Mosaik Troia. Die Bilanz einer Kontroverse um die Geschichte einer Stadt


Examensarbeit, 2008

52 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Grundlagen
Schliemann am Hisarlik: Troia wird gefunden
Schrieb Homer über Wilusa?
Die Ilias

Die Kontroverse
Ursache und Impuls
Sachverhalt
Zur Rolle der Medien
Ein Symposium als (vorläufiger) Abschluss
Entwicklungen seit 2002

Fazit: Handelsmetropole oder armselige Siedlung?
Resümee
Bibliographie

Einleitung

Der Mythos Troia. Wer sich mit den homerischen Epen beschäftigt wird sich früher oder später die Frage stellen, wie viel des Erzählten einen historischen Hintergrund besitzt, historischer Wirklichkeit entnommen ist. Es bedarf keines ausgebildeten Althistorikers, um in den Bann des Krieges um Troia gesogen zu werden. Ob des Bekanntheitsgrades des »Troianischen Pferdes«, der stetigen Präsenz in den Medien oder zuletzt des Auftrittes Brad Pitts als athletischer Held Achilles in Wolfgang Petersens Ilias-Verfilmung, Homer, Troia und die Ilias sind auch heutzutage in aller Munde. Doch auch die Bedeutung der Siedlung an der Grenze zwischen Europa und Asien für die altertümlichen Kulturen und Völker ist unbestritten. Homer gilt nicht mehr nur als Schöpfer der abendländischen Literatur, er erschuf mit seinen beiden Großepen »Ilias« und »Odyssee« nicht nur den Griechen, sondern auch den Römern eine beständige Vergangenheit, auf welcher die Geschichte beider Völker aufbaut: Fühlten sich die griechischen Völker der Bronzezeit meist nur in ihrem Stammesnamen, den Mykenern oder Spartanern (um nur zwei Beispiele zu nennen), angesprochen, so ist der Mythos um Troia erstmals gültig als eine „Geschichte aller Griechen“[1] – die Römer hingegen erzählten durch Livius und Vergils »Äneis« die Sage um ihren Stammesvater Äneas neu und setzten bei dessen Flucht aus Troia an.[2] Beide großen Mächte des Altertums sind also nicht nur indirekt mit der Troianischen Geschichte verwurzelt. Die Zweifel an Homers Existenz und die Unsicherheit über die Historizität der homerischen Erzählungen legitimieren fraglos den Drang sowohl von Fachpersonal, als auch vom interessierten Laien, möglichst viel der troianischen Legende als „historisch“ darlegen und anerkennen zu wollen.

Der Mythos überlebte und der Reiz der Suche nach dieser mächtigen Stadt und der Beantwortung der Frage nach der Historizität des homerischen Troia und des Troianischen Krieges besteht auch heute noch. Denn mit Heinrich Schliemanns spektakulärer Entdeckung Troias Ende des 19. Jahrhunderts entstand ein ganz neues Interesse an der in der Ilias beschriebenen großen, bedeutungsvollen Siedlung Ilios. Die Archäologie des Hisarlik wurde hingegen insofern ins Interesse gerückt, als dass die Ausgrabungs-ergebnisse permanent für viel Aufsehen und Diskussionsstoff unter den beteiligten Altertumswissenschaften sorgten. War das Troia der späten Bronzezeit eine wichtige Stadt an der Küste zu den Dardanellen oder lediglich eine kleine Siedlung, deren Stellenwert durch möglicherweise zweifelhafte Interpretation und Deutung von Ausgrabungsfunden ungerechtfertigt bestärkt dargestellt wurde? Eine Debatte, die schon einst ähnlich bei Schliemanns spektakulärer Entdeckung Troias für Furore sorgte,[3] fand ihren Höhepunkt in den Jahren 2001 und 2002 in einer heftigen medialen Auseinandersetzung zwischen dem Archäologen und damaligen Leiter der Ausgrabungskampagnen in Troia, Manfred Korfmann, und dessen Tübinger Kollegen, dem Althistoriker Frank Kolb.

