Fragmente und kleine Prosa. Matthias Claudius' Am Karfreitagmorgen, Impetus Philosophicus, Was ich wohl mag, Im Junius, Von Projekten und Projektmachern, Über den Vorzug der Gelehrten


Seminararbeit, 1998

10 Seiten, Note: 1,3


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1. Einleitung

Die vorliegenden Texte stammen aus „Asmus omnia fua secum portans oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen I. und II. Theil. Hamburg und Wandsbeck. 1775.“, einem von Claudius herausgegebenen Sammelwerk, dessen überwiegender Teil eine Auswahl aus seinem Schaffen für den „Wandsbecker Bothen“ ist, einer moralischen Wochenzeitschrift, die er von 1770 bis 1775 als Redakteur leitete. Ebenfalls sind einige seiner Beiträge für die Hamburgischen „Adreß-Comtoir-Nachrichten“ und den „Göttinger Musenalmanach“ und wenige neue Stücke enthalten. In den prosaischen Beiträgen werden die verschiedensten Themenbereiche aus Theologie, Philosophie und der allgemein-kulturellen Szene erörtert.

Die Texte werden dabei durch die von Claudius gewählte redaktionelle Rolle eines „Bothen“ zusammengehalten. Diese Figur - der einfache Mann aus dem Volk - wird charakterisiert durch eine volkstümliche, vertraulich-mitteilsame Sprachhaltung, die für Nachlässigkeit, Ungekünsteltheit, Einfachheit und Naivität steht. Diese Stilmerkmale gelten „nach dem Urteil der zeitgenössischen Ästhetik als Ausweis einer bestimmten ethischen Haltung, der Authentizität“1, von Claudius als „ästhetische Ehrlichkeit“ bezeichnet. Die Sprache steht damit im Gegensatz zum Inhalt der Feuilletonbeiträge und präsentiert den überwiegend bürgerlichen Rezipienten ein Vorbild, daßihnen nicht, wie sonst üblich, gleich- oder höhergestellt ist, sondern unterhalb des eigenen Status steht.

„Der * unter einem Stück will sagen, daßdas Stück in meiner Mundart sei. In den Stücken ohne Stern hab ich mich mehr nach meinem Vetter gerichtet, und von diesen Stücken pfleg ich auch wohl vel quasi zu sagen, daßmein Vetter sich in diesen Stücken nach niemand und in denen mit * nach mir und meinem Botenstab gefügt habe; ist alles eins.“2

Wie das Zitat zeigt, differenziert sich die erdichtete Botenrolle durch die Figur des Vetters, die durch ihre Gelehrsamkeit und Bildung im bewußten Widerspiel zur Fiktion naiver Bescheidenheit des „Bothen“ steht, jedoch nicht isoliert betrachtet werden kann („ist alles eins“). Beide Rollen des Autors haben ihre Funktion im Werk.

Die zu analysierenden Prosatexte gliedern sich somit in „Am Karfreitagmorgen“, „Was ich wohl mag“, „Im Junius“ und „Über den Vorzug der Gelehrten“ auf der eine Seite, „Impetus Philosophicus“ und „Von Projekten und Projektmachern“ auf der anderen Seite.

2. Analyse der einzelnen Texte

2.1 Am Karfreitagmorgen (Wandsbecker Bothe. 1771.)

Diese Skizze richtet den Blick des Lesers, wie der Titel und die im Text gegebenen Hinweise („vor tausendachthundert Jahren“) nahelegen, auf die Passionsgeschichte. Das Stück gliedert sich in die reine Wiedergabe des Naturerlebnisses in den ersten beiden Sätzen und die sich daraus ergebene Reflexion über den bedeutungsvollen Zeitpunkt des Spazierganges, nämlich die Nacht zum Karfreitag, im letzten Satz. Daraus ergibt sich auch der im Mittelpunkt des Textes stehende Gegensatz zwischen einer „schön(en)“, „freundlichen“ Natur und dem durch Menschen verursachten „Leid“ eines „unschuldigen“ Mannes. Dieser Widerspruch, der in dem Geschehen selbst schon vorhanden ist, verschärft sich noch durch die Tatsache der textinternen Anspielungen auf das geistliche Wissen der Rezipienten, die in dem geschilderten Szenario natürlich die Gefangennahme Jesu in Gethsemane erkennen müssen. Durch das Erkennen der Natur als Schöpfung Gottes und des leidenden Menschen als Gottes Sohn erfährt das Geschilderte eine weitere Steigerung. Ausgeklammert bleibt bei der Textbedeutung jedoch der geistliche Aspekt der zitierten biblischen Überlieferung, vielmehr wird das Geschehen von Claudius bewußt aus dem kirlich-symbolischen Kontext genommen und dem Leser als rein menschliche Begebenheit wiedergegeben. Dadurch ergibt sich eine stärkere Betonung des Eigenwert der Ereignisse. Die unausgesprochene geistliche Dimension liegt über dem Text und ist nur unmittelbar zu erkennen.

Am Ende des Textes folgt nach dem Ausrufezeichen noch ein unauffällig gesetzter Gedankenstrich, durch den der Leser über die Erzählung hinausgeführt wird: „Man nennt dergleichen Gedankenstriche, und sie bedeuten, entweder, daßman gerne mehr sagen wollte und nicht kann, oder daßman mehr sagen könnte und nicht will.“3. Zum einen wird hierdurch zur Deutung aufgefordert, der Leser wird durch das abrupte, ihn „allein lassende“ Ende förmlich zum Weiterdenken gezwungen; andererseits ergibt sich auch eine Appellfunktion: Unrecht geschah vor 1800 Jahren und geschieht auch zur Zeit des Lesens noch, der Mensch erscheint respektlos in Bezug auf die Natur und seine Mitmenschen; das von Claudius durch seinen Text angeregte Nach- und Überdenken soll ein Schritt zur Änderung von Verhaltensweisen des Lesers sein.

2.2 Was ich wohl mag (Wandsbecker Bothe. 1772.)

In diesem Text werden die Erfahrung des Todes und die damit verbundenen Reaktionen, zum einem die konventionellen der „Leut“, andererseits die davon abweichende des Boten, dargestellt. Dessen ungewöhnliche Bewertung des Todes beginnt schon mit der seiner Aussage , daßer „wohl Begraben mit ansehn“ mag, wobei sich „Begraben“ hier in erster Linie auf das Beobachten der Menschen auf Beerdigungen bezieht. Zum Tod scheint er ein für den Leser zunächst sonderbar wirkendes Verhältnis zu haben, statt dem Gefühl der Trauer empfindet er „eigentlich“ Freude, einzig die Reaktion der Leute rührt ihn ein wenig, wobei eine Zurückhaltung des Gefühlsausdrucks zu beobachten ist.

Auch der Sprachgebrauch des Boten stellt meiner Meinung nach einen starken Kontrast zur konventionellen Bewertung des Todes her, so vor allem durch die Beschreibung des Toten („liegt er doch nun und hat Ruhe“). Das an ein biblisches Auferstehungsgleichnis erinnernde Bild der Weizensaat deutet dann auch erstmals auf den Grund seiner Haltung: die Erkenntnis der körperlichen Vergänglichkeit, der man nicht ausweichen kann, die aber trotzdem (oder auch deswegen) von den Menschen verdrängt wird. Hier weist Claudius durch die Botenfigur auf diese Flucht vor dem Tod als „härtester Repräsentant der Realität“4 hin, die eine Entfremdung von einem natürlichen Vorgang bedeutet („weißnicht warum“). Die folgende Beschreibung der Leiche, ihr „heiliger schöner Anblick“, und besonders die Bezeichnung der Verwesung als „Halsgeschmeide“, betonen erneut die physische Seite des Todes, jedoch kommt es hier zu einer Umwandlung des Negativen, indem der Hinweis auf eine andere Auslegungsmöglichkeit der menschlichen Erfahrung erscheint: die körperliche Realität wird überlagert durch die geistige Dimension, die den Tod zum Augenblick der Wiedergeburt macht („Hahnengeschrei zur Auferstehung“).

