"Der Sandmann" von E.T.A. Hoffmann. Realität oder Imagination?


Seminararbeit, 2020

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

II. Unzuverlässiges Erzählen
II.1. Verschiedene Theorien
II.2. Verschiedene Typen

III. Unzuverlässigkeit in E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann
III.1. Erzähltheorie und -Struktur
III.2. Perspektivenwechsel

IV. Wer sagt die Wahrheit?

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis

Einleitung

Um den Genre einer Erzählung festzumachen, ist die Zuverlässigkeit oder Unzuverlässigkeit des Erzählers von großer Bedeutung und absolut notwendig. Nur anhand der Einschätzung, ob es sich beim Erzähler um einen zuverlässigen Erzähler oder um einen unzuverlässigen Erzähler handelt, kann dazu führen, dass eine Erzählung als tragische Fallgeschichte eines psychologisch kranken Erzählers oder eben als dämonische Horrorgeschichte dargestellt wird. Genau dieses Thema wird in dieser Hausarbeit anhand E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann analysiert. Der Sandmann eignet sich hervorragend für eine Analyse dieser Art, da es sich bei dieser Erzählung um eine, von Literaturwissenschaftlern bereits breit diskutierte, Novelle handelt, welche sehr verschiedene Aufnahmen präsentiert und allerlei Interpretationsmöglichkeiten bietet. Es stellt sich die Frage, inwiefern die Erzählung von Nathanael, also die Erzählung über Coppelius und Coppola als ein und die selbe Person, der Wahrheit entspricht. Oder ist es der namenlose Erzähler und Clara, welche dem Leser die Wahrheit ins Licht rücken? Wer von beiden kann nach mehreren Theorien der Unzuverlässigkeit des Erzählers als zuverlässiger Erzähler kategorisiert werden? Dass Nathanael durch seine psychologische Labilität eingeschränkt ist und die Ereignisse wahrheitsverzerrend schildert und der namenlose Erzähler und Clara als Außenstehenden den Überblick über die Situation haben, ist hierbei die These.

Ob Nathanael oder der namenlose Erzähler und Clara die Wahrheit erzählen oder ob eine solche klare Einschätzung im Falle des Sandmanns überhaupt nicht möglich ist, wird in der folgenden Hausarbeit gründlich analysiert. Dazu muss natürlich zuerst eine breite Definition des unzuverlässigen Erzählers vorgelegt werden. Die Unterscheidung in kognitive, sowie pragmatische Theorien und die Einteilung in mehrere Typen des unzuverlässigen Erzählens wird in Kapitel II gemacht. Darauf folgt eine Analyse im praktischen Sinne des Sandmanns anhand der drei Erzähler in Kapitel III. Das erste Unterkapitel beschäftigt sich demnach zuerst mit der strukturellen Einteilung der Novelle und der Erzähltheorie von Genette. Das zweite Unterkapitel geht dann auf konkreten Textstellen ein und analysiert diese auf Unzuverlässigkeit des Erzählers. Schließlich folgt Kapitel IV, welches auf die, bereits bestehenden, Interpretationsansätze ausgewählter Literaturwissenschaftler eingeht und die Wahrscheinlichkeit dieser Ansätze prüft. Somit endet die Hausarbeit mit einer Konklusion, welche die gesammelten Ideen und Feststellungen zusammenfasst und auswertet und anschließend die These als belegt oder als widerlegt feststellt.

