Wir schaffen das, oder nicht? Integration von Migrantinnen und Migranten in Deutschland


Bachelorarbeit, 2019

130 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeich

1. Einleit

2. Migrat
2.1 Definit
2.2 For
2.3 Migrationshintergr
2.4 Geschichte der Migration in Deutschl
2.5 Zahlen in Deutschl

3. Integrat
3.1 Definiti
3.2 Formen der Integrat
3.2.1 Systemintegration
3.2.2 Sozialintegration
3.2.3 Sozialintegration der Migranten
3.3 Kultur
3.4 Kulturelle Identi

4. Integration als Aufgabe der Poli
4.1 Staa
4.2 La
4.3 Kommunale Eb

5. Voraussetzungen für erfolgreiche Integr
5.1 Bereitschaft zur Integration
5.2 Sprache als Grundstei
5.3 Politische Voraussetzungen
5.3.1 Integrationsgesetz
5.3.2 Wichtige Handlungsfelder in den Kommunen
5.4 Partizipat
5.5 Chancengleichheit
5.6 Bildu
5.6.1 Kindergarten
5.6.2 Schule
5.6.3 Ausbildung und Studium
5.6.4 Beruf und Arbeit
5.7 Beitrag der Familie und des sozialen Umfeld
5.7.1 Kernfamilie
5.7.2 Soziales Umfeld
5.7.3 Ehrenamt und Vereine
5.7.4 Sportvereine

6. For
6.1 Fazit der Forsch

7. Fazit

Literaturverze

Anhang
Ergebnisse der Forschung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Bevölkerung mit Migrationshintergrund

Abbildung 2: Anteil der ausländischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung in Deutschland von 1991 bis 2018

Abbildung 3: Systemintegration und die vier Dimensionen der Sozialintegration

Abbildung 4: Formen der Sozialintegration

Abbildung 5: Ausländische Bevölkerung nach Aufenthaltsdauer

Abbildung 6: Frage 1: "Was bedeutet für Sie Integration?"

Abbildung 7: Frage 2: „In welchen Lebensbereichen erleben Sie gelingende Integration?“

Abbildung 8: Frage 3: Wo sehen Sie Grenzen und Schwierigkeiten der Integration?"

Abbildung 9: Frage 7: Wer ist Ihrer Meinung nach für erfolgreiche Integration von MigrantInnen verantwortlich?"

Abbildung 10: Frage 8: Welche Verbesserungsvorschläge haben Sie allgemein zur Thematik Integration?"

Abbildung 11: Frage 9: „Tragen Sie aus Ihrer Sicht persönlich zur Integration von MigrantInnen bei?"

1. Einleit

„Wir schaffen das!“ - das sind lediglich drei Worte, jedoch seit dem Jahre 2015 mit großer Bedeutung Seit 2015 sind die top Themen Flüchtlinge, Migration und Integration. Zahlreiche Diskussionen wurden gestartet, sei es in der Politik, in den Medien oder im Freundeskreis. Ganz Deutschland diskutiert über die Zuwanderer und ihre Integration. Es gibt kaum jemanden, der dazu keine Meinung hat. Auch wenn sich viele Menschen aus der Politik raushalten, hat es dieses Thema bis zum „Stammtisch um die Ecke“ geschafft. Dabei ist es nicht weiter verwunderlich, dass es nicht nur Fürsprecher gibt, sondern auch der kritische Umgang salonfähig wurde. Viele Menschen in der Gesellschaft sind der Meinung, dass zu viele Flüchtlinge aufgenommen wurden und eine Integration dieser nicht möglich sei.

Die Alternative für Deutschland (AfD), gegründet 2013, eine eindeutig nationalistische Partei, die sich gegen Zuwanderer ausspricht, propagiert nicht nur lautstark und öffentlich, sondern punktet auch tatsächlich mit steigenden Mitgliederzahlen, zuletzt bei der Europawahl 2019, in der sie 11% der Stimmen bekamen und ins Europaparlament einzogen.

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel positioniert sich klar gegen die Alternative für Deutschland und ihre Befürworter mit dem Satz „Wir schaffen das!“. Die AfD und ihre Anhänger sagen dagegen, dass „es reicht!“

Doch wie sieht die Realität aus? Können wir, die deutsche Gesellschaft und die Politik, diese Aufgabe meistern? Was bedeutet eigentlich Integration?

Im Rahmen der vorliegenden Bachelorarbeit sollen sowohl Chancen als auch Hürden der Integration von Migrantinnen und Migranten herausgearbeitet und gedeutet werden.

Um ein Verständnis für die gesamte Thematik zu bekommen, wird zu Beginn der Begriff „Migration“ definiert sowie verschiedene Ansätze dieser dargestellt. Unterschiedliche Formen der Migration werden erläutert, sowie der Begriff Migrationshintergrund. Diese Definitionen sollen als Grundlage dieser Arbeit dienen. Darüber hinaus wird der Verlauf der Integration in Deutschland vom Anfang an bis zum aktuellen Stand skizziert. Das erste Kapitel endet mit aktuellen Migrationszahlen in Deutschland.

Das darauffolgende Kapitel befasst sich mit der „Integration“, die zuerst definiert wird. Darauf folgen verschiedene Formen der Integration, die Systemintegration und die Sozialintegration. In Kapitel 3.3 wird der Begriff „Kultur“ erklärt, um daraufhin in Kapitel 3.4 „Kulturelle Identität“ zu erläutern.

Im nächsten Kapitel wird dargestellt in wie weit Integration eine politische Aufgabe ist, und die einzelne Verantwortungsbereiche von Staat, Land und Kommune beschrieben.

Anschließend werden diverse Voraussetzungen einer erfolgreichen Integration beleuchtet. Nach dem Willen zur Integration folgt die Sprache als Grundstein. Danach werden politische Voraussetzungen, wie das Integrationsgesetz, wichtige Handlungsfelder der Kommunen, Partizipation und die Chancengleichheit thematisiert. Das Unterkapitel 5.6 „Bildung“ wir unterteilt in Kindergarten, Schule, Ausbildung und Studium, sowie Beruf und Arbeit. In Kapitel 5.7 wird der Beitrag der Familien und des Sozialen Umfelds dargestellt, wozu auch Vereine zählen.

Im Anschluss daran folgt eine eigene Forschung, in der über eine Online-Befragung ein Stimmungsbild zum Thema Integration herausgearbeitet wurde.

Zum Ende wird die gesamte Thematik in einem abschließenden Fazit zusammengeführt und in eine persönliche Stellungnahme münden.

In dieser Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit ausschließlich das generische Maskulinum verwendet. Es wird darauf hingewiesen, dass die ausschließliche Verwendung der männlichen Form geschlechtsunabhängig verstanden werden soll und keinesfalls eine Geschlechterdiskriminierung zum Ausdruck bringt.

2. Migration

2.1 Definition

Unter Migration verstehen sich im Groben unterschiedliche Wanderungsprozesse, die sich jedoch nicht nur auf Personen beziehen, sondern auch als gesamtgesellschaftliches Anliegen betrachtet werden. Aus diesem Grund befassen sich auch verschiedene Wissenschaften mit Migration.

Folglich ist eine einheitliche Definition nur schwer möglich. Für alle wissenschaftlichen Bereiche gilt jedoch als zentrale Ansicht eine Bewegung oder ein Wechsel des Ortes.1 Die personenbezogene Migration lässt sich folgendermaßen definieren: „Migration ist die auf einen langfristigen Aufenthalt angelegte räumliche Verlagerung des Lebensmittelpunktes von Individuen, Familien, Gruppen oder auch ganzen Bevölkerungen.“2

Es gibt viele verschiedene Formen der Migration. Zunächst lässt sich zwischen freiwilliger Migration, zum Beispiel durch Heirat, suche nach Arbeit oder auch aufgrund besserer Bildungschancen im Ausland und unfreiwilliger Migration, wie Sklavenhandel, Armut oder der Flucht vor Krieg unterscheiden.3

Migration lässt sich ebenso zwischen räumlichen Aspekten differenzieren. Eine Form der Migration kann innerhalb eines Landes geschehen und nennt sich Binnenwanderung, zum Beispiel von ländlichen Wohngegenden in städtische Gebiete. Auch zeitliche Faktoren spielen eine Rolle. Unterschieden wird hierbei zwischen temporärer und dauerhafter Wanderung. Beispiele sind für eine zeitlich begrenzte Wanderung die Saisonarbeit und für eine permanente Wanderung die Niederlassung in ein anderes Land. Zuletzt lassen sich unterschiedliche Umfänge der Migration darstellen. Es handelt sich hierbei um Einzel-, Gruppen- und Massenwanderung.4

