Bedarfsermittlungen in der Eingliederungshilfe für behinderte Menschen

Eine Evaluation im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte


Bachelorarbeit, 2019

50 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

1 Eingliederungshilfe für behinderte Menschen
1.1 UN-Behindertenrechtskonvention
1.2 Das Bundesteilhabegesetz
1.3 Der Integrierte Teilhabeplan
1.4 Eingliederungshilfe im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte

2 Grundlagen einer Bedarfsermittlung
2.1 Der International Code of Functioning, Disability and Health
2.2 Der Behindertenbegriff
2.3 Der personenzentrierte Ansatz

3 Evaluation von Bedarfsermittlungen
3.1 Fragestellung und Methodenvorstellung
3.2 Der Fragebogen
3.3 Die Durchführung
3.4 Die Auswertung

4 Die Ergebnisse
4.1 Die Atmosphäre
4.2 Das Netzwerk
4.3 Die Ziele
4.4 Das Verfahren

5 Darstellung der Fehlerquellen

6 Ableitung von Handlungsempfehlungen

7 Diskussion

8 Literaturverzeichnis

9 Anhang

I Abschrift der gegebenen Anmerkungen
Kategorie 1: Die Atmosphäre
Kategorie 2: Das Netzwerk
Kategorie 3: Die Ziele
Kategorie 4: Das Verfahren

II Zahlen und Haushaltplan über laufende Fälle der Eingliederungshilfe

An dieser Stelle, an den Anfang, möchte ich meinen Dank aussprechen. An Herrn Professor Speck für die immer offene Tür, sowie Frau Berg für die hilfreichen Gespräche. An meine ehemaligen Kollegen für den gemeinsamen Weg. An meine Kollegen für ihre Unterstützung, ihre Zeit und ihr Verständnis. An Kathrin, Steffi und Johanna für ihre allzeit offenen Ohren. An Anja für ihr Vertrauen am Anfang von Allem. An meine Eltern und meinen Bruder. Für Alles. Ihr seid die Besten.

Man kann den Menschen nicht auf Dauer helfen, wenn man für sie tut, was sie selbst tun können und sollten.

- Abraham Lincoln

Abkürzungsverzeichnis

ASD – Allgemeiner Sozialer Dienst

BAGüS - Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe

BMAS – Bundesministerium für Arbeit und Soziales

BRD – Bundesrepublik Deutschland

BTHG – Gesetz zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen -Bundesteilhabegesetz

DDR – Deutsche Demokratische Republik

GG - Grundgesetz

IBRP- Integrierter Behandlungs- und Rehabilitationsplan

ICD-10 – International Code of Disease

ICF – International Code of Functioning, Disability and Health

ITP – Integrierter Teilhabeplan

i.V.m. – in Verbindung mit

LK MSE – Landkreis Mecklenburgische Seenplatte

ÖPNV – Öffentlicher Personennahverkehr

SGB – Sozialgesetzbuch

SpDi – Sozialpsychiatrischer Dienst

UN – BRK – Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Reche von Menschen mit Behinderungen

WfbM – Werkstätten für behinderte Menschen

WHO - Weltgesundheitsorganisation

Für eine gendergerechte Sprache wurde die Pluralform verwendet, um an gewissen Stellen eine bessere Lesbarkeit zu erreichen, aber auf die männliche Form zurückgegriffen. Es sind aber stets alle Geschlechter (divers, weiblich, männlich) damit gemeint.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Ergebnisse der ersten Kategorie

Abbildung 2 Ergebnisse der zweiten Kategorie

Abbildung 3 Ergebnisse der dritten Kategorie

Abbildung 4 Ergebnisse der vierten Kategorie

Einleitung

In einer modernen Gesellschaft sollte jeder Mensch, mit oder ohne Behinderung, dass Leben führen können, welches er für richtig hält. Gesellschaftliche Ungleichheitsstrukturen oder Barrieren sollten nicht daran hindern, den eigenen Platz zu finden. Menschen mit Behinderungen sollten nicht in „Sonder“-welten leben, sondern mittendrin und an allen Gestaltungsprozessen partizipativ teilnehmen. Moderne Behindertenhilfe muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen.

Mit dem BTHG ist von der Bundesregierung ein Reformgesetz verabschiedet worden, diese Dinge zu ermöglichen und schickt sich an, Inklusion in der Gesellschaft zu etablieren. Mein Praktikum im Sommersemester 2018 startete zu einem Zeitpunkt, in dem sich die Eingliederungshilfe für behinderte Menschen in einem Umstrukturierungsprozess befand. Es mussten neue gesetzliche Vorgaben umgesetzt werden und ein neues Bedarfsermittlungsgesetz kam zum Einsatz: der ITP. Dieser soll es ermöglichen die leistungsberechtigten Bürger in den Blick zu nehmen, mit ihren Ressourcen und Zielen.

Während dieser Zeit bildete sich die Frage, wie sich eben diese Bürger in dem Hilfeprozess fühlen. Fühlen sie sich als Mitgestalter ihrer Zukunft, im Fokus der Hilfeplanung? Bietet der ITP die Chance, personenzentrierte Hilfe zu ermöglichen?

