Der Purpose einer Organisation ist die gemeinsam getragene Auffassung der Organisationsmitglieder vom Sinn der Existenz ihrer Organisation. Er beschreibt den Existenzzweck und die langfristige Entwicklungsrichtung der Organisation. Daneben umfasst er ihre Herkunft und Entwicklungsgeschichte. Damit verfügt der Purpose über einen finalen und einen kausalen Aspekt.
Der gemeinsam wahrgenommene Purpose bietet komplexen Organisationen die Möglichkeit zur wirksamen Koordination ihrer vielfältigen Aktivitäten. Besonders die Mitglieder agiler Organisationen benötigen die Orientierung am gemeinsamen Purpose zur Koordination ihrer autonomen Handlungen. Die klare Wahrnehmung ihres Purpose ist eine notwendige Voraussetzung für die langfristige Lebensfähigkeit agiler Organisationen.
Der kausale Aspekt der Organisation, ihre Herkunft und Entwicklungsgeschichte, lässt sich mit der Methode der Komplexitätsreduktion und daher mit Hilfe der klassischen Rationalität wahrnehmen.
Für die Wahrnehmung des finalen Aspekts des Purpose, des Existenzzwecks und der langfristigen Entwicklungsrichtung der Organisation, ist die Methode der Komplexitätsreduktion jedoch nicht geeignet. Dafür wird stattdessen die Methode der Komplexitätstranszendenz benötigt. Dies wird vor dem historischen und philosophischen Hintergrund begründet. Beide Methoden werden näher erläutert.
Erst durch die vollständige Wahrnehmung und Formulierung mit seinem kausalen und finalen Aspekt kann der Purpose seine volle Wirksamkeit entfalten. Die Methode der Komplexitätsreduktion ist dafür um die Methode der Komplexitätstranszendenz zu ergänzen.
Aktuell verwendete Vorgehensweisen zur Komplexitätstranszendenz und Perspektiven der weiteren Entwicklung werden vorgestellt.
Inhaltsverzeichnis
0. Zusammenfassung
1. Steuerungsproblem Komplexität
2. Agile Organisationen und Purpose
3. Purpose
4. Die Methode der Komplexitätsreduktion
5. Komplexitätsreduktion als zivilisatorischer Code
6. Komplexitätsreduktion als organisatorischer Code: hierarchische Organisation
7. Komplexitätssteigerung durch Komplexitätsreduktion und agile Organisationen
8. Die Methode der Komplexitätstranszendenz
9. Verwendung von Techniken der Trance zur Komplexitätstranszendenz
10. Erweiterung des zivilisatorischen und organisatorischen Codes um die Komplexitätstranszendenz
11. Vollständige Formulierung des Purpose
12. Aktuelle Trance-Techniken zur Wahrnehmung des Purpose
13. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie agile Organisationen ihren Purpose vollständig wahrnehmen und formulieren können, indem sie die klassische Methode der Komplexitätsreduktion um Techniken der Komplexitätstranszendenz ergänzen, um sowohl den kausalen als auch den finalen Aspekt des Existenzzwecks zu erfassen.
- Die Grenzen klassischer rationaler Methoden bei hochkomplexen Anforderungen
- Die philosophische und historische Herleitung von Komplexitätsreduktion und Transzendenz
- Die Rolle der Trance als Werkzeug zur Wahrnehmung des finalen Aspekts des Purpose
- Methoden der praktischen Anwendung wie Musikimprovisation, Aufstellungen und Schamanische Reisen
Auszug aus dem Buch
9. Verwendung von Techniken der Trance zur Komplexitätstranszendenz
In der bei weitem längsten Zeit ihrer bisherigen Existenz hat die Menschheit unter den Bedingungen einer komplexen natürlichen Umwelt gelebt. Es war ein Leben, das für die meisten heutigen Menschen so nicht mehr möglich wäre. Das Leben war gekennzeichnet durch die beschränkten natürlichen Fähigkeiten und technischen Möglichkeiten der damaligen Menschen.
Parallel zur Fähigkeit der Reflexion und Komplexitätsreduktion, zum Denken, zur Sprache und zur Nutzung von Technik entwickelte die Menschheit, vermutlich eng verknüpft mit der Fähigkeit zur Musik (Dusi 2019), die Fähigkeit zur Trance.
Die Techniken der frühen Menschen zur Wahrnehmung von komplexen Phänomenen in ihrer natürlichen Umwelt beruhen auf der Anwendung von Trance und waren zumindest in ihren Ausläufern in der europäischen Antike noch präsent.
Auch Platon war diese Art der Wahrnehmung bekannt (Haarmann 2017a, S. 286 ff.). Man kann davon ausgehen, dass er als Mitglied einer bedeutenden Familie von Athen in den athenischen Staatskult der Demeter eingeweiht war. Die Verwendung von Trance war ein wesentlicher Bestandteil dieses Kults (Haarmann 2017b, S. 104, Kloft 2010, S. 23). Die platonische Ideenlehre dürfte auch im Kontext dieser Erfahrungen entstanden sein.
