Die Figurenkonstellation der "Melusinensage". Thüring von Ringoltingen und Ludwig Tieck im Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

31 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Hintergrund des Melusinenstoffs
1.2 Der Prosaroman und die romantische Erzählung

2. Thüring von Ringoltingens Melusine
2.1 Genealogie
2.2 Die Person Melusine
2.3 Die Mahrtenehe

3. Ludwig Tiecks Sehr wunderbare Historie von der Melusina
3.1 Genealogie
3.2 Die Person Melusine
3.3 Die Mahrtenehe

4. Vergleich der Figurenkonstellationen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Hintergrund des Melusinenstoffs

Die Melusine gehört zu einem der bekanntesten Stoffe der Weltliteratur. Es handelt sich dabei um die Geschichte einer Fee, welche sich an jedem Sonnabend verwandelt. Ihr wächst vom Nabel herab ein Fischschwanz, wodurch sie zu einer Schlangenfrau wird. Die einzige Möglichkeit, um von diesem Schicksal erlöst zu werden, besteht darin, einen Mann zu finden, der ihr verspricht, dass er sie niemals an einem Samstag aufsuchen wird. Falls er es jedoch trotz des Versprechens dennoch tut, so wären beide für immer verloren.1

Die früheste Version, die bis heute erhalten ist, ist die Historie de Lusignan von Jean d’Arras, welche zwischen 1387 und 1394 in Prosaform verfasst wurde. Diese erste Erzählung wurde bereits als Auftragsarbeit für den Herzog Jean de Berry zum Zweck einer Genealogie geschrieben. Auf diese Weise konnte die Abstammung seines Großvaters Johann von Luxemburg mit dem Geschlecht der Melusine verbunden werden.2 Es handelt sich bei dieser Erzählung schon um die Verbindung zwischen einem Menschen und einem übernatürlichen Wesen. Primär geht es darum, dass sie sich wöchentlich verwandelt und nur Erlösung finden kann, wenn sie einem Mann ihr Vertrauen schenkt, der sie niemals hinterfragen und sein Versprechen niemals brechen wird. Wichtig ist auch hier die Tatsache, dass der Schwur nicht gebrochen werden darf, da ansonsten schlimme Konsequenzen drohen. Dieser Stoff hat viele verschiedene künstlerische Verarbeitungen gefunden, die jedoch hauptsächlich von den gleichen Motiven geprägt werden.3 Als wichtig für das Verständnis der Figurenkonstellation bieten sich für eine Analyse mehrere dieser Motive an. Zum einen die Genealogie, da über diesen Punkt die Beziehung zwischen Melusine und ihren Kindern verdeutlicht werden kann. Zum anderen die Darstellung der Person Melusine als Frau, die in vielen Versionen stark variieren kann. Als letztes kann das Motiv der Mahrtenehe genutzt werden, um auf diese Weise die Beziehung der Figuren Reymund und Melusine, sowie deren Dynamik zu analysieren. In diesem Punkt spielt auch der Tabubruch eine wichtige Rolle, da dieser für die Charakterisierung von Reymund und Melusine wichtig ist. Zudem stellt die Mahrtenehe, sowie der Tabubruch, das Grundgerüst dar, auf welchem die Melusinensage fußt. Um sie herum werden die anderen Motive und Erzählstränge angelegt und darüber hinaus führt der Tabubruch erst zur dramatischen Wende der Erzählung und ist somit für den Aufbau unerlässlich.