Die häufigsten Gründe für Migration sind meist die Arbeitsmigration und die unfreiwillige Fluchtmigration, in der Menschen vor Armut, Krieg oder Verfolgungen flüchten. Es gibt viele Migrationstheorien, die den Grund für die Wanderung der Menschen präzise erklären wollen. Diese Theorien kann man auf drei Ebenen analysieren, der Makro-, der Mikro-, und der Mesoebene. Auf allen Ebenen wird versucht, die Anlässe, die Verläufe und auch die Folgen der Migrationsdynamik genau zu kategorisieren. Die klassischen Theorien der Migration haben ihren Ursprung und Schwerpunkt auf ökonomischen und geographischen Ansätzen. Dazu zählt der bevölkerungsgeographische Ansatz, der makroökonomische Ansatz, der mikroökonomische Ansatz und der entscheidungstheoretische Ansatz.5

Der bevölkerungsgeographische Ansatz, der von Ernest G. Ravenstein Ende des 19. Jahrhunderts erklärt wurde, besagt, dass die geographische Entfernung mit dem Wanderungsvolumen der Menschen in Relation steht. Ravenstein nimmt an, dass die geografische Distanz ein wichtiger Faktor der Migrationsbewegung ist. Er beweist zudem, dass städtische Gebiete für Migranten reizvoller sind als ländliche Gebiete.6 Die als Meilenstein geltende Theorie Ravensteins vertritt die These, dass „[...] jeder Einwanderungsstrom auch Auswanderungsströme produziert.“7

Die makroökonomischen Ansätze sehen den Arbeitsmarkt in den verschiedenen Ländern als Grund der Migration und legen aufgrund dessen ihren Fokus auf die wirtschaftlichen Strukturen der Region oder auch Landes. Sie erklären die Binnen- und Internationalemigration als Folge eines fehlenden Gleichgewichtes von Angebot und Nachfrage des Arbeitsmarktes. Gibt es zu wenige Arbeitsmöglichkeiten verlassen die Menschen ihr Gebiet und gehen zu einem Ort, an dem sie Arbeit und attraktivere Bezahlung finden. Somit spielen bei diesem Ansatz die Arbeitslosenquote und das Bruttoinlandsprodukt eine große Rolle. Außerdem dient die Migration in diesem Ansatz der Regulierung des Gleichgewichts am Arbeitsmarkt.8

Die neoklassischen makroökonomischen Ansätze, sehen die Variation des Lohnniveaus der Länder als ausschlaggebenden Grund der Migration. Demnach bewegt sich die Migration von Gebieten mit niedrigen Löhnen in Gebiete mit höheren Löhnen. Die Bewegung endet erst, wenn in den Regionen oder Ländern ein einheitliches Lohnniveau vorhanden ist9. Es stellt sich heraus, dass die Wanderung von Menschen von Faktoren wie zum Beispiel der Arbeitsmarktsituation, dem Lohnniveau und der Bevölkerungsdichte abhängt. Das Vergleichen verschiedener Faktoren des Heimatlandes und der des Ziellandes, um zu migrieren, wird Push-Pull-Modell genannt.10

Nach der Push-Pull-Theorie von Everett S. Lee gibt es zum einen push Faktoren, die der Aussiedlung dienen, und zum anderen pull Faktoren, die für die Anziehung sprechen. Push Faktoren können beispielsweise fehlende Arbeitsplätze, Wohnungsnot oder auch soziale Ausschreitungen im Heimatland sein. Zu den Pull Faktoren gehören, attraktive Arbeitsmöglichkeiten, hohe Löhne, soziale Sicherheit und auch Wohnungsangebote im Zielland.11

Die mikroökonomischen Ansätze setzen sich mit den Bedürfnissen und Wünschen der Migranten auseinander und erklären sich die Migrationsbewegung als eine „Kosten-Nutzen­Analyse“ der individuellen Akteure. Die Akteure kalkulieren vor ihrer Wanderung ihre Chancen auf einen besseren Verdienst oder auch auf bessere Lebenschancen. Somit sagt diese Theorie aus, dass Menschen in Gebiete migrieren, die einen guten Arbeitsmarkt und Verdienst bieten. Für die neueren Theorien hingegen, steht nicht das individuelle Interesse der Akteure im Zentrum, sondern das Interesse des ganzen Haushaltes. So kann es sein, dass auch eine Wanderung stattfindet, wenn nur drei von fünf Personen bessere Möglichkeiten im Zielgebiet haben.12

Die entscheidungstheoretischen Ansätze gehen davon aus, dass nicht nur Push und Pull Faktoren entscheidend für eine Migration sind, sondern auch die subjektive Wahrnehmung und Einschätzung des aus der Migration resultierenden Verlustes oder Nutzen. Dieser Ansatz entwickelte sich aus der Beobachtung, dass Menschen mit gleichen Voraussetzungen unterschiedliche Migrationsentscheidungen treffen. Migration hat nach dieser Theorie je nach subjektiver Einschätzung verschiedene Folgen.13

Neuere Theorien betrachten Migration nicht mehr als einmaligen und abgeschlossenen Prozess. Ein Konzept ist das der transnationalen Migration, dieses besagt, dass ausgewanderte Personen die Verbindung zum Herkunftsland nicht abbrechen, sondern zwischen zwei Gesellschaften pendeln. Außerdem werden in neueren Theorien „Rückkehrmigration“ und individuelle zwischenmenschliche Faktoren berücksichtigt. Darüber hinaus spielen soziale Faktoren wie Freundeskreise, Gemeinschaften aber auch soziale Netzwerke eine entscheidende Rolle für die Wanderung.14

2.2 Formen

Aufgrund der verschiedenen Aspekte der Wanderung, bilden sich unterschiedliche Formen der Migration. Im Folgenden werden die für Deutschland wichtigsten Migrationsformen erläutert.

Arbeitsmigranten sind jene Migranten, die ihre Heimatregion verlassen, um Geld zu verdienen. Sie haben überwiegend die Absicht, im Rentenalter das Arbeitsland wieder zu verlassen und in ihr Heimatland zurück zu kehren. Arbeitsmigration lässt sich in weitere Kategorien einteilen. Die erste Form sind die Gastarbeiter, diese arbeiten in wirtschaftlich schwach aufgestellten Industrieländern. Sie werden durch Abkommen angeworben. Gastarbeiter werden in schmutzigen, körperlich schweren und schlecht vergüteten Arbeitsplätzen eingesetzt. Eine weitere Form ist die Wanderarbeit. Diese Arbeiter ziehen mit dem periodischen Arbeitsanfall mit. Beispielsweise sind sie in der Erntearbeit, Baugewerbe oder auch im saisonalen Tourismus tätig.15

Der Familiennachzug beschreibt die Migration von Familienangehörigen zu einer Person, die sich bereits im Zielland aufhält. Diese Form der Migration hängt stark mit der Arbeitsmigration zusammen. Nachdem die Pioniermigranten ihre Absicht bezüglich der Bleibedauer ändern, beginnen sie durch einen Familiennachzug ihren Lebensmittelpunkt in das Zielland zu verlegen16. Das Recht auf Nachzug beschränkt sich in Deutschland auf die Kernfamilie. Unter diese fallen „ [...] Ehe- und Lebenspartner sowie minderjährige Kinder, die zu ihren Eltern nachziehen und Eltern, die zu ihren unbegleiteten minderjährigen Kindern nachziehen.“17 Darüber hinaus können unter bestimmten Aspekten auch sonstige Familienangehörige nachkommen.

Aussiedler sind Deutsche, die vor dem zweiten Weltkrieg in Polen, Rumänien und in der ehemaligen Sowjetunion gelebt haben. Im 18. Jahrhundert migrierten viele Deutsche, mit der Hoffnung Arbeit zu finden, in den Osten Europas. Im Sinne des Grundgesetzes ist ein Aussiedler „Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit“, der im „Gebiet des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme gefunden“18 haben. Des Weiteren sind Aussiedler Menschen, „[...] denen zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 8. Mai 1945 die Staatsangehörigkeit aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen entzogen worden ist.“19 Kehrten die Aussiedler vor dem 8. Mai 1945 nach Deutschland zurück, gelten sie für das Gesetzt als nicht ausgebürgert und somit als Deutsche. Aussiedler werden von der Bundesregierung nicht als Migranten gelistet.20

Flüchtlinge sind Schutz suchende Menschen. Sie verlassen ihre Heimat aufgrund von verursachter und begründeter Bedrohung ihrer Person und ihres Lebens21. Laut der Genfer Flüchtlingskonvention ist ein Flüchtling eine Person, die „ [...] aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann“.22

Diese verfolgten Menschen haben in Deutschland ein Recht auf Asyl. Die Asylanträge werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bearbeitet und nach der Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) beurteilt. Nach Han ist die Erklärung des Flüchtlingsbegriff der GFK anhand der fünf Verfolgungsgründen, der heutigen Zeit nicht entsprechen. Diese Definition wird den weltweiten Flüchtlingsproblemen nicht gerecht, da sie die Umweltflüchtlinge, die Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlinge sowie die De-facto-Flüchtlinge nicht einbezieht. Ebenso haben nach der GFK Binnenflüchtlinge, die in ihrem Heimatland verfolgt werden, keinen Flüchtlingsstatus und somit keinen Anspruch auf einen internationalen Rechtsschutz.23

Bei der Form der Bildungsmigration treten junge Menschen, die nach Wissen streben möchten, eine temporäre Migration ein. Sie verlassen ihr Heimatland um eine schulische, berufliche oder eine universitäre Aus- und Weiterbildung anzustreben. Ihre Aufenthaltsdauer begrenzt sich auf die Aus- und Weiterbildungsdauer. Diese Form von Migration erwies sich für die jungen Leute als erstrebenswert, da sie sich durch ihren Auslandsaufenthalt wertvolle Ressourcen aneignen und somit bessere berufliche Chancen haben.24

2.3 Migrationshintergrund

Durch die Einbürgerung vieler Migranten in Deutschland reichte die Differenzierung zwischen Deutscher und Ausländer nicht mehr aus. Aufgrund dessen führte der Mikrozensus, in dem Daten zur Bevölkerungsstruktur sowie zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Bevölkerung bereitgestellt werden, im Jahr 2005 die Befragung nach dem Migrationshintergrund ein. Einen Migrationshintergrund hat demnach eine Person, „wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren ist."25

Diese Definition umfasst folgende Personen.

