Problematik56.

Diese Form der Angsterkrankung kann sich über einen längeren Zeitraum entwickeln, aber auch plötzlich auftreten. Es wird berichtet, dass dem Krankheitsbeginn in vielen Fällen ein wichtiges Lebensereignis wie der Tod von Angehörigen, ein Umzug oder Schulwechsel, aber auch die lange Abwesenheit von der Schule (z.B. Ferien) oder ein Entwicklungsübergang vorausgeht57.

2.4 Selektiver Mutismus

Der Selektive Mutismus äußert sich dadurch, dass die betroffenen Kinder gegenüber manchen Personen ganz normal und in normalem Umfang sprechen (z.B. ihren Eltern) und gegenüber an­deren überhaupt nicht (z.B. Lehrern, unbekannten Kindern oder Erwachsenen). Die Kinder schweigen allerdings nicht willentlich, sondern tun dies, weil sie in den jeweiligen Situationen nicht sprechen können. Dem wird im ICD-10 nicht Rechnung getragen: dort wird der Begriff elek­tiver Mutismus genutzt, welcher eine willentliche Kontrolle über das Schweigen suggeriert58. Wei­tere Merkmale sind beispielsweise ein Erstarren und wie versteinert wirken, ein leerer Gesichts­ausdruck und die Schwierigkeit, Interaktionen zu initiieren sowie Gefühle auszudrücken59.

Diagnostiziert wird der selektive Mutismus in der Regel zwischen dem dritten und fünften Le­bensjahr, meist wenn das Kind in den Kindergarten oder in die Grundschule kommt, wo die Sozi­ale Kommunikation und die schulischen Leistungen unter dem Schweigen leiden. Anders als normal schüchterne Kindern behalten Kinder mit Selektivem Mutismus dieses Verhalten für Monate bei60.

3. Entstehungsmodelle

3.1 Klassische Konditionierung

Ein Modell zur Erklärung des Erwerbs von Angsterkrankungen ist das Modell der klassischen Kon­ditionierung: Ein eigentlich neutraler Reiz wird durch eine oder mehrere traumatische Erfahrun­gen mit Angst oder Schmerz verbunden (also konditioniert). Wenn beispielsweise ein Kleinkind eine heiße Herdplatte oder einen Kaktus anfasst, wird es spätestens nach einigen Malen davon absehen, dies zu wiederholen und diese vielleicht sogar fürchten. Das Ausmaß der Furcht hängt zum einen von der Anzahl an Wiederholungen der Erfahrungen, in denen der Reiz mit der emo-tionalen Reaktion verbunden wird, sowie von der Intensität, mit der die Emotion erlebt wird, ab61.

In Zusammenhang mit der klassischen Konditionierung stehen die Konzepte der Generalisierung und der Diskriminierung. Von einer Generalisierung wird gesprochen, wenn die erlernte Reaktion auf einen Reiz auf ähnliche Reize übertragen wird. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn die Angst vor einer bestimmten Hunderasse (nach einem Angriff) auf andere Rassen übertragen wird. Diskriminierung hingegen meint die Reaktion auf einen ganz bestimmten Reiz; im selben Beispiel wird die Angst vor einer bestimmten Hunderasse nicht auf andere Rassen übertragen62.

3.2 Rachmans Modell des Angsterwerbs

Laut dem Modell von Rachman können Phobien und Ängste über drei Kanäle entstehen: Durch klassische Konditionierung, Modell-Lernen (z.B. Angst der Eltern oder Geschwister) sowie Informations- und Wissensvermittlung (z.B. Erzählung von Eltern, Lehrern oder Freunden)63.

Aus zahlreichen Studien ergab sich zum einen, dass die prozentuale Verteilung auf die drei Kanäle je nach Phobie mitunter sehr unterschiedlich sein können: So gaben beispielsweise etwas über 50 Prozent der Befragten mit einer Phobie des Blut/Verletzung/Spritzen-Typus in Untersuchungen an, vor Beginn ihrer Phobie eine traumatische Erfahrung gemacht zu haben (Studien: Öst 1991, Kleinknecht 1994), wohingegen bei Kindern mit einer Wasserpho­bie zu 56 Prozent weder von einem direkten Zusammenhang zu einem solchen Erlebnis, noch zu Informa­tion oder Beobachtung berichtet wurde (Studie: Menzies, Clarke 1993). Bei einer weite­ren Untersuchung zeigte sich außer­dem, dass ein Angsterwerb meist nicht über einen der Kanäle einzeln erfolgt (Studie: Ollendick, King 1991). Die Entstehung einer Phobie ist also beim Vorliegen mehrerer Faktoren wesentlich wahrscheinlicher, darüber hinaus führt ein einziger der Faktoren bei den meisten Kindern nicht zur Entstehung64.