II. Unzuverlässiges Erzählen

II.1. Verschiedene Theorien

Unzuverlässiges Erzählen scheint auf den ersten Blick eine relativ verständliche und vor allem eindeutige Art der Erzählung zu sein. Was jedoch genau unter dieser Weise des Erzählens zu verstehen ist, wird in der Germanistik seit geraumer Zeit debattiert, neu dokumentiert und stets ergänzt. Begriffsprägender des Ausdrucks des ,Unzuverlässigen Erzählers’ ist Wayne C. Booth. Wayne C. Booth ist US-amerikanischer Literaturwissenschaftler, geboren 1921 und gestorben 2005, und ist bis heute einer der bedeutendsten Repräsentanten der Chicago School of Criticism 1. Mit dem unzuverlässigen Erzählen beschäftigt sich Wayne in seiner Monographie Rhetoric of Fiction aus dem Jahr 1961. Wayne bezeichnet einen Erzähler als unzuverlässig2, wenn dieser die Normen des Werkes und die des implizierten Autors nicht berücksichtigt3. Wayne beschäftigt sich nicht weiter mit den verschiedenen Typen der Unzuverlässigkeit, sondern beschränkt sich lediglich auf diese kurze, und doch prägende Aussage um den Ausgangspunkt des unzuverlässigen Erzählens. Wichtig für die weiterführende Analyse des unzuverlässigen Erzählens in E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann ist die Erläuterung verschiedener Theorien und die Einteilung in mehrere Typen.

II.1.a. Booth und die kognitive Theorien

Zunächst einmal ist wichtig, klarzustellen, wie Booth seine ursprüngliche Aussage über den unzuverlässigen Erzähler gemeint hat. Booth berücksichtigt den implizierten Autor, wenn er über das Phänomen des unzuverlässiges Erzählens berichtet. Als implizierten Autor versteht man die Instanz, die für die Normen und die Entscheidungen und schließlich auch für das vermittelte Bild an den Leser zuständig ist4. Booth drückt dies wie folgt aus: „The“implied author” chooses, consciously or unconsciously, what we read; we infer him as an ideal, literary, created version of the real man; he is the sum of his own choices.“5. Mann kann Booths Theorie also als „geheime Kommunikation zwischen [dem] implizierten Autor und [dem] Leser“ verstehen6. Auch Chatman Seymour war ein Vertreter dieser Theorie. Laut Chatman kommt es bei dieser geheimen Kommunikation zwischen impliziertem Autor und impliziertem Leser zu der Übermittlung der Nachricht der Unzuverlässigkeit des Erzählers7.

Nun sind Vertreter des kognitiven Ansatzes mit dieser Theorie alles andere als zufrieden, da sie allerhand Probleme auf mehreren Ebenen aufweist8. Ein theoretisches Problem scheint besonders im Zusammenhang mit den Werten und den Normen des implizierten Autors zum Vorschein zu kommen9. Es stellt sich die Frage, woher der Leser die Normen des implizierten Autors wissen soll und insofern auch, wie das Konzept des unzuverlässigen Erzählers ohne diese Werte definiert werden kann10. Methodologische Probleme entstehen im Zusammenhang mit den fehlenden „textuellen Signalen“, die den Leser auf die Unzuverlässigkeit des Erzählers aufmerksam machen sollen11. Ohne diese konkreten Hinweise ist es dem Leser fast unmöglich, die Unzuverlässigkeit des Erzählers zu bemerken, denn das reine „[…],reading out’ between lines […] and […] hold[ing] the narrator suspect“12 ist nicht konkret genug, um unzuverlässiges Erzählen deutlich erkennen zu können.

Die Lösung für diese Probleme scheint für die Vertreter des kognitiven Ansatzes die simple Beseitigung des implizierten Autors zu sein. Anstatt die Unzuverlässigkeit ausschließlich anhand des Textes finden zu wollen, geht die kognitive Theorie gezielt auf den Leser und dessen persönlichen Hintergrund ein. Es handelt sich laut der Vertretern des kognitiven Ansatzes um ein Zwischenspiel zwischen Leser, seinem individuellen Wesen mit eigenen Werten und Normen und eigener Geschichte und dem Text und seinem Erzähler und dessen individueller Hintergrund13. Anstatt textimmanent zu verharren, setzt der kognitive Ansatz viel Wert auf Identifizierung mit dem „ordinären“14 Leben. Denn nur, wenn der Leser das Gelesene auf sich und auf sein eigenes, gewöhnliches Leben beziehen kann, kann er unter anderem die Unzuverlässigkeit des Erzählers entdecken. Diesem kognitiven Ansatz, der sich vor allem auf die Leserinstanz konzentriert und den implizierten Autor aus der Definition des unzuverlässigen Erzählens streicht, steht jedoch eine weitere Theorie entgegen.