Zur theoretischen Einordnung von Bedarfsermittlungen wird im ersten Kapitel die Eingliederungshilfe für behinderte Menschen beschrieben. Dafür wird die UN-BRK erläutert und die Auswirkungen dieser auf die Judikative der Bundesrepublik, die zur Verabschiedung des BTHGs führte.Da die Eingliederungshilfe für behinderte Menschen in ihrer Umsetzung in der Verantwortung der Bundesländer liegt, wird sie sehr vielfältig umgesetzt. Aus diesem Grund wird im Anschluss beschrieben, wie sie im LK MSE strukturiert ist.

Im folgenden Kapitel geht es um Grundlagen von Bedarfsermittlungen, denn während dieser kommt der ITP zum Einsatz. Es wird der ICF-Katalog erläutert und wie dieser den Behindertenbegriff, der in der Behindertenhilfe zum Einsatz kommt, verändert hat.

Für eine gelingende Bedarfsermittlung ist es wichtig, sich mit den Bürgern auf Augenhöhe verständigen zu können. Dabei kann es helfen, personenzentriert zu arbeiten. Dieser Ansatz wird in diesem Kapitel weiter ausgeführt.

Im praktischen Teil dieser Arbeit wird im dritten Kapitel zum Anfang auf die Entstehung der Fragestellung eingegangen und welche Methode verwendet wurde, um diese möglichst genau beantworten zu können.

Anschließend wird der genutzte Fragebogen dargestellt, mit den unterschiedlichen Fragenkomplexen. Es werden die gewonnenen Ergebnisse vorgestellt, welche Fehler bei der Erhebung entstanden sein können und abschließend werden Handlungsempfehlungen abgeleitet. Dies kann dazu beitragen, die Qualität der Arbeit im ASD zu steigern, da Erfahrungen der leistungsberechtigten Bürger sichtbar gemacht werden.

1 Eingliederungshilfe für behinderte Menschen

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Sozialhilfeträger definiert das Ziel der Eingliederungshilfe darin, die Menschen bei einem selbstbestimmten Leben zu unterstützen und eine individuelle Lebensführung zu ermöglichen1.

Staatlich geleistet wird Eingliederungshilfe seit knapp 100 Jahren, als Preußen 1920 ein weltweit einzigartiges „Krüppelfürsorgegesetz“ verabschiedet hat2. Seitdem ändern sich sowohl die Begriffsbestimmungen als auch die gesetzlichen Vorgaben in regelmäßigen Abständen. Im Rahmen gesellschaftlicher Umbrüche, die eng mit den emanzipatorischen Bewegungen der 1968er-Bewegung verknüpft sind, folgten eine Reihe gesetzlicher Erfolge. So wurde ein Benachteiligungsverbot im Grundgesetz verankert (Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG), sowie das Behindertengleichstellungsgesetz 2002 und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz 2006. 2009 folgte dann die Ratifizierung der UN-BRK durch die deutsche Bundesregierung.

1.1 UN-Behindertenrechtskonvention

Im Jahr 2006 wurde durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen die UN-BRK verabschiedet, die 2001 durch Mexiko angestoßen worden ist3. In dieser sind erstmals die Rechte von behinderten Menschen verbindlich festgehalten worden und das in einem weltweiten internationalen Staatenverbund.

In Artikel 1 der UN-BRK heißt es: „Zweck dieses Übereinkommens ist es, den vollen und gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte und Grundfreiheiten durch alle Menschen mit Behinderung zu fördern, zu schützen und zu gewährleisten und die Achtung der ihnen innewohnenden Würde zu fördern.“ Dadurch, dass die Konvention ein völkerrechtlicher Vertrag ist, wird in nationale Gesetzgebung eingegriffen. Zudem werden die universellen Menschenrechte für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung festgeschrieben4. Dies ist ein normativer Anspruch. Inklusion und Teilhabe werden schriftlich und bindend festgehalten. Sie führen damit zu einem Paradigmenwechsel, weg von der Fürsorge, hin zur Teilhabe. Außerdem wird ein verändertes Behindertenmodell etabliert (Art. 1, Abs. 1 UN-BRK).

Klares Ziel der UN-BRK und aller Staaten, die diese ratifiziert haben, ist es „Teilhabebarrieren zu identifizieren und konsequent abzubauen.“5 Dies beinhaltet Menschen mit Behinderungen einen barrierefreien Zugang zu Informationen und Behörden zu ermöglichen. Die Bundesregierung setzt dies zum Beispiel durch Internetseiten in vereinfachter Sprache um6. Auch Formulare und Anträge sollten in verständlicher Weise Menschen mit Behinderung zur Verfügung gestellt werden (zum Beispiel „Mein ITP“, entwickelt durch das Institut personenzentrierter Hilfen7 ). Für eine erfolgreiche Umsetzung der Vorgaben der UN-BRK ist zudem eine Rechtsprechung notwendig, die sich nicht scheut, diese Vorgaben umzusetzen und die Möglichkeit bietet, das eingestandene Recht auch gerichtlich einzufordern8.

Die Ratifizierung der UN-BRK hat in der deutschen Politik zu großen Reformanstrengungen geführt, die sich derzeit in der Umsetzung befinden. Auf dem Weg zu einer, von der Bundesregierung geforderten, inklusiven Gesellschaft. Diese Reformanstrengung mündet in dem Bundesteilhabegesetz, welches bis zum Jahr 2023 die Eingliederungshilfe grundlegend reformieren wird.