Die Siedlung an den Dardanellen wird seit Jahren minutiös untersucht und brachte immer wieder neue, kleine Elemente zum Vorschein, die den Archäologen vor Ort neuen Spielraum zu Interpretationen gaben. So zog der Fund eines nur wenige Zentimeter großen Siegels im Jahre 1995 Spekulationen nach sich, Troia VI/VIIa sei schriftlich gewesen. Ein winziges Fundstück rief damals eine gravierende Hypothese hervor. Deshalb auch »Mosaik« Troia – denn bisher wurde nur ein Bruchteil des Areals erforscht und jeder neue Teilfund kann frische, essentielle Ergebnisse liefern. Diese Arbeit soll beide Seiten der so genannten »Troia-Debatte« neutral beleuchten, einen Überblick über die archäologischen Ereignisse im vermutlich imposantesten historischen Ausgrabungsgebiet heutiger Zeit erfassen und den Leser vorurteilsfrei über die Sichtfelder beider Kontrahenten unterrichten. Da es fraglos unmöglich ist, in einer Ausarbeitung dieser Kürze ein komplexes Thema wie die Disputation zwischen Korfmann und Kolb bis in jedes Detail zu untersuchen, soll alleinig eine Bilanzierung der Ereignisse dargeboten und anhand der erfassten Ergebnisse möglichst objektiv ein Standpunkt konstatiert werden. Es ist allerdings vorwegzunehmen, dass die Archäologie eben durch die Interpretation von Grabungsfunden lebt und eher selten mit eindeutigen Belegen dienen kann, weswegen sich (zum heutigen Zeitpunkt) lediglich die Tendenz, eine Sichtweise zu präferieren, elaborieren lässt. Manfred Korfmann stellte im Bezug auf seine Arbeit in Troia selbst fest: „Am Schreibtisch sind jedenfalls viele Interpretationsmöglichkeiten denkbar.“[4] Anders formuliert: Letzten Endes unterliegt es doch jedem selbst, sich eine eigene Meinung über die Grabungsfunde und deren Aussage für die Bedeutung Troias im späten Bronzezeitalter zu bilden. Hierfür soll diese Arbeit einen Anstoß geben.

Grundlagen

Schliemann am Hisarlik: Troia wird gefunden

„Homer, Troia, die Ilias, Schliemann und die Archäologie – egal ob die rastlose, erfolgsbesessene, schillernde und zugleich faszinierende Persönlichkeit Heinrich Schliemann als Scharlatan verunglimpft oder zum „Wegbereiter einer neuen Wissenschaft“ erhoben wird, Ruhm und Mythos des „Dilettanten“ haben wesentlich dazu beigetragen, die Altertumskunde zum Bestandteil allgemeiner bürgerlicher Kultur werden zu lassen.“[5]

Als das kleinasiatische Gebiet der Troas 1453 n. Chr. durch die Eroberung Konstan-tinopels an die Türken überging, gab man dem Hügel, auf dem heute die Ruine Troias zu finden ist, den Namen Hisarlik[6] (türkisch: „mit Burg versehen“[7]). Im 18. und 19. Jahrhundert entfaltete sich erneut vermehrtes Interesse an Homers Mythos um Achill und Troia, aus welchem Grund auch die Neugierde an der Geschichtlichkeit der homerischen Überlieferungen und der Aufklärung der Lokation der dort beschriebenen Stadt wieder zunahm.[8]

Besonders einen Namen bringt man mit der Entdeckung Troias in Verbindung: Heinrich Schliemann. Allerdings vermutete schon Frank Calvert einige Jahre früher, Hisarlik könnte der Fundort des homerischen Ilion sein. Im Gegensatz zu Schliemann war Calvert jedoch finanziell nicht stark genug, um tiefgründige wissenschaftliche Grabungen durch-zuführen. Schliemann hingegen war Großkaufmann und setzte sich 1864 zur Ruhe – wohlwissend, dass er zu den vermögendsten Männern Europas gehörte und sich eine Freizeitbeschäftigung suchen konnte mit der er seine nun reichlich vorhandene Zeit verleben könne.[9] Die Archäologie stellte für Schliemann, wie auch für Calvert eine „Liebhaberei“[10] dar. Widmete er sich anfänglich mehreren Studienfächern, so kaufte er einige Zeit später ein Stück Land am Hisarlik und begann dort 1871 erste Grabungen, seinem Wissen rund um Homers Epos vertrauend, und im Widerspruch zu den Fachgelehrten, die Bunarbarschi für die Stätte der in der Ilias beschriebenen Gegeben-heiten hielten.[11]

Auch wenn die ursprüngliche Idee und das ursprüngliche Bemühen um die Ausgrabungen am Hisarlik auf Calvert zurückzuführen sind, so ist Schliemanns Leistung für die heutige Troia-Forschung unbestritten: Schliemann war es, der als erster Archäologe unterschiedliche Siedlungsperioden erkannte und feststellte, dass Altbauten einplaniert worden waren, um neue Kulturen auf den brüchigen aufzubauen. Den aufgeschichteten Aufbau Troias folgerte Schliemann aus dem Fund zeitlich zu differenzierenden Bauutensilien[12] und bemerkte, dass aufgrund des Arbeitens mit luftgetrockneten Lehmziegeln, welche eine Lebensdauer von lediglich 50 Jahren hatten, ein allmähliches Hochwohnen stattfand.[13] Wurde ein Haus zerstört oder fiel es in sich zusammen, so nutzte man die vorhandenen Reste, um das Fundament für ein neues Gebäude zu errichten.[14] Wie bereits angesprochen, sind Schliemanns Leistungen für die Archäologie von enormem Stellenwert. Es blieb ihm allerdings vorenthalten, alle unterschiedlichen Schichten zu entdecken, so dass sein ehemaliger Kollege, der Architekt Wilhelm Dörpfeld, nach Schliemanns Tod die Grabungen 1893/94 erneut aufnahm und Troia in neun gültige Siedlungsperioden[15] einteilte, welche wiederum weitere unterschiedliche Bau-phasen aufzeigten. Er war zugleich derjenige, der Troia VI der mykenischen Zeit zuordnete,[16] bevor ein Grabungsteam der Universität Cincinnati unter Carl W. Blegen berichtete, das homerische Troia in der Schicht VIIa gefunden zu haben, durch deren gewaltsame Zerstörung man den Troianischen Krieg vorerst als erwiesen ansah.[17]

Noch heute hat der Hisarlik eine Höhe von knapp 37m. Schliemann, der der Überzeugung war, dass das homerische Troia in der zweitältesten Schicht ausfindig zu machen sei, starb mit diesem leider falschen Glauben, denn schon Dörpfeld bewies in seiner einzigen Ausgrabungsphase, dass Troia II in die »Maritime Troia-Kultur« (Troia I-III, ca. 2900 – 2300 v. Chr.) einzuordnen ist. Allerdings waren die Griechen in dieser Periode zu keiner Zeit vor Troia.[18] Dahingegen entsprechen sowohl das späte Troia VI, als auch die Anfangsphase von Troia VII den Vorstellungen der spätbronzezeitlichen homerischen Stadt, dem möglichen Schauplatz des von Homer geschilderten Troianischen Krieges.

Schrieb Homer über Wilusa?[19]

Im Folgenden wird ein konziser Einblick in Homers Werk Ilias gegeben, insbesondere um das Verhältnis Wilusa/Ilios, also die ausgeprägt diskutierte Frage nach der Orts-bestimmung des Schauplatzes des homerischen Großepos, zu beleuchten.[20]

Die Ausgrabungen der modernen Troia-Forschung behandeln die Geschichtlichkeit der Mythen um die Stadt Troia. Viele Theorien um die von den ausgrabenden Archäologen Heinrich Schliemann (1879 - 1890), Wilhelm Dörpfeld (1893/1894), Carl William Blegen (1932 - 1938) und Manfred Korfmann (1988 - 2005) veröffentlichten Grabungsfunde beschäftigen sich mit dem Historizitätsgehalt der homerischen Erzählungen. In Folge dessen ist es praktisch unumgänglich, sich mit Homer und Homers Beziehung zu Troia auseinanderzusetzen, will man die heutigen Ausgrabungsergebnisse und deren Schluss-folgerungen auf das Aussehen und die Bedeutung Troias verstehen.

Als Betrachter muss man sich vor Augen halten, dass die Ilias deutlich später entstand als das darin beschriebene Ereignis. Homer lebte im 8. Jahrhundert v. Chr., die Ilias schätzt man auf das Jahr 730 v. Chr., der troische Krieg hingegen – sofern er denn stattgefunden hat – wird im 13. Jahrhundert v. Chr. platziert. Basierend auf diesem Wissen kann man davon ausgehen, dass Homer andere, ältere Quellen, vor allem mündliche Überlieferungen zu Informationszwecken nutzte, um die zu seiner Zeit knapp 500 Jahre alten Geschehnisse zu verschriftlichen. Ebenso ist es wichtig zu wissen, dass Homer zwar den Troianischen Krieg schildert, das kulturelle Kolorit der Ilias aber an seine eigene Umwelt, also an die hellenistische Zeit anlehnt. Mag das beschriebene Ereignis womöglich im 13. Jahrhundert stattgefunden haben, so sind Homers Einflüsse und seine Inspiration nebst der überlieferten Dichtung über die Vergangenheit also auch auf seine Lebenszeit zu datieren.

Die eindeutige Lokalisierung Troias war begleitet von einem langen, steinigen Weg, kann jedoch dank des Altorientalisten und Hethitologen Frank Starke[21] seit 1996 praktisch als erwiesen angesehen werden. Grundlage der Beweisführung Starkes war der so genannte »Alaksandu-Vertrag«, abgeschlossen vom hethitischen Großkönig Muwattalli II., der Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. lebte. Heute datiert man den Vertrag auf etwa 1280 v. Chr. Ferner lässt sich aus der Übersetzung der hethitischen Keilschrift erschließen, dass schon etwa 150 Jahre vor Vertragsschluss freundschaftliche Beziehungen zwischen Wilusa und Hattusa bestanden und Wilusa in enger geographischer Verbindung mit Arzawa stand.[22] Nun lag es an den Hethitologen, festzustellen, wo Arzawa und Wilusa lokalisiert waren. Schon 1924 verglich der Indogermanist Paul Kretschmer Wilusa mit Ilios und sorgte für Aufsehen. 35 Jahre später veröffentlichten Garstang und Gurney die erste Karte, die Wilusa im Gebiet der heutigen Troas platzierte.[23] Trotzdem mussten alle Wissen-schaftler, die diese These unter-stützten, mit jeder Menge Skepsis umgehen,[24] was sich auch bis zum Jahre 1996 nicht änderte. Frank Starke bediente sich neuer Quellen, die weder Kretschmer, noch Garstang und Gurney zur Verfügung standen und konnte somit durch eine stimmige Argumentation per Ausschlussver-fahren alle Regionen des hethitischen Reiches namentlich entschlüsseln, bis nur noch die nordwestlichste Ecke zusammen mit dem Namen „Wilusa“ übrig blieb. Gleichzeitig bleibt festzuhalten, dass hethitische Hauptstädte oftmals den Namen der ihnen übergeordneten Region trugen – demnach liegt es auch nicht fern, dass Troia/Ilios nicht nur sprachwissenschaftlich, sondern auch politisch mit dem Land Wilusa in Verbindung gebracht wird.

Joachim Latacz, Gräzist an der Baseler Universität und gleichzeitig einer der renommiertesten Homerforscher unserer Tage, hat hierzu ergänzend die reichlich vorhandenen Landschaftsbeschreibungen Homers herangezogen und sie mit der Topographie der Troas verglichen, wodurch die Lokalisationstheorie Wilusas durch Starke noch affirmierter erscheint. Homer nennt mehrmals den Hellespont,[25] wodurch uns ein grober Orientierungspunkt vorgegeben ist. Über Gott Hermes schreibt er: „im Nu gelangte er nach Troiē und zum Hellespont“[26]. Neben Hermes bezieht Homer auch Poseidon in sein Epos mit ein, indem er ihn die Landschaft überblicken lässt:

„Am Anfang des 13. Gesangs lässt der Dichter den Gott Poseidon vom höchsten Gipfel der Insel Samothrake (ca. 1600m hoch) hinüberblicken zu den Bergen des Ida und zu Priamos‘ Stadt und zu den Schiffen der Achaier […][27]

Diese beiden Informationen lassen uns nun eingrenzen, dass Ilios zwischen den Gipfeln der Ida und Samothrake in der Nähe des Hellespont liegen musste, was wiederum mit Starkes Darstellung und dem heutigen Ausgrabungsort übereinstimmt.