II.1.b. Pragmatische Theorien

Im Gegensatz zu der kognitiven Theorie beschäftigen sich die pragmatische Theorien konkreter mit dem Inhalt des Texts, um die Zuverlässigkeit des Erzählers zu prüfen. Doch wie bewertet man einen gelesenen Inhalt? Wie kann man Regeln aufstellen, nach denen man die Unzuverlässigkeit des Erzählers relativ leicht entdecken kann?

Um unsere Sprache bewerten und sie konkreter bezeichnen zu können, hat Paul Grice die Konversationsmaximen erstellt. Grice, ein englischer Philosoph und Linguist, geboren 1913 und gestorben 198815, erstellte vier verschiedene Maximen. Er unterscheidet zwischen den Quantitätsmaximen, den Qualitätsmaximen, den Relationsmaximen und den Maximen der Art und Weise16. Da das Verständnis dieser Konversationsmaximen wichtig ist, um die Unzuverlässigkeit des Erzählers aufzudecken, gehe ich kurz inhaltlich auf die Maximen ein. Die Quantitätsmaximen beziehen sich auf die nötigen Informationen für einen Beitrag. Dabei soll der Beitrag weder informativer sein als nötig, noch zu wenig informativ sein, um ihn im Rahmen des Gesprächs verstehen zu können17. Die Qualitätsmaximen beziehen sich auf den qualitativen Inhalt eines Beitrags. Dabei soll man nichts sagen, was man selbst für falsch hält und nichts, wofür man keine Beweise hat18. Die Relationsmaxime bezweckt die relevanten Informationen eines Beitrags im Rahmen eines Gesprächs19. Die Maximen der Art und Weise gehen zum einen auf die Verständlichkeit und die Klarheit eines Beitrags und zum anderen auf die Eindeutigkeit, die Kürze und die Ordnung ein20.

Die Verletzung dieser Konversationsmaximen können, müssen jedoch nicht auf einen unzuverlässigen Erzähler hindeuten21. Da es mehrere Arten der Verletzung der Maximen gibt, ist es wichtig zu unterscheiden, welche Art der Verletzung den Erzähler zu einem unzuverlässigen Erzähler macht. Grice teilt die Verletzung in ,violating a maxim’, ,opting out from the maxim’, ,maxim clash’ und ,flouting a maxim’ ein22. Als unzuverlässiges Erzählen stuft Grice alle Verletzungen außer ,flouting a maxim’ ein23. Sobald ein Erzähler offensichtlich die Konversationsmaximen verletzt, indem er entweder übertreibt oder etwas ironisch ins Lächerliche zieht, handelt es sich nicht mehr um unzuverlässiges Erzählen, da eine Implikatur24 25 aufgestellt wird und diese Implikatur dem Leser absichtlich mitgeteilt wird26. Unzuverlässiges Erzählen kann dem Erzähler entweder bewusst oder unbewusst sein und soll dem Leser möglichst verborgen bleiben27.

Zusätzlich zu den verschiedenen Theorien zum unzuverlässigen Erzählen existieren natürlich zahlreiche Einteilungen in mehrere Typen des unzuverlässigen Erzählens, welche von großer Bedeutung sind, wenn man das unzuverlässige Erzählen in E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann analysieren möchte.

