Die Mignon-Figur in "Wilhelm Meisters Lehrjahre" von Johann Wolfgang Goethe


Bachelorarbeit, 2018

36 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Die Figur Mignon
2.2. Mignon im Romankontext
2.2.1. Das Zusammenspiel von Mignon mit Wilhelm und anderen Frauenfiguren des Romans und die daraus resultierende Symbolik
2.2.2. Mignons Lieder
2.2.2.1. „Kennst du das Land?“
2.2.2.2. „Nur wer die Sehnsucht kennt“
2.2.2.3. „Heiß mich nicht reden“
2.2.2.4. „So lasst mich scheinen, bis ich werde“
2.3. Zur Mignon-Deutung: Bildungsfaktor Wilhelms oder Verkörperung der Poesie?
2.4. Mignons Vorbilder
2.4.1. Mögliche Vorbilder aus Historie und Literatur
2.4.2. Goethes Schwester Cornelia als Mignon-Vorbild?

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„‘Hier ist das Rätsel4“1. Das sind die Worte, die Philine ausspricht, als sie Wilhelm Mignon vorstellt. Es sind nur vier Worte, doch sie sagen schon vieles über diese so wichtige und bedeutende Figur aus, von der Schiller an seinen Freund und den Schöpfer Mignons Goethe schreibt, dass sie beim Lesen die mit Abstand tiefste Furche zurücklassen wird2. Zweifellos ist „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ eines der größten und bedeutendsten Werke Goethes und das liegt zu einem nicht ganz unwichtigen Teil auch an Mignon. Die einführenden, von Philine stammenden Worte dieser Arbeit zeigen direkt das Thema und das Problem auf, mit dem ich mich hier befassen möchte. Mignon soll „enträtselt“ und verschiedene Aspekte der Figur untersucht werden.

Zunächst einmal werde ich auf eine Beschreibung der Figur und ihrer Charakteristik näher eingehen, nicht ohne schon kleine Deutungen mit hineinzubringen. Daran anschließend soll das Zusammenspiel Mignons mit Wilhelm und anderen Frauen des Romans untersucht werden. Auf das Paar Mignon und Harfner werde ich dabei nicht eingehen, denn das mystische Zusammenspiel der beiden bietet genug Interpretationsspielraum für eine selbstständige Arbeit. Dafür werde ich mich eingehender mit der Symbolik Mignons befassen, also mit dem, wofür sie steht und was sie aussagen soll. Dabei werde ich auf ihre Lieder eingehen und mich mit den verschiedenen Ansätzen in der Mignon-Forschung befassen, vor allem auf zwei Deutungstendenzen soll noch einmal genauer eingegangen werden. In einem letzten Schritt möchte ich auf mögliche Vorbilder Mignons aus Historie und Literatur eingehen und begründen, welches Vorbild meiner Meinung nach am passendsten erscheint.

Auf eine Rezeption Mignons in späteren literarischen Werken muss ich in dieser Arbeit verzichten, da das - ähnlich wie bei der Thematik mit dem Figurenpaar Mignon/Harfner - den Rahmen der Abhandlung sprengen würde.

Beginnen möchte ich nun damit, Mignon erst einmal genauer vorzustellen.

2. Hauptteil

2.1. Die Figur Mignon

Bevor mit der „Enträtselung“ der Figur, ihrer Bedeutung für den Roman sowie für Goethe der eigentliche Hauptteil dieser Arbeit beginnt, soll Mignon zunächst einmal vorgestellt und dadurch gezeigt werden, was sie überhaupt so rätselhaft macht. Befassen wir uns also zunächst einmal mit einer Beschreibung der Figur, mit welcher erste kleine Deutungen und Hinweise auf ihre Wirkung im Gesamtkontext einhergehen.

