Kulturkritik bei Friedrich Nietzsche. "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben"


Hausarbeit, 2020

22 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2 Friedrich Nietzsches Leben und Denken

3. Unzeitgemäße Betrachtungen. Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben
3.1. Inhalt und zentrale Themen des Werks
3.1.1. Der Begriff der „Historie“ abgeleitet aus dem Gegensatzpaar „historisch-unhistorisch“
3.2. Die drei Arten der Historie und deren Nutzen für das Leben
3.3. Potentielle Nachteile der Historie für das Leben
3.4 Das Unhistorische und das Überhistorische als Korrektiv des Historischen

4.Schlusswort

5.Quellen

1. Einleitung

Diese Hausarbeit untersucht kulturkritische Strömungen im Denken Friedrich Nietzsches anhand dessen zweiter unzeitgemäßen Betrachtung “Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben”. Gleich auf der ersten Seite seines Vorwortes zu seinem Werk legt Nietzsche fest, das richtige Maß sei es, was beim Betreiben von Geschichte wichtig sei, denn „nur soweit die Historie dem Leben dient, wollen wir ihr dienen: aber es giebt einen Grad, Historie zu treiben und eine Schätzung derselben, bei der das Leben verkümmert und entartet“ (Nietzsche 2009: 5). Im weiteren Verlauf stellt er sowohl ein Übermaß wie auch einen Mangel an Historie als notwendige Voraussetzung für das Glück und Wohlbefinden eines Individuums, wie auch der gesamten Gesellschaft dar (vgl. Nietzsche 2009: 8ff). Nietzsches unzeitgemäße Betrachtungen und insbesondere diese, seine Zweite, haben große Resonanz in der wissenschaftlichen wie der gesamten bildungsbürgerlichen Gesellschaft hervorgerufen, was darauf zurückzuführen ist, dass die Geschichtswissenschaft zu Lebzeiten Nietzsches eine hervorragende Stellung unter den Geisteswissenschaften genoss, ja sogar als Leitwissenschaft galt (vgl. Neymeyer 2012: 176). Es waren diese Tendenzen der Geisteswissenschaft, gegen welche Nietzsche sich wehrte. Ziel seines Werkes ist daher aufzuzeigen, wie die Historie dem Leben dienen aber auch schaden kann und letztendlich, wie durch eine stärkere Förderung unhistorischer Elemente wie der Kunst oder der Theologie ein Übermaß an Historie ausbalanciert und damit eine „wahre Bildung“ (vgl. Nietzsche 2009: 79) erreicht werden kann. Diese Hausarbeit soll Nietzsches Kritik an der Historie nachvollziehen, darstellen und kritisch bewerten.

Hierfür soll die Arbeit in drei Abschnitte gegliedert werden. Zu Beginn soll Nietzsches Denken allgemein dargestellt und wichtige Kernpunkte seiner Philosophie erläutert werden, um sein Werk “Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben ” darin zu verorten zu können und damit auf diese in der nachfolgender Analyse Bezug genommen werden kann. Im Anschluss wird zunächst das Werk inhaltlich dargestellt und wichtige Kernthemen ausgearbeitet. Insbesondere werden die verschiedenen Arten der Historie, sowie deren Vorteile und Gefahren dargestellt. Im Anschluss wird erörtert, wie ein Konsens der verschiedenen Historienarten erreicht werden und die Bildung nach Nietzsche reformiert werden sollte. Zum Schluss werden die wichtigsten Punkte in einem Fazit zusammengefasst und bewertet.