Diese Motive definieren den Stoff der Melusinensage und bieten gute Ansatzpunkte zur Analyse der Figurenkonstellation und der Figurenzeichnung. Darüber hinaus sind sie ebenfalls dafür verantwortlich, dass die Faszination dieses Stoffs die Jahrhunderte überdauert hat. Die enorme Popularität der Melusinensage lässt sich zum Teil auf ihren mythischen Charakter zurückführen. Es war für die Menschen immer schon leichter durch ihre Vorstellungen Figuren zu erschaffen, auf die sie ihre Hoffnungen, Ängste und Wünsche projizieren konnten, um dadurch ihre eigenen Probleme verarbeiten zu können. Durch diesen Vorgang erschufen sie Figuren, die eine riesige Faszination und eine enorme Wirkung auf die Bevölkerung ausübten. Diese Figuren wurden daraufhin immer wieder mit anderen magischen Eigenschaften ausgestattet und auf diese Weise entstand eine Mischung des Magischen und des Unvorstellbaren. Vereint man diese Umstände zu einer Person, so ergibt sich auch der Mythos der Melusine.4 Diese anhaltende Faszination wird besonders deutlich, wenn man betrachtet, wie oft der Stoff bereits adaptiert wurde. Durch verschiedenste Epochen hinweg wurde der Stoff der Melusinensage immer wieder aufgegriffen und überarbeitet, was ein deutliches Zeugnis für das Interesse der Autoren an diesem Sujet ist.

In diesem Sinn sollen in dieser Arbeit auch zwei Werke untersucht werden, die in dieser Tradition stehen. Dabei handelt es sich zum einen um die Historia und Geschicht von Melusina von Thüring von Ringoltingen und die Sehr wunderbare Historie von der Melusina von Ludwig Tieck. Da zwischen diesen beiden Werken über 300 Jahre (und damit auch mehrere unterschiedliche Epochen) liegen, wird im nächsten Unterkapitel zuerst ein kleiner zeitgeschichtlicher Überblick gegeben. Danach folgt die Analyse der beiden Werke in chronologischer Reihenfolge, demnach als erstes Ringoltingens Werk und danach Tiecks Version. Bei der Analyse der beiden Werke wird als erster Punkt der Aspekt der Genealogie betrachtet. Hierbei geht es zum einen um die Beziehung zwischen Melusine und ihren Kindern und zum anderen darum zu zeigen, welche Funktion die Genealogie in beiden Werken besitzt. Als nächster Unterpunkt folgt die Analyse der Person Melusine. Bei diesem Gesichtspunkt geht es primär um die Darstellung von Melusine als Frau und ihre Rolle in der gezeigten Welt. Der letzte Unterpunkt befasst sich jeweils mit der Mahrtenehe und dem Tabubruch. Dabei sollen aber weniger die konkreten Motive im Mittelpunkt stehen, sie sollen lediglich als Ansatzpunkt dienen, um die Dynamik der Beziehung zwischen Reymund und Melusine aufzuzeigen. Zudem soll auch Reymund über seine Tabubrüche charakterisiert werden. Auf diese beiden Analysekapitel folgt der Vergleich, in dem die Ergebnisse der vorherigen Kapitel gegenübergestellt werden. Das Ziel in diesem Kapitel ist es, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Figurenkonstellationen in beiden Varianten der Melusinensage herauszuarbeiten und zu analysieren, was diese Veränderungen schlussendlich für den Text bedeutet und bewirkt. Ein Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bildet den Schluss der Arbeit.

1.2 Der Prosaroman und die romantische Erzählung

Die Historie und Geschicht von der Melusina wurde im Jahr 1456 von Thüring von Ringoltingen geschrieben, der in Bern Ratsherr und Schultheiß war. Er stammte aus der Familie Zigerli, welche sich mit der Zeit Wohlstand erarbeiten konnte und daraufhin das ausgestorbene Geschlecht derer von Ringoltingen annahmen.5 Er schrieb sein Werk zu Ehren des Markgrafen Rudolf von Hohenberg. Seine Vorlage war die Fassung eines französischen Kirchenmanns mit dem Namen Couldrette, welches um das Jahr 1400 entstanden ist. Das Werk von Couldrette findet seinen Ursprung wiederum im bereits genannten Werk von Jean d’Arras.6

