Kognitive Verhaltenstherapie einer Patientin mit Anorexia Nervosa. Prüfungsfall für die staatliche Prüfung zur psychologischen Psychotherapeutin


Ausarbeitung, 2020

8 Seiten, Note: 1

Anonym


Leseprobe

Inhalt

Aktuelle Anamnese

Biographische & soziale Anamnese

Psychopathologischer Befund

Diagnostik

Therapieziele

Therapieverlauf

Ergebnis

Kritische Reflexion des Falles

Literaturverzeichnis

Aktuelle Anamnese

Bei Antritt der stationären Behandlung berichtet die Patientin, sie habe seit einem halben Jahr massiv an Gewicht verloren und wiege aktuell lediglich 43 kg (entspricht einem BMI von 15,3). Sie habe Mahlzeiten vermieden, habe viel Wasser getrunken und abends lediglich eine Suppe oder einen Apfel gegessen. Aktuell leide sie an täglichen Heißhungerattacken, denen sie nachgebe, wobei sie im Anschluss versuche zu erbrechen. Sie leide an andauernden Magenschmerzen sowie an Schwindel und Übelkeit. Auch habe sie Konzentrationsprobleme und fühle sich sehr schwach. Sie erlebe sich weiterhin als zu „dick“. Ihren Arbeitsalltag in einer Caritas-Werkstatt habe sie aufgrund der körperlichen Symptome nicht mehr bewältigen können. Auch habe es mit ihrem Partner aufgrund ihres Essverhaltens mehrfach Streit gegeben. Im März 2018 habe es einen Konflikt mit dem Partner gegeben, da sich die Patientin Kinder wünsche, ihr Partner sich dafür jedoch noch nicht bereit fühle. Daraufhin habe sie wie im Affekt Tabletten (1000 mg Seroquel) in suizidaler Absicht eingenommen und sei danach für drei Wochen in einem Psychiatrischen Behandlungszentrum zur Krisenintervention gewesen. Der Suizidversuch habe ihr große Angst gemacht und aktuell ist sie klar von Suizidalität distanziert. Der Partner sowie die Familie der Patientin hätten sich viele Sorgen um die Patientin gemacht und der Partner habe ihr schließlich ein Ultimatum gestellt, entweder sie gehe in eine Klinik oder er trenne sich von ihr. Als Auslöser für die aktuelle anorektische Symptomatik sehe die Patientin den Wunsch nach Kindern. Bereits seit dem 14. Lebensjahr leide die Patientin an immer wiederkehrenden anorektischen Symptomen. Aufgrund dessen sowie aufgrund der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung habe die Patientin bereits vielfältige stationäre Vorbehandlungen gehabt.

Biographische & soziale Anamnese

Die Patientin sei mit einem Zwillingsbruder (+ 4 Minuten, zweieiig) drei Monate zu früh per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen. Sie sei für dreizehn Tage im Inkubator gewesen und sei längere Zeit im Krankenhaus gewesen. Der Bruder hingegen sei kräftiger zur Welt gekommen. Die Patientin sei mit ihrem Bruder bei ihren Eltern aufgewachsen.

Die Patientin habe in der Schule Leistungsprobleme gehabt und sei auf die Hauptschule gegangen. In der sechsten Klasse sei die Patientin aufgrund von Rechenschwäche, Konzentrations- und Merkfähigkeitsproblemen auf die Förderschule gekommen sei, wo sie einen Hauptschulabschluss absolviert habe. Der Schulwechsel sei für die Patientin sehr schlimm gewesen, da sie immer das Gefühl gehabt habe, „es nicht zu schaffen“. Auch habe sie den Eindruck gehabt, dass sie die Mutter belaste und diese oft traurig gewesen sei. Der Bruder hingegen sei immer besser gewesen und auch das Lernen sei ihm leicht gefallen. Mit etwa 14 Jahren habe die Patientin begonnen, weniger zu essen, habe sich „zu dick gefühlt“ und habe Gewicht verloren. Ein Jahr später sei ein Bekannter tödlich verunglückt, was die Patientin sehr belastet habe. Sie habe jedoch das Gefühl gehabt, dass niemand sie verstehe und habe sich vermehrt zurückgezogen. Mit 15 Jahren sei sie erstmals in stationärer Behandlung in einer Kinder- und Jugendklinik gewesen.