2. Friedrich Nietzsches Leben und Denken

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900) war ein deutscher klassischer Philologe und Philosoph dessen frühes Denken unter anderem von der Philosophie Schopenhauers und dessen Willensmetaphysik beeinflusst war. Hierbei beeindruckt ihn besonders die „Häßlichkeit und Disharmonie der Welt als Wille“ in der schopenhauerschen Philosophie, deren theoretische Grundlagen er jedoch später in Frage stellt, indem sich einer lebensbejahenden statt einer lebensverneinenden Philosophie zuwendet (Montinari 1991: 58). Als klassischer Philologe beschäftigte er sich hauptsächlich mit der griechischen Antike deren Welt er vielfach als Leitmotiv für seine Kritiken des Kulturschaffens der damaligen Zeit verwendete (vgl. Römpp 2013: 23). In dieser frühen Phase war er außerdem kulturell stark beeinflusst von der Musik Richard Wagners, mit welchem er auch persönlich befreundet war. In diese von Schopenhauer und Wagner geprägten Frühphase seines Schaffens fallen zahlreiche von Nietzsches kritischen Auseinandersetzungen mit kulturellen Gebieten wie der Kunst oder der Historie und auch die „Unzeitgemäßen Betrachtungen in vier Teilen“, mit deren zweiter „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ sich diese Hausarbeit beschäftigt, fallen in diese Zeit. In den folgenden Jahren wendet sich Nietzsche immer mehr von der klassischen Philologie ab und beginnt eine philosophische Phase als freier Denker. Er entfernt sich auch zunehmend von Richard Wagner, was als eine „Verurteilung der Kunst als solcher“ gedeutet werden kann (Montinari 1991: 63). In dieser Phase seines Denkens ist sein Werk gekennzeichnet von Atheismus, Skeptizismus und dem Nihilismus dessen Entwicklung er grundlegend mittbeeinflusst (vgl. Gentili & Nielsen: 2010: 97). Des Weiteren gehört Nietzsche zu den Begründern des Existenzialismus. Sein Werk ist geprägt von starken kritischen Auseinandersetzungen mit Moralvorstellungen, insbesondere der christlichen Moral, sowie der Philosophie, Religion und Wissenschaft (vgl. Römpp 2013: 16ff.)

Grundlegend für die Philosophie Nietzsches ist der von Schopenhauer abgeleitete Gedanke, dass nicht die Vernunft, sondern der Wille das menschliche Wesen kennzeichnet, welcher dessen Lebenskraft beeinflusst und seinen Höhepunkt im „Willen zur Macht“, ein alle Menschen und die ganze Natur bestimmendes Prinzip, findet. Durch diesen Willen findet der Mensch zu seinem wahren Ich und wird somit zum wahren Menschen, den Nietzsche als den „Übermenschen“ bezeichnet (vgl. Kucher 2015: 68ff.). Nietzsche kritisierte die Gesellschaft seiner Zeit grundlegend und forderte eine „Umwertung aller Werte“, die sich am Willen zur Macht und einem vornehmen Leben, dem eines Übermenschen, orientiert (Montinari 1991: 98ff). Sein Denken privilegiert somit eine kulturelle und geistige Elite starker, mächtiger und selbstbewusster Menschen, statt eine Gleichheit der gesamten Gesellschaft anzustreben. Es sei an dieser hochwertigen Menschenklasse, Kulturansprüche gegen die niedere Masse durchzusetzen und zu verwirklichen um diese in ein kultiviertes Leben zu führen (vgl. Ries 2009: 35ff). Somit liegt es im Anspruch Ihres Willens, ihrer „höheren Natur“ zu folgen und durch Geisteskraft Kunst und Kultur gegen die Getriebenheiten der oberflächlichen und selbstbezogenen Menschen durchzusetzen (Montinari 1991: 98ff). Dass diese „Übermenschen“ hierfür gegen ihnen unterlegene Mitmenschen auch Gewalt anwenden und diese ausbeuten resultiere nach Nietzsche unausweichlich aus dem „Willen zur Macht“ und liege im Wesen allen Lebendigen begründet. Das Christentum mit seiner “Sklavenmoral” hingegen sowie dessen Gedanken des Mitleids verachtet er, da dieses nur das bewahre, was zum Untergange reif sei (vgl. Köster 1972: 204).