1. „Zugewanderte und nicht zugewanderte Ausländer
2. Zugewanderte und nicht zugewanderte Eingebürgerte
3. (Spät-) Aussiedler
4. Personen, die durch die Adoption deutscher Eltern die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten haben
5. mit deutscher Staatsangehörigkeit geborene Nachkommen der zuvor genannten Gruppen“.26

Entsprechend dieser Definition ist es vollkommen irrelevant, welche Staatsangehörigkeit die Person besitzt oder annimmt, da sich der Migrationshintergrund stets aus dem Migrationsstatus beziehungsweise der Eigenschaften der Eltern ableitet. Laut dem aktuellen Mikrozensus, leben in Deutschland 19,3 Million Menschen mit Migrationshintergrund.27

2.4 Geschichte der Migration in Deutschland

Deutschland war schon immer ein von Migration geprägtes Land, sowohl als Auswanderungs- als auch als Zuwanderungsland. Anfang des 19. Jahrhundert verließen fünf Millionen Menschen das heutige Deutschland und suchten in Ost- und Südeuropa nach besseren Lebensmöglichkeiten, da die Zeitspanne, zwischen der Entwicklung von einem Agrar- zu einem Industriestaat, keine Arbeitsmöglichkeiten für die Bevölkerung bot.28 29

Ende des 19. Jahrhunderts wuchs das Arbeitsangebot im Kaiserreich durch das industrialisierte Wirtschaftswachstum rasant an. Es gab mehr Arbeitsplätze als arbeitsfähige Menschen im Kaiserreich. Die Massenauswanderung fand somit ihr Ende.30

Im Jahr 1927 schloss Deutschland sein erstes Anwerbeabkommen mit Polen. Es folgten weitere Abkommen mit verschiedenen Ländern. Die ausländischen Wanderarbeiter wurden zuerst in der Landwirtschaft eingesetzt und später in der Industrie.31

Damit die Einwanderung im Deutschen Reich kein Übermaß annahm und das Deutschtum gefestigt blieb, wurden staatliche und der Bedürftigkeit des deutschen Arbeitsmarkts entsprechende Regelungen getroffen. Die Wanderarbeiter durften nur noch saisonal in Deutschland bleiben und auch nur wenn sie eine Art Arbeit und Aufenthaltsgenehmigung hatten, welche vom Arbeitgeber jederzeit entzogen werden konnte.32

Zur Vorbereitung des ersten Weltkrieges war wieder jeder Arbeiter notwendig, deshalb wurden die zuvor genannten Auflagen aufgehoben und neue, wie ein Rückkehrverbot, eingeführt. Außerdem wurden weitere Arbeitskräfte durch Anwerbeabkommen oder Zwang nach Deutschland geholt. Es wurden bis 1918 etwa zwei Millionen Migranten in Deutschland durch Freiwillige- oder Zwangsarbeit beschäftigt. Auch in der Weimarer Republik nach dem Krieg fehlten Arbeitskräfte. In diesem Fall wurde jedoch eine geringe Anzahl von ausländischen Arbeitskräften beschäftigt, die nur die Funktion eines konjunkturellen Lückenfüller hatten. Im Laufe der Zeit reduzierte sich die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte drastisch und erreichte 1928 mit 236.000 Personen ihren Höhepunkt.33

Auch vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg waren ausländische Arbeitskräfte für Deutschland unabdingbar.34 Eine Folge des zweiten Weltkriegs war die Masseneinwanderung in und aus Deutschland.35

Die Einwanderung nach Deutschland lässt sich gut in vier verschiedenen Phasen einteilen. Die erste Phase begann 1945 und endete 1955. In dieser Zeit verließen die ausländischen Zwangsarbeiter, die während dem Krieg für Deutschland arbeiteten, das Land. Diese werden auch „displaced persons“ genannt. Unter den Zwangsarbeitern befanden sich Kriegshäftlinge und KZ-Häftlinge. Zur selben Zeit suchten viele Deutsche, die in der damaligen Sowjetunion lebten, Schutz in Deutschland.36

Von 1955 bis 1973 verlief die zweite Phase, diese wird auch Abwerbephase genannt. Nach dem zweiten Weltkrieg befand sich Deutschland in einer wirtschaftlichen Wachstumsphase. Um dieser gerecht zu werden, benötigte das Land mehr Arbeitskräfte als in der Bevölkerung zur Verfügung standen. Somit schloss Deutschland zahlreiche Anwerbeabkommen ab und holte sich somit die benötigten Arbeitskräfte. Mit Italien wurde 1955 das erste Abkommen geschlossen. Im Jahr 1960 folgten Spanien und Griechenland. 1961 die Türkei und zwei Jahre später das Abkommen mit Marokko. In den darauffolgenden Jahren schloss die Bundesrepublik Deutschland weitere Abkommen mit Tunesien und Jugoslawien.37

In der DDR wurden Arbeitskräfte durch Kontingentabkommen aus Polen, Ungarn, Algerien, Kuba, Vietnam, Mosambik, Angola und Nordkorea beschäftigt. Die Absicht der Kontingentabkommen war eine mögliche Ausbildung der ausländischen Arbeitskräfte in einem Beruf, jedoch scheiterte dies oftmals an den unterschiedlichen Vorstellungen der beiden Parteien.38

Zehn Jahre später befanden sich 2,6 Millionen ausländische Arbeitskräfte im heutigen Deutschland. Für die deutsche Bundesregierung sollten diese Arbeiter, wie in der Weimarer Republik, nur für die Zeit des Wiederaufbaus Deutschlands bleiben. In der Zeit, der zweiten Phase, waren circa 14 Millionen Ausländer in Deutschland, von denen wiederrum elf Millionen in ihre Heimatländer zurückkehrten.39

In dieser Zeit glich die Ausländerpolitik der Arbeitsmarktpolitik, die Gastarbeiter waren aus deutscher Sicht nur um zu arbeiten in Deutschland, aufgrund dessen fand eine mögliche Eingliederung der Migranten in Form von Sprachkursen nicht statt. Auch die Migranten interessierten sich nicht dafür, denn sie beabsichtigten in einer kurzen Zeit so viel Geld wie möglich zu verdienen, um sich ein stabiles Leben in ihrem Heimatland aufzubauen. Dementsprechend waren sie im Gegensatz zu Deutschen bereit, jede Arbeit, die von ihnen verlangt wurde, zu erledigen, auch schwere und schmutzige und so wenig Geld wie möglich auszugeben. Die Gastarbeiter lebten in heruntergekommenen Baracken in Form von Arbeiterwohnheimen oder Gemeinschaftsunterkünften abseits der deutschen Bevölkerung.40

Nach 13 Jahren hat die Bundesrepublik Deutschland den Anwerbestopp deklariert, da keine weiteren Arbeiter mehr nötig waren. So begann die dritte Phase der Migration im Jahr 1973 und endete 1989. Der Anwerbestopp hatte den Effekt des rasch gewollten Familiennachzugs der schon in Deutschland lebenden ausländischen Arbeiter. Ihnen wurde bewusst, dass es nach der geleisteten Arbeit keine erneuerte Rückkehr geben würde und sie strebten die Verlegung des Lebensmittelpunkt der ganzen Familie nach Deutschland an.41

