In Anbetracht der europaweiten Renaissance nationalistischer Strömungen liegt es nahe, die Verbindung zwischen dem ‚Nibelungenlied‘, einem Werk der älteren deutschen Literatur, und der gegenwärtigen Rhetorik deutscher Politiker zu betrachten. Der Hauptteil dieser Arbeit beschäftigt sich mit dem Problem, dass der Missbrauch des mittelalterlichen ‚Nibelungenliedes‘ eine lange Tradition in der deutschen Geschichte hat. Es wird gezeigt, dass die Konsequenzen des Missbrauchs in der heutigen Politik noch immer sichtbar sind.
Das erste Drittel dieser Arbeit schafft einen Überblick über die Vorgeschichte des politischen Missbrauchs des ‚Nibelungenliedes‘. Das Bedürfnis nach einer eigenen Identität und der Wunsch nach einer einheitlichen Nation der Deutschen, erscheint als Bedingung für die folgenreichen Rezeptionen des mittelalterlichen Epos seit rund drei Jahrhunderten. Der zweite Teil der Arbeit fasst die unterschiedlichen Rezeptionsweisen von der Romantik bis zur Gegenwart zu einer von zwei wesentlichen Methoden der politischen Vereinnahmung zusammen. Das Kernelement der ersten Methode erweist sich als die politische Instrumentalisierung und das Kombinieren unterschiedlicher Sagen und Mythen mit dem ‚Nibelungenlied‘. Im letzten Abschnitt wird die zweite Methode erläutert, die zu Gunsten der politischen Vereinnahmung Teile des ‚Nibelungenliedes‘ hervorhebt und andere Teile des Epos verschwinden lässt.
Im Hinblick auf die nationalsozialistische Rezeption des Epos wird deutlich, dass den Nazis eine disziplinierte Orientierung an der mittelalterlichen Handschrift des ‚Nibelungenliedes‘ fremd ist.
Abschließend werden die Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst und die Motive der politischen Vereinnahmung beleuchtet. Die Methoden der nationalsozialistischen Rezeption werden festgehalten und die Auswirkungen des Missbrauchs bis zur Gegenwart verfolgt. Die AfD-Parole „1000 Jahre Deutschland“ entpuppt sich als rhetorische Parallele zu Nazi-Deutschland. Der Stoff des ‚Nibelungenliedes‘ erweist sich als Ursprung für wesentliche Teile der angeführten Indoktrination. Es zeigt sich, dass das ‚Nibelungenlied“ selbst keine Beachtung mehr in der Politik nationalistischer Parteien findet, aber die gegenwärtige Politik die Konsequenzen der nationalsozialistischen Rezeptionsgeschichte widerspiegelt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Vorgeschichte: Ein romantisches Bedürfnis
2.2 Methode 1: Instrumentalisieren und Kombinieren unterschiedlicher Quellen
2.3 Methode 2: Akzentuieren und Tilgen separater Textpassagen
3. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den historisch gewachsenen Missbrauch des mittelalterlichen Nibelungenliedes durch nationalistische Strömungen, insbesondere im Nationalsozialismus, und analysiert die rhetorischen Parallelen, die sich in der gegenwärtigen Politik nationalistischer Parteien wiederfinden lassen.
- Historische Entwicklung der Nibelungen-Rezeption seit dem 18. Jahrhundert
- Methoden der politischen Instrumentalisierung (Quellenkombination und Textselektion)
- Nationalsozialistische Indoktrination durch germanische Mythen
- Rhetorische Anknüpfungspunkte aktueller politischer Akteure an NS-Ideologie
- Das Nibelungenlied als Instrument zur Legitimierung politischer Ziele
Auszug aus dem Buch
2.2 Methode 1: Instrumentalisieren und Kombinieren unterschiedlicher Quellen
Schulze beschreibt, wie sich der Geografie-Professor August Zeune während des Befreiungskampfes gegen Frankreich 1815 an die deutschen Soldaten wendet. Zeune appelliert an den Heldengeist der Deutschen. Bedeutend an seinem Vortrag ist, dass Zeune das ‚Nibelungenlied‘ mit Elementen aus anderen Texten wie ‚Sigurd der Schlangentödter‘ verknüpft. Das Drama um den Schlangentöter basiert weitgehend auf nordischen Sagen. Herders Gedanke von 1796 findet sich bestätigt.
Das nationalsozialistische Regime erklärt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so Georg Schuppener, dass die Deutschen die direkten Nachkommen der Germanen sind. Im Kontext der rassistischen Ideologie der Nazis werden vorliebend Figuren aufgegriffen, die Männlichkeit sowie Macht und Überlegenheit ausstrahlen. Die angebliche Exklusivität des eigenen Volkes spielt bei der Identifikation mit sagenumwobenen Heldenfiguren eine tragende Rolle. Ralph Erbar berichtet aus Adolf Hitlers Buch ‚Mein Kampf‘ von 1924, dass Hitler die Germanen als Rasse darstellt, die herausragend heldenhaft und allen anderen Rassen überlegen ist. Das Erbe der germanischen Rasse ist allein den Deutschen durch ihr germanisches Blut vorbehalten und nicht durch das Lernen der deutschen Sprache zu erlangen.
Heinrich Detering zeigt, dass Teile der AfD-Fraktion noch heute der Auffassung Hitlers nachkommen. Detering bezieht sich konkret auf die Überzeugung des AfD-Abgeordneten Emil Sänze. Sänze spricht von einer biologischen Zugehörigkeit als Voraussetzung für die Teilnahme am politischen Diskurs in Deutschland. „Was er [Sänze] ins Netz stellt, ist eine Neuformulierung der Überzeugung eine Rassenfremde könne keine Volksgenossin sein.“ In Sänzes Gedankengut zeichnet sich das Weltbild der alten Nazis ab. Wer kein Volksgenosse ist, durch dessen Adern fließt kein germanisches Blut, und an diesem lässt sich auch kein Heldencharakter erkennen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Verbindung zwischen dem Nibelungenlied und der Rhetorik heutiger nationalistischer Politik und skizziert die Vorgehensweise der Untersuchung.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert die historische Vorgeschichte des Missbrauchs sowie zwei spezifische Methoden: die Kombination verschiedener Mythen und die selektive Interpretation von Textpassagen.
2.1 Vorgeschichte: Ein romantisches Bedürfnis: Dieses Kapitel erläutert, wie das Nibelungenlied seit dem 18. Jahrhundert zum Nationalmythos stilisiert wurde, um eine Identität und eine einheitliche Nation zu begründen.
2.2 Methode 1: Instrumentalisieren und Kombinieren unterschiedlicher Quellen: Das Kapitel beschreibt, wie durch die Verknüpfung des Epos mit anderen Mythen eine rassistische Ideologie und die Vorstellung germanischer Abstammung untermauert wurden.
2.3 Methode 2: Akzentuieren und Tilgen separater Textpassagen: Hier wird aufgezeigt, wie Nazis und andere Akteure Teile des Textes bewusst instrumentalisierten oder ausblendeten, um Hagen oder Siegfried als ideologische Symbole zu nutzen.
3. Schluss: Das Fazit stellt fest, dass heutige populistische Rhetorik in der nationalsozialistischen Rezeptionsgeschichte wurzelt und weiterhin zur Legitimation von Gewalt instrumentalisiert wird.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Nationalsozialismus, politische Rhetorik, Identität, germanische Mythologie, Ideologie, Instrumentalisierung, Nationalismus, Rassenideologie, Rezeptionsgeschichte, Indoktrination, AfD, Siegfried, Hagen, Heldenmythos.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das mittelalterliche Nibelungenlied historisch instrumentalisiert wurde, um nationalistische und rassistische Ideologien zu stützen, und wie diese Mechanismen bis heute in der politischen Rhetorik fortwirken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes, die Entwicklung nationalistischer Mythen, die Ideologie des Nationalsozialismus und die Analyse aktueller politischer Sprache.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die kulturgeschichtliche Lüge hinter dem "1000-Jahre-Deutschland"-Mythos aufzudecken und die Methoden der Missbrauchsgeschichte des Epos transparent zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine literatur- und kulturwissenschaftliche Analyse sowie die Auswertung historischer Quellen, Reden und Tagebuchaufzeichnungen.
Was wird im Hauptteil detailliert behandelt?
Der Hauptteil analysiert zwei wesentliche Methoden der Vereinnahmung: die Kombination verschiedener Quellen zu einem konstruierten Mythos und die selektive Gewichtung bzw. Tilgung von Textstellen im Nibelungenlied.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Nibelungenlied, Instrumentalisierung, Nationalsozialismus, Indoktrination, germanische Mythen und politische Rhetorik.
Wie beziehen sich moderne Akteure auf dieses historische Erbe?
Die Arbeit zeigt, dass Politiker wie Höcke oder Gauland rhetorische Parallelen nutzen, die an die NS-Ideologie anknüpfen, indem sie beispielsweise Begriffe wie "tausendjähriges Reich" oder eine biologisch begründete Volksgemeinschaft verwenden.
Warum wird Siegfried im Nationalsozialismus anders betrachtet als Hagen?
Siegfried wurde oft als idealisierter Held der Nation inszeniert, während die Rolle Hagens je nach politischem Bedarf variiert wurde – entweder als Verräter oder als loyaler, heroischer Kämpfer, je nachdem, welcher Teil des Epos gerade akzentuiert wurde.
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- Anonym (Autor:in), 2020, Der Missbrauch des Nibelungenliedes im deutschen Nationalsozialismus und dessen gegenwärtige Konsequenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/957916