Die von Kritikern dieser These oft geforderte Entdeckung eines eindeutigen Grabungsfundes, wie beispielsweise eines Schriftstückes, das Hisarlik als Ilios oder Troia verifiziert, stößt bei nicht wenigen Anhängern der beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen auf Unverständnis. Auch der Archäologe Dieter Hertel spricht dem Gebiet um Ilios jegliche Beziehungen zum Hethiterreich ab, da man bei Ausgrabungen keinerlei Spuren hethitischer Kulturen finden konnte.[28] Gleichwohl wie der Gräzist Thomas Alexander Szlezák[29] schreibt Hertel den Ortsnamen griechischem Ursprung zu und stellt die Vermutung auf, es handele sich hierbei „vielmehr um einen Namen, den offenbar Griechen vom Festland – deutlich später – in die Landschaft Troas mitgebracht haben.“[30] Ebenfalls reiht sich Susanne Heinhold-Krahmer, Hethitologen an der Universität Salzburg, in die Sparte der Kritiker Starkes ein, stellt sich jedoch nicht gänzlich gegen dessen These (wie Hertel), sondern wagt es, die Gleichsetzung Wilusas mit Ilios lediglich „zu bezweifeln“[31] und Starkes Argumentation als „Hypothese“[32] zu beschlagworten. Dessen Beweisführung, in Verbindung mit dem Ansatz von Hawkins 1998[33] und schließlich den detaillierten Landschaftsbeschreibungen Homers in der Ilias, erdrücken jedoch in ihrer Logik und Prägnanz praktisch jede konträre Sicht, so dass man trotz des Fehlens eines eindeutigen Beleges davon ausgehen muss, dass Ilios einmal Wilusa hieß und letztendlich in der Troas zu lokalisieren ist.

Auch sollte man die Problematik aus Sicht der Methodik nicht unberücksichtigt lassen: Welche methodischen Auswirkungen würden sich zeigen, wenn man Starkes These wider-spräche oder sie schlichtweg als „unsicher“ betitele? Wilusa wäre dann eine Region, erwähnt in spätbronzezeitlichen hethitischen Quellen, bliebe allerdings ohne essentielle

Signifikanz für gegenwärtige Forschungen. Wie viele antike Städte hätte man durch die »Ortsschildmethode« identifizieren können? Verschließt man sich dem durchaus plausiblen Ansatz von Starke jedoch nicht, eröffnen sich der Wissenschaft deutlich mehr Forschungsmöglichkeiten.

