Jazz und Tanz in der Weimarer Republik am Beispiel der Zeitoper "Jonny spielt auf" von Ernst Krenek


Ausarbeitung, 2018

14 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Jazz und Tanz in der Weimarer Republik

3. Krenek und Jazz

4. Jonny spielt auf als Zeitoper
4.1 Tanzszene (Bahnhofsszene)

5. Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

Die Weimarer Republik, Deutschland während der 1920er Jahre, war von vielen Umwälzungen geprägt, in politischer, gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht. Eine Begeisterung für alles Amerikanische entflammte und war mit Fortschrittsdenken, Modernisierung und Wohlstand verbunden, eng in diesem Zusammenhang steht die Etablierung einer Massenkultur nach amerikanischem Vorbild. Bereits im 19. Jahrhundert war Amerika Projektionsfläche für gesellschaftliche und kulturelle Wunschvorstellungen. von den Pilgrim Fathers, die religiöse Selbstbestimmung im Land der unbegrenzten Möglichkeiten fanden und Selfmade-Mann, der sich seine wirtschaftliche Existenz im unberührten „Wilden Westen“ aufbaut. Im beginnenden 20. Jahrhundert war Amerika Sinnbild für alles Fortschrittliche, Rationalisierung und Wohlstand. Man zelebrierte den „American Way of Life“ mit Exportartikeln wie Autos, Sport, Mode und neuen Massenmedien wie Grammophon, Radio und Film (vgl. Pfeiderer 41f). Der Leitbildcharakter der USA wirkte sich ebenso auf die Musik-und Tanzkultur aus: Die bereits Anfang des 19. Jahrhunderts nach Europa importierte Musik mit afroamerikanischen Wurzeln und die dazugehörigen, neuen Tänze lösten einen tiefgreifenden Wandel der Musik-und Tanzkultur aus. Die Faszination für die neue Musik, die den Namen „Jazz“ trug, und die neuentdeckte Freude am Tanz erfasste die gesamte Republik. Im Zusammenhang mit den politisch- gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu sehen ist die Entstehung der Zeitoper, die die Umstände dieser Zeit widerspiegelt. Die Zeitoper Jonny spielt auf von Ernst Krenek vereint die Merkmale der neu entstandenen Gattung und bringt die neuen Gesellschaftstänze auf die Opernbühne.

2. Jazz und Tanz in der Weimarer Republik

Der Begriff „Jazz“ ist durch uneinheitliche Verwendung und Verwechselungen geprägt, der Jazzautor Horst Lange geht sogar so weit und charakterisiert die zu der Zeit populäre Musik als „minstrelartigen Radau, in dem alles von willkürlicher Krachmacherei [...] erlaubt sei“ (Lange, Horst: Jazz in Deutschland, 15 zitiert nach Partsch 58). Vor allem galt Jazz in den 1920er Jahren als Sammelbegriff für die neuartige, synkopierte Tanzmusik aus Amerika. Diese entwickelte sich aber schnell weiter zu einer Spielweise, in der auch Tänze wie Walzer oder Foxtrott gespielt werden konnten (vgl. Pfeiderer 56). Bis zum Zweiten Weltkrieg galt die gespielte Musik als zweckmäßige bis unterhaltsame Begleitung für Tanzabende, die Faszination galt mehr den Tanzschritten als der Musik an sich (vgl. Cook 43).

Afroamerikanische Musiker, Künstler und Tänzer brachten Musik und Tanz mit nach Europa und begeisterten in Revueshows das europäische Publikum bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts (vgl. Pfleiderer 43). Ebenso trug das amerikanische Heer, das während des Ersten Weltkrieges in Frankreich stationiert war, dazu bei, amerikanische Musik auf dem europäischen Kontinent zu bekannt zu machen (vgl. Cook 41). Bedeutend für Jazz als neuer Gesellschaftstanz war das neue Bewegungs- und Körpergefühl, das eng mit der Polyzentrik afroamerikanischer Tänze in Zusammenhang steht. Bei den traditionellen, europäischen Gesellschaftstänzen ist die Körperhaltung aufrecht und die Bewegungen der Körperpartien sind nicht getrennt von einander, die Tanzpartner bewegen sich in enger Tanzhaltung. Für die neuen Tänze, darunter Onestep, Foxtrott, Shimmy und Charleston charakteristisch ist die Isolierung der Partner und der bewegten Körperpartien (vgl. Schär 97). Die für die Jazzmusik typischen, vom Grundschlag abweichenden Off-Beat-Akzente sind besonders entscheidend für die Rhythmuserfahrung beim Tanzen, da sie zu einem neuen Körpergefühl führen und laut Martin Pfeiderer „eine Dezentrierung der Körperbewegung unterstütz[en], ja erst ermöglich[en]“ (46). Die neuen, rhythmisch betonten Tänze verlangten mehr Körperkontakt und erlaubten es beiden Geschlechtern sich sinnlich und körperlich auszudrücken. Die Veränderung der Tanzgewohnheiten führten zu einem Wandel der

Geschlechterrollen und zur Liberalisierung der Sexualität, damit trugen sie zur Emanzipation der Frau bei. Zwar tanzte man noch Paarweise, doch das schnellere Tempo und einfach zu erlernende Schritte schwächten die führende Rolle des Mannes beim Tanzen ab (vgl. Partsch 65). Das neue Selbstbewusstsein der Frau zeigte sich ebenfalls darin, dass Frauen erstmals auch ohne männliche Begleitung zu Tanzveranstaltungen erschienen, vom Partner unabhängig tanzten und auch der Tanz zum Zwecke der Partnerfindung nicht mehr im Vordergrund stand (vgl. Schär 140f) Mit der Veränderung des Gesellschaftstanz, der Verbreitung der amerikanischen Unterhaltsmusik und der Mode der Zeit einher ging eine neue, moderne Weltanschauung (vgl. Partsch 62). Die neue, getanzte Körperlichkeit stellte einen starken Kontrast zu der Tanztradition des wilhelminischen Zeitalters dar. Die wirbelnden, zuckenden und ungestümen Bewegungen lösten die Steifheit und Scheinmoral der wilhelminischen Zeit ab und ließen die Schrecken der vergangen Kriegsjahre vergessen. (vgl. Schär 98). Dem Jazz(tanz) wurden sogar politische Implikationen zugeschrieben: Im Rahmen der vorherrschenden Begeisterung für Amerika versprach man sich von der Siegermacht des Ersten Weltkriegs positiven Einfluss auf die Modernisierung und Demokratisierung (vgl. Partsch 56), gleichsam wurde die Jazz(tanz) Sinnbild für technischen Fortschritt und Modernisierung (vgl. Pfeiderer 45).

Die allgemeine Tanzbegeisterung, die in den 1920er Jahren herrschte, beschreibt Ivan Goll 1926 treffend in seinem Artikel (Goll, 4):

„Die Neger sind da. Ganz Europa tanzt bereits nach ihrem Banjo. Es kann nicht anders. Manche sagen, das sind die Rhythmen aus Sodom und Gomorrha ... Warum sollten es nicht die aus dem Paradies sein? Hier sind ein Untergang und ein Anfang verquickt.“

Dieses Zitat bringt die Tanzbegeisterung aber auch die Stimmen der konservativen Kritiker zum Ausdruck. Diese sahen die neuen Tänze als „wahnwitzige Ausbrüche einer wertlosen und dekadenten Gesellschaftsschicht“ (Partsch 64), sie kritisierten das Triebhafte und die sexuelle Freizügigkeit (vgl. Schär 143f). Mit Begriffen wie „Kulturbolschewismus“, „Verniggerung“ und „Veijudung“ in Verbindung gebracht, wurde der Tanz von Kritikern als kultur- und wertevernichtend angesehen ( (vgl. Pfeiderer 43).

3. Krenek und Jazz

Der im Jahr 1900 in Wien geborene Komponist Ernst Krenek wurde durch sein Kompositionsstudium bei Franz Schreker klassisch geprägt, er widmete sich in den frühen Jahren seiner Karriere aber auch vermehrt der Atonalität zu. Seine Zuwendung zu Jazz wurde maßgeblich beeinflusst durch den Komponisten Eduard Erdmann und den Pianisten Artur Schnabel, denen er 1920 an Berliner Hochschule für Musik begegnet war (vgl. Cook 77). Auch durch seine erste Ehefrau Anna Mahler, einer Tochter von Gustav Mahler, kam er vermehrt mit Jazz in Berührung, da sie dafür sorgte, dass Krenek sich vermehrt in der Welt der Bälle und Revuen bewegte (vgl. Fichna 296).

