Der Missbrauch des Nibelungenliedes im deutschen Nationalsozialismus und dessen gegenwärtige Konsequenzen


Hausarbeit, 2020

17 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Vorgeschichte: Ein romantisches Bedürfnis
2.2 Methode 1: Instrumentalisieren und Kombinieren unterschiedlicher Quellen
2.3 Methode 2: Akzentuieren und Tilgen separater Textpassagen

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In Anbetracht der europaweiten Renaissance nationalistischer Strömungen, liegt es nahe, die Verbindung zwischen dem ‚Nibelungenlied‘, einem Werk der älteren deutschen Literatur und der gegenwärtigen Rhetorik deutscher Politiker zu betrachten. Der Hauptteil dieser Arbeit beschäftigt sich mit dem Problem, dass der Missbrauch des mittelalterlichen ‚Nibelungenliedes‘ eine lange Tradition in der deutschen Geschichte hat. Es wird gezeigt, dass die Konsequenzen des Missbrauchs in der heutigen Politik noch immer sichtbar sind.

Das erste Drittel dieser Arbeit schafft einen Überblick über die Vorgeschichte des politischen Missbrauchs des ‚Nibelungenliedes‘. Das Bedürfnis nach einer eigenen Identität und der Wunsch nach einer einheitlichen Nation der Deutschen, erscheint als Bedingung für die folgenreichen Rezeptionen des mittelalterlichen Epos seit rund drei Jahrhunderten. Der zweite Teil der Arbeit fasst die unterschiedlichen Rezeptionsweisen von der Romantik bis zur Gegenwart zu einer von zwei wesentlichen Methoden der politischen Vereinnahmung zusammen. Das Kernelement der ersten Methode erweist sich als die politische Instrumentalisierung und das Kombinieren unterschiedlicher Sagen und Mythen mit dem ‚Nibelungenlied‘. Im letzten Abschnitt wird die zweite Methode erläutert, die zu Gunsten der politischen Vereinnahmung Teile des ‚Nibelungenliedes‘ hervorhebt und andere Teile des Epos verschwinden lässt. Im Hinblick auf die nationalsozialistische Rezeption des Epos wird deutlich, dass den Nazis eine disziplinierte Orientierung an der mittelalterlichen Handschrift des ‚Nibelungenliedes‘ fremd ist.

Abschließend werden die Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst und die Motive der politischen Vereinnahmung beleuchtet. Die Methoden der nationalsozialistischen Rezeption werden festgehalten und die Auswirkungen des Missbrauchs bis zur Gegenwart verfolgt. Die AfD-Parole „1000 Jahre Deutschland“ entpuppt sich als rhetorische Parallele zu Nazi-Deutschland. Der Stoff des ‚Nibelungenliedes‘ erweist sich als Ursprung für wesentliche Teile der angeführten Indoktrination. Es zeigt sich, dass das ‚Nibelungenlied“ selbst keine Beachtung mehr in der Politik nationalistischer Parteien findet, aber die gegenwärtige Politik die Konsequenzen der nationalsozialistischen Rezeptionsgeschichte wiederspiegelt.

2. Hauptteil

2.1 Vorgeschichte: Ein romantisches Bedürfnis

Laut Ursula Schulze gehen die Anfänge des Nibelungen-Missbrauchs auf das 18. Jahrhundert zurück. Seit der mittelalterlichen Sammlung von Heldenepen und kleineren höfischen Erzählungen durch Kaiser Maximilian im ‚Ambraser Heldenbuch‘, findet das ‚Nibelungenlied‘1 rund 250 Jahre kaum noch Beachtung.2 Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wird das ‚Nibelungenlied‘ wiederentdeckt, erklärt John Evert Härd. Zwischen dem ‚Nibelungenlied‘ und dem heutigen Leser steht eine Rezeptionsgeschichte, die vielmehr die Politik und Kultur der vergangenen zwei Jahrhunderte wiederspiegelt als die mittelalterliche Literatur.3

Unmittelbar nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und den damit einhergehenden Differenzen einzelner deutscher Staaten, erscheint 1807 die aus heutiger Sicht zweifelhafte Nibelungen-Ausgabe Friedrich Heinrich von der Hagens. Nach der Einleitung, die der deutschen Leserschaft Trost und Erbauung in Zeiten der französischen Fremdherrschaft verspricht, offenbart sich das Werk als: „ein Meisterstück der Applikationen fremder Vorstellungen auf einen mittelalterlichen Text“.4 Im Untergang der Burgunden ergibt sich für F.H. von der Hagen eine Parallele und damit ein möglicher Verhaltenskodex für die Deutschen zur Situation der Reichsauflösung.5

Joachim Heinzle führt an, dass es dem ständisch geprägten Reich an überregionalen Traditionen mangelt. Um sich als Einheit zu bewähren, bedarf es nach dem Vorbild anderer Nationen eines identitätsstiftenden Mythos. Das ‚Nibelungenlied‘ erweist sich als Nationalmythos besonders geeignet.6 Der anonym überlieferte Text berichtet von fantastischen Heldentaten, die mit realen Ereignissen, Personen und Orten verknüpft dargestellt werden, sodass der Eindruck eines Wahrheitsberichtes entsteht. Schulze betont, dass Heldenepen einen historischen Kern aufweisen, so lässt sich die Völkerwanderungszeit zwischen dem 4.–6. Jahrhundert als historischer Hintergrund für den Untergang der Burgunden datieren. In den schriftlich festgehaltenen, burgundischen Stammesrechten des Jahres 516 erscheinen die Namen „ Gislaharius [und] Gundaharius “.7 Im ‚Nibelungenlied‘ tauchen die Namen als Giselher und Gunther wieder auf:8 Ir [Kriemhild] pflâgen drîe künege […] Gunthêr unde Gêrnôt, die recken lobelîch, und Gîslhêr (NL 4, 1f.).

Nachdem die Aneignung als Nationalmythos im 18. Jahrhundert wenig kritisch hinterfragt wird, wie Schulze fortfährt, beschäftigen sich die Romantiker mit dem ‚Nibelungenlied‘ Anfang des 19. Jahrhunderts erneut. Das Mittelalter ist bereits in der Romantik ein Ort der Sehnsucht und Faszination, der die Utopie einer politischen Einheit von Volk und Herrscher suggeriert. Im Zusammenhang mit der antiquierten Vorstellung vom Leben im Mittelalter und dem Bedürfnis nach einer nationalen Identität wird das ‚Nibelungenlied‘ zum vermeintlichen Nationalepos erkoren.9

Klaus von See schreibt, dass Johann Gottfried Herder den Deutschen die Vorstellung einer Volksgemeinschaft verleiht, die sich als Organismus entwickelt und gepflegt werden muss. Der Gedanke Herders wirft die aus heutiger Sicht konservative Idee auf, fremde Kulturen abzuwehren und auf der eigenen Vorstellung von Kultur zu beharren. Herder schreibt in einem Artikel aus dem Jahr 1796, dass die altnordische Mythologie zur Identitätsfindung der Deutschen beitragen kann. Die Bezeichnung der Deutschen als „Germanen“ lässt sich zwar bis in das 17. Jahrhundert zurückverfolgen, aber etabliert sich erst mit den Romantikern auch in der Wissenschaft. Nicht nur Herder, auch die Brüder Grimm ermöglichen mit ihrem Schriftenreichtum die Anschauung, dass das deutsche Volk seinen Ursprung in der nordischen Mythologie findet.10

Aus der Verbindung unterschiedlicher Heldenerzählungen zeigt sich im Folgenden die erste der zwei wesentlichen Methoden, wie das mittelalterliche ‚Nibelungenlied‘ in der deutschen Geschichte falsch ausgelegt und für die nationalsozialistische Politik missbraucht wird. Die zweite Methode berichtet davon, wie das ‚Nibelungenlied‘ in zwei Teile separiert wird und beide Teile getrennt voneinander rezipiert werden. Es wird sich zeigen, dass ausschließlich eine Verfälschung der mittelalterlichen Handschrift dem ideologischen Missbrauch dienen kann und dass der heutige 1000-Jahre-Deutschland-Mythos in jedem Fall auf einer kulturgeschichtlichen Lüge beruht.

