Auf dem dornigen Weg zu der Vision eines geeinten Europa stellen die nationalstaatlichen Mitglieder der EU in den Augen vieler einen Stolperstein dar; allerdings weniger wegen irgendwelcher unüberwindlichen Souveränitätsansprüche als vielmehr aufgrund der Tatsache, dass nur innerhalb ihrer Grenzen demokratische Prozesse bisher halbwegs funktionieren. Die politische Öffentlichkeit ist nationalstaatlich fragmentiert geblieben. Da es aber zumindest fragwürdig ist, ob demokratische Legitimität ohne die Unterfütterung durch eine kongruente kollektive Identität überhaupt ausreichend gegeben sein kann, stellt sich die Frage, ob eine weitergehende Integration Europas eine solche nicht notwendigerweise voraussetzen muss. Oder fundamentaler: Kann es "ein Europa" überhaupt geben, ohne ein europäisches Selbstverständnis, das über die Möglichkeiten kollektiven politischen Handelns hinausgeht und das Bewusstsein der "Verpflichtung auf ein europäisches Gemeinwohl" einschliesst?
Vor diesem Hintergrund soll im Folgenden die Debatte um eine gemeinsame europäische Identität strukturiert und bewertet werden. Zunächst werde ich daher zwei grundlegende Definitionen von kollektiver oder sozialer Identität kurz skizzieren. Anschliessend werde ich auf den gegenwärtigen Stand des Diskurses über die Existenz einer europäischen Identität zum jetzigen Zeitpunkt eingehen. In einem dritten Schritt werde ich untersuchen, in wie weit es eine europäische Identität überhaupt geben kann und in wie weit dies notwendig ist; d.h. in wie fern Europa einer klassischen kollektiven Identität bedarf und sich nicht eher an post-nationalen "civic identities" orientieren kann, die, im Rahmen eines pluralistischen Mehrebenensystems, eine gleichsame ‚Auflösung′ der gewachsenen nationalen Identitäten überflüssig machen würden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Der Identitätsbegriff im sozialen Kontext
1.1 Theoretische Ansätze
1.1.1 Die traditionelle Variante
1.1.2 Die ‚post-moderne’ Variante
1.2 Charakteristika sozialer Identität
1.2.1 Identität als Mehrebenenkonzept
1.2.2 ‚Othering’ und Meta-Kontrast
1.2.3 Stabilität
2. Zur Existenz einer europäischen Identität
2.1 Probleme und Erwartungen an den Versuch eines Nachweises
2.1.1 Empirische Bestandsaufnahme 1982 – 1992
2.1.2 Empirische Bestandsaufnahme 1991 – 1999
3. Zur Zukunft einer europäischen Identität
3.1 Normative Ansätze und ihre Bewertung
3.1.1 ‚Sozialisationsmethode’ und ‚identity shaping’
Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Debatte um eine gemeinsame europäische Identität vor dem Hintergrund der Frage, ob eine fortgeschrittene Integration Europas zwingend eine kollektive Identität voraussetzt. Ziel ist es, den gegenwärtigen Stand des Diskurses zu bewerten und zu hinterfragen, ob Europa einer klassischen kollektiven Identität bedarf oder ob post-nationale Identitätsmodelle ausreichen, um ein pluralistisches Mehrebenensystem zu legitimieren.
- Theoretische Fundierung des Identitätsbegriffs (traditionell vs. post-modern)
- Charakteristika und Stabilitätsfaktoren sozialer Identitäten
- Empirische Analyse der Identitätsentwicklung in der EU (1982–1999)
- Die Rolle von Eliten bei der Herausbildung europäischer Identität
- Normative Strategien zur Festigung eines Europa-Bewusstseins
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Identität als Mehrebenenkonzept
Soziale Identitäten sind nicht exklusiv. Individuen besitzen im Allgemeinen multiple soziale Identifikationsgrundlagen, welche sich kontextbezogen in ihrer Hierarchie verschieben können. Beispielsweise ist es durchaus miteinander vereinbar, dass sich ein spanischer Staatsbürger in den USA im Wesentlichen als Europäer fühlt, während bei einem Aufenthalt in Deutschland mehr seine nationale Identität als Spanier in den Vordergrund treten würde. Identität ist demnach kein Nullsummen-Konzept, bei dem eine vorhandene notwendigerweise durch eine andere ersetzt und quasi ausgelöscht wird. Verschiedene Identitäten müssen nicht miteinander in Konflikt stehen, sondern können sich, bildlich gesprochen, verschachtelt oder in Form von sich nicht überschneidenden, konzentrischen Kreisen anordnen. Die gleichzeitige Identifikation mit mehreren, auch sehr unterschiedlichen Gemeinschaften ist also durchaus möglich.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Problematik der demokratischen Legitimation der EU und die Relevanz einer kollektiven Identität für den europäischen Integrationsprozess.
1. Der Identitätsbegriff im sozialen Kontext: Theoretische Auseinandersetzung mit traditionellen und post-modernen Identitätskonzepten sowie deren Charakteristika.
2. Zur Existenz einer europäischen Identität: Kritische Bestandsaufnahme empirischer Daten zur Identifikation der Unionsbürger mit der EU im Zeitraum von 1982 bis 1999.
3. Zur Zukunft einer europäischen Identität: Bewertung normativer Ansätze und Strategien zur Förderung eines europäischen Selbstverständnisses in der Zukunft.
Fazit: Synthese der Ergebnisse mit dem Resultat, dass eine europäische Identität zwar möglich ist, aber organisch wachsen muss und die EU als Wertegemeinschaft in den Fokus rücken sollte.
Schlüsselwörter
Europäische Identität, Soziale Identität, Mehrebenenkonzept, Integration, Verfassungspatriotismus, Kollektive Identität, Eurobarometer, Politische Kultur, Legitimität, Sozialisationsmethode, Identity Shaping, Nationalstaat, Europa-Bewusstsein.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Bedingungen und Möglichkeiten für die Entstehung einer gemeinsamen europäischen Identität und hinterfragt, inwiefern diese für eine demokratische Integration notwendig ist.
Welche Themenfelder werden zentral behandelt?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen sozialer Identität, die empirische Messbarkeit europäischer Identifikation sowie normative Strategien zur Stärkung eines europäischen Selbstverständnisses.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, zu klären, ob Europa eine klassische kollektive Identität benötigt oder ob es sich erfolgreich an post-nationalen civic identities innerhalb eines Mehrebenensystems orientieren kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine diskursive und theoretische Analyse, die soziologische Identitätsmodelle auf den europäischen Integrationsprozess anwendet und durch eine Auswertung empirischer Eurobarometer-Daten ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begriffsbestimmung, die Analyse des Ist-Zustands anhand empirischer Daten (1982–1999) und die Diskussion zukünftiger Strategien der Identitätsbildung.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Europäische Identität, Mehrebenenkonzept, Verfassungspatriotismus, soziale Identität und demokratische Legitimation.
Welche Rolle spielt die „kognitive Mobilisation“ im Text?
Der Autor führt diesen Begriff ein, um zu erklären, dass Identifikationswerte stärker mit der Sichtbarkeit und Thematisierung der EU im nationalen Diskurs korrelieren als mit einer rein funktionalen Integration.
Was besagt das „Prinzip des Meta-Kontrasts“?
Es beschreibt, dass eine kollektive Identität gestärkt wird, je deutlicher sich die eigene Gruppe von anderen abgrenzt, wobei diese Identität kontextabhängig und nicht statisch ist.
Warum sieht der Autor die „Sozialisationsmethode“ kritisch?
Der Autor bezweifelt, dass Europa den Bürgern „aufgepfropft“ werden kann, da ein wirkliches Identitätsgefühl organisch wachsen muss und ohne tiefgreifende Souveränitätsverluste der Mitgliedstaaten kaum politisch legitimierbar ist.
- Arbeit zitieren
- Ulrich Machold (Autor:in), 2001, The Soul of the Beast : eine gemeinsame Identität für Europa?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9450