Arbeitslosigkeit und Gesundheit. Welche gesundheitlichen Folgen entstehen durch Arbeitslosigkeit?


Hausarbeit, 2017

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Hinführung zum Thema

2. Arbeitslosenforschung anhand der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“

3. Die gesundheitliche Situation von Arbeitslosen
3.1 Psychische gesundheitliche Folgen
3.1.1 Depression
3.1.2 Bewältigungsmuster
3.1.3 Scham
3.2 Physische gesundheitliche Folgen
3.2.1 Mortalität
3.2.2 Morbidität von somatischen Erkrankungen
3.2.3 Inanspruchnahme von Gesundheitsdienstleistungen

4. Gesundheitsförderung von Arbeitslosen am Beispiel von „AktivA“
4.1 Inhalte und Methoden
4.2 Evaluationsergebnisse

5. Schlusswort

Literaturverzeichnis

Internetverzeichnis

1. Einleitung: Hinführung zum Thema

„ „Wenn ich eine Stelle aufsuche, um Hilfe zu kriegen, dann ist das doch irgendwie ein Signal, dass ich Hilfe brauche . . . Vielleicht versuchst du es dann bei einer anderen Stelle, vielleicht auch noch bei einer dritten, aber je nachdem, wie du vielleicht selber nicht damit fertig wirst, sagst du vielleicht: Sense!. . . Aber dass du vielleicht in einem Anflug von Verzweiflung keinen Ausweg mehr siehst und zu Dingen greifst. . .“ 1

Mit den einleitenden Worten schildert eine 32-jährige Arbeitslose ihre Situation ein Jahr nach Eintritt in die Erwerbslosigkeit. Viele nutzlose Versuche zur Bewältigung ihrer unglücklichen Lage, die wachsende Befürchtung, ohne Hilfe von außen keinen Ausweg zu finden, die verzweifelten Anfragen nach Unterstützung bei Sozialämtern und Beratungsstellen, das Scheitern ihres Einsatzes, sowie die zunehmende Verzweiflung und Hilflosigkeit enden in Depression und Selbstmordgedanken. Die drastischen Aussagen werfen eine besorgniserregende Sichtweise auf die Wahrnehmung und das Selbstempfindung der Arbeitslosen.

Diese Aussage verdeutlicht, dass ein Verlust des Arbeitsplatzes nicht nur mit finanziellen Folgen einhergeht, sondern weitaus größere Auswirkungen auf den psychischen und physischen Gesundheitszustand der Betroffenen hat.

Gotthold Ephraim Lessing sagte 1959 einst: „Wer gesund ist und arbeiten will, hat in der Welt nichts zu fürchten.“2 Doch heutzutage ist das leider nicht die Wirklichkeit, denn viele arbeitswillige Menschen sind erwerbslos. Gilt deshalb die Relation „arbeitslos - Gesundheit los - chancenlos?“3 Erwerbstätigkeit sichert unseren finanziellen Lebensunterhalt. Darüber hinaus hat sie auch psychosoziale Aspekte und wirkt sich auf unser Wohlbefinden und Zufriedenheit aus. Ein Wegfall dieses bedeutsamen Funktionselements bewirkt weitreichende Folgen.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, die gesundheitlichen Folgen im Hinblick auf die psychische und physische Gesundheit von Arbeitslosen herauszuarbeiten. Dazu werden Erkenntnisse der differentiellen Arbeitslosenforschung anhand der Gemeinstudie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ erläutert. Anschließend wird im dritten Kapitel die gesundheitliche Situation von Arbeitslosen untersucht, was zugleich das Hauptaugenmerk dieser Arbeit darstellt. Das letzte Kapitel befasst sich mit der Gesundheitsförderung von Arbeitslosen.

2. Arbeitslosenforschung anhand der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“

Die Arbeitslosenforschung befasst sich mit der sozialwissenschaftlichen und psychologischen Analyse der Auswirkungen von Arbeitslosigkeit.4 Ihr Ursprung wird auf den Anfang der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts datiert, die Zeit der Entstehung der Gemeindestudie „Die Arbeitslosen von Marienthal“. Ein Projektteam, bestehend aus Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld, Hans Zeisel und ihren Mitarbeitern untersuchte systematisch die psychosozialen Auswirkungen bei den Arbeitslosen von Marienthal, nach dem unfreiwilligen Verlust von Erwerbsarbeit. Marienthal, ein niederösterreichischer Ort, 20 Kilometer südlich von Wien und ehemalige Hochburg der regionalen Arbeiterbewegung, wurde zum Ende der 1920er Jahre schwerwiegend von der Weltwirtschaftskrise getroffen. Die bis dahin wirtschaftlich starke Textilindustrie brach rapide ein und es folgte in Februar 1930 die Stilllegung der zu jener Zeit größten Spinnerei und Weberei der k. und k. Monarchie.

