Ambient Assisted Living. Potenziale und Anwendungsmöglichkeiten altersgerechter Assistenzsysteme


Studienarbeit, 2019

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Gesundheit und Pflege

Sicherheit und Privatsphäre

Haushalt und Versorgung

Kommunikation und soziales Umfeld

Fazit

Quellen

Aufgrund des anhaltenden Geburtenrückgangs bei gleichzeitig zunehmender Lebenserwartung ist die demografische Entwicklung in Deutschland geprägt von einer immer älter werdenden Bevölkerung. Während schon heute mehr als jeder fünfte Einwohner (21,4%) 65 Jahre und älter ist, wird diese Altersgruppe im Jahr 2060 knapp ein Drittel (32%) ausmachen (Grünheid und Sulak 2016, S. 12). Zugleich besteht ein Trend zur Verkleinerung der Haushalte, der auf niedrige Kinderzahlen, verstorbene Partner, den steigenden Anteil von Singles und den Aufschub der Familienbildung in höhere Altersbereiche zurückzuführen ist. Ca. 93% der über 65-jährigen leben in Privathaushalten, wobei die eigene Wohnung die am meisten genutzte Wohnform unter Senioren darstellt (ebd., S. 66 ff.). Nicht zuletzt die Kombination dieser beiden Faktoren führt zu einem Anstieg der auf Pflege angewiesenen Personen, der sich in weiterer Folge in steigenden Gesundheitsausgaben bemerkbar macht. Bis 2060 wird die Zahl der Pflegebedürftigen von derzeit 3,4 Millionen (Stand: 2017) auf voraussichtlich 4,8 Millionen wachsen (Statista 2019 a; Statista 2019 b). Dieser hohen Anzahl stehen eine immer kleiner werdende Zahl an Pflegekräften gegenüber, da die „[…) Möglichkeit(en) der Unterstützung Pflegebedürftiger durch Familie und Bekannte […]“ sinkt, aber auch weniger junge Menschen bereitstehen, die für einen pflegenden Beruf zur Verfügung stehen (BMFSFJ 2006, o. S.).

Um diesem Dilemma entgegenzuwirken, bedarf es dringend neuer Versorgungsangebote, die es den Menschen erlauben, länger in ihrer häuslichen Umgebung versorgt zu werden. Ein möglicher Lösungsansatz ist das „Ambient Assisted Living“, kurz: AAL. Dieser Begriff bedeutet übersetzt „altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben“ (AAL Deutschland 2019, o.S.) und beschreibt verschiedene technikbasierte Konzepte, Produkte sowie Dienstleistungen, die den Alltag insbesondere älterer und beeinträchtigter Personen unterstützen und sicherer gestalten sollen, um ihnen ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Zentrales Ziel von AAL ist die Bewahrung und Förderung der Eigenständigkeit und die Erhöhung der Lebensqualität bis in ein hohes Alter (ebd.). Damit einhergehend könnten vermehrt Arbeitskräfte und Betreuungsplätze, vor allem in der Langzeitpflege, eingespart werden. Zudem will man eine gesellschaftliche Teilhabe der älteren Generation sicherstellen und so den technologischen Fortschritt für den demografischen Wandel nutzen (Wessig 2012, S. 128).

AAL beruht auf moderner Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Mikrosystemtechnik, welche diskret in das häusliche Umfeld integriert werden und eine intelligente Umgebung schaffen, die den Bewohner in seinen täglichen Handlungen assistiert (Jähnichen 2008, S. 1). Solche Assistenzsysteme sind in der Lage in einer personalisierten Art und Weise mit dem Nutzer zu interagieren, um diesen bestmöglich zu unterstützen und ihm Kontroll- und Steuerungsleistungen zu erleichtern oder ganz abzunehmen. Die Technik passt sich dabei den individuellen Bedürfnissen und Lebenssituationen des Nutzers an, nicht umgekehrt (ebd.). Des Weiteren sind AAL-Systeme mit gesundheitlichen und sozialen Dienstleistungen verbunden und ermöglichen so z.B. einen selbstständigen Austausch diverser Daten mit Gesundheitsdienstleistern (Ärzte, Pflegestützpunkte etc.) (Jähnichen 2008, S. 2).

Die folgenden Grafiken sollen das Grundprinzip von AAL verdeutlichen, wobei die verschiedenen Möglichkeiten und Anwendungsbereiche im Anschluss vorgestellt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: bereitgestellt vom VDE Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e.V.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: https:alter-leben.vswg.de/konzept/ansatz/)

Wie hier zu sehen, kommen für eine alltagsunterstützende Umgebung eine Vielzahl verschiedenster Technologien zum Einsatz, die wechselseitig miteinander in Beziehung und ständiger Kommunikation stehen (ebd., S. 1). Das Spektrum der Technologien reicht von einfachen technischen Hilfsmitteln wie Gehhilfen oder automatisierten Küchengeräten, über telemedizinische Geräte, die einen Informationsaustausch ermöglichen bis hin zu komplexen, vernetzten Systemen, die eigenständig (re-)agieren können (Fachinger et al. 2012, S. 5). Die notwendigen Daten (Vitaldaten, Umgebungsdaten) werden über körpernahe oder räumliche Sensorsysteme erfasst. Die Systeme zeichnen sich durch eine intuitive und benutzerfreundliche Bedienbarkeit aus, wobei hervorzuheben ist, dass die Nutzergruppe nicht ausschließlich hilfsbedürftige ältere Menschen umfasst, sondern speziell auch pflegende Angehörige, das medizinische Versorgungspersonal sowie Dienstleister, die ältere Menschen in unterschiedlichen (betreuten) Wohnformen unterstützen. Im Idealfall sind AAL-Systeme einfach zu installieren, weitgehend wartungsfrei und modular aufgebaut. Dies hat den Vorteil, dass sie in unterschiedlich beschaffene Wohnungen eingebaut werden können und kostengünstiger als komplexe Systeme sind (Jähnichen 2008, S. 1 f.).

Für alltagsunterstützende Assistenzlösungen bieten sich vielfältige Anwendungsmöglichkeiten in ebenso vielen Lebenssituationen. Sie können beispielsweise dazu dienen, den Tagesablauf zu erleichtern, die Wohnung zu sichern oder um in Notsituationen und bei gesundheitlichen Problemen helfend einzugreifen. Die heutzutage existierenden AAL-Anwendungen lassen sich hinsichtlich ihres Nutzens in die Kategorien Gesundheit und Pflege, Sicherheit und Privatsphäre, Haushalt und Versorgung sowie Kommunikation und soziales Umfeld einteilen (Georgieff 2008, S. 32).

Gesundheit und Pflege

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der Zunahme von Patienten mit körperlichen und demenziellen Erkrankungen ist der Bereich Gesundheit und Pflege von höchster Bedeutung für die zukünftige Entwicklung der (häuslichen) Pflege. Im Fokus stehen hierbei chronische Krankheiten (z.B. metabolische, kardiovaskuläre und onkologische Erkrankungen), typische Alterskrankheiten (z.B. muskuloskelettale und neurologische Erkrankungen) sowie die Gesundheitsvor- und -fürsorge (Prävention, Telemonitoring, Telerehabilitation, Pflege und Sozialdienste) (ebd.). Betroffene sollen mit Hilfe von AAL-Systemen die Möglichkeit haben, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, ohne auf eine durchgängige Betreuung durch Angehörige oder Pflegepersonal angewiesen zu sein.

Viele chronische Erkrankungen bedürfen einer ständigen Erfassung und Kontrolle von Vitalwerten. Dies ist gerade in ländlichen Regionen oftmals problematisch, da in Deutschland hier ein zunehmender Ärztemangel herrscht. Hier bietet sich der Einsatz von Telemonitoring-Systemen an: Risikopatienten für Herz-Kreislauf-Erkrankungen könnten zum Beispiel ein mobiles EKG-Gerät oder die Smartwatch dazu verwenden, die Herztätigkeiten von zu Hause aus kontinuierlich zu überprüfen und auswerten zu lassen. Auch ein sogenanntes „Remote Assistance System“ kann zur Überwachung und Dokumentation des Gesundheitszustandes verwendet werden. Hierbei zeichnen Sensoren verschiedene Vital- und Bewegungsdaten wie Körpertemperatur, Puls und Herzfrequenz auf und übermitteln diese an den behandelnden Arzt oder ein telemedizinisches Zentrum. Bei Abweichung von Normwerten werden jene durch einen automatisch ausgelösten Notruf alarmiert, sodass der Nutzer schnellstmöglich entsprechende Hilfeleistungen erhalten kann (Rehrl 2013, S. 13 f.). Durch dieses Vorgehen kann eine stationäre Einweisung verzögert oder gar verhindert werden.

Im Fall von altersbedingten Krankheiten geht es vor allem darum, dem Patienten Kontroll- und Steuerungsaufgaben abzunehmen. Die Technik muss dabei an die spezifischen Bedürfnisse und Anforderungen des jeweiligen Patienten angepasst werden. Dies kann zum Beispiel ein sich automatisch abschaltender Herd bei einem Demenzkranken sein. Hochaltrige, die häufig aufgrund ihrer Multimorbidität eine breite Palette an Medikamenten einnehmen müssen, könnten beispielsweise durch ein elektronisches Signal an die regelmäßige Einnahme erinnert werden oder der Medikamentenspender, der eine SMS an die Angehörigen versendet, wenn die Tablettenbox geleert wurde (Eberhardt 2012, S. 124 f.).

Ein Beispiel, wie AAL-Systeme im Bereich der Prävention helfen können, ist die Gewichtsreduktion, um Krankheiten wie Diabetes zu vermeiden. Neben der oben erwähnten Fernanalyse von Gesundheitsdaten können hier außerdem altersgerechte Fitnessgeräte, ein Bewegungsprogramm und/oder Gesundheits-Apps wie eine Schrittzähler-App oder eine Kalorienzähler-App zum Einsatz kommen, um die regelmäßige Bewegung zu fördern und dem Patienten das Abnehmen zu erleichtern (Betz et al. 2010, S. 451 ff.).

Sicherheit und Privatsphäre

Das Sicherheitsbedürfnis eines älteren Menschen setzt sich im Allgemeinen aus der Vermeidung von Unfällen und Einbrüchen zusammen. Laut Studien des Verbandes der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e.V. (VDE) passieren 44% aller Unfälle zu Hause. Gründe hierfür sind beispielsweise eine unzureichende Beleuchtung der Räume, schadhafte Treppenstufen und Fußböden, fehlende Haltegriffe in Badewannen und Duschen oder das Vergessen des Ausschaltens elektrischer Geräte. Demnach ist ein sicheres Umfeld speziell für ältere Menschen, die aufgrund körperlicher Beeinträchtigungen häufig viel Zeit in der eigenen Wohnung verbringen, besonders wichtig und trägt zugleich entscheidend zu deren Eigenständigkeit bei.

Zu diesem Zweck können eine Vielzahl von Schutzsystemen eingesetzt werden, wie z.B. Alarmanlagen, Rufsysteme oder Rauchmelder, die bei einem Feuer, Wasserschaden oder Gasleck automatisch einen Notruf absetzen. Ein weiterer Anwendungsfall sind Systeme, die Zugangsberechtigungen zu Gebäuden und Grundstücken prüfen, wodurch Einbrüche vermieden werden können. So lassen sich bereits heute nur mit einem Fingerabdruck oder per Gesichtserkennung Haustüren öffnen, aber auch Handys entsperren oder ein Computer einschalten. Diese Systeme sind in der Regel mit einer Notrufzentrale oder externen Sicherheitsunternehmen verbunden und gestatten neben einer raschen Handlungsmöglichkeit die Möglichkeit der Fernwartung, Fehlerdiagnose und der Fehlerbehebung (Georgieff 2008, S. 35).

Im Alter ist eine Sturzneigung weit verbreitet. Eine sicherheitsfördernde Technologie ist das vom Fraunhofer Institut konzipierte System „sens@home“: In die Wohnumgebung integrierte 3D-Sensoren ermöglichen es dem System Stürze zu identifizieren und eine Gefahrenlage selbstständig zu erkennen. Zusätzlich verfügt die Technologie über eine Spracherkennung und ist so dazu im Stande mit dem Nutzer zu kommunizieren und erforderliche Hilfsmaßnahmen einzuleiten (Fraunhofer-Gesellschaft 2017, o.S.). Dadurch sollen das Sicherheitsempfinden sowie die allgemeine Bewegungsfreiheit erhöht werden. In diesem Zusammenhang darf der Punkt Privatsphäre jedoch nicht vernachlässigt werden, weswegen genau abgewogen werden muss, ob Technik wie Kameras oder Mikrofone angebracht werden soll.

Haushalt und Versorgung

Die tägliche Hausarbeit wird mit zunehmendem Alter immer schwieriger. Tätigkeiten wie Einkaufen, der Besuch beim Hausarzt, aber auch bereits einfache Haushaltstätigkeiten können ohne die regelmäßige Unterstützung durch andere eine enorme Herausforderung darstellen. Gleichzeitig wollen die meisten älteren Menschen so lange wie möglich in ihrer gewohnten und vertrauten Umgebung bleiben und nur in ein Senioren- oder Pflegeheim umziehen, wenn es unumgänglich ist (Betz et al. 2010, S. 53 ff.).

Seit Jahren sind elektronische Haushaltsgeräte nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken, da sie viele Sachen erleichtern. Aus diesem Grund ist das Hauptziel von AAL-Technologien auf diesem Gebiet, dass die Nutzer die Systeme allein und ohne fremden Einfluss bedienen können. Eine weitgehend selbstständige Versorgung und ein damit verbundener Verbleib im eigenen Zuhause soll somit gewährleistet werden.

So ist es beispielsweise möglich, dass automatisch geöffnete Fenster und Türen geschlossen, die Heizung, das Licht und notfalls der angelassene Herd ausgeschaltet werden, wenn Sensoren im Fußboden registrieren, dass die Person die Wohnung verlässt. Ein weiteres Beispiel ist ein programmierbarer Saug- oder Wischroboter, der den Schmutz selbst erkennt und diesen reinigt (Kerkmann und Scheuer 2018, o.S.). Kalender, die automatisch an Termine erinnern, Automatik-Programme von Haushaltsgeräten (Backofen, Waschmaschine, Geschirrspüler, Trockner), selbsterklärende Displays mit Hilfestellungen sowie Touch-Bedienfelder für Personen mit motorischen Einschränkungen sollen zusätzlich Abhilfe schaffen und die Lebensqualität der Nutzer erhöhen (Georgieff 2008, S. 34).

Ein wichtiger Aspekt ist die Vernetzung der im Haushalt vorhandenen technischen Geräte und Systeme, was mit dem Begriff „Smart Home“ bezeichnet wird. Die Geräte regeln sich selbstständig und lassen sich zentral steuern (vor Ort oder von unterwegs). Dadurch soll eine intelligente und benutzerfreundliche Wohnumgebung geschaffen werden (homeandsmart GmbH 2019, o.S.). Amazons „Alexa“ geht hier voran, indem der Benutzer über Sprachsteuerung seine häusliche Umgebung (u.a. Türöffner, Fernsehen, Beleuchtung, Jalousien, Rasenmäher) von verschiedenen Positionen aus bedienen kann. Ein intelligentes Thermostat, das zur Regulierung von Heizkörpern mittels Smartphone-App prinzipiell von der ganzen Welt aus gesteuert werden kann, gehört ebenfalls hierzu. Derartige Produkte werden künftig nicht nur mit Haus- und Gebäudetechnik, sondern vor allem mit externen Dienstleistungen zu kombinieren sein. Schon heute gibt es Einkaufsdienste, die es über eine App ermöglichen, dass Waren physikalisch in die häusliche Umgebung gebracht werden. Das Prinzip „Pizza-Bringdienst“ lässt sich auch auf Dienstleistungen im AAL-Umfeld ausweiten (ebd.).

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Details

Titel
Ambient Assisted Living. Potenziale und Anwendungsmöglichkeiten altersgerechter Assistenzsysteme
Hochschule
Fachhochschule Flensburg  (Institut für eHealth und Management im Gesundheitswesen)
Veranstaltung
Informationsmanagement
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
12
Katalognummer
V955951
ISBN (eBook)
9783346301291
ISBN (Buch)
9783346301307
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ambient Assisted Living, AAL, Assistenzsysteme, Technik, Technologie, Demografischer Wandel, alternde Bevölkerung, Alter, ältere Menschen, Senioren, Pflegebedürftigkeit, Gesundheit, Pflege, Sicherheit, Haushalt, Versorgung, Komfort, Kommunikation, soziale Integration, Anwendungsbereiche
Arbeit zitieren
Susann Schultz (Autor), 2019, Ambient Assisted Living. Potenziale und Anwendungsmöglichkeiten altersgerechter Assistenzsysteme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/955951

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