Im Anschluss an den Hauptschulabschluss habe die Patientin eine schulische Ausbildung besucht, habe die Ausbildung jedoch nach einem halben Jahr aufgrund Überforderungserlebens abgebrochen. 2007 – 2010 habe sie in einem Berufsbildungswerk eine Ausbildung als Fachkraft im Gastronomiebereich erfolgreich abgeschlossen. Ihren aktuellen Partner (-3 Jahre) habe sie bei einer medizinisch-beruflichen Rehabilitationsmaßnahme kennengelernt. Der Partner sei eine große Stütze. 2015 sei sie mit ihm zusammengezogen und arbeite seitdem als Montagearbeiterin in einer Werkstatt. Seit anderthalb Jahren wünsche sich die Patientin Kinder, ihr Partner sei jedoch noch nicht dazu bereit. Ressourcen seien Wandern, Lesen, Malen und soziale Kontakte.

Psychopathologischer Befund

Die Patientin erscheint pünktlich zum Erstgespräch, ist deutlich untergewichtig und altersgemäß gekleidet, bewusstseinsklar und allseits orientiert. Auffassung, Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis sind im Gespräch unauffällig, subjektiv berichtet die Pat. über störende Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen. Im formalen Gedankengang geordnet, fokussiert auf das Hungern und das starke Untergewicht sowie die damit einhergehende körperliche Erschöpfung und Schwäche. Kein Anhalt für wahnhaftes Erleben oder Ich-Störung, keine Zwänge. Stimmung häufig niedergeschlagen, emotionale Schwingungsfähigkeit eingeschränkt. Im Kontakt fassadär freundlich, zugewandt und angepasst. Der Antrieb ist etwas agitiert, Psychomotorik und Mimik sind adäquat. Glaubhaft distanziert von Suizidalität. Hohe Behandlungsmotivation bei noch entwicklungsfähiger emotionaler Selbstwahrnehmung und guter Introspektionsfähigkeit.

Diagnostik

Zu Beginn der Behandlung wurde der Patientin das Klinisch Psychologisches Diagnosesystem 38 (KPD-38, Forschungsstelle für Psychotherapie, Universitätsklinikum Heidelberg) ausgeteilt. Die Ergebnisse der Patientin weisen überdurchschnittlich erhöhte Werte auf fast allen Skalen auf (Körperbezogene und Psychische Beeinträchtigungen, Soziale Probleme, und reduzierte allgemeine Lebenszufriedenheit). Lediglich die Skalen wahrgenommene Handlungskompetenz und wahrgenommene soziale Unterstützung sind nicht erhöht. Der hohe Leidensdruck wird insbesondere durch die erhöhte Ausprägung der Beeinträchtigung auf den Skalen Allgemeine Lebenszufriedenheit und durch den erhöhten Gesamtwert deutlich.

Diagnostisch ist von einer Anorexia Nervosa, restriktiver Typ (F50.0) und einer rezidivierenden depressiven Störung, ggw. mittelgradige Episode (F33.1) vor dem Hintergrund einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung: Borderline-Typ (F60.31) auszugehen.

Zum Ende des stationären Aufenthalts wurde der Fragebogen erneut ausgeteilt und die Ergebnisse zeigen eine signifikante Verbesserung bezogen auf die körperbezogenen Beeinträchtigungen sowie auf die Allgemeine Lebenszufriedenheit. Dies korreliert mit dem objektiven Eindruck einer ersten klinischen Besserung und auch dem subjektiven Gefühl der Besserung. Die weiterhin erhöhten Skalen verdeutlichen jedoch die bestehenden Entlassängste vor Misslingen des Alltagstransfers und betonen den weiteren engmaschigen Behandlungsbedarf.

Therapieziele

- Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Beziehung,
- Ausführliche Psychoedukation
- Normalisierung von Gewicht und Essverhalten
- Etablierung eines selbstfürsorglichen Umgangs
- Steigerung der Abgrenzungsfähigkeit
- Alltagstransfer, Einleiten der Wiedereingliederung

Therapieverlauf

Zusätzlich zu den Einzelgesprächen wurde die Patientin in das Essprogramm der Klinik aufgenommen, welches begleitetes Essen, Kochgruppe, Psychoedukation und Gruppentherapie implizierte. Es wurde ein Essvertrag (Untergewicht) mit vielfältigen Regeln und dem Ziel, wöchentlich 500g zuzunehmen, vereinbart.

