Kreative Arbeits- und Lerntechniken


Seminararbeit, 1999

27 Seiten, Note: 1,7


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1. Einleitung

In der heutigen Zeit werden Menschen mit den verschiedensten Problemen und Aufgaben konfrontiert. Die Palette reicht von einfachen, fast banalen Problemstellungen bis hin zu komplizierten, schwer zu lösenden, komplexen Problemen. Die Begriffe „Problem“, „Kreativität“ oder „Denken“ verwenden wir oft in unserem Sprachgebrauch ohne eine genaue Vorstellung von der wahren Bedeutung der Begriffe zu haben. Versucht man nun eine genauere Kennzeichnung der Begriffe, dann wird man sehr schnell feststellen, daß unser Wissen recht ungenau und unvollständig ist.1 Bei Denk-und Problemlöseprozessen handelt es sich um sehr vielschichtige (komplexe) geistige Abläufe. Denk- und Problemlöseprozesse sind nicht direkt beobachtbar, schwer zu erforschen und somit schwer festzustellen. Diese geistigen Prozesse können nicht beobachtet werden, weil sie im Individuum, quasi intern, ablaufen.

Die folgende Seminararbeit versucht die Zusammenhänge und Abläufe beim Lösen von Problemen und speziell komplexen Problemen darzustellen. Bei dieser Arbeit wird auf den Zusammenhang von Leistungsgüte in Intelligenztests und Leistungsgüte beim Lösen von komplexen Problemen eingegangen. Darüber hinaus wird dargestellt, wie Kreativität zur Lösung von komplexen Problemen beitragen kann und wie der kreative Prozeß der Problemlösung nach Phasen aufgeteilt abläuft. Hierbei wird speziell auf die Inkubationsphase eingegangen, in der unbewußte und nicht willentliche Reaktionen den Problemlöseprozeß unterstützen.

2. Lösen von Problemen

Probleme, welcher Art auch immer, lassen sich durch 3 Parameter bestimmen, ohne daß dadurch irgendeine Aussage über den Schwierigkeitsgrad getroffen wird.

Ganz allgemein kann man den Anfangszustand als IST-Zustand bezeichnen. Bei einer Problemstellung ist dieser Zustand im Regelfall gegeben und unbeeinflußbar. Am Ende der Problemlösung steht der SOLL-Zustand, also quasi das gelöste Problem. Anders formuliert könnte man sagen: „Ein Problem ist die Differenz zwischen einem Sollzustand und einem Istzustand. Wo diese Differenz fehlt, gibt es kein Problem. Wo sie sehr groß ist, gibt es ein sehr großes Problem.“2 Der Weg vom Anfangszustand (IST) zum Endzustand (SOLL) wird als Transformation bezeichnet. Die Lösung des Problems ist das Ergebnis des geistigen Handelns.3

Von einem Problem kann man also dann sprechen, wenn jemand auf eine gegebene Situation nicht sofort die passende Reaktion findet, d. h. nicht sofort weiß, was er tun soll.4

3. Lösen von komplexen Problemen

3.1. Die Studie Lohhausen

An dem Beispiel der Studie Lohhausen möchten wir darstellen, was unter einem komplexen Problem zu verstehen ist. Im Rahmen der Studie Lohhausen schlüpfen die Versuchspersonen in die Rolle des Bürgermeisters von Lohhausen und sollen für einen Zeitraum von 120 Monaten für das Wohlergehen der Stadt (= Zieldefinition) sorgen. Zu diesem Zweck können sie achtmal Maßnahmen ergreifen (z.B. Lohnerhöhung der Bediensteten der Stadt), die ihrer Meinung nach dazu geeignet sind, das Ziel des Wohlergehens der Stadt zu erreichen. Für jeden der acht Maßnahmenkataloge bestimmen die Probanden einen Zeitraum, so daß mit der letzten Maßnahme die 120 Monate abgedeckt sind.

Die auszuführenden Maßnahmen werden in einen Rechner eingegeben, der das System Lohhausen simuliert. Durch die Computersimulation werden die Auswirkungen der Entscheidungen der Versuchspersonen ermittelt.5 Zu Beginn der jeweils nächsten Sitzung werden den Versuchspersonen die Ergebnisse der vorherigen Sitzung mitgeteilt.6 Die Versuchspersonen erhalten u. a. folgende Instruktionen zum Untersuchungsablauf:

„Stellen Sie sich vor, Sie werden Bürgermeister von Lohhausen. Lohhausen ist eine kleine Stadt mit 3372 Einwohnern und liegt etwa 60 Kilometer von einer größeren Stadt entfernt. Aus dem Stadtplan ist ersichtlich, daß Lohhausen über einen Bahnhof verfügt. Außerdem ist Lohhausen noch durch 3 Buslinien mit der näheren Umgebung verbunden. Die wirtschaftliche Basis der Stadt bildet eine Uhrenfabrik. Darüber hinaus befinden sich in Lohhausen auch eine Bank, Gaststätten, Lebensmittelhändler, Textilwarenhändler und andere Geschäfte. Im Gegensatz zur Realität haben Sie nahezu diktatorische Vollmachten Ihr Amt auszuüben. Jede Maßnahme, die Sie beschließen wird durchgeführt. Hauptziel ist es, für das Wohlergehen der Stadt in der näheren und ferneren Zukunft zu sorgen. Welche Maßnahmen Sie dafür ergreifen unterliegt Ihrer Entscheidungsgewalt. Der Versuchsleiter stellt für Sie so etwas wie eine allgemeine Informationsquelle dar. Es besteht die Möglichkeit sich weitere Informationen vom Versuchsleiter zu beschaffen. Um ihr Bild von Lohhausen zu vervollständigen ist es also ratsam auf den Versuchsleiter zurückzugreifen. Es können jedoch nur solche Dinge erfragt werden, die in der Realität auch zu erfahren wären. In der Zeit Ihrer Amtsausübung können Sie Maßnahmen beschließen, diese wieder rückgängig zu machen, ganz wie Sie möchten. Am Schluß einer jeden Sitzung sollten Sie sich aber für bestimmte Maßnahmen fest entscheiden. Diese Entscheidungen werden dann im Computer erfaßt und die Konsequenzen Ihrer Entscheidung wird durch den Computer simuliert. Bei der darauffolgenden Sitzung bekommen Sie die Resultate Ihrer Entscheidungen vorgelegt. Insgesamt muß ein Zeitraum von 10 Jahren überbrückt werden. Der Zeitraum von 120 Monaten muß so auf die 8 Sitzungen verteilt werden, daß die letzte Maßnahme genau die 120 Monate abdeckt.“7

Bei dem Versuch kann man 17 Grobvariablen unterscheiden. Geht man davon aus, daß die Versuchspersonen zu jedem Entscheidungspunkt jede beliebige Kombination der 17 Grobvariablen von Anzahl 0 bis Anzahl 17 verändern konnten, so ergeben sich alleine aus dieser Betrachtung schon 131072 Eingriffsmöglichkeiten.

