Erziehung, Bildung, Ausbildung der Stände in den Nomoi und deren Funktion in Platons Staatsidee


Seminararbeit, 1998

24 Seiten, Note: 1,3


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Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 BEGRIFFSBEDEUTUNGEN BEI PLATON
2.1 ERZIEHUNG
2.2 BILDUNG
2.3 AUSBILDUNG
2.4 STÄNDE

3 STÄNDEERZIEHUNG, -BILDUNG UND -AUSBILDUNG IN DEN NOMOI
3.1 STÄNDEERZIEHUNG IN DEN NOMOI
3.2 STÄNDEBILDUNG IN DEN NOMOI
3.3 DIE STÄNDEAUSBILDUNG IN DEN NOMOI

4 FUNKTION DER PÄDAGOGISCHEN KOMPONENTE IN PLATONS STAATSIDEE

LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

Platons 'Nomoi', sein Alters- und Nachlaßwerk, beschäftigt sich mit tiefgreifenden Erörterungen über Staat und Gesetzte, Ethik und Kulturphilosophie.

Zwar beschäftigt sich Platon auch in seinem Frühwerk, der 'Politeia', mit genau diesen Aspekten, allerdings sieht Platon seine 'Gesetze' unter einem anderen Aspekt, es ist ein Staat für Götter und Göttersöhne.1

Stand im "... Mittelpunkt des 'Staates' [...] die Ideenlehre und die Idee des Guten"2, so bildet sich der Mittelpunkt der 'Gesetze' aus der Betrachtung der Bildung und Elementarbildung.

Doch wie fand diese Bildung und Ausbildung konkret statt? Wie sah Platon die Erziehung, Bildung und Ausbildung der einzelnen Stände? Diese Fragen bilden den Schwerpunkt des zu behandelnden Themas.

Im nachstehenden Text werden die Aspekte der Ständeerziehung-, bildung- und ausbildung dargelegt und erläutert werden, zunächst mit einzelnen Begriffsdefinitionen, in der weiteren Arbeit konkret mit der Auseinandersetzung mit den o.g. Fragestellungen.

Das Werk der 'Nomoi' ist in Dialogform zwischen "Dem Athener", "Kleinias" und dem Gastfreund aufgebaut. Der Dialog war die damals übliche Form der schriftlichen Niederlegung.

Anzumerken sei hier noch, daß nicht Platon dieses Werk als 'Gesetze' bezeichnete, sondern daß erst nach seinem Tod durch seinen Schüler und Helfer Philippos von Opus das Werk seinen heutigen Namen erhielt und durch diesen auch publiziert wurde.3

2 Begriffsbedeutungen bei Platon

2.1 Erziehung

Der Begriff der Erziehung nimmt einen großen Teil in den 'Gesetze' ein. Im zweiten Buch sind die Ziele der Erziehung und die Erziehung selbst definiert.

Die Erziehung besteht zunächst in der richtigen Erzeugung von Lust- und Schmerzgefühlen, geleitet durch menschlichen Einfluß.4

Der weitere Einfluß auf die Erziehung wird durch die Götter geleitet, lediglich aus Mitleid dem Menschen gegenüber, welcher die Erziehung "... häufig vernachlässigt und verkehrt ..."5 anwendet.

Demnach findet Erziehung durch "... die Musen und durch Apollon"6 statt und bedeutet in Platons Sinne, daß Menschen, welche sich vorbildlich in musischen Dingen bewegen können, auch vorbildlich erzogen worden sind. Dieser Ansatz eines Erziehungsverständnisses zeigt sich auch in der Organisation der damals vorhandenen Schulen. Grundlegende Lehrfächer waren hier die griechische Dichtung und die Ausbildung im Gesang.7 Parallel dazu existierten sogenannte "Gymnasien", in denen die Knaben wohlhabender Bürger in ihrer körperlichen Gewandtheit geschult wurden. So ergab sich eine Erziehungskombination aus musischer Erziehung und körperlicher Ertüchtigung.

Diese Form der Erziehung begann schon in frühester Kindheit und bildete dann genau das heraus, was Platon in seinen 'Gesetzen' als Erziehung versteht, nämlich daß "... die richtige Erziehung sich durchaus als eine zeigen muß, die Leib und Seele zu den schönsten und besten zu machen vermag ...".8

2.2 Bildung

Ziel der Bildung ist es, "...die von Kindesbeinen an einsetzende Erziehung zur Arete ... , die in dem Menschen das Verlangen weckt, ein vollkommener Bürger zu werden, der gelernt hat, dem Rechte gemäß zu befehlen und zu gehorchen".9 Dies geschieht durch Anwendung verschiedenster Lehrfächer, wobei auch hier, genau wie in der Erziehung, zwischen zwei grundlegenden Bildungsrichtungen unterschieden wird: zum einen die Bildung des musischen Bereiches und zum anderen die Bildung auf dem Gebiet der körperlichen Ertüchtigung.10

Auf dem Gebiet des musischen Bereiches unterscheidet Platon folgende Fächer: die Bildung der Chöre, Gesänge und Tänze, die Kriegskunst, das Leierspiel und das Rechnen. Weiterhin sollen Kenntnisse über Astronomie und Astrologie vermittelt werden.11 Die zu diesem Zweck gebrauchte Literatur bestand vornehmlich aus verschiedensten Gedichten und den Aufzeichnungen der Lehrer.12

Das Gebiet der körperlichen Ertüchtigung umfaßte folgende Fächergruppen:

gymnastische Übungen und Tänze, praktische Übung des Kriegerhandwerkes wie "Bogenschießen und Wurfübungen aller Art, ... [verschiedenartige] Kämpfe der Leicht- und Schwerbewaffneten ..."13 und diverse Übungen im Marschieren, Aufrichten von Feldlagern und Unterweisung in der Reitkunst.14

Die Lehrer, welche die Kinder und Jugendlichen in den oben genannten Künsten unterrichteten waren vom Staate besoldet und unterrichteten sowohl Knaben und Männer als auch Jungfrauen und Frauen, letztere brauchten allerdings nur solange an der praktischen Ausbildung teilnehmen, bis sie verheiratet waren.15 Der Grund hierfür liegt darin, daß sich die Erziehung, Bildung und Ausbildung primär auf das männliche Geschlecht bezog und sich die Frauen, sobald sie Mütter waren, um die Familie zu kümmern hatten.

Grund für diese komplexe Ausbildung gerade auf dem Gebiet der Kriegskunst war es, ähnlich wie in Sparta, eine komplette Sicherung der Stadt16 sicherzustellen, sollten aufgrund eines Krieges alle wehrfähigen Männer sich nicht in der Stadt befinden.17

2.3 Ausbildung

Nachdem nun aufgezeigt wurde, was in den 'Gesetzen' unter Erziehung zu verstehen war und wie sich in Grundzügen die Bildung gliederte wird im folgendem gezeigt , mit welchen Methoden der angehende Bürger zu den Erziehung- und Bildungszielen gebracht wurde.

Wie oben bereits angeführt, wurden die Kinder schon kurz nach ihrer Geburt in die Obhut von Ammen gegeben, um sie nicht dem ungeübten Einfluß der Eltern auszusetzen, sondern sie von vornherein von ausgebildeten Erziehern auf das Leben im Staat vorbereiten zu lassen. Nachdem die Kinder von Ammen so weit erzogen waren, daß sie damit beginnen konnten, weiter auf das Leben im Staat vorbereitet zu werden, wurden sie in die Obhut der Lehrer für geistige und körperliche Ausbildung übergeben.18

Insgesamt dauerte die Ausbildung zum Staatsbürger für das männliche Geschlecht bis zum fünfzigstem Lebensjahr, dann "... [war] der Mann reif, nunmehr selbst zu philosophieren und, wenn die Reihe an ihn kommt, ein hohes politisches Amt zu übernehmen."19

2.4 Stände

Die Grundabsicht der 'Gesetze' lag darin, daß "... die Bürger so glücklich und so befreundet untereinander werden wie möglich ...".20

Für Platon ergab sich das Problem , daß es immer wieder materielle Streitigkeiten unter den Menschen geben werde, solange einer mehr von einer Sache habe als ein anderer. Auf der anderen Seite anerkannte Platon allerdings auch den durch Leistung erworbenen materiellen Reichtum.21 Mit diesem Zwiespalt behaftet entschloß Platon sich nun, die in 'seinem Staat' wohnende Bevölkerung in insgesamt vier Vermögensklassen einzuteilen, je nach Menge des miteingebrachten Vermögens.22 Vorteil dieser Vermögensklassen sollte es sein, "... Staatswürden, Beisteuern und Verteilungen nach Schätzung des jedem Gebührenden ..."23 zu bestimmen, sprich die Verteilung von öffentlichen Ämtern, das Zahlen von Steuern und der Empfang staatlicher Unterstützung nach dem Vermögen und Erwerb festzulegen.

Desweiteren gab es noch die Klasse der Sklaven, welche zum einen möglichst aus verschiedenen Teilen der damals bekannten Welt zu kommen haben,24 und zum anderen sollten diese von ihrem Besitzer möglichst gut behandelt werden, um eine eventuelle Revolte zu vermeiden.25

3 Ständeerziehung, -bildung und -ausbildung in den Nomoi

3.1 Ständeerziehung in den Nomoi

Werden die 'Gesetze' aufgeteilt betrachtet, so ist zu erkennen, daß "Erörterungen über [die] Erziehung ..."26 einen breiten Raum einnehmen, nämlich die ersten zwei Bücher und das 7. Buch. Daraus ist zu folgern, daß die Erziehung für Platon einen wichtigen Aspekt in seinem Staat einnahm und deswegen auch in dieser Arbeit besonders behandelt wird. Die Erziehung gliedert sich in den 'Gesetzen' in fünf Abschnitte. Zum einen wird die Früherziehung behandelt. Diese dauert von der Geburt bis zum sechsten Lebensjahr und beinhaltet zum einen eine Erklärung über die Wichtigkeit der Erziehung, den Einfluß der Bewegung auf die Erziehung, die Erziehung bis zum dritten Lebensjahr und die Bedeutung der ungeschriebenen Gesetze für die Erziehung vom dritten bis zum sechsten Lebensjahr.27

Der nächste Abschnitt beschäftigt sich mit der Erziehung nach dem sechsten Lebensjahr. Dieser Abschnitt wird wiederum unterteilt in diverse Unterabschnitte, welche einen fließenden Übergang in die Ausbildung der Stände darstellen und aus diesem Grunde erst zu einem späteren Zeitpunkt behandelt werden.

Innerhalb dieses Abschnittes werden folgende Elemente der Erziehung behandelt: die Schulbauten und die Schulpflicht sowie dieErwachsenen und deren Zeiteinteilung.28

Weiterhin soll der Schüler für die Verbundenheit der Gymnastik mit kriegerischen Übungen sensibilisiert und mit den Gattungen des Tanzes sowie mit der Tragödie und Komödie vertraut gemacht werden; weitere Unterrichtsinhalte ergeben sich durch die mathematischen Wissenschaften und ihre göttliche Notwendigkeit, dem Rechnen und der Meßkunst, die Sternkunde und der Jagd und ihre Arten.29

Auf die oben genannten Erziehungsinhalte wird nun im folgenden eingegangen.

Wie schon Eingangs erwähnt lag es im Sinne Platons, durch die Erziehung "... Leib und Seele zu den schönsten und besten zu machen..."30. Um dies Ziel zu erreichen sollte die Erziehung des Kindes primär durch körperliche Ertüchtigung erfolgen, und zwar schon im Leib der Mutter. Diese Ertüchtigung sollte von der Mutter ausgeführt werden, indem sie sich während ihrer Schwangerschaft sehr viel bewegt und viel arbeitet und somit die dadurch hervorgerufenen Erschütterungen auf den Fötus übergehen. Diese Bewegung solle möglichst ununterbrochen andauern und wirke sich nicht nur auf die positive Entwicklung des Körpers und des Geistes sondern auch auf die der Seele aus.31

"Wie soll denn nun also der gesamte Staat diejenigen auferziehen, die, der Sprache noch unkundig, auch für die andere Unterweisung noch unkundig sind?"32

Mit dieser Bemerkung leitete Platon die Betrachtungen über die Erziehung von der Geburt bis zum dritten Lebensjahr ein, die Kleinkinder wurden der Obhut ihrer Mutter entzogen und unter die Aufsicht von Wächterinnen33 gestellt.