Schon die ersten Begegnungen Wilhelms mit Mignon deuten an, dass diese Figur etwas Besonderes und nur schwer zu durchschauen ist. Der Erzähler liefert eine haargenaue Beschreibung ihres Aussehens, etwas, dass bei den anderen Figuren des Romans nicht in dieser Art und Weise gegeben ist3 und ihre Wichtigkeit damit unterstreicht. Das erste Aufeinandertreffen der beiden folgt im direkten Anschluss der ersten Begegnung Wilhelms mit Philine. Wilhelm ist auf dem Weg in seine Gemächer, „als ein junges Geschöpf ihm entgegensprang, das seine Aufmerksamkeit auf sich zog.“4 Über das Aussehen dieses „Geschöpfes“ schreibt der Erzähler: „Ein kurzes, seidnes Westchen mit geschlitzten spanischen Ärmeln, knappe, lange Beinkleider mit Puffen standen dem Kinde gar artig. Lange, schwarze Haare waren in Locken um den Kopf gekräuselt und gewunden.“5 Auf den ersten Blick ist es für Wilhelm nicht ersichtlich, ob es sich um ein Mädchen oder einen Jungen handelt, wobei er sich schnell für ersteres entschließt. Er versucht es mit einer ersten Kontaktaufnahme und spricht Mignon an, doch diese schweigt, sieht ihn „mit einem scharfen, schwarzen Seitenblick“6 an, um sich darauf von Wilhelm loszumachen und zu verschwinden. Auffällig ist neben der ausgiebigen Beschreibung ihrer Kleidung und ihres Aussehens vor allem der Hinweis auf die Androgynie der Mignon-Figur, wenn es Wilhelm nicht möglich ist auf den ersten Blick sagen zu können, welches Geschlecht das Kind, das ihm gerade begegnet ist, hat. Was im Einzelnen der Hintergrund dieser Zwitterhaftigkeit ist, soll im späteren Verlauf dieser Arbeit untersucht werden. Zunächst einmal soll ein Blick auf die zweite Mignon-Szene der Lehrjahre geworfen werden, die Szene, die mit den eingangs erwähnten Worten Philines beginnt und die die Rätselhaftigkeit Mignons erst so richtig deutlich werden lässt, denn nun spricht Mignon ihre ersten Worte im Roman. Im Folgenden sei nun das Gespräch zwischen Wilhelm und ihr kurz wiedergegeben:

„‘Wie nennst du dich?‘ fragte er - ,Sie heißen mich Mignon.‘ - Wie viele Jahre hast du?‘ - ,Es hat sie niemand gezählt.‘ - ,Wer war dein Vater?‘ - ,Der große Teufel ist tot‘“7

Wahrlich kann aus diesen Aussagen auf den ersten Blick recht wenig an Informationen gezogen werden, dennoch sagt Mignon mit diesen Worten schon recht viel über sich aus. „Sie heißen mich Mignon“ bedeutet nichts anderes, als dass sie lediglich so genannt wird, sie hat keinen richtigen Namen; auch ihr Alter ist unbekannt, was erste Rückschlüsse auf ihre Vergangenheit zulässt: Sie ist schlichtweg keinem vertraut. Niemand weiß genau wo Mignon herkommt, wie alt sie ist und wie sie wirklich heißt. Der Name Mignon bedeutet übersetzt so viel wie „Liebling“ und wurde zu Goethes Zeiten für Lustknaben benutzt, bspw. am Hofe Heinrich III.8 Die Betonung hierbei liegt auf dem Worte „Knaben“, was einen erneuten Hinweis auf die Androgynie der Mignon-Figur darstellt und im weiteren Verlauf des Romans durch ihren Unwillen typische Mädchenkleider zu tragen immer wieder aufs Neue untermauert wird. Auch ihr Verhalten trägt unweigerlich dazu bei, dass ihr wirkliches Geschlecht nicht deutlich zu Tage tritt.9 Das Interessanteste in diesem Zusammenhang ist aber vielleicht nicht zwischen den Zeilen, sondern direkt in den Worten des Romans zu lesen: Bei Mignons Beerdigung bspw. lösen sich männliche und weibliche Pronomina ab10 („Ach! wie ungern brachten wir ihn her! [...] Ach! die Flügel heben sie nicht; [..J“11 ) und die Benennungen der anderen Figuren für sie sind fast ausschließlich neutral, wie Kind, Geschöpf oder Kreatur.12 Der Kern von Mignons Wesen bleibt somit auf gewisse Weise verschlossen, auch wenn Wilhelm sie schnell als Mädchen einordnet, bleibt beim Leser ein gewisser Zweifel in Bezug auf das Geschlecht - Mignon bleibt rätselhaft.

Im Anschluss an das weiter oben im Text zitierte Gespräch folgt eine weitere kurze Beschreibung Mignons durch Wilhelm. Der Leser erfuhr zunächst, dass in Mignons Ausdrucksweise eine gewisse Feierlichkeit lag, bedingt durch ihre Gestik und Mimik und, dass sie ihre Antworten nur in recht gebrochenem Deutsch vortrug, was ihre unbekannte Herkunft nochmals hervorhebt und gleichzeitig bedeutet, dass sie nicht aus Deutschland stammen kann. Dazu aber später mehr, zunächst soll der Fokus auf der weiteren Beschreibung Wilhelms liegen, der sie „nicht genug ansehen [konnte]. Seine Augen und sein Herz wurden unwiderstehlich von dem geheimnisvollen Zustande dieses Wesens angezogen. Er schätzte sie zwölf bis dreizehn Jahre; ihr Körper war gut gebaut, nur daß ihre Glieder einen stärkeren Wuchs versprachen oder einen zurückgehaltenen ankündigten. Ihre Bildung war nicht regelmäßig, aber auffallend; ihre Stirne geheimnisvoll, ihre Nase außerordentlich schön, und der Mund, ob er schon für ihr Alter zu sehr geschlossen schien und sie manchmal mit den Lippen nach einer Seite zuckte, noch immer treuherzig und reizend genug. Ihre bräunliche Gesichtsfarbe konnte man durch die Schminke kaum erkennen. Diese Gestalt prägte sich Wilhelmen sehr tief ein [.]“13

Die ausführliche Beschreibung Mignons wird durch Bewertungen Wilhelms ergänzt und somit zum Zeugnis eines ausgewiesen großen Interesses des Protagonisten. Er kann sich kaum von ihr abwenden, seine Faszination für das Mädchen ist bezeichnend sowohl für den Roman, als auch für ihre Wirkung.

Im weiteren Verlauf der Handlung wird sie von Wilhelm, nachdem er sie vor einer Tracht Prügel rettet, gekauft und zieht infolgedessen mit ihm und der Theatergruppe, der Wilhelm sich anschließt, umher und stellt sich in seinen Dienst. Sie zeichnet sich durch hohes Verantwortungsbewusstsein aus und ist immer zur Stelle, wenn sie gebraucht wird, vor allem die Hingabe, mit der sie sich im späteren Teil des Romans um den kleinen Felix kümmert, ist zu erwähnen. In ihrem Verhalten bleibt sie allerdings sehr rätselhaft, springt mehr umher als dass sie läuft, klettert auf Schränke, schläft auf der Erde und verschwindet immer mal wieder, nur um kurz darauf erneut aufzutauchen. Ingrid Ladendorf sieht in diesem Zusammenhang Parallelen zu einer Katze und weist auf eine Art Naturverbundenheit Mignons hin14. Auch ihre unterschiedlichen Begrüßungen für jedermann und ihr Sprachgemisch aus Deutsch, Italienisch und Französisch unterstreichen ihre Rätselhaftigkeit15. Des Öfteren wird erwähnt, dass ihre Ausdrucksweise es schwer macht sie zu verstehen, bei ihren Liedern bleibt manches im Unklaren und muss sich von Wilhelm zusammengereimt werden.16 Auch in ihrer Bildung kommt Mignon nur schwer voran, ihre Versuche richtig Schreiben zu lernen, scheitern.17 Dies erscheint umso sonderbarer wenn man weiß, mit welcher Hingabe sie ihre Lieder singt, die im Goethe-Lexikon sogar als „seelenvoll“18 ausgezeichnet werden. Jene Musikstücke, ihre unvergleichliche Gestik und Mimik, die sich in ihren Tänzen äußern, sind ihre wahren Ausdruckweisen und bilden somit den Gegenpol zu ihrem Sprachgemisch und ihren Bildungsproblemen.

