Selbstdarstellung junger Erwachsener auf der Online-Plattform Instagram. Die Inszenierung des perfekten Alltags


Bachelorarbeit, 2017

103 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1. Theorie der Selbstdarstellung im Alltag (Goffman, 1959)
2.2. Selbstdarstellung im Jugendalter
2.2.1. Der Begriff Jugend
2.2.2. Differenzierung von Jugend und Adoleszenz
2.2.3. Identität
2.3. Identität und Selbstdarstellung der Jugendlichen auf sozialen Netzwerken
2.3.1. Internet und Jugendliche
2.3.2. Soziale Netzwerke
2.3.3. Selbstdarstellung off- und online
2.3.4. Soziale Netzwerke und Selbstdarstellung
2.3.5. Forschungsstand
2.4. Photosharing Plattform Instagram
2.5. Forschungsfrage

3. Methodische Vorgehensweise
3.1. Qualitatives Interview
3.2. Problemzentriertes Interview
3.3. Auswahl des Samples und Besonderheiten des Interviewverlaufs
3.4. Datenaufnahme
3.5. Themenanalyse

4. Ergebnisse
4.1. Einzelfallanalyse
4.1.1. Interview mit M
4.1.2. Interview mit V
4.2. Fallübergreifende Analyse
4.2.1. Themenbereiche: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
4.2.2. Ziel der Fotos
4.2.3. Rolle der fremden Bewertungen
4.2.4. Follower-Kreis (Abonnenten)
4.2.5. Bearbeitung der Fotos
4.2.6. Schönheitsbegriff auf Instagram
4.3. Zusammenfassung der Ergebnisse

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

Anhang I
I. Kurzfragebogen
II. Leitfaden des Interviews
III. Transkripte
1. Eckdaten
1. Eckdaten
1. Eckdaten
1. Eckdaten
1. Eckdaten
1. Eckdaten
1. Eckdaten
1. Eckdaten
1. Eckdaten

1. Einführung

Heutzutage spielen Technologien und insbesondere die sozialen Netzwerke eine erhebliche Rolle im alltäglichen Leben einer Vielzahl von Menschen. Laut Statistik beträgt im Jahr 2015 die Anzahl der Social Media User weltweit 2, 14 Milliarden. Im Jahr 2020 soll sich laut Prognosen diese Nutzeranzahl auf fast 3 Milliarden vergrößern. Neben den breiten Kommunikationsaustauschmöglichkeiten bieten die sozialen Netzwerke auch zahlreiche Gelegenheiten für die Selbstdarstellung der Menschen. Verschiedene Online-Plattformen ermöglichen es, neben der sozialen alltäglichen Identität auch eine virtuelle zu verschaffen. Kennzeichnendes Beispiel für unsere moderne Beschaffenheit ist Facebook. Mit Hilfe dieses sozialen Netzwerks können die Nutzer eigene Profile erstellen, in denen dann Fotos und Videos sowie andere schriftliche Informationen hochgeladen werden können. Außerdem kann man sich mit anderen Profilen verknüpfen und entsprechend die Informationen mit anderen Nutzern teilen. In unserer schnell entwickelnden Welt ist dieses im Jahr 2004 erschienene Netzwerk schon als „veraltet“ zu sehen, nicht im Sinne, dass es nicht mehr angewendet wird, sondern deswegen, weil es jüngere Plattformen gibt, die auch für den Austausch von verschiedenen Arten von Informationen genutzt werden. Beispiele dafür sind Twitter, Snapchat oder Instagram. Das letzt genannte Netzwerk lässt sich als eine Photo-Sharing-Plattform bezeichnen, wo überwiegend Inhalte in der Form von Fotos bzw. Bildern geteilt werden. Entsprechend kann man die eigene Meinung äußern, indem man einen Like oder Kommentar hinterlässt. Diese Plattform hat in den letzten Jahren stark an Nutzern zugenommen. Laut Statistiken nutzen Instagram im April 2017 rund 700 Mio. Menschen weltweit. Damit belegt Instagram gemessen an der Anzahl der monatlich aktiven Nutzer in einem Ranking der größten sozialen Netzwerke den achten Platz. Trotzdem wurde bisher diese Plattform von den Wissenschaftlern noch nicht vertiefend untersucht. Der Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist diesbezüglich die Selbstdarstellung junger Erwachsener auf Instagram.

Eine besonders große Rolle spielt die Selbstpräsentation bei der Bildung der eigenen Persönlichkeit, die sich während des Heranwachsens vollzieht. Diese Lebensperiode wird in der Wissenschaft als Adoleszenz bezeichnet. Es gibt keine einheitliche Definition dieses Begriffs. Sie wird allerdings als das Jugendalter, der Abschnitt zwischen Pubertät und Erwachsensein definiert (Kahnt, 1994, S. 11). In dieser Lebensphase beschäftigt sich der Mensch bewusst mit der Welt und mit sich selbst. Erstens entwickelt er eine eigene Weltanschauung und zweitens nimmt er eine bewusste Haltung zu sich selbst ein (Fend, 2005, S. 414). Die Wissenschaft hat sich viel mit dem Aspekt der Selbstdarstellung im Rahmen von Sozialen Netzwerke beschäftigt. Die Gestaltung eines eigenen Profils ermöglicht Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Periode der Adoleszenz, sich mit der eigenen Identität auseinander zu setzen (vgl. Boyd, 2007). Diesbezüglich gibt es Studien, die sich mit der Bildung der virtuellen Identität beschäftigen. Unter anderem sind die Faktoren selbstgenerierte Information einerseits und die von anderen (Freunden) generierte Information andererseits bedeutsam (Utz, 2010). Allerdings wurde bisher die Frage nicht ausführlich beantwortet, welche Rolle die fremde Meinung bei der Selbstdarstellung in den sozialen Neztwerken spielt. Dementsprechend soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden, inwieweit fremde Bewertungen wichtig bei der Selbstdarstellung junger Erwachsener auf Instagram sind.

Das erste Kapitel stellt die theoretischen Hintergründe der Arbeit dar. An dieser Stelle werden die im Vorwort eingeführten Begriffe der Selbstdarstellung, Adoleszenz und Fremdwahrnehmung vertiefend erklärt und im Kontext von Social Media verknüpft. Hierbei werden auch für das Thema Selbstdarstellung relevante Studien eingebettet. Anschließend wird auch die konkrete Forschungsfrage formuliert. Im nächsten Kapitel wird der methodische Teil dargestellt und erläutert. Hier werden die Instrumente der Datenerhebung, die Bildung der Stichproben und die Methode der Analyse, die im Rahmen der Studie herangezogen werden, dargestellt. Im darauf folgenden Kapitel werden die Ergebnisse dargestellt. Im Anschluss werden ein Fazit gezogen und ein Ausblick gegeben.

2. Theoretischer Hintergrund

Ein wichtiger Bestandteil jeder wissenschaftlichen Arbeit ist die theoretische Einordnung. In diesem Kapitel wird daher der theoretische Hintergrund der Studie aufgezeigt. Da der wichtigste Gegenstand selbiger die Selbstdarstellung ist, soll zunächst dieser Begriff präzisiert werden. Dafür wird die Selbstdarstellungstheorie von Erwing Goffman (1959) als Grundlage genommen. Weiter beschäftigt sich dieser Teil mit der Abgrenzung von jugendlichen Erwachsenen als Altersgruppe und der detaillierten Erklärung des Begriffs Adoleszenz. Danach werden Studien behandelt, deren Gegenstand die Rolle der fremden Meinung bei der Selbstdarstellung ist. Demnächst soll ein Überblick über die Forschung in Richtung Bildung einer virtuellen Identität und die Selbstdarstellung in den sozialen Netzwerken geschaffen werden. Anschließend wird Instagram als Untersuchungsgegenstand eingeführt, sowie wird der Zusammenhang zwischen den drei oben erwähnten Punkte im Kontext von Social Media dargestellt. Schließlich wird die zu erörternde Forschungsfrage formuliert.

