Die Postdemokratie nach Colin Crouch und die Relevanz für die Soziale Arbeit


Seminararbeit, 2020

7 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Postdemokratie nach Colin Crouch

2 Relevanz seiner Diagnose für die Soziale Arbeit

3 Gegenwärtige Bedeutsamkeit seiner Diagnose

4 Literaturverzeichnis

1 Postdemokratie nach Colin Crouch

Colin Crouch, ein britischer Politikwissenschaftler, prägte 2004 den Begriff der Postdemokratie mittels seiner eigens erschienenen Publikation ‚Postdemocrazia‘.

Als Postdemokratie bezeichnet er eine Variante der Demokratie, die die eigentliche demokratische Phase bereits durchlaufen hat. Die Gesellschaft befindet sich demnach in einer Phase „nach“ der Demokratie. (vgl. Crouch 2013, S. 31)

Um den Begriff der Postdemokratie besser zu verstehen, skizziert Crouch das Modell einer Parabel in einem Koordinatensystem. Er beschreibt mit diesem wie sich Demokratie zu Postdemokratie entwickelt: X ist dabei das Phänomen, das beschrieben werden soll, post-x (Beispiel hier: Post-Demokratie). Er definiert 3 Zeiträume: Zeitraum 1 ist gekennzeichnet durch fehlende Merkmale, die man mit Demokratie in Verbindung setzt (freie Wahlen, Rechte, usw.), im Grunde eine vordemokratische Phase. Zeitraum 2 beschreibt den Höhepunkt der Demokratie. Sämtliche Bereiche werden von der Demokratie beeinflusst. Zeitraum 3 wird als „post-x“ charakterisiert: „Etwas Neues ist in Erscheinung getreten, die Bedeutung von x läßt nach, das Neue geht in einem gewissen Sinn über X hinaus“ (ebd., S. 31). Seiner Auffassung nach bewegt sich die Postdemokratie also über die Demokratie hinaus (vgl. ebd.).

Crouch fokussiert 4 zentrale Merkmale einer Postdemokratie:

(1.) Demokratische Institutionen sind formal zwar weiterhin vollkommen intakt, politische Verfahren und Regierungen verändern sich jedoch: Der Einfluss privilegierter Eliten nimmt zu, die egalitäre Gesellschaft gerät in die Krise (vgl. ebd., S.13). Politische Entscheidungen werden im geheimen getroffen und sie orientieren sich stark an den Interessen der Wirtschaft (vgl. ebd., S. 10).

Eine kurze historische Entwicklung dazu:

Auf Grund der Wirtschaftskrise in den 1970er Jahren wurde die keynesianistische Wirtschaftspolitik von einer liberalen Wirtschaftspolitik abgelöst. Der politische Einfluss einer einst starken (Industrie-) Arbeiterklasse und den daraus entstandenen Gewerkschaften wurde schwächer. Wohlfahrtsstaatliche Organisationen zerfielen. Hingegen erlangte der Dienstleistungssektor mehr Macht. Spielräume für wirtschaftliche Lobbyisten wuchsen (vgl. ebd., S. 10).

Seiner Auffassung bezeichnet der Begriff ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden, Wahlen, die sogar dazu führen, das Regierungen ihren Abschied nehmen müssen, in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, daß sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten zuvor ausgewählt haben (ebd.).

Daraus ergibt sich nach Crouch (2.) die Entmachtung der Bürger, die politische Entscheidungen kaum noch beeinflussen können.

Er ergänzt, das Bürger*innen dabei nur eine passive, schweigende und apathische Rolle spielen, in dem sie nur auf die Signale reagieren, die sie zuvor erhalten haben (vgl. ebd.).

Sein idealtypisches Modell von Demokratie setzt voraus, dass sich der/die Bürger*in „lebhaft an ernsthaften politischen Debatten und an der Gestaltung der politischen Agenda beteiligt und nicht allein passiv auf Meinungsumfragen antwortet“ (ebd., S. 9). Sie sollen also nicht nur an Wahlen teilnehmen, sondern sich aktiv an politischen Prozessen beteiligen und das öffentliche Leben mitgestalten.