Lange Zeit ist sie Wilhelms Begleiterin und hütet seinen Sohn, allerdings ist ihr kein glückliches Ende vergönnt. Sie stirbt im letzten Buch des Romans an Herzleiden, als Wilhelm Therese in einer Art „Verlobungsszene“ umarmt und bekommt schlussendlich eine wundervoll inszenierte Beerdigung, ihr Leichnam wird einbalsamiert und bleibt somit erhalten. Auf die Bedeutungen der zuletzt genannten Szenen des Romans wird an späterer Stelle, wenn es darum geht, wofür Mignon eigentlich steht, noch einmal genauer eingegangen. Erst nach ihrem Tod wird ihre Vorgeschichte durch den Marchese enthüllt: Mignon ist die Tochter des ebenfalls sehr rätselhaft erscheinenden Harfners, der wie seine ihm unbekannte Tochter ein Begleiter Wilhelms ist. Sie entstammt einer inzestuösen Beziehung seinerseits mit seiner Schwester Sperata und wurde als kleines Kind aus ihrem Heimatland Italien entführt. Der Marchese, der sie erkennt und die Geschichte enthüllt, entpuppt sich schließlich als ihr Onkel.

Zweifelsfrei nimmt Mignon eine Sonderstellung im Roman ein, sie wurde von Goethe logischerweise bewusst so inszeniert. Doch was genau wollte er mit dieser rätselhaften Figur aussagen? Wofür steht sie? Und hat sie einen Ursprung, sei er historischer oder literarischer Art? Diese Fragen sollen nun in den folgenden Kapiteln des Hauptteils dieser Arbeit geklärt werden, indem verschiedene Deutungsansätze der Forschungsliteratur gegenübergestellt und diskutiert werden. Die Grundlagen dafür wurden mit der Beschreibung Mignons, einem kurzen Überblick über ihren Weg im Roman und ersten Deutungen und Charakterisierungen in diesem ersten Kapitel gegeben.

2.2. Mignon im Romankontext

2.2.1. Das Zusammenspiel von Mignon mit Wilhelm und anderen Frauenfiguren des Romans und die daraus resultierende Symbolik

Mignon nimmt offensichtlich eine gewichtige Rolle im Roman ein, doch die Hauptfigur des Werkes ist natürlich der Namensgeber Wilhelm. Jürgen Rausch formuliert es in seiner Abhandlung über Wilhelms Lebensstufen schon ganz treffend: „Für ihn [Wilhelm, Anmerkung F.H.] werden diejenigen, mit denen er umgeht, symbolisch“19. Und da die Gewichtigkeit der Mignon-Figur bereits ausreichend herausgestellt wurde, muss vor allem Mignon ein hohes Maß an Symbolik für Wilhelm und damit natürlich auch für den gesamten Roman besitzen. Schauen wir also zuallererst auf das Zusammenspiel von Mignon und Wilhelm, bevor wir daran anschließend noch einige Bezüge zu den anderen Figuren des Romans betrachten.

