Von Geburt an befindet sich ein Kind in einer Gemeinschaft, die hauptsächlich mit dem Mittel Sprache kommuniziert und die sich von Anfang an auch verbal an das Kind richtet. Nicht nur Kindern erschließt sich die Welt durch Sprache. Will es in der Sprachgemeinschaft bestehen, so ist das Kind gezwungen, die Sprache zu erlernen. Wenn Kinder beginnen, sich ihre Welt durch Wörter anzueignen, dann machen auch Erwachsene dabei immer wieder neue Erfahrungen in ihrem eigenen Umgang mit Sprache.
Die Frage, ob Kinder Wortsprache passiv durch Imitation oder aktiv durch das Verstehen ihrer unmittelbaren Umwelt verstehen, ist immer noch aktuell, denn der Spracherwerb kleiner Kinder ist im allgemeinen eine bemerkenswerte Leistung des Menschen. Hierüber gibt es unterschiedliche Theorien und Erklärungsversuche. Spracherwerbstheorien bilden das Fundament für mögliche Erklärungsmuster. Man unterscheidet zwischen den nativistischen und den funktionalen, der interaktionistischen, kognitiven und behavioristischen Ansätzen.
Die folgende Ausarbeitung betrachtet im ersten Teil die wesentlichen Aspekte des kindlichen Spracherwerbs bzw. das Erlernen sprachlicher Strukturen. Darauf folgt eine Darstellung der etablierten Spracherwerbstheorien (Skinner, Chomsky, Piaget), um anschließend dialogische und kommunikative Gesichtspunkte verbaler Interaktionen zwischen Kindern und Erwachsenen zu betrachten. Unter Erstspracherwerb versteht man den ungesteuerten Erwerb der Muttersprache des Kindes. Beim Lernen der ersten Sprache lernt das Kind keineswegs nur diese eine Sprache, sondern es lernt eine Menge über Sprache überhaupt.
Im zweiten Teil soll versucht werden, den Zweitspracherwerb verständlich darzustellen. Es gibt den ungesteuerten Zweitspracherwerb, so beispielsweise bei Arbeitsmigranten, die ohne Sprachunterricht die Sprache des Landes lernen, in dem sie leben. Daneben gibt es auch den gesteuerten Zweitspracherwerb oder gesteuerten Fremdsprachenunterricht, womit das Erlernen einer Sprache durch Unterricht gemeint ist. Es kommt auch vor, daß ein Kind mehr als eine Muttersprache gleichzeitig erwirbt. Dann wird von sogenannten zweisprachig (bilingual) aufwachsenden Kindern gesprochen
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Spracherwerbstheorien
2.1 Die behavioristische Theorie
2.2 Die nativistische Theorie
2.3 Die kognitive Theorie
2.4 Die interaktionistische Theorie
3. Zur Entwicklung der Erstsprache
3.1 Die Hauptphasen der Sprachentwicklung
3.2 Der Aufbau des sprachlichen Systems: Der Zwei- und Drei-Wort-Satz
3.3 Der Ausbau des sprachlichen Systems – die kommunikative Flexibilität
4. Zweitspracherwerb
4.1 Fremd- und Zweitsprachenerwerbsforschung
4.2 Das Monitormodell von Stephen Krashen
4.3 Das Modell von Sascha Felix
5. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die grundlegenden Theorien und Prozesse des Erst- sowie des Zweitspracherwerbs, um die unterschiedlichen Lernmechanismen von Kindern und Erwachsenen zu beleuchten und deren wissenschaftliche Erklärungsansätze gegenüberzustellen.
- Vergleich behavioristischer, nativistischer, kognitiver und interaktionistischer Spracherwerbstheorien.
- Analyse der Hauptphasen der kindlichen Sprachentwicklung bis zur kommunikativen Flexibilität.
- Gegenüberstellung von natürlichem und gesteuertem Zweitspracherwerb bei Erwachsenen.
- Untersuchung des Monitormodells von Stephen Krashen und des Modells von Sascha Felix.