3. Unzeitgemäße Betrachtungen. Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben

Wie bereits eingangs erwähnt fallen die unzeitgemäßen Betrachtungen in Nietzsches frühere Schaffensphase, einer Zeit, in der die Geschichtswissenschaft die führende Geisteswissenschaft bildet, ja sogar von einem „Jahrhundert der Geschichte“ gesprochen werden kann (vgl. Nipperdey 1983: 499). Daher kommt schon dem Titel „unzeitgemäße Betrachtungen“ programmatische Bedeutung zu, da Nietzsche im Zeitalter der Geschichtswissenschaft als Kritiker der Historie auftritt, um die Schattenseiten einer Fokussierung auf das Historische aufzuzeigen (vgl. Neymeyer 2012: 176). Dabei wird die kulturkritische Tendenz der Schrift offensichtlich, da in einer von historischem Denken geprägten Zeit der Nutzen der Historie den Lesern durchaus bewusst gewesen sein dürfte, nicht jedoch unbedingt deren Nachteile. Nietzsche geht es also nicht unbedingt um eine objektive Gegenüberstellung der Vor- und Nachteile der Historie, sondern um eine Kritik der herrschenden kulturellen Zeitströmung um korrigierend auf seine Gegenwart einzuwirken. Er handelt seiner eigenen Aussage nach gegen die gegenwärtige und dadurch zu Gunsten einer kommenden Zeit (vgl. Neymeyer 2012: 177). Dies offenbart die Paradoxie der Unzeitmäßigkeit, da gerade der, der sich unzeitgemäß verhält, sich auf seine eigene Zeit bezieht und somit selbst zeitgemäß zu handeln scheint. Nietzsche erweist sich also gerade durch seine Unzeitmassigkeit als zeitgemäßer Denker (vgl. ebd.: 177). Diese „zeitgemäße Unzeitmäßigkeit“ Nietzsches sowie sein ambivalentes Verhältnis zu seiner eigenen Gegenwart kann als symptomatisch für seine Kulturkritik in dieser frühen Phase seines Schaffens gesehen werden. So hindere die deutsche Kultur, welche diesen Namen zu Unrecht trage, den deutschen Geist an seiner Wiedergeburt. Dies liege daran, dass in der modernen Kultur die Geburt eines „Genius“ nicht mehr möglich sei, was eine der Grundzüge der antiken griechischen Kultur darstellte. Nietzsches Kulturkritik hat daher das übergeordnete Ziel, einen kulturellen „Naturzustand“ wiederherzustellen, ähnlich dem des antiken Griechenlandes, in welchem die Geburt eines Genius wieder möglich ist, wobei gerade der Musik von Richard Wagner sowie dem Denken Arthur Schopenhauers bei dieser Wiederherstellung eine tragende Rolle zukommen sollte, welche in dieser früheren Phase Nietzsches großen Einfluss auf diesen hatten (vgl. Gentili 2010: 74). Diesen beiden attestiert Nietzsche das Attribut des „Genius zur eigenen Zeit“ welches wiederum dem Begriff des “Unzeitgemäßen“ zugrunde liegt (vgl. ebd.: 75). Da diese „unzeitgemäß und Männer von Genie“ sind, sollten sie als Erzieher tätig werden, da sie die „Zeit in sich besiegen“ und die Menschen gegen die Zeit erziehen können, um eine „höhere Ordnung und Wahrheit“ in der Gesellschaft zu erreichen (vgl. ebd.: 75f.). Die Unzeitmäßigkeit, also die Fähigkeit zum Kampf gegen die eigene Zeit als das spezifische Vermögen des modernen Genies bilden somit die Grundlage

Nietzsches früher Kulturkritik in jener Phase seines Schaffens, in welche auch die zweite unzeitgemäße Betrachtung: „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ fällt.

