Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage: Ist unsere gängige Strafpraxis moralisch gerechtfertigt? Das gegenwärtige Strafrecht in Deutschland kennt zwei Arten der Strafe: Freiheitsstrafen und Geldstrafen. Im Allgemeinen verstehen wir unter Strafe die Zufügung eines Übels als Reaktion auf eine unerwünschte Handlung. Dem Bestraften geschieht etwas Unangenehmes und der Strafende muss jemandem ein Übel zufügen. Deshalb muss es eine gute Begründung dafür geben, dass der Staat zum Strafen berechtigt ist.
Die Sichtweise des amerikanischen Philosophen Michael J. Zimmerman zum Thema der Rechtfertigung staatlicher Strafen gibt Anlass zum Nachdenken. In seinem Buch „The Immorality of Punishment“ argumentiert er dafür, die Strafpraxis vollkommen abzuschaffen, da staatliches Strafen nicht zu rechtfertigen und stets unmoralisch sei. Seinen Ausführungen zufolge darf niemals irgendjemand für irgendein Verbrechen bestraft werden.
Er begründet seine These damit, dass niemand für etwas verantwortlich gemacht werden kann, wenn es sich seiner Kontrolle entzieht und damit dem Zufall unterliegt. Damit spricht er sich gegen die Existenz des moralischen Zufalls aus und hält an einem extremen Kontrollprinzip fest.
Obwohl seine Argumentation schlüssig ist, wird seine These von vielen nicht akzeptiert, da es den meisten Menschen nicht recht ist, die staatliche Strafpraxis vollkommen abzuschaffen. Deshalb muss geprüft werden, ob Zimmermans Annahmen auch so getroffen werden können. Seine These gründet sich auf die Annahme, dass das sogenannte Kontrollprinzip uneingeschränkt anzuwenden und die Existenz des moralischen Zufalls abzulehnen ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Position Michael J. Zimmerman
2.1 Argumentation in Stufen
2.2 Das Argument des moralischen Zufalls
2.3 Situationsbezogener Zufall
3 Die Debatte um den moralischen Zufall
3.1 Moralischer Zufall
3.2 Absurdität des Kontrollprinzips
3.3 Diskussion der Lösungsansätze
4 Zufall – Wahrscheinlichkeit und Kontrolle
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die philosophische Debatte um den moralischen Zufall und dessen Implikationen für die staatliche Strafpraxis, wobei insbesondere die Position von Michael J. Zimmerman kritisch analysiert wird, um eine begründete Mischform zwischen dem Kontrollprinzip und der Akzeptanz moralischer Zufälle zu entwickeln.
- Rechtfertigung staatlicher Strafen und das Kontrollprinzip
- Analyse der Kategorien resultant luck und situational luck
- Philosophische Diskurse zu moralischer Verantwortlichkeit
- Die Rolle von Wahrscheinlichkeit im Zufallsbegriff
- Lösungsansätze für den Konflikt zwischen Moral und Zufall
Auszug aus dem Buch
2.2 Das Argument des moralischen Zufalls
Zimmerman unterscheidet zwei Kategorien des moralischen Zufalls und lehnt sich damit an die Ausführungen Thomas Nagels (vgl. Nagel 2012, S. 55ff) zum Thema „Moralischer Zufall“ an: Die Bezeichnungen Zimmermans im englischen sind:
(2a) Resultant Luck (resultatsbezogener Zufall)
(2b) Situational Luck (situationsbezogener Zufall)
Zur Illustration seines Gedankengangs erzählt Zimmerman Geschichten zu den Personen Ben und Jen und Bill und Jill. Wobei Bills und Jills Geschichte stets unverändert bleibt und die Geschichte von Ben und Jen jedes Mal anders verläuft, jedoch immer gleich ausgeht. Die unterschiedlichen Ausgangssituationen, die zum gleichen Resultat führen, nämlich, dass Jen am Leben bleibt, ordnet Zimmerman den zwei Kategorien des moralischen Zufalls zu.
Zuerst beschäftigt sich Zimmerman mit resultant luck (2a). Hiermit ist die Art Zufall gemeint, die die Folge eines Verhaltens beeinflusst (vgl. Zimmerman 2011, S.127). Zimmerman erzählt folgenden Geschichte (vgl. ebd., S 125):
Ben und Bill trachten jeweils nach dem Leben einer weiblichen Person. Bill möchte Jill erschießen und damit tödlich verletzen und Ben hat den Vorsatz, Jen auf die gleiche Weise, nämlich durch Erschießen, zu töten. Beide haben die gleiche Entscheidung getroffen, jedoch gelingt das Vorhaben nur Bill, denn Ben scheitert, weil etwas ungeplant dazwischenkommt. Ben gelingt es nicht, Jen zu töten, da gerade in dem Moment, in dem er den Abzug drückt und der Schuss sich löst, ein Vogel in die Schusslinie fliegt, dieser Anstelle von Jen getroffen wird und leblos zu Boden stürzt. Damit ist eine Situation des resultant luck beschrieben. Ein zufälliges und äußeres Ereignis, über dessen Entstehen die handelnde Person keine Macht bzw. Kontrolle hatte, stört die beabsichtige Folge einer begangenen Handlung. Hier sind auch andere Ereignisse denkbar. Jen hätte sich bspw. bücken können oder ein LKW hätte vorbeifahren können.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Problem der Rechtfertigung staatlicher Strafe vor dem Hintergrund der philosophischen Thesen von Michael J. Zimmerman.
2 Position Michael J. Zimmerman: Darstellung der stufenweisen Argumentation Zimmermans, die zur Ablehnung der Strafpraxis aufgrund von Unwissenheit und moralischem Zufall führt.
3 Die Debatte um den moralischen Zufall: Erörterung der philosophischen Hintergründe des moralischen Zufalls und der damit verbundenen Probleme des Kontrollprinzips.
4 Zufall – Wahrscheinlichkeit und Kontrolle: Analyse der Rolle von Wahrscheinlichkeit bei der Bestimmung von Zufall und dessen Einfluss auf moralische Urteile.
5 Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Lösungsansätze und Plädoyer für eine Mischform im Umgang mit dem moralischen Zufall.
Schlüsselwörter
Moralischer Zufall, Kontrollprinzip, Zimmerman, Resultant Luck, Situational Luck, Strafrecht, Moral, Verantwortung, Zufall, Wahrscheinlichkeit, Rechtfertigung, Thomas Nagel, Bernard Williams, Handlungstheorie, Kontingenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit setzt sich mit der philosophischen Herausforderung auseinander, ob staatliche Strafen moralisch gerechtfertigt sein können, wenn das Handeln des Menschen maßgeblich durch Zufälle beeinflusst wird, die außerhalb seiner Kontrolle liegen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von moralischer Verantwortung und Kontrolle, die Kritik am Strafsystem sowie die Differenzierung verschiedener Arten moralischen Zufalls.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die radikale Position von Michael J. Zimmerman zu hinterfragen und eine tragfähige Mischform zwischen der strikten Anwendung des Kontrollprinzips und der philosophischen Notwendigkeit zur moralischen Beurteilung von Handlungen zu finden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Analyse, die auf der kritischen Auseinandersetzung mit Fachliteratur (Zimmerman, Nagel, Williams) und der logischen Prüfung von Argumentationsketten basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Zimmermans Thesen zum moralischen Zufall (resultant und situational luck), die theoretischen Grundlagen der Debatte um das Kontrollprinzip und die Bedeutung der Wahrscheinlichkeit für moralische Beurteilungen detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Moral, Zufall, Kontrolle, Verantwortung und Strafgerechtigkeit charakterisiert.
Warum hält Zimmerman Strafe für unmoralisch?
Zimmerman argumentiert, dass Menschen nur für Dinge verantwortlich gemacht werden können, die ihrer Kontrolle unterliegen. Da er den moralischen Zufall als allgegenwärtig ansieht, entzieht sich die menschliche Entscheidung weitgehend der Kontrolle, weshalb Schuld nicht zugesprochen werden kann.
Was unterscheidet resultant luck von situational luck?
Resultant luck bezieht sich auf Zufälle, die nach der Entscheidung eintreten und den Ausgang einer Handlung beeinflussen, während situational luck Faktoren beschreibt, die die Entstehung der Handlung oder die Konstitution des Akteurs bereits im Vorfeld bestimmen.
Warum spielt die Wahrscheinlichkeit bei der Beurteilung eine Rolle?
Die Arbeit legt dar, dass die Unwahrscheinlichkeit eines Ereignisses das intuitive moralische Urteil beeinflusst. Ereignisse, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten, werden eher dem Akteur zugerechnet als unvorhersehbare, extrem unwahrscheinliche Zufälle.
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- Anonym (Autor), 2016, Moralischer Zufall und Ablehnung der Strafe. Ist unsere gängige Strafpraxis moralisch gerechtfertigt?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/957056