Zu den 17 Kernvariablen zählten z. B. Kapital der Stadt, Kapital der Uhrenfabrik, Lebensstandard der Arbeiter, Ausmaß der Arbeitslosigkeit, Größe der Bevölkerung.8

Für jede Variablenveränderung bestehen darüber hinaus mehrere Möglichkeiten des Handelns. Diese Betrachtung schraubt die Zahl der Variationsmöglichkeiten weit über die Millionengrenze. Neben den Grobvariablen gibt es eine große Anzahl von weiteren Variablen, die in dem LohhausenVersuch eine Rolle spielen. Insgesamt sind etwa 2000 Variablen an Lohhausen beteiligt.

3.2. Merkmale eines komplexen Problems

3.2.1. Variablenzahl

Je größer die Anzahl der an dem Problem beteiligten Variablen ist, desto mehr wird von einem komplexen Problem gesprochen.9 An der Lohhausen-Studie sind 2000 Variablen beteiligt. Durch die Vielzahl der Kombinationsmöglichkeiten dieser Variablen steigt die Komplexität immens an.

3.2.2. Variablenvernetzung

Unter Variablenvernetzung versteht man die vielfältigen Beziehungen der einzelnen Variablen untereinander. In der Lohhausen-Studie stehen viele Variablen in einem dichten Abhängigkeitsverhältnis zueinander.

So hängt zum Beispiel die Arbeitszufriedenheit der Arbeiter der Uhrenfabrik in Lohhausen vom Lohn, dem Betriebsklima, den Sozialeinrichtungen usw. ab. Darüber hinaus muß man auch die Art der Vernetzung unterscheiden.

In diesem Zusammenhang kann man lineare und nichtlineare Zusammenhänge unterscheiden. Ein nichtlinearer Zusammenhang wäre z. B. Arbeitszufriedenheit steigt nicht in gleichem Maße wie der Lohn.

3.2.3. Transparenz/Intransparenz des Systems

Die Transparenz beschreibt die Durchschaubarkeit der am Problem beteiligten Variablen und ihrer Vernetzung. Die Transparenz nimmt mit zunehmender Anzahl unbekannter Variablen und unbekannter Vernetzungen ab.10 Bei komplexen Problemen ist die Intransparenz stark ausgeprägt und eine klare Übersicht über alle entscheidungsrelevanten Variablen ist nicht gegeben. Bei der Lohhausen-Studie kann ein Proband nicht alle Vernetzungen zwischen den Variablen erkennen und seine Entscheidungen danach ausrichten.

3.2.4. Eigendynamik der beteiligten Variablen

Bei komplexen Problemen verändern sich Sachverhalte ohne Aktivität des Problemlösers. Verschiedene Prozesse laufen automatisch ab und unterliegen nicht der Handlungsmacht des Akteurs. Je stärker die Eigendynamik der beteiligten Variablen ist, desto komplexer ist das Problem.11

Lag in Lohhausen die Arbeitslosenzahl zwischenzeitlich bei 150 Personen und erfolgten keinerlei Maßnahmen zur Veränderung dieser Größe, so könnte sich die Zahl der Arbeitslosen ohne Handeln der Versuchspersonen selbständig erhöhen.

Eine bereits in vorigen Sitzungen getroffene Entscheidung (z. B. Steuervergünstigungen für Unternehmen) könnte einen eigendynamischen Prozeß in Gang bringen.12

Die Eigendynamik von komplexen Problemen erfordert die Fähigkeit, innerhalb der Ist/Soll-Analyse über den statischen Zustand hinaus zukünftige Entwicklungen abzuschätzen und als veränderliche Randbedingungen in den Entscheidungsprozeß einfließen zu lassen.13

3.2.5. Dialektische Barriere

Man spricht von einer dialektischen Barriere, wenn einerseits die zur Lösung des Problems notwendigen Operatoren unbekannt sind, andererseits aber auch Unklarheit über den Ausgangsund/oder Zielzustand besteht. Im Lohhausen Projekt wurde als Problemlösung das Wohlergehen der Stadt über einen Zeitraum von 10 Jahren ausgegeben. Diese Zielformulierung ist ungenau und jede Versuchsperson verbindet etwas anderes mit dieser Zielvorgabe.14

3.7. Zusammenfassung von Kapitel 3

Das Lohhausen-Projekt ist ein Musterbeispiel für ein komplexes Problem. Durch die hohe Anzahl an Variablen (2000), ihre vielfältigen Vernetzungen, der ausgeprägten Intransparenz, der Eigendynamik der Variablen und der vorhandenen dialektischen Barriere zeichnet sich Lohhausen als ein komplexes Problem aus. Natürlich muß man bei der Lohhausen-Studie bei der Alltagstauglichkeit gewisse Abstriche machen. Aussagen über das Verhalten der Probanden mit alltäglichen komplexen Problemen können wegen bestimmter Probleme in der Operationalisierung und Zieldefinition nur kaum gemacht werden.

4. Problemlösen und Intelligenz

Es stellt sich die Frage, ob die Fähigkeit komplexe Probleme zu lösen und Intelligenz in einem bestimmten Zusammenhang stehen. Sind intelligente Menschen eher in der Lage komplexe Probleme zu lösen als weniger intelligente Menschen? Die Ergebnisse der Lohhausen-Studie haben gezeigt, daß es keinen Zusammenhang zwischen der Fähigkeit des Lösens von komplexen Problemen und den Ergebnissen von Intelligenztests gibt. Die These von Dietrich Dörner wurde durch Lohhausen bestätigt. Sie lautete: „Intelligentes, raffiniertes, vernünftiges, effektives Problemlösen basiert nur zum geringen Teil auf dem Funktionieren einer psychischen Intelligenzmaschinerie, d. h. auf rein intellektuelle Prozesse.“15 Doch auf welche Faktoren ist dieser fehlende Zusammenhang zurückzuführen?

Um diesen Zusammenhang zu überprüfen trat an die Stelle der Lohhausen-Studie das Versuchsmodell mit einer Schneiderwerkstatt. Bei der Lohhausen-Studie waren doch erhebliche Validitätsprobleme aufgetreten.

Ausgangspunkt der Untersuchung waren die empirischen Untersuchungen über das Verhalten bei der Lösung komplexer Systeme und Untersuchungen über das Vorgehen bei der Bearbeitung von Aufgabenstellungen eines Intelligenztestes (APM von Raven). Alle Versuchsteilnehmer absolvierten den APM-Intelligenztest von Raven.

Bei den Untersuchungen von Putz-Osterloh und Luer wurden die Anforderungen hochkomplexer Probleme mit den Anforderungen von Intelligenztests (APM) verglichen.16

Die beiden Wissenschaftler Wiebke Putz-Osterloh und Gerd Luer führten die Untersuchung nach folgendem Design durch:

Die Versuchspersonen schlüpften in die Rolle eines Managers einer Schneiderwerkstatt. „Das System besteht aus 24 netzwerkartig miteinander verknüpften Variablen, von denen 11 durch Maßnahmen der Versuchspersonen direkt beeinflußbar sind.

Das Kapital stellt die Kernvariable des Systems dar, da es mit den meisten, nämlich 15 Variablen, in direkter Verbindung steht. Einige Variablen unterliegen in ihrem Zustand Zufallsschwankungen und werden somit nicht allein durch den Zustand der Beeinflussungsvariablen bestimmt. Der Effekt von Veränderungsmaßnahmen wirkt sich nicht immer sofort, sondern erst mit einer Zeitverzögerung auf den Zustand direkt benachbarter, d. h. verknüpfter Variablen aus. Das System ist so programmiert, daß die Werkstatt ohne Eingriffe in kurzer Zeit Konkurs anmelden müßte. Denn Rohmaterial muß eingekauft werden, Reparaturkosten sind z. B. zu erhöhen usw., wenn der Betrieb bei bestehender Produktionskapazität Gewinn erwirtschaften soll.

Aufgabe des Problemlösers ist es, die Schneiderwerkstatt über einen vorgegebenen Zeitraum hinweg so zu leiten, daß der Betrieb maximalen Gewinn erwirtschaftet.“17

In der auf der folgenden Seite dargestellten Abbildung sind die an der Studie beteiligten Variablen und ihre Vernetzung transparent gemacht. Hierbei können die fett umrandeten Variablen direkt von den Versuchsteilnehmern beeinflußt werden. Das Plus-Zeichen bedeutet, daß ein positiver Zusammenhang zwischen den verknüpften Variablen besteht und das Minus-Zeichen stellt einen negativen Zusammenhang dar.

Bei dem Versuch wurden 2 Gruppen zu je 35 Versuchspersonen gebildet. Eine Gruppe erhielt neben den Instruktionen auch die graphische Darstellung der Variablenverknüpfung. Die andere Gruppe bekam lediglich die Instruktionsanweisungen als Hilfsmittel zur Problemlösung.

Zusätzliches Hilfsmittel für eine Gruppe der Versuchspersonen: Variablenvernetzungsmatrix

(Abb. 1: Quelle: Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, S. 151)

Durch diesen Versuch wurde die Grundhypothese von Putz-Osterloh und Luer überprüft, daß in erster Linie die Intransparenz komplexer Probleme für den fehlenden Zusammenhang zwischen Intelligenz und Problemleistungsgüte verantwortlich ist.18

Transparenz wurde in diesem Zusammenhang wie folgt definiert:

„Als Transparent wollen wir Probleme kennzeichnen, bei denen der Problemlöser alle für die Problemstellung relevanten Variablen überblicken kann und aktiv keine weiteren Informationen über diese Variablen beschaffen muß. Beispiele für transparente Probleme stellen alle Testaufgaben, also auch APM-Intelligenztest-Aufgaben, dar.

Als intransparent wollen wir Probleme kennzeichnen, deren Variablen erst durch aktives Eingreifen des Problemlösers für ihn erkennbar und analysierbar sind, da ihm zu Beginn nicht genügend Informationen über die Variablen vorliegen.“19

Die Ergebnisse der Studie bestätigten die Hypothese der Wissenschaftler. Bei der Gruppe, die mit dem Zusatzhilfsmittel „Variablenvernetzungsmatrix“ ausgestattet wurde, konnte ein Zusammenhang von Intelligenz und Problemlösefähigkeit festgestellt werden. Bei der Gruppe ohne das zusätzliche Hilfsmittel „Variablenvernetzungsmatrix“ wurde kein Zusammenhang der Größen Intelligenz und Problemlösefähigkeit festgestellt. Aus diesen Beobachtungen kann man schließen, daß mit Intelligenztests nicht die Fähigkeit erfaßt wird, die notwendig ist, komplexe Probleme zu lösen. Eine notwendige Fähigkeit in diesem Kontext ist das Schaffen von Transparenz durch aktive Suche von entscheidungsrelevanten Informationen.20

Bei der Leitung der Schneiderwerkstatt ist der Geschäftserfolg u. a. vom Explorationsverhalten der Versuchspersonen abhängig. Durch aktives und selbständiges Erfragen von Informationen war es bestimmten Versuchspersonen eher möglich, komplexe und unübersichtliche Zusammenhänge transparent zu machen. Im Gegensatz dazu war bei der Lösung von APM-Intelligenztest-Aufgaben ein solches aktives „Forschungsverhalten“ nicht erforderlich. Aus denkpsychologischer Sicht zeigen die Verfahren zur Messung der Intelligenz einige Mängel, die bezweifeln lassen, daß mittels dieser Verfahren die zur erfolgreichen Lösung hochkomplexer Problemstellungen erforderlichen Prozesse adäquat erfaßt werden können.

Die Aufgaben bei Intelligenztestaufgaben stehen unverbunden nebeneinander, bauen also nicht aufeinander auf, bleiben zumeist überschaubar und verändern sich nicht im Zeitablauf.

Weiterhin sind sie gekennzeichnet durch eine genau bestimmte, richtige Lösung. Bei den komplexen Problemen sind Eigendynamik, Vernetztheit und vor allem die Intransparenz wichtige Einflußfaktoren auf das Problemlöseverhalten.21

In diesem Zusammenhang ist jedoch eine Auffälligkeit zu bemerken:

Testintelligente Probanden analysierten häufiger diejenigen Beziehungen zwischen Variablen richtig, die ihnen bereits in der Instruktion beschrieben worden waren, als weniger testintelligente Personen.22

Wie bei dem Versuch mit der Schneiderwerkstatt bereits angedeutet ist die Bereitschaft, sich aktiv und selbständig Informationen zu besorgen, eine wichtige Voraussetzung zur Lösung von komplexen Problemen. „Reine Beobachter“ sind den „Informationssuchern“, was die Güter der Problemlösung betrifft unterlegen. Durch die aktive Suche nach Informationen wird die vielfältige Intransparenz des komplexen Problems Stück für Stück entschärft.23

Beiden Gruppen ist jedoch gemeinsam, das mit steigendem Wissen über das Vorliegende System natürlich auch die Problemlöseleistung steigt.

4.1.3. Eigendynamik und Nebenwirkungen

In weiteren Experimenten zum komplexen Problemlösen wurde das Merkmal Eigendynamik variiert. Es zeigte sich, daß mit wachsender Eigendynamik weniger Systemwissen von den Versuchspersonen erworben wird und - davon abhängig - die Qualität der Systemsteuerung sinkt. Für die Nebenwirkungen der am Versuch beteiligten Variablen gilt die gleiche Aussage. Bei wachsender Nebenwirkung tritt ein negativer linearer Effekt auf, der sich auf die Güte des Kausalwisssens und damit auf die Güte der Systemsteuerung auswirkt.

4.1.4. Vorwissen

Die Lohhausen-Studie von Dörner hat gezeigt, daß Studenten der Betriebswirtschaft im Vergleich zu Studenten anderer Fachrichtungen keine besseren Ergebnisse erzielt haben.

Das Vorwissen, welches sie sich aufgrund ihres betriebswirtschaftlichen Studiums erworben hatten, brachte ihnen keinen Vorteil „im Amt des Bürgermeisters von Lohhausen.“ Andere experimentelle Versuche haben andere Resultate bezüglich des Vorwissens erbracht. Danach sollen vorwisssenskonträre Systeme erheblich schlechter erkannt und gelöst werden als vorwissenskonforme Problemstellungen. Eine endgültige und eindeutige Antwort auf die Vorwissensproblematik versuchen verschiedene Wissenschaftler derzeit zu geben. Es handelt sich hier um eine offene und derzeit vieldiskutierte Frage.24

4.1.5. Zielkomplexität

Die Leistung beim Prozeß des Lösens von komplexen Problemen hängt auch von der Komplexität des Zieles ab. Ist das zu erreichende Ziel von vielen Variablen definiert, so wirkt sich dieser Umstand auf die Systemsteuerung negativ aus. Einen ebenfalls negativen Einfluß auf die Systemsteuerung haben offene Zielformulierungen (dialektische Barriere).25

4.2. Zusammenfassung von Kapitel 4

Die Schneiderwerkstatt-Studie hat gezeigt, daß es sehr wohl einen Zusammenhang von Intelligenz und der Fähigkeit des Lösens von komplexen Problemen gibt. Jedoch verschwindet dieser Zusammenhang mit Zunahme der Intransparenz. In den Intelligenztests geht es vornehmlich darum, unter erheblichem Zeitdruck logische Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und sie bei der Lösung von Aufgaben variabel verwenden zu können. Bei komplexen Problemstellungen ist es darüber hinaus notwendig Handlungen zu planen, Entscheidungen zu fällen, Erfahrungen auszuwerten und sich durch den Wechsel von Mißerfolg und Erfolg nicht beirren zu lassen. Man könnte sagen: „Was sich beim längerfristigen Hin- und Herwälzen eines Problems im Arbeitsgedächtnis vollzieht, ist über weite Strecken nicht nur durch Effizienz, Zielstrebigkeit, Fehlervermeidung, Präzision usw. gekennzeichnet, sondern auch durch spielerische Elaboration, staunendes Verweilen, redundante Rekonstruktionen oder luxuriöse Visualisierungen.“26

Es wird in jüngster Zeit deshalb auch nicht mehr primär danach gefragt, ob es einen Zusammenhang gibt, sondern „welche im Intelligenztest erfaßten kognitiven Fähigkeiten beim Lösen komplexer Probleme von Relevanz sind und wie das Intelligenzkonzept in die Modellvorstellungen zum menschlichen Denken und Problemlösen zu integrieren ist.“27

Die Resultate der Untersuchungen zum Zusammenhang von Intelligenz und Problemlösen zeigt also eine Möglichkeit, die Erkenntnisse der allgemeinen- und persönlichkeitspsychologischen Forschung miteinander zu verbinden. Es genügt nicht, danach zu fragen, ob ein Zusammenhang zwischen Intelligenz und Problemlösefähigkeit bei komplexen Problemen besteht oder nicht. Vielmehr geht es darum, daß Untersuchungen in diesem Kontext so angelegt werden, daß ein eindeutiger Bezug zu einem allgemeinen Informationsverarbeitungsmodell möglich wird.28

Diese Ergebnisse wiederum können der Informationstechnologie wichtige Erkenntnisse liefern, um den Einsatz ihrer Instrumente noch effektiver koordinieren zu können.

5. Kreativität, kreatives Denken und Problemlösen

Der folgende Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Eignung von Kreativität, Probleme zu lösen. Redet man im Alltag von Kreativität, so wird nicht in erster Linie an wissenschaftliche Innovationen und künstlerische Gestaltungskraft gedacht, sondern meist an alternative Lebens- und Erlebnisformen. Kreativität und kreatives Denken erfreuen sich in den letzten Jahren steigender Wertschätzung. Gleichzeitig ist eine Abwertung des rationalen, des üblichen, des logischen Denkens zu beobachten. Die Begriffe Kreativität und kreatives Denken wissenschaftlich zu untersuchen ist sehr schwierig, da es verschiedene Ansätze gibt, was unter Kreativität zu verstehen ist.29

5.1 Definitionsversuche zu Kreativität und kreativem Denken

Der anerkannte amerikanische Kreativitätsforscher Frederick Mayer versteht unter Kreativität „den Versuch, anders zu denken, anders zu fühlen und anders zu leben.“ Kreativität ist der Versuch, das Neue zu entdecken und zu verwirklichen.“ Der kreative Mensch ist unbequem, stellt viele Fragen und glaubt nicht an die Routine. Denn Routine ist tote Kreativität.“30

Ein weiterer amerikanischer Wissenschaftler, Professor Simon Majaro, definiert Kreativität „als Denkprozeß, der uns hilft Ideen hervorzubringen.“31

Unter kreativem Denken versteht der amerikanische Wissenschaftler Johnson „lediglich eine spezielle Form des Problemlösens“.32

Es gibt viele Definitionsversuche, aber eine eindeutige, allgemeingültige und vollends zutreffende Definition gibt es nicht.

5.2. Das Pentagon der Kreativität

Das von dem Kreativitätsforscher Gottlieb Guntern entwickelte Pentagon der Kreativität besteht aus fünf Ecken. Es besitzt zehn Verbindungslinien zwischen den fünf Ecken. Jede dieser Ecken bezeichnet einen wichtigen Faktor des kreativen Prozesses. Die fünf Faktoren sind Persönlichkeit, Problem, Prozeß Produkt und Platz. Jede der Verbindungslinie zeigt die gegenseitige Beeinflussung und Informationsfluß an.33

(Abb. 2: Quelle: Guntern, Gottlieb: Kreativität, S. 9)

5.2.1. Platz

Die Kreativität ist von der Umgebung abhängig, in der sie stattfindet. Damit ist nicht nur die materielle Umwelt sondern das gesamte Wertesystem gemeint.34

Kreative Prozesse finden zu bestimmten Zeiten, in bestimmten Räumen, unter bestimmten demographischen, ökonomischen, politischen und sozio-kulturellen Bedingungen statt. Auch die physikalische und biosoziale Umwelt spielt bei der Entstehung von Kreativität eine große Rolle. Es ist also eine recht komplexe, undurchsichtige und verzweigte Welt, die sich hinter dem Merkmal Platz verbirgt.35

5.2.2. Problem

Ein weiterer Teil des Pentagons der Kreativität ist der Faktor „Problem“. Es kann bei Menschen kein kreativer Prozeß in Gang kommen, ohne daß ein Problem definiert oder beschrieben wird. Manchmal wird ein Problem nur intuitiv erahnt und ungefähr vermutet. In der Wissenschaft beginnen kreative Entdeckungen oft mit vagen, unsicheren und schleierhaften Vorahnungen, daß sich irgendwo ein Problem verbergen muß, es bisher aber übersehen oder nicht wahrgenommen wurde.36

Ohne eine Problemstellung, gleichgültig wie konkret formuliert, fehlt die Antriebsfeder kreativen Denkens und kreativer Tätigkeit. Ein Problem zu lösen auf bisher noch nicht beschrittenem Wege ist die Motivation um kreativ tätig zu werden.

5.2.3 Persönlichkeit

Es gibt bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die kreative Menschen von weniger kreativen Menschen unterscheiden. Untersuchungen in den USA haben gezeigt, daß das Persönlichkeitsmerkmal „Flexibilität“, „sich von bestehenden Regeln frei machen“ und die damit verbundene Offenheit ein wichtiges Kriterium für Kreativität bei einem Menschen ist. Die Offenheit neue Dinge zu erforschen und zu erfahren stärkt bei kreativen Menschen die Sensibilität für Probleme. „Der überdurchschnittlich kreative Mensch ist durch ein aktives Versuchen gekennzeichnet. Er hat Freude am Erforschen und Neuordnen von Möglichkeiten. Er findet Vergnügen an der Verschiedenartigkeit und am Antizipieren dessen, was geschehen würde, wenn “37 Ein

Unterschied zwischen kreativen und weniger kreativen Wissenschaftlern liegt darin, daß kreative Wissenschaftler auf wichtige Problemstellungen im Bereich der Forschung sensibler reagieren. Ein genialer Wissenschaftler vergeudet keine Zeit mit Problemen, die entweder nicht zu lösen sind oder aber so banal sind, daß ihre Lösung keine übermäßige Bedeutung hätte. Er sieht aber gelegentlich ein Problem, wo sonst niemand ein Problem vermutet und geht somit einen neuen, noch nie vorher beschrittenen Weg.38

In folgenden Persönlichkeitsbereichen wurden Unterschiede von kreativen Personen zu weniger kreativen Personen festgestellt:

Theoretische Komponente Ökonomische Komponente Ästhetische Komponente Soziale Komponente

Politische Komponente

= Interesse an der Wahrheitsfindung = Interesse an Dingen aufgrund ihres Nutzens = Streben nach Harmonie

= Umgang mit Emotionen = Machtdenken

Religiöse Komponente = Glaube an eine allumfassende Einheit.39

5.2.4. Produkt

Am Ende des kreativen Prozesses steht das kreative Produkt. Unter einem kreativen Produkt versteht man ein Produkt, „das früher oder später von einer Gruppe sachkompetenter und kritischer Menschen als

a) originell oder einmalig,
b) funktionell adäquat und
c) formal-ästhetische befriedigend oder schön beurteilt wird.“40

5.2.5. Prozeß

Auf diesen wichtigen Teil des Pentagons der Kreativität gehen wir im folgenden Kapitel in dieser Arbeit ausführlicher ein.

6. Der kreative Prozeß und das kreative Problemlösen

6.1. Merkmale des kreativen Prozesses

Zu Beginn der Untersuchung des kreativen Prozesses und seines Ablaufes ist es notwendig den kreativen Prozeß von solchen Prozessen zu unterscheiden, die nicht als kreativ einzustufen sind. „Die Art der Neuverknüpfungen beim kreativen Prozeß ist

a) selten
b) bezieht sich auf ein umfangreiches Faktenwissen und folgt
c) keinem gängigen Lösungsweg.“41

Zu a) Mit dem Ausdruck selten ist hier gemeint, daß nur sehr wenige Personen genau diesen Weg zur Verknüpfung der problemrelevanten Informationen und Variablen beschreiten.

Zu b) Mit dem Kriterium des umfangreichen bereichsspezifischen Faktenwissens soll betont werden, „daß nicht allein die Fähigkeit zum komplexen Beziehungsstiften mathematischer und formal-logischer Art mit abstrakten Informationen allgemeines und kreatives Problemlösen unterscheidet, sondern daß sich diese Neuverknüpfungen im Falle des kreativen Prozesses zusätzlich auf einen umfangreichen Wissensbereich beziehen.“42

Der Erfinder der Glühbirne Thomas Edison sagte einmal: „Genius ist zwei Prozent Inspiration und 98 Perspiration (Schweiß, Arbeit).“43

Edison hätte die Glühbirne nicht ohne spezifisches Fachwissen erfinden können. Ebenso wären andere Erfindungen und Entdeckungen der Wissenschaft ohne vorhandenes Spezialwissen nicht möglich gewesen. Bei der Entdeckung der Doppelhelixmolekülstruktur der DNS (Desoxyribonukleinsäure) durch Watson und Crick war ebenso ein bestimmtes Fachwissen erforderlich, wie beim Entdecken der Ringstruktur von Kohlenwasserstoffatomen (Benzolring) durch den französischen Wissenschaftler Kelkulé.44

Zu c) Der gängige Lösungsweg wird verlassen und man versucht durch einen völlig neuen Weg an die Lösung des Problems heranzukommen. So folgte zum Beispiel Wankel mit der Entwicklung des Drehkolbenmotors nicht dem gängigen Denkschema im Motorenbau.

6.2 Die vier Phasen des kreativen Prozesses

6.2.1. Die Vorbereitungsphase

Die Vorbereitungsphase kennzeichnet die intensive und bewußte Auseinandersetzung mit dem zu lösenden Problem. In dieser Phase wird sich in das zu bearbeitende Thema vertieft und sich ein gewisser Bestand an Rohmaterialien angelegt, woraus wirksame kreative Kombinationen geschaffen werden können. Auch das Einbeziehen von augenscheinlich unzusammenhängenden Variablen gehört zu dieser Phase.45

Die Vorbereitungsphase wird charakterisiert durch die Sichtung des vorhandenen Wissens, durch den Erwerb von Informationen durch die Prüfung von Zusammenhängen, durch Explikationen von Variablen und durch vorsichtige Versuche sie zu kombinieren, durch die Aktivierung von Phantasien und Assoziationen.46

6.2.2. Die Inkubationsphase

Nach der Phase der Vorbereitung wird das zu lösende Problem oft beiseite geschoben und nicht mehr bewußt bearbeitet.47

Das Problem wird quasi losgelassen und „köchelt“ eine gewisse Zeit vor sich hin. Umgeben von Spekulativem und Mysteriösem hat die Phase der Inkubation fast den Ruf eines faszinierenden Kuriosums. In dem Zeitraum, in dem bewußte, gewollte Lösungsversuche eingestellt sind, ist das Unterbewußte mit der Fortführung der Arbeit beschäftigt. Dieses „Arbeiten“ kann z. B. beim Schlafen, Träumen oder Ausruhen geschehen.48

Ein beeindruckendes Beispiel für die Lösungsfindung in einer solchen Inkubationsphase stellt die bereits erwähnte Entdeckung des Benzolringes durch Kelkulé dar. Er beschreibt die Lösung seines chemischen Problems mit folgenden Worten: „Ich drehte den Stuhl nach dem Kamin und versank in Halbschlaf. Wieder gaukelten die Atome vor meinen Augen. Kleinere Gruppen hielten sich diesmal bescheiden im Hintergrund. Mein geistiges Auge, durch wiederholte Geschichten ähnlicher Art geschärft, unterschied jetzt größere Gebilde von mannigfacher Gestaltung. Lange Reihen, vielfach dichter zusammengefügt; alles in Bewegung, schlangenartig sich windend und drehen. Und siehe, was war das? Eine der Schlangen erfaßte den eigenen Schwanz und höhnisch wirbelte das Gebilde vor meinen Augen. Wie durch einen Blitzstrahl erwachte ich “49

Albert Einstein sagte einmal: „Die Geschichte der wissenschaftlichen und technischen Entdeckungen lehrt uns, daß es der menschlichen Rasse an selbständiger und kreativer Vorstellungskraft mangelt. Sogar wenn die äußerlichen und wissenschaftlichen Anforderungen für die Geburt einer Idee längst vorhanden sind, braucht es im allgemeinen einen Anreiz von außen, damit es passiert; der Mensch muß sozusagen über die Lösung stolpern bis er auf die Idee kommt.“50

Manche Experten glauben, daß das Unterbewußtsein viel mehr unserer Lebenserfahrung und unseres Wissen ausmacht, als das Bewußtsein. Daher könne unser Bewußtsein nicht so viele Vernetzungen herstellen wie das Unterbewußtsein.51

Die Bisoziationstheorie von Koestler ist eine der bekanntesten Theorien zu unbewußten Prozessen als Hauptdeterminanten von kreativen Problemlöseprozessen. Auf sie wird im folgenden etwas näher eingegangen.

Die Bisoziationstheorie von Koestler (1964)

Nach Koestler wird zunächst mit Hilfe der bewußten Prozesse eine Lösungsfindung angestrebt.

Führen diese Anstrengungen zu keinem Ziel, so beendet der Mensch seine bewußte Problemlösung und der Prozeß wird im Unterbewußtsein fortgesetzt.52

Koestler geht beim Problemlösen von folgender Annahme aus: „ Problemlösen erfordert eine Kombination von Gedanken. Kreatives Problemlösen erfordert neuartige Gedankenkombinationen.“53 Für den Prozeß der einzelne Gedanken verbindet und kombiniert schlug Koestler den Begriff Bisoziation vor. Bisoziation ist hier als Gegensatz zur Assoziation zu verstehen. Bei der Assoziation wird sich auf bereits hergestellte Gedankenverbindungen bezogen. Die Bisoziation erzeugt dort neue Verbindungen, wo zuvor keine existierten.

In der Theorie von Koestler existieren Gedanken in miteinander verbundenen Reihen oder Matrizen. Bei dem normalen, bewußten, assoziativem Denken führt innerhalb derselben Matrix ein Gedanke zum anderen. Bei Situationen, welche ein kreatives Denken erfordern, muß der Problemlöser von einer Matrix zur anderen wechseln. Erst nach einer langen geistigen Beschäftigung ist das Problem solange herangereift, daß die bisoziative Verbindung zwischen zwei Matrizen entstehen kann.54 In der Diskussion über das kreative Denken hebt Koestler die Bedeutung der Träume hervor. Nach Koestler sind die unbewußten Prozesse, so wie sie sich im Traum darstellen, sehr viel flexibler als die bewußten Abläufe. Es fehlt die strikte Erfolgskontrolle, es fehlt die Zielgerichtheit, und es fehlt die Fixierung auf die Realität, die das bewußte Denken einengen.55

Aus verschiedenen Gründen sind jedoch auch Zweifel an dem Inkubationseffekt beim komplexen Problemlösen zu erwähnen.

Die Inbubationstheorien beruhen lediglich auf Erlebnisberichten und Protokollen. Der empirische Beleg für die Theorien fehlt bisweilen noch.

Bei Laboruntersuchungen wurden beim komplexen Problemlösen nur schwache Hinweise auf unbewußte Prozesse entdeckt, obwohl das Untersuchungsdesign darauf ausgelegt war unbewußte Prozesse zu erfassen.56 Den Berichten über unbewußte Denkprozesse beim kreativen Problemlösen ist mit einiger Vorsicht und Skepsis zu begegnen.

6.2.3. Die Illuminationsphase

In dieser Phase, die sich unmittelbar an die Inkubationsphase anschließt findet die fast schon sprichwörtliche Erleuchtung statt. Wo vorher ein grauer Schleier die freie Sicht auf das Wesentliche verhinderte, so erscheint der ganze Sachverhalt nun in einem hellen Licht. Das vorher sortierte und in der Inkubationsphase gereifte Material „entpuppt“ sich und wird schlagartig Erkenntnis. Dieses Moment ist kreativ, nennt man Durchbruch oder Einsicht.57

Man kann dieses Moment dreifach belegen:

„Neben dem Moment der Richtung (von oben, außen) und dem Moment der Impersonalität (geringe willentliche Steuerung; es fällt einem etwas ein) ist vor allem das Moment der Passivität (von einer Idee überfallen werden) typisch.“58

Die Ideen sollten in dieser Phase nicht kritisiert oder bewertet werden, sondern lediglich wahrgenommen werden.59

6.2.4. Die Verifikationsphase

Unter Berücksichtigung bewertender Kriterien und Einsatz kognitiver Fähigkeiten erfolgt ein Prozeß, in dessen Verlauf eine Entscheidung über Akzeptanz, Weiterentwicklung, Überprüfung oder Verwerfung der neuen Erkenntnis getroffen wird.60

Nach der „Erleuchtung“ tritt das bewußte Denken wieder in Aktion, um die Effektivität der vorhandenen Lösungen und Gedanken zu untersuchen und ihr Erfolgspotential auszuloten.61 Die gefundene Lösung wird in der Phase der Verifikation gewissenhaft überprüft und kontrolliert. Bei einer positiven Bewertung der vorhandenen Idee wird diese weiterverfolgt und es kommt zu einer praktischen Umsetzung.

6.3. Zusammenfassung von Kapitel 6

Beim kreativen Problemlösen steht das Finden einer Lösung, für die es keine genaue Anleitung gibt im Mittelpunkt der Untersuchung. Es müssen eigenständige, persönliche und oft ungewöhnliche Entscheidungen getroffen werden, um zu der gewünschten Problemlösung zu kommen. Kreatives Problemlösen bedeutet aber auch schöpferisch und explorativ vorzugehen und neue Zusammenhänge und Abhängigkeiten zu entdecken.62

7. Schlußbetrachtung

Das Problemlöseverhalten von Menschen im alltäglichen Leben und im Berufsleben spielt angesichts der immer steigenden Anforderungen eine immer wichtigere Rolle. Speziell das Lösen von komplexen Problemen und die dazu notwendigen Komponenten werden weiterhin ein wichtiger Bestandteil der Denkpsychologie darstellen. Die Kreativitätsforschung kann in diesem Zusammenhang mit ihren Erkenntnissen einen wichtigen Forschungsbeitrag leisten.

Ein weiterer wichtiger Forschungsaspekt ist der Zusammenhang von Intelligenz und Problemlösefähigkeit bei komplexen Problemen. Hier kommt es darauf an, daß wissenschaftliche Erkenntnisse in die allgemeine Informationsverarbeitungstechnologie übertragen werden und so ein effizienterer Mitteleinsatz gewährleistet werden kann.

Diese Forschungsrichtung hat sich auch zur Aufgabe gemacht Testverfahren zu entwickeln welche Komponenten der Problemlösefähigkeit von komplexen Problemen durch Intelligenztests erfaßt werden können.

[...]


1 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 9

2 Guntern, Gottlieb: Kreativität, Ressource und Lebenselexier, (W&L Dialog Grey), Zürich 1992, S. 23

3 vgl. Schimweg, Ralf; Sell, Robert: Probleme lösen, 5. Auflage, (Springer Verlag), Berlin 1998, S. 1

4 vgl. Franke, Heinz: Problemlösen und Kreativität, Band 5, (Bratt Institut für Neues Lernen), Goch 1980, S. 22

5 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 141

6 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 140f.

7 Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 141f.

8 vgl. Dörner, Dietrich: Lohhausen, (Verlag Hans Huber), Bern 1983, S. 111, 115f.

9 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 142

10 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 142

11 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 142

12 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 142f. und Hussy, Walter, in: Trierer psychologische Berichte, Band 11, Heft 4, S. 4

13 vgl. Schimweg, Ralf; Sell, Robert: Probleme lösen, 5. Auflage, (Springer Verlag), Berlin 1998, S. 37

14 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 142f. und Hussy, Walter. in: Trierer psychologische Berichte, Band 11, Heft 4, S. 4

15 Dörner, Dietrich: Denken, Problemlösen und Intelligenz, Memorandum, Universität Bamberg, Bamberg 1982, S. 3

16 vgl. Putz-Osterloh, Wiebke; Luer, Gerd: Über die Vorhersagbarkeit komplexer Problemlöseleistungen durch Ergebnisse in einem Intelligenztest, in: Zeitschrift für experimentelle und angewandte Psychologie, Band 28, Heft 2, S. 311

17 Putz-Osterloh, Wiebke; Luer, Gerd: Über die Vorhersagbarkeit komplexer Problemlöseleistungen durch Ergebnisse in einem Intelligenztest, in: Zeitschrift für experimentelle und angewandte Psychologie, Band 28, Heft 2, S. 313-315

18 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 151f.

19 Putz-Osterloh, Wiebke; Luer, Gerd: Über die Vorhersagbarkeit komplexer Problemlöseleistungen durch Ergebnisse in einem Intelligenztest, in: Zeitschrift für experimentelle und angewandte Psychologie, Band 28, Heft 2, S. 312

20 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 152

21 vgl. Kreuzig, Heinz W.: Über den Zugang zu komplexem Problemlösen mittels prozeßorientierter kognitiver Persönlichkeitsmerkmale, in: Zeitschrift für experimentelle und angewandte Psychologie, Band 28, Heft 2, S. 294f.

22 vgl. Putz-Osterloh, Wiebke; Luer, Gerd: Über die Vorhersagbarkeit komplexer Problemlöseleistungen durch Ergebnisse in einem Intelligenztest, in: Zeitschrift für experimentelle und angewandte Psychologie, Band 28,Heft 2, S. 315

23 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 164

24 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 164

25 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 164

26 Ripke, Gustav: Beziehungen zwischen komplexem Denken und Kreativität bei hochqualifizierten Forschern in der chemischen Industrie, (Peter Lang GmbH), Frankfurt am Main 1997, S. 20

27 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 154

28 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 162

29 vgl. Weisberg W. Robert: Kreativität und Begabung, (Spektrum der Wissenschaft), Heidelberg 1989, S. 12,18

30 Mayer, Frederick: Kreativität, (Europa-Verlag), Wien 1989, S. 13

31 Majaro, Simon: Erfolgsfaktor Kreativität, (McGraw-Hill Book Company), London 1991, S. 6

32 Kreuzig, Heinz W.: Zur Beziehung von Kreativität und Problemlösen, Memorandum, Universität Bamberg, Bamberg 1982, S. 1

33 vgl. Guntern, Gottlieb: Kreativität, Ressource und Lebenselexier, (W&L Dialog Grey), Zürich 1992, S. 9

34 vgl. Mayer, Frederick: Kreativität, (Europa-Verlag), Wien 1989, S. 54

35 vgl. Guntern, Gottlieb: Kreativität, Ressource und Lebenselexier, (W&L Dialog Grey), Zürich 1992, S. 14

36 vgl. Guntern, Gottlieb: Kreativität, Ressource und Lebenselexier, (W&L Dialog Grey), Zürich 1992 S. 10

37 Cronbach, Lee J.: Einführung in die Pädagogische Psychologie, (Verlag Julius Beltz), Weinheim 1971, S. 424

38 vgl. Weisberg W. Robert: Kreativität und Begabung, (Spektrum der Wissenschaft), Heidelberg 1989, S. 102f.

39 vgl. Weisberg W. Robert: Kreativität und Begabung, (Spektrum der Wissenschaft), Heidelberg 1989, S. 99

40 Guntern, Gottlieb: Kreativität, Ressource und Lebenselexier, (W&L Dialog Grey), Zürich 1992 S. 11

41 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 119

42 Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 120

43 Majaro, Simon: Erfolgsfaktor Kreativität, (McGraw-Hill Book Company), London 1991, S.55

44 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 119

45 vgl. Haddock, Patricia: Zehn Schlüssel zu größerer Kreativität, in: Kreativität, hrsg. von Günter A. Furtenbacher, (Verlag CSA), Schierling 1995, S. 38

46 Hemmer-Junk, Karin: Kreativität - Weg und Ziel, (Peter Lang GmbH), Frankfurt am Main 1994, S. 61f.

47 vgl. Weisberg W. Robert: Kreativität und Begabung, (Spektrum der Wissenschaft), Heidelberg 1989, S. 38

48 Hemmer-Junk, Karin: Kreativität - Weg und Ziel, (Peter Lang GmbH), Frankfurt am Main 1994, S. 62

49 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 127f.

50 Majaro, Simon: Erfolgsfaktor Kreativität, (McGraw-Hill Book Company), London 1991, S. 55

51 vgl. Haddock, Patricia: Zehn Schlüssel zu größerer Kreativität, in: Kreativität, hrsg. von Günter A. Furtenbacher, (Verlag CSA), Schierling 1995, S. 39

52 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 128

53 Weisberg W. Robert: Kreativität und Begabung, (Spektrum der Wissenschaft), Heidelberg 1989, S. 40

54 vgl. Weisberg W. Robert: Kreativität und Begabung, (Spektrum der Wissenschaft), Heidelberg 1989, S. 41

55 vgl. Hussy, Walter: Denken und Problemlösen, 2. Auflage, (Verlag W. Kohlhammer), Stuttgart 1998 S. 129

56 vgl. Weisberg W. Robert: Kreativität und Begabung, (Spektrum der Wissenschaft), Heidelberg 1989, S. 51

57 vgl. Hemmer-Junk, Karin: Kreativität - Weg und Ziel, (Peter Lang GmbH), Frankfurt am Main 1994,S. 63f.

58 Hemmer-Junk, Karin: Kreativität - Weg und Ziel, (Peter Lang GmbH), Frankfurt am Main 1994,S. 64

59 vgl. Haddock, Patricia: Zehn Schlüssel zu größerer Kreativität, in: Kreativität, hrsg. von Günter A. Furtenbacher, (Verlag CSA), Schierling 1995, S. 39

60 vgl. Hemmer-Junk, Karin: Kreativität - Weg und Ziel, (Peter Lang GmbH), Frankfurt am Main 1994, S. 65

61 vgl. Haddock, Patricia: Zehn Schlüssel zu größerer Kreativität, in: Kreativität, hrsg. von Günter A. Furtenbacher, (Verlag CSA), Schierling 1995, S. 40

62 vgl. Öhl, Friedrich: Kreatives Problemlösen, in: Schriftenreihe zur Lehrerbildung im Berufsbildenden Schulwesen, Heft 176, S. 91

26 von 27 Seiten

Details

Titel
Kreative Arbeits- und Lerntechniken
Hochschule
Universität des Saarlandes
Veranstaltung
Theorie und Praxis beruflicher Lehr- und Lernprozesse in Betrieb und Schule, Rubrik: Kreative Arbeits- und Lerntechniken
Note
1,7
Autor
Jahr
1999
Seiten
27
Katalognummer
V95824
Dateigröße
384 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kreative, Arbeits-, Lerntechniken, Theorie, Praxis, Lehr-, Lernprozesse, Betrieb, Schule, Rubrik, Kreative, Arbeits-, Lerntechniken, Saarbrücken
Arbeit zitieren
Bernd Conrad (Autor), 1999, Kreative Arbeits- und Lerntechniken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95824

Kommentare

  • Gast am 2.4.2001

    Hi.

    Hey Jungs, hab grad eure Hausarbeit entdeckt. Find ich gut dass ihr die andreren zur Verfügung stellt

    Gruss Patrick

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