Die erste Aufgabe dieser Wächterinnen bestand darin, "zu erforschen ..., was das Kind ... [begehrte] ..., wobei es nämlich, wird es ihm dargereicht, schweigt...".34

Weiterhin sollten die Wächterinnen darauf achten, daß sie das Kind in einem gerechtem Mittel zwischen Leid und Schmerz sowie Lustgefühlen zu erziehen hatten, denn "... ein richtig eingerichtetes Leben [solle] weder den Lustgefühlen nachjagen noch auch die schmerzlichen durchaus fliehen, ... was ... mit dem Namen heiter..."35 bezeichnet wurde.

Es war für Platon wichtig, daß ein Mensch zu einem, wie er es nennt, heiterem Gemütszustand erzogen würde, da dies am ehesten gottähnlich sei und somit zum funktionieren des Staates beitragen könne.36

Platon setzte mit der Formulierung "heiter" ein typisch menschliches Verhalten in seinen Erziehungsbegriff ein, nämlich den, daß Menschen selten extreme Verhaltensweisen zeigen, sondern daß sie sich meist für einen Mittelweg entscheiden. Dies ist mit eine Grundvoraussetzung für das menschliche Miteinander in der Gemeinschaft.

Die oben erwähnten Erziehungsgegenstände waren und sind immer noch grundlegend für das Erziehungsverständnis, obwohl sie nirgends schriftlich festgehalten wurden. Sie stellen Normen dar, welche für jeden Menschen selbstverständlich sind.

So nannte Platon diese Erziehungsgegenstände auch "ungeschriebene Gesetze"37, welche er für sehr wichtig hielt, denn "...sie sind das die gesamte Staatsverfassung Zusammenhaltende, indem sie zwischen den schriftlich aufgezeichneten und niedergelegten und den noch aufzuzeichnenden Gesetzen insgesamt mitteninne liegen ..."38.

Diese Verbindung von Gewohnheiten und Gesetzen ist es, was Platon zum Mittelpunkt seiner Ausführungen über die Erziehung der drei- bis sechsjährigen machte. Es war für ihn wichtig, daß Kinder beiden Geschlechts während dieser Zeit die ungeschriebenen Gesetze zu erlernen hatten, was seiner Meinung nach durch die Förderung des kindlichen Spieltriebes vonstatten zu gehen habe.39

Durch die Wärterinnen, welche immer noch die Aufsicht über die Kinder zu führen haben, sind die von den Kindern durchgeführten Spiele zu beobachten und dabei eventuell auftretende Verstöße gegen diese ungeschriebenen Gesetze zu sanktionieren, allerdings in einer Form, welche die Entwicklung der Kinder nicht einschränkt und auch das Ehrgefühl der Kinder nicht verletzt. Es sei nicht zulässig, daß die Kinder durch diese Sanktionen die Spiele, welche während einer Sanktionierung gespielt wurden, vernachlässigen, sondern das Ziel solle sein, die Handlungsweisen, die zu der Sanktionierung geführt haben, zu erkennen und in der Zukunft zu unterlassen.40

Ebenso wie die heranwachsenden Kinder der oben erwähnten Altersklasse durch das Spiel die gesellschaftlichen Normen erlernen sollten, hielt Platon es für wichtig, sie auch schon in das gesellschaftliche Leben einzuführen, indem sie sich regelmäßig "... bei den in den Gemeinden befindlichen Tempeln zusammenfinden, gemeinsam alle der Gemeindebewohner bei demselben."41

Platon greift hier den in der Polis entwickelten Gedanken der Agora42 auf, wo sich regelmäßig alle Bürger einer Polis trafen, um sich über gesellschaftspolitische Themen auszutauschen. Indem nun die Kinder schon in diesem frühen Alter in die Gemeinschaft integriert werden, lernen sie das Verhalten in der Gesellschaft.

Die Wächterinnen übernehmen auch hier, wie im Spiel, eine Aufsichtsrolle, "... müssen ... darauf achthaben, ob ... [die Kinder sich] anständig ... betragen oder ungezogen sind."43

Den direkten Anschluß an die Erziehung der drei- bis sechsjährigen bildete die Erziehung der Kinder, welche das sechste Lebensjahr vollendet hatten. Die Erziehung, welche bis zu diesem Zeitpunkt geschlechterunabhängig durchgeführt wurde, wurde nun getrennt, d.h., daß Knaben und Mädchen getrennt voneinander durch unterschiedliche Lehrer Erzogen wurden.44

Es sollte damit begonnen werden, die für Platon wichtigen geschlechterspezifischen Unterrichtsinhalte zu vermitteln. Welche dies im speziellen sind, wird an späterer Stelle in dieser Arbeit erläutert.

Für Platon stand fest, daß die Erziehung nur durch eine Schulpflicht - eine zu dieser Zeit sehr moderne Ansicht - erfolgreich vonstatten gehen könne.45 Zu diesem Zweck sah er es für nötig, geeignete Lehrer zu stellen. Es war zu erwarten, daß die Lehrer, so wie Platon sie sich vorstellte, nicht unbedingt Mitglieder seines Staates zu seien haben, und so mußten "... um Lohn gedungene, fremde Lehrer, die da wohnten [in den Schulgebäuden] den Unterricht ... erteilen ..."46

Die von Platon angeregten Gedanken über eine Schulpflicht, zum einen für Knaben und zum anderen auch für Frauen, waren für die damalige Zeit geradezu revolutionär. Bis zu diesem Zeitpunkt nämlich, waren die Frauen in kaum einer Weise dem Manne ebenbürtig, und genau dies änderte Platon innerhalb seiner 'Gesetze'. Er stellte die Frau dem Mann nahezu gleich, indem er verlangte, daß auch Frauen in Grundzügen die gleiche Erziehung zu erhalten hatten wie Männer. Dies sollte zwar, wie o.g., getrennt verlaufen, doch das Ergebnis habe im endgültigen Zustand nahezu gleich zu sein. Um zu verdeutlichen, daß diese Idee keinesfalls undenkbar wäre, fügte Platon in seinen Ausführungen Vergleiche zu bestehenden griechischen Sagen an, die genau dieses Thema, nämlich die Gleichberechtigung der Frau, ansprachen.47

Im weiteren Verlauf der 'Gesetze' machte Platon einen großen zeitlichen Sprung. Nachdem die Betrachtungen über die Erziehung ab dem sechsten Lebensjahr abgeschlossen waren, folgten in direktem Anschluß die Betrachtungen über die Lebensweise der Erwachsenen, welches sicherlich noch in den Bereich der Erziehung hineinfällt, da es festgelegt war, daß der Mensch erst im Alter von 50 Jahren vollständig erzogen war, da er von diesem Zeitpunkt an gesellschaftliche Ämter übernehmen konnte.48

Für Platon stellte sich die Frage, in welcher Weise er die Lebensweise der Erwachsenen festzulegen habe. Richteten sich die Erwachsenen nach den ihnen verbliebenen Aufgaben innerhalb der Gemeinschaft, so würde "... jeder derselben nur lebe[n], um sich in der Weise eines Tieres [zu] mästen ..."49, da alle anderen Aufgaben, wie z.B. der Landbau, von Sklaven erledigt wurden.

Da Platon dies aber vermeiden wollte, versuchte er, Regelungen über den Tagesablauf dieser von ihm "Freien" genannten Einwohnergruppe50 zu regeln, ohne die persönliche Freiheit allzusehr einzuschränken. So wurde festgelegt, daß diese Freien während der Tageszeit sich auf besondere Wettbewerbe vorzubereiten und seinen Körper dafür zu schonen ("Darf doch keine Nebenbeschäftigung unter den übrigen Beschäftigungen ein Hindernis werden für die Zuteilung der dem Körper angemessenen Anstrengung und Nahrung und der der Seele angemessenen Kenntnisse und Gewohnheiten;..."51 ). Die in diesem Zitat angesprochenen Beschäftigungen waren diese, welche die einzelnen Person für den Staat zu leisten hatte. War die Beschäftigung getan, so hatte man sich von dieser zu erholen, um weiteren, dem Staat dienlichen Aufgaben nachzukommen.

Auch für die Zeit des Schlafes stellte Platon Forderungen an "seine" Bürger, nämlich daß diese ständig wachsam zu seien haben, um den Staat zu schützen, da dies nicht nur die Aufgabe der für diesen Dienst abgestellten Bürger sei. Diese Wachsamkeit sei simpel zu erlangen, da der Bürger nicht die ganze Nacht mit schlafen zu verbringen habe, was ungesund für seinen Körper und seine Seele sei.52

Abschließend zu den Betrachtungen über die Erziehung ist festzuhalten, daß zwar ein großer Teil der Erziehung den Eltern aus der Hand genommen wurde, es allerdings nie zu einem völligen erliegen der Eltern-Kind- Beziehung kommen sollte. Georg Picht verweist zu dieser Tatsache auf eine existierende anthropologische Konstante, welche einen naturgemäßen Anspruch der Eltern auf ihre Kinder festlegt. Picht zieht zu diesem Effekt eine Parallele in die moderne Zeit, nämlich 1945, wo es zu einem völligen erliegen der öffentlichen Institutionen kam. Durch diese Tatsache verbrachten die Kinder den ganzen Tag mit ihren Eltern. Probleme würden nur durch die Abgrenzung dieser anthropologischen Konstante bereitet.53

3.2 Ständebildung in den Nomoi

Der Begriff der Bildung nimmt, verglichen mit den Aspekten der Erziehung und Ausbildung, lediglich einen geringen Teil innerhalb des Gesamtwerkes der 'Nomoi' ein. Platon ist sich bewußt, daß Bildung unabkömmlich ist, daß man sich allerdings nur auf die wichtigsten Aspekte der Bildung beschränken solle. Er lehnt ein allgemeines Bildungssystem, so wie es von der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts n. Chr. an in Europa zu finden ist, grundsätzlich ab. Der Grund für diese ablehnende Haltung liegt in Platons Staatsverständnis, nämlich daß nur die Bildungsaspekte wichtig sind, die sich positiv in die Lebensordnung der Polis einordnen lassen.54

Wie schon Eingangs erwähnt, ist das Erreichen einer vollständigen Bildung das höchste Ziel des Polis-Bürgers55 und sollte diese Bildung einmal verloren gehen, "... so muß jeder sein Leben lang aus allen Kräften..."56 versuchen, diese Bildung wiederherzustellen, sollte dies möglich sein. Um nun zu dieser vollständigen Bildung zu gelangen, teilte Platon seine Bildungsinhalte in verschiedene Teilaspekte auf, betrachtete den Sinn und Zweck der Gymnastik, die einzelnen Lehrgegenstände, welche sich aus den Anforderungen an der Erziehung ergaben und verband diese Bildungsinhalte mit Forderungen an die von ihm angeworbenen Lehrkräfte.57

Platon ging davon aus, daß es am einfachsten sei durch das Erlernen musischer Künste auf den von ihm verlangen Bildungsstand zu gelangen. Nachdem die Grundbildung, welche mit der Erziehung bis zum 10. Lebensjahr gleichzusetzen ist und das Erlernen von lesen und schreiben beinhaltete, abgeschlossen war, hielt Platon es für wichtig mit dem Erlernen der musischen Künste, speziell mit dem Erlernen des Leierspieles, zu beginnen. Dies sollte einen Zeitraum von nicht mehr und nicht weniger als drei Jahren einnehmen und konnte weder durch die Eltern des Kindes noch durch das Kind selbst verkürzt oder verlängert werden.58

Das das erlernen der Lese- und Schreibkunst sowie das Erlernen des Leierspieles für Platon wichtig war, wurde oben bereits erläutert. Doch es stellte sich Platon ein weiteres Problem, welches auf das oben genannte Bildungsverständins Platons abzielte. Er stellte sich die Frage nach geeigneter Literatur59, welche zur Durchführung seiner Bildungsinhalte notwendig war.

Zum Entstehungszeitpunkt der 'Nomoi' existierte eine große Auswahl an verwendbarer Literatur, doch was sollte im konkreten behandelt werden und wie sollte die dann ausgewählte Literatur vermittelt werden? Platon entschloß sich, Gedichte aus zwei verschiedenen Richtungen für seine Bildung zuzulassen: zum einen Gedichte mit ernstem Charakter und zum anderen Gedichte mit humorvollem Charakter, um die Bildung bzw. den Unterricht nicht allzu straff zu gestalten. Außerdem sollten nicht alle Gedichte durch den Schüler auswendig gelernt werden, sondern nur gewisse Passagen, welche für das Erreichen des Bildungszieles nützlich erschienen.60

Desweiteren hielt Platon es für wichtig, daß die Jugend in gymnastischen Übungen zu unterrichten sei, um die schon in den Abhandlungen über die Erziehung für so wichtig gehaltene Bewegung auch im fortgeschrittenem Kindes- und Jugendalter fortzusetzen. Nah verbunden mit den gymnastischen Übungen wurde die Bildung in den Künsten des Tanzes, welche für Platon eine annähernd gleichwichtige Position einnahm wie das erlernen gymnastischer Übungen.61

Nachdem nun hauptsächlich die Bildung in den musischen und körperlichen Künsten behandelt wurde, wird nun zu der Bildung auf dem naturwissenschaftlichen Sektor übergegangen. Dieser Bildungszweig beschäftigte sich in dem Erlernen der mathematischen Wissenschaften und deren Beziehung zu den Gottheiten, das verstehen des Rechnens und der Meßkunst sowie die Beschäftigung mit der Sternkunde.62

Die oben genannten Bildungsinhalte nahmen eine Sonderstellung ein, sie wurden im Grunde genommen zweigeteilt. Platon verlangte, daß die Lehren der Mathematik und der Astronomie zur Volksbildung werden sollten und nicht nur, wie in seinem Frühwerk 'Politeia', einer ausgewählten Elite zugänglich zu machen seien. Differenziert wurde in der Masse des zu erlernenden Stoffes, da es nahezu unmöglich für die gesamte Bevölkerung sei, den vollständigen Stoff dieser Wissenschaften zu verinnerlichen. Das Privileg des Erlernens des vollständigen wurde nur einer ausgewählten Anzahl von Personen im Staate zugänglich gemacht, welche die Führungsspitze desselben zu bilden hatten63. Durch diese Forderung rückte die Mathematik als erste Wissenschaft auf eine für jeden Bildungsgrad verständliche pädagogische Stufe.64

Es ist zu erkennen, daß Platon in einigen Ausführungen der 'Gesetze' auf das Volk der Ägypter verweist, welche zum Entstehungszeitpunkt der 'Nomoi' das mit am fortschrittlichsten geltende Volk darstellten. Besonders in den Betrachtungen über die Grundsätzlichkeit der Mathematik ist bei dem Verweis auf die Ägypter eine Art Neid zu erkennen. Aus dem Wortlaut des Atheners geht dies deutlich hervor: "Soviel also, darf man behaupten, müssen die Freien von jedem lernen, wie in Ägypten selbst eine große Menge Knaben neben den ersten Anfangsgründen erlernt."65 Dieses Zitat zeigt, daß die Ägypter das, was Platon zu erreichten dachte, schon erreicht hatten und es auch in die Elementarbildung miteinbezogen hatten. Platon beabsichtigte demnach, Teile des ägyptischen Bildungssystems in das seinige einzugliedern.66

Und ebenso, wie Platon die Art und Weise der ägyptischen Mathematikbildung aufnahm, nahm er auch die von den Ägyptern aufgestellten astronomischen Lehren und Thesen in sein Bildungssystem mit auf.67

3.3 Die Ständeausbildung in den Nomoi

Während der vorhergehenden Betrachtungen wurde zum einen die Erziehung und zum anderen die Bildung in dem Maße verdeutlicht, wie Platon sie gerne in seinem Staat gesehen hätte. Dies stellte den Idealzustand für Platon dar.

Ebenfalls wurde herausgestellt, daß eine Enge Beziehung zwischen der Erziehung und der Bildung bestand. Die Ausbildung der Stände schließt sich an diese Beziehung mit an. Verdeutlicht werden kann diese Beziehung, indem die von Philippos von Opus Einteilung der 'Gesetze' betrachtet werden. Hier läßt sich erkennen, daß das gesamte siebte Buch der 'Nomoi' von der o.g. Beziehung berichtet, indem die Probleme einer adäquaten Erziehung, Bildung und Ausbildung dargelegt und erörtert werden. In den einzelnen Teilabschnitten dieses siebten Buches wird immer wieder zwischen den Erörterungen der einzelnen drei Teilgebiete gewechselt, was auf eine eindeutige Vermischung derselben hindeutet.68

Im vorangegangenen Teil dieser Arbeit wurde oftmals die Wichtigkeit der Bewegung dargelegt, deren Gründe einleuchtend von Platon beschrieben wurden. Doch welche Anforderungen stellte Platon an die vom Staat eingesetzten Lehrkörper? Der folgende Abschnitt wird sich mit der Klärung dieser Fragen näher beschäftigen.

Um die Lehrer von den übrigen Bewohnern des Staates abzugrenzen, stellte er bestimmte Forderungen an dieselben. Zum einen wurden sie nicht unbedingt aus dem Volke rekrutiert und zum anderen wurden sie auch für ihre Arbeit vom Staat bezahlt.69 Es ist also davon auszugehen, daß es eine Art von 'Verbeamtung' innerhalb des Platon`schen Staates gab.70 Dadurch, daß Platon eine allgemeine Schulpflicht für die Kinder der freien Bürger forderte, resultiert auch der Umstand, daß das Schulwesen von der Staatsführung aus geleitet wurde. Es erfolgte die Bildung einer eigenen Regierungsabteilung für das Bildungswesen, welcher ein Unterrichtsminister vorstand. Dieser Unterrichtsminister sollte das Alter von 50 Jahren nicht unterschreiten und wurde aus den Reihen des Staatsrates, den sog. "Gesetzeswächtern", in geheimer Wahl innerhalb eines feierlichen Rahmens gewählt. Der Grund für diese Altersgrenze liegt wiederum in der Ansicht Platons, daß ein Mann erst dann erwachsen ist, wenn er das fünfzigste Lebensjahr vollendet hat. Das Amt des Unterrichtsministers sollte auf fünf Jahre begrenzt sein und die Möglichkeit zur Wiederwahl bestand nicht.71

Desweiteren stellte Platon auch Anweisungen für die Lehrmeister der Dichtung auf, welche besagten, daß ein Lehrer nicht nur die Kenntisse über die einzelnen Dichter und ihre Werke zu besitzen habe, sondern daß es für diese auch wichtig sei, innerhalb der einzelnen Werke zu differenzieren. Zu der Zeit Platons war es üblich, die Inhalte aller bekannten Dichtungen auswendig zu lernen, was dann mit Bildung gleichzusetzten war. Das Ziel Platons bestand allerdings darin, der heranwachsenden Jugend nur einen Teil dieser Dichtungen aufzulegen, um eine stoffliche Überlastung zu vermeiden. Aus diesem Grunde hielt Platon es für angebracht, Lesebücher mit den wichtigsten Gedichten durch die Lehrer anfertigen zu lassen.72

Weitere Anweisungen für die Lehrmeister der Tanzkünste und des Leierspieles folgen, welche im einzelnen im Grunde nur die Anforderungen an den Lehrmeister der Dichtung wiedergeben. Fakt war, daß die Lehrer, welche vom Unterrichtsminister ausgewählt wurden, zum einen hinter den Bildungsvorgaben der 'Nomoi' zu stehen hatten73 und zum anderen mußten sie Spezialisten auf ihrem Gebiet sein, um den Anforderungen an einen Lehrer zu genügen.74

Einen besonderen Teil innerhalb der Ausbildung nahm die militärische Ausbildung ein. Grundsätzliche Ausbildungsgegenstände auf dem militärischen Sektor waren durch die Erziehung in der frühen Kindheit schon gegeben, sowohl Jungen als auch Mädchen erlernten während ihrer gymnastischen Ausbildung Grundzüge im Umgang mit Waffen und Kampfdisziplinen.75

Die Notwendigkeit der Ausbildung auf dem Gebiete der Kriegskunst hatte zwei Gründe. Zum einen galt es während Feierlichkeiten zu Ehren eines Gottes76 "... neben den Opfern stets einige wohlanständige Ergötzlichkeiten zu ersinnen, damit gewisse Festkämpfe stattfinden, welche möglichst getreu die kriegerischen nachbilden"77 und zum anderen galt diese Vorbereitung der inneren und äußeren Sicherheit des Staates.

Diese Sicherheit des Staates war durch mehrere Faktoren zu beeinflussen. Platon hatte den revolutionären Charakter seiner Staatsidee erkannt und verglich diese mit anderen bereits existierenden Staaten. Anhand dieses Vergleiches erkannte er, daß "... niemand unter den jetzt bestehenden Staaten einen finden dürfte, welcher freie Anwendung der Zeit und das Nötige so gewährt..."78 wie es in seiner Staatsidee zu finden war. Hierin erkannte er eine Eventualität des aufkeimenden Neides benachbarter Staaten. Aus diesem Grunde hielt Platon es für notwendig, eine wehrfähige Bevölkerung zu schaffen und diese auch durch ständiges Üben zu erhalten, da es unklug wäre, "... im Kriege für den Krieg..."79 sich einzuüben. Aus dieser Einsicht heraus folgernd, forderte Platon, daß es, um eine ständige Wehrbereitschaft zu erhalten, nötig sei, mindestens einmal pro Monat diese zu üben und das unter Umständen die ganze Bevölkerung sich an diesen Übungseinheiten zu beteiligen habe.80

Diese Übungseinheiten sollten einen nach Möglichkeit sehr realistischen Charakter besitzen. Es sollten, wenn auch relativ ungefährliche, doch richtige Waffen eingesetzt werden. Für den Fall, daß jemand während einer solchen Übung den Tod finden sollte, bestimmte Platon, daß der betroffene Täter keinen Mord begangen habe und das dieser vom Gericht freizusprechen sei.81

Soweit zur Ausbildung der Stände. Festzuhalten sei noch, daß sich sämtliche Erziehungs-, Bildungs- und Ausbildungsinhalte auf alle freien Stände bezogen und daß lediglich die Sklaven von diesen Gegenständen ausgeschlossen wurden, da diese nur für die Art von Arbeit genutzt wurden, die sich zu erledigen für einen Freien nicht ziemte.82

4 Funktion der pädagogischen Komponente in Platons Staatsidee

Wird die erste Staatstheorie Platons, die 'Politeia', hinsichtlich diese Fragestellung betrachtet, so ist zu erkennen, daß sich "... dieser Staat nicht auf geschriebene Gesetze, sondern auf eine zur Zucht gewordenen Erziehung"83 gründet. In den 'Nomoi' allerdings gründet sich der Staat zunächst auf die erlassenen Gesetze, welche erst durch die Erziehung zur richtigen Geltung kommen.

Durch die Anwendung dieser Erziehung im Zusammenhang mit der Bildung und Ausbildung entstand in Verbindung mit der "Peideia" ein großes Werk der Erziehung. Ziel dieser Erziehung ist das Verständnis derselbigen. Jaeger stellt zur Erläuterung dieses Sachverhaltes einen Vergleich zwischen einem Sklavenarzt und einem Arzt der freien an, indem er beschreibt, daß ein Sklavenarzt Vorschriften an den Kranken ohne jegliche Erklärung abgibt, wohingegen der Arzt der Freien versucht, dem Erkrankten die Ursachen seiner Beschwerden zu erklären, ihn eher wie einen Schüler als einen Patienten behandelt. Der durch diese Vorgehensweise irritierte Sklavenarzt behaupten könne, daß der Patient nicht behandelt sondern erzogen würde, was nicht in den Aufgabenbereich eines Arztes zu fallen habe.84

Der Sinn dieses Vergleiches soll die Wichtigkeit der Masse an pädagogischen Elementen innerhalb der 'Nomoi' verdeutlichen. Werde ein Mensch von klein auf mit den pädagogischen Errungenschaften des Staates konfrontiert, so beginne er früh, diese zu verstehen und umzusetzen. Genau dies beabsichtige Platon.

Die Umsetzung der pädagogischen Elemente war hinsichtlich des Aufbaus der Staatsführung für Platon wichtig. So existierte in der Staatsführung eine Hierachie, welche sich hauptsächlich auf die Bildungsstufen der einzelnen Staatsbürger gründete.

Das höchste am im Staat war das des "nächtlichen Rates". Die Mitglieder dieses Rates müßten "...jegliche Tugend besitzen"85, um die ihnen gestellte Aufgabe, nämlich die Führung des Staates adäquat handhaben zu können. Die hier erwähnten Tugenden, derer Platon vier aufgestellt hatte, waren zum einen die Weisheit, desweiteren die wahrnehmende, schützende und erkennende Vernunft.86

In der selben Weise, wie Platon den Mitgliedern des nächtlichen Rates einen gewissen Bildungsstand abverlangte ist dies bis in die untersten Schichten der Staatsführung zu beobachten:

Je weiter ein Betrachter der Staatshierachie sich auf den Stand der Sklaven zubewegt, desto weniger Ansprüche stellte Platon an die in der Staatsführung involvierte Bevölkerung. Dies sei am Beispiel der Erzieher verdeutlicht:

Es ist zu erkennen, daß es in der Erziehung und Ausbildung verschiedene Arten von Lehrkräften gab. Zum einen die in der Erziehung wichtigen Wächterinnen, welche erste pädagogische Aufgaben zu absolvieren hatten aber keiner besonderen Ausbildung genügen mußten, da jede Frau des Staates einmal die Aufgabe der Wächterin erhalten konnte. Zum anderen verlangte Platon die Existenz der o.g. Vorsteher und Vorsteherinnen. Diese übernahmen die Kinder aus der Obhut der Wärterinnen, um die Kinder in einer weiteren Entwicklungsphase zu betreuen. Von diesen Vorstehern und Vorsteherinnen hatte man schon eine gewisse Spezialausbildung zu verlangen, da die von ihnen vermittelten Künste einer langjährigen Ausbildung bedurften. Als dritten und letzten Erzieher erwähnt Platon die Lehrer, welche die Jugendlichen in den Naturwissenschaften und musischen Künsten zu unterrichten hatten. Diese benötigten eine fundierte Ausbildung, da sie den Jugendlichen die Tugenden zu vermitteln hatten, die Platon als die wichtigsten in seiner Staatsstruktur ansah. Aus diesem Grund sollten die Lehrer nicht selten aus dem umliegenden Land angeworben werden, um ihr Wissen zu vermitteln.

Die wichtigste pädagogische Funktion innerhalb Platons Staatsidee hat allerdings die Lehre der Mathematik. Grund dafür, daß Platon dieser Wissenschaft sein Augenmerk schenkte war, daß es im damaligen Verständnis der Bevölkerung nur möglich war die Natur mittels geometrischer Figuren zu erklären.87

Grundsätzlich ist über das Gesamtwerk der 'Nomoi' zu sagen, daß Platon durch sie zwar eine Staatsstruktur von Anfang bis Ende aufbaute, diese allerdings nie verwirklichen konnte. Sie ist, wie vor ihr die 'Politeia' und nach ihr noch Werke wie das "Leben des Lykurg" von Plutarch88 oder "Utopia" von Thomas Morus89, reine Utopie geblieben.

Literaturverzeichnis

HOFFMANN, Gisbert: Unmittelbarkeit un Bewußtheit, Kritische Interpretation zu Platons 'Nomoi', zum "Politikos" und zu dem sokratischen Paradox: Arete ist Episteme. Eine Dissertation, Hamburg 1966.

JAEGER, Werner: Paideia, Die Formung des griechischen Menschen. 2. unge- kürzter photome chanischer Nachdruck in einem Band, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1989.

LICHTENSTEIN, Ernst und GROOTHOFF, Hans-Hermann (Hrsg.): Das Bildungs problem in der Geschichte des europäischen Erziehungsdenkens Band I, 1: Der Ursprung der Pädagogik im griechischen Denken. Hermann Schroedel Verlag, Hannover 1970.

PICHT, Georg: Platons Dialoge 'Nomoi' und "Symposion" aus: ders.: Vorlesun- gen und Schriften, Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 1990.

PLATON: Sämtliche Werke Bd. 4, Timaios, Kritias, Minos, Nomoi übersetzt von Hieronymus Müller und Friedrisch Schleiermacher, Rohwolt Verlag, Hamburg 1994.

PLATON: Der Staat, übersetzt von Friedrich Schleiermacher. Willhelm Gold- mann, München 1965

REBLE, Albert: Geschichte der Pädagogik. Klett-Cotta, Stuttgart 171993.

SWOBODA, Helmut: Der Traum vom besten Staat. Texte aus Utopien von Pla-ton bis Morris. Deutscher Taschenbuchverlag, München 21975.

[...]


1 vgl. PLATON: Sämtliche Werke Band 4, Timaios, Kritias, Minos, Nomoi - übersetzt von Hieronymus Müller und Friedrich Schleiermacher. Rohwolt-Verlag, Hamburg 1994, 'Nomoi', 739d.

2 JAEGER, Werner: Paideia, die Formung des griechischen Menschen. 2. ungekürzter photomechanischer Nachdruck in einem Band, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1989, S. 1166.

3 vgl. PICHT, Georg: Platons Dialoge 'Nomoi' und "Symposion". KlettCotta-Verlag, Stuttdart 1990, S.6

4 Nomoi 653c.

5 ebd. 653c.

6 ebd. 654a.

7 Anm.: Im damaligen Verständnis ist die Ausbildung im Gesang der Ausbildung im Vortragen von Gedichten gleichzusetzen

8 Nomoi 788c.

9 JAEGER 1989, S. 1177.

10 Nomoi 809c.

11 vgl. ebd. 808d ff.

12 vgl. ebd. 810e f.

13 ebd. 813d f.

14 ebd. 813e.

15 ebd. 813e.

16 Anm.: Für Platon ist der Begriff der Polis sowohl im Sinne als 'Staat' als auch als "Stadt" vermutlich aus rhetorischen Gründen zu sehen, d.h. eine Differenzierung zwischen Staat und Stadt nahm Platon nicht vor

17 Nomoi 814a.

18 vgl. ebd. VII. Buch

19 PICHT 1990, S. 41

20 Nomoi 743c.

21 vgl. ebd. 744c.

22 vgl. ebd. 744c.

23 ebd. 744b.

24 vgl. ebd. 777d.

25 vgl. ebd. 777d.

26 JAEGER 1989, S. 1167.

27 vgl. Nomoi 788 - 794c.

28 vgl. ebd.794c - 808c.

29 vgl. ebd. 813c - 824a.

30 Nomoi 788c.

31 vgl. ebd. 789a - 791d.

32 ebd. 791e.

33 Anm.: der Begriff der Wächterin ist dem der Amme und der Erzieherin gleichzusetzen

34 Nomoi, 792a.

35 ebd. 792c.

36 vgl. hierzu S. 3 dieser Arbeit.

37 vgl. Nomoi 739a.

38 vgl. ebd. 739b.

39 vgl. ebd., 793e.

40 vgl. Nomoi, 793e.

41 ebd. 794a.

42 Anm.: Der Begriff Agora bedeutete soviel wie Marktplatz. Darunter war der Versammlungsort innerhalb einer Polis zu verstehen.

43 Nomoi 794a.

44 vgl. ebd. 794c.

45 vgl. PICHT 1990, S. 32 und Nomoi 804d.

46 Nomoi 804d.

47 vgl. ebd. 805a-b.

48 vgl. hierzu Ausführungen auf S. 6 dieser Arbeit.

49 Nomoi 807a.

50 vgl. Nomoi 807d.

51 vgl. ebd. 807d.

52 vgl. ebd. 807e - 808c.

53 vgl. PICHT 1990, S. 300.

54 vgl. PICHT 1990, S. 33.

55 vgl. S. 3 dieser Arbeit.

56 JAEGER 1989, S. 1178.

57 vgl. Nomoi, 808c - 822d.

58 vgl. Nomoi 809e - 810b.

59 Anm.: Literatur bestand damals aus verschiedensten Formen der Dichtung.

60 vgl. Nomoi 810e - 812a.

61 vgl. ebd. 813c - 816d.

62 vgl. Nomoi 816e - 822d.

63 Anm.: Es wurde vorher zwar von einer Abwendung der in der 'Politeia' erwähnten Bildung angesprochen, diese allerdings teilweise wieder rückgängig gemacht. Es ist anzumerken, daß Platon, im gegensatz zu Sokrates die mathematische Bildung nicht so einschränkte, wie dieser es in seiner 'Paideia' tat.

64 vgl. JAEGER 1989, S. 1213f.

65 Nomoi 819a - b

66 vgl. hierzu auch JAEGER 1989, S. 1214.

67 vgl. JAEGER 1989, S. 1214f.

68 vgl. hierzu 'Nomoi', 788a - 824a.

69 vgl. Nomoi 804d.

70 vgl. hierzu JAEGER 1989, S. 1211:" Die Beamten für Musik und Gymnastik wurden bestimmt,..."

71 vgl. JAEGER, S. 1211 und Nomoi, 765e.

72 vgl. JAEGER 1989, S. 1212.

73 vgl. Nomoi, 811e.

74 vgl. hierzu die Ausführungen über die Anforderungen an Mathematiklehrer; Nomoi 818a.

75 vgl. Nomoi 813d - 814d.

76 Anm.: Zur Zeit Platons glaubten die Griechen an insgesamt zwölf Gotter, für jeden Monat des Jahres einer.

77 vgl. Nomoi, 829b.

78 ebd. 828d.

79 ebd. 829b.

80 vgl. ebd. 829b.

81 vgl. ebd. 831a.

82 vgl. hierzu PICHT 1990, S. 59: "...die Entwicklung zum Kulturstaat sei nur dort möglich, wo Menschen von der Notdurft der Beschaffung des Lebensunterhaltes befreit sind und Muße haben."

83 REBLE, Albert: Geschichte der Pädagogik. Clett-Kotta-Verlag, Stuttgart 171993, S. 35.

84 JAEGER 1989, S. 1168.

85 Nomoi, 962d.

86 vgl. Nomoi, 963b. Anm.: Platon spricht im Originalen von der steuermännischen, ärztlichen und heerführerischen Vernunft. Diese Attribute der Vernunft wurden zur Verdeutlichung im obigen Text umgewandelt.

87 Anm.: Damit ist zu sagen, daß es den Menschen damals nicht bewußt war, daß nicht sie selbst der Natur geometrische Formen auferlegten, sondern das die Natur ihnen diese geometrischen Formen assoziierte. Diese Denkensweise blieb bis Kant in den Köpfen der Menschen verankert. Ausnahme bildete hier lediglich die Berechnung ballistischer Kurven.

88 Anm.: Plutarch, auch Plutarchos, ca. 45 - 125 n. Chr., grch. Philosoph und Geschichtsforscher.

89 Anm.: Thomas Morus, eigentl Thomas More, 1478 - 1535, engl. Staatstheoretiker und Humanist.

24 von 24 Seiten

Details

Titel
Erziehung, Bildung, Ausbildung der Stände in den Nomoi und deren Funktion in Platons Staatsidee
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Veranstaltung
Seminar: Platons Erziehungsphilosophie und Erziehungsstaat
Note
1,3
Autor
Jahr
1998
Seiten
24
Katalognummer
V96069
Dateigröße
394 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erziehung, Bildung, Ausbildung, Stände, Nomoi, Funktion, Platons, Staatsidee, Seminar, Erziehungsphilosophie, Erziehungsstaat
Arbeit zitieren
Lars Koch (Autor), 1998, Erziehung, Bildung, Ausbildung der Stände in den Nomoi und deren Funktion in Platons Staatsidee, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96069

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