Durch die Maßnahme der Deutschen erfolgte eine Senkung der ausländischen Arbeitskräfte von 2,6 Millionen Erwerbstätigen im Jahr 1973 auf 1,7 Millionen Erwerbstätige im Jahr 1989, jedoch stieg die Anzahl der ausländischen Bevölkerung von 3,97 Millionen Menschen im Jahr 1973 auf 4,9 Millionen Menschen (1989). Somit änderte sich die Bevölkerungszusammensetzung in Deutschland drastisch. Nun waren es nicht mehr überwiegend arbeitswillige ausländische Männer, sondern neben diesen auch viele ausländische Frauen und Kinder, die in Deutschland lebten. Die Familien wohnten in Stadtviertel mit schlechten Wohnbedingungen, dies lag daran, dass sie sich günstige Wohnungen suchten, um Geld für die Rückkehr zu sparen. Ein weiterer Grund dafür war die Ablehnung der Familien als Mieter von deutschen Vermietern. Mit dem Zuzug der Zuwanderer zogen viele Deutsche aus den Stadtteilen weg, sie betrachteten diese Viertel als minderwertig. Es bildeten sich die so genannten „Wohnghettos“, da nur noch Migranten in diese Viertel zogen.42

Die vierte Phase beschreibt die Zeit vom Jahr 1989 bis heute. Bis zum Jahr 2000 bezeichnete sich die Bundesregierung nicht als Einwanderungsland. Deutschland sah sich lediglich als ein Zuwanderungsland aufgrund der statistischen Realität. Folglich war es für die Regierung nicht nötig, die Einwanderung entsprechend zu fördern43. Die immer größer werdenden ausländischen Familien und ihre lange Bleibedauer, die meist über 10 Jahre verlief, war für die Politiker nur ein „Übergangsproblem, das sich mit der Zeit von selbst lösen werde.“44 Jedoch fühlten sich die Einwanderer immer wohler in Deutschland, die Kinder besuchten die Schule, machten ihre Abschlüsse und schlossen auch Ausbildungen oder ein Studium ab, sie hatten sich in der Gesellschaft sozialisiert.45

Ende der 90er Jahre bekannte sich Deutschland erstmalig unter der neuen rot- grünen Koalition zum Einwanderungsland. Und startete die „Nullerjahre“ mit der Reform des Staatsangehörigkeitsrecht. Von nun an haben auch Personen mit einem Migrationshintergrund das Recht Deutsche zu sein. Es galt nicht mehr wie bisher das Abstammungsprinzip, sondern das Prinzip des Geburtsrechts. Somit erhält jedes Kind mit ausländischen Eltern, welches in Deutschland geboren ist, die deutsche Staatsangehörigkeit. Darüber hinaus war es Migranten ab diesem Zeitpunkt auch möglich eine doppelte Staatsangehörigkeit, bedingt bis zum 21. Lebensjahr, zu erhalten. Die Idee hinter der Staatsangehörigkeitsreform, war ein Baustein zur Förderung der Integration von Migranten und sie gleichzeitig in der Gesellschaft mit allen Rechten teilhaben zu lassen.46

Auch das Zuwanderungsgesetz wurde in den Jahren 2001 bis 2004 neu erarbeitet und reformiert und lockerte somit den seit 1973 erlassenen Anwerbestopp. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder deklarierte zu dieser Zeit, dass ausländische Arbeiter relevant und wünschenswert für den deutschen Arbeitsmarkt sind.47

Nach langen politischen Diskussionen erschien im Januar 2005 das neue Zuwanderungsgesetz in dem per Gesetz die Förderung der Integration von Migranten als eine staatliche Angelegenheit bekannt wird und somit eine Schwerpunktaufgabe bildet, beispielsweise wurden unzählige Sprachkurse bundesweit angeboten.48 Um dieser Aufgabe gerecht zu werden entwickelte die Bundesrepublik verschiedene Integrationsgipfel unter anderem den Integrationsplan (NIP), hier treffen sich Akteure aus Politik, Gewerkschaften, Arbeitgeber, Sport- und Migrantenverbände im Bundeskanzleramt um die bundesweiten Probleme, Erflog und Ziele der Integration zu thematisieren und zu behandeln. Auch die Deutsche Islamkonferenz (DIK) ist einer dieser Gipfel, hier wurden die Möglichkeiten und Wünsche der muslimischen Bevölkerung in Deutschland behandelt. Beispielsweise der Bau von Moscheen oder der Religionsunterricht in Schulen. Bis ins Jahr 2015 erfolgten Acht solcher Integrationsgipfel.49

Doch es ging nicht immer vorwärts mit der Integration, die Sarrazin-Debatte 2010 spaltete Deutschland in der Thematik Integrationspolitik. Mit der Veröffentlichung des Buches „Deutschland schafft sich ab - Wie wir unser Land aufs Spiel setzten“ vom ehemaligen Berliner Finanzsenator, Thilo Sarrazin, der auch ein ehemaliges Vorstandsmitglied der Bundesbank und SPD Mitglied ist, kam die Integrationspolitik ins Schwanken. Für Sarrazin sind Migranten nicht nötig, denn sie zerstören die deutsche Kultur. Auch wenn viele Studien und Datenabgleiche Sarrazins Aussagen wiederlegen, bekennen sich die Politiker Deutschlands zu dieser Zeit zu einem Misserfolg der Integration. Die Bundeskanzlerin Merkel erklärt Multikulti für „gescheitert“ CSU-Vorsitzender Seehofer für „tot“.50

Neben einer großen Anzahl an Zuwanderern gibt es auch immer eine große Anzahl an Auswanderern. Seit Ende der 1990er Jahre übersteigt jedoch die Anzahl der Zuwanderer die der Auswanderer. Im Jahr 2012 migrierten knapp eine Millionen Menschen nach Deutschland, während circa 700.000 Personen das Land verließen.51

Aktuell wurde eine neue politische Diskussion bezüglich der Flüchtlingskrise entfacht. In den Jahren 2015 bis Mitte 2019 haben gut 1,8 Millionen Menschen einen Asylantrag in Deutschland gestellt. Auch die Integrationsfrage ist in der Politik und der Gesellschaft seitdem wieder sehr aktuell. Um den hohen Zuzug schnell unter Kontrolle zu bekommen wurden unzählige Gesetzesänderungen zum Thema Migration und Integration getätigt.

2.5 Zahlen in Deutschland

Nach dem Stand vom 31.12.2018 ist die Ausländeranzahl auf rund 10,9 Millionen Menschen zum Vorjahr gestiegen. Den Informationen des Statischen Bundesamtes zufolge sind davon 266.000 Ausländer mit einem Aufenthaltstitel zur Erwerbstätigkeit in Deutschland aus Ländern, die nicht zur Europäischen Union gehören. Die Wachstumsrate der erwerbswilligen Ausländer steigt seit drei Jahren kontinuierlich um 20%. Die Hauptherkunftsländer dieser Gruppe sind Indien mit 12%, China mit 9%, Bosnien und Herzegowina mit 8% und die Vereinigten Staaten mit 7%.52

Während den Jahren 2013 bis Mitte 2018 migrierten über 8,2 Millionen Menschen in die Bundesrepublik Deutschland. Parallel dazu wanderten viele Menschen aus Deutschland aus. Somit belief sich die Summe der Eingewanderten auf über 3 Millionen Menschen von denen circa 1,8 Millionen Personen einen Asylantrag gestellt haben.53 Diese Zuwanderung erreichte die höchste Stufe der Geschichte Deutschlands. Allein im Jahr 2015 wanderten 890.000 Flüchtlinge nach Deutschland. Das Ausmaß dieser Zuwanderung war unerwartet, die Verwaltungen und Gesetzgebungen waren nicht darauf vorbereitet. In ganz Europa herrschte eine Krise, die so genannte „Flüchtlingskrise“.54 Durch die Maßnahmen der Transitländer, außereuropäischen und europäischen Aufnahmeländer, in Form von Schließungen der Grenzübergänge und verschärften Kontrollen sank die Einwandererzahl Ende 2018 rapide.55 Der Ausländeranteil in Deutschland stieg aufgrund der Flüchtlingswelle weiter auf 12%.56

In der folgenden Statistik wird verdeutlicht, dass Deutschland sich immer mehr zu einem Einwanderungsland entwickelt hat und die Integration ein immer wichtig werdender Bestandteil der Gesellschaft wird. Die Anzahl der Ausländer in Deutschland steigt seit 1991 kontinuierlich. Von 1998 bis 2010 hält sich der Anteil der Migranten recht stabil. Im Jahr 2011 fällt der Prozentsatz auf 1%, jedoch steigt er im folgenden Jahr wieder wie bisher. Die Flüchtlingswelle ist anhand der rasch steigenden Prozentzahlen ab dem Jahr 2014 bis gut erkennbar.57