Das von Ringoltingen geschaffene Werk gilt heute als erste deutschsprachige Version des Melusinenstoffes. Es lassen sich bereits im Jahr 1467 erste handschriftliche Überlieferungen des Werks finden, wodurch auf eine große Popularität innerhalb der Bevölkerung geschlossen werden kann.7 Dabei lässt sich vermuten, dass es sich bei den Rezipienten allerdings nicht um die gesamte Bevölkerung handelt, sondern nur um den Adel und eventuell die städtische Oberschicht. Es handelt sich bei Ringoltingens Werk um einen Prosaroman, der in 67 Kapitel gegliedert ist, die mit Überschriften versehen sind, in denen die Handlung des nachfolgenden Abschnitts zusammengefasst wird.8

Die Melusine fungiert hauptsächlich als genealogische Erzählung. Die ursprüngliche Fassung war eine Auftragsarbeit des französischen Adelshauses Lusignan, um deren eigene Geschichte zu beschreiben und ihre Herrschaft zu legitimieren. Dieser Ansatz wurde von Ringoltingen übernommen und erweitert. Er nutzte die Familiengeschichte der Melusine, welche sich über mehrere Generationen erstreckte, und wandte sie auf die Familie seines Auftraggebers an. Auf diese Weise legitimierte der Markgraf von Hohenberg seine Herrschaft auf der Abstammung des äußerst angesehenen Hauses Lusignan aus Frankreich.9 Dadurch begründet sich auch die Bezeichnung im Titel als ‚Historia‘. Durch die Verwendung dieses Begriffs soll der historiographisch orientierte Wahrheitsanspruch des Werks betont werden.

Die Sehr wunderbare Historie von der Melusina von Ludwig Tieck wurde um das Jahr 1800 verfasst. Da zu dieser Zeit die Romantik die vorherrschende Epoche war und Tieck häufig auch zu dieser gezählt wird, wurde an dieser Stelle die Formulierung ‚romantische Erzählung‘ für das Werk gewählt. Es erschien zum ersten Mal im Vorbericht des dreizehnten Bandes von Tiecks Schriften, welche als Gesammelte Werke abgedruckt wurden.10 Bei Tiecks Version handelt es sich, im Gegensatz zu Ringoltingen, um eine Fassung als ‚chante-fable‘11, die aus Prosa- und Lyrikelementen besteht. Jedoch weicht seine motivische Umsetzung nicht von Ringoltingens Werk ab. Tieck nimmt lediglich kleinere Veränderungen vor und fügt Beschreibungen einzelner kurzer Stellen hinzu, so beispielsweise während der Hochzeitsnacht von Melusine und Reymund. Auch Tieck hält bei seiner Version an der Typisierung von Melusine als Wasserweib beziehungsweise Schlangenfrau fest. Dies zeigt, dass bei den Werken äußerlich einige Unterschiede vorzufinden sind, sie jedoch trotz der großen zeitlichen Distanz viele inhaltliche Gemeinsamkeiten aufweisen.

2. Thüring von Ringoltingens Melusine

2.1 Genealogie

Die Genealogie spielt für das Verständnis von Thüring von Ringoltingens Melusine eine wichtige Rolle. Dies ist an erster Stelle der Zeit geschuldet, in der das Werk entstanden ist. Genealogie an sich beschreibt die Ahnenforschung und wird zu den historischen Hilfswissenschaften gezählt.12 Die Abstammung der eigenen Familie wurde in den Herrschaftshäusern des 15. Jahrhunderts immer wichtiger. In den höfischen Romanen dieser Zeit wurde die Thematik der Herrschaft immer weiter in den Mittelpunkt gerückt. Zudem erfreuten sich die „Chanson de geste“ genannten Heldenerzählungen immer größerer Beliebtheit. Da die Heldentaten dieser Erzählungen in der breiten Bevölkerung immer bekannter wurden, kamen viele Adelshäuser auf die Idee diese literarische Form auszunutzen, um auf diese Weise eine Legitimation für das eigene Geschlecht zu etablieren. Neben der Bekanntheit der Geschichten eignete sich auch die besonders handlungsmächtige und starke Herrschergestalt zu diesem Zweck, da diese Figuren für gewöhnlich ihr Recht auf Herrschaft ebenfalls aus ihrer Abstammung heraus legitimieren.13

