"Kultur beginnt im Herzen jedes einzelnen." (Johann Nepomuk Nestroy)
Goethe, Schiller, Bach und Beethoven: Die deutsche Kulturgeschichte hat seit vielen Jahrhunderten bedeutende Namen und berühmte Persönlichkeiten hervorgebracht. Im Dezember 2016 wurde die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft sogar für die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes nominiert. Ihren Ursprung hat diese Vielfalt in den zahlreichen deutschen Kleinstaaten des 17. und 18. Jahrhunderts, denn in anderen Ländern konzentrierte sich das kulturelle Leben in einer zentralen Hauptstadt.
Dabei ist Kultur in Deutschland traditionell ein symbolisch hoch aufgeladener Begriff, der sich über die Jahrhunderte hinweg veränderte. Die "Kulturnation" ging einst der "Staatsnation" voraus und oft wurde Kultur zur Sphäre des Politischen in ein distanziertes Verhältnis gesetzt: beispielsweise gegen autokratische Fürsten oder gegen die Parlamentspolitik. Willy Brandts Aufruf „Mehr Demokratie wagen!“ und Hilmar Hoffmanns Postulat „Kultur für alle“ waren in den 1970er Jahren Anstoß für eine wohlfahrtsstaatliche Erweiterung des deutschen Kulturgedankens: Kunst und Kultur sollte durch die Ergänzung einer sozialen Ebene die „Herzen jedes einzelnen“ (angelehnt an Nestroys Formulierung) ergreifen und den Alltag der Bürgerinnen und Bürger mit gestalten.
Mit einem erweiterten Kulturbegriff vergrößerte sich schließlich auch die Finanzierungsverantwortung der öffentlichen Hand, die historisch bedingt fest im Bewusstsein der Politik verankert ist. Überblick über die öffentlichen Kulturausgaben gibt seit über zehn Jahren der sog. Kulturfinanzbericht, der gemeinsam von den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder herausgegeben wird. Die Verfasser sehen darin ein „Bekenntnis zum besonderen Stellenwert der Kultur in unserer Gesellschaft“.
Ist die Kultur in Deutschland also zu einer realen, mit der Politik versöhnten Gestaltungsgröße geworden? Inwiefern finden sich die Dimensionen des weit gefassten Kulturbegriffs in der Ausgabenstruktur der öffentlichen Kulturfinanzierung wieder? Dieser Frage wird anhand der veröffentlichten Zahlen im Kulturfinanzbericht 2016 mit vorliegender Arbeit nachgegangen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Deutsche Kulturpolitik im Zeichen eines weiten Kulturbegriffs
2. Historischer Hintergrund: Deutschland als „Kulturnation“
2.1 Identität, Macht und Geltung durch Kulturbegriffe
2.2 Kultur als Teil des Demokratisierungsprozesses
3. Aussagen zur Kulturfinanzierung laut Kulturfinanzbericht 2016
3.1 Wer finanziert?
3.2 Was wird finanziert?
3.3 Wo wird finanziert?
4. Auswertung der Aussagen des Kulturfinanzberichts 2016
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern sich ein erweitertes Verständnis von Kultur in der tatsächlichen Ausgabenstruktur der öffentlichen Kulturfinanzierung in Deutschland widerspiegelt. Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen dem politischen Anspruch einer inklusiven Kulturpolitik und der tatsächlichen Mittelverwendung zu analysieren, wobei die Zahlen des Kulturfinanzberichts 2016 als empirische Basis dienen.
- Historische Entwicklung der deutschen „Kulturnation“
- Strukturen der öffentlichen Kulturfinanzierung in Deutschland
- Analyse der Mittelverteilung nach kulturellen Sparten
- Vergleich von staatlichen Ausgaben und privater Kulturnutzung
- Kritische Reflexion der Partizipation und Stadt-Land-Gefälle
Auszug aus dem Buch
3.1 Wer finanziert?
Die öffentliche Kulturverantwortung ist also historisch bedingt fest im Bewusstsein der Politik und der Bevölkerung verankert. In Deutschland sind Kulturpolitik und -förderung Gestaltungsaufgaben des Staates, die von Bund, Ländern und Kommunen gemeinsam und jeweils eigenverantwortlich wahrgenommen werden. Das heute vorherrschende Grundmuster entspricht dem Prinzip des kooperativen Föderalismus, der einerseits eine grundsätzliche Aufgabentrennung zwischen Bund und Ländern vorsieht, andererseits von vielfältigen Kooperations- und Verzahnungsmechanismen zwischen den Ebenen gekennzeichnet ist (von Beyme 1998: 18). Der Kulturfinanzbericht, den die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder alle zwei Jahre herausgeben, gibt Aufschluss über alle öffentlichen Ausgaben für Kultur.
Die Daten und Zahlen in dieser Arbeit stammen aus dem Kulturfinanzbericht 2016. Aufgrund des hohen zeitlichen Aufwands (bis zur Gemeindeebene müssen alle Daten vorliegen) bezieht sich der Kulturfinanzbericht 2016 auf das Jahr 2013. Die öffentlichen Ausgaben für Kultur erreichten 2013 mit 9,892 Milliarden (Mrd.) Euro 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dies entspricht 1,68 % des Gesamtetats aller öffentlichen Haushalte und im Vergleich zum Vorjahr einem Anstieg von 4,2 % (2012: 9,5 Mrd. Euro). Bund, Länder und Gemeinden stellten demnach pro Einwohner*in 122 Euro der Kultur zur Verfügung. Dabei wies der Bund der Kultur rund 0,8 % seiner Gesamtausgaben zu, die Länder 1,8 % und die Gemeinden 2,4 % (Kulturfinanzbericht 2016: 28).
Entsprechend der oben beschriebenen Grundstruktur der deutschen Kulturpolitik liegen die staatlichen Aufgaben und Kompetenzen in erster Linie bei den Ländern, soweit das Grundgesetz keine andere Regelung trifft oder zulässt (Art. 30 GG). Dieses föderale Struktur- und Verantwortungsprinzip wirkt insbesondere bei der Kulturpolitik, weil dem Bund in diesem Bereich nur eingeschränkte Zuständigkeiten eingeräumt sind und kulturelle Angelegenheiten der „Kulturhoheit der Länder“ obliegen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Deutsche Kulturpolitik im Zeichen eines weiten Kulturbegriffs: Dieses Kapitel führt in die historische Bedeutung der deutschen Kulturgeschichte ein und skizziert die Entwicklung hin zu einem erweiterten, inklusiven Kulturbegriff und der damit verbundenen Finanzierungsverantwortung.
2. Historischer Hintergrund: Deutschland als „Kulturnation“: Hier werden die Ursprünge der deutschen Identitätsbildung durch Kultur sowie die Rolle der Kultur im Demokratisierungsprozess und im Einigungsvertrag analysiert.
3. Aussagen zur Kulturfinanzierung laut Kulturfinanzbericht 2016: Dieses Kapitel untersucht detailliert die Strukturen der öffentlichen Mittelvergabe, aufgeteilt in die Fragen der Finanzierungsträger, der geförderten Inhalte und der regionalen Verteilung.
4. Auswertung der Aussagen des Kulturfinanzberichts 2016: Die Analyse bewertet die steigenden öffentlichen Ausgaben kritisch gegenüber der Stagnation privater Kulturausgaben und thematisiert das bestehende Stadt-Land-Gefälle.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit stellt fest, dass höhere Subventionen nicht automatisch zu mehr Partizipation führen, und fordert eine neue Organisationskultur, um aktuelle gesellschaftliche Themen wie die Digitalisierung besser abzubilden.
Schlüsselwörter
Kulturpolitik, Kulturfinanzierung, Kulturfinanzbericht, Kulturnation, öffentlicher Haushalt, Kulturförderung, föderaler Föderalismus, Kulturbegriff, Partizipation, Soziokultur, Stadt-Land-Gefälle, Digitalisierung, Kulturmanagement, Hochkultur, Nicht-Besucherforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die öffentliche Kulturfinanzierung in Deutschland auf Basis des Kulturfinanzberichts 2016 und analysiert das Verhältnis zwischen staatlichen Investitionen und der tatsächlichen kulturellen Teilhabe der Bevölkerung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung des deutschen Kulturbegriffs, den föderalen Finanzierungsstrukturen sowie der Gegenüberstellung von staatlichen Ausgaben und dem privaten Konsumverhalten bei Kulturgütern.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, inwiefern die staatliche Ausweitung des Kulturangebots tatsächlich zu einer inklusiven „Kultur für alle“ führt oder ob weiterhin bürgerliche Strukturen bevorzugt werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und einer deskriptiven Auswertung der statistischen Daten des Kulturfinanzberichts 2016.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des historischen Kontexts, die Analyse der Finanzströme (wer, was, wo) sowie die Auswertung dieser Zahlen im Hinblick auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kulturpolitik, Kulturfinanzierung, Partizipation, föderaler Föderalismus, Kulturnation und die soziale Komponente des Kulturbegriffs.
Warum wird im Bericht das Stadt-Land-Gefälle kritisiert?
Das Gefälle führt dazu, dass große Teile der ländlichen Bevölkerung von der kulturellen Partizipation ausgeschlossen werden, was im Widerspruch zu einem modernen, inklusiven Kulturverständnis steht.
Welche Rolle spielt die Digitalisierung laut der Arbeit?
Die Autorin stellt fest, dass das Thema Digitalisierung im Kulturfinanzbericht 2016 bisher nur marginal behandelt wird, obwohl es für die gesellschaftliche Teilhabe und moderne Kulturvermittlung von zentraler Bedeutung wäre.
- Quote paper
- Johanna Peternek (Author), 2018, Kulturfinanzbericht 2016: Aussagen zum Thema Kulturfinanzierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/950383