II.2. Verschiedene Typen

Um dem unzuverlässigen Erzähler im Rahmen von E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann Charaktereigenschaften zuweisen zu können, ist eine Unterteilung des Unzuverlässigen Erzählers in mehrere Typen essenziell. Zunächst einmal ist wichtig hervorzuheben, dass natürlich keine offizielle Typeneinteilung existiert, welche universell angesehen und akzeptiert ist. Diverse Sprachwissenschaftler und Literaturwissenschaftler haben sich mit den Typen des unzuverlässigen Erzählers auseinander gesetzt und sind dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Was aber die meisten Forscher gemeinsam haben, ist die Einteilung in die faktenbezogene Erzählertätigkeiten und in die wertebezogene Erzählertätigkeiten28. Die faktenbezogene Erzählertätigkeiten können laut Jacke noch in die sprachliche und in die kognitive faktenbezogene Unzuverlässigkeit eingeteilt werden29. Zu der sprachlich faktenbezogenen Unzuverlässigkeit äußern sich alle Wissenschaftler, die sich mit der Unzuverlässigkeit beschäftigen. Da eine solch große Zahl an verschiedenen Forschungspunkten nicht nötig ist, um eine deutliche Definition aufzustellen, beschränke ich mich auf die Ansichten diesbezüglich von Köppe/Kindt (2014) und Martinez/Scheffel (1999).

Köppe und Kindt30 nennen die sprachliche faktenbezogene Unzuverlässigkeit das täuschende unzuverlässige Erzählen. Köppe und Kindt sagen, dass“[b]eim täuschenden unzuverlässigen Erzählen oder kurz: täuschenden Erzählen […] Leser über das, was in der fiktiven Welt der Fall ist, in die Irre geführt [werden]”31. Der Erzähler vermittelt dem Leser durch sprachliche Mittel etwas nicht-Wahres über die fiktive Welt, über welche der Erzähler berichtet. Martinez und Scheffel32 reduzieren ihre gesamte Forschung der Unzuverlässigkeit auf die sprachliche faktenbezogene Ebene. Sie unterteilen diesen Typen jedoch noch einmal in drei Untertypen, nämlich das theoretisch unzuverlässige Erzählen, das mimetisch teilweise unzuverlässige Erzählen und das mimetisch unentscheidbare Erzählen33. Diese Untertypen behandeln die Unterscheidung zwischen deskriptiv unwahren Sätzen und sprachlich ausgedrückte falsche Bewertungen34.

Die kognitive faktenbezogene Unzuverlässigkeit wird in der Wissenschaft etwas spärlicher behandelt, als die anderen Typen. Trotzdem lässt sich dieser Typ anhand der Forschung von Yacobi (1981)35 etwas konkreter erklären. Laut Yacobi ist nicht nur der Erzähler für die Unzuverlässigkeit zuständig, sondern ebenfalls Reflektorfiguren36. Dadurch erlangt der eigentliche Erzähler eine „kognitive Fehlfunktion“37 und ist wieder einmal unzuverlässig in seiner Rolle als Erzähler.

Wesentlicher komplexer sind die wertebezogenen Unzuverlässigkeitstypen. Diese Typen können in sprachliche wertebezogene Unzuverlässigkeit, kognitive wertebezogene Unzuverlässigkeit und aktionale wertebezogene Unzuverlässigkeit eingeteilt werden38.

Für die sprachlich wertebezogene Unzuverlässigkeit kann man die Ansichten von Booth (1961)39 und von Köppe/Kindt (2014)40 berücksichtigen. Booth spricht von Unzuverlässigkeit, wenn der Erzähler nicht für die allgemeinen Normen des Werks spricht41. Hierbei werden nicht nur moralische Wertäußerungen berücksichtigt, sondern auch Wertäußerungen im Allgemeinen42. Köppe und Kindt nennen die sprachlich wertebezogene Unzuverlässigkeit ein axiologisch unzuverlässiges Erzählen und fassen Booths Gedanken etwas genauer in Worte:“Der fiktive Erzähler eines fiktionalen Erzähltextes ist genau dann axiologisch unzuverlässig, wenn seine Wertauffassungen den durch den Text im ganzen ausgedrückten Wertauffassungen nicht entsprechen”43. Diese Aussage bedeutet nichts weiter, als dass der Erzähler als unzuverlässig eingestuft wird, falls er sich seiner eigenen Werte, also seinem moralischen und ästhetischen Sinn, sprachlich widersetzt und sich gegen diese Wertauffassungen äußert44. Mit der kognitiven wertebezogenen Unzuverlässigkeit beschäftigt sich ausschließlich Chatman (1978)45. Da Chatman, wie Booth auch, von einem implizierten Autor ausgeht, spielt sich die Unzuverlässigkeit des Erzählers im Rahmen der Wertedivergenz zwischen Erzähler und impliziertem Autor ab. Laut Chatman wird ein Erzähler als unzuverlässig eingestuft, wenn seine Handlungen nicht den Normen und Werten des implizierten Autors entsprechen46. Hierbei geht es nun nicht mehr um sprachliche Äußerungen, welche von den Normen und Werten abweichen, sondern um aktives Gegenwirken dieser Werte47.

