Die Serie "Doctor Who" als Konglomerat aus Science-Fiction und Fantasy. Der Diskurs über die Einzigartigkeit von verschiedenen Genres und Mischformen


Hausarbeit, 2020

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkungen

2. Der Begriff Genre und dessen Hybridisierung
2.1 Science-Fiction als Genre
2.2 Phantastische Literatur und Fantasy

3. Verschmelzung der Genres und ihre Hybridisierung

4. Indikatoren für eine Verschmelzung verschiedener Genres in der Serie Doctor Who
4.1 Der Doktor und seine Begleiter
4.2 Gegenstände und Geräte

5. Schlussbetrachtungen

Bibliographie

1. Vorbemerkungen

Die vorliegende Hausarbeit umfasst die Analyse und Bewertung der BBC Kinder- und Jugendfernsehserie Doctor Who. Das Ziel dieser Analyse ist es, den Kontext der Fernsehserie mit dem Sciencefiction Genre und dem Fantasy Genre zu vergleichen und anschließend abzuwägen, ob und inwiefern sich Doctor Who in eines der beiden Genres einordnen lässt. Literatur und Television sind stetig auf der Suche nach neuen Kreationen und Darstellungen, die es vorher noch nicht gab. Zeitgenössische Literatur, sowie Film und Fernsehen streben nach etwas Neuem, um ihren Rezipienten kontinuierlich etwas bieten zu können, was zuvor noch nicht da gewesen ist.

Jedes neue Buch und Serienmanuskript setzt die Anforderungen ein Stück weit höher. Wie ist es jedoch für Autoren und Regisseure möglich Etwas zu erschaffen, was davor noch nie da gewesen ist? Eine Option, die in der zeitgenössischen Mediengesellschaft gerne angewandt wird, ist es, etwas Altes mit etwas Neuem zu verbinden. Mithilfe dieser Kombination aus Alt und Neu wird ein klassisches Genre wie der Abenteuerfilm, zum Beispiel bei Steven Spielbergs Jurassic Park, mit dem Sciencefiction Genre kombiniert und wurde weltweit zum Erfolgsfilm. Die Verschmelzung verschiedener Genres lässt die Frage offen, ob es demnach überhaupt noch eine Grenze gibt. Aufgrund der beliebigen Vermischung von gängigen Genres mit neuartigen Stilrichtungen ist es heutzutage beinahe unmöglich ein einheitliches totalitäres Genre festlegen zu können.

Die Poetik des Aristoteles bietet die Grundlage für unser heutiges dreigeteiltes Gattungssystem. Ebenso Johann Wolfgang von Goethe greift auf diese klassische aristotelische Einteilung zurück. Goethes Gattungstheorie gibt vor, dass nur drei Naturformen der Poesie existieren: Epos, Lyrik und Drama (vgl. Sengle 1). Bereits in früheren Zeiten hatten Genres keine einheitlich festgelegten Kriterien, so wie es auch heute immer noch der Fall ist. „Gattungen haben nicht zuletzt auch keine festen oder eigentlichen Namen“ (Zymner 4). Dadurch wird es immer schwerer und komplexer ein literarisches oder filmisches Produkt einer einzigen Gattung zuzuordnen. „Generell verfestigt sich dabei die Auffassung, dass dichterische oder literarische Gattungen am besten als historisch-sozial relative Normen der Kommunikation aufzufassen sind, man könnte auch von Kategorisierungen als Zuschreibungen oder Zuweisungen von Sinn sprechen“ (Zymner 3).

Die Bestimmung der Gattung eines Werkes unterliegt natürlichen und kulturellen Konditionen, außerdem ist diese von der jeweiligen Kultur und Historie abhängig (vgl. 3). Eine Gattungszuschreibung hat „also schon allein aus wahrnehmungspsychologischen Gründen keine scharfe, sondern eine prinzipiell schwankende Gestalt“ (3). Die Bestimmung einer Gattung steht in Abhängigkeit zu gegebenen Alltags- und Literaturtheorien, ebenso ist eine Gattungsbestimmung durch Paradigmen, Interessen und Nutzen bedingt (vgl. 4). Daher kann eine Gattung als Reaktion beziehungsweise Erwiderung auf gesellschaftliche Interessen und Probleme und soziale Bedürfnisse betrachtet werden. Sobald eine existierende Gattung nicht mehr das Potential hat, den gesellschaftliche Anliegen gewachsen zu sein, ist es notwendig, neue Genres oder Subgattungen zu kreieren, welche den Ansprüchen der Gesellschaft entsprechen.

Diese Analyse geht von der Annahme aus, dass sich erst durch Modifikation und Adaption eine Symbiose aus neuen Genres entwickeln und entfalten kann. Begrifflichkeiten wie Genre und Gattung sind meiner Auffassung nach vielschichtig und komplex, man kann sich ihnen nicht mit einem bestimmten Ansatz annähern, man vermag sie nicht auf ein minimiertes Textbild zu reduzieren, mithilfe welches anschließend ausnahmslos alles erläutert wird – daran festzuhalten grenzt an Naivität. Anmerkend gilt hierbei noch zu erwähnen, dass man sich von vorliegender Analyse keine gänzlich abgeschlossenen Antworten auf gestellte Fragen erhoffen darf, welche in diesem Bezug in Erscheinung treten. Dadurch eröffnet man der Komplexität nicht den Raum, den sie benötigt und verdient. Durch die Tatsache, dass die Schlüsselworte Genre und Gattung schwer greifbare Konstrukte sind, enthüllt dies unbegrenzte Möglichkeiten einer kaleidoskopischen facettenreichen Perspektive auf den jeweiligen Ausdruck.

Auf der Grundlage von modernen und postmodernen Ansätzen offenbart diese Arbeit einen groben Einblick zur Thematik der Gattungsverschmelzung. Auf eine spezifische Definition der Termini Genre und Gattung kann im Rahmen dieser Hausarbeit nur am Rande eingegangen werden, die folgenden Definitionsversuche dienen zur Vollständigkeit und Nachvollziehbarkeit dieser Untersuchung. Besonderes Augenmerk gilt in meiner Hausarbeit der Fragestellung, ob und inwiefern die Klassifizierung einer Gattung in der gegenwärtigen Zeit überhaupt noch erreichbar und ausführbar ist, obgleich sich Gattungen und Genres stetig weiter entfalten und fast schon willkürlich miteinander verschmelzen.

Die Struktur dieser Abhandlung gliedert sich in zwei Bestandteile: der erste Teil widmet sich der Begriffsklärung des Terminus Genre, welcher eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die anschließende Analyse von der BBC Fernsehserie Doctor Who hat. Der theoretische Part beinhaltet somit zuallererst den Versuch einer Determination der Begrifflichkeiten Genre beziehungsweise Gattung, hierbei unterstützend wirkt vor allem das Handbuch Populäre Kultur von Eggo Müller. Darauf aufbauend umfassen die beiden darauffolgenden Kapitel die terminologische Klärung des Science-Fiction und Fantasy Genres, um anschließend auf dieser Basis anhand der Serie Doctor Who anschauliche Beispiele und Anhaltspunkte für Verschmelzungen von verschiedenen Genres darzulegen. Anhand der in Kapitel drei und vier herausgestellten Merkmale des Genres wird diese Hausarbeit die Serie Doctor Who untersuchen und auf theoretischer Grundlage analysieren, in welchem Maße die Serie dem Genre Science-Fiction als zugehörig auszuweisen ist. An dieser Stelle ist noch anzumerken, dass bei dieser Hypothese und ihrer Klärung viele subjektive und affektiv beeinflusste Ansichten bestehen. Diese Hausarbeit dient als Versuch, die Fragestellung mithilfe analytischer Methoden zu beantworten. Die Tatsache, dass sowohl das Science-Fiction als auch Fantasy Genre zur Populärkultur zählen, begründet auch die beträchtlichen Internetquellen in dieser Hausarbeit. Innerhalb der letzten Jahrzehnte wird Science Fiction und Fantasy Literatur durch das Medium des World Wide Web exponentiell steigend publiziert und diskutiert. Im Internet existiert ein breites Spektrum an Diskussionsforen, in welchen sich Interessierte und Fans über das Genre informieren und austauschen.

2. Der Begriff Genre und dessen Hybridisierung

Anschließende Zeilen helfen zur Klärung des Terminus Genre; etymologisch kommen die Vorläufer des Wortes Genre aus dem Französischen für „Gattung“ oder „Art“, dies geht zurück auf den indogermanischen Wortstamm gen -: für „gebären“ beziehungsweise „erzeugen“, der lateinische Wortstamm gi-gne-re bedeutet soviel wie „hervorbringen“, ebenso steht im Griechischen gi-gne-sthai für „entstehen“ (vgl. Müller 212). Der Begriff des Genres bedeutet demnach aus etymologischer Perspektive in erster Linie etwas zu erschaffen oder anzufertigen, also etwas aus sich selbst heraus hervorzubringen und zu gestalten. Wie genau sich der Begriff des Genres beschreiben lässt, verdeutlicht folgender Absatz:

Genre […] bezeichnet in der populären Kultur Gruppen von Artefakten mit relativ ähnlichen Merkmalen, die im kulturellen Bewußtsein wie eine Familie als von gleicher Art, Gattung oder Abstammung betrachtet werden. […] Während Genres für Rezipienten spezifische Erwartungen und Erlebnisversprechen generieren, sind Genrekonzepte für Produzenten Muster, die als Vorbild und Leitfaden im kreativen Prozeß fungieren (Müller 212, 213).

Zum einen ergibt sich aus dem Vorhergehenden, dass keine einheitliche Bestimmung für die Begrifflichkeiten Genre und Gattung existiert, zum anderen beinhaltet dieser Versuch einer Definition einige spannende Anhaltspunkte Beim Zuschauer oder Leser wird aufgrund des Genres eine bestimmte Erwartungshaltung bewirkt, von vornherein entwickelt somit der Rezipient unweigerlich aufgrund der Gattung eine Erwartung an das filmische oder literarische Werk. Manche Genres lassen sich somit auf den ersten Blick erkennen; heutzutage verknüpfen wir Action Filme mit inszenierten Kampfszenen, Stunts, Schusswechseln, spannenden Verfolgungsjagden und quietschenden Reifen. Ein Western Film identifiziert sich zum größten Teil durch den Handlungsort Amerika im 19. bis 20. Jahrhundert. Ein Western impliziert in den meisten Fällen Schießereien, Rachefeldzüge, Freiheitsgedanken, Selbstjustiz und die Thematik von Gesetz und Ordnung.

Filme, Serien, sowie auch literarische Texte, welche dem Science-Fiction Genre zugeordnet werden können, sind nicht so deutlich zu bestimmen und erweisen sich als weitaus schwerer greifbar als klassische Genres. Der semantische Raum der Handlung erstreckt sich von den Weiten des Universums bis hin zum alltäglichen Leben auf unserer Erde. Die Zeit kann sich in der Vergangenheit, Gegenwart oder auch fernen Zukunft erstrecken. Für das Science-Fiction Genre existieren zwar gewisse Stereotypen und kennzeichnende Hinweise, allerdings sind diese Motive kein Muss für ein SF Werk und dienen lediglich als Anhaltspunkte. Jeder dieser einzelner Faktoren trägt seinen Teil dazu bei, die eindeutige Einordnung des Genres Science-Fiction als komplex und vielschichtig zu gestalten.

Als „das Kino als Teil einer festgefügten Freizeitkultur die […] dominante Position einnimmt, führt [dies] zur Blüte des 'klassischen' Hollywood Genres wie z.B. dem Western, dem Musical, der Komödie, dem Krimi oder dem Melodrama“ (Müller 213). Interessant ist hierbei, dass das an Genre orientierte Klassifizierungssystem rege Kritik erntete, da „die – so der Vorwurf – die Massen im stereotypen Wiederholen des immer Gleichen in jeweils neuem Gewand an das Bestehende binde“ (213). Dies impliziert, dass sich bereits damals die Produktionsfirmen und Studios anhand der klassischen Genres orientiert haben. „Vor allem das durch und durch genredominierte Fernsehen […] setzt seit den 1980er Jahren […] vielfach auf neue Mischformen, durch die das gewachsene kulturelle Ordnungssystem der Genres dynamisiert wird“ (213). Mischformen, oder anders formuliert Hybride, scheinen innerhalb der Medienbranche in den letzten Jahrzehnten stetig an Beliebtheit zu gewinnen. Die folgenden Zeilen untersuchen den Begriff des Hybridgenres und ob dieser zu neuen und interessanten Ansätzen verhelfen kann oder ob eine Vermischung verschiedener Genres eine eindeutige Zugehörigkeit unmöglich werden lässt.

Im Lexikon der Filmbegriffe wird das Hybridgenre wie folgt beschrieben: „Mischgenre, das Elemente von mindestens zwei Genreformen mischt und amalgamiert […]. Hybridisierung ist eines der wichtigsten Entwicklungsprinzipien, das die Formenentwicklung der Genres antreibt“ (Zu Hüningen). Diese Analyse geht von der Annahme aus, dass sich neue Genres durch Verschmelzung und Transformierung bilden. Durch die Hybridisierung kann sich die Entwicklung des Genre Begriffs entfalten und weiter ausbauen, dies lässt ein breites Spektrum an Kombinationsmöglichkeiten zu. Theoretisch setzt sich ein neues Genre aus der Transformation eines oder mehrerer alten Genres zusammen. Wie genau diese Hybridisierung vonstatten geht, verdeutlicht folgender Absatz:

Die entstehenden Mischformen oder „Hybridgenres“ wie „Infotainment“, „Quality Soap“ oder „Reality Show“ überschreiten die Grenzen zwischen Information und Unterhaltung, Fakt und Fiktion, hoher und niederer Kultur- Grenzen, die im Orientierungssystem des kulturellen Diskurses lange als unantastbar galten (Müller 213).

Seinen Ursprung findet der Begriff Hybridisierung in der Biologie und Chemie, inzwischen hat sich der Begriff weitestgehend auch in den Geistes- und Kulturwissenschaften und in den Medienwissenschaft etabliert (vgl. Mundhenke 39, 2017). Die Gestalt eines Hybrides impliziert „[d]ie Verbindung zweier Typen aus zuvor getrennten Gattungen oder Ordnungssystemen zu etwas Neuem“ (39). In der heutigen Zeit treten ursprünglich getrennte Bereiche häufig in kombinierter Gestalt auf. So auch bei dem französischen Literaturwissenschaftler Gérard Genette, welcher sich in seinem Werk Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches mit der Beziehung zwischen Genre und Rezipient auseinandersetzt. In seinen Schriften befasst sich Genette mit dem „Beiwerk des Buches“, damit meint er Textteile, die in Verbindung zum Text auftreten, aber nicht zum eigentlichen Text gehören. Paratexte sind demnach Randtexte in einem literarischen Werk – Titel, Genre, Vorwort und mehr. Diese Paratexte umhüllen den eigentlichen Text und nehmen Einfluss auf den Rezipienten und seine Erwartungen an das Werk. Aus metaphorischer Sicht ist der Paratext ein Verhandlungsort am Rande des eigentlichen Textes, eine Art Treffpunkt, an dem sich Autor und Herausgeber auf der einen Seite und der Leser auf der anderen Seite zusammenschließen, um einen Vertrag darüber abzuschließen, wie der Text gelesen und klassifiziert werden soll. „In hermeneutischer Perspektive erscheint die Gattungswahl als vom Autor intendierte und insofern als Teil einer Aussage, die sich als Werkbedeutung konkretisiert“ (Baßler 47).

Im Handbuch Gattungstheorie wird von Harald Fricke beschrieben, dass Gattungen von Menschen kreiert wurden, mit der Absicht eine Einteilung in verschiedene Kategorien zu erzielen. Gleichzeitig kommt er zu folgender Feststellung: „Gattungen existieren nur durch Begriffe, die wir uns davon bilden“ (Fricke 7). Fricke bezeichnet die Bestimmung von Gattungen als eine Rationale Rekonstruktion von früheren Gebrauchsweisen, welche verhältnismäßig ungenau sind (vgl. Fricke 7).

Der britische Semiotiker Daniel Chandler gibt in seinem Buch An Introduction To Genre Theory 1 an, „dass wir zwar für unzählige Genre in vielen Medien Namen haben, es aber darüber hinaus auch viele Genres (und Sub-Genres) gibt, für die wir keine Namen haben (Chandler 1). Des Weiteren existieren erhebliche Differenzen, sofern es sich um die Definition eines bestimmten Genres handelt (vgl. Chandler 2), er beschreibt sogar die Definition eines Genres als „Minenfeld der Theorie“ (2). Die Entstehung literarischer Gattungen scheint ein komplexer Prozess zu sein, in welchem sich das neue Genre aus bestehenden Motiven heraus entwickelt. Zum Abschluss dieses Kapitels ist auch Chandlers Anmerkung hinsichtlich der Differenzierung und Klassifizierung verschiedener Genres wissenswert:

Es ist schwer, zwischen einigen Genres klare Unterschiede zu bestimmen: Genres überlappen sich, und es gibt „gemischte Genres“ [...] Bestimmte Genres sind intuitiv erst mal leicht zu bestimmen, aber schwerer (wenn nicht unmöglich) zu definieren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1 Science-Fiction als Genre

Der Fokus dieses Kapitels konzentriert sich darauf, einige auserwählter Perspektiven des Genres Science-Fiction in die Form eines Dialogs zu bringen, ohne die Vielfalt und den Facettenreichtum des Genres durch eine einheitliche Imagination oder Bedeutung einzugrenzen. Ziel dieser Arbeit soll ein grenzen überschreitendes Denken sein, um einer Einengung des Science-Fiction Genres entgegenzuwirken. Diesem besonderem Genre muss die Freiheit und Offenheit zugesprochen werden, die es benötigt, um sich frei entfalten und entwickeln zu können. Science-Fiction als Genre soll in nachstehenden Zeilen exemplarisch dargestellt werden, dies ist besonders für den weiteren Verlauf dieser Analyse entscheidend. Im später folgenden Zusammenhang mit der Fernsehserie Doctor Who bildet vorliegendes Kapitel das Fundament meiner Überlegungen.

„Was unter Science-Fiction zu verstehen ist und welche Werke diesem Genre zuzuordnen sind, darüber herrscht in der Literaturwissenschaft Uneinigkeit“ (Schlobinski; Siebold 7). Science-Fiction als Begriff findet seinen historischen Ursprung, laut Aussage mancher Schriftsteller, in der Antike beziehungsweise im ersten Jahrhundert, zum Beispiel bei Euripides oder Cicero. Andere Autoren sind der Ansicht, das Werk Frankenstein von Mary Shelley gilt als der erste moderne Science-Fiction Roman, wieder andere schlugen die fiktiven Texte von Edgar Allan Poe in den 1830er bis 1840er Jahren vor. Ebenso die genau Definition des Genres löste ähnliche Diskussionen aus (vgl. Bould xix).

Die literarische Ahnenforschung konzentrierte sich zu Beginn auf die Ursprünge typischer SF-Motive, etwa die Mondreise. So wurden unter anderem Cyrano de Bergerac mit seiner Histoire comique, par Monsieur de Cyrano Begerac, contenant les états et empires de la lune (1657), Francis Godwin mit The Man in the Moone von 1638 und Johannes Kepler, der in Somnium (1634) ebenfalls eine Reise zum Mond beschreibt, [...] zu Stammvätern ernannt (Spiegel 71).

Ursprünglich ist Science-Fiction ein literarisches Genre des 19. Jahrhunderts, das im 20 Jahrhundert im Film, Fernsehen oder Computerspielen ein Eigenleben entwickelt und nicht selten zu Meinungsverschiedenheiten führt; die Darstellung von etwas Fremden kann beim Rezipienten Wohlwollen, Skepsis, Faszination oder Entsetzen hervorrufen. Der Zuschauer lässt sich auf im Prinzip nicht betretbare Schauplätze ein und taucht in eine völlig andere Zeit ein: die Zukunft, welche mithilfe neuster Technologie und Wissenschaft im Bereich des Möglichen erscheint (vgl. Koebner 9).

Die Bezeichnung Science-Fiction stellt eine Wortkreuzung aus zwei Begriffen dar: Science und Fiction. Der Terminus Science steht für die Wissenschaft und Fiction kommt aus dem lateinischen Wort fictio für Einbildung oder Annahme (vgl. Schlobinski; Siebold 7). Wissenschaft geht mit Forschung, Lehre, Technik und Fortschritt Hand in Hand und verschmilzt mit den narrativen Instanzen von Literatur und audiovisuellen Medien. Wissenschaftliche Themengebiete werden mit fiktiven Inhalten verknüpft, die oft auf einer Umgebung basieren, die nicht den herkömmlichen Gegebenheiten unserer Wirklichkeit entspricht.

Im Jahr 1818 veröffentliche Mary Shelley ihren fiktiven Roman Frankenstein. Zu dieser Zeit gab es Begriffe wie Science-Fiction noch nicht, dennoch ist Shelleys Werk in der SF Welt angesiedelt und dessen Einfluss auf die Science-Fiction kaum zu bestreiten (vgl. Spiegel 75, 76). Dieses Werk sollte aber seine Leser nicht nur in Angst und Schrecken versetzen, dies sei zwar gern gesehen, trotzdem basiert die Authentizität Frankensteins auf der Ablehnung der übernatürlichen Ebene. Shelley verfolgte die Intention, ihre Leserschaft lieber durch die Kombination aus natürlichen Vorkommnissen und Wissenschaft ins Schaudern zu bringen (vgl. Alkon 2). Victor Frankenstein schafft seine Kreatur nicht mithilfe von Magie, sondern mit Anwendung von Wissenschaft.

Ebenso weitere Autoren suchten nach neuen Wegen wissenschaftliche Themengebiete in ihre Werke mit einfließen zu lassen, um ohne den Gebrauch von Übernatürlichem etwas Neues und Erhabenes zu schaffen. Ein Beispiel: „Edgar Allan Poe verknüpft in seinen Erzählungen die Tradition des englischen Schauerromans mit präzisen Beschreibungen und einer naturwissenschaftlich-rationalistischen Rhetorik“ (Spiegel 74). Eine der ersten Definitionen des Science-Fiction Begriffs erschuf William Wilson erstmals im Jahr 1851, der Schriftsteller forderte mit diesem Begriff eine „poetry of science'“ (vgl. Spiegel 74). Science-Fiction war für Wilson eine Art der Literatur. Fast hundert Jahre später tritt der erste SF Film in den 1950er Jahren in Erscheinung (vgl. Spiegel 78).

Science Fiction ist ein breit gefächerter Begriff, welchen man immer wieder versucht in wichtige Motive einzukategorisieren. Folgende Motive kristallisieren sich hierbei heraus: Erstens: geschichtlich abweichende Herrschaft oder Modell-Gesellschaft, welche einen düsteren Ausblick der Zukunft propagieren. Zweitens: Begegnung mit nicht irdischen Lebewesen. Drittens: künstliche Menschen. Viertens: Apokalypse und das Leben danach. Fünftens: Expeditionen ins All und zu fernen Sternen und Wesen. Sechstens: Reisen durch die Zeit, Rettungsaktionen zukünftiger Helden, die in der Zeit zurückreisen, um die verhängnisvolle Geschichte zu verändern (vgl. Koebner 9, 10). Ebenso beinhalten viele Science-Fiction Werke das Motiv Mensch gegen Wissenschaft. Oftmals treffen hierbei menschliche affektive Charakterzüge wie Empathie, Höflichkeit oder Mut auf wissenschaftliche und technologische Themengebiete. Menschliche Figuren stehen hierbei häufig für humanoide Gefühle und Emotionen, während außerirdische Lebensformen oder Roboter Technologie, Intelligenz, Progression und Logik repräsentieren. Logisches gegen emotionales Denken ist auch zentrales Motiv im Star Trek Universum. Kirk symbolisiert die dynamische Heldenfigur voller Tatendrang, während Spock rational, besonnen und vernünftig agiert. Dieser Zwiespalt ist sogar bei Spock selbst zu beobachten, da dieser eine vulkanische und menschliche Seite innehält, welche miteinander im Konflikt stehen. Ein weiteres Schlüsselelement des Science-Fiction Genres stellen Reisen durch Raum und Zeit dar.

Zeitreisen faszinieren uns, weil wir Gefangene der Zeit sind. Wir können nicht wie bei den Dimensionen des Raumes halbwegs frei entscheiden, in welcher Weise wir uns in welche Richtung bewegen wollen (Brooks 96).

Im Jahr „1985 erschien der Science-Fiction Klassiker Die Zeitmaschine von H.G.Wells, die erste literarische Beschreibung einer mit einer Maschine geplanten und durchgeführten Zeitreise in die Zukunft“ (Schlobinski; Siebold 21). Mit diesem Roman trat neben dem gängigen Science-Fiction Genre ebenso die Rubrik Reisen durch Raum und Zeit ins Erscheinungsfeld. Eine Zeitmaschine dient als Fortbewegungsmittel für Zeitreisen, Wells' Darstellung einer Zeitmaschine stellt die erste literarische Deskription einer Zukunftsreise mithilfe einer Maschine dar. Wells ist gleichzeitig der erste Schriftsteller, welcher Zeitreisen im Kontext des Maschinenzeitalters betrachtete und mittels einer technischen Gerätschaft möglich werden ließ (vgl. Schlobinski; Siebold 29, 30). „Interessanterweise ließ H. G. Wells seinen Protagonisten nur die Zukunft besuchen. Inzwischen wissen wir, dass die Gesetze der Physik Zeitreisen rückwärts genauso erlauben wie vorwärts“ (Brooks 95).

Dies impliziert, dass unter anderem der Prozess einer erdenkbaren Zeitreise und damit dessen Aufbau und Funktionsweise anhand der Reise einer Figur erläutert wird. Die ursprüngliche Handlung über den Prozess einer möglichen Zeitreise wird durch die Narration eines Protagonisten abgelöst. Oftmals ersetzt die Erzählung dieser Figur die eigentliche Handlung von Zeitreisen. Hierbei muss der Hauptcharakter meist zu einem bestimmten Zeitpunkt reisen, um diesen zu beeinflussen oder zu verändern. Daher ist es wenig überraschend, dass man in der heutigen Medienkultur ebenso außerhalb des Science-Fiction Genres auf die Darstellung und Beschreibung von Zeitreisen trifft.

Zur Verdeutlichung hier einige ausgewählte Beispiele: In dem Westernfilm Cowboys vs. Aliens wacht Jake Lonergan im Jahr 1873 ohne Gedächtniserinnerung in einer kleinen Stadt namens „Absolution“ auf, im weiteren Handlungsverlauf treten schlagartig außerirdische Flugobjekte am Horizont in Erscheinung und greifen die Stadt an. Dieser Film kombiniert außerdem den Wilden Westen als klassisches Genre mit Science-Fiction Elementen. In dem Thriller The Butterfly Effect aus dem Jahre 2004 erinnert sich der Protagonist Evan nur noch bruchstückhaft an seine Kindheit und Jugendzeit. Auf den Rat seines Therapeuten beginnt er Tagebuch zu schreiben und merkt, dass er mithilfe seiner Tagebücher in die Vergangenheit reisen kann. Allerdings scheint jede seiner Zeitreisen die Gegenwartslage noch drastisch zu verschlimmern. Der Filmtitel nimmt Bezug auf den wissenschaftlichen Ausdruck des Schmetterlingseffekts. Hintergrund dieses Effekts ist folgender: „Manche Phänomene sind derart komplex, daß sogar winzigste Einflüsse enorme, unvorhersagbare Konsequenzen haben können“ (Inaudi 41). The Butterfly Effect beinhaltet einen präsenten Spannungsbogen, während der Rezipient gleichzeitig einen tiefgreifenden Einblick auf die missliche Situation des Protagonisten erhält. Diese Charakteristika sind kennzeichnend für das Genre des Thrillers (vgl. Zywietz 414). Im genannten Film treffen die Spannung und der Nervenkitzel des Thrillers auf mehrere verhängnisvolle und folgenschwere Zeitreisen.

[...]


1 Hier zitiert aus der deutschen Fassung Eine Einführung in die Genre Theorie von Alexander Müller.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Serie "Doctor Who" als Konglomerat aus Science-Fiction und Fantasy. Der Diskurs über die Einzigartigkeit von verschiedenen Genres und Mischformen
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Science Fiction in Literature and TV
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
25
Katalognummer
V958028
ISBN (eBook)
9783346299550
ISBN (Buch)
9783346299567
Sprache
Deutsch
Schlagworte
serie, doctor, konglomerat, science-fiction, fantasy, diskurs, einzigartigkeit, genres, mischformen
Arbeit zitieren
Janis Alina Hindelang (Autor), 2020, Die Serie "Doctor Who" als Konglomerat aus Science-Fiction und Fantasy. Der Diskurs über die Einzigartigkeit von verschiedenen Genres und Mischformen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/958028

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Serie "Doctor Who" als Konglomerat aus Science-Fiction und Fantasy. Der Diskurs über die Einzigartigkeit von verschiedenen Genres und Mischformen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden