Platon - Das Höhlengleichnis in Politeia, 7.Buch


Ausarbeitung, 1999

15 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1 PLATON

2 IDEENLEHRE

3 DAS HÖHLENGLEICHNIS
3.1 1. PHASE: BESCHREIBUNG DER GEFANGENEN DURCH SOKRATES.
3.2 2. PHASE: ENTFESSELUNG
3.3 3. PHASE: VORGANG DES HINAUFSTEIGENS ZUM LICHT
3.4 4. PHASE: ANBLICK DES LICHTS UND HINABSTIEG IN DIE HÖHLE

4 DER WEG DER ERKENNTNIS

5 WARUM ERKENNTNIS?
5.1 ZIEL DER ERKENNTNIS
5.2 LEHRPLAN

6 LITERATURVERZEICHNIS

1 Platon

Platon lebte von 427 - 347 v.Chr. und wurde als Sohn einer der führenden Familien Athens geboren; im Alter von 20 Jahren traf er auf Sokrates und blieb acht Jahre dessen Schüler. Nach der Verurteilung und Hinrichtung seines Lehrers, die ihn maßgeblich in seinem Denken und seiner Entwicklung beeinflussen sollte, verließ er Athen und unternahm ausgedehnte Reisen, die ihn vermutlich nach Ägypten, in den Orient, nach Indien und in das griechisch kolonialisierte Unteritalien und Sizilien führten. Diese Vermutung liegt nahe, da sich in seinen philosophischen Schriften Ideen verschiedener Glaubensrichtungen finden. 387 v.Chr. eröffnete er eine Schule in Athen, die auch nach seinem Tod im Alter von 80 Jahren noch mehrere Jahrhunderte bestand und als Platonische Akademie (nach dem griechischen Sagenheld Akademos) bekannt ist. Er unterrichtete dort unentgeltlich einen sich ansammelnden Kreis von Schülern, anhand eines durch ihn konzipierten und festgefügten Modells.

Platons Schriften weisen zumeist die Form eines Dialoges auf, in welchen Sokrates eine wichtige Rolle spielt. Man kann jedoch in den späteren Werken Platons nicht mehr feststellen, inwieweit die Aussagen tatsächlich Sokrates entstammen oder ihm von Platon in den Mund gelegt wurden und er sich der Figur Sokrates´ als Sprachrohr bediente. Platon verstand es meisterlich die Form des Dialoges in seinen Schriften zu verwenden, die ihm die Möglichkeit gab, seine Gedanken nicht nur systematisch aufzubereiten, sondern eine größere Lebendigkeit und Anschaulichkeit zu erreichen, durch das Für und Wider der verschiedenen Personen und Seiten des Problems, durch das dialektische Gespräch zeigte er, daß das menschliche Denken immer gespalten und in Gegensätzen verhaftet ist. Außerdem läßt diese Form dem Autor die Freiheit, am Schluß nicht endgültig Stellung beziehen oder gar den Streit schlichten zu müssen.

Es wurden in Platons Namen 34 Dialoge überliefert; ein Teil dieser gilt als nicht authentisch. 1

Wir wollen uns nun mit einem Teil seines Werkes Politeia und speziell dem darin enthaltenen 7. Buch, bekannt unter Das Höhlengleichnis, beschäftigen. Es handelt sich hierbei um einen Dialog zwischen Sokrates und Glaukon.

2 Ideenlehre

Um dieses Gleichnis verstehen zu können, erscheint es uns wichtig, sich kurz mit einem Teil der Platonischen Philosophie auseinanderzusetzen, der Lehre der Ideen.

