Thomas Melle ist als Autor bisher nicht in den Kontext der US-amerikanischen Literaturströmung der New Sincerity gerückt worden. Die Arbeit stellt das innerhalb einer Metamoderne verordnete Paradigma einer Rückkehr zur Ernsthaftigkeit, insbesondere verkörpert durch das Werk David Foster Wallace' in konkreten Bezug zu den Erzähltexten Thomas Melles.
Zentraler Gegenstand dieser Untersuchung ist die Prosa des Bonner Autors Thomas Melle, Jahrgang 1975 - so viel besagen die ersten vier Wörter des Titels: Es stehen Melles Erzähltexte in ihrem Fokus. Nun explizieren die weiteren zwei, dass ein Kontext, eine Verbindung und Interaktion zwischen besagtem Autor und einem Etwas, das im letzten Teil des Titels einen Namen findet, überhaupt existiert. Darin besteht das Thesenhafte der Arbeit: sie unterstellt einen Zusammenhang.
Ihr Ziel liegt somit in der Untersuchung der Frage, ob ein solcher „Kontext“ überhaupt zu unterstellen sei und wenn ja, welche Formen dieser annimmt und mit welchem größeren Kontext er in Relation zu setzen ist. Wozu Melles Prosa nun zunächst aber überhaupt in einem Bezug stehen soll, ist mit der literarischen New Sincerity, eine Strömung, deren Inhalte und Arbeitsweisen genauso in anderen Künsten detektierbar sind, etwa in der (Pop-)Musik, der bildenden Kunst oder im Film. Auf diesen „neuen Ernst“ wird im dritten Teil dieser Arbeit einzugehen sein, wobei der US-amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace als einer der Initiatoren der Bewegung besondere exemplarische Berücksichtigung findet. Weil es sich bei ihm, wie auch bei Thomas Melle - so viel sei vorweg als Annahme zur Untersuchung angekündigt - um sowohl einen zeitgenössischen als auch realistischen Autoren handelt (siehe Kapitel 3 und 4) und die New Sincerity eine betont moralische Strömung darstellt, bedarf es zunächst einiger Worte über die aktuellen Zeit-Umstände in Kultur-, Kunst- und Literaturfragen (2).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Metamoderne als kultur- und literaturtheoretische Rahmung
2.1 Atopische Metaxis
2.2 Neoromantik
3. David Foster Wallace und die New Sincerity
3.1 E Unibus Pluram und This is Water
3.2 New Sincerity - Diskurs
4. Thomas Melle: Prosa
4.1 Raumforderungen einer Welt im Rücken
4.2 Sickster und 3000 Euro, zwischen postmodernem Pop und Neuem Ernst
5. Fazit/Konklusion
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob das literarische Schaffen des Autors Thomas Melle in einen direkten Kontext mit der Strömung der literarischen New Sincerity gebracht werden kann. Dabei wird analysiert, ob Melles Prosa metamoderne Züge aufweist, die eine Abkehr von postmoderner Ironie hin zu einer neuen, authentischen Ernsthaftigkeit markieren, und wie sich diese Strömung in seinem Werk konkret manifestiert.
- Die Metamoderne als theoretischer Rahmen und Oszillation zwischen Moderne und Postmoderne.
- David Foster Wallace als zentraler Wegbereiter und Initiator der New Sincerity.
- Die poetologische Untersuchung von Melles Prosa, insbesondere Raumforderung, Sickster, 3000 Euro und Die Welt im Rücken.
- Die Rolle von Autofiktion, Authentizität und moralischer Wertehaltung in der zeitgenössischen Literatur.
- Die Untersuchung der Dynamik zwischen ironischer Distanz und dem Streben nach emotionaler Nähe.
Auszug aus dem Buch
3.1 E Unibus Pluram und This is Water
Poetologische Ansätze sind nicht nur in den belletristischen Texten David Foster Wallaces zu finden, sondern in Form theoretischer Literatur- und Kulturreflexion insbesondere in seinen essayistischen Beiträgen E Unibus Pluram und This is Water. In diesem Teil der Arbeit soll daher die literaturtheoretische Komponente des Werks vordergründig behandelt und herausgestellt werden, wie diese sich um die Begriffe der Metamoderne sowie der New Sincerity anordnen. Im Anschluss daran und überleitend zum Hauptgegenstand dieser Arbeit, werden die Ergebnisse in einen Bezug zu den Texten Thomas Melles gestellt, der in Kapitel 4 entsprechend näher beleuchtet und literaturwissenschaftlich betrachtet werden kann.