Schließlich folgt die aktionale wertebezogene Unzuverlässigkeit. Besonders die Auffassung dieser Unzuverlässigkeit von Booth (1961)48 und von Kindt (2008)49 sind relevant für diesen Typen. Die aktionale wertebezogene Unzuverlässigkeit könnte man als Hybrid der sprachlichen wertebezogenen Unzuverlässigkeit und der kognitiven wertebezogenen Unzuverlässigkeit sehen, da es sich um die aktive Verletzung, welche anhand von Handlungen ausgeübt wird, der sprachlich ausgedrückten Normen und Werte des Werks handelt, oder es sich um die sprachliche Verletzung der kognitiven Moralwertungen des Werks handelt. Booth drückt dies wie folgt aus: „[the narrator does not] act in accordance with the norms of the work“50. Kindt benutzt erneut den Begriff des axiologisch unzuverlässigen Erzählens und beschreibt diesen Typen der Unzuverlässigkeit wie folgt: „Der Erzähler in einem literarischen Werk W ist [...] dann axiologisch zuverlässig, wenn er [. . .] in Übereinstimmung mit [den WertenW] handelt; er ist genau dann axiologisch unzuverlässig, wenn dies nicht der Fall ist51. Somit ist die Typeneinteilung erfolgt und die neugewonnenen Informationen können auf E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann appliziert werden.

III. Unzuverlässigkeit in E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann

III.1. Erzähltheorie und -Struktur

Das Erzählwerk wird von narratologischen Theorien in zwei Aspekte eingeteilt: Das Wie und das Was 52. Da der Aspekt des Was im anschließenden Kapitel in Zusammenhang mit der Unzuverlässigkeit behandelt wird, konzentriert sich dieses Kapitel ausschließlich auf den Aspekt des Wies53. Für diese Analyse sind die Parameter eines Diskurses, sowie die Erzählstruktur zuständig. Natürlich gibt es zu diesem Forschungsthema mehrere Wissenschaftler, welche alle zumindest teilweise abweichende Forschungspunkte aufbringen. Da es nur wenig bringt, Hoffmanns Der Sandmann auf alle möglichen narratologischen Theorien zu prüfen, konzentriere ich mich nur auf die Erzähltheorie von Gérard Genette (1994)54. Genette teilt seine Erzähltheorie in drei Analysekategorien: Die Zeitgestaltung, der Modus und die Stimme55. Die Zeitgestaltung unterteilt Genette erneut in mehrere Kategorien, nämlich in die Kategorien der Ordnung, der Dauer und der Frequenz56. Die Ordnung beschäftigt sich mit der Reihenfolge der Erzählung. Mit Bezug auf den Sandmann ist eine anachronische Ordnung57 festzustellen, da die Geschehnisse in der Novelle keinesfalls chronologisch erzählt werden. So ist zum Beispiel eine Analepse58 59 festzustellen, wenn man betrachtet, dass die Novelle mit den Briefen anfängt, welche sich später als Rückwendungen herausstellen. Auch eine Prolepse60 61 ist anhand des Verweis’ von Claras möglichem Leben am Ende der Novelle62 zu entdecken. Die Dauer beschreibt lediglich, ob die Erzählung eines Geschehens zeitdeckend, zeitraffend oder zeitdehnend ist63. Für eine zeitraffende64 Erzählung einer Szene gibt es ein zwei gute Beispiele, nämlich die Kampfszene von Coppola und Spalanzani um Olimpia65 und den Transport Nathanaels ins Irrenhaus66. Die zeitdeckende Erzählung67 findet in der Wiedergabe der direkten Rede in den Briefen zwischen Nathanael und Clara statt. Die Frequenz betrifft die repetitive Erzählung eines einzelnen Geschehnisses, sowie die singulative Erzählung eines einzelnen Geschehnisses und die iterative Erzählung eines irrealen Ereignis’68. Die repetitive Erzählung69 erkennen wir an der mehrfachen Wiederholung der Sandmanngeschichte an sich. Über die iterative Erzählung70, also die Erzählung eines irrealen Ereignisses, lässt sich natürlich streiten, da besonders Nathanaels psychologische Stabilität in Frage steht. In Kapitel III. 2. a. wird die iterative Erzählung komplexer analysiert.