Platon geht von einer unsterblichen Seele aus. Die menschliche Seele ist dreigeteilt und besteht aus Denken (Vernunft, hat ihren Sitz im Kopf), Willen (Gefühl, Sitz in der Brust) und Begierde (Sitz im Unterleib). Das Denken ist der unsterbliche Teil der Seele, der sich mit dem Eintritt in den menschlichen Körper mit den anderen beiden Teilen verbindet. Die unsterbliche Seele hat ihren ursprünglichen Platz im Reich der Ideen, welches die Urbilder des gesamten Seins als solches beinhaltet, die Idee des höchsten Guten steht hier an oberster Stelle. Die Welt, in die wir geboren werden, enthält nur die Abbilder dieser Ideen, welche wir ausschließlich mit unseren Sinnen erfassen können. Doch unsere Seele hat die Möglichkeit, sich an das Urbild/die Idee zu erinnern, für den Menschen erscheint dies als ein Vorgang des Suchens und Lernens.

Als leichten Einstieg und um die Ideenwelt zu verdeutlichen, haben wir eine mögliche Erklärung aus einem Kinder- und Jugendbuch entnommen, Namens „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder:

„Warum sind alle Pferde gleich, [...] es gibt etwas, das allen Pferden gemeinsam ist, etwas, das dafür sorgt, daß wir niemals Probleme haben werden, ein Pferd zu erkennen. Das einzelne Pferd >>fließt<< natürlich. [...] Aber die eigentliche Pferdeform ist ewig und unveränderlich. [...]

Platon glaubte an eine eigene Wirklichkeit hinter der >>Sinnenwelt<<. Diese Wirklichkeit nannte er die Welt der Ideen. Hier finden wir die ewigen und unveränderlichen >>Musterbilder<<, die Urbilder hinter den verschiedenen Phänomenen, die uns in der Natur begegnen.

[...]

Der eine Teil ist die Sinnenwelt - über die wir nur ungefähre oder unvollkommene Kenntnis erlangen können, indem wir unsere fünf (ungefähren und unvollkommenen) Sinne benutzen. Von allem in der Sinnenwelt gilt, daß >>alles fließt<< und daß folglich nichts Bestand hat. Nichts ist in der Sinnenwelt, es gibt nur viele Dinge, die entstehen und vergehen.

Der andere Teil ist die Ideenwelt - über die wir sicheres Wissen erlangen können, wenn wir unsere Vernunft gebrauchen. Diese Ideenwelt läßt sich mit den Sinnen also nicht erkennen. Zum Ausgleich sind die Ideen (oder Formen) ewig und unveränderlich.“2

3 Das Höhlengleichnis

Wir haben „Das Höhlengleichnis“ in 4 Phasen aufgeteilt, wie es uns aufgrund unserer Lektüre sinnvoll erschien; eine ähnliche Aufteilung findet sich in Ernst Hoffmanns „Pädagogischer Humanismus“.

Im folgenden möchten wir auf jede Phase einzeln eingehen und deren Bilder erläutern. Hierzu haben wir auch die Deutungen von Theodor Ballauff und Ernst Hoffmann einbezogen, um den verschiedenen Interpretationsansätzen gerecht zu werden.

3.1 1. Phase: Beschreibung der Gefangenen durch Sokrates.

„Sieh nämlich Menschen wie in einer unterirdischen, höhlenartigen Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat. In dieser seien sie von Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln, so daß sie auf demselben Fleck bleiben und auch nur nach vorne hin sehen, den Kopf aber herum zu drehen der Fessel wegen nicht vermögend sind. Licht aber haben sie von einem Feuer, welches von oben und von ferne her hinter ihnen brennt. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen geht oben her ein Weg, längs diesem sieh eine Mauer aufgeführt [...] Sieh nun längs dieser Mauer Menschen allerlei Geräte tragen [...] einige, wie natürlich, reden dabei, andere schweigen. [...] meinst du wohl, daß dergleichen Menschen von sich selbst und voneinander je etwas anderes gesehen haben als die Schatten, welche das Feuer auf die ihnen gegenüber stehende Wand der Höhle wirft? [...] Wenn sie nun miteinander reden könnten, glaubst du nicht, daß sie auch pflegen würden, dieses Vorhandene zu benennen, was sie sähen? [...] Und wie, wenn ihr Kerker auch einen Widerhall hätte von drüben her, meinst du, wenn einer von den Vorübergehenden spräche, sie würden denken, etwas anderes rede als der eben vorübergehende Schatten?“3

Das Leben in der Höhle kann man als das gewöhnliche Dasein interpretieren, der Mensch wird geboren, er wächst in einem geschlossenem Raum, einem abgeschlossenem System auf, er ist nie über die Grenzen seines Zuhauses hinausgekommen, hat nichts anderes gesehen, nichts gehört. Er fühlt sich wohl, ist mit seiner Welt und ihren Regeln vertraut. Wie könnte er die Idee haben, daß seine Wirklichkeit nicht mit der Außenwelt übereinstimmt, hat er doch keine Ahnung, daß diese existiert. Aus diesem Grund kann er auch nichts vermissen. Natürlich würde er die Schatten, die seine Augen erkennen können, die widerhallenden Stimmen und Geräusche, die seine Ohren hören, als die Menschen und Stimmen erkennen, von jenen der Schatten ausgeht. Er hat noch nie sein eigenes Gesicht gesehen.

Ballauff spricht in seinem Text von der Höhle als prim ä ren Aufenthalt, als zu Hause, einem geschlossenen Raum, der den Mensch umschließt, in dem er sich geborgen und sicher fühlt. Dieser Raum besitzt nur eine Öffnung, das Tor von Tag und Nacht, welches nur dem Wissenden, der auch um das Außen wei ß, bewußt ist. Der Mensch in der Höhle weiß nicht um das Außen, er ist sich des In-Sein, wie es Ballauff nennt, nicht bewußt. Der gefesselte Mensch, der Unwissende, hat keinerlei Bewegungsfreiheit, er verhaftet an seinem Standpunkt, ihm fehlt jede Umsicht, Rücksicht und Übersicht. Er lebt im bloßen Widerschein und Widerhall, in der Schattenhaftigkeit. Er hält das mit den Sinnen Wahrnehmbare für das Seiende. Er wird seines Wegs zur Erkenntnis beraubt, seine scheinbare Aktivität enthüllt sich für den Wissenden als Passivität, er erkennt das Wahrnehmbare und Vorübergehende als Abkehrung vom Wahren. Ballauff nennt dies das In-Seiende.

Hoffmann stimmt mit ihm im Punkte der Passivität überein. Er nennt es die naive Hinnahme des Sinnenscheins. Die Welt, in welche die Menschen hineingeboren werden, bezeichnet er als Welt der Wörter, sie ist die erste Stufe des Werdens, ein Leben im sichtbaren Raum.

3.2 2. Phase: Entfesselung

„Wenn einer entfesselt wäre und gezwungen würde, sogleich aufzustehen, den Hals herumzudrehen, zu gehen und gegen das Licht zu sehen, und, indem er das täte, immer Schmerzen hätte und wegen des flimmernden Glanzes nicht recht vermöchte, jene Dinge zu erkennen, wovon er vorher die Schatten sah: was, meinst du wohl, würde er sagen, wenn ihm einer versicherte, damals habe er lauter Nichtiges gesehen, jetzt aber, dem Seienden näher und zu dem mehr Seienden gewendet, sähe er richtiger, und, ihm jedes Vorübergehende zeigend, ihn fragte und zu Antworten zwänge, was es sei? Meinst du nicht, er werde ganz verwirrt sein und glauben, was er damals gesehen, sei doch wirklicher als was ihm jetzt gezeigt werde? [...] wenn man ihn gar in das Licht selbst zu sehen nötigte, würden ihm wohl die Augen schmerzen, und er würde fliehen und zu jenem zurückkehren, was er anzusehen imstande ist, [...]“4

Man stelle sich einmal vor, ein Mensch wäre sein ganzes bisheriges Leben in einem dämmrigen Raum auf einem Hocker an Beinen, Armen und Hals festgekettet worden, hätte nie die Möglichkeit gehabt sich zu bewegen und dies wäre sein Alltag. Plötzlich und unerwartet käme ein unbekanntes Wesen, das er noch nie zuvor gesehen hätte, es löste seine Fesseln und zwänge ihn sich zu bewegen. Was würde der Mensch dann empfinden?