Die aus dem Klassiker der empirischen Sozialforschung gesammelten Erkenntnisse gehen in die Arbeitslosenforschung ein, die sich mit folgender Grundsatzfrage befasst: „Führt Krankheit in die Arbeitslosigkeit („Selektionshypothese“) oder macht Erwerbslosigkeit krank („Kausalitätshypothese“)?“5 In dieser Hausarbeit befasse ich mich jedoch ausschließlich mit der Kausalinterpretation.

Der Eintritt in die Erwerbslosigkeit ist für viele Arbeitslose mehr als nur ein Bruch in der eigenen Erwerbsbiografie und schlägt sich auf ihren psychischen Gemütszustand nieder. Die schweren Belastungen gehen über die finanziellen Einschränkungen hinaus. 2006 belegte die Meta-Analyse von Paul, Hassel und Moser6 eine Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustandes bei Arbeitslosigkeit. Umgekehrt nahm das seelische Befinden nach Wiederaufnahmen einer Arbeit wieder zu. Die aus 237 Quer- und 87 Längsstudien zusammengesetzte Analyse, die vierzig Jahre psychologische Arbeitslosenforschung zusammenfasst, stellte fest, dass es wesentliche gesundheitliche Unterschiede bei Erwerbstätigen und Arbeitslosen in der ganzen westlichen Welt gibt. Es gibt weniger ein spezielles „Arbeitslosensyndrom“7, sondern Arbeitslosigkeit beeinflusst mehrere Aspekte der psychischen Gesundheit.8

Die verschiedenen Effektstärken bei Erwerbsstatuswechsel, die Auswirkung auf die psychische Gesundheit haben, sind in der folgenden Abbildung dargestellt. Insgesamt wurden fast eine halbe Millionen Teilnehmer in der Meta-Analyse untersucht.9

Die negative Effektstärke in Höhe von d=-0,25 beim Erwerbsstatuswechsel von erwerbstätig zu arbeitslos bedeutet eine deutliche Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustandes nach Arbeitsplatzverlust und Eintritt in die Arbeitslosigkeit.

Genau die gleichen negativen, psychischen Begleiterscheinungen zeigten die Arbeitslosen in Marienthal. Die verfügbare Zeit nach dem Arbeitsplatzverlust, stellte für sie keine Freizeit dar, sondern seelische Belastung. Sie zeigte den Menschen, dass sie nicht gebraucht wurden, dass sie mit der Zeit nichts tun können, was irgendeinen Wert hat. Der mit Sinnlosigkeit behaftete Alltag ohne Aufgaben führte zu einem Zusammenbruch ihrer Zeitstruktur. Die Folge war, dass sich die Arbeitslosen wie Ausgestoßene der gesamten Gesellschaft fühlten. Diese Selbstempfindung führt zur menschlichen Isolation. Das öffentliche Sozialleben kam zum Erliegen, was sich am Rückgang der Bibliotheksentlehnungen zeigte. Die Sport- und Theatergruppen stellten ihre Aktivitäten ein und der Marktplatz wurde die fröhlichen Menschenmassen los. Die Menschen verloren den Willen, die Massen und sich selber zu motivieren, um revolutionäre Taten herbeizuführen, wie für ihren Arbeitsplatz in der Textilfabrik zu kämpfen. Stattdessen endeten sie weitgehend in einem unsozialen Desinteresse an Politik und gesellschaftlichen Ereignissen und zogen sich auf den kleinen Familienkreis zurück, was zu massiven menschlichen Problemen innerhalb der Familie führte. Massenarbeitslosigkeit bewirkt Resignation und Apathie, ein revolutionäres Ergebnis der Studie. Die Arbeitslosen wurden sozial, wie auch politisch inaktiv, sie verloren Emotionen und Interessen. „Eine müde Gemeinschaft ist seine Bewohnerschaft geworden.“10 Zwar halten sie die Gegenwart aufrecht, haben aber keine Zukunft, Perspektive und Aussicht. Die verloren gegangenen Zeithorizonte schlagen sich in Hoffnungslosigkeit und Entmutigung nieder.

Das Projekt des Forschungsteams um Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld würde heutzutage als „Action Research“ (auch teilnehmende Beobachtung, Feldforschung) bezeichnet werden und als Beweis der Theoriebildung in kreativer Kombination von quantitativer und qualitativer Arbeitslosenforschung dienen. Inventare für Kleidungsstücke und Möbel wurden erstellt und Einkaufslisten angefertigt, um die Speisepläne von Bewohner über Wochen zu rekonstruieren. Diese statistischen Daten wurden mit reaktiven Methoden wie Erlebnissen, Befragungen und teilnehmenden Beobachtungen zu einem großen aufschlussreichen Werk zusammengefasst.

Bereits in dieser Studie wurde die finanzielle Lage der Familien als wichtiger Faktor betrachtet. Die gesamte Arbeiterkolonie wurde aufgrund der erhobenen Daten in Cluster eingeteilt. Die finanziell am schlechtesten gestellten Familien, waren gebrochen und apathisch. Wohlhabendere Familien dagegen ungebrochen.11

Anhand der erhobenen Daten teilte das Projektteam die Bewohner von Marienthal in 4 verschieden Haltungsgruppen ein: Monatseinkommen (in Schilling)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Monatseinkommen nach Haltungstypen

Quelle: eigene Darstellung, Informationen aus Müller (2008), S. 285 & Wacker (1976), S. 42.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Anteil der Bewohnerschaft

Quelle: eigene Darstellung, Informationen aus Müller (2008), S. 285 & Wacker (1976), S. 42.

Die meisten der arbeitslosen Familien bezogen Arbeitslosenunterstützung. Diese variierte zwischen 3 Schilling und 26 Groschen pro Person pro Tag. Heutzutage wären das ungefähr 2 Cent bis 20 Cent. Nach gewisser Zeit wurde die Arbeitslosenunterstützung von einer geringfügigeren Notstandsaushilfe ersetzt. Sobald diese eingestellt wurde, waren die Menschen „ausgesteuert“12 und bekamen keine weitere staatliche Unterstützung. Schon eine Differenz von 5 Schilling pro Monat bedeutete „die Zugehörigkeit zu einer anderen Lebensform:“13 Die Resignierten leben mit einer erwartungslosen Grundhaltung dahin. Bei den Verzweifelten macht sich Entmutigung und Hoffnungslosigkeit breit. Sie versuchen auch nicht mehr ihre Situation zu verbessern. Die Apathischen zeigen keine Mühe etwas vor dem Verfall zu retten, sind völlig planlos und geben den das geordnete Familienleben auf. Sie flüchten sich häufig in Alkohol und Auseinandersetzungen. Anders verhält es sich bei den Ungebrochenen, die hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Sie versuchen Arbeit zu finden und schmieden tatkräftig Pläne.14

Marienthal war ein großes soziales Labor, ein Labor, in dem sich die Auswirkungen von langanhaltender Arbeitslosigkeit systematisch studieren ließen. Das Ergebnis der Feldforschungsuntersuchung zeigte, dass Arbeitslosigkeit zu passiven Resignation und Apathie und nicht zur aktiven Revolution führte, wie lange Zeit vermutet wurde.

3. Die gesundheitliche Situation von Arbeitslosen

Um die gesundheitliche Situation von Arbeitslosen und die psychosozialen Folgen herausarbeiten zu können, bedarf es einer Definition von Gesundheit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) formulierte diese 1948 wie folgt:

„Gesundheit ist der Zustand des vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht alleine das Fehlen von Krankheiten und Gebrechen.“15

Diese Gesundheit der deutschen Bevölkerung lässt sich der Staat einiges kosten. Nach aktuellen Hochrechnungen soll der Ausgabenblock „Arbeit und Soziales“ 2017 fast 42% des gesamten Bundeshaushaltes ausmachen, was ein Anstieg von ungefähr 15% seit 2013 entspricht.16 Trotz dieses hohen Verhältnisses bestehen gesellschaftliche Nachteile von Arbeitslosen nach Ausschluss aus dem Erwerbsleben. Der Abschlussbericht des EU-Projekts „Unemployment and Mental Health“, das in 15 EU-Länder Wege zur Verbesserung der psychosozialen Situation Arbeitsloser untersuchte, wies nach, dass 85% der durchgeführten Studien einen kausalen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Gesundheit belegen.17

[...]


1 Morgenroth (2003), S.17

2 Hollederer (2003), IAB Kurzbericht, S. 1.

3 ebenda, S. 1.

4 Vgl. Hollederer / Brand (2006), S. 16.

5 DGB (2010), arbeitsmarktaktuell, S. 2.

6 Vgl. Hollederer / Brand (2006), S. 35-50.

7 ebenda, S. 42.

8 Vgl. Frese /Mohr (1978), S.80

9 Vgl. Hollederer / Brand (2006), S. 45.

10 Müller (2008), S. 284.

11 Vgl. Frese (1984)

12 Universität Augsburg (2007): Psychosoziale Folgen von Arbeitslosigkeit, S. 2.

13 ebenda, S. 285.

14 Vgl. ebenda, S. 284.

15 Wüstner (2009), S. 223.

16 Vgl. Bundesministerium der Finanzen, Abschnitt: Jahresvergleich (siehe Internetverzeichnis)

17 Vgl. Hollederer / Brand (2006), S. 24.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Arbeitslosigkeit und Gesundheit. Welche gesundheitlichen Folgen entstehen durch Arbeitslosigkeit?
Hochschule
Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V951579
ISBN (eBook)
9783346294449
ISBN (Buch)
9783346294456
Sprache
Deutsch
Schlagworte
arbeitslosigkeit, gesundheit, welche, folgen
Arbeit zitieren
Jonas Müller (Autor), 2017, Arbeitslosigkeit und Gesundheit. Welche gesundheitlichen Folgen entstehen durch Arbeitslosigkeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/951579

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