Genau diesen Zweck sollte auch die Melusine von Thüring von Ringoltingen erfüllen. Ein Hinweis für diesen Umstand offenbart sich bereits zu Beginn der Erzählung. Ringoltingen macht explizit deutlich, dass es sich bei dieser Geschichte um eine Auftragsarbeit handelt. Dies war eine sehr gebräuchliche Art, um auf diese Weise die Legitimation des eigenen Adelsgeschlechts durch die Literatur herbeizuführen.14 So heißt es am Anfang:

Es ist gewesen vor zeiten ein Graff von Potiers in Franckreich der da war ein Herr zu Portenach und begerte von einem seinem Caplan daß er ihm auß allen seinen förderen Chronicken wollte zusammen lesen wie oder durch was Leut das Schloß oder die Statt Lusinien in Franckreich gelegen angehebt gebawet und gestiftet wer. Und hieß in mit Reimen ein Buch machen.15

Dadurch zeigt sich, dass dieser Aspekt in Bezug auf die Genealogie vorzufinden ist. Daneben gibt es noch zwei weitere Aspekte, die für die Darstellung von Erwerb und die Ausübung von Herrschaft relevant sind, und die damit auch für die Genealogie eine wichtige Rolle spielen. Während der bereits gezeigte Aspekt hauptsächlich darauf abzielt, die ruhmreiche Familiengeschichte der Literatur mit der realen Geschichte des eigenen Adelsgeschlechts zu verknüpfen, beschäftigen sich die anderen Punkte damit, den Gewinn an Ansehen und Einfluss literarisch darzustellen. Zum einen geschieht dies bei Ringoltigen dadurch, dass eine klare Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebenhandlung vorgenommen werden kann. Dabei werden in den vielen Nebenhandlungen hauptsächlich die ruhmreichen Siege der Söhne thematisiert. Dies ist ein wichtiger Punkt für die Genealogie, da auf diese Weise eine bereits erfolgreiche Familie noch erfolgreicher werden kann. Die Söhne von Melusine und Reymund können auf ihren großen Aventurenfahrten durch Kampf neue Länder für die Familie dazugewinnen (R S. 34: „Wie Uriens uund sein Bruder Gyot uber Meer kamen und gen Cypernn das Koenigreich uund mit den Heyden stritten und der gar viel ernider legten“), oder durch die Heirat mit einer Prinzessin ein eigenes in Anspruch nehmen (R. S. 41 „Wie Gyot gen Armenien kam und zu einem Koenig gekroenet ward und ihm Florie deß Koenigs Tochter zu gemaehlet ward mit grossen freuden uund nach Ehren als sichs ziemet“). Durch diese Nebenhandlungen wird immer wieder gezeigt, wie durch die Söhne die Herrschaft des Hauses Lusignan weiter ausgebaut wird (R S. 45: „Wie der gefangene Koenig von Elsaß der Hertzogin von Luetzelburg uberantwortet ward uund sie ihn den zweyen Bruedern von Lusinien williglichen schencket“). Durch die Nebenhandlungen wird das Herrschaftsmodell der höfischen Ritterepik verkörpert. Dabei ist der soziale Aufstieg immer mit der Ritterlichkeit verknüpft und kann nur durch kämpferisches Können erlangt werden. Nach Steinkämper wird durch diese Darstellung der mittelalterliche Kriegsadel repräsentiert, der stets von Männern dominiert wird.16

Als letzter Punkt sind Melusine und Reymund als Begründer des mächtigen Adelsgeschlechts der Lusignanen zu nennen. Melusine übernimmt hier in der Haupthandlung das Pendant zur Dominanz der Männer in der Nebenhandlung. Reymund rückt als Herrscher in den Hintergrund, während Melusine die Machtentwicklung das Adelsgeschlecht aktiv vorantreibt. Melusine errichtet aus dem Nichts ein riesiges Anwesen und begründet mit der Namensgebung die Dynastie der Lusignanen: „Als nun das Schloß zu aller wehr starck uund fest zugericht ward da nennet es Melusina ihrem Tauffnamen nach ehnlich und sprach: >Diß Schloß sol und muß Lusinien geheissen und genennet werden<“ (R S. 30). Durch Melusines Führung wachsen die Ländereien schnell und es kommen immer neue Bauwerke hinzu:

Darnach bauwet sie aber ein gewaltiges Herrliches Schloß genannt Favend. Darnach den Thurn Mavent. Darnach Mevent. Da diß alles vollbracht ward da bauwet sie auß andacht der Mutter Gottes zu Ehren ein schoenes Kloster das nennet sie Malliers. Zu letzt bauwet sie das Schloß uund die Statt Portenach genannt. (R S. 31f)

Ihre Macht fußt zu einem großen Teil auf ihrem großen Reichtum, der ihr erlaubt den territorialen Besitz der Familie immer mehr zu erweitern. Sie ist für die Regierung des Landes zuständig und symbolisiert dadurch positive Werte wie Macht, Geschick und Stärke. Diese Attribute stehen für alles, was man von einer Herrscherfigur erwartet und Melusine bietet dadurch die perfekte Basis für die Legitimation eines Adelsgeschlechts. Es zeigt sich somit, dass durch die Genealogie und die darin enthaltenen Beziehungen der Figuren zueinander zwei verschiedene Arten der Herrschaft thematisiert werden, die ultimativ dazu genutzt werden, um das Adelsgeschlecht der Familie Lusignan zu etablieren.17

2.2 Die Person Melusine

Die Person der Melusine nimmt als Figur die zentrale Rolle ein, von der die erfolgreichen Fortschritte der Familie ausgehen. Sie ist die Stammmutter des Hauses Lusignan und vereint in dieser Rolle Ansehen und Macht. Dabei gibt es neben den positiven Aspekten, wie beispielsweise ihrem gewaltigen Vermögen, noch weitere Dinge, die sie interessant erscheinen lassen. Um die Person der Melusine rankt sich seit jeher ein Mythos, der die Bevölkerung erstaunen lässt. Es handelt sich dabei um ihre besondere Gestalt, in die sie sich nur an einem bestimmten Tag verwandelt. Oftmals wird sie deshalb als Dämonin, Fee oder auch als dämonisierte Fee beschrieben.18 In einer heutigen Vorstellung wird die Figur der Melusine allgemein eher als aquatische femme fatale angesehen, die die Männer in ihren Bann zieht und für ihren Untergang verantwortlich ist. Ein Verständnis in dieser Form ist im Mittelalter allerdings nicht vorzufinden. In dieser Zeit wurde sie eher als Sirene betrachtet, die mehr eine Ahnenherrin ist, als eine Verführerin.19 Weiterhin wurde sie im Mittelalter als Meerjungfrau betrachtet, was auch dadurch deutlich wird, dass sie immer wieder als „merwunder“ bezeichnet wird. Sie erfüllt für gewöhnlich in den mittelalterlichen Werken drei Rollen. Zum einen wird sie als Verführerin gezeigt, die dem Mann einen Heiratsantrag macht und ihn dadurch in seinen Bann zieht. Zum anderen ist sie die Bringerin der Verderbnis, da sie dem Mann schon zu Beginn der Ehe deutlich macht, dass ihm im Falle eines Schwurbruchs Unheil widerfahren wird. Der letzte wichtige Aspekt ist ihre Rolle als Gebärerin. Sie wird als extrem fruchtbar dargestellt und bringt viele Kinder auf die Welt, was einerseits ihre wichtige Rolle für die Etablierung einer Genealogie unterstreicht und zum anderen ihre Weiblichkeit symbolisiert.20

Ringoltingen versucht in seinem Werk die Melusine nicht als eine dämonische Fee darzustellen, die hauptsächlich Unheil über ihren Mann bringt. Er versucht sie als eine positive Persönlichkeit zu zeichnen, auf die man als Mutter des Adelsgeschlechts stolz sein kann. Dazu beschreibt er sie auch nicht als unheimlich oder fremd, sondern er hebt bereits bei ihrem ersten Auftreten explizit ihre Schönheit hervor: „Und die schoenste und juengste zu ihm gieng […] Da Reymund die Edle schöne Jungfrauwe ersahe da erschracke er und wußte nicht ob er lebendig oder todt was oder ob das ein Gespenst oder ein Frauw was.“ (R S. 11). Ebenfalls stellt Ringoltingen in seiner Melusine die magischen Elemente zurück. Ein Indiz dafür liefert folgende Stelle:

Die sprach widerumb zu im: >Lieber Reymund was dir dein Vetter uund Herr geweissaget hat das muß auch an dir vollbracht werden mit der huelff Gottes der alle ding vermag.< Da nun Reymund hoeret daß sie von Gott saget da gewan er einen besonderen Trost uund gedacht in seinem Hertzen: Nun mag ich etwas Trosts haben daß die Jungfrauw kein Gespenst noch keins Unglaubens sondern von Christlichem Blut kommen uund nicht Ungläubig sey und sprach zu ir: >Schoene Adelige Junfraw ich will mein Hertz uund Gemueth richten euch zu hoeren und eweren gantzen willen vollbringen […]. (R S. 13)

Melusine wird als Geschöpf Gottes charakterisiert, welches eine übernatürliche Schönheit besitzt und zusätzlich eine göttliche Gabe erhalten hat. Sie trägt ihre christliche Gesinnung offen nach außen, wodurch sie ebenfalls als fromme Christin dargestellt wird.21

Neben der Darstellung von Melusine als Christin nutzt Ringoltingen noch zwei weitere Aspekte, um zu verdeutlichen, dass es sich bei der Person der Melusine nicht um ein böses Wesen, sondern um eine außergewöhnliche Frau handelt. Der erste Punkt beinhaltet ihre Charakterisierung als treue und liebevolle Ehefrau, die ihren Mann wahrhaftig liebt und der das Wohl ihres Gatten sehr wichtig ist: „Sie sprach zu ihm: Reymundt allerliebster Gemahel wie gehabt ihr euch seyt ihr bloede oder was gebricht euch foerchtet oder besorget ihr euch seyt ir kranck so laßt mich das wissen so will ich euch mit der huelffe Gottes wol helffen“ (R S. 74). Der zweite Punkt, der von der Darstellung einer dämonischen Fee abweicht, ist in der Tatsache zu finden, dass Melusine als liebevolle Mutter dargestellt wird. Nicht nur kümmert sie sich hingebungsvoll um ihre Kinder, auch die Tatsache, dass sie überhaupt so viele Kinder auf die Welt bringt verdeutlicht ihre Meschlichkeit.22 Selbst bevor Melusine schwanger wird, lässt sie das Schloss bereits in großem Stil ausbauen, damit die Kinder später genug Platz haben: „Da nu das Schloß mit Thuernen Ringmauwren Zwingern und Graeben außbereitet ward und auß dermassen starck gemacht und menniglich sich da verwunderten deß grossen Gebaeuws und Wercks da nahet die zeit daß Melusina eines Kinds sollte niderkommen und genesen.“ (R S. 31). Somit werden in erster Linie Melusines Eigenschaften als Christin, guter Ehefrau und Mutter in den Vordergrund gestellt.

[...]


1 Vgl. Frenzel, Elisabeth: Stoffe der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. Kröner Verlag, Stuttgart 1992, S. 514.