Zu aktueller Diskussion um die Fragestellung, ob der Ausgrabungsort am Hisarlik gleichzeitig den von Homer beschriebenen Ort Troia darstellen könnte, trug ein kürzlich erschienener Aufsatz vom österreichischen Dichter, Schriftsteller und Komparatisten Raoul Schrott in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22. Dezember 2007 bei.[34] Als Übersetzer des »Gilgamesh«-Epos behauptete er, er könne bei seiner Arbeit an einer Neu-Übersetzung der Ilias sowohl einige Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden Großepen, als auch zwischen der Ilias und dem Alten Testament feststellen. Ferner bemerkte er bei einem Besuch in Troia, dass Homers Landschaftsdarstellungen nicht zum Fundort an den Dardanellen passen würden. Er lokalisiert das von Homer beschriebene Troia an einigen von ihm gewählten Beispielen zweifellos in Kilikien, genauer am Ausgrabungsort Karatepe. Des Weiteren behauptet er, Homer sei ein griechischer Schreiber in Karatepe gewesen, der Strand von Beşike an den Dardanellen reiche niemals für die Menge der griechischen Schiffe aus, die laut Homer dort ankerten und auch der „reißend tiefe und wirbelnd breite“ Fluss könne nicht das „Bächlein des Karamendres“ gewesen sein.[35] Joachim Latacz veröffentlichte kurz darauf einen Antwort-Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Auch weitere Reaktionen auf den mit dem gewagten Titel »Homers Geheimnis ist gelüftet« benannten Aufsatz ließen in den großen deutschen Tageszeitungen nicht lange auf sich warten. Eine derart riskante These wirkt wenig überzeugend, vergleicht man die lediglich auf die Ilias bezogene Argumentation Schrotts mit den Disziplinen-übergreifenden Forschungsergebnissen seit Schliemann. Diese kürzliche Diskussion – fungierte sie möglicherweise auch nur als Aufmerksamkeitsmagnet zu Schrotts im Frühjahr 2008 erschienenem Werk »Homers Heimat« – eignet sich als erneutes Beispiel, um die weiterhin beständige Aktualität der Sache Troia zu verdeutlichen und zeigt darüber hinaus, dass die Stadt keineswegs als „tot“ bezeichnet werden sollte.

Zurück zu Wilusa: Angesichts der Befürwortung der Gleichsetzung von Wilusa und Ilios durch einige der wichtigsten Gräzisten, wie beispielsweise Martin West und Joachim Latacz,[36] kann man eine Grundvoraussetzung für die künftige Troia-Forschung ihres hypothetischen Charakters getrost als erfüllt anerkennen: Homer hatte die Stadt Ilios nicht erfunden. Inwiefern die Ausmaße des bisher aufgedeckten Troias mit den homerischen Überlieferungen übereinstimmen, sei dahingestellt. Der Name allerdings ist als historisch zu betrachten. Indes, wie es Joachim Latacz so schön formulierte, bleibt die Stadt Troia für uns hinsichtlich ihrer Historizität – zumindest vorerst – stumm.[37]

Die Ilias

Homer beschreibt in beinahe 16000 Hexametern[38] die letzten Tage des zehnjährigen Krieges um Troia. Dieser wurde durch Paris, dem Sohn des Königs Priamos von Troia, ausgelöst, als er aus Liebe zu Helena, der Gattin des spartanischen Herrschers Menelaos, diese mit zu sich nach Troia entführte. Der Troianische Krieg sollte bis dato als bedeutendster Krieg der Weltgeschichte gelten. Die Ilias erfüllte in der Antike sowohl die Ansprüche eines griechischen Nationalepos, eines Geschichtswerks, eines theologisch-mythologischen Handbuchs, als auch die eines Unterhaltungsmediums und wurde zusätzlich noch der hohen Dichtung gerecht.[39]

Inhalt des ersten homerischen Großepos ist der Streit zwischen Agamemnon, dem mykenischen König, und seinem besten Kämpfer, Achilles, der die Herausgabe der Beutesklavin Briseis verlangt. Agamemnon mochte das aufsässige Verhalten des Achilles nicht erdulden, da er ihn lediglich als einen zügellosen „Emporkömmling“[40] sah, der aus Übermut die Wagnis einging, sich gegen seinen König zu stellen. Achilles hingegen – wohlwissend, dass seine Fähigkeiten im Kampf herausragend waren – war sich darüber im Klaren, dass das griechische Heer ohne seine Hilfe nicht zum Erfolg über Troia gelangen konnte. Viele Homerforscher sind sich heutzutage einig, dass die Auseinandersetzung zwischen Agamemnon und Achilles lediglich als Bild zu verstehen ist.[41] Vermutlich griff Homer die Überlieferungen der frühgriechischen mündlichen Sagendichtung auf und trennte aus dem Gesamtkomplex der Legende um den Troianischen Krieg ein Ereignis heraus, das er als Metapher nutzte, um gesellschaftliche Konflikte seiner eigenen Lebens-zeit zu beschreiben und auch zu kritisieren. Durch den Hochmut zweier Individuen wird demgemäß ein ganzes Volk gefährdet, bevor Achilles schließlich, getrieben vom Schmerz über den tragischen Tod seines Freundes Patroklos, aus Rachegelüsten über seinen Schatten springt und mit in den Kampf um Troia eingreift.