3.3 Kognitive Modelle (Beck und Emery)

Laut dem Kognitiven Modell nach Beck und Emery liegt bei Personen mit Angststörungen eine Tendenz zur Überbewertung von Gefahren vor. Dies hat eine ängstliche Stimmung und fehlange­passtes Verhalten der erkrankten Personen zur Folge, was in einem Teufelskreis enden kann, wenn die negativen Wahrnehmungen vom dazugehörigen Verhalten bestätigt werden. Auch sind die emo­tionalen Reaktionen auf gewisse Umweltreize abhängig von der Bedeutsamkeit, die die­sen zuge­schrieben wird65.

Wichtig ist hierbei außerdem, dass es zwei Arten dysfunktionaler Informationsverarbeitung gibt: Einerseits automatische, dysfunktionale Gedanken, diese zeichnen sich durch ein automatisches Auftreten in bestimmten Situationen oder bei der Erinnerung an ein Ereignis aus. Sie sind müssen keineswegs rational sein und basieren auf falschen Grundannahmen, zum Bei­spiel die der Hilflosigkeit. Bei der zweiten handelt es sich um Gedanken-Schemata, dies sind kog­nitive Struktu­ren, welche die grundlegenden Regeln der Auswahl und Filterung von Umweltreizen beein­flussen66.

Kognitives Modell von Panikattacken (Clark) Fehlinterpretationen gewisser Körperwahrnehmungen sind beim Kognitiven Modell nach Clark der Verursacher von Panikattacken. Normale Reaktionen des Körpers - meist normale Angstreak­tionen, zum Beispiel Zittern oder Atemnot - werden fehlgedeutet, was zu vermehrter Angst führt67.

Clark beschreibt drei Arten von Prozessen, die potentiell Auslöser einer Panikattacke sein können: Eine Periode erhöhter Angst, die durch die Antizipation (= gedankliche Vorwegnahme) einer Angstattacke ausgelöst wurde; eine Periode erhöhter Angst, die durch andere Faktoren verursacht wurden, beispiels­weise eine Auseinandersetzung und zuletzt die Fehlinterpretation von Körperwahrnehmungen als Signale der Angst, ohne dass zuvor erhöhte Angst vorgelegen hätte: Diese werden als Signale be­vorstehenden Unheils gedeutet, wodurch sie als wesentlich bedrohlicher erscheinen, als sie tat­sächlich sind68.

Es wird vermutet, dass zwei Prozesse zur Aufrechterhaltung einer Panikstörung führen, wenn eine Tendenz zur Fehldeutung körperlicher Empfindungen vorliegt: Auf der einen Seite führt die Angst vor gewissen Situationen zu Hypervigilanz - einem Zustand erhöhter und dauerhafter Reaktions­bereitschaft - und dazu, dass der Körper wiederholt auf Zeichen der Gefahr überprüft wird. Bei der Wahrnehmung solcher Signale werden diese als Beweis für eine physische oder psychische Störung fehlinterpretiert. Auf der anderen Seite wird die negative Art der Interpretation durch Vermeidungsverhalten aufrechterhalten69.

Kognitives Modell der Sozialen Phobie (Clark/Wells) Das Kognitive Modell der Sozialen Phobie beruht auf der Annahme, dass soziale Phobiker zwar ei­nerseits ein starkes Bedürfnis haben, einen guten Eindruck zu machen, andererseits sind sie sich über ihre Fähigkeit dazu unsicher. Dies äußert sich in negativen, dysfunktionalen Gedanken70.

Aufrechterhalten wird die Phobie durch verschiedene Kognitionen und behaviorale Faktoren: Glaubenssätze der Person über sich selbst (z.B. „Ich bin dumm“), Vermutungen (z.B. „Wenn ich nicht viel rede, werde ich für langweilig gehalten“) und strenge Regeln (z.B. „Ich muss immer et­was Interessantes erzählen“)71.

Nach Wells und Clark gibt es drei weitere Prozesse, die der Aufrechterhaltung dienen. Zum einen die Eigenwahrnehmung als soziales Objekt; „Die Wahrnehmung äußerer Informationen wird er­setzt durch die Konzentration auf innere Prozesse, in deren Zentrum das eigene Selbst steht“72, wodurch Situationen, die eine Soziale Phobie auslösen, anders wahrgenommen werden. Zum an­deren der Einsatz von sicherheitssuchendem Verhalten: Dieses wird eingesetzt, um die gefürch­tete Situation zu vermeiden; wenn dies nicht möglich ist, soll so das Risiko des Versagens redu­ziert werden. Ziel dessen ist der Schutz des Selbstwertes und die Vermeidung einer negativen Beurteilung der eigenen Person. Beim letzten Prozess handelt es sich um kognitive und somati­sche Angstsymptome: Wie im Modell zu Panikattacken beschrieben, werden körperliche Wahr­nehmungen als Zeichen des Unheils bzw. des Versagens gedeutet. Zusammen mit den wahrge­nommenen sozialen Gefahren, die mit den körperlichen Symptomen zusammenhängen, wirkt sich dieser Vorgang in einer Zunahme der kognitiven und somatischen Symptome aus73.

3.4 Das Bindungsmodell (Bowlby)

Laut dem Bindungsmodell von Bowlby ist es für Kinder notwendig, eine enge Bin­dung zu einer bestimmten Person zu entwickeln. Dies dient unter anderem der Emotionsregula­tion und der Verminderung von Stress: So hilft die Bezugsperson dem Kind unter anderem in Stresssituationen, sein emotionales Gleichgewicht zu bewahren. Dadurch fühlen sich Kinder siche­rer und sind motiviert, einerseits gewohnte Strukturen beizubehalten und andererseits neue Dinge auszuprobieren. Somit kann das Kind ein Selbstbewusstsein entwickeln. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die Qualität der Bindung durch die Beziehung zwischen dem Kind und seiner Bezugsperson bestimmt wird74.

Angststörungen entstehen der Bindungstheorie zufolge aus einer unsicheren Bindung zwischen dem Kind und seiner Bezugsperson. Zu einer unsicheren Bindung kommt es, wenn die Hauptbezugsperson nicht auf die Bedürf­nisse des Kindes eingeht, also sich ihm gegenüber unaufmerksam zeigt; vor allem dann, wenn sich das Kind in einer stressvollen Situation befindet und die Bezugsperson zur Kompensation bräuchte75. „Aus der Erfahrung, dass die Bedürfnisse des Kindes nicht verlässlich erfüllt werden, entsteht eine unsichere Bindung an die Hauptbezugsperson“76.

[...]


1 Essau 2014, S. 14

2 Hopf 2014, S. 15

3 In-Albon 2011, S. 15

4 vgl. Essau 2014, S. 14

5 vgl. Hopf 2014, S. 15

6 ebd.

7 vgl. Essau 2014, S. 14

8 Vgl. Hopf 2014, S. 15

9 vgl. Essau 2014, S. 14

10 vgl. ebd., S. 16

11 ebd.

12 vgl. ebd.

13 vgl. ebd., S. 17

14 In-Albon 2011, S. 15

15 vgl.ebd.

16 vgl. Essau 2014, S. 17

17 In-Albon 2011, S. 15

18 ebd., S. 16

19 vgl. In-Albon 2011, S. 16

20 vgl. Essau 2014, S. 18

21 vgl. In-Albon 2011, S. 15

22 vgl. Essau 2014, S. 17

23 ebd.

24 vgl. In-Albon 2011, S. 16

25 vgl. In-Albon 2011, S. 16

26 vgl. ebd.

27 vgl. Essau 2014, S. 29

28 vgl. In-Albon 2011, S. 16

29 Essau 2014, S. 29

30 vgl. In-Albon 2011, S. 17

31 vgl. ebd., S. 16 ff.

32 vgl. In-Albon 2011, S. 28

33 vgl. ebd.

34 ICD-10, F40

35 vgl. ebd., S. 34-37

36 vgl. Essau 2014, S. 50

37 vgl. In-Albon 2011, S. 34

38 vgl. ebd.

39 vgl. In-Albon 2011, S. 36

40 vgl. Essau, S. 49

41 vgl. In-Albon 2011, S. 35

42 vgl. Essau 2014, S. 53

43 vgl. In-Albon 2011, S. 38

44 vgl. Essau 2014, S. 53-56

45 vgl. Essau 2014, S. 53 - 56

46 vgl. In-Albon 2011, S. 38

47 vgl. Essau 2014, S. 65

48 vgl. In-Albon 2011, S. 44

49 vgl. Essau 2014, S. 65

50 vgl. In-Albon 2011, S. 44

51 vgl. Essau 2014, S. 66ff

52 vgl. In-Albon 2011, S. 44

53 Vgl. Essau 2014, S. 36

54 Vgl. In-Albon 2011, S. 41

55 vgl. In-Albon 2011, S. 41

56 vgl. ebd.

57 vgl. Essau 2014, S. 37

58 vgl. Essau 2014, S. 79

59 vgl. In-Albon 2011, S. 53

60 vgl. Essau 2014, S. 79 ff.

61 vgl. ebd., S. 164 ff.

62 vgl. Essau 2014, S. 164 ff.

63 vgl. Essau 2014, S. 167

64 vgl. ebd.

65 vgl. ebd.

66 vgl. Essau 2014, S. 170 ff.

67 vgl. ebd.

68 vgl. ebd.

69 vgl. ebd.

70 vgl. ebd., S. 173 ff.

71 vgl. Essau 2014, S. 173 ff.

72 ebd.

73 vgl. ebd., S. 174

74 vgl. Essau 2014, S. 176 ff.

75 vgl. ebd.

76 ebd.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Angsterkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Klassifikationen und Entstehungsmodelle
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Villingen-Schwenningen, früher: Berufsakademie Villingen-Schwenningen  (Fakultät Sozialwesen)
Veranstaltung
Psychologische Grundlagen
Note
1,2
Jahr
2019
Seiten
26
Katalognummer
V944256
ISBN (eBook)
9783346278173
ISBN (Buch)
9783346278180
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Angst, Angsterkrankungen, Kinder, Jugendliche, Entwicklung, Entwicklungspsychologie, Phobien, Generalisierte Angststörung, Trennungsangst, Therapie
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Angsterkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Klassifikationen und Entstehungsmodelle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/944256

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