Crouch beschreibt mit dem Begriff Situationen in denen sich nach einem Augenblick der Demokratie Langeweile, Frustration und Desillusionierung breitgemacht haben, in denen die Repräsentanten mächtiger Interessengruppen […] weit aktiver sind als die Mehrheit der Bürger; […] in denen politische Eliten gelernt haben, die Forderungen der Menschen zu lenken und zu manipulieren; in denen man die Bürger durch Werbekampagnen >>von oben<< dazu überreden muß, überhaupt zur Wahl zu gehen (ebd., S. 30).

Ein weiteres Merkmal für die Krise der Demokratie, ist (3.) der Verfall der politischen Kommunikation, hervorgerufen durch die Bedeutung und Nutzung des Massenjournalismus: „Berichte und Kommentare […], das Informationsmaterial, mit dem die Regierung die Bürger erreichen will und die Parteiprogramme haben sich grundlegend verändert“ (ebd., S. 36). Sprache und politische Debatten sind weniger komplex und sie sind anspruchsloser (vgl. ebd.).

Politiker*innen versuchen durch Showbusiness und Marketingstrategien öffentliche Meinungen zu ermitteln ohne dass Bürger*innen diese Prozesse kontrollieren können. Bürger*innen werden somit zu manipulierten, passiven Teilnehmern politischer Entscheidungen (vgl. ebd., S. 32-33).

Neben den veränderten sprachlichen Merkmalen in politischen Diskursen, fallen beispielsweise während anstehender Wahlen vor allem personalisierte, auf ein Individuum ausgerichtete Kampagnen auf, in denen Politiker ihr charakterstarkes Image vermarkten. Crouch belegt seine Aussage hierzu mit Beispielen von gewonnen Wahlkampagnen Arnold Schwarzeneggers (als österreichisch/US-amerikanischer Schauspieler; gewann eine Wahl ohne jegliches Parteiprogramm), Silvio Berlusconi (italienscher Konzerngründer und Fußballpräsident, setzte verjüngte Fotos seinerseits ein) und Pim Fortuyn (gab seiner Partei seinen Namen, nutzte seine charismatische Persönlichkeit) (vgl. ebd., S. 38-41). Oftmals verlieren sie dadurch jedoch bürgerliches Vertrauen, denn ihr Privatleben gerät zunehmend in den Fokus, bürgerliche Interessen spielen eine Nebenrolle. Bürger*innen übernehmen dadurch eher eine anklagende Rolle gegenüber den antretenden Kandidat*innen, als eine konstruktivistische Rolle gegenüber einer Sache oder ihrer Interessen (vgl. ebd., S. 41).

Als (4.) Merkmal führt Crouch die Privatisierung öffentlicher Einrichtungen und Institutionen auf. Ziel der immer einflussreicher werdenden Wirtschaftslobbyisten ist es möglichst profitorientiert, weniger gemeindewohlorientiert zu agieren (vgl. ebd., S. 101f.).

Um ein demokratisches Zeitalter wiederzubeleben, führt Crouch zwei Möglichkeiten auf: erstens durch Krisen und Veränderungen, die ein erneutes politisches Engagement hervorrufen; oder aber [zweitens, d. Verf.] […] durch die Entstehung neuer kollektiver Identitäten, die die Form der Partizipation an Debatten und Entscheidungen verändern (ebd., S. 20).

Eine Postdemokratie soll nicht einfach nur akzeptiert werden, sondern sie soll hinterfragt werden, Menschen sollen etwas bewirken (vgl. ebd.).

2 Relevanz seiner Diagnose für die Soziale Arbeit

Da Soziale Arbeit selbst ein Teil des Staates ist, ist es nahe liegend, dass im Rahmen von politischen Veränderungen, es auch im Arbeitsfeld dieser Profession zu Umstrukturierungen kommt, bzw. sich die Soziale Arbeit mit diesen Veränderungen konfrontiert sieht. Betroffen sind vor allem die Profession selbst, ihre Mitarbeiter*innen, ihr Angebot, sowie vor allem ihre Adressat*innen, deren Lebenslagen sich im letzten Jahrzehnt deutlich verschlechtert haben (vgl. Bütow/Chassé/Lindner 2014, S. 10).