Joachim Latacz sieht in der Ilias einerseits weniger als ein Geschichtswerk, andererseits aber auch mehr als eine bloße fiktionale Erzählung. Während des Tübinger Symposiums im Februar 2002, das den Titel »Die Bedeutung Troias in der späten Bronzezeit« trug,

schilderte er den Wahrheitsgehalt der Ilias wie folgt: Homer habe „Restsplitter“ der Spätbronze entnommen und sie als „Eckpfeiler“ in der Ilias platziert. Diese Restsplitter und gleichzeitigen Eckpfeiler seien etwa der Name der Stadt oder der Name der Angreifer. Ferner hätten die Sänger die Inhalte ihrer Erzählung um den troischen Krieg über Jahrhunderte hinweg stetig neu angleichen müssen, um das Geschehen für ihre Generation interessant zu halten. Folglich könne man heutzutage davon ausgehen, dass es de facto mehrere Kriege um Troia gegeben habe, bei welchen auch mindestens zweimal die Griechen beteiligt gewesen seien.[42] Homer habe also der Ilias ein „historisches Fundament“[43] unterlegt, was im Rückgriff auf die »Wilusa«-Hypothese erneut Frank Starke den Rücken stärkt. Gleichzeitig stützt dies auch die Tatsache, dass Homer in einigen Versen gesichertes Hintergrundwissen voraussetzt,[44] also seine Generation über die Erzählungen um Achilles, Hektor und Agamemnon in Kenntnis war und er letztlich die Sage um den Troianischen Krieg (als erster) schriftlich fixierte.[45] Wurde die Ilias in der Antike noch dreierlei Funktionen gerecht, so darf man ihr heute einen Zweck gewiss nicht zuschreiben: um es mit Franz Hampls Worten zu formulieren, die „Ilias ist kein Geschichtsbuch“ und man darf die dargebotenen Inhalte nicht als Grundlage für die Suche nach den historischen Mauern Troias heranziehen.

[...]


[1] Patzek, Troia im Bewußtsein der Griechen, 69.

[2] Vgl. Cobet, Vom Text zur Ruine, 22.

[3] Vgl. Andromidas, Homers Troia („Von den zu Hause weilenden deutschen Gelehrten schlug ihm die heftigste Opposition entgegen, die schließlich in der Kampagne des Hauptmanns a.D. Bötticher gipfelte. In Büchern, Aufsätzen und Flugschriften warf dieser Schliemann die Verfälschung seiner Grabungsergebnisse und völlig übertriebene Interpretationen vor, denn in Wirklichkeit handele es sich bei dem Ausgegrabenen nicht um eine Homerische Stadt, sondern lediglich um eine ‚Feuer-Nekropole.‘“).

[4] Korfmann, Ausgrabungen 1994, 6.

[5] Dannheimer, Vorwort, 7.

[6] Vgl. Latacz, Troia und Homer, 23f.

[7] Vgl. Korfmann, Archäologie eines Siedlungshügels, 2.

[8] Vgl. Andromidas, Homers Troia, Korfmann, Troia – Traum und Wirklichkeit, 13ff.

[9] Vgl. Flügge, Schliemanns Weg nach Troia, 83ff.

[10] Brustgi, H. Schliemann, 97.

[11] Vgl. ebenda, 98.

[12] Vgl. Schliemann, Troianische Altertümer, 21ff.

[13] Vgl. Korfmann/Mannsperger, Überblick und Rundgang, 27, Latacz, Troia und Homer, 28, Brustgi, H. Schliemann, 232, Korfmann, Die „zehn Städte Troias“, 347.

[14] Vgl. Klein, Kampf um Troia, 48.

[15] Vgl. Korfmann/Mannsperger, Überblick und Rundgang, S. 23, Troia I bis Troia VII: „Frühe Bronzezeit“ bis „Frühe Eisenzeit“, Troia VIII: griechisches Ilion, Troia IX: römisches Ilion. Später wurde eine zehnte, byzantinische Schicht erwähnt (vgl. Korfmann, Archäologie eines Siedlungshügels, 2.)