3.1. Inhalt und zentrale Themen des Werks

Das Werk beginnt mit einer kurzen Einleitung in welcher Nietzsche seine Motivation zum Verfassen der Schrift, eine Kritik der zeitgenössischen Überbewertung der Geschichtswissenschaft in der Gesellschaft, der er ein „historisches Fieber“ (Nietzsche 2009: 6) attestiert, sowie die das richtige Maß der Historie zu bestimmen, erläutert. Im ersten Kapitel untersucht er anschließend den Gegenstand der Historie, indem er das Geschichtsempfinden des Menschen, der die Fähigkeit besitzt sich zu erinnern, vom rein in der Gegenwart lebenden Tier abgrenzt. Das Tier, da unhistorisch, empfindet ein gewisses Glück, um welches der Mensch es beneidet, der sich gegen die „immer größere Last des Vergangenen“ (ebd.: 9) stemmen muss, da er zwar die Fähigkeit besitzt sich zu erinnern, gleichwohl jedoch nicht Erlernen kann zu Vergessen wie das Tier. Es sei zwar möglich, fast ohne Erinnerung und damit glücklich, jedoch unmöglich ohne das Vergessen zu leben (vgl. ebd.: 11). Durch die Fähigkeit sich zu erinnern besitzt der Mensch zwar die Möglichkeit, Kultur zu schaffen, allerdings stellen Erinnerungen auch immer eine Last dar, die die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft hindern kann. Nietzsche sieht also in der Historie sowohl eine Notwendigkeit, wie auch eine Gefahr. In diesem Zusammenhang führt er auch die Begriffe „historisch“ und „überhistorisch“ ein, auf welche an späterer Stelle noch dezidiert eingegangen wird. In den folgenden Kapiteln wird die „Dreiheit der Arten der Historie“ (vgl. ebd.: 20) bestehend aus der monumentalischen, der antiquarischen und der kritischen Historie erläutert und diskutiert. Während die monumentalische den Menschen zu großen Taten antreibt indem es ihn daran erinnert, dass „das Große einmal [...] möglich war“ (ebd.: 23f.), bildet die antiquarische die kollektive Identität des Menschen sowie die der Gesellschaft aus (vgl. ebd.: 29ff), während die kritische Historie schädliche Erinnerungen tilgt (vgl. ebd.: 33f). Wichtig ist hierbei, dass die drei Arten der Historie in einem Gleichgewicht zueinander stehen. Auf die einzelnen Arten der Historie wird im an späterer Stelle dieser Arbeit noch genauer eingegangen werden. Im nachfolgenden Teil des Werks analysiert Nietzsche die Nachteile und Gefahren einer Überbewertung der Historie. In fünffacher Hinsicht könne die Übersättigung einer Zeit in Historie dem leben schaden (vgl. ebd.: 45). Neben einer Schwächung der Persönlichkeit, schüre sie den Glauben, die gegenwärtige Zeit sei gerechter als jede andere Zeit, was zu einem gestörten Sinne für Gerechtigkeit führe, sie störe die Instinkte des Volkes, hindere den Reifeprozess des Individuums wie den der Gesellschaft, stärke den Glauben an das Alter der Menschheit und fördere somit ein schädliches Epigonentum, während es letztendlich die Ironie und den Zynismus in der Gesellschaft stärke (vgl. ebd.: 45). Dieser Abschnitt des Werks ist mit Kritik an Nietzsches zeitgenössischen wissenschaftlichen Kollegen durchzogen, was in einer Kritik des Werkes von Eduard von Hartman gipfelt (vgl. ebd.: 91ff). Zum Ende seiner Schrift bietet Nietzsche die Lösung für die Überbewertung der Historie in der Gesellschaft seiner Zeit. Als „Gegenmittel“ sieht er das Unhistorische und das Überhistorische (vgl. ebd.: 107). Als „unhistorisch“ bezeichnet er die Kraft des Menschen vergessen zu können und sich dadurch in einen „begrenzten Horizont einzuschließen“ (ebd.: 108). Als „überhistorisch“ bezeichnet er Mächte, die es dem Menschen ermöglichen, sich an Dingen zu orientieren, die den „Charakter des Ewigen und Gleichbedeutenden haben, wie die Kunst oder die Religion (vgl. ebd.: 107). Durch eine Stärkung des Un- und Überhistorischen solle eine „wahre Bildung“ statt „wissenschaftlicher Gebildetheit“ in der nächsten Generation erreicht werden (vgl. ebd.: 111f.).

Die zentralen Themen des Werks bilden neben einer Kritik zeitgenössischen wissenschaftlichen Gemeinschaft vor allem die Dreiteilung der Historie in eine monumentalische, antiquarischen und eine kritische Historie und die Bestimmung deren Gleichgewichts zueinander, sowie die fünf Arten auf welche eine Übersättigung einer Zeit in Historie dem Leben schaden kann. Auch das ausbalancieren der Überbewertung der Historie durch das Unhistorische und das Überhistorische bilden einen zentralen Bestandteil der Schrift. Daher soll auf diese Themen in den folgenden Abschnitten vertieft eingegangen werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kulturkritik bei Friedrich Nietzsche. "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben"
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Jahr
2020
Seiten
22
Katalognummer
V953363
ISBN (eBook)
9783346297549
ISBN (Buch)
9783346297556
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich, Nietzsche, Kulturkritik, Historie, Nutzen und Nachteil
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Kulturkritik bei Friedrich Nietzsche. "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/953363

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kulturkritik bei Friedrich Nietzsche. "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden