Ziel dieser Arbeit ist es, nachzuvollziehen, wie ein anonymer Autor der Prosalegende über den heiligen Georg auf Vorgegebenes reagiert (wie er mit seinen Quellen umgeht) und inwiefern er die Legende formal und inhaltlich neu positioniert. Besonders das anzunehmende Publikum des Prosageorg, eine aufstrebende patrizische Bürgerschaft, und der damit gegebene neuartige Kommunikationsrahmen soll in die Überlegungen einbezogen werden. Als zielführend wird sich hierbei eine genauere Analyse der Drachenkampfepisode erweisen, da dieses Motiv, anders als der übrige Teil der Prosalegende, nicht in der wichtigsten und offenkundigsten Quelle des Prosaautors Reinbot von Durne "Der heilige Georg" enthalten ist.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Die legent vnd dz leben des hochgelopten manlichen ritters sant joergen
1.1 Gegenstand der Arbeit
1.2 Die direkten Quellen des ›Prosageorg‹
1.2.1 Reinbot von Durne Der heilige Georg
1.2.2 Die Elässische Legenda Aurea
1.3 Abriss der Handlung und Vergleich mit den Quellen
2 Die Drachenepisode im Prosageorg
2.1 Figurenkonzeption im Prosageorg: Am Beispiel der Drachenepisode
2.2 alfo wurffenn jn die lut mit fteynen ze tod: Elemente bürgerlichen Selbstbewusstseins
3 Möglicher Rezeptionskontext
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das anonyme Werk "Prosageorg" aus dem 15. Jahrhundert und analysiert, wie der Autor durch die bewusste Auswahl, Neukombination und gestalterische Bearbeitung bekannter Vorlagen eine Heiligenlegende schuf, die spezifisch auf die Bedürfnisse und Wertvorstellungen eines aufstrebenden, gebildeten Stadtbürgertums zugeschnitten war.
- Literarische Analyse des Prosageorgs im Kontext seiner Quellen.
- Untersuchung der gestalterischen Eigenleistung des anonymen Prosaautors.
- Interpretation der Drachenepisode als Spiegel städtischer Selbstwahrnehmung.
- Analyse der Figurenkonzeption und der Anpassung an ein städtisches Rezipientenmilieu.
Auszug aus dem Buch
2.1 Figurenkonzeption im Prosageorg: Am Beispiel der Drachenepisode
Die, für sich genommen, sicher aufschlussreichste Figur der Drachenepisode ist der kung. Wie bereits im Handlungsabriss angedeutet, wird im Prosageorg ausgesprochen viel Wert auf die Darstellung seines ausgeprägten Gerechtigkeitsempfindens gelegt. Die Veranschaulichung desselben wird sogar anhand des, in keiner Quelle enthaltenen, Einschubes von der Beinahe-Blendung des Thronerben betrieben. Damit nicht genug, trägt der kung in den meisten Handschriften (nicht aber in der Edition) den prägnanten Namen Justinus. Gerade im Vergleich mit der ELA, die keine Anstrengung in diese Richtung erkennen lässt, wird klar, wie positiv er und mit ihm das gesamte volk der Stadt filena im Prosageorg konnotiert sind. Es gilt zu bedenken, dass es sich um einen „heidnischen“ Herrscher und ein „heidnisches“ Volk handelt, deren Sittenstrenge und Redlichkeit hier ausgestellt werden. Markus Schmitz geht davon aus, dass diese demonstrative Positionierung einer dualistischen Konzeption des Werkes geschuldet ist. Dem späteren Peiniger Georgs, dem unverbesserlichen, nicht zu bekehrenden Dacian, soll in Person des gerechten, einsichtigen Justinus das gute Beispiel vorangestellt werden. So gelingt es im Prosageorg, die Drachenepisode nicht nur „der Vollständigkeit halber“ und irgendwie geschickt in Reinbots Erzählung einzupassen, sondern ihr auf der Ebene einer neu konstruierten Gesamtkomposition eigenes Gewicht zu verleihen.
Im Vergleich mit allen vorangegangenen Erzählungen von Georgs Drachenkampf stellt die Darstellung des Justinus als gerechten, in seiner Gerechtigkeit auch harten, aber einsichtigen Herrschers eine deutlichen Schritt in Richtung Psychologisierung der Figur dar. Interessanterweise bleibt es nicht dabei. Im weiteren Verlauf werden Justinus Eigenschaften um die Züge eines liebenden, aber in dieser Liebe auch verletzlichen und schwachen Menschen erweitert. Nachdem das Los, das über das Menschenopfer für den Drachen entscheidet, auf seine heißgeliebte Tochter fällt, lässt sich Justinus zu einem Moment menschlicher Schwäche hinreißen:
vnd wie gerecht er al fin tag wz gefin an feim gericht vnd funft fberwand in doch menfchlich krankheit vnd naturlich liebie die er zu finer tocht hatt dz er dem volk groß filber vnd golt bot dz fy im fin tocht liebind (Prosageorg S. 46; Z. 2-ff)
Der Herrscher ist verwundbar, er ist nicht absolut, sondern dem Recht unterworfen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung verortet den Stoff des Heiligen Georg im literarischen Kanon und diskutiert das komplexe Verhältnis von Tradierung, Gattungsrahmen und der spezifischen Neubearbeitung im 15. Jahrhundert.
1 Die legent vnd dz leben des hochgelopten manlichen ritters sant joergen: Dieses Kapitel stellt den Forschungsgegenstand, die Handschriftenlage sowie die primären Quellen des Prosageorgs (Reinbot von Durne und die Legenda Aurea) vor.
2 Die Drachenepisode im Prosageorg: Hier wird die zentrale Rolle der Drachenepisode für die Eigenleistung des Autors analysiert, insbesondere hinsichtlich der Figurenzeichnung und der Repräsentation städtischer Werte.
3 Möglicher Rezeptionskontext: Dieses Kapitel erörtert auf Basis der intertextuellen Bezüge und der Entstehungsgeschichte, dass sich das Prosageorg wahrscheinlich an ein gebildetes, patrizisches Publikum richtete.
Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das Prosageorg eine eigenständige und gelungene Aktualisierung der Legende für ein selbstbewusstes Bürgertum des Spätmittelalters darstellt.
Schlüsselwörter
Prosageorg, Heiligenlegende, 15. Jahrhundert, Drachenepisode, Literaturgeschichte, Rezeption, Stadtbürgertum, Reinbot von Durne, Legenda Aurea, Edition, Markus Schmitz, Figurenkonzeption, Frühmittelalter, Spätmittelalter, Intertextualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem anonymen Prosawerk "Prosageorg" aus dem 15. Jahrhundert und untersucht dessen Entstehungsweise und Zielsetzung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die literarische Gestaltung, die Verwendung und Umwandlung von Quellen sowie die soziale Einbettung des Textes im städtischen Kontext des Spätmittelalters.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie der Autor des Prosageorgs durch kreative Quellenarbeit ein eigenständiges Werk schuf, das gezielt auf die Wertvorstellungen eines aufstrebenden Bürgertums zugeschnitten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es wird eine komparative literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primär textkritische Vergleiche mit den zugrunde liegenden Quellen (Reinbot von Durne, Legenda Aurea) nutzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Drachenepisode, die Figurenzeichnung (insbesondere die des Königs Justinus) und die Anpassung der Legende an ein bürgerliches Selbstverständnis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Prosageorg, Heiligenlegende, 15. Jahrhundert, Drachenepisode, Rezeption, städtisches Bürgertum und Quellenbearbeitung.
Warum spielt die Figur des Königs Justinus eine so bedeutende Rolle im Prosageorg?
Justinus dient als Beispiel für einen gerechten, aber menschlich fehlbaren Herrscher, an dem der Autor die dualistische Konzeption des Werkes und das bürgerliche Rechtsverständnis illustriert.
Wie unterscheidet sich die Drachenepisode im Prosageorg von ihren Vorlagen?
Sie ist ausführlicher und stärker psychologisiert gestaltet, um den Fokus von rein militärisch-kriegerischen Motiven auf innere Werte und städtische Ordnung zu verschieben.
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- Oliver Krüger (Author), 2015, Eine Prosaversion der populären Heiligenlegende aus dem 15. Jahrhundert. Der heilige Georg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/959626