2.1. Theorie der Selbstdarstellung im Alltag (Goffman, 1959)

An dieser Stelle wird der Sinngehalt von Selbstdarstellung definiert und ausführlich erläutert. Auf verschiedenen wissenschaftlichen Fachgebieten beschäftigt man sich damit den Begriff der Selbstdarstellung präzise und detailliert zu erklären. Daher verfügt die moderne Wissenschaft über mehrere theoretischen Ansätze, Interpretationen und Erklärungen des Begriffs. Als Grundlage für diese Arbeit wurde Goffmans Theorie der sozialen Interaktion gewählt. Diese wird erstmals 1959 in dem Buch „The Presentation of Self in Everyday Life“ vorgestellt und beruht auf einem dramaturgischen Modell, welches das Alltagsleben einer Bühne, entsprechend mit Vorder- und Hinterbühnen, gleichsetzt. Theoretisch lässt sich dieser Ansatz zwischen dem symbolischen Interaktionismus und der Ethnomethodologie zuordnen (Richter, 2002, S. 83). Goffman selbst nennt seine Theorie Soziologie der Gelegenheiten (Goffman, 2008, S. 8). Die Hauptannahme dieses dramaturgischen Modells ist, dass im Alltag Rollen auf verschiedenen Bühnen gespielt werden. Sein Ausgangspunkt liegt in der These, dass sich das Phänomen der Selbstdarstellung im Zusammenhang mit einem Publikum vollzieht. Selbstdarstellung unterscheidet sich abhängig davon, was mit ihr erzielt werden soll. Allerdings, falls Selbstdarstellung bewusst gesteuert wird, hat diese immer die Intention, Einfluss auf das Publikum zu nehmen (Goffman, 1959). „Wenn ein Einzelner vor anderen erscheint, stellt er bewusst oder unbewusst eine Situation dar, und eine Konzeption seiner Selbst ist wichtiger Bestandteil dieser Darstellung.“ (Goffman, 1959, S. 221). Andererseits spielt das Publikum selbst aufgrund seiner Eigenschaften eine eigene Rolle bei der Selbstdarstellung des Einzelnen.

In verschiedenen Situationen nehmen Personen verschiedene Rollen ein. Aus diesem Grund konzentriert man sich immer nur auf spezifische Aspekte des eigenen Selbst. Verschiedene Faktoren sind bedeutsam in den verschiedenen Interaktionen. Diese können sowohl unbewusst, als auch bewusst eingesetzt werden. Unter anderem gehören dazu die Ausdrucksrepertoires (Goffman, 1959, S. 23), die die selbstdarstellende Person als spezifisch für die konkrete soziale Rolle sieht. Aber auch physische Faktoren wie Alter und Geschlecht sind wesentlicher Bestandteil einer bestimmten Rolle im Alltag (Goffman, 1959).

Für den störungslosen Ablauf einer Situation ist es notwendig, dass sich auch das Publikum bzw. die anderen Teilnehmer ihren Rollen entsprechend in der Interaktion erhalten. Das heißt auf der Bühne muss man sich an bestimmte Normen halten, damit die angestrebte Fassade nicht zerstört wird und der gewünschte Eindruck hinterlassen wird. An dieser Stelle wird der zweite wichtige Aspekt des Bühnen-Ansatzes eingeführt: die Hinterbühne. Dort bleiben nämlich Dinge, die mit Absicht vor dem Publikum versteckt werden, damit die gezielte Darstellung unberührt bleibt und mögliche Störungen verhindert werden.

Die eben erläuterte Fassung der Goffmans Theorie deckt nicht umfassend alle Blickwinkel der selbigen und betrifft nur Aspekte, die für diese Arbeit relevant sind. Allerdings im weiteren Verlauf dieser, wird immer wieder auf diesen theoretischen Ansatz hingewiesen.

2.2. Selbstdarstellung im Jugendalter

Selbstdarstellung ist wesentlicher Teil der alltäglichen Interaktion und kommt in jeder Situation im Laufe des Lebens einer Person vor. Besonders wichtig ist sie aber während der Lebensphase des Heranwachsens. Um die Bedeutsamkeit dieses Phänomens in dieser Zeitspanne zu verdeutlichen, müssen zunächst die Begriffe von Jugendalter und Adoleszenz definiert und thematisch zugeordnet werden. Diese Definitionen erfolgen in den nächsten Abschnitten. Außerdem wird hier der Aspekt der fremden Meinung bei der Selbstdarstellung im Kontext der Identitätsbildung eingeführt.

2.2.1. Der Begriff Jugend

Das Wort Jugend lässt sich nicht als ein klar definierter wissenschaftlicher Begriff bestimmen. Es wird vielmehr als ein aus der Alltagssprache stammendes Element gesehen. Die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen sind allerdings darauf angewiesen, diesen Begriff zu klären. Jugendtheorien, deren Ausganspunkt die Psychologie ist, stellen „die emotionale und kognitive Entwicklungsdynamik, die mit der Pubertät in Gang kommt“ (Fend, 2003, zitiert von Schäffers & Scherr, 2005, S. 17.). Andererseits bedeutsam für die Bestimmung des Begriffs sind in der Pädagogik und Erziehungswissenschaft altersgruppentypische Voraussetzungen und weitere Faktoren wie Lernen, Erziehung und Bildung (Schäffers & Scherr, 2005, S. 17). Zahlreiche Theorien und Grenzbestimmungen versuchen den Begriff Jugend zu präzisieren und konkret zu definieren. Eine zusammenfassende Begriffsbestimmung schlagen Schäffers und Scherr (2005) vor:

Jugend ist eine gesellschaftlich institutionalisierte, intern differenzierte Lebensphase, deren Verlauf, Ausdehnung und Ausprägungen wesentlich durch soziale Bedingungen und Einflüsse (sozioökonomische Lebensbedingungen, Strukturen des Bildungssystems, rechtliche Vorgaben, Normen und Erwartungen) bestimmt sind. Jugend ist keine homogene Sozialgruppe, sondern umfasst unterschiedliche Jugenden (S. 23).

2.2.2. Differenzierung von Jugend und Adoleszenz

In der Wissenschaft gibt es bisher keine einheitliche Unterscheidung und abgegrenzte Definition der beiden Begriffe. Unter Jugend ist hauptsächlich die Lebensperiode zwischen der Kindheit und dem Erwachsensein zu verstehen. Problematisch ist, dass in der Literatur Adoleszenz die Zeit der Reifung des Jugendlichen zum Erwachsenen bezeichnet (Arnold, 1980, S. 22). Aus diesem Blickwinkel lassen sich beide Deutungen in gewisser Weise gleichsetzen. Es gibt weitere Definitionen, die von einem biologischen, rechtlichen oder politischen Ansatz her vorgenommen werden. Sie unterscheiden sich allerdings bei der Bestimmung der genauen Zeitpunkte des Beginns und des Endes der Phase (Flammer, 2002). Grundsätzlich wird in der Wissenschaft angenommen, dass Adoleszenz mit dem Anfang der Pubertät beginnt und mit der finanziellen und emotionalen Unabhängigkeit von den Eltern endet (Flammer, 2002). Der unterschiedliche Grad der Ausdifferenzierung und Modernisierung in den verschiedenen Gesellschaften hat Einfluss auf die die Adoleszenz kennzeichnenden Faktoren, wie Alter, Kontext, Rahmen und Verlauf (King, 2004, S. 37). Allgemein lässt sich Adoleszenz wie das Jugendalter, als Abschnitt zwischen Pubertät und Erwachsensein erklären (Kahnt, 1994, S. 11). Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es eine weitere Definition, die aus den „Shell-Jugendstudien“ stammt. Diese nimmt den Begriff von Jugend, welcher die Spanne zwischen 13 und 25 Jahren umfasst, zur Grundlage Adoleszenz wird in diesem Kontext als die erste Phase der Jugend gesehen und definiert die Periode zwischen 13 nd 18 Jahren. Die Phase vom 18 bis zum 25 Jahr wird als Postadoleszenz bezeichnet (Shell-Studie, 2015). Eine andere Differenzierung unterteilt die Jugendphase zwischen pubertärer Phase (12-17 Jahre), nachpubertären Phase (18-21 Jahre) und der Phase nach dem Erreichen voller Rechtsmündigkeit (21 Jahre bis Ende des zweiten Lebensjahrzehntes)(vgl. Schäfer & Scherr, 2005, S 24.). Aus diesem Grund werden in der vorliegenden Arbeit die Begriffe von Jugend und Adoleszenz gleichgesetzt und als Synonyme angewendet.

