In der Arbeit wird die Funktion der Portraits in Storms Novelle "Aquis submersus" analysiert. Dazu werden mehrere Aspekte beachtet; zunächst welche Rolle sie für die Handlung spielen und in welcher Weise die Bilder diese vorantreiben. In Hinblick darauf muss der Grund für die Herstellung der Bilder innerhalb der Handlung geklärt werden sowie der Herstellungsprozess – falls dieser geschildert wird – und schlussendlich die Wirkung auf die Betrachter des Bildes.
Wie bei Storm typisch, handelt es sich in "Aquis submersus" nicht nur um eine reine realistische Novelle, da die Novelle mehrere fantastische Elemente beinhaltet. Deshalb ist es wichtig, die Verbindung zwischen Bildern und Übernatürlichem genauer zu betrachten. Hiermit geht unweigerlich auch die Auseinandersetzung mit Erinnerung und Tod einher. Ein weiterer zu berücksichtigender Punkt ist, ob es sich bei den Porträts um akkurate realistische Darstellung handelt und wenn nicht, zu welchem Zweck sie eben nicht wirklichkeitstreu sind.
Ort beschreibt die Bilder als visuelle Medien partiell revitalisierter Vergangenheit und legt damit bereits die Hauptfunktion der Bilder fest. Ob diese zutreffend ist oder inwieweit Abweichungen vorliegen und zu welchem Zweck, wird im Folgenden geklärt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Darstellung der Toten
2.1. Gerhardus – Die Wiederbelebung eines toten Mannes
2.2. Gerhardus und der Knabe – Ein Wunschbild von Johannes
2.3. Der tote Knabe – Die Verbindung zwischen Rahmen- und Binnenerzählung
3. Die Darstellung der Lebenden - Katharina
3.1. Die Sprache der Augen
3.2. Der Malprozess als Tötungsakt
4. Bilder der Vergangenheit – Die Ahnenfrau
4.1. Vererbung und Fluch als Begründung für Johannes und Katharinas Schuld
4.2. Das Unheimliche – Ein Produkt von Johannes Wahrnehmung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die zentrale Funktion von Porträts in Theodor Storms Novelle "Aquis submersus". Dabei wird analysiert, inwiefern die im Text beschriebenen Bilder als Medien zur Vergegenwärtigung von Verstorbenen dienen, wie sie den Handlungsverlauf beeinflussen und in welcher Weise sie das subjektive, oft phantastisch geprägte Wahrnehmungsspektrum des Protagonisten Johannes widerspiegeln.
- Die psychologische Funktion der Porträtmalerei als Versuch der Wiederbelebung.
- Die Verbindung zwischen visuellem Ausdruck, Erinnerung und Tod.
- Die Analyse der unzuverlässigen Erzählperspektive und deren Einfluss auf die Darstellung des Unheimlichen.
- Die Bedeutung von Vererbung, Fluch und Schuld in der Familiengeschichte.
- Das Spannungsfeld zwischen künstlerischem Schöpfungsakt und der Destruktion des Dargestellten.
Auszug aus dem Buch
3.2. Der Malprozess als Tötungsakt
Johannes Besessenheit von Katharinas Augen spielt auch während dem Malprozess ihres Bildnisses eine bedeutende Rolle. Katharinas Bruder Wulf gibt Johannes den Auftrag, das Bild als Andenken an Katharina anzufertigen, wenn diese das Haus verlassen soll. Dieser ursprüngliche Grund zur Herstellung des Bildes scheint bereits während der Anfertigung hinfällig zu werden; für Johannes hat das Portrait eine ganz andere Bedeutung, wie anhand der folgenden Analyse, welche auf Neumanns Argumentation aufbaut, gezeigt werden soll.
Ähnlich wie bei der Herstellung des Lazarusbildes, kann Johannes selbst den Vorgang, durch welchen Katharinas Portrait entsteht, nicht nachvollziehen:
Dann lächelte sie glücklich; und dabei blühete aus dem dunklen Grund des Bildes immer süßer das holde Antlitz auf; mir schien’s, als sei es kaum mein eigenes Werk. – Mitunter war’s, als schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an; doch wollte ich es fassen, so floh es scheu zurück; und dennoch floß es durch den Pinsel heimlich auf die Leinewand, so daß mir selber kaum bewußt ein sinnberückendes Bild entstand, wie nie zuvor und nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist. (31)
Der geschilderte Malvorgang ist also durch unbewusste Vorgänge beeinflusst, wobei das „etwas“, das Johannes nicht benennen kann von Katharina „abgekoppelt zu sein und eine eigene Daseinsform zu besitzen“ schient.“ Dieser Unbewusste Vorgang kann nicht in Worte gefasst werden und drückt sich durch Bilder aus. Auch Erinnerung passiert in Bildern, so äußert Johannes „das Bildnis seiner Tochter aber lebt mit mir in meinem Inneren.“ (27) Selbst die Schilderung der Liebesnacht zwischen Johannes und Katharina ist durch die Sprache nur angedeutet, wird aber verstärkt visuell wahrgenommen: „Die dicken Flechten ihres Haares lagen über dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß hinab; der Mond, der draußen die Gartenhacken überstiegen hatte, schien voll herein und zeigete mir alles.“ (40f.)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt den Fokus auf die visuelle Wahrnehmung des Protagonisten und definiert das Ziel der Analyse: die Funktion der Porträts als mediale Vermittler zwischen Vergangenheit, Tod und künstlerischem Prozess.
2. Die Darstellung der Toten: Dieses Kapitel untersucht, wie Johannes durch das Malen verstorbener Personen versucht, diese ins Leben zurückzuholen, wobei besonders die psychologische Ebene der Trauerbewältigung und Schuld thematisiert wird.
3. Die Darstellung der Lebenden - Katharina: Hier wird der Fokus auf Katharina und die besondere Bedeutung ihrer Augen gelegt, die sowohl den Malprozess als auch die komplexe Beziehung zwischen Johannes und ihr maßgeblich bestimmen.
4. Bilder der Vergangenheit – Die Ahnenfrau: Das Kapitel analysiert die Rolle der Ahnenfrau, deren Bild als determinierendes Element für den Fluch und die Schuld der nachfolgenden Generationen sowie als Projektionsfläche des Unheimlichen fungiert.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Kunst in der Novelle nicht über den Tod triumphiert, sondern als vergängliches Medium die menschliche Unzulänglichkeit und das Scheitern an der Realität verdeutlicht.
Schlüsselwörter
Theodor Storm, Aquis submersus, Porträtmalerei, Unheimliches, Realismus, Johannes, Katharina, Wiederbelebung, Vererbung, Schuld, Tod, visuelle Wahrnehmung, Erzählperspektive, Erinnerung, Bildmotivik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung und Funktion der Bilder sowie Porträts in Theodor Storms Novelle "Aquis submersus" und deren Einfluss auf die psychologische und handlungsorientierte Ebene der Erzählung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Schnittstelle zwischen künstlerischer Produktion, der Darstellung von Tod und Erinnerung, der Macht der visuellen Wahrnehmung sowie den Konzepten von Schuld und Determinismus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es zu analysieren, welche handlungsleitende Rolle die Bilder für den Protagonisten Johannes spielen und wie durch diese eine Verbindung zum Unheimlichen und zur Vergangenheit hergestellt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär auf der Interpretation von Bildmotiven und erzähltechnischen Aspekten basiert, ergänzt durch relevante Forschungsliteratur zum Realismus und zur Phantastik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil wird das Porträtwesen nach Figurengruppen unterteilt untersucht: die Darstellung verstorbener Personen wie Gerhardus, der Malprozess an Katharina als lebender Figur und die Bedeutung des Ahnenbildes im Kontext von Vererbung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie "Wiederbelebung", "Unheimliches", "visuelle Wahrnehmung", "Schuld" und "Aquis submersus" charakterisiert.
Warum spielt die Perspektive von Johannes eine so große Rolle für das Verständnis des Unheimlichen?
Da Johannes ein unzuverlässiger Erzähler ist, lässt sich vieles von dem, was als übernatürlich erscheint, auf seine subjektive und oft von Schuldgefühlen getrübte Wahrnehmung zurückführen.
Wie verändert sich der ursprüngliche Auftrag des Malens im Laufe der Erzählung?
Der ursprüngliche Zweck – etwa das Bild als Andenken oder Auftragsarbeit – verliert an Bedeutung, da Johannes die Bilder unbewusst nutzt, um persönliche Wünsche, Schuldgefühle oder den Wunsch nach Verlebendigung der Personen auszudrücken.
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- Cindy Bloes (Author), 2018, Die Funktion der Bilder in der Novelle "Aquis submersus" von Theodor Storm, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/959075