Zur Unterstützung und Entlastung der Patientin fanden zu Beginn tägliche Einzelgespräche statt und die Patientin trat offen und mitteilungsbereit in Kontakt. Die Patientin äußerte starke Abreisetendenzen, großes Heimweh und ausgeprägte Angst, zuzunehmen. Dies konnte therapeutisch gut bearbeitet werden, sodass es der Patientin nach anfänglichen Schwierigkeiten gut gelang, sich in das therapeutische Setting zu integrieren. Sie zeigte sich stets motiviert und befolgte die Essregeln konsequent. Nach den Mahlzeiten füllte sie Ess-, Empfindungs- und Gedankenprotokolle sorgfältig aus, die in den Einzelgesprächen immer wieder aufgegriffen wurden.

Zu Beginn war die Patientin stark fremdmotiviert durch ihren Partner, sodass es zunächst um die Förderung einer intrinsischen Veränderungsmotivation ging. Durch ausführliche Psychoedukation und durch das Erarbeiten von Vor- und Nachteilen der Essstörung (Legenbauer & Vocks, 2014; Meermann, Borgart, & Okon, 2013), erkannte die Patientin die lebensbedrohlichen Konsequenzen des Hungerns, und auch, dass ihr Kinderwunsch somit in weite Ferne gerät. Zu Beginn berichtete die Patientin von starken Magenschmerzen und Schwierigkeiten, eine ganze Portion aufzuessen. Innerhalb von etwa zwei Wochen konnte sie sich an die Nahrungsaufnahme gewöhnen, die Schmerzen ließen nach, und mit der Zeit entwickelte sich wieder ein adäquates Hungergefühl. Durch die regelmäßigen Mahlzeiten verschwand auch das Schwächegefühl schnell. Auch traten Heißhungerattacken nicht mehr auf, was die Patientin sehr entlastete. Die Essproblematik der Mitpatienten am Esstisch belastete die Patientin hingegen immer wieder stark. Durch Übungen zur Achtsamkeit und das Etablieren einer Stärkemetapher („Elefant“) gelang es der Patientin besser, sich von den Mitpatienten abzugrenzen und sich auf sich selbst zu konzentrieren.

Aufbauend auf der biografischen Anamnese wurde deutlich, dass die Patientin sich oftmals mit dem vier Minuten älteren Bruder vergleicht und sich selbst massiv abwertet. Dysfunktionale Grundannahmen und selbstabwertende Gedanken konnten identifiziert werden („Ich bin dumm, ich schaffe das nicht“). Diese wurden angelehnt an Hautzinger (2013) therapeutisch bearbeitet und der Umgang damit besprochen (Modifikation dysfunktionaler Gedanken, kognitiver Engelskreis, Aufmerksamkeit bewusst lenken). Die Umsetzung fiel der Patientin schwer und benötigte stetige Anleitung und Ermunterung. Immer wieder wurden erhöhte perfektionistische Ansprüche sowie ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle über den eigenen Körper und die Gewichtszunahme deutlich, und die Patientin wurde immer wieder zu einem selbstfürsorglicheren Umgang ermutigt. Weiterhin wurden schematherapeutische Elemente angelehnt an Young, Klosko, & Weishaar (2008) angewandt. Die Patientin konnte sich sehr gut auf die Übungen und die Begegnung mit ihrem „inneren Kind“ einlassen und so konnte allmählich ein wohlwollender und selbstfürsorglicher Zugang zu sich angebahnt werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Kognitive Verhaltenstherapie einer Patientin mit Anorexia Nervosa. Prüfungsfall für die staatliche Prüfung zur psychologischen Psychotherapeutin
Note
1
Jahr
2020
Seiten
8
Katalognummer
V952170
ISBN (eBook)
9783346294913
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychologische Psychotherapie, psychologischer Psychotherapeut, psychologische Psychotherapeutin, Staatexamen, Approbation, Approbationsprüfung, Fallvorstellung, Prüfungsfall, Behandlungsfall, Psychologie, Psychotherapie, Verhaltenstherapie, kognitive Verhaltenstherapie, Depression, Depressive Störung, Prüfung, KVT, VT, rezidivierend depressive Störung, mittelgradige Episode, Therapie, Anorexie, Anorexia Nervosa, Persönlichkeitsstörung, Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Kognitive Verhaltenstherapie einer Patientin mit Anorexia Nervosa. Prüfungsfall für die staatliche Prüfung zur psychologischen Psychotherapeutin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/952170

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