Trance bedeutet ein zeitweises Ausschalten bzw. Reduzieren des logisch-reflektierenden Denkens. Im Zustand der Trance ist der Einfluss des Denkens auf das Bewusstsein und damit seine Kontrollfunktion gegenüber der Wahrnehmung reduziert. Die Reduktion dieser Kontrollfunktion ermöglicht dem menschlichen Bewusstsein eine transzendente Wahrnehmung.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Zusammenfassung: Ein Überblick über die Notwendigkeit, den Purpose einer Organisation durch die Kombination von Kausalität und Finalität vollständig zu erfassen.
1. Steuerungsproblem Komplexität: Analyse der multiplen Steuerungskrisen durch die Zunahme globaler Komplexität und das Scheitern traditioneller hierarchischer Strukturen.
2. Agile Organisationen und Purpose: Vorstellung agiler Strukturen als Antwort auf hohe interne und externe Komplexität und der daraus resultierenden Bedeutung eines gemeinsamen Purpose.
3. Purpose: Definition des Purpose mit kausalen und finalen Aspekten und die Herausforderung, diesen jenseits einer rein rationalen Ursachenforschung zu formulieren.
4. Die Methode der Komplexitätsreduktion: Erläuterung des klassischen rationalen Vorgehens zur Beherrschung der Welt durch Vereinfachung und Aufteilung in Subjekt-Objekt-Verhältnisse.
5. Komplexitätsreduktion als zivilisatorischer Code: Historische Einordnung der Komplexitätsreduktion als prägender Faktor der Zivilisationsgeschichte und der menschlichen Dominanz.
6. Komplexitätsreduktion als organisatorischer Code: hierarchische Organisation: Darstellung, wie Hierarchien als Ergebnis von Komplexitätsreduktion durch Befehl und Gehorsam funktionieren.
7. Komplexitätssteigerung durch Komplexitätsreduktion und agile Organisationen: Erörterung des Paradoxons, dass Komplexitätsreduktion selbst zu erhöhter Komplexität führt, die Hierarchien überfordert.
8. Die Methode der Komplexitätstranszendenz: Rückgriff auf die platonische Ideenlehre zur Suche nach einer Methode, um den finalen, komplexen Aspekt des Purpose wahrzunehmen.
9. Verwendung von Techniken der Trance zur Komplexitätstranszendenz: Beschreibung der Trance als historisches Instrument, um Bewusstseinsgrenzen zu überschreiten.
10. Erweiterung des zivilisatorischen und organisatorischen Codes um die Komplexitätstranszendenz: Plädoyer für die Integration transzendenter Methoden in moderne organisatorische Prozesse.
11. Vollständige Formulierung des Purpose: Synthese der vorgestellten Methoden zur ganzheitlichen Erarbeitung und Kommunikation des Purpose in der Organisation.
12. Aktuelle Trance-Techniken zur Wahrnehmung des Purpose: Vorstellung praktischer Methoden wie Musikimprovisation, Aufstellungen und schamanische Reisen zur Anwendung im Unternehmenskontext.
13. Ausblick: Zusammenfassung der Herausforderungen und der Notwendigkeit, tiefe Vorbehalte gegen transzendente Methoden zugunsten einer zukunftsfähigen Organisationsentwicklung zu überwinden.
Schlüsselwörter
Agile Organisation, Purpose, Komplexitätsreduktion, Komplexitätstranszendenz, Trance, Platonische Ideen, Entelechie, Kausalität, Finalität, Identität, Schamanismus, Organisationsentwicklung, Systemtheorie, Bewusstsein, Zivilisation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der methodischen Herausforderung, den Sinn und Existenzzweck (Purpose) agiler Organisationen in einer zunehmend komplexen Welt vollständig zu erfassen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Komplexitätsmanagement, die Ergänzung rationaler durch transzendente Methoden und die Anwendung dieser Erkenntnisse zur Identitätsbildung in Organisationen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, ein Vorgehen zu entwickeln, das sowohl den kausalen als auch den finalen Aspekt des Purpose durch die Verbindung von Komplexitätsreduktion und Komplexitätstranszendenz erfassbar macht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-historische Analyse der Komplexitätsreduktion und verbindet diese mit Konzepten aus der Transzendenzforschung, der Psychologie und angewandten Beratungsformaten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Herleitung der Komplexitätsreduktion als zivilisatorischer Code, die theoretische Begründung der Komplexitätstranszendenz sowie konkrete Trance-Techniken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Purpose, Komplexitätsreduktion, Komplexitätstranszendenz, agile Organisationen und die Anwendung transzendenter Techniken im organisatorischen Kontext.
Warum reicht das rationale Denken allein zur Wahrnehmung des Purpose nicht aus?
Die klassische Rationalität vereinfacht durch Komplexitätsreduktion zu stark und wird dem extrem hohen Komplexitätsgrad des finalen Aspekts eines Purpose nicht gerecht.
Welche Rolle spielen schamanische Techniken im modernen Organisationskontext?
Sie dienen als bewährte, wenn auch historisch marginalisierte Methoden, um durch induzierte Trancezustände Einsichten in komplexe Systemzusammenhänge und Entwicklungstendenzen zu gewinnen.
Wie unterscheidet sich der kausale vom finalen Aspekt des Purpose?
Der kausale Aspekt ist vergangenheitsbezogen und fragt nach dem Warum, während der finale Aspekt zukunftsbezogen ist und nach dem Wozu bzw. dem Existenzzweck fragt.
- Citation du texte
- Berthold Vanselow (Auteur), 2019, Agile Organisation, Purpose und Transzendenz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/946902