[16] Vgl. Zengel, Troia, 29.

[17] Vgl. Blegen et al, Troy IV, 10ff.

[18] Vgl. Latacz, Troia und Homer, 28f.

[19] Die der hier erörterten Fragestellung nach der Beziehung Ilios/Wilusa noch voranstehende »homerische Frage« wird in Fachkreisen überwiegend positiv beantwortet und ist u. a. nachzulesen in Latacz, Nachwort, 908ff. und Patzek, Homer und seine Zeit, 41ff.

[20] Sowohl Dieter Hertel, als auch Joachim Latacz bieten in ihren Werken Troia - Archäologie, Geschichte, Mythos (Hertel) und Homer und Troia (Latacz) einen ausführlichen Einblick in die Beziehung zwischen dem Dichter und »seiner« Stadt. Diesbezüglich kann jeder Interessierte in den beiden genannten Bänden eine detailliertere Darstellung der Sache nachlesen, sollten die hier dargebotenen Zusammenhänge etwas knapp erscheinen, was jedoch aufgrund der Umfangsbegrenzung dieser Arbeit nicht alternativ zu realisieren ist.

[21] Starke, Troia im Kontext, 447ff. Dieser von Starke in der Studia Troica (1997) veröffentliche Aufsatz enthält die vollständige Beweisführung zur Gleichung Ilios = Wilusa.

[22] Vgl. Latacz, Troia und Homer, 102f.

[23] Vgl. Kretschmer, Alaksanduš, Garstang/Gurney, Geography of Hittite Empire.

[24] Vgl. Heinhold-Kramer, Zur Gleichsetzung, 147, Latacz, Troia – Wilios – Wilusa, 1104.

[25] Vgl. Latacz, Troia – Wilios – Wilusa, 1110: „daß der Hellespont die heutigen Dardanellen […] sind, geht aus zahlreichen Ilias-Stellen hervor.“

[26] ebenda, 1110.

[27] ebenda, 1110.

[28] Vgl. Hertel, Troia, 59.

[29] Vgl. Szlezák, Die Ilias Homers, 44.

[30] Hertel, Troia, 60.

[31] Heinhold-Krahmer, Zur Gleichsetzung, 149.

[32] ebenda, 165.

[33] Hawkins konnte unabhängig von Starkes Beweisführung und mit anderen Quellen Wilusa ebenfalls in der heutigen Troias lokalisieren (Hawkins, Tarkasnawa King of Mira).

[34] Schrott, Homers Geheimnis ist gelüftet, Z1.

[35] Die Problematik der Beziehung zwischen den Darstellungen in der Ilias und dem historischen Troia wird im nächsten Abschnitt diskutiert.

[36] Vgl. Latacz, Homer, 35f.

[37] Vgl. Latacz, Homer und Troia, 35.

[38] Ein Hexameter ist ein sechshebiges Versmaß mit sechs Einheiten zu je einer Länge und zwei Kürzen.

[39] Vgl. Szlezák, Die Ilias Homers, 40ff.

[40] Vgl. Klein, Kampf um Troia, 49.

[41] Vgl. ebenda, 48, Latacz, Homer und Troia, 198ff.

[42] Vgl. Högemann, Mythos Troia und die Ionische Kolonisation, 1128.

[43] Latacz, Homer und Troia, 210.

[44] Vgl. ebenda, 220ff., Korfmann, Troia – Traum und Wirklichkeit, 6.

[45] Klein, Kampf um Troia, 47, Latacz, Homers Troia/Ilias, 26.

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Details

Titel
Mosaik Troia. Die Bilanz einer Kontroverse um die Geschichte einer Stadt
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Geschichte)
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
52
Katalognummer
V94579
ISBN (eBook)
9783638073592
ISBN (Buch)
9783638957540
Dateigröße
757 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Mosaik, Troia
Arbeit zitieren
Nicolai Specht (Autor), 2008, Mosaik Troia. Die Bilanz einer Kontroverse um die Geschichte einer Stadt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94579

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