Als erstes Angst (Der Mensch kennt dieses Wesen nicht und hat auch niemals zuvor so ein Wesen gesehen, alle Dinge um ihn herum sind unbekannt.), zweitens Schmerz (seine Muskeln sind völlig unterentwickelt, der Körper ist steif), dann Verwirrung (Warum sollte er sich auf einmal bewegen, was will der Fremde von ihm, was passiert mit ihm? Was ist die Wahrheit?).

Würde der Mensch diesem Wesen tatsächlich glauben und vertrauen oder würde er nicht, wie Platon es beschreibt, viel eher zu dem Vertrauten zurückkehren und fliehen?

Ballauff nennt die Entfesslung den ersten Ü bergang, der aus den oben genannten Gründen erfolglos bleiben muß. Der Mensch wird von seiner Pluralität, der Geborgenheit in seiner Gemeinschaft, in die Singularität, er ist nicht mehr Teil der Gruppe und ist auf sich selbst gestellt, versetzt.

Sein alltägliches Leben, das für ihn positiv und schmerzfrei war, kann die Entfesselung, die Bewegung und den Blick in das Feuer nur als lebensfeindlich und orientierungslos erscheinen lassen. Deshalb kann seine erste Reaktion nur eine Flucht zurück in die Geborgenheit sein.

Für Hoffman ist dies die Phase der empirischen Wahrnehmung, er kann nun in der Höhle Zusammenhänge erkennen und durch diese Erkenntnis Vorhersagen für weitere Ereignisse treffen. Der Mensch beginnt zu begreifen, daß Erkenntnis möglich ist. Hoffmann schreibt, daß die Schmerzen ein Kennzeichen des Lernens sind. Er läßt den Gedanken der Flucht jedoch außer Acht.

3.3 3. Phase: Vorgang des Hinaufsteigens zum Licht

„[...] wenn ihn einer mit Gewalt von dort durch den Unwegsamen und steilen Aufgang schleppte und nicht losließe, bis er ihn an das Licht der Sonne gebracht hätte, wird er nicht viel Schmerzen haben und sich gar ungern schleppen lassen? Und wenn er nun an das Licht kommt [...] wird er nicht das Geringste sehen können [...] Gewöhnung also, meine ich, wird er nötig haben, um das Obere zu sehen. [...] zuerst würde er Schatten [...erkennen] hierauf würde er was am Himmel ist und den Himmel selbst leichter bei Nacht betrachten [...] als bei Tage in die Sonne und in ihr Licht [sehen].“5

Wie wir bereits festgestellt haben, will der Mensch die Höhle nicht verlassen. Die Instanz, die ihn entfesselt hat, muß ihn mit roher Gewalt den Weg aus der Höhle empor zum Ausgang in die Außenwelt, ins Licht zwingen. Damit übernimmt diese Instanz auch die Verantwortung für den Aufstieg und darf nicht von dem Menschen ablassen, bis das Ziel erreicht ist. Der Aufstieg kann also nicht als Befreiung, sondern sollte besser als Freigabe gesehen werden, da er seiner Fesseln nur entledigt wird, um den Weg der Erkenntnis beschreiten zu können.

Für den Mensch aus der Höhle muß dieser Aufstieg noch schmerzhafter sein, als sich in der Höhle selbst umzuschauen. Er muß einen holprigen Weg hinaufsteigen und das Tageslicht, welches noch heller als das Licht des Feuers in der Höhle ist, wird seinen Augen noch mehr Schmerzen bereiten. Sein Blick richtet sich zunächst nur auf die Erde und die Spiegelungen des Himmels im Wasser. Doch mit der zunehmenden Gewöhnung der Augen an das Licht beginnt er die originale Welt zu erkennen. Schließlich wird er auch in der Lage sein, den Himmel zumindest bei Nacht zu betrachten. Der Sternenhimmel ist ein Symbol für die Welt der Ideen, die er jetzt erkennen kann. Ihm wird bewußt, daß die Spiegelungen, die er zuvor betrachtet hat, nur Abbilder dieser Ideen waren. Mit dieser Erkenntnis muß dem Menschen zwangsläufig sein früheres Leben als traurig erscheinen, und er wird Mitleid mit seinen ehemaligen Brüdern empfinden, da diese nicht in der Lage sind, die wirkliche Welt zu erkennen.