Im Text setzt sich die nüchterne Sicht der natürlichen Faktizität des Todes gegen seine konventionelle Deutung durch, wobei die Erfahrung des Todes auf einer unpersönlichen Ebene geschildert wird. Der Empfindung wird zwar durchaus ein Recht zugestanden, der Umgang mit der unausweichlichen Tatsache des Todes scheint hier jedoch frei gemacht von der Erfahrung eines persönlichen Verlustes, sie wird ausgeklammert, um den Blick auf das Reale des Todesgeschehens zu lenken.

Es lassen sich zwei unterschiedliche Intentionen Claudius’ vermuten: die recht deutliche und indirekt mitgeteilte Abwehr von Sentimentalität („aber eigentlich bin ich doch fröhlich“), die von ihm offensichtlich als ein Beschönigungs- oder sogar als Verleugnungsversuch gewertet wird, und die Absicht, der unabänderlichen Realität des Todes standzuhalten („Spuren der Verwesung“) und sich von ihr zu einer illusionslosen, ehrlichen Betrachtung der Welt zwingen zu lassen. So findet sich hier nach konventioneller Sicht zunächst nicht unmittelbar der erwartete Trost; derjenige, der sich durch den Text Stärkung erhofft, wird ihn erst einmal wenig pietätvoll empfinden, aber gerade dadurch zur Reflexion über die Worte des Dichters angeregt. Denn das Gefühl der Trauer soll nicht brüskiert werden, vielmehr geht es um den tradierten Umgang mit dem Thema Tod, der Furcht und Mitleid impliziert, und es dadurch nicht zu der hierüber nötigen Auseinandersetzung kommen läßt - und das wird von Claudius mittelbar durch den Text kritisiert.

2.3 Im Junius (Wandsbecker Bothe. 1772.)

In dieser kurzen, empfindsamen Prosaskizze wird die Natur zunächst durch einzelne, typische Momente beschrieben: ein blühender Dornstrauch, Gras und Blumen, Wald, ein singender Vogel, Kornähren, „fruchtbarer“ Regen. Durch das eingesetzte Stilmittel der Parataxe erhält jedes Detail die gleiche Bewunderung und Aufmerksamkeit, ist alles gleich „dankenswert“. Ebenso dient es als syntaktisches Korrelat für Haltung und Stil des „gemeinen Mannes, des würklich sinnlichen Menschen“.

Durch Verben wie „blüht“, „pranget“, „schießt“ etc. vermittelt die Beschreibung einen erstaunlich lebendigen Naturcharakter, der dem Leser auf eine sehr emotionale Weise begegnet. Durch die geschilderte, unmittelbare Begegnung mit der Natur soll kein Abbild der sichtbaren Wirklichkeit gegeben, sondern ein Zugang zur Natur ermöglicht werden. Die staunende Freude des Sprechenden, des Boten, über das Erleben der aufwachenden Frühlingsnatur endet mit einem Gedankenstrich, dem als pars pro toto der Anfang eines Kirchenliedes von Paul Gerhardt5 folgt (als Zitatzeichen gebraucht Claudius das „etc.“).

Hier wird der Leser durch den Hinweis auf den „Schöpfer aller Dinge“ über die bloße Naturbetrachtung und -bewunderung hinausgeführt: die empfundenen Natureindrücke werden in einen theologischen Zusammenhang gebracht, „zu einer religiösen Erfahrung vertieft“6.

Am Ende des Textes kommt Claudius jedoch wieder auf die Natur zurück, sie erscheint jetzt personifiziert („stehe [...] am Wege“) und bleibt erfaßbar, in offensichtlicher Differenz zu ihrem Schöpfer, dessen Erscheinen nur möglich ist („als ob“). Das läßt auf die Bewertung der Natur als etwas eigenständiges schließen: ihre Beschreibung dient nicht nur dem Lob Gottes, noch wird sie ihm gleichgesetzt, vielmehr hat sie für sich selbst einen Wert, wie hier an ihrer Wirkung auf das Gemüt des naiven Sprechers aufgezeigt wird.

2.4 Über den Vorzug der Gelehrten (Wandsbecker Bothe. 1774.)

Der - im Gegensatz zu den anderen - recht ausführliche Text über den „Vorzug der Gelehrten“ gliedert sich in mehrere Abschnitte: zunächst betrachtet Claudius in der Figur des Boten die „Leidenschaften“ der „gemeinen Leut“. Ausgangspunkt hierfür ist ein (fiktiver) Streit, der sich anscheinend wider besseren Wissens ereignete und dadurch für den Boten zum Ärgernis geworden ist. Streit und Emotionen werden als Merkmale des einfachen, ungelehrten Volkes präsentiert. Jedoch fällt hier schon der stark ironisch Ton des Textes auf („Unserein’m ist’s wohl nicht zu verdenken; man versteht nichts Rechts“). Im folgenden kurzen Abschnitt geht es um den „Spielverderber“ Leidenschaft im Bezug auf das menschliche Leben, wobei der Umgang mit den Emotionen als „mühsam“ und „schwer“, aber ihre Zügelung gleichzeitig als möglich dargestellt wird, wie das Bacon- Zitat andeutet. Differenziert betrachtet werden müssen hier im Zusammenhang mit dem Thema des Textes die in der „Note aus’m Baco“ genannten unterschiedlichen „Mittel“ gegen das „heftige Übel“. Zum einen das Heilmittel für die „mittelmäßigen und plebejische Seelen“, d.h. die Bootsknechte des Odysseus (die gleichzusetzen sind mit den „gemeinen Leut“ aus dem ersten Abschnitt), zum anderen das „vorzüglichste Heilmittel“ des Orpheus, der als Repräsentant für die Gelehrten angesehen werden kann.

Durch einen Gedankenstrich abgetrennt schließt sich der dritte Teil des Textes an. Hier stellt der Bote erstaunt fest, daßdie Gelehrten, die Vertreter der Ratio, „auch zanken“, obwohl ihnen „mit der Philosophie“ „was Bessers“ gegeben ist, etwas, das sie vom Volk abhebt und einen fast übernatürlichen, magischen Charakter besitzt („daß[...] Klötz und Stein’ anfangen zu tanzen“). Dadurch müßten sie eigentlich erhaben sein über Streitigkeiten und deren niedrige Anlässe wie „Neid, Eitelkeit, Geiz, Wollust“. Der Ironie in der Schilderung des Boten kann man als Leser nicht ausweichen, durch die von Claudius verwendeten Übertreibungen werden die Gelehrten und ihr vermeintlich höherer Status offensichtlich ins Lächerliche gezogen.

Der vierte Abschnitte ist eine „Gleichung“ aus der Jugend des Boten. Auch hier geht es um Streitigkeiten, allerdings zwischen „Knaben“ , zu denen auch der junge Bote gehört. Diese Streitigkeiten drehten sich um ein Mädchen namens Rebekka bzw. um deren „Gunst“. Durch das Geständnis des Mädchens „unter vier Augen“, daßder Bote „‘s sei und [...] immer bleiben solle“, eröffnet sich diesem in den folgenden Streitereien eine völlig neue Perspektive, durch sein Wissen ist er den anderen jetzt natürlich überlegen und er verliert die „Lust [...] mitzuzanken“.

Beginnend mit der Aussage des Boten, daßdieses „alt Schäferdönchen“ gar nicht zu dem ursprünglich Thema des Textes paßt, reflektiert der letzte Teil noch einmal den vorherigen: denn selbstverständlich wird Claudius die Beispielgeschichte nicht zufällig in die Erzählung mit eingebracht haben. Vielmehr ist sie als „Gleichung“, wie der Text selbst sagt, anzusehen und somit auf den Gelehrtenstreit zu übertragen. Um diese Parallele aufzuzeigen, bezieht sich Claudius am Ende noch einmal zurück auf den dritten Teil, in dem er das dort eingeführte Persephone-Motiv wieder aufgreift.

Die Emotionen und Gefühle der Menschen, von Claudius als „Leidenschaften“ bezeichnet, werden in diesem Text in ihrem Verhältnis zur Vernunft dargestellt. Das von Natur aus ein Übergewicht des Gefühls vorhanden ist, wird an der Aussage über die einfachen Leute zu Beginn des Textes deutlich. Deren angenommene Natürlichkeit führt dazu, daßihre Leidenschaften sie oft „weiter ziehn als man gern wollte“, d.h. daßdas verstandesmäßige Handeln dem gefühlsmäßigen häufig unterlegen ist. Eine, wie die Aufklärung für sich propagierte, Proportionalität zwischen Verstand und Gefühl, so folgert der Bote, müßte also bei den Gelehrten eigentlich dazu führen, kontrolliert und affektfrei mit den auch bei ihnen vorhandenen Emotionen umzugehen. Auf die Tatsache, daßviele Gelehrte das Ungleichgewicht zwischen „Herz“ und „Kopf“ jetzt auf die Seite der Rationalität verschoben haben („die kennen doch was Bessers [...] Neid, Eitelkeit, Geiz, Wollust [...] da weiß’n Gelehrter nicht von“), weist der satirisch-ironische Ton Claudius’ kritisch hin. Trotzdem die „Herren Gelehrten“ sich ihres Verstandes so sehr bewußt sind, benehmen sich sich eher wie die unwissenden Knaben aus der Beispielgeschichte, die munter weiter zanken, als wie der sein Wissen und seinen Verstand gebrauchende junge Bote. Auf diesen Einsatz des Verstandes, das „Nachdenken“ zur Überwindung der „sinnlichen Lüste“, zielt auch das Gleichnis aus der griechischen Mythologie. Somit fordert Claudius hier durch die Figur des Boten, daßdie Gelehrten, wenn sie sich auch selbst als Vertreter des Rationalismus sehen und „Wissenschaft als höchste Ausprägung der menschlichen Vernunft“7 verstehen, sich nicht konträr zu ihren eigenen Prinzipien zu verhalten. Da der Text als Kommentar zum Streit zwischen dem Historiker Schlözer und Herder dient8, impliziert er auch die Forderung, die Veröffentlichung von wissenschaftlichen Arbeiten nicht zum Feld von überflüssigen Streitigkeiten zu machen. Hierzu schreibt Claudius in der Rezension zur Veröffentlichung von Schlözers „Universalhistorie. Zweiter Teil. 1773.“ (in der dieser vor allem den ihn kritisierenden Herder angreift und das eigentlich Thema aus den Augen verliert):

„Er zanke sich mit allen Rezensenten des heil. Römischen Reiches so viel er will, er habe Recht oder Unrecht, aber was geht mich sein Zank an, da ich Universalhistorie haben wollte?“9

Der „Vorzug der Gelehrten“, wie Claudius den Text überschreibt, ist diesen anscheinend nicht mehr bewußt, vielmehr wird angezweifelt, ob dieser überhaupt existiert, zumindest zeitweise „kann’s einem würklich so vorkommen“.

3. Zusammenfassung

Anhand der analysierten Texte kann Claudius Position in seiner Zeit natürlich nicht sehr exakt bestimmt werden. Festzuhalten ist aber, daß, wie doch sehr deutlich zu sehen ist, seine Haltung zur Aufklärung anscheinend von einer religiösen Einstellung bestimmt ist. So ordnet Wolfgang Freund10 Claudius’ Werk „eine mittlere Position zwischen Aufklärung und Spätpietismus“ zu, Reinhard Görisch siedelt ihn „ungefähr in der Mitte zwischen frommer Aufklärung und aufgeklärtem Pietismus“11 an. Wie man in den Texten „Am Karfreitagmorgen“, „Was ich wohl mag“ und „Im Junius“ sieht, finden sich religiöse Erlebnisformen bei Claudius im beschriebenen Naturgefühl wieder, andächtige fromme Empfindung ist nicht mehr an die Gegenstände der kirchlichen Tradition gebunden, sondern knüpft sich an die Natur als selbstverständliche Umwelt des Menschen. Auch der Vernunft räumt er deutlich sichtbar einen hohen Stellenwert ein, ihre Isolierung von den übrigen menschlichen Eigenschaften, besonders des Gefühls, lehnt er aber anscheinend ab (vergl. „Über den Vorzug der Gelehrten“). Claudius scheint daher einer Phase der Aufklärung verpflichtet, bei der Vernunft und Christentum noch vereinbar waren. So schreibt Görisch, daßClaudius sich „bewußt an ältere Traditionen der Aufklärung“12 festgehalten habe. So scheinen seine Urteile eher auf seinen eigenen sittlich-religiösen Prinzipien zu beruhen, als sich abhängig zu machen von Strömungen und Personen.

Literaturverzeichnis

Claudius, Matthias: Werke. Stuttgart 1954.

Freund, Wolfgang: Claudius theologiegeschichtliche Stellung aus heutiger evangelischer Sicht. In: Jörg-Ulrich Fechner (Hrsg.): Matthias Claudius. 1740-1815. Leben, Zeit, Werk.Tübingen: Niemeyer 1996.

Frühwald, Wolfgang: Der Sonne und des Mondes Philosoph. Matthias Claudius in seiner Zeit. In: Friedhelm Debus (Hrsg.): Matthias Claudius. 250 Jahre. Werk und Wirkung. Göttingen: Vandenhoek und Ruprecht 1991.

Gerhardt, Paul: Wach auf mein Herz und singe. In: Evangelisches Kirchengesangbuch. Ausgabe für die Landeskirchen Rheinland, Westfalen und Lippe. Leck: Claussen und Bosse 1982.

Görisch, Reinhard: Die Sprache des Kirchenliedes in Matthias Claudius’ Werk. In: Friedhelm Debus (Hrsg.): Matthias Claudius: 250 Jahre. Werk und Wirkung. Göttingen: Vandenhoek und Ruprecht 1991.

Görisch, Reinhard: Matthias Claudius und der Sturm und Drang. Ein Abgrenzungsversuch. Frankfurt a.M. 1981.

König, Burghard: Matthias Claudius. Die literarische Beziehungen in Werk und Leben. Bonn: Bouvier 1976.

Kranefuss, Annelen: Die Gedichte des Wandsbecker Boten. Göttingen: Vandenhoek und Ruprecht 1973.

Kranefuss, Annelen: Bemerkungen zur Körpersprache bei Matthias Claudius. In: Friedhelm Debus (Hrsg.): Matthias Claudius. 250 Jahre. Werk und Wirkung. Göttingen: Vandenhoek und Ruprecht 1991.

Metzler-Literatur-Lexikon. Hrsg. Von Günther und Irmgard Schweilke. Stuttgart: Metzler 1990.

[...]


1 Kranefuss, Annelen: Bemerkungen zur Körpersprache bei Matthias Claudius. In: Friedhelm Debus (Hrsg.): Matthias Claudius. 250 Jahre. Werk und Wirkung. Göttingen: Vandenhoek und Ruprecht 1991. S.79.

2 Matthias Claudius. Zit. Nach: König, Burghard: Matthias Claudius. Die literarischen Beziehungen in Leben und Werk. Bonn: Bouvier 1976. S.71.

3 Claudius, Matthias: August Ludwig Schlözers Vorstellung seiner Universalhistorie. Zweiter Teil. Göttingen und Gotha 1773. In: Matthias Claudius. Werke. Stuttgart 1954. S. 889.

4 Kranefuss, Annelen: Die Gedichte des Wandsbecker Boten. Göttingen: Vandenhoek und Ruprecht 1973. S.147.

5 Gerhardt, Paul: Wach auf mein Herz und singe (1647). In: Evangelisches Gesangbuch. Ausgabe für die Landeskirchen Rheinland, Westfalen und Lippe. Leck: Claussen und Bosse 1982. S.540f.

6 Görisch, Reinhard: Die Sprache des Kirchenlieds in Matthias Claudius’ Werk. In: Friedhelm Debus: Matthias Claudius. 250 Jahre. Werk und Wirkung. Göttingen: Vandenhoek und Ruprecht 1991. S.96.

7 Metzler-Literatur-Lexikon. Hrsg. von Günhter und Irmgard Schweikle. Stuttgart: Metzler 1990. S.32.

8 Vgl. dazu: König, Burghard: Matthias Claudius. Die literarischen Beziehungen in Leben und Werk. Bouvier: Bonn 1976. Kapitel 2.1.5. Die Schlözer-Kontroverse. S.225ff.

9 Claudius, Matthias: August Ludwig Schlözers Vorstellung seiner Universalhistorie. Zweiter Teil. Göttingen und Gotha 1773. In: Matthias Claudius. Werke. Stuttgart 1954. S. 886.

10 Freund, Wolfgang: Claudius theologiegeschichtliche Stellung aus heutiger evangelischer Sicht. In: Jörg-Ulrich Fechner (Hrsg.): Matthias Claudius. 1740-1815. Leben, Zeit, Werk.Tübingen: Niemeyer 1996. S.41.

11 Görisch, Reinhard: Matthias Claudius und der Sturm und Drang. Ein Abgrenzungsversuch. Frankfurt a.M. 1981. S.509.

12 Görisch, Reinhard. Zit. nach Frühwald, Wolfgang: Der Sonne und des Mondes Philosoph. Matthias Claudius in seiner Zeit. In: Friedhelm Debus (Hrsg.): Matthias Claudius. 250 Jahre. Werk und Wirkung. Göttingen: Vandenhoek und Ruprecht 1991. S. 27.

10 von 10 Seiten

Details

Titel
Fragmente und kleine Prosa. Matthias Claudius' Am Karfreitagmorgen, Impetus Philosophicus, Was ich wohl mag, Im Junius, Von Projekten und Projektmachern, Über den Vorzug der Gelehrten
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für deutsche Philologie I)
Veranstaltung
Proseminar: Kleine Prosa der Aufklärung
Note
1,3
Autor
Jahr
1998
Seiten
10
Katalognummer
V94772
Dateigröße
354 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fragmente, Prosa, Matthias, Claudius, Karfreitagmorgen, Impetus, Philosophicus, Junius, Projekten, Projektmachern, Vorzug, Gelehrten, Bothe, Theil, Westfälische, Wilhelmsuniversität, Münster, Institut, Philologie, Proseminar, Kleine, Prosa, Aufklärung, Priv, Thomas, Althaus
Arbeit zitieren
Dirk Wilberg (Autor), 1998, Fragmente und kleine Prosa. Matthias Claudius' Am Karfreitagmorgen, Impetus Philosophicus, Was ich wohl mag, Im Junius, Von Projekten und Projektmachern, Über den Vorzug der Gelehrten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94772

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