Soziale Arbeit und ihre Mitarbeiter*innen sind selbst durch postdemokratische Veränderungen wie Privatisierungen von öffentlichen Einrichtungen betroffen. Neben einer Budgetierung sind marktförmige Umbauten wie Kontraktmanagement und neue Steuerungsvorgaben zu beobachten, die die Gefahr einer Spaltung der Sozialen Arbeit in einen Dienstleistungs- und einen Kontrollbereich absehbar machen (vgl. ebd., S. 14).

Die Herausforderung der aktuellen Sozialen Arbeit besteht sowohl in der Analyse dieser Entwicklungen wie in den Fragen, auf welchen Ebenen ihnen machtdynamisch (auf den vielfältigen Ebenen einer società civile als Inbegriff von Politik) zu begegnen wäre (ebd.).

Soziale Arbeit steht in einem widersprüchlichen Verhältnis zur Postdemokratie (vgl. Wagner 2013, S. 63). Das Symptom in dem Bürger*innen nur noch eine passive Rolle in der Gesellschaft zugesprochen wird, gilt es in der Sozialen Arbeit nach Thomas Wagner zu verhindern. Er formuliert das Soziale Arbeit ihre Adressat*innen dabei unterstützen muss, Partizipation zu ihren Bedienungen einzufordern, bzw. zu sichern (vgl. ebd., S. 81). Barbara Hobi und Marion Pomey formulieren, das Soziale Arbeit Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit ihrer Adressat*innen anstrebt, um damit Integration und gesamtgesellschaftliche Zugehörigkeit zu fördern, dieser Anspruch aber durch die neoliberaIe Umstrukturierung des schützenden hin zu einem aktivierenden Sozialstaat geschmälert wird (vgl. Hobi/Pomey 2013, S. 121).

Schlussendlich stellt sich also die Frage, was Soziale Arbeit im Rahmen ihrer Handlungsfähigkeit unternehmen kann, um einer Entmachtung der Bürger*innen und der Zusprechung einer passiven Rolle entgegenzuwirken.

3 Gegenwärtige Bedeutsamkeit seiner Diagnose

Claudia Ritzi entwickelte 2014 in einer umfangreichen empirischen Sozialforschung elf Hypothesen, mit deren empirischen Bestätigung sie belegen wollte, das eine Postdemokratisierung nach Crouch et al. stattgefunden hat (vgl. Ritzi 2014, S. 210). In ihrer Studie kommt sie zu dem Ergebnis, das es nicht einfach ist ein klares Fazit zu ziehen (vgl. ebd., S. 262).

Sie bewertet ihre formulierten Hypothesen zu den Merkmalen politischer Öffentlichkeit unter den Bedingungen der Postdemokratie:

Drei von elf Hypothesen belegen postdemokratische Entwicklung in jüngster Vergangenheit. Nach Crouch werden also drei von vier Merkmalen einer Postdemokratisierung bestätigt:

(1.) Massenjournalismus fokussiert sich auf politische und ökonomische Eliten. Ihr Einfluss auf die Öffentlichkeit hat in den letzten Jahren stark zugenommen.
(2.) Ökonomische Themen gewinnen in der Öffentlichkeit immer mehr an Bedeutung. Wirtschaftliche Artikel treten medial vermehrt auf.
(3.) Merkmale boulevardisierter Kommunikation lassen sich häufiger beobachten: weniger sachliche, häufig einseitig verzerrte Informationen werden vermittelt (vgl. ebd., S. 262-267).

[...]

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Die Postdemokratie nach Colin Crouch und die Relevanz für die Soziale Arbeit
Hochschule
Katholische Hochschule NRW; ehem. Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Aachen  (K)
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
7
Katalognummer
V950794
ISBN (eBook)
9783346291127
Sprache
Deutsch
Schlagworte
postdemokratie, colin, crouch, relevanz, soziale, arbeit
Arbeit zitieren
Jessica Jänsch (Autor), 2020, Die Postdemokratie nach Colin Crouch und die Relevanz für die Soziale Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/950794

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