Auszug aus dem Buch
Die behavioristische Theorie
Der Behaviorismus wurde in den Vereinigten Staaten von John B. Watson begründet. Anhänger dieser Theorie definierten in Anlehnung an den russischen Forscher und Nobelpreisträger Iwan Pawlow Verhalten „als Reaktion auf bestimmte umweltbedingte, äußere oder innere Reize“. Behavioristen sind der Auffassung, daß Sprache durch einen gegebenen Reiz bzw. Stimulus eine bestimmte Reaktion oder auch response wiedergibt. Dieser wird so oft wiederholt, bis der Vorgang zu einer festen Gewohnheit, einem habit wird. In Tierexperimenten belohnte man das Versuchsobjekt bei richtigem Verhalten auf den gegebenen Reiz. Hierbei spricht man von Konditionierung. Lernen über das Reiz- und Reaktionsparadigma nennt man Assoziationslernen, da der Lernerfolg durch die Verbindung von Reiz und Reaktion erst zustande kommt. Voraussetzung hierfür ist jedoch die Fähigkeit zur Bildung von Gedankenverknüpfungen.
Es gibt zahlreiche Varietäten behavioristischer Lerntheorien. Sie zeigen sich allesamt als untauglich, Spracherwerb zu erfassen oder zu erklären, so Henning Wode. Das Erlernen von Sprache wird hier als Nachahmung und passiv erduldete Dressur beschrieben. Die Herausbildung sprachlicher Strukturen hängen von dem Fleiß des Lerners ab, d.h., indem er das Gehörte übt und daraufhin dafür belohnt oder bestraft wird. Der Ursprung und die sprachliche Struktur der entwicklungsspezifischen Fehler bleiben ungeklärt. Diese jedoch halten sich trotz Belohnung, Strafe oder Belehrung über längere Zeiträume. Die schöpferische Verarbeitung, die kennzeichnend für Sprachenlernen ist, bleibt im behavioristischen Ansatz aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema des Spracherwerbs ein und differenziert zwischen dem ungesteuerten Erstspracherwerb und den verschiedenen Formen des Zweitspracherwerbs.
2. Spracherwerbstheorien: Dieses Kapitel gibt einen systematischen Überblick über behavioristische, nativistische, kognitive und interaktionistische Ansätze als Fundament für das Verständnis von Sprachentwicklung.
3. Zur Entwicklung der Erstsprache: Das Kapitel beschreibt die Stufen der kindlichen Sprachentwicklung, angefangen beim Lallen bis hin zum komplexen sprachlichen System und der kommunikativen Flexibilität.
4. Zweitspracherwerb: Hier werden Forschungsansätze zum Zweitspracherwerb diskutiert, insbesondere unter Einbezug des Monitormodells von Krashen und des Kognitionsmodells von Felix.
5. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert, dass Spracherwerb ein hochkomplexer Prozess ist und betont die grundlegenden Unterschiede in den Lernvoraussetzungen von Kindern und Erwachsenen.
Schlüsselwörter
Erstspracherwerb, Zweitspracherwerb, Behaviorismus, Nativismus, Kognitive Theorie, Interaktionismus, Spracherwerbstheorien, Monitormodell, Stephen Krashen, Sascha Felix, Sprachentwicklung, Universalgrammatik, LAD, Bilingualität, Sprachlernprozesse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den theoretischen Grundlagen und den kognitiven sowie sozialen Bedingungen, unter denen Kinder eine Erstsprache und Erwachsene eine Zweitsprache erlernen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Vergleich verschiedener Spracherwerbstheorien, die Phasen der kindlichen Sprachentwicklung sowie die Mechanismen des Zweitspracherwerbs.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Unterschiede zwischen dem ungesteuerten Erwerb der Muttersprache und dem meist gesteuerten Erwerb einer Zweitsprache theoretisch fundiert darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine Literaturanalyse, in der etablierte linguistische und psycholinguistische Theorien (z.B. Skinner, Chomsky, Piaget) gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Spracherwerbstheorien, die Analyse der kindlichen Sprachentwicklungsstadien und die Evaluierung spezifischer Modelle zum Zweitspracherwerb.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Erstspracherwerb, Zweitspracherwerb, Spracherwerbstheorien und kognitive Lernsysteme charakterisiert.
Warum spielt der Behaviorismus laut der Autorin eine untergeordnete Rolle für moderne Ansätze?
Weil der behavioristische Ansatz die schöpferische und regelbasierte Kreativität von Lernenden nicht erklären kann und daher als untauglich für das Verständnis komplexer Sprachstrukturen gilt.
Was ist der wesentliche Unterschied im Zweitspracherwerb zwischen Kindern und Erwachsenen laut Sascha Felix?
Erwachsene aktivieren bei Lernprozessen allgemein-kognitive Problemlösungsmechanismen, die beim Spracherwerb störend wirken können, während Kinder intuitiv sprachspezifische Strukturen nutzen.
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- Jasmina Cirkic (Author), 2000, Seele und Psyche: Erstspracherwerb - Zweitspracherwerb, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9595