2.2.3. Identität

Identität ist ein unteilbares Element jeder Persönlichkeit. Eine besonders große Rolle spielt sie aber in der Phase des Heranwachsens. Das lässt sich aus entwicklungspsychologischer Sicht erklären: Die Entwicklung der Person bzw. der Persönlichkeit in der Pubertät ist verbunden mit Veränderungen der sozialen Beziehungen, sowie mit der Ausweitung der Selbstständigkeit und Selbstbehauptung (Schäffers & Scherr, 2005, S. 91). Für den weiteren Gebrauch des Begriffs im Rahmen dieser Arbeit ist hier eine präzisere Definition nötig. In den einzelnen Bereichen der Wissenschaft sind unterschiedliche Definitionen zu finden. Das Phänomen Identität steht im Zusammenhang mit Fragen wie „Wer bin ich?“, „Wer möchte ich sein?“, „Mit wem stimme ich überein bzw. Von wem unterscheide ich mich?“. Laut Schäffers & Scherr (2005) sind diese Fragen zweiseitig. Einerseits handelt es sich um die individuelle Identität, die durch bestimmte Kenntnisse, Fähigkeiten, Auffassungen und Ansichten bestimmt wird. Andererseits existiert auch die sog. soziale Identität. Zu dieser gehören verschiedene Seiten der Persönlichkeit, die abhängig von der Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen sind (S. 91).

Der Psychologe Erik Erikson sieht "das Kernproblem der Identität in der Fähigkeit des Ichs, angesichts des wechselnden Schicksals Gleichheit und Kontinuität aufrechtzuerhalten" (1964, S. 87). Für Flammer (2002) wird Identität aus den bedeutsamsten Selbstdefinitionen der eigenen Person gebildet (S. 157). Mead (1995) definiert Identität als eine Konsequenz des Prozesses, in dem Menschen bestimmte soziale Erfahrungen wahrnehmen und diese reflexiv bearbeiten. Damit ist gemeint, dass Identität sich entwickelt; sie ist das Ergebnis unterschiedlicher gesellschaftlicher Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesse. Eine Voraussetzung für die Identität ist die Reaktion der Person auf sich selbst, wobei „nicht die einsame Selbsterfahrung, sondern soziale Kommunikation und Kooperation“ treffend sind (Mead, 1995, S. 177, zitiert von Schäffers & Scherr, 2005, S. 93). Auf diesem Ansatz beruht auch die Identitäts- bzw. Selbstdarstellungstheorie von Goffman, die im Kontext des Symbolischen Interaktionismus entsteht. Für Goffman ist grundlegender Aspekt bei der Selbstdarstellung und bei der Identität die Interaktion bzw. die Kommunikation mit den anderen. Aus diesem Grund wird seine Definition von Identität im weiteren Verlauf der Arbeit angewendet.

2.2.4. Der Weg zu eigener Identität in der Jugendphase

Die Entwicklung der Person ist besonders stark in der Jugendphase. In deren Rahmen ist die Identitätsfindung das wichtigste Element. Tillmann (2006) erklärt das mit einem Zusammenspiel von körperlichen Veränderungen und kognitivem Sprung, das als Ergebnis eine höhere Selbstreflexion hat. Dadurch beschäftigen sich Jugendliche zum ersten Mal bewusst mit ihrem eigenen Selbst (S. 32). Im Zentrum dieses Prozesses steht das Streben danach, sich von den anderen, darunter sind Eltern und Gleichaltrige zu verstehen, zu differenzieren. Aus diesem Grund wählen Jugendliche einen eigenen Stil, zu dem eigene Kleidung, eigener Musikstil oder eigener Sprachgebrauch gehören (Meier, 2008). Allerdings ausgehend von der oben erläuterten Theorie von Erikson über die „Ich-Kontinuität“ kann man annehmen, dass die Jugendphase die Zeitperiode ist, in der Heranwachsende die Erfahrungen machen, dass sie trotz verschiedener Orte und verschiedener Kontakte, im Inneren die gleichen Personen bleiben und entsprechend auch so von den anderen wahrgenommen werden (Erikson, 1973, S. 18). Der Verlauf ist problematisch und ist gleichzeitig von Unsicherheiten und Erwartungen geprägt. Aus diesem Grund kann Identitätsbildung in der Jugendphase laut Tillman „als ein selbstaktiver Prozess verstanden werden, als „doing identity““ (2008, S. 63):

Andererseits spielt die Peer-Group eine besonders wichtige Rolle bei der Identitätsfindung. Die Peer-Group besteht vor allem aus Gleichaltrigen, die sich entsprechend in der gleichen Phase ihres Lebens befinden. Diese Ähnlichkeit erleichtert den Umgang mit den eigenen Problemen und Unsicherheiten und Jugendliche fühlen sich verstanden. Tillman (2008, S. 192) sagt:

„Um Identität herzustellen und damit das eigene Erleben zu ordnen, zu bearbeiten und letztlich auch zu begreifen, suchen die Jugendlichen die Nähe zu Ihresgleichen. […] In der Peer- Group finden sie Aufmerksamkeit, Empathie und Zuneigung. […] Dort werden ihre eigenwilligen Identitätsentwürfe wertgeschätzt und sie zu neuen Experimenten ermutigt.“

Folglich geschieht die Identitätsfindung nicht nur im Innersten der Person, sondern auch in Interaktion mit anderen. Dieser Prozess wird auch bewusst oder unbewusst nach außen gebracht. Aus diesem Grund ist Identität nicht als etwas von vornherein Existierendes, sondern als ein Prozess der Gestaltung zu sehen, in dessen Rahmen entsprechend auch die Selbstdarstellung eine wichtige Rolle spielt. Ein anderer bedeutsamer Aspekt hier ist die Bewertung durch die anderen. Laut Flammer (2002) gilt: Je wachsender die Selbstreflexion und die Selbstbewusstsein, desto größer wird die Affinität zu „fremder“ Evaluation. Studien haben gezeigt, dass das Erfordernis nach Rückmeldung und bzw. Bestätigung auf die eigene Selbstdarstellung durch die anderen bzw. durch den sozialen Umkreis in der Jugendphase eine besonders große Rolle spielt (Fend, 1991), wobei die Ergebnisse der Studien geschlechtsspezifisch sind (Josephs et. al 1992).

Im nächsten Kapitel wird der Zusammenhang zwischen Identität und Selbstdarstellung Jugendlicher und die Rolle, die die sozialen Netzwerke an dieser Stelle spielen, erläutert.

2.3. Identität und Selbstdarstellung der Jugendlichen in sozialen Netzwerken

Demnächst wird die Frage dargelegt, inwieweit soziale Netzwerke im Alltag junger Erwachsener wichtig sind. Dabei wird den sozialen Medien als Plattformen der Selbstdarstellung besondere Aufmerksamkeit geschenkt und gezeigt, wie der virtuelle Raum zur Bühne der Selbstpräsentation wird. Dazu werden auch Studien zu diesem Thema dargestellt mit dem Ziel eine Übersicht über die bisher gesammelte und erarbeitete Sachkenntnis zu geben.

2.3.1. Internet und Jugendliche

Laut Statistiken des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) spielen heutzutage Medien jeder Art eine besonders große Rolle im Alltag Heranwachsender. Daten zeigen, dass die Medien, die im Jahr 2016 am meisten bei Jugendlichen verbreitet sind, sind Handys bzw. Smartphones. 98% der Mädchen und 95% der Jungen (JIM Studie, 2016, S. 8). Die umfangreichen Computer–Funktionalitäten, über die das Smartphone verfügt, ermöglichen jungen Erwachsenen orts- und zeitunabhängig Internetzugang zu haben, was entsprechend das Handy zum beliebtesten Medium macht. Laut einer ARD/ZDF - Online-Studie (2016) hat sich die Internetnutzung in Deutschland in der Zeitspanne von 2001 bis 2016 verdoppelt. Eine andere Statistik (AGOF, 2017), die verteilt den mobilen Internetkonsum in Altersgruppen darstellt, zeigt, dass die größte die der Nutzer zwischen 14 und 29 Jahren ist. Koch und Frees (2016) konnten die tägliche Internet-Nutzungsdauer in Deutschland von 2014 bis 2016 feststellen. Diese liegt durchschnittlich insgesamt bei 128 Min. pro Tag für das Jahr 2016. Verteilt wiederum in Altersgruppen wird aufgezeigt, dass in den letzten drei Jahren, die Gruppe zwischen 14 und 29 Jahren die größte tägliche Internetnutzung aufweist und im Durchschnitt 245 Min. pro Tag im virtuellen Raum verbracht hat. Mit diesem Wert liegt diese Gruppe deutlich höher im Vergleich mit der durchschnittlichen Internetnutzung.

Diese Daten lassen sich wie folgend zusammenfassen: Die meisten Internetnutzer Deutschlands sind im Alter zwischen 14 und 29 Jahren; Internet ist überwiegend über ein Smartphone zugänglich; die Nutzer in dieser Gruppe nutzen durchschnittlich viel mehr Internet im Vergleich mit anderen Altersgruppen. Aus diesem Grund kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass Internet eine wesentliche Rolle im Alltag Jugendlicher bzw. junger Erwachsener spielt.

