In dieser Arbeit wird das von China an Deutschland verpachtete Gebiet "Kiautschou" genauer untersucht. Der Fokus liegt dabei auf der Frage, ob es sich eher um eine Musterkolonie oder eine Gewalteskalation handelt.
Ausgehend von der Analyse des Handbuchs für das Schutzgebiet Kiautschou, in dem alle geltenden Verordnungen aufgeführt sind, sowie einiger überlieferter Schreiben geht diese Arbeit der Fragestellung nach, in welchem Maß das Konzept der deutschen ‚Musterkolonie‘ in China die Wahrnehmung kolonialer Gewalt beeinflusste.
Dabei wird zuerst auf den historischen Kontext eingegangen, um die Rahmenbedingungen, sprich das imperialistische Interesse der westlichen Mächte in China sowie das deutsche Vorgehen bei der Erlangung ihrer Musterkolonie, zu umreißen. Anschließend sollen wesentliche Aspekte des Handbuchs für das Schutzgebiet Kiautschou hinsichtlich der Gewaltanwendung und dessen Zweck in der ‚Musterkolonie‘ analysiert werden, bevor die Realität der kolonialen Gewalt anhand überlieferter Telegramme zwischen chinesischen Beamten und der militärischen Führung im ‚Marine-Hauptsitz‘ Qingdao dargestellt wird.
Die aus der Gegenüberstellung dieser Perspektiven gewonnenen Erkenntnisse sollen schließlich Auskunft darüber geben, inwiefern das Ziel, in Kiautschou eine ‚Musterkolonie‘ zu errichten, die Wahrnehmung kolonialer Gewalt beeinflusste. Aufgrund der Komplexität der dieser Arbeit zu Grunde liegenden Thematik und des umfangreichen Literatur- und Quellenbestandes liegt der Fokus der Untersuchung auf den Anfangsjahren bis 1900, in denen das Konzept der ‚Musterkolonie‘ entstanden ist. Des Weiteren eigenen sich die ausgewählten Quellen gut für eine derartige Untersuchung, da mit dem Handbuch eine Art Überblick über die Marine-Akten, die die „Hauptquelle zur jüngsten deutschen Militärgeschichte“ sind, während die erhaltenen Telegramme den Gegenpol zu der deutschen Herrschaftsperspektive bilden. Auf diese Weise soll mit den einseitig tradierten Bildern einer ‚Musterkolonie‘ aus deutscher Sicht und eines „imperialistischen Aggressionsaktes“ aus chinesischer Perspektive gebrochen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. China im Zeitalter des Imperialismus
2.1 China als Beuteobjekt fremder Staaten
2.2 Das deutsche Pachtgebiet Kiautschou
3. Koloniale Gewalt in Kiautschou
4. Fazit - Zwischen ‚Musterkolonie‘ und Gewalt
5. Quellen- und Literaturverzeichnis
5.1 Quellen
5.2 Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, in welchem Maße das Konzept der deutschen „Musterkolonie“ Kiautschou dazu diente, koloniale Gewaltanwendungen im Kontext der imperialistischen Expansion in China zu verharmlosen oder aus der historischen Wahrnehmung auszublenden.
- Historischer Kontext des Imperialismus in China
- Analyse des Handbuchs für das Schutzgebiet Kiautschou als Propagandainstrument
- Gegenüberstellung deutscher und chinesischer Perspektiven auf Gewalt
- Untersuchung militärischer Strafexpeditionen im Hinterland
- Die Diskrepanz zwischen Selbstbild als „Musterkolonie“ und kolonialer Realität
Auszug aus dem Buch
2. China im Zeitalter des Imperialismus
Obwohl China unter der Qing-Dynastie während des 18. Jahrhunderts eine Blütezeit erlebte, während der das Reich durch eine gut funktionierende staatliche Organisation sowie einen wirtschaftlichen Aufschwung und Prosperität expandieren konnte und mit zahlreichen tributpflichtigen Gebieten die größte Ausdehnung seiner Geschichte erreichte, wurde es im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem „der Objekte des Imperialismus“. Denn im Gegensatz zu den bisherigen überseeischen Kolonien der Westmächte, die als Siedlungskolonien das Ziel einer auf formeller Herrschaft basierenden wirtschaftlichen Ausbeutung verfolgten, bot das bevölkerungsreichste aber noch nicht modernisierte Land den europäischen Großmächten ein lukrative Möglichkeit: Wie China im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem von den westlichen Mächten kontrollierten Absatzmarkt ihres Freihandelsimperialismus verwandelt und schließlich zwischen Europa und Japan ‚aufgeteilt‘ worden ist, soll im Folgenden umrissen werden.
Innere Unruhen wie zum Beispiel ökologische Krisen, Aufstände, aber auch Korruption erschütterten die Qing-Dynastie bereits um 1800; die wirtschaftlichen Probleme wurden jedoch vor allem durch das Eingreifen europäischer Mächte, insbesondere Großbritannien, in das Handelssystems Chinas hervorgerufen und mündeten letztendlich in kriegerischen Konflikten: China sah sich aus sinozentrischer Überzeugung als das „Reich der Mitte“ und akzeptierte die Europäer bis ins 19. Jahrhundert lediglich als „Barbaren“, mit denen man seit dem 16. Jahrhundert daher mittels des sogenannten ‚Kanton-Systems‘ Handel trieb, aber keine diplomatischen Kontakte pflegte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, inwiefern der Begriff der „Musterkolonie“ Kiautschou die Wahrnehmung kolonialer Gewalt in China beeinflusste.
2. China im Zeitalter des Imperialismus: Dieses Kapitel erläutert den historischen Kontext und Chinas Transformation zu einem Objekt des europäischen Imperialismus sowie die Hintergründe der deutschen Pachtgebietnahme.
2.1 China als Beuteobjekt fremder Staaten: Es wird die wirtschaftliche und politische Unterwerfung Chinas durch die Opiumkriege und „ungleiche Verträge“ beschrieben.
2.2 Das deutsche Pachtgebiet Kiautschou: Die Besetzung Qingdaos durch deutsche Truppen wird als machtpolitische Maßnahme im Rahmen der deutschen „Weltpolitik“ dargestellt.
3. Koloniale Gewalt in Kiautschou: Das Kapitel analysiert die tägliche Gewalt in der Kolonie und die massiven militärischen Strafexpeditionen gegen die chinesische Bevölkerung im Hinterland.
4. Fazit - Zwischen ‚Musterkolonie‘ und Gewalt: Die Arbeit schließt mit dem Ergebnis, dass das Konzept der „Musterkolonie“ primär als propagandistisches Mittel diente, um koloniale Gewalt zu legitimieren und zu relativieren.
5. Quellen- und Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primärquellen und der wissenschaftlichen Sekundärliteratur.
5.1 Quellen: Verzeichnis der historischen Dokumente und Handbücher.
5.2 Sekundärliteratur: Verzeichnis der Fachliteratur zur kolonialen Geschichte Chinas.
Schlüsselwörter
Musterkolonie, Kiautschou, Imperialismus, Kolonialgeschichte, China, Gewaltanwendung, Strafexpedition, Qingdao, Weltpolitik, Schutzgebiet, Boxerkrieg, Missionsgeschichte, Informelle Herrschaft, Handelsinteressen, Pachtvertrag.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich kritisch mit dem deutschen Kolonialprojekt in Kiautschou (Qingdao) und hinterfragt den historischen Begriff der „Musterkolonie“ im Kontext der realen kolonialen Gewaltanwendung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die imperialistische Expansion in China, die Diskrepanz zwischen deutschen Selbstzügen als Zivilisationsbringer und der praktizierten militärischen Gewalt sowie die Rolle der historischen Berichterstattung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Untersuchung zielt darauf ab aufzuzeigen, wie das Konzept der „Musterkolonie“ bewusst dazu instrumentalisiert wurde, die gewaltsame Durchsetzung imperialistischer Wirtschafts- und Machtinteressen in China zu verschleiern.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Es erfolgt eine quellenkritische Analyse, basierend auf dem Handbuch für das Schutzgebiet Kiautschou sowie der Gegenüberstellung von offiziellen deutschen Akten und überlieferten chinesischen Telegrammen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert den historischen Kontext des Imperialismus, die Umstände der Besetzung Kiautschous sowie konkrete Fälle kolonialer Gewalt und Strafexpeditionen in Shandong.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Musterkolonie, Imperialismus, koloniale Gewalt, Kiautschou und Qingdao.
Warum wird im Buch das Handbuch für das Schutzgebiet Kiautschou so detailliert analysiert?
Das Handbuch dient als Beispiel für eine propagandistische Quelle, die administrative Modernisierung hervorhebt, während sie koloniale Übergriffe systematisch ausspart.
Wie unterscheidet sich die chinesische Perspektive laut dieser Analyse?
Die chinesische Perspektive, unter anderem durch Telegramme belegt, betont die Ungerechtigkeit der Pachtverträge und die Unverhältnismäßigkeit der militärischen Strafaktionen gegen die lokale Bevölkerung.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur „Musterkolonie“?
Die „Musterkolonie“ wird als ein aus machtpolitischer Schwäche geborener Propagandabegriff gewertet, der weder die Realität der gewaltsamen Unterwerfung noch den massiven Widerstand der einheimischen Bevölkerung korrekt widerspiegelt.
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- Philipp Scheerer (Author), 2017, Das deutsche Pachtgebiet Kiautschou. Zwischen "Musterkolonie" und Gewalteskalation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/958113