In einer früheren Arbeit habe ich bereits einmal untersucht und festgetsellt, dass die Reihenfolge der Frauen, wie sie im Roman auftauchen und in Wilhelms Leben treten, nicht rein zufällig geschieht, sondern, dass sie immer gerade die Lebensstufe und Wilhelms Zustand repräsentieren, in dem er sich gerade befindet. Jede Frau, die mit dem Protagonisten interagiert, veranschaulicht quasi seinen derzeitigen Stand auf seinem Lebensweg. So ist es auch bei Mignon der Fall, wie Hans Eichner feststellt: „Im zweiten Buch wandert er [Wilhelm, Anmerkung F.H.] unstet und ziellos umher und nimmt sich dort der heimatlosen, zum Wandern verdammten Mignon an.“20 Als Wilhelm auf Mignon (und bezeichnenderweise auch auf Philine) trifft, ist er sich unsicher, was für ihn am besten ist, was er wirklich will. Er befindet sich eigentlich auf einer Art Geschäftsreise im Auftrage seines Vaters, doch es zieht ihn mit dem Kennenlernen der Schauspielertruppe immer mehr zum Theater hin, weshalb er seine Geschäfte schließlich aufgibt und sich als Schauspieler und Regisseur versucht. Es ist für Wilhelm ein Zustand totaler Verunsicherung: Tut er wirklich das Richtige? Ist es in Ordnung, sich lieber ganz seinen Leidenschaften hinzugeben und seine Pflichten zu vernachlässigen? Für ihn scheint es zunächst so zu sein und er beginnt mit der Theatergruppe herumzureisen. Unsicherheit, Hingabe an Leidenschaften und unstetes herumreisen. Genau diese Begriffe treffen auch auf Mignon zu. Niemand ist sich sicher über ihre Herkunft und über das, was der- oder diejenige gerade vor sich hat. Ein Mädchen? Ein Junge? Ein rätselhaftes Geschöpf! Sie hat keine Eltern, niemand fühlt sich wirklich für sie zuständig; sie wurde entführt und ist dazu gezwungen, mit der Theatergruppe herumzureisen, weil sie sonst, bis sie Wilhelm kennenlernt, niemanden hat, der sich um sie kümmert. Und ihre Lieder und der Pathos, mit dem sie sie vorträgt, zeugen eindeutig von einer totalen Leidenschaftlichkeit. Ihre Aussagen „‘Ich bin gebildet genug, [...] um zu lieben und zu trauern‘“21 und „‘Die Vernunft ist grausam, [...] das Herz ist besser‘“22 unterstreichen dies nicht nur, sie zeugen von einem „von Emotionalität [...] bestimmte[n] Verhalten“23. Hinzu kommen noch einige Stellen, in denen Mignon Wilhelm geradezu mit Liebe überhäuft, sich an ihn klammert und so stark umarmt, dass es ihrem Gegenüber teilweise unangenehm wird.

Doch es wäre vermessen behaupten zu wollen, Mignon stehe lediglich repräsentativ für eine Stufe in Wilhelms Leben, in der er ziellos und geneigt ist, sich seinen Leidenschaften hinzugeben. Es ist offensichtlich, dass in der bereits vorgestellten Kennenlern-Szene der beiden Figuren, Wilhelm von Mignon total fasziniert ist. Karin Keppel-Kriems meint, es sind vor allem „Reinheit und Unschuld“24, die ihn fesseln. Er bewegt sich nun, zumindest glaubt er es, in höchst künstlerischen Kreisen und versucht somit sich selbst auf eine andere Ebene zu begeben. Die Mignon­Faszination Wilhelms könnte im übertragenden Sinne für eine Kunst-Faszination stehen. Mignon singt und tanzt für ihn und bereitet ihm dadurch so manche Freude, sie erfüllt sozusagen seine Erwartungen an Theater und Kunst, die Dinge, die ihn seit seiner frühen Jugend gefesselt haben und denen er nun endlich nachkommen kann. Auch ihr Tod könnte ein Indiz dafür sein, dass Mignon als Symbol für die Kunst zu sehen ist. Denn Wilhelm ist gerade dabei sich vollkommen von dem Theater abzuwenden, die nüchterne und strukturierte Therese zu ehelichen, die für ein sicheres und tätiges Leben steht, weit weg von Kunst und Leidenschaften, als Mignon stirbt. Wilhelm möchte sein altes Leben hinter sich lassen, eine Mutter für Felix finden und wieder eine Geschäftlichkeit anstreben. Die Kunst tritt aus seinem Leben, so wie Mignon es tut.

Jedoch gibt es auch Einwände gegen diese These. Dorothea Flashar schreibt zum Beispiel: „Mignon in ihrer kindlich ernsthaften Seelenreinheit ist eine Kontrastfigur zu allen Personen der Theaterwelt.“25 Damit könnte sie meines Erachtens nicht ganz Unrecht haben, gerade zu Philine, steht Mignon in einem Kontrast: Die immer fröhliche und lachende, ganz unbeschwerte Philine gegenüber der etwas düster angelegten und niemals lachenden Mignon.26 Beide werden quasi in einem Zug in den Roman eingeführt, allerdings auf komplett unterschiedliche Weise. Während Mignon recht plötzlich auftaucht, exakt beschrieben wird und Wilhelm nicht recht mit ihr interagieren kann, wird Philine direkt in die Handlung mit einbezogen, auf eine genauere Beschreibung ihrer Figur verzichtet Goethe allerdings. Ist dieses gegensätzliche Figurenpaar nun tatsächlich ein Beleg dafür, dass Mignon einen Gegensatz zur Theaterwelt darstellt? Die Grundvoraussetzung dafür müsste ja dann sein, dass gerade Philine repräsentativ für das Theaterleben angesehen werden kann. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Meiner Meinung nach ist eher Aurelie, die Frau, die Wilhelm auf dem Höhepunkt seiner Theaterkarriere begegnet, als Sinnbild dafür anzusehen. Und da sie mit Mignon durch ein hohes Maß an Leidenschaft verbunden ist27, kann ich Dorothea Flashars Auffassung nicht vollkommen teilen. Dennoch steht Mignon dem Theater mit viel Ablehnung gegenüber. Als Wilhelm sie bittet den Eiertanz vor Publikum vorzuführen lehnt sie dies ab und versichert ihm sogar, nie wieder Theater spielen zu wollen, warnt sogar wohlweislich unter Flehen und Tränen: „‘Lieber Vater! bleib auch du von den Brettern! ‘“28 und deutet somit eine Vorahnung an, dass der Weg, den Wilhelm einzuschlagen bereit ist, mit vielen Problemen verbunden sein wird und ihn nicht zum Glück führt. Als er später den Vertrag mit Serlo unterzeichnet und sich ganz der Schauspielerkarriere hingibt, versucht Mignon seinen Arm wegzuziehen und ihn davon abzuhalten29. Sie steht dem Theater also durchaus kritisch gegenüber, ist aber kein kompletter Gegensatz zu dieser Welt, der sie offensichtlich angehört.

Mignon steht für einen Hang Wilhelms zum Theater, übernimmt aber zugleich auch einen mahnenden Part und versucht Wilhelm nicht ganz der Schauspielkunst zu überlassen, sie scheint es zur Aufgabe zu haben, Wilhelm zu leiten, zu versuchen, ihn auf den richtigen Weg zu bringen. Ihre Gegensätzlichkeit zu Philine sehe ich mehr in Bezug auf die Leichtlebigkeit und ein gewisses Desinteresse an allgemeinen Dingen. Dass dies auf Mignon nämlich nicht zutrifft sieht man am bereits erwähnten Verantwortungsbewusstsein, das sie an den Tag legt.

Noch einmal zurück zur Theaterliebe Wilhelms und zu dem, was Mignon damit zu tun hat. Karin Keppel-Kriems fällt auf, dass Mignon „im Stadium der Kindheit [verharrt]“30. Als Wilhelm sie kennenlernt wird sie auf zwölf oder dreizehn Jahre alt geschätzt, die Zeit, die in der Romanhandlung vergeht, beträgt um die sechs Jahre, worauf Schiller Goethe in einem Brief sogar explizit hinweist31. Doch Mignon erweckt auch zu ihrem Todeszeitpunkt noch den Eindruck eines kleineren Mädchens, nicht den einer fast zwanzigjährigen Frau. Hellmut Ammerlahn, Jochen Hörisch und Sabine Brandenburg-Frank sehen darin Bezüge zu einer Puppenhaftigkeit Mignons - und damit zu Wilhelms glücklichster Kindheitserinnerung, seinem Puppentheater am Weihnachtsabend. Letztere weist auf eine der ersten Szenen des Romans hin32, als Wilhelm Mariane von eben jenem Puppentheater berichtet. Er verfällt geradezu in einen Redeschwall, kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus und berichtet schließlich, dass der Abbau des kleinen Theaters am Morgen nach dem Weihnachtsabend, an dem er das Schauspiel zu sehen bekam, ihn unfassbar unglücklich zurücklässt33. Als das Theater kurze Zeit später und nach langem Drängen Wilhelms, der selbst sagt, dass eine zweite Aufführung fortan sein einziger Wunsch war, tatsächlich noch einmal aufgeführt wird, sind seine Gefühle darüber nun ganz anders. Er ist nicht mehr ganz so erstaunt, sondern sagt über seinen damaligen Zustand Folgendes aus:

„Hatte ich das erstemal die Freude der Überraschung und des Staunens, so war zum zweiten Male die Wollust des Aufmerkens und Forschens groß. [...] warum das alles doch so hübsch war und es doch so aussah, als wenn [die Puppen] selbst redeten und sich bewegten, [...] diese Rätsel beunruhigten mich um desto mehr, je mehr ich wünschte, zugleich unter den Bezauberten und Zauberern zu sein, zugleich meine Hände verdeckt im Spiel zu haben und als Zuschauer die Freude der Illusion zu genießen.“34

[...]


