Der Begriff der 'Natur' als Fundament von Diderots Begründung des "bürgerlichen Trauerspiels"


Seminararbeit, 2002

18 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Das 18. Jahrhundert: sens et sensibilité
2.2 Der Naturbegriff Diderots
2.3 Die Begründung des bürgerlichen Trauerspiels:
« Entretiens sur le Fils naturel » über den Entwurf
eines neuen Naturbegriffs
2.4 Von der Theorie zur Praxis :
« Der Hausvater », ein Schauspiel in fünf Aufzügen

3. Schluss

4. Bibliographische Angaben

1. Einleitung

Denis Diderot ist im Allgemeinen als Philosoph der Aufklärung und Begründer der „Enzyklopädie“ bekannt. Literaturinteressierte kennen ihn auch als Romancier, doch das Diderot ebenso Theaterstücke geschrieben und dramentheoretische Schriften verfasst hat, war selbst mir als Literaturwissenschaftlerin unbekannt, und das obwohl Diderot im 18. Jahrhundert als Dramatiker und Theoretiker des Dramas in Deutschland eine sehr viel breitere und intensivere Wirkung als in Frankreich hatte.

Dies ist Grund genug, seine Dramentheorie einmal näher zu betrachten, zumal er einer derjenigen war, die die neue Gattung des „Bürgerlichen Trauerspieles“ etablierten und auf die Bühne brachten, eine Gattung, die in Deutschland besonders von Lessing, der auch die Theaterstücke von Diderot ins Deutsche übersetzte, mit Interesse aufgenommen wurde.

Die folgende Arbeit beschäftigt sich demnach mit dem 18. Jahrhundert, gibt einen Überblick über die Dramentheorien vor Diderot und befasst sich eingehend mit der neuen Dramentheorie von Diderot. Als ein Beispiel für ein bürgerliches Trauerspiel dient „Der Hausvater“, ein Stück in fünf Akten, das auf die verschiedenen Merkmale der neuen Theorie Diderots hin untersucht wird.

2. Hauptteil

2.1. Das 18. Jahrhundert: sens et sensibilié

Das 18. Jahrhundert war von zwei Begriffen geprägt: die Vernunft und die Empfindsamkeit.

Die Vernunft zeigte sich durch das Streben nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und die hohe Wertschätzung von Erkenntnissen, die empirisch beobachtbar und beweisbar sind.

Des Weiteren beschäftigte man sich zum Beispiel in der Philosophie mit der so genannten praktischen Vernunft, vor Allem Immanuel Kant hat mit seinen Werken „Was ist Aufklärung“ (1783) und „Kritik der praktischen Vernunft“ (1788) große Beachtung und Anerkennung errungen. So wird für Kant die Aufklärung nicht durch den Wissensstand eines Menschen bezeugt, sondern durch seine allgemeine Fähigkeit, sich des eigenen Verstandes ohne Leitung eines anderen sicher und gut zu bedienen.

Der Wunsch nach neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und das Bestreben, sich des Verstandes zu bedienen, hatte auch zur Folge, dass man Kirchenkritik äußerte. Dies beschränkte sich aber zunächst auf Kritik an der Institution Kirche. Zwar gab es auch zu dieser Zeit eine Gruppe von Atheisten (Diderot gehörte auch dazu), im Allgemeinen blieb die Religion aber ein wichtiger Bestandteil des Alltagslebens.

Zudem vollzog sich im 18. Jahrhundert ein grundlegender Wandel des Menschenbildes. Als die wesentlichen und wertvollsten Eigenschaften des Menschen wurden nun Mitgefühl und Mitleid mit anderen, Humanität und das Wohlwollen gegenüber den Mitmenschen angesehen. Im Zuge dieses Wandels hin zur Empfindsamkeit, veränderte sich auch die Auffassung von der Natur der Frau. Da Empfindsamkeit, Mitgefühl und Wohlwollen Frauen im höheren Maße zugesprochen wurden, stieg das Ansehen der Frau.

Die wohl wichtigste Veränderung im 18. Jahrhundert war aber der beginnende Aufstieg der mittleren Schichten. Die einschneidenden wirtschaftlichen Veränderungen, wie die Verbesserungen in der Landwirtschaft, neue Manufakturen und der rapide Wachstum des Binnen- und Außenhandels führten zu weitreichenden Veränderungen in der sozialen Struktur. Obwohl es den Bauern natürlich noch immer denkbar schlecht ging, profitierte die mittlere Schicht von dem wirtschaftlichen Aufschwung. Zum Proletariat gehörten damals die Arbeiter in den Manufakturen, außerdem Handwerker (Gesellen und Lehrlinge) und ein Teil der Heimarbeiter auf dem Lande. Der reichste Teil des Bürgertums, die Generalsteuerpächter, die Bankiers, die Kaufleute und die Grundbesitzer waren mit der feudal- absolutistischen Schicht zwar eng verbunden, erstrebten aber Reformen. Sie wünschten die Ordnung der Finanzen und wollten politische Rechte. Der aufsteigende Wunsch nach Reformen, die Fähigkeit, Empathie zu empfinden und gleichzeitig den eigenen Verstand zu gebrauchen war der Grundstein für die folgende französische Revolution des neuen Bürgertums.

Abschließend bleibt noch zu bemerken, dass man in der Forschung lange geglaubt hat, Verstand und Empfindsamkeit wären gegenteilige Positionen einer Epoche gewesen. Doch dies ist meiner Ansicht nach ein Irrtum, da im 18. Jahrhundert ein Gleichgewicht von Denken und Empfinden angestrebt wurde.

2.2 Der Naturbegriff Diderots

Wenn ich nun im Folgenden Diderots Naturbegriff erläutere, spreche ich von Diderots Begriff von der Natur des Menschen.

Denis Diderot glaubte nicht, dass der Mensch in Einsamkeit leben kann. Die Neigung des Menschen, sich einen Lebens- und Liebespartner zu suchen, bezeichnet er als natürlichen Trieb.

Besonders das Leben im Kloster, im 18. Jahrhundert wurde diese Art zu leben von Frauen oft nicht aus religiöser Überzeugung gewählt, vielmehr diente das Kloster als Auffangbecken für Waisen, mittellose oder ungeliebte Frauen und Mädchen, prangerte Diderot an.

Dies Thema schien im offenbar sehr wichtig, da er es immer wieder in seinen Romanen und Theaterstücken einfließen ließ.

So thematisiert auch eine Szene im „Hausvater“, auf den ich später noch näher eingehen werde, das Klosterleben. Der Hausvater fragt seine Tochter, ob sie sich für einen Ehemann entschieden hätte. Seine Tochter Cäcilia, die einen Mann liebt von dem sie glaubt, dass ihn ihr Vater nicht akzeptieren würde, verneint dies und deutet an, dass sie lieber ins Kloster gehen will. Der Vater ist entsetzt und findet deutliche Worte:

„…Tu n´as pas entendu les gémissements des infortunées dont tu irais augmenter le nombre. Ils percent la nuit et le silence de leurs prisons. C´est alors, mon enfant, que les larmes coulent améres et sans témoin, et que les couches solitaires en sont arrosßées... Madmoiselle, ne me parlez jamais de couvent...“[1]

Ebenso klare Worte findet er für den Stand der „Jungerfernschaft“:

„ Vous connaissez les différents états; dites-moi en est-il un plus triste et moins considéré que celui d´une fille âgée ?»[2]

„Une fille surannée n´a plus autour d´elle que des indifférentes qui la négligent, ou des âmes intéressées qui comptent ses jours. Elle le sent ; elle s´en afflige ; elle vit sans qu´on la console, et meurt sans quo´n.la pleure.“[3]

Der Stand der Ehe scheint für den Hausvater die einzig mögliche und sinnvolle Lebensform zu sein, wie er mit folgenden Worten verdeutlicht:

„… Mais c´est un état que la nature impose. C´est la vocation de tout ce qui respire...“[4]

Die eindringlichsten Worte zur Natur des Menschen finden sich aber in Diderots Roman „La religieuse“, ein Werk, das die unmenschlichen Verhältnisse des Klosterlebens thematisiert:

Das ist die Frucht der Einsamkeit! Der Mensch ist für die Geselligkeit geschaffen. Lebt er abgesondert, auf sich gestellt, so verwirrt sich sein Denkern, sein Wesen entartet, tausend lächerliche Neigungen keimen in seinem Herzen, überspannte Gedanken wuchern in seinem Hirn wie Dornengestrüpp im Brachfeld. Versetzt einen Menschen in einen Wald, und er wird zum reißenden Tier; in ein Kloster, wo Bedürfnis und Zwang sich verbinden, und das Ergebnis ist noch schlimmer: Aus dem Wald führt ein Weg heraus, aus einem Kloster nicht; im Wald ist man frei, im Kloster ein Sklave. Man braucht vielleicht größere Seelenstärke, um der Einsamkeit zu widerstehen als dem Elend; Elend entwürdigt, Einsamkeit verdirbt. Ist es besser, in der Verworfenheit zu leben als im Wahnsinn? Ich wage es nicht zu entscheiden; aber vermeiden muß man beides.“[5]

Mit dieser Textpassage und dem Vergleich vom einsamen Leben im Wald spielt er auf seinen ehemaligen Freund Rousseau an, mit dem er sich eben über die Frage nach der Natur und den Bedürfnissen des Menschen zerstritten hatte und der sich daraufhin in den Wald und die Einsamkeit zurückgezogen hatte.

Wie ich ja bereits erwähnt habe, befasst man sich im 18. Jahrhundert zum ersten Mal intensiv mit den Eigenschaften der Frau. Auch Diderot beschäftigt sich mit der Natur der Frau und führt, entgegen der damaligen wissenschaftlichen Erkenntnisse, die Gefühlswelt der Frau auf ihren Uterus zurück. Seiner Meinung nach kann die Empfindung der Frau, die sich so von denen des Mannes unterscheidet, nur in ihrer unterschiedlichen Anatomie begründet werden. Der Uterus ist verantwortlich für ihre extremen Gefühle, für ihre Empfindsamkeit. Dies ist laut Diderot aber nicht nur Segen, sondern auch Fluch der Frau wie es Johanna Borek in ihrem Aufsatz „Diderot und die Frauen, die Frauen und die Männer, die Frauen, die Männer und das Monster“ erläutert:

[...]


[1] Diderot, Denis, 1980, S. 216

[2] ebd. S. 217

[3] Diderot, Denis, 1980, S. 217

[4] ebd. S. 217-218

[5] Diderot, Denis, 1995, S. 395-396

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Begriff der 'Natur' als Fundament von Diderots Begründung des "bürgerlichen Trauerspiels"
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Geisteswissenschaften)
Veranstaltung
Die Inszenierung der Natur in der Literatur des 18. Jhs
Note
gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V9509
ISBN (eBook)
9783638161961
ISBN (Buch)
9783640736898
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diderot, Aufklärung, Naturbegriff
Arbeit zitieren
Tanja Ridder (Autor), 2002, Der Begriff der 'Natur' als Fundament von Diderots Begründung des "bürgerlichen Trauerspiels", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9509

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