The Soul of the Beast : eine gemeinsame Identität für Europa?


Seminararbeit, 2001

16 Seiten, Note: 1.2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Identitätsbegriff im sozialen Kontext
1.1 Theoretische Ansätze
1.1.1 Die traditionelle Variante
1.1.2 Die ‚post-moderne’ Variante
1.2 Charakteristika sozialer Identität
1.2.1 Identität als Mehrebenenkonzept
1.2.2 ‚Othering’ und Meta-Kontrast
1.2.3 Stabilität

2. Zur Existenz einer europäischen Identität
2.1 Probleme und Erwartungen an den Versuch eines Nachweises
2.1.1 Empirische Bestandsaufnahme 1982 – 1992
2.1.2 Empirische Bestandsaufnahme 1991 – 1999

3. Zur Zukunft einer europäischen Identität
3.1 Normative Ansätze und ihre Bewertung
3.1.1 ‚Sozialisationsmethode’ und ‚identity shaping’

Fazit

Einleitung

Auf dem dornigen Weg zu der Vision eines geeinten Europa stellen die nationalstaatlichen Mitglieder der EU in den Augen vieler einen Stolperstein dar; allerdings weniger wegen irgendwelcher unüberwindlichen Souveränitätsansprüche als vielmehr aufgrund der Tatsache, dass nur innerhalb ihrer Grenzen demokratische Prozesse bisher halbwegs funktionieren. Die politische Öffentlichkeit ist nationalstaatlich fragmentiert geblieben. Da es aber zumindest fragwürdig ist, ob demokratische Legitimität ohne die Unterfütterung durch eine kongruente kollektive Identität überhaupt ausreichend gegeben sein kann, stellt sich die Frage, ob eine weitergehende Integration Europas eine solche nicht notwendigerweise voraussetzen muss. Oder fundamentaler: Kann es „ein Europa“ überhaupt geben, ohne ein europäisches Selbstverständnis, das über die Möglichkeiten kollektiven politischen Handelns hinausgeht und das Bewusstsein der „Verpflichtung auf ein europäisches Gemeinwohl“[1] einschliesst?

Vor diesem Hintergrund soll im Folgenden die Debatte um eine gemeinsame europäische Identität strukturiert und bewertet werden. Zunächst werde ich daher zwei grundlegende Definitionen von kollektiver oder sozialer Identität kurz skizzieren. Anschliessend werde ich auf den gegenwärtigen Stand des Diskurses über die Existenz einer europäischen Identität zum jetzigen Zeitpunkt eingehen. In einem dritten Schritt werde ich untersuchen, in wie weit es eine europäische Identität überhaupt geben kann und in wie weit dies notwendig ist; d.h. in wie fern Europa einer klassischen kollektiven Identität bedarf und sich nicht eher an post-nationalen „civic identities“ orientieren kann, die, im Rahmen eines pluralistischen Mehrebenensystems, eine gleichsame ‚Auflösung’ der gewachsenen nationalen Identitäten überflüssig machen würden.

1. Der Identitätsbegriff im sozialen Kontext

1.1 Theoretische Ansätze

1.1.1 Die traditionelle Variante

Soziale Identität entsteht im traditionellen Sinn als Glaube an eine gemeinsame (vom Standpunkt des Nationalstaats oft ethno-zentrisch verstandene) Vergangenheit, verbunden mit einem darauf aufbauenden Gefühl einer gemeinsamen Kontinuität in Gegenwart und Zukunft als zusammengehörige Einheit („imagined communities“).[2] Der Grundgedanke ist also ein kultureller; dass von der Existenz eines ‚Volkes’ ausgegangen werden kann, die bereits ausserhalb einer politischen Ordnung gegeben ist. Die Nation als kulturelle und sinnstiftende Einheit lässt sich damit umreissen als eine Bevölkerungsgruppe mit kollektivem Selbstverständnis, welches sich durch eine geschichtsbezogene territoriale Einheit, ein gemeinsames Repertoire an kollektiven Erinnerungen (gleichsam „Gründungsmythen“) sowie einen gemeinsamen Kultur- und Sprachraum definiert.[3] Für den Nationalismus, als der hierauf aufbauenden Ideologie, kann daher im Rahmen der Selbstbestimmung ein Staat logischerweise nur dann legitim sein, wenn seine geographischen Grenzen mit den ethnisch-kulturellen Grenzen seines Staatsvolkes zusammenfallen.[4]

1.1.2 Die ‚post-moderne’ Variante

Eine Alternative zu diesem klassischen, ethnisch-/mythisch-zentrierten Verständnis von kollektiver sozialer Identität ist der Ansatz des post-nationalen oder Verfassungspatriotismus nach Habermas. Basierend auf den Erfahrungen der französischen Revolution sieht er den Nationsbegriff gewandelt, von einer prä-modernen, vorpolitischen Größe hin zu einem Merkmal, das für die politische Identität der Bürger eines demokratischen Gemeinwesens konstitutiv ist.[5] Die „Staatsbürgernation findet ihre Identität damit nicht mehr in ethnisch-kulturellen Gemeinsamkeiten, sondern in der Praxis von Bürgern, die ihre [...] Rechte aktiv ausüben.“[6] Aus dem klassischen sozialen Identitätsbegriff übernimmt dieser Ansatz lediglich, dass die universalistischen Grundsätze eines Staates einer politisch-kulturellen Verankerung bedürfen; d.h. mit Motiven, Gesinnungen und Selbstverständnis der Bürger eine Verbindung eingehen müssen. Dies muss aber keineswegs eine gemeinsame ethnische, kulturelle oder sprachliche Herkunft sein.[7] Beispiele für diese These sind die Staatsgründungen der USA und der Schweiz, bei denen liberale Grundwerte sowie politische Kultur den gemeinsamen Nenner eines Verfassungspatriotismus bildeten, auf dem aufbauend sich anschliessend eine kollektive staatliche Vergangenheit bilden konnte.[8] Der Verfassungspatriotismus ermöglicht damit die Bildung einer politischen Einheit ohne die Notwendigkeit einer gemeinsamen ethnischen oder geographischen Vergangenheit; die soziale Identität der Bürger konstituiert sich quasi ‚am System’.

Diese beiden Konzepte mögen zur grundlegenden Klärung des Identitätsbegriffs genügen. Vor ihrem Hintergrund spielen allerdings weitere Faktoren eine Rolle.

1.2 Charakteristika sozialer Identität

1.2.1 Identität als Mehrebenenkonzept

Soziale Identitäten sind nicht exklusiv.[9] Individuen besitzen im Allgemeinen multiple soziale Identifikationsgrundlagen, welche sich kontextbezogen in ihrer Hierarchie verschieben können. Beispielsweise ist es durchaus miteinander vereinbar, dass sich ein spanischer Staatsbürger in den USA im Wesentlichen als Europäer fühlt, während bei einem Aufenthalt in Deutschland mehr seine nationale Identität als Spanier in den Vordergrund treten würde. Identität ist demnach kein Nullsummen-Konzept, bei dem eine vorhandene notwendigerweise durch eine andere ersetzt und quasi ausgelöscht wird. Verschiedene Identitäten müssen nicht miteinander in Konflikt stehen, sondern können sich, bildlich gesprochen, verschachtelt oder in Form von sich nicht überschneidenden, konzentrischen Kreisen anordnen. Die gleichzeitige Identifikation mit mehreren, auch sehr unterschiedlichen Gemeinschaften ist also durchaus möglich.[10]

[...]


[1] P. Kielmannsegg, Ohne historisches Vorbild, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 07.12.1990

[2] A.D. Smith, National Identity and the idea of European unity, in: International Affairs, 68, 1, 55-76, 1992, S.2

[3] Smith, S.5f

[4] C. Taylor, Was ist die Quelle kollektiver Identität?, in: N. Dewandre/J. Lenoble (Hrsg.) Projekt Europa. Postnationale Identität: Grundlage für eine europäische Demokratie?, Berlin, 1994, p.44

[5] J. Habermas, St aatsbürgerschaft und nationale Identität, in: N. Dewandre/J. Lenoble (Hrsg.) Projekt Europa. Postnationale Identität: Grundlage für eine europäische Demokratie?, Berlin, 1994, p.13

[6] Habermas, p.13

[7] Habermas, p.17

[8] Habermas, pp.17

[9] T. Risse (2001), To Euro or not to Euro?, European University Institute Working Paper, Florenz, 1998, p.11

[10] Smith, S.4f

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
The Soul of the Beast : eine gemeinsame Identität für Europa?
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Europäisches Zentrum)
Veranstaltung
Die EU als politische Gemeinschaft
Note
1.2
Autor
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V9450
ISBN (eBook)
9783638161510
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
europäische Identität Probleme
Arbeit zitieren
Ulrich Machold (Autor), 2001, The Soul of the Beast : eine gemeinsame Identität für Europa?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9450

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