Der Modus wird ebenfalls in zwei Unterkategorien eingeteilt, nämlich die Fokalisierung und die Distanz71. Die Fokalisierung geht auf die Beschränkung des Blickwinkels des Erzählten ein72. In dieser Novelle findet man ausschließlich eine interne Fokalisierung73, da Nathanael und Clara mit ihren Briefen nicht als Erzähler angesehen werden, und der namenlose Erzähler ausdrücklich darauf hinweist, dass er als Freund74 die Geschichte zu einem späteren Zeitblick aufgeschrieben hat und somit zwar mehr weiß, als die Figuren zur Zeit der Ereignisse, aber nur durch die zeitliche Verschiebung. Zur Distanz75 kann man sagen, dass Nathanael und Clara in ihren Briefen als unmittelbar funktionieren, da sie nicht objektiv auf das Geschehene blicken, sondern sich durch die Nähe zu den Ereignissen einen dramatischen Ton aneignen. Der namenlose Erzähler natürlich bewahrt seine Distanz zum Geschehenen und wirkt somit mittelbar.

Die Stimme gilt als Analysekategorie der Gestaltung des Erzählers und lässt sich erneut in zwei Unterkategorien einteilen, nämlich die die Ebenen der Narration und die Stellung des Erzählers zum Geschehen76. Die Ebenen der Narration77 gehen darauf ein, ob die Erzählung innerhalb der Ereignisse selbst oder außerhalb des Geschehens stattfindet. Eine intradiegetische Erzählung78 lässt sich anhand der Briefe auffinden. Intradiegetisch sind die Briefe deshalb, weil die Briefe eine intradiegetische Erzählung zur Rahmenerzählung des namenlosen Erzählers bilden. Eine extradiegetische Erzählung79 findet man in der Rahmenerzählung des Erzählers selbst und auch in den Briefen, welche als Extradiegese zu den erzählten Ereignissen in den Briefen gilt. Eine metadiegetische Erzählung80 lässt sich ebenfalls finden. Es handelt sich dabei um die Erzählung der Amme über den Sandmann81. Diese Erzählung findet intradiegetisch statt, indem die Amme Nathanael vom Sandmann erzählt und Nathanael Lothar dies weiterberichtet. Extradiegetisch wird die Erzählung, als der namenlose Erzähler dem Leser über diese Erzählung über den Sandmann berichtet. Die Stellung des Erzählers zum Geschehenen wird in homodiegetisches und heterodiegetisches Erzählen eingeteilt82. Im Sandmann ist der namenlose Erzähler eindeutig ein heterodiegetischer Erzähler, da er, obwohl er behauptet, ein Freund von Nathanael zu sein, nicht am Geschehen beteiligt ist und die Ereignisse von außer her beobachtet.

[...]


1 Kindt, Tom: Booth, Wayne C.. Das literaturwissenschaftliche Werk. In: http://kll-aktuell.cedion.de/nxt/gateway.dll/kll/b/k0810200.xml/k0810200_010.xml?f=templates$fn=index.htm$3.0 (04.08.2020).

2 “I have called a narrator reliable when he speaks for or acts in accordance with the norms of the work (which is to say the implied author’s norms), unreliable when he does not.”

3 Booth, Wayne C.: Rhetoric of Fiction. Zweite Auflage. Chicago: The University of Chicago Press 1983, S. 158 f.

4 Booth, Wayne C.: Rhetoric of Fiction, S. 72.

5 Ebd., S. 74 f.

6 Vogt, Robert: Theorie und Typologie narrativer Unzuverlässigkeit am Beispiel englischsprachiger Erzählliteratur. Boston: De Gruyter 2018, S. 8.

7 Chatman, Seymour: Coming to Terms. The Rhetoric of Narrative in Fiction and Film. Ithaca, London: Cornell UP 1990, S. 151.

8 Ebd.

9 Nünning, Ansgar: Unreliable Narration zur Einführung. Grundzüge einer kognitiv-narratologischen Theorie und Analyse unglaubwürdigen Erzählens. In: Ansgar Nünning (Hg.): Unreliable narration. Studien zur Theorie und Praxis unglaubwürdigen Erzählens in der englischsprachigen Erzählliteratur. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier 1998, S.14.

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Chatman, Seymour: Story and Discourse. Narrative Structure in Fiction and Film. Ithaca, London: Cornell UP 1978, S. 233.

13 Vgl. Nünning, Ansgar: Unreliable Narration zur Einführung, S. 23.

14 Vgl. Culler Jonathan: Structuralist Poetics. Structuralism, Linguistics and the Study of Literature. London: Routledge & Kegan Paul 1975, S. 144.

15 Auer, Peter: Sprachliche Interaktion. Eine Einführung anhand von 22 Klassikern. Zweite Auflage. Berlin: Walter de Gruyter GmbH & Co. KG 2012, S. 95.

16 Ebd., S. 99.

17 Ebd.

18 Ebd.

19 Ebd.

20 Ebd.

21 Heyd, Theresa. Understanding and handling unreliable narratives. A pragmatic model and method. In: Semiotica 162 (2006), S. 225.

22 Grice, Paul H.: Logic and Conversation. In Peter Cole und Jerry L. Morgan (Hg.): Syntax and Semantics 3: Speech Acts. New York: Academic Press 1975, S. 49.

23 Heyd, Theresa: Understanding and handling unreliable narratives, S. 225.

24 „Mit diesem Kunstwort meint Grice eine Art von Schluss, der nötig ist, um vom Gesagten (das er auch „conventional meaning“ nennt) zum Gemeinten zu kommen.“

25 Auer, Peter: Sprachliche Interaktion, S. 98.

26 Heyd, Theresa: Understanding and handling unreliable narratives, S. 225.

27 Ebd.

28 Jacke, Janina: Systematik unzuverlässigen Erzählens. Analytische Aufarbeitung und Explikation einer problematischen Kategorie. Berlin, Boston: Walter de Gruyter GmbH 2020 (= Narratologia, 66), S. 19.

29 Jacke, Janina: Systematik unzuverlässigen Erzählens, S. 19.

30 Köppe, Tilman/Kindt, Tom: Erzähltheorie. Eine Einführung. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG 2014, S. 391.

31 Ebd., S. 394.

32 Martínez, Matias/Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. 10., überarbeitete Auflage. München: Verlag C.H.Beck oHG 2016.

33 Ebd., S. 107-110.

34 Vgl. Ebd.

35 Yacobi, Tamar: Fictional Reliability as a Communicative Problem. In: Poetics Today 2 (1981), 2.

36 Yacobi, Tamar: Fictional Reliability as a Communicative Problem, S. 113.

37 Jacke, Janina: Systematik unzuverlässigen Erzählens, S. 39.

38 Ebd., S. 19.

39 Booth, Wayne C.: Rhetoric of Fiction.

40 Köppe, Tilman/Kindt, Tom: Erzähltheorie.

41 Booth, Wayne C.: Rhetoric of Fiction, S. 158.

42 Jacke, Janina: Systematik unzuverlässigen Erzählens, S. 39.

43 Köppe, Tilman/Kindt, Tom: Erzähltheorie, S. 418.

44 Ebd., S. 415 f.

45 Chatman, Seymour: Story and Discourse. Narrative Structure in Fiction and Film.

46 Ebd., S. 149.

47 Ebd.

48 Booth, Wayne C.: Rhetoric of Fiction.

49 Kindt, Tom: Unzuverlässiges Erzählen und literarische Moderne. Eine Untersuchung der Romane von Ernst Weiß. Tübingen: Niemeyer 2008 (= Studien zur deutschen Literatur, 184).

50 Booth, Wayne C.: Rhetoric of Fiction, S. 158 f.

51 Kindt, Tom: Unzuverlässiges Erzählen und literarische Moderne, S. 53.

52 Lahn, Silke/Meister, Jan Christopher: Einführung in die Erzähltextanalyse. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart: J. B. Metzler Verlag GmbH 2016, S. 112.

53 Ebd.

54 Genette, Gérard: Die Erzählung. München: Wilhelm Fink Verlag GmbH & Co. KG 1994.

55 Ebd., S. 21-188.

56 Ebd., S. 21-114.

57 Ebd., S. 22-31.

58 „Wir sprechen von einer Analepse, wenn der Erzähler nachholend berichtet, was sich früher ereignet hat.“

59 Lahn, Silke/Meister, Jan Christopher: Einführung in die Erzähltextanalyse, S. 147.

60 „Wenn der Erzähler vorwegnehmend berichtet, was sich später ereignet hat, sprechen wir von einer Prolepse.“

61 Lahn, Silke/Meister, Jan Christopher: Einführung in die Erzähltextanalyse, S. 148.

62 Hoffmann, E. T. A.: Der Sandmann. Hamburg: Yanus Verlag GmbH 2010, S. 48.

63 Genette, Gérard: Die Erzählung, S. 61-80.

64 Lahn, Silke/Meister, Jan Christopher: Einführung in die Erzähltextanalyse, S. 152-154.

65 Hoffmann, E. T. A. Hoffmann: Der Sandmann, S. 42 f.

66 Ebd., S. 44.

67 Lahn, Silke/Meister, Jan Christopher: Einführung in die Erzähltextanalyse, S. 154.

68 Genette, Gérard: Die Erzählung, S. 81-114.

69 Lahn, Silke/Meister, Jan Christopher: Einführung in die Erzähltextanalyse, S. 157 f.

70 Ebd., S. 158 f.

71 Ebd., S. 116-137.

72 Ebd. S. 134-137.

73 Lahn, Silke/Meister, Jan Christopher: Einführung in die Erzähltextanalyse, S. 119.

74 Hoffmann, E. T. A.: Der Sandmann, S. 21.

75 Genette, Gérard: Die Erzählung, S. 116-117.

76 Ebd., S. 162-185.

77 Ebd., S. 162-163.

78 Lahn, Silke/Meister, Jan Christopher: Einführung in die Erzähltextanalyse, S. 93.

79 Ebd.

80 Ebd.

81 Hoffmann, E. T. A.: Der Sandmann, S. 7.

82 Genette, Gérard: Die Erzählung, S. 174-181.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
"Der Sandmann" von E.T.A. Hoffmann. Realität oder Imagination?
Hochschule
Universität zu Köln  (Idsl1)
Veranstaltung
Hauptseminar Novelle
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
24
Katalognummer
V945037
ISBN (eBook)
9783346280060
ISBN (Buch)
9783346280077
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sandmann, E. T. A. Hoffmann, Unzuverlässiges Erzählen, Romantik, Booth, Scheffel, Martìnez
Arbeit zitieren
Anissa Werdel (Autor), 2020, "Der Sandmann" von E.T.A. Hoffmann. Realität oder Imagination?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/945037

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