2 Vgl. Schausten, Monika: Suche nach Identität. Das „Eigene“ und „Andere“ in Romanen des Spätmitteralters und der frühen Neuzeit. Böhlau, Köln 2006, S. 157.

3 Vgl. Weidhase, Helmut: Stoff. In: Günther Schweikle, Irmgard Schweikle (Hg.): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. Metzler, Stuttgart 1990, S, 445.

4 Vgl. Milfull, Inge: Mittelalter. In: Michael Neumann (Hg.): Mythen Europas. Schlüsselfiguren der Imagination. Friedrich Pustet Verlag, Regensburg 2004, S. 7.

5 Vgl. Roethe, Gustav: Ringoltingen, Thüring von. In: Allgemeine Deutsche Biographie. Bd. 28. Duncker & Humblot, Leipzig 1889, S. 634f.

6 Vgl. Wilpert, Gero von (Hg.): Lexikon der Weltliteratur. Bd. 2. Alfred Körner Verlag, Stuttgart 1968, S. 762.

7 Vgl. Schausten: Suche nach Identität. S. 157.

8 Vgl. Lundt, Bea: Melusine und Merlin im Mittelalter. Entwürfe und Modelle weiblicher Existenz im Beziehungs-Diskurs der Geschlechter. Ein Beitrag zur historischen Erzählforschung. W. Fink, München 1991, S. 145.

9 Vgl. Steinkämper, Claudia: Melusine – vom Schlangenweib zur „Beautè mit dem Fischschwanz“. Geschichte einer literarischen Aneignung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 81.

10 Tieck, Ludwig: Sehr wunderbare Historie von der Melusina. In: Frank Rainer Max (Hg.): Undinenzauber. Von Nixen, Nymphen und anderen Wasserfrauen. Reclam, Stuttgart 1991, S. 39.

11 Vgl. Bompiani, Valentino (Hg.): Kindlers Literatur Lexikon. Bd. 4. Kindler Verlag, Zürich 1968, S. 2367.

12 Vgl. Baumgärtner, Sebastian (Hg.): Genealogie. In: Fremdwörterlexikon. AREA Verlag, Köln 2003, S. 127.

13 Vgl. Steinkämper: Melusine. S. 120.

14 Vgl. Mühlherr, Anna: Melusine und Fortunatus. Verrätselter und verweigerter Sinn. De Gruyter, Tübingen 1993, S. 7.

15 Ringoltingen, Thüring von: Melusine. Reclam, Stuttgart 1991, S. 3. Zitate aus diesem Buch werden im Folgenden mit der Sigle >R<, sowie mit Seitenangaben im Text versehen.

16 Vgl. Steinkämper: Melusine. S. 121.

17 Vgl. Ebd. S. 122.

18 Vgl. Steinkämper: Melusine. S. 11.

19 Vgl. Ebd. S. 12.

20 Vgl. Kraß, Andreas: Meerjungfrauen. Geschichten einer unmöglichen Liebe. Fischer, Frankfurt am Main 2010, S. 97.

21 Vgl. Steinkämper: Melusine. S. 100- 103.

22 Vgl. Kraß: Meerjungfrauen. S. 103-105.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Die Figurenkonstellation der "Melusinensage". Thüring von Ringoltingen und Ludwig Tieck im Vergleich
Hochschule
Universität des Saarlandes
Veranstaltung
Hauptseminar "Prosaroman"
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
31
Katalognummer
V946534
ISBN (eBook)
9783346286437
ISBN (Buch)
9783346286444
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Melusine, Thüring von Ringoltingen, Ludwig Tieck, Tieck, Figurenkonstellation, Figuren, Melusinensage, Ringoltigen, Vergleich
Arbeit zitieren
Karsten Klein (Autor), 2020, Die Figurenkonstellation der "Melusinensage". Thüring von Ringoltingen und Ludwig Tieck im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/946534

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