Innerhalb des nächsten Absatzes wird ausführlicher und konkreter auf die Bedeutsamkeit sozialer Netzwerke für die jungen Leute eingegangen.

2.3.2. Soziale Netzwerke

Es existieren unterschiedlich formulierte Definitionen von Social Network Sites. Boyd und Ellison (2007) bestimmen SNSs rein technisch als: “web-based services that allow individuals to (1) construct a public or semi-public profile within a bounded system, (2) articulate a list of other users with whom they share a connection, and (3) view and traverse their list of connections and those made by others within the system”.

Diese ermöglichen eine „instante“ Vernetzung mit anderen Nutzern, die ihrerseits die Kommunikation erleichtert und erweitert. In einem Werk von Donath und Boyd von 2004, werden soziale Netzwerke definiert als Online-Netzwerke, in denen Menschen ein selbstbeschreibendes Profil schaffen und gestalten; sich mit anderen Menschen verbinden bzw. verlinken und ein Netz von persönlichen Kontakten herstellen. Folglich ist das private persönliche Netzwerk von Kontakten als ein wesentliches Element der Selbstpräsentation zu sehen (S. 72). Daten zeigen, dass die sozialen Netzwerke einen großen Teil des Alltags heutiger Jugendlicher und junger Erwachsener bestimmen. 92% der Internetnutzer Deutschlands zwischen 14 und 29 Jahren haben angegeben, dass sie mindestens über ein Profil in einer sozialen Onlineplattform verfügen und 85% sind stets auf so einer Plattform aktiv (Bitkom, 2011, S. 6). Im nächsten Absatz wird das Phänomen Selbstdarstellung beschrieben und erläutert, um es später mit den sozialen Netzwerken zu verbinden und zu sehen, wie diese als ein Instrument der Selbstdarstellung angewendet werden.

2.3.3. Selbstdarstellung off- und online

Die Wissenschaft unterteilt Selbstdarstellung wie folgt: Selbstdarstellung im realen Leben und die im Internet. (Rosen, Stefanone, & Lackaff, 2010). Misoch (2004) differenziert nämlich zwischen einem tatsächlichen Selbst und einem im virtuellen Raum. Selbstdarstellung im realen Leben wird hauptsächlich durch die Körperlichkeit bestimmt. Präsentiert sich eine Person selbst, wird diese von den anderen vor allem körperlich, stimmlich und akustisch wahrgenommen. Selbstdarstellung lässt sich laut Misoch in weiteren drei Subebenen zu unterteilen und zwar: Körper, Inhalt und Attribute. Dazu gehören unterschiedliche Aspekte, wie Hautfarbe, Geschlecht, Gesicht, Stimme, sprachlich vermittelte Botschaften sowie Interessen, Hobbys, Kleidung etc. Die Autorin geht davon aus, dass der menschliche Körper das Hauptwerkzeug für die Selbstdarstellung ist (Misoch, 2004, S. 53-54). Hier wird eine rückkehrende Verbindung zu Goffman (1996) hergestellt, laut dem die Darstellung des Einzelnen als eine Fassade zu sehen ist, die dazu dient, die Situation für die anderen zu gestalten (S. 23). Diese These ist für den weiteren Verlauf der Arbeit relevant und zu dieser wird wieder zurückgekommen.

Die zweite von der Wissenschaft anerkannte Art von Selbstdarstellung ist die im Online-Raum. Misoch (2006) erklärt diese durch die fehlenden Aspekte wie Körper, unmittelbare Face-To-Face-Kommunikation, Zeit, Raum und gemeinsamer Kontext der Interaktion. Besonderheiten der Online-Selbstdarstellung bestehen darin, dass der Körper durch die Sprache ersetzt wird, Kommunikation (vor allem) in schriftlicher Form geschieht, beim Informationsaustauch und in den Dialoge die Teilnehmer zeitlich und räumlich unabhängig sind und alle Informations- und Kommunikationsprozesse digitalisiert sind (vgl. Misoch, 2006, S. 56). Allerdings wird die Selbstdarstellung auf diese Weise nicht vernachlässigt. Vielmehr verfügen Menschen im virtuellen Raum über mehrere Mittel, um sich selbst zu präsentieren; dazu gehören Homepages, Avatars in Online-Foren, Schreibstil etc. Die besondere Art der Selbstdarstellung, die das Internet ermöglicht, öffnet neue Wege zu Auslegungsspielräumen der Selbstaufführung. An dieser Stelle wird von der Forschung zur Selbstdarstellung der Begriff von Impression-Management eingeführt. Unter Impression-Management ist die intentionale Einrichtung der persönlichen Illustration, die man durch den Einsatz besonderer Erkennungszeichen des eigenen Selbst herstellen will und bei der man „bewusst oder unbewusst über Sprache, Mimik und Gestik kommuniziert“ (Balsam, 2009, S. 64), zu verstehen. In diesem Zusammenhang und auch hinsichtlich der Theorie Goffmans (1959) ist die Schlussfolgerung zu ziehen, dass Selbstdarstellung nur dann passiert und „notwendig“ ist, wenn die sich selbst darstellende Person von anderen (vom Publikum) beobachtet wird. Deshalb kann davon ausgegangen werden, dass Impression-Management eigentlich strategisches Handeln darstellt. Die Art und Weise wie man sich selbst darstellt, ist vom Publikum und dessen Erwartungen abhängig. Je enger die Beziehung und der Kontakt zwischen Selbstdarsteller und Publikum sind, desto einfacher passiert die Selbstpräsentation. Bei diesem Prozess hat das Individuum zwei Arten von Ziele: defensive und assertive, wobei die ersten einen ungünstigen Eindruck vermeiden sollen und die zweiten im Gegensatz dazu einen positiven Eindruck schaffen sollen. Durch den Prozess der Selbstdarstellung und der Gestaltung von Eindrücken sowie durch die daraus folgenden Rückmeldungen seitens des Publikums werden persönliche Teilidentitäten mit sozialen Abläufen verknüpft; so wird auch die Schaffung der eigenen Identität beeinflusst. Die Art und Weise, wie sich eine Person präsentiert, und welche Identität diese Person gestaltet, steht im Zusammenhang damit, in welchen medialen Umkreisen die Person Kontakt mit anderen aufnimmt. (Döring, 2003, S. 336-337). In diesem Sinne schaffen soziale Netzwerke den perfekten Raum für die Online-Selbstdarstellung. Unter dem folgenden Punkt wird auf den Zusammenhang zwischen der Selbstdarstellung und den sozialen Netzwerken als Bühnen der Selbstinszenierung eingegangen. Im nächsten Absatz wird beleuchtet, wie soziale Netzwerke von Jugendlichen und jungen Erwachsenen als Instrument der Selbstpräsentation angewendet werden.

2.3.4. Soziale Netzwerke und Selbstdarstellung

Die Kommunikation im Internet schafft neue Möglichkeiten für die Selbstpräsentation, besonders über die sogenannten Social Network Sites (SNSs), die den Nutzern ermöglichen sich eigene strategisch gestaltete Profile zu erstellen (Cohen, 2006). Die Nutzer präsentieren sich, indem sie durch verschiedene Varianten von Kommunikation bestimmte persönliche Informationen teilen, ihren Status aktualisieren, Fotos teilen oder ihren Online-Freunden Kommentare und Meinungen in den Profilen schreiben. (Rui & Stefanone, 2012, S. 110). Durch die Entkörperlichung (im vorherigen Absatz erläutert) gewinnt der Selbstdarsteller an Kontrolle über den darzustellenden Inhalt, wobei das Publikum seinerseits an Kontrolle verliert (Misoch, 2006, S. 4761). Im virtuellen Raum ist der Grad der Selektivität der geteilten Informationen viel höher als im realen Leben, weil die Interaktion nicht direkt geschieht (Bouvier, 2012). In den eigenen virtuellen Profilen haben die Nutzer die Möglichkeit, die von ihnen selbst generierten medialen Inhalte auf ganz bestimmte Art und Weise zu organisieren; so konstruieren die User eine bestimmte eigene Online-Identität, indem sie selektiv kontrollieren, wie sie ihre Profile gestalten und welche Inhalte da gepostet werden und wer Zugang zu ihren Profilen haben darf (Walther, 2007). Ein einfacher Vergleich zwischen einer Aussage in Form von medialem Inhalt und eine solche im Rahmen von Face-to-Face Kommunikation wird zeigen, dass die virtuelle Interaktion viel größeren Spiel-bzw. Inszenierungsraum für kommunikative Handlungen zur Verfügung stellt (Mendelson & Papacharissi, 2010, S. 4). Bei einer schriftlichen Gedankenäußerung innerhalb einer Online-Plattform oder sozialem Kanal hat man die Gelegenheit, das Geschriebene zunächst auf Fehler zu prüfen, den Inhalt zu korrigieren oder sogar den Status komplett zu löschen. In einem unmittelbaren Gespräch reagiert man intuitiv und automatisch und man kann oft Fehler und Unklarheit nicht vermeiden.

Eine weitere Besonderheit der Selbstdarstellung innerhalb der sozialen Netzwerke zeigt die Tatsache auf, dass die Selbstdarstellung an sich zeitlich unabhängig passiert und damit auch nicht immer abhängig vom Darsteller ist. Dieser kann zu einem gewünschten Zeitpunkt einen medialen Inhalt hochladen, der dann zu jeder Zeit zugänglich für die anderen Nutzer ist. Verschiedene Internet-Plattformen bieten den Usern die Möglichkeit, sich vor einem größeren Auditorium zu präsentieren. Grund dafür ist der im 21. Jahrhundert erleichterte und vereinfachte Internetzugang, über den, laut der im Kapitel 2.3.1. erwähnten Daten, Milliarden von Menschen verfügen. Es gibt zahlreiche Blogger und Youtuber, die Tausende von Kontakten bzw. Followern haben, was im realen Leben außerhalb des Internet-Raums undurchführbar wäre. Die Unabhängigkeit, die die sozialen Netzwerke den Nutzern sichern, ermöglicht es, das soziale System des Einzelnen uneingeschränkt zu erweitern.

Die Begriffe von Selbstdarstellung und Identität(sbildung) sind, wie in den vorherigen Textabschnitten erläutert, eng miteinander verknüpft. Valkenburg, Schouten und Peter (2005) vertreten die Meinung, dass die Selbstpräsentation und das Verhalten innerhalb des virtuellen Raums die Identitätsbildung entfaltet und normativ unterstützt. Das gilt besonders für die Gruppe der Heranwachsenden (zitiert von Bond, 2009, S. 29). Stern (2004) geht weiter in seinen Gedanken und erklärt, dass das Internet Jugendlichen einen scheinbar sicheren Raum zum Experimentieren zur Verfügung stellt, wo sie sich präsentieren können und die Gefahr des negativen Feedbacks, das die Face-to-Face-Kommunikation in sich birgt, vermeiden können. In der nächsten Passage wird auf den Wissensstand zum Thema Selbstdarstellung Jugendlicher und junger Erwachsener in sozialen Netzwerken eingegangen, indem relevante Studien präsentiert werden, so dass sich die vorliegende Arbeit in ihrem weiteren Verlauf auch empirisch entfaltet.

2.3.5. Forschungsstand

Eine große Anzahl von Studien hat die Selbstpräsentation Jugendlicher und junger Erwachsener innerhalb des virtuellen Raums und konkret in den sozialen Netzwerken erforscht. Im Folgenden werden etliche Studien vorgestellt, die den Stand des Wissens in diesem Bereich klären sollen.

In einer Studie von 2010 (Siibak) wurden mit Hilfe teilstandardisierten Interviews die Haupttendenzen bei den visuellen Selbstdarstellungsstrategien, die die 10-12 Jährigen in Estland anwenden, untersucht. Die Studie hatte zwei Hauptziele. Erstens sollte erforscht werden, welchen Einfluss Normen und Regeln vermittelter Kultur bei der Selbstpräsentation haben. Zweitens sollte geprüft werden, welche Rolle die Online-Peer-Group bei den genutzten Selbstpräsentationsstrategien in der Online-Umgebung spielt. Die Resultate der Studie weisen darauf hin, dass die Jugendlichen sich gern an die existierenden Normen und vorgegebenen Regeln der konkreten Online-Umgebung halten. Außerdem hat sich aufgezeigt, dass sie wohl bewusst ihre Selbstdarstellung an dem von der Peer Group bestimmten Schema einrichten. Trotz der Tatsache, dass die Ansichten darüber, was in den sozialen Netzwerken als „nett“ anzusehen ist, sich kontinuierlich ändern, hat sich herausgestellt, dass die Jugendlichen ständig und bewusst darauf achten, nur die besten Fotografien von sich selbst hochzuladen. Die Autorin geht davon aus, dass die Jugendlichen strategisch mit dem Impression-Management in sozialen Netzwerken umgehen, um eine gewünschte Person zu erschaffen. Zur Erklärung dieses Phänomens setzt Siibak (2010) ein vier-stufiges Modell ein, das das Impression-Management unterteilt und das strategische Handeln bezüglich Online-Selbstdarstellung junger Menschen erklärt. Die erste Ebene des Modells beschreibt den Rahmen, der die akzeptierten Werte, Normen und Verständnisse der Umgebung bzw. der Peer-Group absteckt, sowie die optimalen Strategien, die zu deren Erreichen erforderlich sind. Die zweite Stufe zeigt, wie man von den identifizierten Strategien Gebrauch macht, mit dem Ziel die Aufmerksamkeit der anderen User zu gewinnen und bei ihren beliebt zu werden. Dann, auf der dritten Stufe, versucht man die Rückmeldungen der anderen bezüglich der Impression-Management-Strategien zu evaluieren und schließlich (Ebene 4) diese Strategien zu validieren (S. 51). Zusammengefasst bedeutet dies, dass ein externes Feedback für den User notwendig ist, um zu erfahren, ob er sich weiter auf die gegebene Art und Weise darstellen muss, um von den anderen Nutzern akzeptiert zu werden oder ob er eine andere Strategie einsetzen muss (Siibak, 2010, S. 52).

Rui und Stefanone (2013) beschäftigen sich auch mit der Selbstpräsentation in den sozialen Netzwerken im Kontext des Impression-Managements. In einer quantitativen Studie haben die Wissenschaftler eine Reihe von Selbstdarstellungsverhalten innerhalb der sozialen Netzwerke untersucht, indem sie auf Impressionsmotivation, Selbstwertgefühl und die Analyse der sozialen Netzwerkstruktur eingegangen sind. In einer Online-Umfrage an der Nordöstlichen Universität im März 2011 wurden 458 Studenten befragt. Fünf Aspekte sollten innerhalb der Studie untersucht werden, um die Strategien bei der Online-Selbstdarstellung zu klären: (1) Größe des Online-Netzwerks; (2) Vielfältigkeit; (3) Öffentlichkeit des eigenen Profils; (4) Selbstinitiierte Selbstdarstellungsverhalten und (5) schützende Selbstdarstellung als Antwort unerwünschten rremdgenerierter Informationen. Die durchschnittliche Zahl der Online-Freunde der Probanden lag bei 593.61. Ergebnisse zeigten, dass die Mehrheit der Probanden (71%) über subtraktive Strategien berichtete: 152 der Befragten haben ihre Tags auf fremden Fotos entfernt und 19 haben ihre Freunde darum gebeten (Rui & Stefanone, 2013, S. 1296). Etwa 14% der Befragten haben ihre Freunde gebeten ihre Posts zu löschen, weil sie unerwünscht waren, und 25% gaben an, Posts von Freunden an denen sie beteiligt waren, gemeldet zu haben. Auch „repudiative strategies“ wurden festgestellt: 9% der Probanden haben etwas als Antwort auf einen vernachlässigten Post. Ergebnisse zeigten, dass die Größe des Netzwerkssystems in Verbindung mit der Zahl der geposteten Fotos steht. Dieser Fund bestätigte eine vorherige Untersuchung (Stafanone et. al. 2011), dass ein Zusammenhang zwischen der Größe des sozialen Netzwerks und dem Selbstdarstellungsverhalten besteht (Stefanone & Rui, 2013, S. 1300). Ihre Untersuchung bietet eine weitere Funktion der self initiated photo-sharing und nämlich eine Pflege der sozialen Beziehungen; User können sich zu einem sozialen Informationsaustausch „verpflichtet“ fühlen (Miller & Edwards, 2007). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die User tatsächlich bewusst auf die Normen innerhalb der konkreten Online-Umgebung achten.

Eine frühere Studie von Rui und Stefanone aus dem Jahr 2012 untersuchte wie Publikum-bezogene Variablen die strategische Selbstdarstellung und das Bilderverwaltungsverhalten beeinflussen. Das Sample bestand aus singapurischen und amerikanischen Probanden. Ergebnisse haben gezeigt, dass die Amerikaner ihre Profile mit textbasierten Wandposts aktualisieren und Singapurer häufiger deutlich mehr Fotos teilen. Es wurde festgestellt, dass Publikumsvielfalt positiv mit aktivem Impression-Management von anderen Informationen verbunden ist.

Auch andere Studien beschäftigen sich mit dem „wie“ im Kontext von der Selbstdarstellung. Prommer et. al. (2009) haben sich auch damit beschäftigt, welche Kriterien bedeutsam sind und welche Strategien bei der Selbstinszenierung eingesetzt werden. Bei einer Untersuchung des sozialen Netzwerks StudiVZ stand der Stellenwert der Gruppe im Vordergund. Festgestellt wurde, dass vor allem weibliche Userinnen von den angebotenen Selbstdarstellungsmöglichkeiten Gebrauch machen (zitiert von Neumann-Braun & Authenrieth, 2011, S. 23); sowie, dass man generell bei der Präsentation des eigenen Selbst strategisch handelt (Prommer et.al. 2009, S. 50ff.).

Im Jahr 2014 konnte auch Toma bei der Online-Plattform Facebook untersuchen und bestätigen, dass Nutzer Wert darauf legen, sich positiv online präsentieren zu können. Ergebnisse haben gezeigt, dass es sich bei der Online-Selbstdarstellung nicht um ein idealisiertes Bild des eigenen Selbst handelt. Es hat sich herausgestellt, dass Nutzer versuchen, ihre Person in einem guten Licht zu präsentieren (Toma, 2014).

Auch andere zu diesem Thema gehörende Aspekte wurden in der Wissenschaft untersucht. Mit dem Verhältnis zwischen der tatsächlichen Personsidentität und dem im virtuellen Raum geschaffenen Selbstbild beschäftigen sich Back et.al. (2010), sowie Stern und Taylor (2007). Die letzten vertreten noch die Meinung, dass sozialen Netzwerke dazu dienen, der Persönlichkeit einen Ausdruck zu geben und diese zu demonstrieren. Neumann-Braun und Autenrieth (2011) ihrerseits erklären, wie Jugendliche mit dem persönlichen Netz von engen und lockeren Freundschaften umgehen.

Das in der Wissenschaft meist untersuchte soziale Netzwerk ist Facebook (Weissensteiner & Leiner, 2011). Eine Online-Statistik hat gezeigt, dass im Jahr 2016 70% der Nutzer zwischen 14 und 29 Jahren Facebook mindestens einmal in der Woche genutzt haben. Mit diesem Wert ist diese die vierte meistens ausgeübte Online-Tätigkeit innerhalb dieser Altersgruppe. Täglich wird Facebook von 47% der eben genannten Gruppe genutzt (Koch & Frees, 2016, S. 433). Laut einer anderen Statistik der Autoren, die die Nutzung verschiedener sozialer Netzwerke vergleicht, ist Facebook in allen untersuchten Altersgruppen immer noch der meist genutzte Online-Sozialkanal (S. 434). Neben Facebook steigert sich seit seinem Erscheinungsjahr 2010 kontinuierlich die Nutzerzahl von Instagram. Die wöchentliche Nutzung des Netzwerks ist in der Zeitspanne 2015 – 2016 von 7 auf 11 Prozent gestiegen. Im Vergleich mit Facebook hat Instagram ausschließlich die Austauschfunktion von Bildern und Videos. Im Jahr 2016 wurde auch eine Chatfunktion hinzugefügt, die es den Nutzern ermöglicht, private Nachrichten und Bilder zu senden. Laut Daten nutzen 37% der 14- bis 29-jährigen Instagram mindestens einmal pro Woche. Diese ist wiederum die Altersgruppe, die Instagram am meisten nutzt: 55% der User zwischen 14 und 19 Jahren und 27 % User zwischen 20 und 29 Jahren sind ständig on Instagram. Allerding wurde dieses soziale Netzwerk bisher nur noch oberflächlich untersucht. In der vorliegenden Arbeit wird demnächst diese soziale Plattform näher mit ihrer Funktionen und den Möglichkeiten, die sie anbietet, präsentiert.

2.4. Photosharing Plattform Instagram

Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht die Photo-Sharing-Plattform Instagram. Für das Verständnis des weiteren Verlaufs sollen zunächst die Funktionen und die Besonderheiten dieses Online-Netzwerks geklärt werden.

Das SEO-Lexikon bestimmt Instagram als eine seit dem Jahr 2010 existierende App, innerhalb derer Nutzer Fotos und kurze Videos aufnehmen, bearbeiten und teilen können. Besonderheit von der Bildaufnahme mit Instagram ist die quadratische Form der Fotos, die „an eine alte analoge Kamera erinnern“ (SEO-Analyse.com). Die App wurde von Kevin Systrom und Mike Krieger entwickelt. Ihre Hauptidee und Ausgangspunkt war, den Menschen die Möglichkeit zu bieten, sich mit Hilfe des Smartphones an bestimmten Orten einzuchecken und das entsprechend mit anderen Usern zu teilen. Anfangs existierte Instagram nur für iOS-Geräte (Weilenmann, 2013, S. 3). Neben den Hauptoptionen, die die Applikation anbietet, wie Bilder- und Videoaufnahmen, ermöglicht sie die geschaffenen medialen Inhalte gleichzeitig auch in anderen sozialen Netzwerken zu teilen, wie z.B. Facebook oder Twitter, indem man sein Instagramprofil mit seinem Profil auf der entsprechenden Plattform verknüpft. Eine weitere Besonderheit der App ist, dass die Nutzer, die zur Online-Umgebung des Einzelnen gehören, nicht wie bei Facebook „Freunde“ genannt werden, sondern „Abonnenten“ und dass die Vernetzung mit anderen Profilen nicht unbedingt zweiseitig erfolgt. Darunter ist zu verstehen, dass man abonniert werden kann, nicht aber unbedingt die gleichen Personen oder Seiten abonnieren muss. Die Nutzer haben die Möglichkeit, zwischen einem privaten, dessen Inhalte nur von den abonnierten Personen zu sehen sind, und einem öffentlichen Konto, zu dem jeder Instragram-Nutzer Zugang hat, zu entscheiden. Außerdem sind die sogenannten Hashtags für dieses soziale Netzwerk, mit denen man einen Post versehen kann, charakteristisch. Sie haben die Funktion, das konkrete Foto oder Video zu beschreiben. Ebenso kann die App aufgrund der Hashtags der User Vorschläge für die weitere Vernetzung machen. Eine andere Funktion, die im Jahr 2013 hinzugefügt wurde, ist Instagram Direct, die die Möglichkeit bietet, Fotos, Videos und Textinhalte als private Nachrichten zu verschicken. Eine weitere Funktion von Instagram sind die zahlreichen Foto- und Videobearbeitungsfilter, die die Inhalte visuell verfeinern. Diese Funktion wurde später erweitert und zurzeit können Nutzer auch die Stärke des gewählten Filters bearbeiten. Die letzte Neuerung ist vom August 2016 und heißt Instagram Stories: Man kann ein Foto oder ein Video in der persönlichen Story hochladen, wobei der Inhalt 24 Stunden zugänglich und sichtbar für andere User ist, ohne in dem eigenen Profil zu erscheinen.

Eine auf der Internetseite von Statista.com stehende Statistik zeigt, dass die Anzahl der monatlich aktiven Instagram-Nutzer weltweit in der Zeitspanne von Januar 2013 bis April 2017 von 90 Mio auf 700 Mio angewachsen ist. Gemäß den Erläuterungen in den vorherigen Kapiteln über den Zusammenhang zwischen den sozialen Netzwerken und dem Selbstdarstellungsphänomen, kann davon ausgegangen werden, dass Instagram als zurzeit zweitgrößtes soziales Netzwerk, das überwiegend von jungen Leuten im Alter zwischen 14 und 29 Jahren genutzt wird (Koch & Frees, 2016), eine wichtige Rolle bei der Online-Selbstpräsentation junger Menschen spielt. Trotz der Tendenz der steigenden Nutzerzahlen und der bisherigen wissenschaftlichen Untersuchung anderer sozialer Netzwerke wie Facebook oder StudiVZ, wurde die Photo-Sharing-Plattform Instagram noch wenig und nur oberflächlich untersucht. Die vorliegende Arbeit hat das Ziel, eine Forschungslücke zu schließen, indem sie die Selbstdarstellung junger Erwachsenen im Kontext von Instagram untersucht. Im Folgenden werden die bisher eingeführten und diskutierten theoretische Hintergründe und die dargestellten Studien zusammengefasst und am Ende des Kapitels wird die zu beantwortende Forschungsfrage aufgeführt und formuliert.

2.5. Forschungsfrage

In diesem Textabschnitt erfolgt eine Zusammenfassung der bisher diskutierten und erläuterten Inhalte sowie eine Formulierung der Forschungsfrage.

Die Begriffe Identität, Identitätsbildung und Selbstdarstellung stehen in einem engen Zusammenhang. Besonders für die Heranwachsenden spielen diese Phänomene eine große Rolle. Das Phänomen Selbstdarstellung geschieht immer in einer Interaktion mit anderen, d.h. man präsentiert sich selbst immer vor einem Publikum. Bei dieser Präsentation versucht man (bewusst oder unbewusst) einen Einfluss auf das Publikum auszuüben, mit dem Ziel nur das Gewünschte vom eigenen Selbst nach außen zu bringen. Innerhalb dieses Prozesses bekommt der Darsteller Rückmeldung von seinem Gegenüber. Bei den Jugendlichen ist dieser Verlauf besonders bedeutsam, weil sich in dieser Phase ihres Lebens die Identität der eigenen Person bildet, wobei sie von verschiedenen internen und externen Faktoren beeinflusst wird. Laut Studien, die im Kapitel 2.3.5. vorgestellt wurden, sehen die jungen Menschen in den sozialen Netzwerken eine Möglichkeit, sich vor den Gleichaltrigen selbst so zu präsentieren, um akzeptiert zu werden. Davon spricht z.B. die Studie von Siibak (2010), in der festgestellt wurde, dass die Jugendlichen sich an die von der Online-Umgebung vorgegebenen Normen und Regeln gerne halten. Dieses Ergebnis weist darauf hin, dass Jugendliche gerne beachten, was die anderen für „gut“ oder „schlecht“ halten, und versuchen, sich innerhalb dieser Übereinkunft darzustellen. Bisher wurde aber nicht erforscht, welche Rolle fremde Meinungen bei der Online-Selbstdarstellung des Einzelnen spielen. Deshalb soll in dieser Arbeit geprüft werden welchen Einfluss fremde Bewertungen bei der Selbstdarstellung im Kontext von Instagram haben. Schließlich lässt sich die konkrete Forschungsfrage formulieren: Inwieweit sind fremde Bewertungen bei der Selbstdarstellung junger Erwachsener auf Instagram wichtig? Dabei kommen auch zwei Unterforschungsfragen in Betracht:

Welche Rolle spielen die Bearbeitungsmöglichkeiten von Instagram dabei?

Inwieweit kann man von einer „standardisierten Schönheit“ im Rahmen von Instagram reden?

3. Methodische Vorgehensweise

In dieser Passage wird das methodische Vorgehen innerhalb der vorliegenden Arbeit dargestellt. Zunächst wird die Methode des qualitativen Interviews und auch die spezifische Art des problemzentrierten Interviews erklärt. Danach werden wie folgt auch die Datenerhebungsmethoden, die Transkriptionen der Interviews und schließlich die Analyse der Daten erläutert. Im Kapitel 4 werden die Ergebnisse dargestellt und diskutiert.

3.1. Qualitatives Interview

Laut Flick (1995) ist das Hauptziel der qualitativen Sozialforschung die „Lebenswelten“ von innen heraus zu beschreiben. Anders als bei den quantitativen Methoden, bei denen ein klarer Arbeitsplan von Anfang an definiert und ins Zentrum gestellt wird, der alle Arbeitsschritte diktiert, wird bei der qualitativen Forschung eher mit einer „zirkulären Strategie“ vorgegangen (Lamnek, 2005, S. 194). Witt (2001) erklärt diese Zirkulation im Sinne, dass „eine Aufeinanderfolge von Forschungsschritten mehrmals durchlaufen wird und der jeweils nächste Schritt von den Ergebnissen des jeweils vorherigen abhängt“ (Absatz 15). Nach Witt geschehen die Forschungsschritte in bestimmter Sequenz mehrmals hintereinander: Auswahl des genauen Prozesses, Auswahl der Untersuchungsmaße, Datenerhebung und Auswertung. Innerhalb dieses Prozesses können die einzelnen Schritte voneinander unmittelbar beeinflusst werden. Unter anderem bietet die Methode des qualitativen Interviews Gelegenheit, wenig erforschte Bereiche zu untersuchen (Diekmann, 2001, S. 30.), weil laut Lamnek (2005) Nachvollzielbarkeit und gute Interpretationsmöglichkeiten aufgrund der, durch die Interviews geschaffenen Textinhalte bestehen. Ziel der qualitativen Forschung ist nicht, Hypothesen zu testen, sondern diese zu generieren. Laut Mayring (2003) ist qualitative Sozialforschung unmittelbar mit Hypothesenfindung und Theoriebildung verbunden (S.20). Exploration liegt im Zentrum dieses Prozesses. Der Begriff der Exploration lässt sich erklären als die von einer Vorstudie entstandenen quantitativen Untersuchungen im hypothesentestenden Kontext. Kromey schafft innerhalb der Sozialforschung eine genauere Definition und zwar: „Exploration bezeichnet das umfassende, in die Tiefe gehende, detektivische Erkunden des Forschungsfeldes […]“ (Kromney, 2000, S. 67).

Qualitative Interviews werden meistens innerhalb einer Spanne von strukturierten, über semi-strukturierte, bis unstrukturierten bzw. fokussierten Interviews definiert (Bryman, 2001). Die strukturierten Interviews stehen in unmittelbarer Nähe zu den quantitativen Methoden, während semi- und unstrukturierte Interviews offener und flexibler sind (Edwards & Holland, 2013). Bergmann (2006) erklärt, dass qualitative Interviews eher einem Alltagsgespräch zu ähneln versuchen, statt einer strengen Fragenreihe zu folgen. Allerdings existiert eine große Zahl von verschiedenen Arten von Interviews, die nicht immer streng voneinander differenziert werden. Aus diesem Grund ist es innerhalb einer Studie oder wissenschaftlichen Arbeit erforderlich, die genaue Vorgehensweise zu definieren und zu beschreiben. Schließlich werden die Forschungsergebnisse von der Wahl der Interviewmethode beeinflusst.

3.2. Problemzentriertes Interview

Als für die zu beantwortende Forschungsfrage geeignet kommt in Betracht das problemzentrierte Interview nach Witzel (2000). Das problemzentrierte Interview dient der Erfassung subjektiver Wahrnehmungen und Problemsichten sowie individueller Handlungen. In einem dialogisch-diskursiven Prozess werden die Befragten als ExpertInnen der eigenen Orientierungen und Handlungen verstanden, die im Gespräch die Möglichkeit haben, eigene wie auch Aussagen der Interviewenden explizit zu klären und nötigenfalls zu korrigieren (Mey, 2000). Es orientiert sich an zentralen Prinzipien qualitativer Forschung, die unter den Stichworten „Problemzentrierung“ (Konzentration auf ein Problem oder Thema), „Gegenstandsorientierung“ (Wahl dem Gegenstand angemessener Methoden) und „Prozessorientierung“ (z. B. dialogische Entwicklung) diskutiert werden. Durch ein deduktiv-induktives Wechselspiel bei der Datenerhebung will das problemzentrierte Interview der Herausforderung begegnen, ein offenes mit einem theoriegeleiteten Vorgehen zu verbinden. Es soll den Befragten durch Anregung zu Erzählsequenzen die Möglichkeit bieten, ihre Perspektiven darzustellen bzw. zu entfalten (Witzel, 2000).

Das PZI besteht aus vier Bestandteilen: Kurzfragebogen, Leitfaden, Tonbandaufzeichnung und Postskriptum (Witzel, 1989, S. 236). Es folgt eine kurze Beschreibung der Instrumente, die für das Verständnis des weiteren Verlaufs des empirischen Teils der Arbeit notwendig ist.

Der Kurzfragebogen ist überwiegend für die quantitativen Methoden charakteristisch, wird allerdings auch innerhalb der qualitativen Forschung, zum Erfragen von Informationen, die nicht unmittelbar mit den Interviewfragen stehen angewendet, können und vom Interviewer danach für weitere Informationsgenerierung angewendet werden (Witzel, 1989. S. 236).

