Soziale Arbeit zwischen Hilfe und Kontrolle

Können zeitliche Vorgaben und Handlungsleitfäden in der Hilfeplanung mit der Lebensweltorientierung nach Thiersch konform sein?


Hausarbeit, 2018

22 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Annäherungen an das Konzept der Lebensweltorientierung
2.1 Grundlagen der Alltagstheorie und Lebensweltorientierung
2.2 Thierschs Konzept zur lebensweltorientierten Sozialen Arbeit
2.1.1 Bedeutung des Konzepts
2.1.2 Rekonstruktion von Lebenswelt
2.1.3 Handlungs- und Strukturmaxime

3. Soziale Arbeit zwischen Hilfe und Kontrolle
3.1 Das SGB VIII
3.2 Hilfeplanungen in der Kinder- und Jugendhilfe
3.3 Vom beruflichen Doppel- zum professionellen Tripelmandat
3.4 Jugendämter im Spannungsfeld von Bürokratie und professionellem Handeln

4. Professionelles Handeln im Widerspruch
4.1. Reflexion als Grundlage professionellen Handelns
4.1.1 Reflexion sozialpädagogischer Entscheidungsfindung

5. Diskussion im Hinblick auf die Fragestellung

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Sozialen Arbeit zwischen Hilfe und Kontrolle. Die Diskurse werden in der Kinder- und Jugendhilfe sehr kontrovers geführt. Die einen behaupten, dass Soziale Arbeit aus dem Grundsatz der Hilfe besteht. Hilfe zielt hierbei z.B. auf ein gelingenderes Leben, Hilfe zur Selbsthilfe, aber auch auf Hilfe aus Not ab. Andererseits sollte auch die Seite der Kontrolle Betrachtung finden. Gesellschaftliche Normen und Wertevorstellungen sowie idealtypische Vorgaben bestimmen und erzeugen eine gewisse Erwartungshaltung an die Individuen. Daraus ergibt sich ein Dilemma der Paradoxien professionellen Handelns, welche in der Rahmung von Hilfe und Kontrolle seinen Ursprung finden. Die Auseinandersetzung mit der Fragestellung findet unter dem Dach der institutionellen Hilfeplanungen in der Kinder- und Jugendhilfe statt.

Als Theoriediskurs werde ich mich im ersten Teil der Arbeit dem Konzept der Lebensweltorientierung annähern. Diese Annäherung mündet in die lebensweltorientierte Soziale Arbeit nach Thiersch. Zum besseren Verständnis von Lebenswelten nehme ich diese sowie die Richtungsziele, welche einen gewissen Halt im beruflichen Alltag der Kinder- und Jugendhilfe anbieten, aus dem Konzept näher in den Blick.

Im fünften Aspekt der Rekonstruktion von Lebenswelten findet der Titel dieser Arbeit seinen Ursprung. In diesem geht es um eine Neuprofilierung von Handlungs- und Deutungsmustern aufgrund der Tatsache, dass gegenwertig Kinder und Jugendliche viel Kraft aufwenden müssen um einen Lebensplan zu entwickeln. Es gilt zu klären, ob dieser seine Torpedierung oder zumindest eine Erschwernis in zeitlichen Vorgaben und Handlungsleitfäden von Institutionen findet. Aufgreifend an diese These richtet sich der Blick auf das rechtliche Gebilde von Hilfeplanungen und dessen Struktur. Um dabei ein besseres Verständnis für das berufliche Handeln und die Beauftragung zu erhalten, soll eine kurze Bearbeitung der Mandatierung Sozialer Arbeit Aufschluss geben.

Das vierte Kapitel befasst sich schlussendlich mit der kritischen Auseinandersetzung vom beruflichen Handeln und bietet das berufliche Selbstkonzept als handlungsleitend an.

Abschließend soll in einer schriftlichen Auseinandersetzung geklärt werden, inwieweit der Titel seine Beantwortung fand oder neue Fragen aufgeworfen hat.

2. Annäherungen an das Konzept der Lebensweltorientierung

Lebensweltorientierung ist eine wichtige theoretische Rahmung für verschiedene Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit. Sie „verbindet die Analyse von gegenwärtigen spezifischen Lebensverhältnissen mit pädagogischen Konsequenzen“ (Thiersch/Grunewald/Köngeter 2010: S. 175).

In Zeiten einer Pluralisierung von Lebenslagen, also die Unterschiedlichkeit von Lebensstrukturen und Lebensbedingungen (vgl. Thiersch 1992: S. 20), die in Individualisierungsprozesse münden, ist eine professionelle lebensweltorientierte Führung erforderlich. Es bietet die Chance eines Blicks auf ein Zusammenspiel von Problemen und Möglichkeiten und den daraus resultierenden sichtbar werdenden Stärken und Schwächen. Lebensweltorientierung stellt sich also als ein pädagogisches Konzept dar, welches die Sicht auf Lebensverhältnisse frei gibt und versucht, auf diese mit dem Leitbild der Beteiligung Veränderung zu seinem gelingenden Leben herbeizuführen.

Das Konzept wurde mit der Veröffentlichung des 8. Jugendberichts vorgestellt und trug maßgeblich zur Gestaltung und Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe bei. Mit Inkrafttreten des KJHG (Kinder- und Jugendhilfegesetz) 1990 bekam dieses dann eine gesetzliche Verankerung. Die Strukturmaxime konnte so einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden (vgl. BMJFFG 1990: S. 85 ff.).

2.1 Grundlagen der Alltagstheorie und Lebensweltorientierung

Edmund Husserl hat in den 30er Jahren den Lebensweltbegriff eingeführt. Er wollte die Strukturen der Lebenswelt erforschen (vgl. May 2008: S. 41). „Da er sich dabei jedoch einer transzendentalen Vernunfterkenntnis bediente, konnte Husserl von der Lebenswelt nur universale, d.h. transkulturelle und ahistorische Strukturen in den Blick bekommen“ (May 2008: S. 41).

Daraus ergab sich ein Mangel an Erkenntnis, der durch eine Handlungstheorie, der phänomenologischen Soziologie, der genauen Beobachtung und eines intuitiven Zusammenfügens von sozialen Tatsachen benannt wurde. Im Rahmen von empirischen Untersuchungen sollte dem Mangel begegnet werden. Daraus ergab sich, dass Lebenswelten personenbezogen und weniger aus der Sicht von äußeren Einflüssen zu betrachten sind (vgl. ebd.).

In den Alltagstheorien, wie sie bei Bourdieu oder Heller beschrieben werden, umspannt die Lebenswelt die „innere[…] und äußere[…] Natur des Menschen. Alltagsleben wird dabei als eine Sphäre gefasst, die Ausgangs- und Endpunkt aller menschlichen Tätigkeit ist“ (May 2008: S. 42). Die Betrachtung des einzelnen Individuums im Zusammenspiel mit seiner Verortung bzw. Stellung in der Gesellschaft erhielt durch Heller einen weiterführenden Blick auf den Begriff der Lebenswelt.

Lefèbvre unterschied in seinen Arbeiten die einzelnen Sektoren, in denen sich Leben für die Individuen abspielt. Er unterschied in Arbeit, Privatleben und Freizeit. Gleichzeitig stellte er fest, dass eine Zusammenführung der Bereiche zu einer Lebenswelt einer Mehrzahl von Menschen kaum noch gelinge. Lefèbvre schärfte den Blick auf die Problematik der verloren gegangenen Problemlösungsorientierung. Die Sichtweise der Möglichkeiten in einzelnen herausfordernden Situationen konnte so in theoretische Belange und wirkliche Lebensverhältnisse unterschieden werden. Zusammenfassend mündete dies in ein Konzept der strategischen Hypothesen. Lefèbvre unterschied zudem in drei unterschiedliche Schichten, die „die Bewusstwerdung der eigenen Stellung in der Gesellschaft zu systematisieren versucht“ (May 2008: S. 45).

In der ersten Schicht benennt er die Fähigkeit der Anpassung. Das Individuum stellt sich im Laufe der Zeit auf gewisse Lebensumstände ein.

Das daraus entstehende „Unbehagen gegenüber der Alltäglichkeit“ (ebd.) führt auf die zweite Schicht des Prozesses der Bewusstwerdung. Folglich treten Probleme und Fragen des Alltagslebens hervor, die zuweilen in Antworten münden, die von gesellschaftlichen Gruppen geprägt werden, die der eigenen Kontur am passendsten scheint.

Die dritte Schicht prägt dahingehend die Wahrnehmung der „Nichtanpassung“ (ebd.). Die Herausstellung eines individuellen Handlungsspielraums und der Eigenständigkeit bekommen in ihr Konturen (vgl. ebd.). Mit dieser Basis entwickelt sich eine fundamentale Denkweise zu einer gelingenden Alltagsbewältigung.

Im Diskurs der weiteren Untersuchungen zur Bedeutung der Alltags- und lebensweltorientierten Denkmuster erhalten die Arbeiten von Hans Thiersch eine besondere Bedeutung.

2.2 Thierschs Konzept zur lebensweltorientierten Sozialen Arbeit

Das Konzept der Lebensweltorientierung richtete sich gegen eine Pädagogisierung und Therapeutisierung von sozialen Problemen. Diese waren zwischen den Jahren von 1960 und 1970 stark ausgeprägt. Vielmehr zielte es darauf ab, den „Adressaten“ in seinem Alltag zu befähigen und ihn in seiner Lebenswelt ernst zu nehmen und zu verstehen. Die „Lebensweltorientierung stellt also einen Rahmen für Intentionen der Sozialen Arbeit dar“ (Thiersch / Grunwald / Köngeter 2010: S. 175). In der Lebensweltorientierung geht es um die Analyse der jeweiligen Lebensverhältnisse und um das Herausbilden von Ressourcen, Stärken und Schwächen sowie die Sicht auf Probleme (Herausforderungen) und Möglichkeiten in den einzelnen Lebenslagen der Adressaten. Auf diese werden sehr differenziert und individuell „Konstruktionen von Hilfsangeboten“ (ebd.) gelegt. Sie zielt somit auch auf die Hilfe zur Selbsthilfe, auf Empowerment und auf Identitätsarbeit an. In der Lebensweltorientierung nach Thiersch sollen Konstruktionen aber nicht einengen oder erdrücken. Vielmehr geht es darum, den Menschen in seiner eigenen Würde und Bedeutsamkeit zu sehen. Diese sollen angeleitete Spezialisten für das Komplexe, das Allgemeine in ihrem Alltag werden. Sie sollen befähigt werden, einen gelingenderen Alltag möglich zu machen. Es soll die Menschen bestärken, in sich selbst Vertrauen zu fassen und Vertrauen zum Helfenden aufzubauen, um so Hilfen besser nutzen zu können (vgl. Thiersch / Grunwald / Köngeter 2010: S. 178). Lebensweltorientierung sucht nach Optionen, die den Menschen Gestaltungsräume in ihrem Handeln aufzeigen. Sie zeigt ihnen auf, welche Ressourcen und welche Möglichkeiten sie zur Bewältigung von Alltagsherausforderungen haben. Sie begegnet den Menschen mit Respekt, zeigt ihnen aber auch auf, was aus ihnen werden könnte. In diesem Sinne geht es um Dolmetschen, um Übersetzen von jeweiligen Lebenslagen. Die Lebensweltorientierung sieht sich als Dienstleister zur Organisation von Handlungsstrategien und Handlungskonzepten. Sie gibt „Vorschläge von Alternativen und Konfrontationen – klassisch geredet also im Horizont von Fördern, Behüten und Gegenwirken“ (Thiersch / Grunwald / Köngeter 2010: S. 179).

2.1.1 Bedeutung des Konzepts

Im Bereich der Sozialen Arbeit gab es schon mehrere Konzeptentwürfe. Die Theoriediskussion richtete sich in den letzten Jahren allerdings fast ausschließlich auf das Konzept der Lebensweltorientierung aus. Die Ausführungen des Konzepts wurden so weiter vertieft, ergänzt und ausgearbeitet.

Der Ursprung des Konzepts liegt in der Kinder- und Jugendhilfe. Im Laufe der Zeit verbreitete es sich allerdings in den unterschiedlichsten Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit. Unter der Überschrift der Alltagsbefähigung findet sich das Konzept zum Beispiel in der Behindertenhilfe, der Obdachlosenhilfe oder der Psychiatrie. Daraus lässt sich schließen, dass das Konzept universell einsetzbar ist und, dass es die jeweiligen Konstellationen des jeweiligen Lebensumfeldes gut aufgreifen kann.

2.1.2 Rekonstruktion von Lebenswelt

Die Rekonstruktion der Lebenswelt wird in 5 Aspekte unterteilt. Grundwald, Thiersch und Köngeter (2012) nahmen darauf wie folgt Bezug.

1. Der Mensch wird „nicht abstrakt als Individuum verstanden, sondern in der Erfahrung einer Wirklichkeit, in der er sich immer schon vorfindet“ (Thiersch/Grunwald/Köngeter 2012: S. 184). Die Dimensionen „des Raumes, der Zeit und der sozialen Beziehungen“ (ebd.) werden für ihn präsent und erfahren eine Neuordnung. Auf die Betrachtungsweisen zu den Begriffen von Raum, Zeit und Beziehung nehmen Thiersch, Grundwald und Köngeter insofern Bezug, als dass diese häufig in verschiedene Richtungen offen scheinen. Somit müssen diese in der Betrachtung jeglicher Optionen eine offene Umgangsweise erfahren, um so einen größeren Handlungsspielraum zu ermöglichen. Menschen werden in ihren pragmatischen Anstrengungen gesehen. Aufgaben werden immer vielfältiger und bedürfen einer höheren Anstrengung zur Bewältigung dieser. Formen des defizitären oder abweichenden Verhaltens erscheinen in diesem Kontext immer auch als Ergebnis dieser Anstrengung (vgl. ebd.).
2. Lebenswelt unterzieht sich einer Betrachtung von verschiedenen Lebensräumen. Diese können z.B. ihre Definition in Privatheit oder Öffentlichkeit sowie Familie oder Beruf finden. Die Verhältnisse, die aus den unterschiedlichsten Lebensfeldern Konflikte aber auch Ressourcen hervorrufen und sich im Konfliktfall verstärken, verletzen aber traumatisieren auch. In der Lebensweltorientierung kann eine Rekonstruktion der tatsächlichen Verhältnisse Betrachtung finden.
3. In der dritten Rekonstruktion ist die Betrachtungsweise der Lebenswelt normativ-kritisch. Die Lebensweltorientierung betrachtet grundlegend kritisch soziale Bezüge mit ihren Ressourcen und Spannungen. Sie bildet sich identitätsstiftend ab und bildet so einen Rahmen von mehr Sicherheit. Soziale Arbeit soll lebensweltliche Erfahrungen im Sinne von Verhaltensstrukturen oder Handlungsmuster aufspüren und in verlässliche und belastbare Beziehungen überleiten. Die Mehrdeutigkeit von „Pseudokonkretem und Konkretem, also auf der Dialektik des Gelingenden und Verfehlten in der Lebenswelt und der immer wieder notwendigen „Destruktion“ des Gegebenen im Namen der freieren Ansprüche“ (Thiersch/Grunwald/Köngeter 2012: S.185) insistiert das Konzept. Sie mündet in der Analyse der Gegenspieler von Respekt und Destruktion, von Abwehr und Genügsamkeit sowie protestantischer Energie und gelähmter Hoffnung (vgl. ebd.).
4. Im vierten Aspekt ist das Konzept im Kontext von einer historischen und sozial konkreten Betrachtung zu sehen. Es spiegelt die Verbindungen von Objektivem und Subjektivem, von Strukturen und Handlungsmustern. Es gib eine erfahrene Wirklichkeit im Kontext von gesellschaftlichen und strukturellen Gegebenheiten wieder.
5. Im Zeichen einer Lebenswelt von Ungleichheiten in den Ressourcen, Widersprüchlichkeiten oder sozioökonomischen und demographischen Merkmalen, „müssen sich Handlungs- und Deutungsmuster vielfach in der Lebenswelt neu profilieren. Gruppen und Individuen wird zugemutet, ihre Lebensräume bewusst zu inszenieren und den eigenen Lebensplan vor sich und anderen zu entwerfen und zu verantworten“ (Thiersch/Grunwald/Köngeter 2012: S.185). Daraus werden Anstrengungen sichtbar, welche viel Kraft und Energie in der Lebensbewältigung binden. Erschwerend gilt es dabei zu berücksichtigen, dass die Gesellschaft in ihren Strukturen und der damit verbundenen Offenheit, also dem teilweise fehlenden haltgebenden Rahmen, der normativen Orientierung entspricht. Welche Ideologie dabei verfolgt wird, bleibt offen und muss mit sich selbst geklärt werden. Das Konzept Lebenswelt greift diese Missstände auf und „ist sensibel […] für die Muster, für die neuen Chancen, aber auch für die Belastungen und Überforderungen in den Gestaltungsaufgaben von Erfahrungsräumen und Lebensentwürfen“ (ebd., S. 186). Soziale Arbeit erhält den Auftrag eine vermittelnde Rolle der Aspekte, hinsichtlich gegebener Gegensätzlichkeiten, Offenheiten und Normen sowie einer erforderlichen Dauerhaftigkeit und Zukunftsorientierung, einzunehmen.

2.1.3 Handlungs- und Strukturmaxime

Im Konzept der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit werden durch Thiersch verschiedenste Richtungsziele benannt, an denen sich Soziale Arbeit, mit derer die darin tätig sind, orientieren und entfalten soll. Insgesamt benennt er Prinzipien der Prävention, der Alltagsnähe, der Dezentralisierung, der Intervention und der Partizipation. Diese Richtschnur bedarf einer differenzierten Betrachtung für einzelne Arbeitsfelder (vgl. BMJFFG 1990: S.85). In der folgenden Darstellung sollen diese am Beispiel der Kinder- und Jugendhilfe verdeutlicht werden.

Der erste Leitsatz der Prävention zielt darauf ab, dass die Bildung von Kompetenzen und die Herausstellung von Ressourcen dahingehend gestärkt werden müssen, dass Krisen und Konflikte im Vorfeld gar nicht erst entstehen bzw. sich dramatisieren. Sie legt ihr Augenmerk auf die „Achtsamkeit rechtzeitig und vorausschauend bereits dann zu agieren, wenn Überforderungen zu erwarten sind“ (Thiersch/Grunwald/Köngeter 2012: S.188). Prävention hat aber auch eine missliche Seite. Die Intentionen müssen gegen eine Pathologisierung und einem „worst-case“ (ebd., S. 189) Szenario geschützt werden. Für die Kinder- und Jugendhilfe bedeutet das, dass vorbeugende Maßnahmen getroffen werden müssen, um krisenhafte Zuspitzungen, wie z.B. vorhersehbare Übergänge von Kindergarten und Schule oder Schule und Beruf, adäquat begegnen zu können. Des Weiteren können unvorhersehbare Ereignisse, wie z.B. Trennung im Elternhaus oder Krankheit Veränderungen der Lebenswelt hervorrufen, auf die es einzugehen gilt.

Die Alltagsnähe / Alltagsorientierung bedeutet die direkte Verfügbarkeit von Hilfen in der Lebenswelt der AdressatInnen. Damit ist eine gute „Erreichbarkeit und Niedrigschwelligkeit von Angeboten“ (Thiersch/Grunwald/Köngeter 2012: S.189) gemeint. Die Bedeutung des Begriffs der Niedrigschwelligkeit erklärt sich in der regionalen Erreichbarkeit und in einem einfachen Zugang zu Hilfen (vgl. BMJFFG 1990, 87). Grundlegend ist diese Maxime in fünf Bereiche gegliedert. Für die Kinder und Jugendhilfe bedeutet das 1. einen guten barrierefreien Zugang. 2. eine Sichtweise die ganzheitlich und situationsbezogen, also die Betrachtung in der Draufsicht auf ein Netzwerk von wechselwirksamen Kräften, ist. 3. Alltagsorientierung meint auch ein Aufgreifen und Verstehen von Mustern des Erlebens, Deutens und Handelns von Kindern und Jugendlichen. Ein partnerschaftlicher Umgang, weg von objektiven Betrachtungsweisen hinsichtlich der Meinungen und Ansichten von AdressatInnen. 4. Alltagsorientierung findet pragmatisch statt, d.h., dass ein Handeln im Alltag am Nützlichen und Praktischen auszurichten ist. Die Konzentration auf das Wesentliche steht dabei im Vordergrund. 5. Lebensweltorientierte Kinder- und Jugendhilfe verhält sich auch kritisch gegenüber idealisierten Auffassungen von Alltag. In der Alltagsorientierung gilt es ein vordergründiges Scheinbild eines funktionierenden Alltags auch zu hinterfragen, um Missstände aufzudecken und einen gelingenderen Alltag zu ermöglichen.

Die Maxime der Dezentralisierung / Regionalisierung zielt auf eine Vernetzung der sich vor Ort befindlichen Hilfen ab. Hierbei sollen vorhandene regionale und lokale Angebote der „traditionellen zentralisierten Organisationsformen“ (Thiersch 1992: S. 31), also der Jugend- und Sozialämter zur Kenntnis genommen, aber auch zur Disposition gestellt werden. Sind diese nicht ausreichend oder erreichen die AdressatInnen nicht, bedarf es einer Entwicklung von neuen Hilfsangeboten. Im 8. Kinder- und Jugendbericht wird in diesem Kontext wie folgt Bezug genommen. Gleichwohl geht es um die „Unterstützung und Ergänzung auch Neustiftung von regionalen Bezügen, Kooperationen und Vernetzungen, also Arbeit am gelingenden Alltag in der Region“ (BMJFFG 1990: S. 86). Die Regionalisierung setzt darauf, dass eine überregionale Steuerung von zentraler Seite zu verhindern ist, um so den Anspruch von sozialer Gerechtigkeit und einem Ausgleich von Ungleichheiten (z.B. zwischen Stadt und Land oder Regionen) gerecht zu werden (vgl. Thiersch 1992: S. 31).

Integration richtet ihr Augenmerk auf „eine Lebenswelt ohne Ausgrenzung, Unterdrückung und Gleichgültigkeit“ (Thiersch/Grunwald/Köngeter 2012: S.189). Hilfsangebote sollen für alle geöffnet werden. Die Herausforderung von Integration liegt in einer abzuwendenden Egalisierung. Lebenskonstellationen und -entwürfe sollen dahin gehend erweitert werden, sodass ein breiteres Spektrum in die Sichtweise des „normalen“ fällt und infolgedessen Toleranz erfährt. In der Kinder- und Jugendhilfe bestehen hier laut Kinder- und Jugendbericht umfassende Entwicklungsaufgaben (vgl. BMJFFG 1990: S. 88).

Die Partizipation, also die Teilhabe / Mitbestimmung, zielt auf eine grundlegende Wahrnehmung von „Beteiligungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten“ (Thiersch/Grunwald/Köngeter 2012: S.189) ab. Sie bildet den Grundsatz zur Herstellung von Gleichheit zwischen Hilfesuchenden und HelferInnen. „Diese ist in den unvermeidlich gegebenen Unterschiedlichkeiten zwischen denen, die auf Hilfe angewiesen sind und denen, die sie gewähren - […] zwischen Nichtprofessionellen und Professionellen – herzustellen“ (ebd.). Ressourcen wie die Möglichkeit der ausreichenden, gleichberechtigten Mitsprache und Mitbestimmung bedürfen einer Berücksichtigung, um partizipieren zu können. Sie bedarf des Schutzes und einer „Institutionalisierung von Einspruchs- und Beschwerderechten“ (ebd.)

Die Handlungsmaxime im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe bietet den Leitfaden für eine ganzheitliche Anwendung in den unterschiedlichsten Positionen und Arbeitsaufgaben. Um diese in ihrer Entwicklung zu begünstigen, bedarf es Handlungsmomente, die Thiersch in vier verschiedene Aspekte unterteilt hat.

Lebensweltorientierte Kinder- und Jugendhilfe muss das vielfältige Repertoire an Angeboten und Möglichkeiten für AdressatInnen vernetzen. Denn ein „Nebeneinander unterschiedlicher Arbeitsansätze [führt] zu einem Gegen- und Nebeneinander, in dem Kräfte überflüssig verschlissen werden, die, wären sie effektiv koordiniert, sicher eine beträchtliche Leistungssteigerung in den Angeboten ergäben“ (Thiersch 1992: S. 35).

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Soziale Arbeit zwischen Hilfe und Kontrolle
Untertitel
Können zeitliche Vorgaben und Handlungsleitfäden in der Hilfeplanung mit der Lebensweltorientierung nach Thiersch konform sein?
Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin
Note
1.0
Autor
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V960582
ISBN (eBook)
9783346305336
ISBN (Buch)
9783346305343
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale, arbeit, hilfe, kontrolle, können, vorgaben, handlungsleitfäden, hilfeplanung, lebensweltorientierung, thiersch
Arbeit zitieren
Markus Richnow (Autor), 2018, Soziale Arbeit zwischen Hilfe und Kontrolle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/960582

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