In seiner Oper Sprung über den Schatten (op. 17), die 1924 in Frankfurt uraufgeführt wurde, verarbeitete Krenek zum ersten Mal Jazzrhythmen und Elemente amerikanischer Tanz- und Unterhaltungsmusik. Bereits in dieser Oper wird durch amerikanische Tänze der Aufbruch zur Moderne, die Überwindung von Grenzen und die damit gelebte Freiheit symbolisiert. In der Maskenball Szene singt ein schwarzer Tänzer während er einen Foxtrott tanzt:

„Rund im Kreise drehen, stampfen, wilder Tanz! O laß mich in dir untergehn, ich bleibe nie mehr im Leben stehn... Drehet euch im wilden Wirbeltanz, ihr werdet leicht und frei sein“ (Stewart, John: Ernst Krenek: The Man and his Music 100f, zitiert nach Fichna 297)

Mit Sprung über den Schatten schuf Krenek einen Meilenstein in der Entstehung der Zeitoper, erst selbst habe in dieser Oper als eine „Vorstudie“ zu seinem späteren Werk Jonny spielt auf gesehen (vgl. Fichna 298).

4. Jonny spielt auf als Zeitoper

1925 war Krenek Assistent am Kasseler Staatstheater als er mit der Arbeit am Libretto für Jonny spielt auf (op. 45) begann. Inspiriert von der Revue Chocolate Kiddies, machte Krenek einen afroamerikanischen Künstler zur Kontrastfigur eines spätromanischen Komponisten (vgl. Fichna 298). Die im Sommer 1926 fertig gestellte Werk wurde von der Leipziger Oper angenommen, nachdem sie von vier etablierten Häusern abgelehnt worden war (vgl. Mücke 22). Am 10. Februar 1927 wurde Jonny spielt auf, musikalisch geleitet von Gustav Brecher und inszeniert von Walter Brüggemann uraufgeführt. In wenigen Tagen wurde die Oper zum Skandalerfolg und avancierte zu einer der erfolgreichsten Opern der 1920er Jahre (vgl. Redepenning 81).

Die Zeitoper stellt eine eigenständige musikalische Entwicklung innerhalb der Weimarer Republik dar (vgl. Bönner 81). Im Vordergrund steht die Aktualität und Alltäglichkeit (vgl. Geun 135), typisch ist der Bezug zu kontemporären sozial­politischen Themen: „Zeitopern bringen eine konkrete Gegenwart auf die Bühne, sie sind nicht zeitlos akutell“ (Redepenning 188). Attribute des modernen Lebens, wie technische Errungenschaften, werden dramaturgisch in Szene gesetzt und unterstreichen damit den Bezug zur Aktualität (vgl.Redepenning 183). Charakteristisch in musikalischer Hinsicht ist die Vermischung von Kunstmusik und Jazzelementen, sowie unmittelbar damit verbunden ist Integration der neuen Tänze (vgl. Cook 4). Besonders durch die populäre Musik und die Einbindung moderner Elemente konnte die Publikumswirksamkeit erhöht werden und das Massenpublikum für Opern begeistert werden (vgl. Fichna 298). Panja Mücke argumentiert, dass gerade die Konkurrenz zu anderen Massenmedien, insbesondere dem Film, und die innovativen Bestrebungen dazu führten, dass sich traditionelle Grenzen der Genrezuordnung auflösten (vgl. 21.)

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Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Jazz und Tanz in der Weimarer Republik am Beispiel der Zeitoper "Jonny spielt auf" von Ernst Krenek
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,7
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V944760
ISBN (eBook)
9783346285331
ISBN (Buch)
9783346285348
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jazzoper, Ernst Krenek, Jonny spielt auf, Weimarer Republik, Jazztanz
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Jazz und Tanz in der Weimarer Republik am Beispiel der Zeitoper "Jonny spielt auf" von Ernst Krenek, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/944760

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