Diese Arbeit führt einen Figurenvergleich zwischen der Gestalt der Deborah Singer aus Joseph Roths Roman "Hiob" mit der namenlosen Frau Hiobs des biblischen Hiobs-Buchs durch. Es werden verschiedene Aspekte der Figur untersucht, um Kategorien zu Hiobs Frau herauszuarbeiten, die zu einem Vergleich der Figuren führen. Im Voraus wird ein kritisch-würdigender Blick auf die bestehende Forschung zu Hiob und dem Alten Testament sowie auf Deutungsversuche der Gestalt der Frau Hiobs geworfen.
Joseph Roths Roman "Hiob" (1930) beruft sich zweifelsfrei auf das biblische Vorbild und verweist nicht zuletzt durch den Titel auf die Leidens- und Prüfungsgeschichte des frommen Mannes aus dem Lande Uz. Die Intertextualität des biblischen Hiob-Buchs und des Hiob-Romans von Roth wird nicht nur in der Hauptfigur des Mendel Singer augenscheinlich.
Vielmehr orientiert sich die Handlung durchweg am Alten Testament: die Katastrophen, der Trost der Freunde und das nahezu übersteigerte ‚Happy End‘ sind parallel in beiden Narrativen zu finden. Fraglich bleibt jedoch, inwieweit ein Bezug zwischen der namenlosen Frau Hiobs und Deborah Singer, der Frau Mendels, herzustellen ist. Auf den ersten Blick scheinen sich die Figuren fremd zu sein; die eine ist abwesend, nur in einem Satz präsent, die andere beinahe mehr als eine Nebenfigur.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Joseph ROTHs Hiob-Roman und das Alte Testament
3. Hiobs Frau
4. Deborah Singer und Hiobs Frau – Identität oder Referenz?
4.1. Figurenanalyse
4.2. Figurenvergleich von Deborah und Hiobs Frau
5. Fazit
6. Quellen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das literarische Verhältnis zwischen der Figur der Deborah Singer aus Joseph Roths Roman "Hiob" (1930) und der alttestamentarischen Hiobsfrau. Ziel ist es, durch eine detaillierte Figurenanalyse der Deborah Singer und einen anschließenden Vergleich mit der biblischen Vorlage zu klären, inwiefern eine Identität oder eine referenzielle Gestaltung zwischen den beiden Frauengestalten besteht.
- Charakteranalyse der Deborah Singer anhand spezifischer Kategorien wie Aussehen, Religion, Mutterrolle und Assimilationsfähigkeit.
- Untersuchung der Intertextualität zwischen Joseph Roths Roman und dem biblischen Buch Hiob.
- Kontrastierung von Deborah Singer und der namenlosen Hiobsfrau des Alten Testaments als Nebenfiguren.
- Analyse der Dynamik zwischen den Ehepartnern Mendel Singer und Deborah im Kontext von Glaube und Leidensgeschichte.
Auszug aus dem Buch
(f) Aktivität. Auch in anderer Hinsicht stellt Deborah einen Gegenpol zu Mendel dar.
Sie befindet sich öfter in Bewegung als er. So wird das regelmäßige Reinigen der Wohnung zum Sabbat sowohl in Russland als auch Amerika beschrieben (9 und 107). Zudem ist sie vor der Abreise „unaufhörlich in Tätigkeit“ (91). Diese Tüchtigkeit beschreibt einmal mehr ihre Rolle als Hausfrau, die sie zu erfüllen scheint, verweist aber auch auf eine abstraktere Ebene der Aktivität.
Während Mendel Ereignisse als gottgegeben hinnimmt, ergreift Deborah, oft selbstständig und vehement, die Initiative. Als ein Arzt Menuchim in ein Krankenhaus bringen will, ist sie sofort bereit (12), den Rabbi sucht sie aus eigener Initiative auf (14-18) und den Sohn Schemarjah rettet sie vor der Armee (42-46). Mendels Stille und Regungslosigkeit ist ihr in diesen Situationen unerträglich: „Deborah durfte seufzen“ (13). Einmal reagiert sie körperlich heftig auf Mendels Ruhe:
Deborah antwortete nicht. Eine Weile saß sie noch ganz still auf dem Schemel. Dann erhob sie sich, stieß ihn mit dem Fuß, wie einen Hund, daß er mit Gepolter hintorkelte, ergriff ihren braunen Schal […] und knüpfte die Fransen im Nacken zu einem starken Knoten, mit einer wütenden Bewegung, als wollte sie sich erwürgen, wurde rot im Gesicht, stand da, zischend und wie gefüllt von siedendem Wasser, und spuckte plötzlich aus, weißen Speichel feuerte sie wie ein giftiges Geschoß vor Mendel Singers Füße (36).
Deborah, der aktiv und selbstständig veranlagten Frau, die der Welt zugewandt ist, ist Mendels Verhalten so unerträglich geworden, dass ihre Wut im Bild eines brodelnden Kessels umschrieben wird. Mendels Passivität ist also nicht nur Auslöser ihrer Unzufriedenheit, sondern auch ihrer Aktivität.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung etabliert die Fragestellung nach der Beziehung zwischen der alttestamentarischen Hiobsfrau und Deborah Singer aus Joseph Roths Roman und definiert die methodische Herangehensweise der Figurenanalyse.
2. Joseph ROTHs Hiob-Roman und das Alte Testament: Dieses Kapitel untersucht die intertextuellen Bezüge zwischen Roths Roman und dem biblischen Buch Hiob sowie die erzählerische Gestaltung des Romans im Kontext der Legende.
3. Hiobs Frau: Hier wird die biblische Figur der Frau Hiobs analysiert, deren Existenz auf eine einzige Aussage reduziert ist, und es werden verschiedene wissenschaftliche Deutungsansätze, inklusive feministischer Perspektiven, diskutiert.
4. Deborah Singer und Hiobs Frau – Identität oder Referenz?: Der Hauptteil der Arbeit umfasst eine tiefgehende Figurenanalyse der Deborah Singer (4.1) sowie einen anschließenden direkten Figurenvergleich (4.2), um Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Deborah Singer in bewusster Anlehnung an die Hiobsfrau gestaltet wurde und beide Figuren als Kontrast zu ihren Ehemännern fungieren.
6. Quellen: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie der herangezogenen Nachschlagewerke.
Schlüsselwörter
Joseph Roth, Hiob, Deborah Singer, Hiobsfrau, Altes Testament, Intertextualität, Figurenanalyse, Assimilation, Mendel Singer, Charakterisierung, Diaspora, Literaturwissenschaft, Frauenbild, Leidensgeschichte, Kontrastfigur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das literarische Verhältnis zwischen der Figur der Deborah Singer aus Joseph Roths Roman "Hiob" und der alttestamentarischen Hiobsfrau, um festzustellen, wie Roth das biblische Vorbild für seinen Roman adaptiert hat.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Intertextualität, das jüdische Leben in der Diaspora, die Rollenbilder von Mann und Frau im Kontext von religiösem Glauben und Schicksalsergebenheit sowie die Frage nach psychologischer Figurenzeichnung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, zu ergründen, ob Deborah Singer eine bloße Kopie oder eine eigenständig weiterentwickelte Referenzfigur zur biblischen Frau Hiobs darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt vorrangig die Methode der Figurenanalyse, ergänzt durch einen komparativen Ansatz, bei dem verschiedene Kategorien (wie Aussehen, Religion, Mutterrolle, Aktivität) zur Untersuchung herangezogen werden.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Figurenanalyse der Deborah Singer nach verschiedenen Aspekten sowie einen systematischen Vergleich dieser mit der biblischen Hiobsfrau.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Begriffe wie Intertextualität, Assimilation, "Hiobsbotschaft", psychologische Figurenanalyse und das Spannungsfeld zwischen Orthodoxie und Moderne sind essenziell für die Arbeit.
Inwiefern beeinflusst der historische Kontext die Interpretation von Deborah Singer?
Die Arbeit beleuchtet, wie die Assimilationsbestrebungen der jüdischen Diasporagemeinschaft in der Moderne und die spezifische "Stärke" der Frauenfiguren in Roths Gesamtwerk zur Charakterisierung von Deborah beitragen.
Warum wird im Vergleich so stark auf die "Aktivität" der Figuren abgehoben?
Da Mendel Singer (wie Hiob) oft als passiv und ergebend dargestellt wird, fungiert die Aktivität Deborahs als notwendiger erzählerischer Kontrast, der die familiäre Dynamik und das Handeln in einer schwierigen Lebensrealität verdeutlicht.
Welche Rolle spielt der Name "Deborah" für die Interpretation?
Der Name bedeutet "die Biene" oder "die Fleißige" und verweist zudem auf die biblische Richterin und Prophetin Deborah, was die Rolle der Figur als starke, handelnde Frau unterstreicht.
- Quote paper
- Almut Amberg (Author), 2017, Hiobs Frau. Vergleich der Figur der Deborah in Joseph Roths "Hiob"-Roman und dem Alten Testament, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/954683