2.2 Methode 1: Instrumentalisieren und Kombinieren unterschiedlicher Quellen

Schulze beschreibt, wie sich der Geografie-Professor August Zeune während des Befreiungskampfes gegen Frankreich 1815 an die deutschen Soldaten wendet. Zeune appelliert an den Heldengeist der Deutschen. Bedeutend an seinem Vortrag ist, dass Zeune das ‚Nibelungenlied‘ mit Elementen aus anderen Texten wie ‚Sigurd der Schlangentödter‘ verknüpft. Das Drama um den Schlangentöter basiert weitgehend auf nordischen Sagen.11 Herders Gedanke von 1796 findet sich bestätigt.

Das nationalsozialistische Regime erklärt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so Georg Schuppener, dass die Deutschen die direkten Nachkommen der Germanen sind. Im Kontext der rassistischen Ideologie der Nazis werden vorliebend Figuren aufgegriffen, die Männlichkeit sowie Macht und Überlegenheit ausstrahlen. Die angebliche Exklusivität des eigenen Volkes spielt bei der Identifikation mit sagenumwobenen Heldenfiguren eine tragende Rolle.12 Ralph Erbar berichtet aus Adolf Hitlers Buch ‚Mein Kampf‘ von 1924, dass Hitler die Germanen als Rasse darstellt, die herausragend heldenhaft und allen anderen Rassen überlegen ist. Das Erbe der germanischen Rasse ist allein den Deutschen durch ihr germanisches Blut vorbehalten und nicht durch das Lernen der deutschen Sprache zu erlangen.13

Heinrich Detering zeigt, dass Teile der AfD-Fraktion noch heute der Auffassung Hitlers nachkommen. Detering bezieht sich konkret auf die Überzeugung des AfD-Abgeordneten Emil Sänze. Sänze spricht von einer biologischen Zugehörigkeit als Voraussetzung für die Teilnahme am politischen Diskurs in Deutschland.14 „Was er [Sänze] ins Netz stellt, ist eine Neuformulierung der Überzeugung eine Rassenfremde könne keine Volksgenossin sein.“15 In Sänzes Gedankengut zeichnet sich das Weltbild der alten Nazis ab. Wer kein Volksgenosse ist, durch dessen Adern fließt kein germanisches Blut, und an diesem lässt sich auch kein Heldencharakter erkennen.

Die Frage, wie sich der Begriff des Helden definieren lässt, sorgt für Uneinigkeiten innerhalb der Mediävistik, gibt Katharina Prinz zu bedenken.16 Am Beispiel Hagens lässt sich aber erkennen, wie die Nazis Heldentum zum Zweck der Opferbereitschaft definieren. Hagen befürchtet in der 24. Aventiure zunächst, dass Kriemhild sich an ihm für den getöteten Siegfried rächt: Nû ist iu [Gunther] doch gewizzen, waz wir haben getân. / wir mugen immer sorge zuo Kriemhilde hân, / wand ich sluoc ze tôde ir man [Siegfried] mit mîner hant. (NL 1459, 1–3).

Die Angst Hagens bildet eine Parallele zu der Furcht der deutschen Soldaten im Kampf zu sterben, sowohl während der französischen Besatzungskriege als auch im Zweiten Weltkrieg. Parallel zu dem gesellschaftlichen Gesichtsverlust der Deserteure in den oben genannten Kriegen, droht Hagen der Ruf eines Feiglings, als die Könige Gernot und Giselher versuchen Hagens Tapferkeit auf die Probe zu stellen:

Dô sprach zuo dem râte der vürste Gêrnôt: ›sît ir von schulden vürhtet dâ den tôt in hiunischen rîchen, solde wirʼz dar umbe lân, wir ensaehen unser swester [Kriemhild] , daz waere vil übele getân.‹ (NL 1462) Dô sprach der vürste Gîselhêr zuo dem degene:sît ir iuch schuldec wizzet, vriunt Hagene, sô sult ir hie belîben und iuch wol bewarn, und lâzet, die getürren, zuo mîner swester mit uns varn!‹ (NL 1463)

Da Hagen einsieht, dass die Verletzung seiner Ehre durch die Verweigerung des Kampfes ein größerer Verlust ist als der, das eigene Leben im Kampf zu verlieren, entschließt Hagen sich ins heroische Register zu wechseln:

Dô begunde zürnen von Tronege der degen: ›ine wil, daz ir [Gernot und Giselher] iemen <vüeret> ûf den wegen, der getürre rîten mit iu ze hove baz. sît ir niht welt erwinden, ich sol iu wol erzeigen daz.‹ (NL 1464)

Hagens Loyalität soll den deutschen Soldaten in ihrer ausweglosen Lage ein Vorbild sein. Die Aufforderung zu einer bedingungslosen Loyalität lässt sich an Hermann Görings Rede von 1943 erkennen. Der nationalsozialistische Politiker und Oberbefehlshaber der Luftwaffe appelliert im damaligen Reichsluftfahrtministerium an die versammelte Wehrmacht:

Und aus all diesen gigantischen Kämpfen ragt […] der Kampf um Stalingrad heraus. Es wird dies einmal der größte Heroenkampf gewesen sein, der sich jemals in unserer Geschichte abgespielt hat. […] wir kennen ein gewaltiges, heroisches Lied von einem Kampf ohnegleichen, das hieß ‘Der Kampf der Nibelungen‘. Auch sie standen in einer Halle von Feuer und Brand und löschten den Durst mit eigenem Blut – aber kämpften und kämpften bis zum letzten. Ein solcher Kampf tobt heute dort [Stalingrad]17

Göring verknüpft die Nibelungen-Sage direkt mit der Geschichte der deutschen Wehrmacht. Bemerkenswert ist, dass Göring selber den „Kampf der Nibelungen“18 als faktuale Historie auffasst oder zumindest das ‚Nibelungenlied‘ als Wahrheitsbericht darstellt. Göring versucht das heroische Verhalten der Nibelungen als vermeintliche Vorfahren auf die Zuhörer zu übertragen. Wenn er von „einer Halle von Feuer und Brand“19 spricht, bezieht sich Göring auf die Saalbrand-Szene in der 36. Aventiure, als Kriemhild befiehlt Etzels Halle anzuzünden: Lât einen ûz dem hûse niht komen über al! / <sô heiz ich> [Kriemhild] vier <e> n enden zünden an den sal. (NL 2109, 1f.).

Kriemhild will sich an Hagen für die Ermordung Siegfrieds rächen: sô werdent wol errochen elliu mîniu [Kriemhilds] leit.‹ (NL 2109, 3). Hagen und seine Männer trotzen dem Feuer und erweisen dem König die Treue: doch wolden nie gescheiden die vürsten und ir man. / sine kunden vor ir triuwen ein ander niht verlân. (NL 2110, 3f.). Um die Hitze des Feuers überleben zu können, schlägt Hagen vor „den Durst mit dem eigenen Blut [dem Blut der Toten]“20 zu stillen: Dô sprach von Tronege Hagene: […] / swen twinge durstes nôt, der trinke hie daz bluot. (NL 2114, 1f.). Vom Blut der Toten gestärkt, kämpfen die Nibelungen unermüdlich weiter: dâ von gewan vil krefte ir eteslîches lîp. / des engalt an lieben vriunden sît vil manec waetlîch wîp. (NL 2117, 3f.). Göring verlangt von der Wehrmacht, Adolf Hitler die gleiche Treue zu erweisen, die Hagen und seine Männer in Etzels Halle beweisen: „[Die Nibelungen] aber kämpften und kämpften bis zum letzten. […] und jeder Deutsche noch in tausend Jahren mu[ss] mit heiligen Schauern das Wort Stalingrad aussprechen“.21

An Görings Worten zeigt sich, dass die Literatur in der nationalsozialistischen Ideologie eine wichtige Rolle einnimmt. Härd sieht die Kunst als zentrales Propagandamittel der Nazis an. Innerhalb der nationalsozialistischen Rezeptionen lässt sich nicht mehr erkennen, was Fiktion oder Wirklichkeit ist. Das Kunstverständnis der Nazis kennzeichnet die Vorstellung von einem idealisierten Menschen. Der starke, treue und gesunde Mensch steht im Mittelpunkt der Darstellung, sodass das Publikum manipuliert wird und sich fortan ausschließlich an den dargestellten Werten orientiert. Das mittelalterliche Epos wird von den Nazis umgeformt und instrumentalisiert. Das ‚Nibelungenlied‘ ist das wichtigste literarische Kunstwerk zur Indoktrination der Menschen im Dritten Reich.22 Der mittelalterliche Held ist für die Nazis ein Archetyp der deutschen Rasse, wie die Tagebücher des Propagandareichsministers Joseph Goebbels beweisen:23

Gestern: morgens Kino ''Nibelungen''. Dieser Film: die deutsche Spitzenleistung. Ich bin wieder einmal erschüttert von diesem grandiosen Gemälde deutscher Kraft, Größe und Schönheit. Wie alt ist dieser Film schon, - und doch wie modern! Alles verlä[ss]t den Phoebus-Palast mit tiefem, gehobenem Grauen. Das war das deutsche Schicksal schlechthin.24

Goebbels spricht in seinem Tagebuch von dem Film ‚Die Nibelungen‘ von 1924. Unter der Regie von Fritz Lang erhält die Verfilmung der mittelalterlichen Heldendichtung großen Zuspruch Hitlers, wie Ulrich Schulte-Wülwer dokumentiert. Die kunstvollen Muster von ritterlichen Fahnen und militärischen Paraden inspirieren Hitler für die Massenaufmärsche der deutschen Soldaten. Inhaltlich stützt der Film die spätere Rassenideologie der Nazis. Hunnen werden als Menschen zweiter Klasse dargestellt, und der Heldentod des nordischen Kriegers wird verherrlicht.25

Für die Ideologie der Nazis schreibt Erbar der Germanischen Mythologie eine feste Funktion zu. Der Hass der noch jungen nationalsozialistischen Bewegung auf andere Völker soll eine „historische Legitimation“26 erhalten.27 Die Nazis proklamieren das tausendjährige Reich.28 Auf der Suche nach einer Identität für das deutsche Volk greift man auf das Mittelalter, die Romantik und alles Hilfreiche aus der Antike zurück. Die Auffassung von einer Analogie zwischen ‚Nibelungenlied‘ und Homers antiker ‚Ilias‘ wird laut Schulze erst gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts revidiert und hält bis heute Einzug im kollektiven Gedächtnis der Deutschen.29 Göring vergleicht das Schicksal der Wehrmacht mit dem Schicksal der antiken Spartiaten:

Meine Soldaten, die meisten von euch werden von einem ähnlichen Beispiel in der großen, gewaltigen Geschichte Europas gehört haben. […] da stand in einem kleinen Engpa[ss] in Griechenland […] Leonidas mit dreihundert Spartiaten […] Jahrtausende sind vergangen – und heute gilt dieses, dieser Kampf dort, dieses Opfer dort, noch so heroisch, so als Beispiel höchsten Soldatentums. […] Der Sinn dieses Kampfes [der Kampf der Spartiaten sowie der Wehrmacht] ist ja nur Freiheit oder Vernichtung.30

Göring spricht von Leonidas Schlacht, als seien die Spartiaten die „Ahnen“31 der Deutschen, die zielgerichtet nach einer heiligen „Vorsehung“32 handeln. Der Sammelbegriff „Germanen“ geht auf den antiken Historiker Tacitus zurück, wie Schulze anführt. Der Begriff fasst verschiedene Stämme in Mitteleuropa zusammen. Eine in sich geschlossene und einheitliche Volksgruppe der sogenannten Germanen, wie sie die Nazis verstehen, hat es kulturgeschichtlich betrachtet nie gegeben.33

[...]


1 Das Nibelungenlied und die Klage nach der Hs. 857 der Stiftsbibliothek St. Gallen, mhd. Text, Übersetzung u. Kommentar. Hg. v. Joachim Heinzle. 1. Aufl. Berlin 2015. (DKV TB 51). Im Folgenden zitiere ich aus dieser Quelle durch das Kürzel NL und die Angabe der Strophenzahl im laufenden Text.

2 Schulze, Ursula: Das Nibelungenlied. Stuttgart 2003. (RUB 17604), S. 278.

3 Vgl. Härd, John Evert: Das Nibelungenepos. Wertung und Wirkung von der Romantik bis zur Gegenwart. Übers. v. Christine Palm. Basel, Tübingen 1996, S. 15.

4 Schulze, Das Nibelungenlied, S. 282.

5 Vgl. ebd., S. 278–282.

6 Heinzle, Joachim: Die Nibelungen. Lied und Sage. 2. überarb. und aktualisierte Aufl. Darmstadt 2012, S. 122.

7 Schulze, Das Nibelungenlied, S. 61f.

8 Vgl. ebd.

9 Vgl. ebd.

10 Vgl. Von See, Klaus: Deutsche Germanen-Ideologie. Vom Humanismus bis zur Gegenwart. Mannheim 1970, S. 19–37.

11 Vgl. Schulze, Das Nibelungenlied, S. 282f.

12 Vgl. Schuppener, Georg: Rechtsextreme Aneignung und Instrumentalisierung germanischer Mythologie. In: Germanische Mythologie und Rechtsextremismus. Missbrauch einer anderen Welt. Hg. v. Volker Gallé. 1. Aufl. Worms 2015, S. 27.

13 Vgl. Erbar, Ralph: Germanische Mythologie und Nationalsozialismus im Unterricht. In: Germanische Mythologie und Rechtsextremismus. Missbrauch einer anderen Welt. Hg. v. Volker Gallé. 1. Aufl. Worms 2015, S. 125f.

14 Vgl. Detering, Heinrich: Was heißt hier ››wir‹‹? Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten. 5. Aufl. Stuttgart 2019. (RUB 19619), S. 34–39.

15 Ebd., S. 39.

16 Vgl. Prinz, Katharina: Heldentypische Wertungsambivalenzen. Zur Frage nach textuellen Mitteln der Sympathiesteuerung am Beispiel des Nibelungenlieds . In: Techniken der Sympathiesteuerung in Erzähltexten der Vormoderne. Potentiale und Probleme. Hg. v. Friedrich Michael Dimpel, Hans Rudolf Velten. Heidelberg 2016. (Studien zur historischen Poetik 23), S. 51.

17 Rede Hermann Görings vom 30.01.1943. Abdruck als Anhang bei Peter Krüger: Etzels Halle und Stalingrad. In: Die Nibelungen. Sage - Epos - Mythos. Hg. v. Joachim Heinzle, Klaus Klein, Ute Oberhof. Wiesbaden 2003, S. 395.

18 Ebd.

19 Ebd.

20 Ebd.

21 Ebd., S. 395f.

22 Vgl. Härd, Das Nibelungenepos, S. 16.

23 Vgl. ebd., S. 162.

24 Goebbels, Joseph: 4. November 1929. In: Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Teil 1. Aufzeichnungen 1923–1941. Band 1/III. Juni 1928–November 1929. Hg. v. Elke Fröhlich. München 2004, S. 364.

25 Schulte-Wülwer, Ulrich: Das Nibelungenlied in der deutschen Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. 1. Aufl. Gießen 1980. (KUdUV, Verband für Kunst- und Kulturwissenschaft 9), S. 174f.

26 Erbar, Germanische Mythologie, S. 125.

27 Vgl. ebd.

28 Vgl. Schulte-Wülwer, Das Nibelungenlied, S. 175.

29 Vgl. Schulze, Das Nibelungenlied, S. 279f.

30 Krüger, Etzels Halle und Stalingrad, S. 396–398.

31 Ebd., S. 398.

32 Ebd.

33 Vgl. Schulze, Das Nibelungenlied, S. 279f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Missbrauch des Nibelungenliedes im deutschen Nationalsozialismus und dessen gegenwärtige Konsequenzen
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Philologisches Institut)
Veranstaltung
Das Nibelungenlied
Note
1,3
Jahr
2020
Seiten
17
Katalognummer
V957916
ISBN (eBook)
9783346310903
ISBN (Buch)
9783346310910
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nibelungenlied, Das Nibelungenlied, Nibelungenepos, Die Nibelungen, Nibelungensage, Nationalsozialismus, Nazis, Drittes Reich, Missbrauch, Deutschland, AFD, Heroisch, Heroismus, Heroentum, Siegfreid, Kriemhild, Hagen, Kampf der Nibelungen, Nibelungenfestspiele, Nibelungen, Richard Wagner, Instrumentalisierung, Gegenwart, Neue Rechte, Faschismus, Diktatur, Deutsche Geschichte, Mythos, Mythologie, Germanen, Germanistik, germanisch, Helden, Heldentum
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Anonym, 2020, Der Missbrauch des Nibelungenliedes im deutschen Nationalsozialismus und dessen gegenwärtige Konsequenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/957916

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