1 Johann Wolfgang Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, in: Erhard Bahr (Hrsg.), Reclams Universal­Bibliothek Nr. 7826, Stuttgart 1982, S. 98

2 Vgl. Gerhart Hoffmeister, Goethes Mignon und ihre Schwestern, Interpretationen und Rezeption, Vorwort, New York 1993, S. vii

3 Vgl. Julia König, Das Leben im Kunstwerk, Studien zu Goethes Mignon und ihrer Rezeption, Frankfurt a.M. 1991, S. 88

4 Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, S. 91

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, S. 98

8 Vgl. Ingrid Ladendorf, Zwischen Tradition und Revolution, Die Frauengestalten in „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ und ihr Verhältnis zu deutschen Originalromanen des 18. Jahrhunderts, Frankfurt a.M. 1990, S. 85

9 Vgl. Ebd., S. 76

10 Vgl. Karin Keppel-Kriems, Mignon und Harfner in Goethes „ Wilhelm Meister“, Eine geschichtsphilosophische und kunsttheoretische Untersuchung zu Begriff und Gestaltung des Naiven, Frankfurt a.M. 1986, S. 83

11 Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, S. 602 und S. 603

12 Vgl. Keppel-Kriems, Mignon und Harfner, S. 82

13 Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, S. 99

14 Vgl. Ladendorf, Zwischen Tradition und Revolution, S. 77

15 Vgl. Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, S. 110 f.

16 Vgl. Ebd., S. 149

17 Vgl. Ebd., S. 138

18 Gero von Wilpert, Goethe-Lexikon, Stuttgart 1998, S. 705

19 Jürgen Rausch, Lebensstufen in Goethes Wilhelm Meister, in: Paul Kluckhohn / Erich Rothacker (Hrsg.), Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte Band 20 1942, S. 65-114, hier S. 77

20 Hans Eichner, Zur Deutung von Wilhelm Meisters Lehrjahren, in: Detlev Lüders (Hrsg.), Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 1966, S. 165-196, hier S. 167

21 Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, S. 511

22 Ebd., S. 512

23 Keppel-Kriems, Mignon und Harfner, S. 99

24 Karin Keppel-Kriems, Mignon und Harfner, S. 84

25 Dorothea Flashar, Bedeutung, Entwicklung und literarische Nachwirkung von Goethes Mignongestalt, Berlin 1927, S. 21

26 Vgl. Sabine Brandenburg-Frank, Mignon und Meret, Schwellenkinder Goethes und Gottfried Kellers, Würzburg 2002, S. 74f.

27 Vgl. König, Das Leben im Kunstwerk, S. 112

28 Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, S. 177

29 Vgl. Ebd., S. 305

30 Keppel-Kriems, Mignon und Harfner, S. 89

31 Vgl. Hans Gerhard Gräf und Albert Leitzmann (Hrsg.), Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, Erster Band, Leipzig 1955, S. 183

32 Vgl. Brandenburg-Frank, Mignon und Meret, S. 187f.

33 Vgl. Goethe, Wilhelms Meisters Lehrjahre, S. 14

34 Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, S, 15

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Die Mignon-Figur in "Wilhelm Meisters Lehrjahre" von Johann Wolfgang Goethe
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
36
Katalognummer
V950080
ISBN (eBook)
9783346290397
ISBN (Buch)
9783346290403
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mignon-figur, wilhelm, meisters, lehrjahre, johann, wolfgang, goethe
Arbeit zitieren
Fabian Hupfeld (Autor), 2018, Die Mignon-Figur in "Wilhelm Meisters Lehrjahre" von Johann Wolfgang Goethe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/950080

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