Als Orientierungsrahmen des Interviews dient der Leitfaden. Er hat die Funktion der „Gedächtnisstütze des Interviewers“ (Witzel, 1989, S. 236), d.h. er unterstützt die inhaltliche Seite des Interviews, indem er die einzelnen Erzählsequenzen des Befragten abgrenzt. Der Leitfaden beinhaltet alle zu untersuchenden Bereiche des Interviews, indem diese durch themenbezogene Fragen erfragt werden. Der Interviewer hat die Freiheit, auch erklärende oder vertiefende Nachfragen zu stellen, um auf den erfragten Bereich einzugehen, falls sich der Interviewte vom Thema entfernt (Witzel, 1989, S. 236).

Das dritte notwendige Element des PZIs ist die Tonbandaufnahme des Interviews. Die Aufnahme dient der Erfassung des komplexen Gesprächsverlaufs und später, mit Hilfe der Transkription des Gesprächs, seiner adäquaten Analyse (Witzel, 1989, S. 237).

Der letzte Schritt beim PZI ist das Anfertigen eines Postscriptum. Der Begriff lässt sich erklären als Anfertigung einer Postkommunikationsbeschreibung, die die spätere Interpretation präzisiert (Witzel, 1989, S. 238).

Allerdings gibt es eine weitere Besonderheit im Rahmen des PZIs. Der Forschende, der die Methode des PZIs einsetzt, lässt sich laut Witzel und Reiter (2012) mit einem „well-informed-traveller“ vergleichen. Im wissenschaftlichen Kontext ist damit ein „induktiv-deduktives Wechselspiel“ (Witzel, 2000, Abs. 3) gemeint. Um die problematischen Themenbereiche geeignet und komplex untersuchen zu können, muss der Forscher sich im Vorfeld umfänglich informiert haben. Die Forschende der vorliegenden Arbeit besaß ein eigenes Instagram-Profil bereits vor der Durchführung der Studie und kannte sich mit der Applikation sowie mit dem Hochladen und Bearbeiten der Fotos und Videos gut aus.

Im weiteren Verlauf der Arbeit wird das Sample festgelegt sowie der Verlauf der Interviews allgemein zusammengefasst.

3.3. Auswahl des Samples und Besonderheiten des Interviewverlaufs

In diesem Kapitel wird erklärt, nach welchen Kriterien das Sample für die vorliegende Studie bestimmt wurde, sowie kurz erläutert, wie die durchgeführten Interviews gelaufen sind.

Im Kontext der gegenständlichen Abschlussarbeit wurden insgesamt neun Instagram-User interviewiert. Sie lassen sich als „junge Erwachsene“ i.S.v. der Definition, die in dieser Arbeit vorgeschlagen wird, bestimmen. Es wurden eben junge Erwachsene als Probanden gewählt, weil laut Statistiken die größte Nutzergruppe in Deutschland für 2016 nämlich diese der Nutzer von 14 bis 29 Jahren, ist (über 56,5%). Die Auswahlkriterien richten sich bei einer qualitativen Befragung „ausschließlich nach inhaltlichen Relevanzkriterien, die sich aus den Analysen des sozialen Feldes ergeben“ (Froschauer & Lueger, 2003, S. 55). Aus diesem Grund gehören zu den Auswahlkriterien einerseits die Regelmäßigkeit der Profilaktualisierung – die Befragten müssen Interesse an der Selbstpräsentation auf Instagram haben. Problematisch ist die genaue Bestimmung des Begriffs „aktiv“ im Kontext von Instagram-Nutzung zu bestimmen. Innerhalb der ARD/ZDF Online-Studie werden als „aktive Nutzer“ Personen bezeichnet, die mindestens einmal pro Woche das konkrete soziale Netzwerk nutzt. Diese Definition unterscheidet sich deutlich von den von Facebook und Instagram selbst generierten Datenzahlen, die als „aktiv“ jemanden definieren, der social media mindestens einmal im Monat nutzt (vgl. allfacebook.de). Die Aktualisierung des eigenen Profils an sich ist nicht die bloße Nutzung der App, sondern besteht aus dem Hochladen von Fotos und Videos. Regelmäßige Aktualisierung wurde im Rahmen der Arbeit als „mindestens dreimal in der Woche“ bestimmt, weil im Kontext der oben eingeführten Forschungsfrage Personen zu befragen sind, die regelmäßig bzw. oft Fotos und Videos hochladen und sich mit dem Verfahren gut auskennen. Andererseits relevant ist auch die Nutzung der Bearbeitungsmöglichkeiten für die hochgeladenen Fotos. Es wird davon ausgegangen, dass sich User, die ständig neue, bearbeitete Fotos hochladen, einen Überblick in diesem sozialen Feld verschaffen und entsprechend eine Antwort der gegenständlichen Forschungsfrage geben können. Da die Forschungsfrage keinen geschlechtsspezifischen Aspekt betrachtet, wurden sowohl Männer als auch Frauen befragt. Problematisch bei der Auswahl des Samples war allerdings die Altersgruppe. Laut im Kapitel 2.3. schon dargestellter Statistik von ARD/ZDF ist die größte Instagram-Nutzergruppe zwischen 14 und 29 Jahren alt (Koch & Fries, 2016, 436). Das Problem ergibt sich daraus, dass in der Spanne von 14 bis 29 Jahren mehrere einzelne Lebensphasen zu differenzieren sind. Laut der in dem Kapitel 2.2. bereits eingeführten Literatur gibt es bisher keine einheitliche Definition sowie keine strenge Abgrenzung zwischen den Lebensphasen, weil das Heranwachsen und die Reifung eines Kindes sehr individuell und personenbezogen sind. Laut der schon zitierten Shell-Studie (2015) lässt sich die Periode zwischen dem 13. und dem 25. Lebensjahr als Jugend definieren. Innerhalb der Jugend unterscheidet die Studie zwischen Adoleszenz (13 – 18 Jahre) und Postadoleszenz (18 – 25 Jahre). Die Definition kann also von unterschiedlichen Faktoren und Sichten abhängig sein. So lautet eine politische Definition der Generalversammlung der Vereinten Nationen, dass Personen, die älter als 15 und jünger als 24 Jahre sind, als Jugendliche zu bestimmen sind, wobei es hier auch eine Unterteilung gibt und zwar zwischen Teenager (13 – 19 Jahren) und jungen Erwachsenen (20 – 24 Jahren) (vgl. website von UN). Für die adäquate Analyse, Interpretation und Ergebnisse der vorliegenden Arbeit ist jedoch eine genauere Definition zu legen. Aus diesem Grund wird im Kontext der Arbeit die Definition der späten Adoleszenz von Elliot und Feldman (1990) übernommen. Sie bestimmen die späte Adoleszenz für die Zeitspanne vom 18. bis zum 25. Jahren (S. 2).

Um geeignete Probanden zu finden, wurde über die Studie in bestimmten offenen Gruppen in Facebook berichtet. Die meisten Personen, die sich als Teilnehmer gemeldet haben, stammen nicht ursprünglich aus Deutschland, waren aber zum Zeitpunkt der Interviews in dem Gebiet der Interviewerin wohnhaft, was die Face-To-Face-Kommunikation ermöglicht hat. Fünf von neun Gesprächen wurden in einem Càfe durchgeführt, drei in der Wohnung des jeweiligen Befragten und eins per Skype (Videointerview). Störungen während der einzelnen Gespräche gab es keine. Durch ein Pretest konnte die ungefähre Interviewlänge bestimmt, sowie die Verständlichkeit der Fragen kontrolliert werden. Nach dem Pretest wurde eine der Interviewfragen umformuliert, sowie eine weitere Frage wurde hinzugefügt. Dies war nötig für die Untersuchung der zweiten Unterforschungsfrage (s. Kapitel 2). Um zu prüfen, ob im Rahmen von Instagram von einer „standardisierten Schönheit“ geredet werden kann, sollte diese Plattform mit anderen sozialen Netzwerken verglichen werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 103 Seiten

Details

Titel
Selbstdarstellung junger Erwachsener auf der Online-Plattform Instagram. Die Inszenierung des perfekten Alltags
Hochschule
Universität Mannheim
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
103
Katalognummer
V950896
ISBN (eBook)
9783346321534
Sprache
Deutsch
Schlagworte
social media, instagram, selbstdarstellung, jugendliche, online plattform, fotos, junge Erwachsene, inszenierung, alltag, perfekt, bachelor, mannheim, keppler, goffman
Arbeit zitieren
Ellora Angelova (Autor), 2017, Selbstdarstellung junger Erwachsener auf der Online-Plattform Instagram. Die Inszenierung des perfekten Alltags, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/950896

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Selbstdarstellung junger Erwachsener auf der Online-Plattform Instagram. Die Inszenierung des perfekten Alltags



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden