Die Entwicklung der ukrainischen Sprachenpolitik zwischen 2012 und 2019 und ihr Einfluss auf den Sprachgebrauch der Minderheiten


Bachelorarbeit, 2020

39 Seiten, Note: 5,5 von 6 (Schweiz)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffe
2.1. Nation und Ethnie
2.2. Nationsbildung

3. Das Vor - und Nachleben des Sprachengesetzes von 2012
3.1. Die Regional-und Minderheitensprachen der Ukraine
3.2. Die ukrainophone und die russophone Ideologie

4. Der Einfluss des Euromaidan von 2014 auf die Sprachenpolitik
4.1. Das Bildungsgesetz von 2017 und sein Einfluss auf die ungarische Minderheit
4.2. Das neueste Sprachengesetz von April 2019

5. Was für eine Sprachenpolitik könnte die Lösung in der Ukraine sein?

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis
7.1. Quellenverzeichnis
7.2. Sekundärliteratur
7.3. Internetquellen
7.4. Bildquellen

1. Einleitung

Die Besonderheiten der geopolitischen und geografischen Lage der Ukraine sind die unter­schiedlichen politischen, historischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Entwick­lungen der von der Sowjetunion geerbten Regionen. Des Weiteren die heterogene ethni­sche, sprachliche Zusammensetzung ihrer Bevölkerung und die Anwesenheit von Vertre­tern aller Nachbarn. Das Thema der Nationalität und der Sprache bereiten dem Land so­wohl innen- als auch aussenpolitische Probleme.1 Dies wird unter anderem durch den be­waffneten Konflikt im Land seit Herbst 2013 bestätigt. Der ukrainische Staat, der 1991 unabhängig wurde, erlebt die tiefste Krise in seiner kurzen Geschichte. Zu den wichtigsten Merkmalen der Ukraine im letzten Vierteljahrhundert zählen der drastische Bevölkerungs­rückgang und das sogenannte Sprachenproblem, das die Innenpolitik als das erfolgloseste Projekt des Nationalaufbaus betrachtet. Im Spätherbst 2013 startete eine politische und wirtschaftliche Krise, die zu tödlichen Unruhen führte. Im März 2014 annektierte Russland das Territorium der Autonomen Republik Krim und seit April 2014 findet in den östlichen Gebieten des Landes ein Krieg statt. Ukrainisch-russische Sprachpositionskämpfe und die misslungene Sprachenpolitik spielten eine Rolle beim Ausbruch der politischen, militäri­schen und wirtschaftlichen Krise, die die Sicherheit ganz Europas und die wirtschaftliche Entwicklung der ganzen Region bedrohte.2 Im Jahre 2014 wurde das Kriegsgebiet der Krim und der östlichen Grafschaften mit einer Gesamtfläche von rund 45.000 Quadratki­lometern de facto der Kontrolle Kiews entzogen. Zum Zeitpunkt der letzten sowjetischen Volkszählung im Jahr 1989 hatte die Ukraine eine Bevölkerung von 51,7 Millionen, was 1993 mit einer Bevölkerung von 52,2 Millionen gipfelte, die bis 2001 (das Jahr der bislang einzigen Volkszählung in der Ukraine) auf 48,9 Millionen zurückging. Vor der Ost­Ukraine-Krise zählte das Land 2013 wiederum nur 45 Millionen Einwohner, und während eines Vierteljahrhunderts seit der Unabhängigkeit im Jahr 1991 sind mindestens zehn Mil­lionen Menschen aus dem Land verschwunden.3 Damit ist die Ukraine eines der Länder mit der schnellsten rückläufigen Bevölkerungsentwicklung. 2017 wird die Bevölkerung offiziell auf rund 42 Millionen geschätzt, diese Zahl umfasst aber auch die Einwohner der Kriegsgebiete in den östlichen Regionen.

Es wurde eine Reihe von zusammenfassenden Analysen zur Sprachsituation in der Ukraine durchgeführt, in denen die problematischen Fragen aus verschiedenen Perspektiven darge­stellt wurden. Einige davon werden in der Bachelorarbeit als Sekundärliteratur berücksich­tigt.4 Das grundlegende Problem des aktuellen Forschungsstands besteht darin, dass es keinen Konsens über: a) die Rolle der ukrainischen Sprache beim Aufbau einer neuen Identität nach der Sowjetunion und beim Aufbau von Nationen gibt; b) den Status der rus­sischen Sprache in der Ukraine gibt. Zudem wurde kaum untersucht, welche Funktionen andere Minderheitensprachen haben könnten. Die Anwesenheit der Russen, die mächtigste Minderheit der Ukraine, sowie unzählige andere Minderheiten im Land war einerseits ein Problem bei der Bestimmung des Status der russischen Gemeinschaft. Andererseits nahm der Konflikt aufgrund der symbolischen Rolle der Sprache als Zeichen der Identität häufig die Form von ukrainisch-russischen Sprachkämpfen an.5

In der vorliegenden Arbeit werde ich die Frage der Sprachenpolitik in der postsowjetischen Ukraine aus einer multidisziplinären Perspektive erforschen, indem ich mich auf zwei Hauptelemente der nationalen Identität konzentrieren werde, nämlich die Sprache und der damit verbundene Umgang mit den ethnischen Minderheiten im Land. Ich werde untersu­chen, welche Rolle diese beiden Elemente in der Sprachenpolitik der Ukraine spielen, wel­che Einflüsse sie auf den Sprachgebrauch haben und wie sie von den nationsbildenden Akteuren verwendet beziehungsweise instrumentalisiert werden. Das Ziel dieser Arbeit ist zu zeigen, welchen Herausforderungen die Minderheiten entgegenstehen. Im Zentrum der Bachelorarbeit steht die Fragestellung: Welche Einflüsse hatte die ukrainische Sprachenpo- litikzwischen 2012 und 2019 aufden Sprachgebrauch derMinderheiten im Land? Forscher6 sowie Experten internationaler Organisationen7 haben wiederholt darauf hinge­wiesen, dass in der Ukraine das Sprachenproblem stark politisiert ist und die Sprachenpoli­tik zu einem Konflikt zwischen sprachlichen Ideologien, Ethnien und Sprachen führen kann. Es ist kein Zufall, dass der sechste Artikel des ukrainischen Nationalen Sicherheits. gesetzes von 2014 (ukr. « 3o.koh Vcpainu npo ocuoeu iiaiiioiicLibiioi 6e3neKU Yupamu») die Regelung der Sprachsituation als eines der vorrangigen nationalen Interessen betrach­tet.4

Die Arbeit gliedert sich in vier Kapitel. Im ersten Kapitel werde ich auf die Begriffe „Nati­on“, „Ethnie“ und „Nationsbildung“ eingehen. Bei meiner Analyse der Situation in der Ukraine werde ich auf der Basis von Miroslav Hrochs (1932- ) und Etzioni Amitais (1929­) Werke die wichtigsten Elemente für die Nationsbildung, d.h. für die Durchsetzung des nationalen Gedankens in der Bevölkerung, zusammenfassen. Im zweiten Kapitel werde ich ein zweites identitätsbildendes Element behandeln, nämlich die Sprache. Erstens werde ich mit Hilfe statistischer Daten die sprachliche Zusammensetzung der ukrainischen Be­völkerung darstellen. Daraus ergibt sich, dass die Ukraine ein zweisprachiges Land ist, mit einem ukrainischsprachigen Westen und einem überwiegend russischsprachigen Osten und Süden. Zweitens werde ich die Entwicklung der Sprachenpolitik von der Sowjetunion bis heute schildern und zeigen, welche ethnischen Minderheiten in der Ukraine aufgetreten sind. Im dritten Kapitel werde ich den Einfluss von Euromaidan auf die ukrainischen Spra­chenpolitik, das neuste Bildungsgesetz von 2017 sowie Sprachengesetz von 2019 behan­deln. Schliesslich wird im vierten Kapitel ein sprachenpolitisches Modell vorgestellt, das möglicherweise die sprachrechtliche Situation in der Ukraine lösen könnte.

2. Begriffe

2.1. Nation und Ethnie

Das Wort „Nation“ stammt aus dem Lateinischen „natio“, was „Abstammung“ oder „Ge­burtsort“ bedeutet.5 Es gibt verschiedene Auffassungen des Begriffs „Nation“. Insgesamt lassen sich in den theoretischen und politischen Definitionen vier Hauptströmungen erken­nen. Nach den subjektivistischen Definitionen sind Nationen «[...] grosse Kollektive, die auf einem grundlegenden Konsens ihrer Mitglieder beruhen. Die Nation basiert also einzig auf der inneren und freiwillig geäusserten Überzeugung ihrer Mitglieder, dass sie zusam­mengehören».6 Gemäss den objektivistischen Definitionen ist jede Nation durch be­stimmte Merkmale, die ausserhalb des Einflusses der Individuen liegen, von anderen abge­grenzt.7 Solche Zugehörigkeitskriterien sind Elemente wie Sprache, Kultur, Tradition und Geschichte.8 Die dekonstruktivistischen Theorien widerlegen die Idee der Nation als natürliche Ordnung. Dementsprechend ist die Nation eine kulturell definierte Vorstellung, die eine Vielzahl von Menschen aufgrund angeblich gemeinsamer Eigenschaften als eine Einheit bekommen.9 Als wichtiger Vertreter dieser These gilt Benedict Anderson (1936­2015) mit seinem berühmten Werk „Imagined Communities“. «Die Nation ist eine vorge­stellte politische Gemeinschaft - vorgestellt als begrenzt und souverän. Vorgestellt ist sie deswegen, weil die Mitglieder selbst der kleinsten Nation die meisten anderen niemals kennen, ihnen begegnen oder auch nur von ihnen hören werden, aber im Kopf eines jeden die Vorstellung ihrer Gemeinschaft existiert».10

Das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Nation wird als nationale Identität bezeichnet.11 Laut Anthony Smith (1939-2016) ist die Nation eine «[...] named human community occupying homeland, and having common myths and a shared history, a common public culture, a single economy and common rights and duties for all members».12 Der ethno-symbolische Ansatz besagt, dass das Selbstverständnis der Nation durch nationale Symbole und eth­nische Mythen bestimmt wird.13 Nach Smith setzt sich eine Ethnie aus verschiedenen wichtigen Komponenten zusammen. Erstens ist für Ethnien die Verknüpfung mit einem Territorium wichtig, das sie als „eigen“ bezeichnen. Das Territorium ist relevant für Ethni­zität, weil dadurch eine Symbiose zwischen einem bestimmten Ort der Welt und „seiner“ Gemeinschaft geschaffen wird.14 Um eine Ethnie als solche bezeichnen zu können, müssen ein starkes Zugehörigkeitsgefühl und eine aktive Solidarität erfüllt sein, die in Notzeiten jede Teilung innerhalb der Gemeinschaft überwinden können.15

Zweitens ist die unabdingbare Voraussetzung von Ethnizität ein gemeinsamer Ursprungs­mythos. Solche Ursprungsmythen sind Mittel kollektiver Stellung in der Welt und die Sat­zung der Gemeinschaft, die ihre Ursprünge, ihre Entwicklung und ihr Schicksal erklärt.16 Es gibt keine Geschichte ohne Ethnien. Revolutionen und Klassenfrieden können sich entwickeln und Reformtheorien können entstehen. Aber ohne ethnische Zugehörigkeit und interethnische Beziehungen kann fast kein Reformer über die Zukunft entscheiden und Reformen können nicht erfolgreich sein. Drittens sind Ethnien historische Gemeinschaften, die auf gemeinsamen Gedächtnissen gründen. Anders gesagt, bieten historische Zeitfolgen Formen für die nächsten Erfahrungen und Kanäle für ihre Interpretation.17 Äusser Ur­sprungsmythen und gemeinsamen Erinnerungen unterscheiden sich Ethnien durch eines oder mehrere kulturelle Elemente, die dazu beitragen, ihre Angehörigen zusammenzubin­den. Als unterscheidende Züge gelten Sprache und Religion, aber auch Sitten, Institutio­nen, Gesetze, Folklore, Architektur, Kleidung, Essen, Musik und Künste.18

2.2 Nationsbildung

Die meisten Studien, die die Chancen und Möglichkeiten einer Beilegung von Konflikten im Rahmen der internationalen politischen Theorie analysieren, definieren weder den kon­zeptionellen Rahmen, mit dem sie arbeiten, noch was sie unter Nationenbildung verstehen. Ein Grossteil der Gelehrten auf diesem Gebiet verwendet die amerikanische Terminologie, weshalb die meisten Autoren den Aufbau einer Nation als Nationsbildung bezeichnen.19 Bei dieser Begriffsverwendung geht es jedoch nicht wirklich um die Absicht oder das Streben nach Nationsbildung. Der Staat ist im Gegensatz zur Nation eine territoriale Ein­heit, die Waren und Dienstleistungen bereitstellt und innerhalb des institutionellen Rah­mens Ereignisse und Prozesse in seinem Gebiet beeinflusst. Die Nation hingegen ist eine imaginäre, konstruierte Gemeinschaft, deren Identität mit einem gemeinsamen historischen Territorium, einer gemeinsamen Kultur, einer gemeinsamen Volkswirtschaft und einem Rechtssystem verbunden ist. Der Staatsaufbau sollte sich eher auf institutionelle Attribute oder Qualitäten konzentrieren als auf die Stärkung der psychologischen Verbindungen innerhalb der Gesellschaft.20 Der Staatsaufbau ist im Gegensatz zum Aufbau einer Nation ein materieller Prozess und kann nicht anhand der kognitiven Merkmale der Gesellschaft untersucht werden. Ein möglicher Grund für die mangelnde Definition oder Verwirrung muss in der westfälischen Logik des internationalen Systems der Nationalstaaten gesucht werden.25 Nach etymologischer Logik bedeutet der Aufbau einer Nation auch Staatsauf­bau. Im engeren Sinne bezieht sich das Konzept der Nationsbildung nur auf die Vereini­gung verschiedener ethnischer, religiöser und kultureller Gruppen durch einen gemeinsa­men Faden. Der Prozess des Nationalaufbaus ist sehr eng mit der Demokratisierung, dem Aufbau von Institutionen und der Schaffung eines Rahmens für nachhaltiges Wirtschafts­wachstum, das heisst Staatsaufbau, verbunden.26 Im Gegensatz zum Staatsaufbau beruht der Nationalaufbau mehr auf der Homogenität sozialer Einstellungen und gemeinsamer Werte. Während es beim Staatsaufbau darum geht, institutionalisierte politische, wirt­schaftliche und soziale Prozesse neu zu konfigurieren. Die beiden Prozesse überschneiden sich: Nationsbildung stellt den Aufbau und die Strukturierung der nationalen Verbindung innerhalb des vom Staat angebotenen geografischen und institutionellen Rahmens dar. Die Stärkung der Nation erhöht die Stabilität und Lebensdauer des Staates. In Bezug auf die Aufgabe des Wiederaufbaus des Staates ist es besser, den Begriff Staatsaufbau zu verwen­den, da er sich eher auf einen komplexen Prozess bezieht, der den Aufbau von Nationen einschliesst. Es ist nicht irreführend, die beiden Konzepte zu diesem Zweck zu verknüpfen, da die beiden Prozesse zwar nicht identisch, aber eng miteinander verbunden sind. Die Schritte des Staatsaufbaus lauten gemäss Etzioni Amitai (1929- ) Schaffung und Aufrecht­erhaltung von Sicherheit, Zusammenführung der Gesellschaft, Schaffung nachhaltiger Rahmenbedingungen für den Aufbau von Institutionen, den Aufbau von Demokratie und die wirtschaftliche Entwicklung.27

Das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Nation wird als nationale Identität bezeichnet. Diese stellt eine Art kollektive Identität dar.28 Nach den Worten von Miroslav Hroch (1932- ) ist offenbar die Anwendung des Begriffs “nationale Identität“ bei der Analyse der Nationsbil­dungsprozesse deshalb gerechtfertigt, weil er im Unterschied zum Terminus “Nationalis­mus“ moralisch neutral und weder belastet noch durch die politisierte Journalistik unklar geworden ist.29 Es überrascht deshalb nicht, dass einige zeitgenössische Forscher der älteren wie der jüngsten Generation den Terminus “nationale Identität“ als einen der Zent­ralbegriffe historischer Analyse verwenden, der den abgenutzten und nebulösen “Nationa­lismus“ zu ersetzen vermag. Zuweilen wird er dabei zu einem Synonym.21

3. Das Vor - und Nachleben des Sprachengesetzes von 2012

Die Sprachsituation der Ukraine, die 1991 unabhängig wurde, ist seit vielen Jahren ange­spannt. Erst während der Perestroika begann dank des Einsatzes ukrainischer Intellektuel­ler eine neue Phase der Ukrainisierung. Im Jahre 1989 wurde das Ukrainische zur Staats­und Amtssprache neben dem Russischen. In der Präambel des noch heute gültigen Geset­zes „Über die Sprachen in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik“ vom 28. Ok­tober 1989 ist zu lesen:

«Die ukrainische Sprache ist einer der entscheidenden Faktoren der nationalen Identität des ukrainischen Volkes. Die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik verleiht der ukrai­nischen Sprache den Status der Staatssprache mit dem Ziel, die allseitige Entwicklung der geistigen schöpferischen Kräfte des ukrainischen Volkes zu fördern und seine souveräne nationalstaatliche Zukunft zu garantieren».22 Eine einseitige Ukrainisierung der Gesell­schaft wurdejedoch nicht dekretiert.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Ukraine ohne Unabhängigkeits­kampf- der normalerweise die nationale Einheit bildet - souverän. So gab zwei Möglich­keiten, das Sprachproblem des neuen Staats zu lösen. Die erste setzt eine harmonische Zu­sammenarbeit zwischen zwei Amtssprachen und Regionen mit mehr oder weniger Auto­nomie voraus, wie dies in den meisten westeuropäischen Ländern der Fall ist. Die Ukraine konnte nicht die offensichtliche Tatsache erkennen, dass die ukrainische politische Nation zweisprachig und bikulturell ist.23 Das im Jahr 1989 verabschiedete Sprachengesetz mar­kierte den zukünftigen Weg für die Ukraine, indem es Sprache und Nation klar miteinan­der verband. Das im Jahr 1989 verabschiedete Sprachengesetz war einer der ersten Schritte zur Entsowjetisierung und Unabhängigkeit der Ukraine.24 Es verband Sprache und Nation klar miteinander und markierte so den zukünftigen Weg für die Ukraine. Das Gesetz ist jedoch ein Kompromiss: Es definiert das Ukrainische als einzige Staatssprache, nennt das Russische aber als die Sprache der zwischenmenschlichen Kommunikation.

Nach der Unabhängigkeit vertraten die ersten beiden Staatsoberhäupter Leonid Kravchuk (Amtszeit von 1991 bis 1994) und Leonid Kutschma (Amtszeit von 1994 bis 2004) das Prinzip, wonach Sprache das Grundgefüge der nationalen Existenz ist. Die 1996 verab­schiedete Verfassung nannte eine einzige Staatssprache, ähnlich wie das Sprachengesetz. Paradox ist, dass das dritte Staatsoberhaupt, der "nationale" Viktor Juschtschenko (Amts­zeit von 2005 bis 2010), der durch die Orangen Revolution von 2004 an die Macht kam, im Vergleich zu seinen ukrainischen Vorgängern weniger erfolgreich war. Ein Beweis für das Scheitern ist unter anderem, dass in dieser Zeit die Partei der Regionen (ukr. «1 lapTui perioHiß»), zugunsten der Zweisprachigkeit gestärkt wurde.25 Die Partei der Regionen (ukr. «llapTUi periouiß»), die 2006, 2007 und 2012 die Parlamentswahlen gewonnen und 2010 zum Sieg über das regierende Staatsoberhaupt Viktor Janukowytsch beigetragen hat­te, hat begonnen, das Verfassungs- und Sprachrecht nach seiner Machtübernahme neu zu schreiben. Die Konstitutionalisierung schlug fehl, das Sprachengesetz von 1989, das auf die Sowjetzeit zurückgeht, wurde 2012 ersetzt.26

[...]


1 Vgl. Karacsonyi et al, Dichotomy, S. 101.

2 Vgl. Korrespondent, Porosenko.

3 Derzavna sluzba statistiki Ukraini.

4 Zakon Ukraini, Pro osnovi nacional'noi bezpeki Ukraini.

5 Vgl. Jansen et al, Nation, S.10.

6 Ebd., S. 11.

7 Vgl. Jansenetal, Nation, S.12.

8 Ebd., S. 14.

9 Ebd., S. 14.

10 Anderson, Erfindung, S.15.

11 Ebd., S. 16.

12 Vgl. Jansen et al, Nation, S. 99.

13 Ebd., 101.

14 Vgl. Smith, Origins, S.18.

15 Ebd., S. 29-30.

16 Vgl. Smith, Origins, S. 24.

17 Ebd., S. 25.

18 Ebd., S. 26.

19 Vgl. Etzioni, Nation-Building, S. 4.

20 Ebd., S.ll.

21 Vgl. Hroch, Nationen, S. 34.

22 Besters-Dilgers, Nation, S. 377.

23 Vgl. Miller, Ukraina, S. 88.

24 Vgl. Bilaniuk, Attitudes, S. 50.

25 Vgl. Besters, Nacija, S. 353-358.

26 Ebd., S. 359-361.

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der ukrainischen Sprachenpolitik zwischen 2012 und 2019 und ihr Einfluss auf den Sprachgebrauch der Minderheiten
Hochschule
Universität Zürich
Note
5,5 von 6 (Schweiz)
Autor
Jahr
2020
Seiten
39
Katalognummer
V958914
ISBN (eBook)
9783346307590
ISBN (Buch)
9783346307606
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Die Ukraine, Minderheiten, Sprachgebrauch, Russisch, Ungarisch, Sprachengesetz, Sprachenpolitik, Selenskyj
Arbeit zitieren
Laszlo Balzam (Autor:in), 2020, Die Entwicklung der ukrainischen Sprachenpolitik zwischen 2012 und 2019 und ihr Einfluss auf den Sprachgebrauch der Minderheiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/958914

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