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Integration

3.1 Definition

Der Begriff Integration leitet sich aus dem lateinischen Wort „integratio“ ab, welches die Wiederherstellung eines Ganzen beziehungsweise einer Einheit bedeutet.58 Dieser Begriff wird aus gesellschaftlicher, politischer und auch wissenschaftlicher Sicht verschieden ausgelegt und hat somit keine einheitliche Definition. In der Gesellschaft und Politik wird unter Integration von Migranten, die Anpassung der eingewanderten Personen an die Aufnahmegesellschaft verstanden. Integriert ist eine Person, wenn sie die Aufnahmekultur als Leitkultur anerkennt. Aus staatlicher und bürokratischer Sicht wird Integration als „[...] Förderung der Eingliederung der ausländischen Familien durch politisch-administrative Maßnahmen“59 verstanden. Diese Maßnahmen beinhalten die Weiterentwicklung der Sprachkenntnisse sowie die Förderung der beruflichen als auch schulischen Bildung und zählen somit zu den „integrationsfördernden Maßnahmen“.60

Kirchen, Verbände und Initiativen, die sich mit Migranten beschäftigen, definieren Integration als die „Gleichberechtigung der Eingewanderten mit den Einheimischen“61. Nach Treibel ist das Verständnis des Integrations-Begriffs, der oben genannten unterschiedlichen Gruppierungen „[...] ein ganzes Bündel von Verhaltenserwartungen einerseits und politischer Programmatik andererseits“.62

In der Soziologie gehört Integration zu dem Begriffsfundament, sie bezieht sich nicht nur auf Personen, die einwandern, sondern auf die gesamte Gesellschaft. Integration beschreibt hier den „[...] Zusammenhalt von Teilen in einem systemischen Ganzen und die dadurch erzeugte Abgrenzung von einer unstrukturierten Umgebung“63, unabhängig davon welchen Grund dieser Zusammenhalt hat. Diese allgemeine Definition des Begriffs Integration beinhaltet zwei Einheiten, „[...] das System als Ganzheit und die Teile, die es binden“64, daraus differenziert der britische Soziologe David Lockwood die Integration in zwei Kategorien, Sozialintegration und Systemintegration.

Die Systemintegration handelt von der Integration des Systems einer Gesellschaft als Einheit, die Sozialintegration hingegen auf die Integration der einzelnen Bestandteile in das vorhandene System. Somit liegt der Fokus der Systemintegration auf dem System als Ganzes und bei der Sozialintegration auf den Teilen beziehungsweise Gruppierungen der Bevölkerung.65

3.2 Formen der Integration

3.2.1 Systemintegration

Die Systemintegration agiert im Vergleich zur, im nächsten Kapitel dargestellten, Sozialintegration unabhängig von den Absichten und Relationen der individuellen Akteure in einem sozialen System, sie stellt lediglich dessen Zusammenhalt dar und integriert das System. Solch eine Integration findet durch den Weltmarkt, den Staat oder große Konzerne statt. Die Akteure in diesen sozialen Systemen haben geringe Handlungsmöglichkeiten, sie können auch ohne ihre Einwilligung von den Großmächten in die Weltgesellschaft integriert werden. Somit ist eine Systemintegration auch ohne eine Sozialintegration möglich. Außerdem kann es eine enorme Systemintegration in einer Aufnahmegesellschaft geben, in der sich aber die fremdethnischen Gruppen und Personen nur in ihrem altbekannten Rahmen bewegen, und sich somit nicht sozial integrieren. Eine Durchmischung auf sozialer Ebene findet nicht statt.66

Die Systemintegration funktioniert aber nicht ganz ohne eine soziale Integration der Akteure. Zum Beispiel auf den Großmärkten, auf welchen die Akteure etwas anbieten oder erwerben wollen, hierfür sind Beziehungen und Kontakte nötig, ebenso die Kenntnis der Funktionssysteme der Gesellschaften, wie zum Beispiel die Handelsrechte. Auch bei den Organisationen spielen die Akteure eine Rolle, da nicht nur die Grundlagen der Organisationsregeln wichtig sind, sondern auch die Beziehungen der Akteure untereinander oder dass sich mit der Organisation identifizieren.67

3.2.2 Sozialintegration

Da es sich bei Migranten um Individuen handelt und sie kein ganzes geschlossenes System darstellen, soll der Fokus in dieser Arbeit auf der Sozialintegration liegen. Die Sozialintegration geht über das reine Funktionieren einer Gesellschaft hinaus. Vielmehr geht es darum, dass die einzelnen Akteure über soziale Einstellungen ein Gesamtsystem bilden und in Beziehung zueinanderstehen.68

Im Folgenden sollen nun die vier Dimensionen der Sozialintegration dargestellt werden. Die erste Form der Sozialintegration ist die „Kulturation“. Hierbei ist es notwendig, dass die Personen das nötige Wissen in Bezug auf die sozialen Normen des Systems besitzen oder sich aneignen. Dies bildet die Grundlage für soziale Interaktionen und bietet die Möglichkeit am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Dadurch kann man auch von einer kognitiven Sozialisation sprechen.69

Eine weitere Dimension ist die „Plazierung“, sie beschreibt die Besetzung einer Position. Der Akteur wird durch eine gesellschaftliche Position in ein soziales System einbezogen. Die Position besteht bereits und der Akteur wird dadurch eingegliedert. Dies kann die Besetzung einer Arbeitsstelle sein, aber auch die Verleihung von Rechten, zum Beispiel das Wahlrecht, das dem Akteur unterschiedliche Teilhabemöglichkeiten bietet und den Kontakt zu anderen Mitgliedern des Systems schafft. Die Platzierung stellt die beste Möglichkeit Kapital zu erlangen dar, sowohl ökonomisches als auch institutionelles, aber auch politisches Kapital. Diese Dimension hat eine bedeutende Stellung in der Sozialintegration, jedoch funktioniert sie nicht ohne die soziale Akzeptanz des Systems.70

Die dritte Variante, die Interaktion, beschreibt alle sozialen Beziehungen und Transaktionen unter den Mitgliedern. Diese sozialen Interaktionen geschehen über Regeln und normale Abläufe im sozialen Leben. Über Wissen und Symbole können die Akteure sich untereinander orientieren und Beziehungen bilden. Dies können Tauschgeschäfte von Gütern sein oder andere Formen des sozialen Miteinanders. Die Folgen davon sind kulturelles und soziales Kapital.71

Die letzte Dimension wird Identifikation genannt und demonstriert die innere Einstellung des Akteurs, der sich mit dem System als Einheit wahrnimmt. Es besteht ein Kollektiv, in dem der Akteur eine Beziehung zum System hat, beispielsweise den Nationalstolz.72

Die vier Dimensionen bilden einen Kausalzusammenhang. Eine gemeinsame Identifikation mit der Aufnahmegesellschaft ist nur dann möglich, wenn die Zugehörigkeit spürbar ist. Ein wichtiger Bestandteil dafür ist, dass die Teilhabe als positiv und erstrebenswert erachtet wird. Dies gelingt nur, wenn sich soziale Beziehungen bilden und eine Gemeinschaft entsteht. Voraussetzung hierfür sind, dass die notwenigen kulturellen Fertigkeiten, vor allem die Sprache, beherrscht werden. Ebenso ist es notwendig, dass die Aufnahmegesellschaft, den Migranten gegenüber Interesse zeigt und einen positiven Effekt daraus ziehen kann. Dafür ist wiederum eine attraktive und interessante Platzierung von Bedeutung, denn eine erfolgreiche „Kulturation“ kann nur funktionieren, wenn durch eine Platzierung unterschiedliche Lerngelegenheiten geboten werden und auch das soziale Interesse an Gesprächen gefördert wird, denn damit verschaffen sich die Akteure mehr Eigenschaften und Ressourcen. Jedoch werden solche Platzierungen nur dann geboten, wenn ein notwendiges Minimum an erfolgreicher „Kulturation“ vorhanden ist, wichtig ist der sprachliche Gebrauch und insbesondere das Verständnis für die grundlegenden Funktionen, die bei der Platzierung eingenommen werden müssen.73

Zur Veranschaulichung der unterschiedlichen Formen der Integration werden im folgenden Schaubild die verschiedenen Integrationsmöglichkeiten gesplittet dargestellt. Es werden die unterschiedlichen Ansätze und die wichtigsten Bedingungen der sozialen Integration verbildlicht.

Es existieren grundsätzlich zwei unterschiedliche Formen der Sozialintegration von Migranten. Die eine Art beschreibt das Funktionieren einer Gesellschaft, unabhängig davon, ob die Mitglieder der Gesellschaft eine homogene oder heterogene Gruppe darstellen. Der Zusammenhalt dieser Mitglieder ist gegeben. Dies entspricht der oben beschrieben Systemintegration. Zum anderen erfolgt die Sozialintegration von Migranten durch die Einbettung dieser in die Aufnahmegesellschaft, was durch unterschiedliche Arten geschehen kann, zum Beispiel in Form der Vergabe eines Arbeitsplatzes oder durch die Verleihung unterschiedlicher Rechte. Außerdem können auch ethnisch gemischte Kontakte dazu beitragen sowie die Identifikation mit dem Aufnahmeland.74 75

3.2.3 Sozialintegration der Migranten

Die Sozialintegration von Migranten lässt sich in drei verschiedene gesellschaftliche Systeme einteilen: Das Herkunftsland, das Aufnahmeland und die Herkunftsgemeinde im Aufnahmeland. Zu Beginn bezieht sich die soziale Integration eines Migranten unwillkürlich auf eines der genannten Systeme. Differenziert man jedoch zwischen der Herkunftsgesellschaft und der Aufnahmegesellschaft und untersucht, ob die Migranten jeweils in diesen sozial integriert sind, kann man zwischen vier bestimmten Typen der Sozialintegration von Migranten unterscheiden.76

Die erste Form der vier Typen ist die Mehrfachintegration, hier ist der Migrant in beiden Gesellschaften, sei es die Herkunftsgesellschaft oder auch die Aufnahmegesellschaft, gut integriert. Der zweite Typ der Integration ist die ethnische Segmentation. Diese Form der Sozialintegration der Migranten geschieht nur im binnenethnischen Milieu, der Migrant distanziert sich vollkommen von der Aufnahmegesellschaft.77

Die dritte Variante ist die Assimilation, sie bezieht sich nur auf die Integration in die Aufnahmegesellschaft. Der Migrant gleicht sich den Einheimischen an, in dem er die Werte und Gepflogenheiten annimmt und die seiner Herkunftsgesellschaft ablegt. Die klassische Assimilation als Integrationstyp wird als ein Prozess angesehen, der sich über Generationen hinweg zieht. Am Ende des Prozesses entsteht durch die Verschmelzung der Migranten in die Aufnahmegesellschaft eine überwiegend einheitliche Gesellschaft.78

Die Assimilationsprozesse kann man zwischen den Zyklusmodellen und den Generationenmodellen unterscheiden. Das Zyklusmodell wird als ein mehrstufiges, immer fortschreitendes Modell, jedoch ohne eine bestimmte Zeitangabe, beschrieben. Die Generationenmodelle hingegen grenzen sich auf eine Dauer von drei Jahren ein. Der letzte Typ ist die „Marginalität“, die den Ausschluss aus allen Gesellschaftsarten demonstriert. Der Akteur fühlt sich weder mit Herkunftsland noch mit dem Aufnahmeland verbunden. Er ist beiden Kulturen fremd. Besonders die erste Generation ist davon betroffen, sie lässt die alte Heimat hinter sich und besitzt gleichzeitig noch keine sozialen Fertigkeiten, die für eine Sozialintegration jedoch vorausgesetzt werden.79

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Formen der Sozialintegration. 80

Die Assimilation von Migranten bezeichnet Esser (2002) als die gelungenste Integration im Aufnahmeland. Nach ihm sei die Assimilation die einzige realisierbare und wünschenswerte Form der Integration. Andere Formen, wie die „Marginalität“, in der keine Sozialintegration stattfindet, lehnt er ab. Eine weitere Form, die er befürwortet, ist die Mehrfachintegration. Diese bewertet er jedoch als kaum realisierbar, da sie eine kulturelle und soziale Integration in gleich mehrere Gesellschaften erwartet. Andere Wissenschaftler weisen jedoch darauf hin, dass auch andere Integrationsmodelle erfolgreich sein können. Sie sehen als Grundvoraussetzung für die zu integrierende Person eine Kombination aus Handlungsorientierung und Partizipationsmöglichkeiten. Das bedeutet, um erfolgreich integriert zu werden bedarf es nicht nur eine kulturelle Orientierung, sondern auch unterschiedliche Formen der sozialen und politischen Teilhabe.80 81

Im Gegensatz dazu steht das Konzept des Multikulturalismus. Das Multikulturalismuskonzept zielt darauf ab, die unterschiedlichen Kulturen einer Gesellschaft zu tolerieren und zu fördern. Es soll zu gegenseitigem Respekt führen und wird durch politische Maßnahmen erreicht. Es steht im direkten Widerspruch zu der Assimilationstheorie. Vertreter des Multikulturalismus lehnen die Haltung einer einheitlichen Gesellschaft ab und befürworten eine Gesellschaft, die eine kulturelle Vielfalt aufweist. Gleichzeitig gebe es ein gemeinsames Fundament aus Werten und Prinzipien, auf dem das gemeinschaftliche Leben basiert. Hier kann es zwar zu Konflikten kommen. Die Grundwerte bilden jedoch, beispielsweise in Deutschland, das Grundgesetz oder andere normative Vorgaben.82

Die kulturelle Integration lässt sich in drei Gruppen einteilen, „interkulturell, multikulturell, und transkulturell. Multikulturalität ist „[...] die Zustandsbeschreibung einer Situation, in welcher verschiedene Kulturen mit- beziehungsweise nebeneinander bestehen, während Interkulturalität im Zusammentreffen verschiedener Kulturen den interaktiven Aspekt betont.“.83 Transkulturalität bedeutet, dass mehrere Kulturen ohne definierte Grenzen mit und ineinander integriert werden.84

3.3 Kultur

Um zu verstehen, worum sich die Frage nach Assimilation oder Multikulturalismus dreht, wird im Folgenden der Begriff der „Kultur“ erläutert.

Kulturen gehören zur Menschheit. Sie entsprechen nicht der Natur, sondern sind etwas Menschengemachtes. Kultur lässt sich gleichsetzen mit dem Begriff der Zivilisation. In jeder Gesellschaft gibt es spezifische selbsterschaffene Traditionen, Regeln und Gepflogenheiten, die an die nachkommende Generation weitergegeben werden sollen. Bei Kultur handelt es sich also um unterschiedliche Verhaltensvorgaben oder auch Symbole. Teil der Kultur sind beispielsweise die Religion, erarbeitetes Wissen oder Kunst. Gleichzeitig ist Kultur nichts Starres. Sie ist veränderbar, sie befindet sich in einem laufenden Prozess.85

Der Kulturwissenschaftler Alexander Thomas, kreiert eine differenzierte, aber auch anwendungsbezogene Erklärung für die Kultur. Laut ihm ist Kultur ein universelles Organisationssystem, welches „aus spezifischen Symbolen gebildet und in der jeweiligen Gesellschaft tradiert. Es beeinflusst das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln aller ihrer Mitglieder und definiert somit deren Zugehörigkeit zur Gesellschaft.86 Dieses Organisationssystem ist handlungsorientiert und dynamisch, denn mit der Zeit verändert sich die Gesellschaft und diverse Kulturen haben die Möglichkeit sich zu vermischen.87

3.4 Kulturelle Identität

Unterschiedliche Integrationstheorien haben den Anspruch an Migranten, dass die Herkunftskultur abgelegt wird und der Mensch mit der Kultur des Aufnahmelandes assimiliert. Es stellt sich die Frage, inwieweit dies überhaupt ganzheitlich möglich ist. Ein Mensch kann möglicherweise eine Sprache erlernen, Symbole lernen und anwenden oder durch eine Arbeitsstelle selbstständig leben. Gleichzeitig ist er jedoch über seine ganze Kindheit hinweg von seinem Heimatland und der Gesellschaft geprägt. Lässt sich eine Identität, ein Charakter ab einem gewissen Lebenszeitpunkt überhaupt noch verändern und ist dies für eine erfolgreiche Integration notwendig? Kann ein Mensch verschiedene Kulturen in einer „Identität“ vereinen?

Der Begriff Identität hat seinen Ursprung aus dem lateinischen Wort „idem“ welches „derselbe“ bedeutet. Heute wird Identität als die Echtheit einer Person oder auch psychologisch betrachtet als „Selbst“ wahrgenommene innere Einheit einer Person.88

Nach Erik Erikson, der den psychoanalytischen Ansatz der Identitätstheorien vertritt, entwickelt sich die Identität eines Menschen auf Grund eines gelungenen Durchlaufens verschiedener Entwicklungsstufen, die aufeinander aufbauen. Dieser Prozess verläuft ab dem Zeitpunkt der Geburt bis zum Erwachsenenalter. Bis dahin bildet sich nach Eriksons Theorie ein starker Identitätsgrundstein, welcher im Laufe des Lebens des Menschen an Festigkeit gewinnt. Dieses Modell der Identitätsbildung wird angesichts des streng voneinander abhängigen Stufenmodells stark diskutiert. Es stellt sich die Frage, ob „sich menschliche Entwicklungswege in ein solch linear angelegtes Stufenmodell eingrenzen lassen“.89

Eine weitere Theorie bietet Habermas. Sein Konzept differenziert zwischen persönlicher und sozialer Identität. Die persönliche Identität bildet sich in der kennzeichnenden Biografie, die soziale Identität eines Individuums hingegen im Zusammenschluss von diversen unvereinbaren Bezugsgruppen. „Während persönliche Identität so etwas wie die Kontinuität des „Ich“ in der Folge der wechselnden Zustände der Lebensgeschichte garantiert, wahrt die soziale Identität die Einheit in der Mannigfaltigkeit verschiedener Rollensysteme, die zur gleichen Zeit gekonnt sein müssen.“90 Damit ein Gleichgewicht zwischen den zwei Identitätstypen geschaffen wird, ist für Habermas die „Ich-Identität“ ausschlaggebend, welche sich durch soziale Beziehungen bildet. Demnach entwickelt die Vergesellschaftung die individuelle Identität. Je stärker die „Ich-Identität“ ist, desto besser kann das Individuum die Balance zwischen der persönlichen und sozialen Identität halten.91