Mit dem 1993 veröffentlichen Text E Unibus Pluram nimmt Wallace Bezug auf die in den späten Achtzigern erschienene Polemik Michael Sorkins mit dem Titel „Faking it“, die den bekannten US-amerikanischen Gründungsmythos invertiert: „Aus vielen Eines“ (E Pluribus Unam) wird dabei zu dem Vielen, das aus dem Einen hervorgeht (vgl. UP, S. 134). Das Eine, das ist bei Wallace gewissermaßen der Fernsehzuschauer. Wallace stellt fest: „Der Amerikaner an sich ist in seinem stets sich veränderndem Wesen schwer dingfest zu machen, doch genau das leistet das Fernsehen“ (ebd.). Anders als die Einheit stiftende Gründung einer Nation aus den vielen Einzelpionieren, der Pluralität unterschiedlichster europäischer Eroberer der sog. Neuen Welt, vollbringt das Fernsehen die Leistung, den vor der Mattscheibe sitzenden Fernsehzuschauer in einem „Millionen zählendes Publikum“ aufgehen zu lassen, „obwohl wir meistens ganz allein vor dem Apparat sitzen“ (UP, S. 134) - und das täglich durchschnittlich sechs Zeitstunden lang -, wobei diese Sogwirkung auf besonders einsame Individuen einen stärkeren Effekt übt, als auf sozial angeschlossene (vgl. UP, S. 133).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hier wird der Untersuchungsgegenstand – die Prosa von Thomas Melle im Kontext der New Sincerity – eingegrenzt und die zentrale Forschungsfrage nach dem Zusammenhang zwischen Autor und Strömung formuliert.
2. Metamoderne als kultur- und literaturtheoretische Rahmung: Dieses Kapitel erläutert den Begriff der Metamoderne als Oszillation zwischen moderner und postmoderner Sensitivität und führt Konzepte wie die atopische Metaxis und Neoromantik ein.
3. David Foster Wallace und die New Sincerity: Es werden die essayistischen Arbeiten von Wallace analysiert, um die theoretischen Grundlagen der New Sincerity als Kontrastprogramm zum postmodernen Zynismus zu erarbeiten.
4. Thomas Melle: Prosa: In diesem Hauptteil wird das Werk von Thomas Melle einer detaillierten Analyse unterzogen, um aufzuzeigen, wie sich darin metamoderne Tendenzen und das Streben nach Authentizität widerspiegeln.
5. Fazit/Konklusion: Abschließend werden die Ergebnisse zusammengeführt und die Frage beantwortet, inwiefern Thomas Melle als profunder Vertreter der New Sincerity im metamodernen Sinne gelten kann.
Schlüsselwörter
Metamoderne, New Sincerity, Thomas Melle, David Foster Wallace, Postmoderne, Neoromantik, Authentizität, Autofiktion, Ironie, Literaturtheorie, Gegenwartsliteratur, Literaturkritik, Erzähltexte, Ästhetik, Moral.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das literarische Werk des Autors Thomas Melle im Hinblick auf seine Zugehörigkeit zur Strömung der literarischen New Sincerity und verortet ihn innerhalb des theoretischen Rahmens der Metamoderne.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung von der Postmoderne hin zu einer neuen Ernsthaftigkeit, dem Konzept der atopischen Metaxis, der Rolle der Ironie in der Literatur sowie Fragen zu Autofiktion und Authentizität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu eruieren, ob ein Kontext zwischen der Prosa von Thomas Melle und der literarischen New Sincerity existiert und welche Formen dieser Zusammenhang annimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die Theoriebeiträge zur Metamoderne interpretiert und diese auf die konkreten Erzähltexte von Thomas Melle sowie die essayistischen Schriften von David Foster Wallace anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Rahmung durch Wallace und die Metamoderne-Theoretiker sowie in eine detaillierte Erzähltextanalyse von Melles Werken, wie z.B. Sickster und Die Welt im Rücken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Metamoderne, New Sincerity, Authentizität, Ironie-Kritik, Autofiktion und der sogenannte „Neue Ernst“ in der zeitgenössischen Literatur.
Inwiefern spielt David Foster Wallace eine Rolle für das Verständnis von Melles Prosa?
Wallace dient als theoretischer Ausgangspunkt und Initiator der New Sincerity, dessen Analysen zur US-Fernsehkultur und zum postmodernen Zynismus als Vergleichsfolie für die psychologischen und ästhetischen Spannungsfelder in Melles Texten genutzt werden.
Wie unterscheidet sich die „metamoderne Ironie“ von der „postmodernen Ironie“ laut der Arbeit?
Die Arbeit stellt heraus, dass postmoderne Ironie oft in Apathie und Selbstreferenzialität verharrt, während die metamoderne Ironie intrinsisch mit einem Begehren nach Nähe und einer ernsthaften Suche nach Authentizität gekoppelt ist.
- Citar trabajo
- Robert Müller (Autor), 2018, Die Erzähltexte Thomas Melles im Kontext der literarischen New Sincerity, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/947166