Bei Hoffman endet die 3. Phase der Erkenntnis mit dem Anblick der Spiegelungen der Sterne, also der Spiegelungen der Ideen. Der Mensch ist nun auf der Stufe des Verstandes, dem Bereich der Wahrheit, er ist im denkbaren Raum.

Für Ballauff geht die 3. Stufe noch über diesen Punkt hinaus. Der Mensch ist nicht nur fähig, den Himmel bei Nacht zu schauen, sondern er erblickt die Sonne selbst. Ihm wird klar, daß sie die Urheberin allen Seins ist, er versteht dadurch die Ordnung der Welt und des Lebens. Er begreift, daß sein primäres Wissen einem Nichtwissen gleichkommt. Der Mensch kann jetzt dankbar sein, denn er hat eine neue Heimat gefunden.

Die Sonne steht für die Idee über den Ideen, dem höchsten Guten. Diese essentielle Erkenntnis zwingt den Menschen dazu, sein Wissen an die Mitbrüder weitergeben zu wollen. Ballauff sieht hierin die Geburt des Pädagogen.

3.4 4. Phase: Anblick des Lichts und Hinabstieg in die Höhle

„Zuletzt aber, denke ich, wird er auch die Sonne selbst, nicht Bilder von ihr im Wasser oder anderwärts, sondern sie als sie selbst an ihrer eigenen Stelle anzusehen und zu betrachten imstande sein. [...] Und dann wird er schon herausbringen von ihr, daß sie es ist, die [...] alles ordnet in dem sichtbaren Raume und auch von dem, was sie dort sahen, gewissermaßen die Ursache ist. [...] Wenn ein solcher nun wieder hinunterstiege und sich auf den selben Schemel setzte: würden ihm die Augen nicht ganz voll Dunkelheit sein, da er so plötzlich von der Sonne herkommt? [...] würde man ihn nicht auslachen und von ihm sagen, er sei mit verdorbenen Augen von oben zurück gekommen und es lohne nicht, daß man auch nur versuche hinaufzukommen; sondern man müsse jeden, der sie lösen und hinaufbringen wollte, wenn man seiner nur habhaft werden und ihn umbringen könnte, auch wirklich umbringen? - So sprächen sie ganz gewiß, sagte er.“6

Unsere 4. Phase entspricht Ballauffs Ende der 3. Phase, nämlich der Schau der Sonne. Sie ist die Quelle allen Lebens, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Höhle. Die Konsequenz dieser Erkenntnis in ihrer gesamten Bandbreite, wie wir sie bereits bei Ballauff im dritten Abschnitt dargestellt haben, ist der Abstieg zurück in die Höhle. Der Weg vom Licht ins Dunkel ist dem Weg vom Dunkel ins Licht recht ähnlich. Der Mensch ist zu Anfang orientierungslos, er wird sich in der Dunkelheit nicht zurechtfinden können und in seiner Hilflosigkeit wird er auf die anderen in der Höhle lächerlich wirken. Genau wir er sich in dem Moment seiner Entfesselung gewehrt hat, werden auch seine Brüder in der Höhle ihn abwehren, denn er spricht von Dingen, die ihrer Ordnung und Wertvorstellung nicht entsprechen. Platon geht sogar soweit zu sagen, sie würden ihn töten, falls sie die Möglichkeit hätten.

Hoffman bezeichnet den Blick in den Himmel als die Welt der Ideen. Der Mensch befindet sich nun auf der Stufe der Vernunft, der Dialektik, die danach verlangt, sich mit anderen auseinanderzusetzen. In der Welt der Ideen gibt es eine Idee, die über allen steht, sie gibt allem eine Ordnung und bringt deren Existenz hervor. Im Gleichnis ist es das Bild der Sonne, die Idee des Guten. „Diese Idee muß Gott sein.“7

Ballauff geht auch hier weiter. Er sieht die Diskrepanz zu den Mitmenschen, die den Wissenden für die Unwissenden lebensuntauglich erscheinen läßt. Da der Wissende nicht aufgeben kann, den Anderen seine Erkenntnis mitzuteilen, muß er an deren Übermacht scheitern.

Das Höhlengleichnis gibt die unüberholbare Exposition der Tragödie der Paideia: der unaufhebbare Anspruch der Paideia an die Menschen und das unabänderliche Scheitern der Paideia in den Menschen. Gerade hierin spricht Platon, um sein Lebensschicksal wissend, von sich und seinem Vorhaben.“8

4 Der Weg der Erkenntnis

In diesem Abschnitt möchten wir die verschiedenen Phasen graphisch zusammenfassen, um die unterschiedlichen Aufteilungen und Schwerpunkte bei der Interpretation des Höhlengleichnisses zu verdeutlichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Höhlengleichnis bei Hoffmann:

Der Weg vom Anblick der Schattenfragmente zum Anblick des reinen, schöpferischen Sonnenlichts entspricht dem Weg von der Hinnahme wesenloser Wörter bis zur höchsten Vernunfteinsicht in die Idee des Guten.

Ballauff:

Höhlengleichnis besteht aus einer Zweiteilung, deren allgemeines Kennzeichen die Bewegung ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Deutung

5 Warum Erkenntnis?

„Was Platon im Höhlengleichnis schildert, ist der Weg des Philosophen von den unklaren Vorstellungen zu den wirklichen Ideen hinter den Phänomenen in der Natur. Er denkt wohl auch an Sokrates - den die >>Höhlenbewohner<< umgebracht haben, weil er ihre gewohnten Vorstellungen ankratzte und ihnen den Weg zu echter Einsicht zeigen wollte. Auf diese Weise wird das Höhlengleichnis zu einem Bild vom Mut und von der pädagogischen Verantwortung des Philosophen.

Es geht Platon darum, daß das Verhältnis zwischen der Finsternis der Höhle und der Natur draußen dem Verhältnis zwischen den Formen der Natur und der Ideenwelt entspricht. Er meinte nicht, daß die Natur finster und traurig ist, aber sie ist finster und traurig im Vergleich zur Klarheit der Ideen.“9

5.1 Ziel der Erkenntnis

Platon ist sich durchaus bewußt, daß der steile Weg der Erkenntnis nicht von jedem gegangen werden kann. Die übergeordnete Instanz, also der Philosoph ist verpflichtet die Auserwählten zu finden und sie zu zwingen, diesen Weg zu gehen, sie zu erziehen. Für ihn ist es eine Abwendung von allem vorher bekannten, eine Hinwendung zu Neuem und somit eine Richtungsänderung der Sicht. Haben sie das Ziel erreicht, ist es ihre Pflicht, zwischen diesen beiden Welten zu leben, zu regieren und die nächste Generation zu erziehen.

Erkenntnis wird erlangt mit Hilfe der Dialektik. Sie besteht aus 4 Abteilungen: Wahrscheinlichkeit, Glaube, Verständnis und Wissenschaft. Wissenschaft und Verständnis sind die beiden Stufen der Erkenntnis, während Glaube und Wahrscheinlichkeit sich auf der Stufe der Meinung befinden. Erziehung ist der Weg von der Meinung zur Erkenntnis, also vom Werden zum Sein. Doch der Mensch geht nicht von allein, es muß einen Lehrer geben, der nicht aus Eigensucht handelt, sondern im Dienste der Erkenntnis, der Wahrheit. Um diesen Weg zu gehen, hat Platon einen bestimmten Erziehungsplan vorgeschrieben, den er in seiner Akademie verwirklicht hat.