Heute haben nach Ulrich Beck, im Gegensatz zu den zwei genannten Theorien, mehrere Faktoren einen Einfluss auf die Entwicklung der Identität, wie beispielsweise die Trennung aus traditionellen Gepflogenheiten, das Fehlen von Sicherheit oder der Verlust von Glauben und Normen. In der heutigen Zeit erfahren Menschen neue diverse Lebensformen und Möglichkeiten. Die Individualisierungsprozesse fordern die Menschen, sie verlangen einen Handlungsbedarf in Form von Entscheidungsfindungen, organisieren des Lebensverlaufes, das Erreichen und Entwickeln von Zielen und auch das Bewältigen von Hürden. „Sie brauchen Initiative, Zähigkeit, Flexibilität und Frustrationstoleranz“.92 Aufgrund dessen beläuft sich der Identitätsprozess im Gegensatz zu Erikson und Habermas auf das ganze Leben. Die Identität eines Individuums bildet sich in einem lebenslangen Prozess.93

Neben der allgemeinen Identitätsfrage ist für diese Arbeit die kulturelle Identität relevant. Von Geburt an befinden sich Menschen in einer Kultur. Ihre Lebensweise und ihr Handeln wird von dieser geleitet und geprägt. Die kulturelle Identität definiert sich durch die Zugehörigkeit einer Gesellschaft. Diese kann von ihrer Größe variieren und sich auf die unterschiedlichsten Gruppen, wie zum Beispiel die Nachbarschaft, die Region oder auch das Land beziehen.94

Durch Migration können verschiedene kulturelle Werte und Normen, die Teil einer jeden Identität sind, durch Akkulturationsprozesse in Konflikt miteinander geraten. Durch Enkulturation, also das Hereingeborenwerden in eine bestimmte Kultur, wird ein Mensch sozialisiert. Durch Migration werden diese Sozialisierungen in Frage gestellt beziehungsweise neu orientiert. Damit gerät auch die eigene Identität eines Migranten in einen Veränderungsprozess. Man kann hierbei auch von einer weiteren Sozialisation sprechen. Dies betrifft hauptsächlich Migranten der ersten Generation.

Migranten der zweiten Generation werden automatisch in zwei Kulturen sozialisiert, man spricht hierbei von einer „bikulturellen Sozialisation“. Diese kann sich sehr individuell gestalten. Faktoren hierbei sind beispielsweise die Sprache in der Familie und der Gesellschaft, das Bildungsniveau oder die Kindergartenbesuche. Dies führt zu einer Vielzahl von pluralen Lebensorientierungen, was für viele Migranten auch eine Schwierigkeit oder Stress darstellen kann. Sie orientieren sich an teilweise drei verschiedenen Einflüssen: der Kultur des Herkunftslandes, des Aufnahmelandes und der Kultur der ethnischen Gruppierung im Aufnahmeland. Es ist schwierig, eine eindeutige Identität zu entwickeln, hauptsächlich für junge Menschen mit Migrationshintergrund. Ein Migrant muss sich damit unterschiedlichen Fragen bezüglich der eigenen Werte und Normen auseinandersetzen, die sich aus den Werten der Eltern und des Herkunftslandes und des Aufnahmelandes zusammensetzen, wie zum Beispiel „Trage ich als türkisches Mädchen ein Kopftuch in Deutschland?“. Diese Auseinandersetzung mit der eigenen Identität stellt ein wichtiges Merkmal einer multikulturellen Gesellschaft dar, die Raum für die unterschiedliche Lebensvorstellungen bieten muss.95

Letztlich lässt sich nicht genau definieren, was genau der kulturellen Identität beizumessen ist und was nicht. So lässt sich zum Beispiel auch nicht eindeutig zuweisen, ob eine bestimmte Charaktereigenschaft wie Ehrgeiz einer kulturellen Identifikation entspringt oder es sich „lediglich“ um einen individuellen Charakterzug handelt. Erschwerend kommt die Identifikation der Umwelt hinzu, während eine ausländisch stämmige Person hierzulande ganz selbstverständlich als Migrant, zumindest jedoch als Person mit Migrationshintergrund betrachtet wird, wird eben diese Person in der Regel in ihrem Herkunftsland als der oder die Deutsche betrachtet. So kommt man in diesem Zusammenhang nicht daran vorbei, sich folgende Fragen zu stellen: Wo liegen die Grenzen und Hürden einer kulturellen Identifikation und wer bestimmt diese?

Ein aktuelles medial weit verbreitetes Beispiel für die Zerrissenheit hinsichtlich der eigenen Identität, stellt der Ex-Fußballnationalspieler Mesut Özil dar. Dieser beschreibt Gefühle und Wahrnehmungen, die für die Kinder von Auswanderern nicht untypisch sind.

Nachdem dieser jahrelang erfolgreich für die deutsche Nationalmannschaft spielte, bekannte er sich mittels eines gemeinsamen Fotos, zu dem im Westen stark kritisierten Staatsoberhauptes der Türkei, Recep Tayyip Erdogan und bezeichnete ihn als „seinen Präsidenten“. Daraufhin kam es zur Debatte. Viele kritisierten seine Aussage, auch weil diese impliziert, dass er sich mit der Türkei mehr, wenn nicht sogar ausschließlich identifiziert. In Folge dessen verließ Özil die deutsche Nationalmannschaft mit der Botschaft „Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren.“96

4. Integration als Aufgabe der Politik

4.1 Staat

Wie im zweiten Kapitel bereits erläutert, hat sich die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2000 zum Einwanderungsland bekannt. Im Bereich der Migration- und Integrationspolitik kann jedoch nicht nur das nationale Gesetz betrachtet werden. Auch das Recht der Europäischen Union hat einen Einfluss auf die Migrations- und Integrationspolitik des Bundes. Ein wichtiger Bestandteil ist beispielsweise die Genfer Flüchtlingskonvention, welche die Basis des internationalen Flüchtlingsrechts bildet. Sie erklärt welche Merkmale ein Mensch haben muss, um als Flüchtling anerkannt zu werden und somit ein Recht auf Asyl zu haben. Unter Einhaltung aller Vorgaben des EU-Rechts, die an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden sollen, haben die einzelnen Staaten unterschiedliche Gesetze entwickeln, sie verfolgen eine eigene Einwanderungspolitik.97

Die Bundesrepublik Deutschland hat viele verschiedene Ministerien, die sich mit der Migrations- und Integrationspolitik beschäftigen. Das Bundesministerium des Inneren (BMI) ist für das Aufenthaltsrecht, das Freizügigkeitsgesetz, das Asyl- und Flüchtlingsrecht, das Staatsangehörigkeitsrecht und auch seit 2005 für die Integrationsmaßnahmen zuständig. Weitere Ämter sind beispielsweise das Bundesamt für Migration und Integration, Das Bundesamt für Arbeit und Soziales, und auch seit 2015 das Bundeskanzleramt, das einen Arbeitsstab für Flüchtlingspolitik geschaffen hat. Es gibt viele weitere Ämter, die sich mit der Thematik der Migranten und ihrer Gesetzgebung beschäftigen.98

4.2 Land

Neben den bundesweiten Vorgaben haben die einzelnen Bundesländer in eingeschränkterem Rahmen die Möglichkeit, verschiedene politische Entscheidungen bezüglich der Integrationspolitik zu treffen. Es ist zu erwähnen, dass dieser politische Spielraum eher gering ist, da die EU- und bundesweiten Gesetze über den der einzelnen Bundesländer stehen. Trotzdem können hier beispielsweise Regelungen getroffen werden, in welcher Form Abschiebungen durchgeführt werden oder wie Einbürgerungen gestaltet werden soll.99

4.3 Kommunale Ebene

Auch auf kommunaler Ebene spielen politische Debatten über Integration eine große Rolle. Auf kommunaler Ebene haben Menschen die Möglichkeit, sich politisch oder ehrenamtlich zu engagieren. Integration kann nur gelingen, wenn auch das Aufnahmeland offen für die Migranten ist. Aus diesem Grund scheint der Autorin dieser Arbeit diese Ebene der Politik als besonders relevant.

Die Integration von Migranten ist für Städte und Gemeinden sehr wichtig, denn auf dieser Ebene erfolgt die spürbare Integration in die Gesellschaft, sei es beispielweise in das Bildungssystem oder in den Arbeitsmarkt. In den Stadtvierteln und der Nachbarschaft werden die Grundsteine für das respektvolle, vertrauenswürdige und gemeinsame Miteinander gelegt. Hier findet der direkte Austausch von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund statt. Erfolgreiche sowie misslungene Integration ist auf der kommunalen Ebene unmittelbar ersichtlich. Aufgrund dessen haben die Politiker der Kommunen ein hohes Interesse die Integration von Migranten zu fördern. Unter den Fördermaßnahmen befinden sich verschiedene Handlungsfelder wie zum Beispiel die Förderung der Sprache, das Integrieren in den Arbeitsmarkt und den Bildungseinrichtungen, die Sozialarbeit sowie die Quartiersentwicklung und auch die Bekämpfung von Rassismus und die Förderung der politischen Teilhabe.100

Einen großen Wert auf erfolgreiche Integration legen die Kommunen in den Bereichen Kindergarten, Schule und Freizeit. Sie unterstützen viele Vereine und Gruppen, die einen interkulturellen Dialog suchen. Darüber hinaus fördern sie die Integrationsarbeit anderer Instanzen wie Kirchen, Moscheen oder auch Wohlfahrtsverbänden. Das Ausmaß der Entwicklungsförderung bezieht sich auf die örtlichen Gegebenheiten, wie beispielsweise Größe der Kommune, Migrantenanteil und die wirtschaftlichen Aspekte, auch die politische Zusammensetzung der Kommune, die Geschichte sowie die Initiativen bestimmter Personen und deren Zusammenarbeit spielen hierbei eine Rolle.101

Nicht zu vergessen ist jedoch, dass die Kommunen von Bund und Ländern sowie der Europäischen Union abhängig sind und somit der Handlungsspielraum und die Möglichkeiten der Integrationspolitik von diesen genannten Akteuren bestimmt sind. Seit dem Bund und Länder, Mitte der 2000er- Jahren die Initiative ergriffen haben, die Integrationspolitik neu auszurichten und zu fördern, ist in den Kommunen eine stets erstaunliche Weiterentwicklung der Integrationspolitik erlebbar.102

Die Städte, Gemeinden und Landkreise sehen die Zuwanderung von Menschen nicht mehr aus einem negativen Blickwinkel. Durch den demographischen Wandel sowie die mangelnden vorhandenen Fachkräfte als auch die Massenzuwanderung im Jahr 2015 betrachten die Kommunen, die Integration von Zugewanderten als eine bedeutende im Mittelpunkt stehenden Zukunftsaufgabe, welche die Zukunftschancen der ganzen Kommune betrifft und nicht mehr die einzelne soziale Integration von verschiedenen Bevölkerungsgruppen.103

Welche kommunalen Voraussetzungen für eine gelungene Integration getroffen werden können, wird in Kapitel 5.3.2 beschrieben.

[...]


1 Vgl. Treibel, A., 2011, S. 17 ff.

2 Oltmer, J., 2017, S. 57.

3 Vgl. Oltmer 2017a, S. 57 f.

4 Vgl. Treibel 2011, S. 20.

5 Vgl. Liakova 2017, S. 62.

6 Vgl. Liakova 2017, S. 62.

7 Liakova 2017, S. 62.

8 Vgl. Haug 2000, S. 2.

9 Vgl. Liakova 2017, S. 62.

10 Vgl. Treibel 2011, S. 39 f

11 Vgl. Liakova 2017, S. 62.

12 Vgl. Liakova 2017, S. 63.

13 Vgl. Liakova 2017, S. 63.

14 Vgl. Liakova 2017, S. 63 ff.

15 Vgl. Zwengel 2018, S. 26.

16 Vgl. Han 2016, S. 85.

17 Grote 2017, S. 5.

18 Vgl. Grundgesetz, Art.116, Abs.2

19 Vgl. Grundgesetz, Art.116, Abs.2

20 Vgl. Keim 2003, S. 57.

21 Vgl. Han 2016, S. 93.

22 Vgl. GFK Art. 1, Kap. A, Abs. 2

23 Vgl. Han 2016, S. 95 f.

24 Vgl. Han 2016, S. 107 f.

25 Destatis 2018, S. 4.

26 Destatis 2018, S. 4.

27 Vgl. Destatis 2019.

28 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2018a.

29 Vgl. Keim 2003, S. 45.

30 Vgl. Keim 2003, S. 45.

31 Vgl. Keim 2003, S. 46 f

32 Vgl. Keim 2003, S. 46.

33 Vgl. Keim 2003, S. 46 f

34 Vgl. Oltmer 2017b, S. 66.

35 Vgl. Oltmer 2017b, S. 66.

36 Vgl. DGB-Bildungswerk Tühringen e.V 2008, Kapitel C8.

37 Vgl. Keim 2003, S. 48 f

38 Vgl. DGB-Bildungswerk Tühringen e.V 2008, Kapitel C8.

39 Vgl. Keim 2003, S. 49.

40 Vgl. Keim 2003, S. 50.

41 Vgl. Keim 2003, S. 50.

42 Vgl. Keim 2003, S. 51.

43 Vgl. Oltmer 2017c, S. 73.

44 Vgl. Santel & Weber 2000, S. 111.

45 Vgl. Ennigkeit 2008, S. 92 f.

46 Vgl. Ennigkeit 2008, S. 92 f.

47 Vgl. Ennigkeit 2008, S. 96.

48 Vgl. Ennigkeit 2008, S. 97 ff.

49 Vgl. Meier-Braun 2017a, S. 18 f.

50 Vgl. Meier-Braun 2017a, S. 19 ff.

51 Vgl. Göbel & Buchwald 2017, S. 26 f.

52 Vgl. Statistisches Bundesamt 2019b.

53 Vgl. Sachverständigenrat deutscher Stiftung für Integration und Migration 2019, S. 4.

54 Vgl. Sachverständigenrat deutscher Stiftung für Integration und Migration 2019, S. 4.

55 Vgl. Sachverständigenrat deutscher Stiftung für Integration und Migration 2019, S. 5.

56 Statistisches Bundesamt 2019a

57 Stiftung für Integration und Migration 2019, S. 4.

58 Vgl. Duden 2019a.

59 Treibel 2011, S. 60.

60 Vgl. Treibel 2011, S. 61.

61 Treibel 2011, S. 61

62 Treibel 2011, S. 64

63 Esser 2002, S. 261

64 Esser 2001, S. 3

65 Vgl. Esser 2001, S. 3 f.

66 Vgl. Esser 2001, S. 6.

67 Vgl. Esser 2001, S. 5.

68 Vgl. Esser 2002, S. 271.

69 Vgl. Esser 2002, S. 272.

70 Vgl. Esser 2002, S. 273.

71 Vgl. Esser 2002, S. 274.

72 vgl. Esser 2002, S. 274 f.

73 Vgl. Esser 2001, S. 17.

74 Eigene Darstellung in Anlehnung an Esser (2002)

75 Vgl. Esser 2002, S. 286.

76 Vgl. Esser 2002, S. 286

77 Vgl. Esser 2002, S. 287.

78 vgl. Bolat 2016, S. 33

79 Vgl. Esser 2002, S. 287.

80 Eigene Darstellung in Anlehnung an Esser (2000)

81 Vgl. Athanassiadou 2014, S. 34 f.

82 Vgl. Ennigkeit 2008, S. 30 ff.

83 Over 2012, S. 61.

84 Vgl. Göbel, K., & Buchwald, P., 2017, S. 72.

85 Vgl. Düsener 2010, S. 63 ff.

86 Vgl Genkova, Ringeisen & Leong 2013, S. 42.

87 Vgl. Zwengel 2018, S. 95 f

88 Duden 2019b.

89 Vgl. Düsener 2010, S. 47 f.

90 Habermas 2004, S. 131.

91 Vgl. Düsener 2010, S. 49.

92 Beck & Beck-Gernsheim 1994, S. 14.

93 Vgl. Düsener 2010, S. 49-52.

94 Vgl. Düsener 2010, S. 65.

95 Vgl. Over 2012, S. 22 ff.

96 Vgl. Schlötzer 2019.

97 Vgl. GEIß 2017, S. 267 f.

98 Vgl. GEIß 2017, S. 267 f.

99 Vgl. Weiss & Alan 2017, S. 270 f.

100 Vgl. Gesemann 2017a, S. 273 f.

101 Vgl. Gesemann 2017a, S. 274.

102 Vgl. Gesemann 2017a, S. 274 f.

103 Vgl. Gesemann 2017a, S. 275 f.

Ende der Leseprobe aus 130 Seiten

Details

Titel
Wir schaffen das, oder nicht? Integration von Migrantinnen und Migranten in Deutschland
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg Heidenheim, früher: Berufsakademie Heidenheim
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
130
Katalognummer
V947681
ISBN (eBook)
9783346292735
ISBN (Buch)
9783346292742
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Integration, Migration, Ausländer, Flüchtlinge
Arbeit zitieren
Sarah Daoudi (Autor), 2019, Wir schaffen das, oder nicht? Integration von Migrantinnen und Migranten in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/947681

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