1.2 Das Bundesteilhabegesetz

Das BTHG hat zum Ziel „die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung zu verbessern“.9 Es ist ein Reformgesetz zur Umsetzung der Vorgaben der UN-BRK und wird ein neues SGB IX schaffen, in dem alle Leistungen der Rehabilitation zusammengefasst sind. Das BTHG tritt in vier Stufen, über die Jahre 2017 bis 2023, in Kraft. Die größte Änderung für die Eingliederungshilfe trat 2018 mit der Einführung des neuen Gesamtplanverfahrens (§117 SGB IX), sowie des neuen Behindertenbegriffs (§2 Abs. 1 SGB IX), ein. 2020 sollen existenzsichernde Maßnahmen von den Fachleistungen der Eingliederungshilfe getrennt werden. Die Leistungen werden dann nicht mehr davon abhängig sein, ob beispielsweise eine Grundsicherung bewilligt ist. Sie sind folglich dann nicht mehr abhängig von einem eventuell existierenden Vermögen. Mit diesem Reformschritt wird dann die Eingliederungshilfe, nicht mehr wie bisher im XII. Sozialgesetzbuch festgeschrieben sein, sondern, gemeinsam mit anderen Rehabilitationsleistungen, im IX. Sozialgesetzbuch. In der letzten Reformstufe 2023 wird der leistungsberechtigte Personenkreis neu definiert werden. Dabei soll die bisherige Voraussetzung einer „wesentlichen“ Behinderung so konkretisiert werden, dass sie die Teilhabeeinschränkungen nach dem ICF-Katalog mit umfasst. Der bisherige Personenkreis soll dabei nicht verändert werden, damit keine Menschen aus dem Leistungsbezug fallen10.

Zudem wird die Umsetzung des BTHG durch verschiedene Ausschüsse und Untersuchungen (Art. 25 Abs. 2 BTHG) begleitet. Dass soll zu mehr Transparenz in Form von Teilhabeverfahrensberichten (§41 SGB IX) und ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatungen (§32 SGB IX) führen. Die Bundesregierung verpflichtet ihre Behörden zu einem leichteren Informationszugang für Menschen mit Behinderung, welches auch eine erhöhte Beratungskompetenz von Seiten der Mitarbeitenden fordert. Für mehr Transparenz soll außerdem eine Angleichung und Standardisierung von bestehenden Bedarfsermittlungsinstrumenten bei den Rehabilitationsträgern sorgen11.

Kritisch zu bewerten ist das BTHG im Hinblick auf die Menschen, die als schwer erreichbar gelten, das sind zum Beispiel Menschen mit schweren kognitiven Einschränkungen oder Menschen mit Behinderungen in Justizvollzugsanstalten12. Es gibt kaum bzw. wenig Studien, die sich mit den Bedarfen dieser Menschen befassen und es ist davon auszugehen, dass nur ein Bruchteil der Menschen, denen Unterstützungsleistungen zustehen, diese dann erhalten. Auf den Weg in eine inklusive Gesellschaft muss sich unbedingt auch mit diesen Menschen beschäftigt werden.

Das BTHG kann im Sinne der aktuellen Richtung der Sozialpolitik, des Förderns und Forderns, verstanden werden. Informierte Bürger agieren im Sinne des aktivierenden Sozialstaates. Die Bürger, in diesem Falle die Menschen mit Beeinträchtigungen, werden in die Lage versetzt, ihre Ressourcen zu aktivieren und im besten Falle dazu befähigt, sich selbst zu helfen. Dann sind sie im Idealfall nicht mehr von staatlicher Hilfe abhängig. Einerseits ist dieser Zustand durchaus wünschenswert, andererseits sollte diese Politik nicht auf die Spitze getrieben werden und zur Kürzung von notwendigen Leistungen führen. Es muss von den am Hilfeprozess beteiligten Mitarbeitern eine Gradwanderung zwischen benötigter Unterstützung und gewollter Selbstbestimmung geschaffen werden.

Mit dem BTHG wird für Bedarfsermittlungen ein funktionsbezogenes Instrument gefordert (bis 31.12.2019 §142 SGB XII, ab 01.01.2020 §118 SGB IX). Im Landkreis MSE wird dies mit dem ITP umgesetzt.

1.3 Der Integrierte Teilhabeplan

Der ITP ist eine Weiterentwicklung des IBRP und versucht eine Lücke der vormals genutzten Bedarfsermittlungsinstrumente, zu den vom BTHG vorgegeben Grundsätzen zu schließen. Entwickelt wurde er von Frau Prof.in Dr.in Gromann und wird derzeit in fünf Bundesländern angewandt. Frau Professorin Gromann beschreibt den ITP als „eine prozess- und dialogorientierte Ermittlung von Teilhabebedarfen von Menschen mit Beeinträchtigungen. Die Bezeichnung ‚integriert‘ steht dabei für die Einsicht, dass vielfältige Wechselwirkungsprozesse zwischen Person, Lebenslage und Sozialraum existieren.“13 Hieraus ergeben sich die Prinzipien, die dem ITP zu Grunde liegen: Transparenz, Trägerübergreifend, Interdisziplinarität, Konsensorientiertheit, Individualität, Lebensweltbezogenheit, Sozialraum- sowie Zielorientiertheit14. Durch diese Vorgaben wird ein Gerüst an die Hand gegeben, welches die Möglichkeit bietet, eine gründliche Bedarfsermittlung durchzuführen.

Aus den Prinzipien kann abgeleitet werden, dass der ITP ein dialogisches Verfahren ist, welches darauf ausgelegt ist, miteinander ins Gespräch zu kommen. Zuallererst mit dem Bürger selbst, sowie mit allen an dem Hilfeprozess beteiligten Personen. Damit werden die Bürger als gleichwertige Partner im Prozess anerkannt.

Auf insgesamt acht Seiten werden im ITP soziale Daten der Bürger, aktuelle Angaben zum sozialen Umfeld, Wohnsituation, Arbeitssituation und finanzieller Lage erfasst. Außerdem Fähig- und Fertigkeiten, sowie Ziele und deren Indikatoren (Wann ist das Ziel erreicht?). Zudem werden schon aktuell erbrachte Unterstützungsleistungen aufgenommen, Leistungen vorrangiger Rehabilitationsträger (Pflegeleistungen, Leistungen vom Jobcenter etc.), sowie die Form der Behinderung und eine ICD-Erkrankung (zur Feststellung des leistungsberechtigten Personenkreises). Daten werden nur erhoben, wenn die Bürger damit einverstanden sind. Es muss aber darauf hingewiesen werden, dass eine fehlende Mitwirkung (§66 SGB I) zu einer Kürzung / Ablehnung der gewünschten Leistung führen kann. Das kann Bürger unter Druck setzen und birgt ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis zum Sozialarbeiter.

Als Bedarfsermittlungsinstrument ist der ITP ein standardisiertes Werk, in welchem Bedarfe und Unterstützungsleistungen dem vorgegeben Rahmen angepasst werden. Bei der Erhebung der Daten muss damit sensibel umgegangen werden. Unterstützungsbedarfe sollten nicht standardisiert abgefragt werden, um aus einer Einschränkung linear einen Bedarf ableiten zu können.

Der ITP ist als Prozess zu verstehen, der nicht endgültig die Hilfe bewilligt, sondern auf Veränderungen eingehen kann (und muss). Die Bürger werden in die Position der Entscheidenden gebracht, sie befinden sich in der Position über den weiteren Hilfeprozess zu entscheiden. Dies korreliert vollkommen mit der partizipativen Selbstbestimmung, die von der UN-BRK gefordert wird, stellt aber gerade Menschen mit kognitiven Einschränkungen vor große Herausforderungen15. Diese Forderung setzt außerdem voraus, dass die betroffenen Bürger in der Lage sind und über die Fähigkeiten besitzen, ihre Rechte für sich einzufordern. Zu beachten ist hier, dass dieser Umstand im ICF-Katalog als Kategorie berücksichtigt wird, also durchaus eine Barriere darstellen kann.

Eine getrennte Betrachtung von Zielen und bestehenden regionalen Angeboten ist ein zentrales Element des ITPs. So werden Ziele auf der zweiten Seite erfasst, die dazugehörigen Maßnahmen aber erst auf der fünften Seite. So soll unabhängig von bestehenden Angeboten beraten werden und der Blick geöffnet werden auf innovative Ideen und Vorgehensweisen. Dennoch stößt dieser Ansatz bei der Bescheidung durchaus auf seine Grenzen, denn letztlich ist ein Rückgriff auf die bestehenden Angebote notwendig, um Hilfe installieren zu können.

Im Artikel 4 Abs. 3 der UN-BRK wird gefordert, dass Menschen mit Behinderungen an den Entscheidungsprozessen beteiligt werden, die sie direkt betreffen. Diesem Artikel folgend, ist im §117 SGB IX festgehalten, dass der ITP in Zusammenarbeit mit den betroffenen Menschen auszufüllen ist.

Die Eingliederungshilfe für behinderte Menschen ist zwar durch die Sozialgesetzbücher für das Bundesgebiet vorgeschrieben, die Umsetzung ist aber länderspezifisch umgesetzt. Im Folgenden wird sie für den Landkreis Mecklenburgische Seenplatte beschrieben.

1.4 Eingliederungshilfe im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte

Der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte ist der flächenmäßig größte Landkreis der Bundesrepublik Deutschland. Im Jahr 2018 erhielten ca. 4700 Menschen Leistungen der Eingliederungshilfe in Form von ambulanten bzw. stationären Leistungen. Teilstationäre Leistungen sind bei dieser Zahl nicht mit eingerechnet, da sie nicht erfassbar sind16. Knapp die Hälfte dieser Menschen haben eine geistige Behinderung, danach folgen psychische Erkrankungen sowie Suchterkrankungen. Psychische Erkrankungen nehmen laut der Statistik über die Jahre zu, es ist somit davon auszugehen, dass derzeit deutlich mehr Menschen mit einer psychischen Erkrankung Leistungen erhalten als im Jahr 2015. WfbMs werden am häufigsten in Anspruch genommen, mit steigender Tendenz. Außerdem steigt die Zahl der Inanspruchnahme von ambulanter Betreuung, sowie Tagesstätten. Vollstationäre Einrichtungen werden mit sinkender Tendenz in Anspruch genommen. Im Jahre 2018 gab der Landkreis ca. 60 Millionen Euro für diese Leistungen aus, wobei über alle Bereiche eine Steigerung zu verzeichnen ist17.

Die Eingliederungshilfe für behinderte Menschen ist dem Sozialamt als örtlichen Sozialhilfeträger angegliedert. Sie umfasst ein eigenes Sachgebiet. Als überörtlicher Sozialhilfeträger fungiert der Kommunale Sozialverband Mecklenburg-Vorpommern18 mit einer überwiegenden Kontrollfunktion, wie der Prüfung von Widersprüchen gegen Entscheidungen des Landkreises bzw. der kreisfreien Städte (§8 SGB IX) oder der Regelung von Leistungsvereinbarungen (§4 SGB IX).Leistungen der Eingliederungshilfe werden nur gewährt, wenn sichergestellt ist, dass kein anderer Rehabilitationsträger zuständig ist. Dies ist die sogenannte Nachrangigkeit der Sozialhilfe (§2 Abs. 1 SGB XII i.V.m. §14 SGB XII).

Organisatorisch ist das Sachgebiet der Eingliederungshilfe nach den ehemaligen Landkreisen aufgeteilt (Neubrandenburg, Demmin, Waren und Neustrelitz), wodurch die Fallzahlen aufgeteilt werden. Der Hauptteil der Mitarbeitenden befindet sich am Standort Neubrandenburg, es gibt daneben noch Außenstellen in Waren, Neustrelitz und Demmin. Der Allgemeine Soziale Dienst, in dem die Sozialarbeiter organisiert sind, bedienen von Neubrandenburg aus dem kompletten Landkreis. Dadurch sind die Aufgaben einerseits zentralisiert, durch Außenstandorte und Hausbesuche werden die Bürger aber in ihrer Lebenswelt betreut. Um die Bedeutung des ITPs im Gesamtplanverfahren19 (§141 SGB XII) zu verstehen, wird dieses im Folgenden erklärt.

Ein sogenannter Bedarf wird in Form eines Antrages durch den Bürger, seiner gerichtlichen Betreuung oder jedweder anderen Person kenntlich gemacht. Der Antrag geht bei der zuständigen Sachbearbeitung ein und wird durch dieser überprüft, ob das Sozialamt der zuständige Rehabilitationsträger ist. Ist dies erfolgt, wird derzeit noch eine Einkommensprüfung durchgeführt (mit der Einführung des vierten Reformschrittes des BTHGs ab nächstem Jahr, voraussichtlich nicht mehr, siehe auch Kapitel BTHG). Außerdem erfolgt eine Überprüfung, ob die antragstellende Person zum anspruchsberechtigten Personenkreis gehört. Dafür wird vom Gesundheitsamt ein Gutachten erstellt. In diesem Gutachten wird festgestellt, ob eine körperliche, geistige, psychische oder seelische Behinderung vorliegt, die diese Person an der Teilhabe an der Gesellschaft einschränkt. Die Diagnose muss nach dem ICD-10-Katalog gestellt werden.

Danach wird ein Auftrag an den ASD gestellt. In dem folgenden Beratungsgespräch wird überprüft, ob Rehabilitationsleistungen von anderen Kostenträgern übernommen werden können, z.B. vom Rententräger oder Leistungen der Arbeitsförderung. Die anschließende Bedarfsermittlung mittels ITP erfolgt gemeinsam mit den Bürgern, einer eventuellen gerichtlichen Betreuung und Vertrauenspersonen. Bei den Bedarfsermittlungen können unter Umständen viele Menschen teilnehmen. Dies kann es für die Bürger schwieriger machen über Bedarfe und Ziele zu sprechen. Durch die Beteiligung von Vertrauenspersonen, die die betreffende Person in ihrem Alltag kennt, soll diese Hemmschwelle verringert werden.

Nach der Bedarfsermittlung findet, auf Wunsch des Bürgers (§119 SGB IX), eine Gesamtplankonferenz mit allen beteiligten Menschen statt. Zu den vorher genannten Personen können das zusätzlich noch andere beteiligte Rehabilitationsträger (WfbM, Agentur für Arbeit, Jugendamt, etc.) sein. Bei dieser Konferenz wird der erarbeitete ITP vorgestellt, mit den ermittelten Zielen und den zugehörigen Maßnahmen. Durch die Konferenz sollen sich alle Beteiligten über diese Ziele verständigen und zu einem gemeinsamen Konsens finden.

Abgeschlossen wird das Gesamtplanverfahren durch den Erlass eines Bescheides über Art, Umfang und Form der Leistungen. Die Bescheidung erfolgt durch die Sachbearbeitung.

2 Grundlagen einer Bedarfsermittlung

Eine sogenannte Bedarfsermittlung erfolgt in der Eingliederungshilfe im LK MSE nach einem Auftrag an den ASD durch die zuständigen Sozialarbeiter. In den Umsetzungsvorgaben zum Gesamtplanverfahren20 wird festgelegt, dass die Bedarfsermittlung am Regionalstand bzw. in der Häuslichkeit des Bürgers erfolgen soll. Damit sollen die Lebenswelt und der Sozialraum erfahren werden, die Bürger sollen sich außerdem sicherer fühlen, da ein Gespräch in einer vertrauten Umgebung stattfindet. Durch die Beteiligung von Vertrauenspersonen soll zusätzlich Sicherheit geboten werden. Die Bedarfsermittlung ist das zentrale Element, auf denen alle weiteren Hilfen folgen, sie setzt die aktuellen Fähigkeiten der Menschen mit Behinderungen in ein Verhältnis zu ihren gewünschten Zielen. Für ein Verständnis von entstehenden Bedarfen durch Barrieren, ist der ICF-Katalog von zentraler Bedeutung.

2.1 Der International Code of Functioning, Disability and Health

Der ICF-Katalog ist ein von der WHO entwickeltes Klassifizierungssystem, um Auswirkungen von Krankheiten und veränderten Gesundheitszuständen auf die Aktivität und Teilhabe von Menschen beschreiben zu können21. Er versucht den Menschen in Beziehung zu seiner Umwelt zu setzen, und beschreibt keine Krankheiten im Sinne des ICD-Kataloges. Grundlage der ICF-Klassifikation ist das Bio-Psycho-Soziale Modell, wonach der Mensch (und seine Einschränkungen) immer in Beziehung zu seiner Umwelt, seiner Psyche und des Körpers zu sehen ist. Krankheiten, und demzufolge Einschränkungen in der Teilhabe an der Gesellschaft, entstehen in einem komplexen Zusammenspiel von diesen drei Komponenten. Verschiebungen bei einer dieser Komponente führt dann zu Einschränkungen, die sich auf die anderen Bereiche auswirken.Der ICF-Katalog trägt mit dem Rückgriff auf das bio-psycho-soziale Modell dem Umstand Rechnung, dass zwischen Krankheit und Gesundheit kein kausaler Zusammenhang besteht. Behinderung ist demnach nicht das Fehlen einer bestimmten Fähigkeit, sondern ein komplexes Zusammenspiel zwischen den drei Bereichen. Eine Verschiebung in den Bereichen kann zu einer Einschränkung führen.

Mit der Einführung des ICF-Kataloges hat die WHO ihren Behindertenbegriff geändert. Durch die Ratifizierung der UN-BRK ist dieser nun Grundlage des Verständnisses von Behinderung in Deutschland (siehe vorheriges Kapitel). Die WHO versucht mit solchen Katalogen eine Leitlinie zu finden, durch die Problemlagen erkannt und verändert werden können22.

Der ICF-Katalog beschreibt nun Fähig- und Fertigkeiten, die einem Menschen die Teilhabe an einer Gesellschaft ermöglichen. Er versucht das Zusammenwirken dieser Faktoren beschreibbar zu machen, um Behinderung erfassen zu können. Der Rückgriff auf diese Kategorien, ermöglicht die Chance eine einheitliche Beschreibung der erforderten Hilfen vornehmen zu können, um die spezifischen Einschränkungen auszugleichen. Dennoch sollte mit großer Sensibilität vorgegangen werden, um einen Menschen eben nicht auf diese Einschränkungen zu reduzieren und eine Stigmatisierung zu fördern. Weiterhin kann durch diese Kategorien keine vollständige Beschreibung einer Krankheit / Einschränkung erfolgen, sie können nur helfen, die Unterstützungsbedarfe sichtbar zu machen. Zudem kann es sein, dass Menschen zwar formal die Kriterien einer Einschränkung erfüllen, diese aber durch Ressourcen kompensiert werden können. Die Betrachtung muss im Gesamtzusammenhang mit allen Ressourcen und Einschränkungen erfolgen. §10 SGB IX schreibt eine „funktionsbezogene Bedarfsermittlung“ vor, aus diesem Grund befindet sich der Bezug zum ICF-Katalog im ITP an exponierter Stelle auf Seite drei wieder. Alle folgenden Maßnahmen und Angaben auf diese Beschreibung auf.

Die Kategorisierung der Bedarfe birgt die große Chance in einen Dialog mit den Menschen zu treten, es kann selbstständig entschieden werden, wo Unterstützungsbedarfe bestehen. Es werden alle Aktivitätsbereiche einbezogen, zum Beispiel die Selbstversorgung, Bürgerrechte, Sozialleben und Lernen23. Der Bezug auf die ICF-Kategorien bietet eine gute Möglichkeit die Erkrankung eines Menschen in Bezug zu seinem Alltag und seiner Umwelt zu setzen und eine individuelle Unterstützungsleistung zu planen. Im Folgenden wird der von der WHO genutzte Behindertenbegriff erläutert.

2.2 Der Behindertenbegriff

Der Behindertenbegriff befindet sich in einem stetigen Wandel. Die größte Änderung und (mit einem angestrebtem Perspektivwechsel) fand im Zuge der UN-BRK statt. Demnach sind Menschen mit Behinderung, „Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können.“ (Art. 1 UN-BRK).

Die Änderung dieses Verständnisses der Behinderung ist 2017 mit der ersten Reformstufe des BTHG in das SGB IX eingegangen (§2 SGB IX). Vorgegebenes Ziel der Bundesregierung durch diese Änderung ist, einerseits die Erfüllung der Vorgaben der UN-BRK, andererseits aber auch ein Paradigmenwechsel, von „einer überwiegend einrichtungszentrierten zu einer personenzentrierten Leistung“24. Menschen mit Behinderung werden als „Träger von Menschenrechten“25 anerkannt. Das Verständnis von Behinderung wird hier geändert und nicht als ein Merkmal in der Person begründet, sondern als Wechselwirkung zu Barrieren, die die Umwelt schafft. Dies geht mit der Idee von Inklusion einher, wie es die Bundesregierung versteht. Es soll eine Barrierefreiheit geschaffen werden bzw. abgebaut werden, sowie eine Partizipation und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung gefördert werden26.

Grundlage dieses Verständnisses von Behinderung ist das mittlerweile weit verbreitete „Soziale Modell“. Dieses Modell wird als Nachfolger des „medizinischen Modells“ gesehen, wonach Behinderung ein individuelles Merkmal in Folge einer Beeinträchtigung des Systems Körper verstanden wird. Damit kann sich der Fürsorgegedanke erklären lassen, der lange in der Behindertenhilfe Bedeutung hatte. Eine Übernahme von Tätigkeiten etc. ist deshalb nötig, da das Individuum eingeschränkt in seiner Möglichkeit ist27.

Das soziale Modell lenkt den Fokus weg von dem Individuum, hin zur Gesellschaft. Demnach wird ein Mensch behindert durch die Umwelt und daraus resultierende Barrieren. Barrieren werden in diesem Modell von den Menschen aufgestellt, die sich als nicht-behindert sehen und Strukturen schaffen, die andere Menschen behindern. Durch dieses neue Verständnis wird die Gesellschaft klar mit in die Verantwortung gezogen und plädiert für eine verstärkte Kommunikation untereinander und ein Verstehen des Anderen. Die UN-BRK benennt zwar nicht eindeutig das soziale Modell als Verständnis für ihre Behindertendefinition, durch die Erwähnung der Wechselwirkung von Mensch und Umwelt, ist der Bezug aber eindeutig.

Das Menschen mit Behinderung nicht mehr in der Fürsorge verbleiben sollen, sondern eigenständig und selbstbestimmt über ihre Zukunft entscheiden sollen, setzt ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Reflektiertheit voraus. Dies bietet Chancen und Risiken gleichermaßen. Durch ein hohes Maß an Selbstverantwortung und Mitwirkung, die von Bürgern gefordert wird, kann eben auch eine Überforderung und Ablehnung benötigter Leistungen entstehen. Gleichzeitig geht die Forderung nach einer Selbstbestimmung für behinderte Menschen einher mit einer Forderung der erhöhten Individualität, die sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht28.

Im ITP werden auf der ersten Seite die Art der Behinderung (geistig, seelisch, körperlich oder Beeinträchtigung der Sinne) vermerkt, sowie eine Verknüpfung mit dem ICD-Katalog. Dies geschieht an relativ unauffälliger Stelle, um eine Einordnung der Situation vorzunehmen, das Gespräch aber nicht ausschließlich auf die Behinderung zu beziehen.

2.3 Der personenzentrierte Ansatz

Der personenzentrierte Ansatz ist keine klassische Methode der Sozialen Arbeit, wie zum Beispiel die Sozialraumorientierung oder das Case-Management. Vielmehr umfasst er mehrere Grundlagen und Konzepte, die im Folgenden näher beleuchtet werden. Der personenzentrierte Ansatz ist ein relativ neues Konzept, welches in der einschlägigen Literatur erstmals 2008 erwähnt wird.29

„Die Personenzentrierung und Gemeinwesen-/Sozialraumorientierung von Hilfen für Menschen mit Behinderung und Hilfebedarf sind konzeptueller und untrennbarer Bestandteil von Inklusion, gleichberechtigter Teilhabe (Partizipation) und selbstbestimmter Lebensführung in der Gesellschaft.“30 Dies entspringt der Forderung, dass Bedarfe der Menschen nicht nach freien Kapazitäten in Einrichtungen ermittelt werden sollen, sondern sich an tatsächliche Gegebenheiten binden müssen. Erst nach dem festgestellten Bedarf, soll demnach eine passende Leistung gesucht werden. Der personenzentrierte Ansatz begründet somit den Weggang von dem fürsorgenden Charakter der Behindertenhilfe. Er agiert im Sinne einer Lebensweltorientierung, indem sich Leistungen der Lebenswelt der anspruchsberechtigten Personen anpassen31. Die Lebensweltorientierung ist auch ein Prinzip des ITPs. Dieser wird bedarfsgerecht ausgefüllt, wenn der Sozialraum, Wünsche und Ressourcen der Bürger erfahren werden.

Für personenzentrierte Hilfen sind ausreichend sozialräumliche Versorgungsstrukturen Voraussetzung. Der LK MSE ist ausgeprägt ländlich strukturiert, so ist beispielsweise der ÖPNV gering ausgebildet. Bestehende Angebote sind damit schlecht erreichbar. Weiterführend bedeutet personenzentriertes Arbeiten dann, fehlende Angebote in der Versorgungsstruktur sichtbar zu machen und auszubauen. Bei bundes- und landespolitischen Reformen sollte dieser Umstand mitbedacht werden und Rahmenbedingungen geschaffen werden, dies auszubauen.

Weiterhin ist zu beachten, dass die Personenzentrierung durch sozialpolitische Maßnahmen vorangetrieben wird und mit der Umstellung auf einheitliche Bedarfsermittlungen, ausgehend von Leistungsträgern, dem Staat eine vermehrte Steuerungsfunktion zuteil kommt. Dadurch, dass (zumeist benötigte) Hilfen, nur nach Antragsstellung geleistet werden und mit dem Gesamtplanverfahren ein sehr zeitaufwändiges, bürokratisches Verfahren eingeführt worden ist, sind eben diese Hilfen kaum flexibel installierbar und es muss davon ausgegangen werden, dass sie nicht zeitnah erbracht werden können. Im LK MSE ist diesem Umstand Rechnung getragen, dass dringend benötigte Hilfen ohne vorheriger Bedarfsermittlung bewilligt werden. Außerdem wird nur ein Bruchteil der Fälle in der Eingliederungshilfe mit Hilfe des Gesamtplanverfahrens bearbeitet.

Im vorangegangenen Kapitel wurde das geänderte Behindertenmodell erläutert, da dieses von zentraler Bedeutung für diesen Ansatz ist. Wird der Mensch mit Behinderung als Individuum mit individuellen Fähig- und Fertigkeiten anerkannt und nicht als Individuum, welchem aufgrund von Defiziten geholfen werden muss, ergibt sich die Notwendigkeit eines personenzentrierten Unterstützungsbedarfes. Vereinfacht gesagt, ist dann die Frage: `Was will der Mensch?` die grundlegende Frage, auf die sich alle weiteren Hilfen begründen.

Partizipation und Selbstbestimmung wird in dieser Arbeit als die Fähigkeit verstanden, Entscheidungen eigenständig treffen zu können bzw. sich aktiv gegen eine Handlung zu entscheiden. Dafür sind einerseits eine Transparenz in Handlungsentscheidungen von beispielsweise Behörden (die im Hilfesystem der Eingliederungshilfe eine zentrale Funktion übernehmen) notwendig, um ein Für und Wider abwägen zu können. Andererseits sind komplexe kognitive Leistungen der Menschen mit Beeinträchtigung notwendig, wie Selbstreflexion, Abschätzen von Folgen einer Handlung etc. Sind diese nicht vorhanden, sollte moderne Behindertenhilfe diese Menschen dahingehend unterstützen, diese Fähigkeiten auszubilden. Und sie sollten so befähigt werden, Möglichkeiten zu finden, über ihre individuellen Belange zu entscheiden.

Um personenzentriert zu arbeiten, ist es wichtig, sich der eigenen Rolle während der Bedarfsermittlungen bewusst zu werden. Zwar ist der ITP als dialogischer Prozess ausgelegt, um gemeinsam einen Hilfeplan zu erarbeiten. Er ist aber ein sozialrechtliches Steuerungsinstrument. Die Sozialarbeiter kommen als Vertreter einer Behörde. Dies stößt bei manchen Menschen auf eine Abwehrhaltung. Zudem haben die Sozialarbeiter während den Bedarfsermittlungen letztlich eine gewisse Machtposition. Denn nach dem Aushandlungsprozess bei der Zielfindung, entscheiden sie, welche Ziele im ITP aufgenommen werden. Dessen sollte sich bewusst gemacht und unter Umständen am Anfang eines Gespräches auch thematisiert werden.

Letztlich setzt ein personenzentriertes Arbeiten voraus, dass die Akteure der verschiedenen Beteiligten bereit sind, dies zu tragen. So müssen die Mitarbeiter von Leistungsträger, Leistungserbringern und auch die gerichtlichen Vertretungspersonen regelmäßig geschult werden. Personenzentriertes Arbeiten sollte als Top-Down-Prinzip von den Geschäftsleitungen vorgelebt werden, dann kann es erfolgreich umgesetzt und gelebt werden32.

[...]


1 vgl. BAGüS 2019, S. 1 und S. 9

2 vgl. Mürner / Sieck 2015, S. 28 f.

3 vgl. Degener 2015, S. 55

4 vgl. Weinbach 2016, S. 120

5 Daßler 2016, S. 137

6 vgl. BMAS 2016 (1), S. 278

7 vgl. Lück / Gromann 2016, S. 42

8 vgl. Mausch 2014, S. 28

9 vgl. Lösekrug-Möller 2017, S. 25

10 vgl. BT-Drucksache 19/4500, S. 4

11 vgl. Lösekrug-Möller 2017, S. 26

12 vgl. Schmetz 2017, S. 16 und BMAS (2) 2016, S. S. 37

13 Gromann 2018, S.1

14 vgl. Sozialministerium Thüringen 2015, S. 2

15 vgl. Windisch 2017, S. 136

16 vgl. Maßnahmenplan LK MSE 2016, S. 15 ff. (Internetquelle)

17 Haushaltsplan Sozialamt (2019)

18 vgl. Kommunaler Sozialverband Mecklenburg-Vorpommern (Internetquelle)

19 Umsetzungsvorgaben zum Gesamtplanverfahren im LK MSE

20 vgl. Umsetzungsvorgaben zum Gesamtplanverfahren im LK MSE

21 vgl. Bosshart / Ebert / Lazarus 2013, S. 26

22 vgl. Schöny 2018, S. 78

23 vgl. Manual ITP 2017, S. 20

24 BMAS (1) 2016, S. 78

25 Graumann 2011, zit. nach Bennewitz 2016, S. 104

26 vgl. BMAS (1) 2016, S. 24

27 vgl. Weinbach 2016, S. 114 f.

28 vgl. Rohrmann / Weinbach 2017, S. 51

29 vgl. Schäfers 2017, S. 35

30 Windisch 2017, S. 127

31 Vgl. Schäfers 2017, S. 34

32 vgl. Bennewitz 2016, S. 105

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Bedarfsermittlungen in der Eingliederungshilfe für behinderte Menschen
Untertitel
Eine Evaluation im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte
Hochschule
Hochschule Neubrandenburg
Autor
Jahr
2019
Seiten
50
Katalognummer
V960802
ISBN (eBook)
9783346305770
ISBN (Buch)
9783346305787
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedarfsermittlungen, eingliederungshilfe, menschen, eine, evaluation, landkreis, mecklenburgische, seenplatte
Arbeit zitieren
Sophie Trenkler (Autor), 2019, Bedarfsermittlungen in der Eingliederungshilfe für behinderte Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/960802

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