5.2 Lehrplan

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach Platon umfaßt die Ausbildung, die ein Philosoph durchläuft, 40 Jahre. Zu Anfang werden alle 10jährigen Kinder in Musik und Gymnastik unterrichtet. Platon sieht hierin die Grundelemente der Erziehung. Den Kindern sollen somit Mut und Weichheit gelehrt werden. Hinzu kommen Rechnen, Mathematik und eine Vorstufe der Dialektik. Mit dem 20sten Lebensjahr findet eine Auslese durch unparteiische Prüfer statt. Die Verbliebenen werden nun weitere zehn Jahre geschult. Hiernach erfolgt eine zweite Auslese, der sich ein fünfjähriges Studium der Philosophie anschließt. Nur wer sowohl die Auffassungsgabe, als auch die Ausdauer besitzt, diese Erziehung zu absolvieren, kann sie auch beenden. Denn selbst nach dieser langjährigen theoretischen Ausbildung, ist der Schüler noch nicht am Ziel. Er muß jetzt beweisen, daß er das Erlernte auch anzuwenden weiß. Die nächsten 15 Jahre werden nun unter Beweis stellen, ob er sich auch im täglichen Leben, zum Beispiel in einer Position als Kriegsherr, durchsetzen kann. Erst wenn der Schüler all diese Prüfungen erfolgreich bestanden hat, wird er mit 50 Jahren seine Pflicht wahrnehmen können und zu den Staatsoberhäuptern zählen. Nach Ablauf seiner Amtszeit ist er verpflichtet, die Ausbildung und Auslese der heranwachsenden Generation zu übernehmen.10

„Dies ist der Kern der pädagogischen Bedeutung von Platons Ideenlehre. Die Wissenschaften in die Ordnung ihrer naturgemäßen Folge gebracht, sind Phasen eines Weges, an dessen Zurücklegung unmittelbar der höchste erzieherische Sinn haftet. Der Weg der Erziehung durch die Wissenschaften ist steil, beschwerlich, schmerzhaft. Er verlangt eine Abkehr von der natürlichen Sinnlichkeit; aber er löst dem Menschen die Fesseln, führt ihn ins freie Reich der Gedanken, ermöglicht ihm, nach übersinnlichen Gesichtspunkten die Welt zu verstehen und mit metaphysischen Bewußtsein den Lebensweg zu gehen. Das Ziel ist das Absolute. Das Ganze aber ist der Weg, und darauf kommt es an. [...] Wer ihn gegangen ist, weiß nun, daß die Höhle ein Grab ist, das heißt, daß das Leben des Menschen erst wahrhaft lebenswert ist, wenn er den Weg der Erkenntnis durch wissenschaftliche Erziehung geht. Daher kehrt der Mensch nun um, geht Pflicht mäßig zurück zur Höhle und befreit andere, wie er befreit worden ist.“11

6 Literaturverzeichnis

Ballauff, Theodor: Die Idee der Paideia, Westkulturverlag Meisenheim/Glan 1952

Ballauff, Theodor: Philosophische Begründung der Pädagogik, Berlin 1966

Gaarder, Jostein: Sofies Welt; Carl Hanser Verlag München Wien 1993

Hoffmann, Ernst: Pädagogischer Humanismus, Artemis Verlag Zürich und Stuttgart 1955

Hoffmann, Ernst: Platon, Artemis Verlag Zürich 1950

Kron, Friedrich W.: Grundwissen Pädagogik, Ernst Reinhardt Verlag München Basel 1996, 5. Aufl.

Schleiermacher, Friedrich: Platon. Phaidon. Politeia; Rowolt Taschenbuch GmbH Hamburg 1958

Stenzel, Julius: Platon der Erzieher, Felix Meiner Verlag Leipzig 1928

Störig, Hans Joachim: Kleine Geschichte der Philosophie, Fischer Taschenbuch Verlag GmbH Frankfurt a.M. 1998

[...]


1 s. Störig, Hans Joachim: Kleine Geschichte der Philosophie, Fischer Taschenbuch Verlag GmbH Frankfurt a.M. 1998, S.154 ff

2 Gaarder, Jostein: Sofies Welt; Carl Hanser Verlag München Wien 1993, S. 103-108

3 Schleiermacher, Friedrich: Platon. Phaidon. Politeia; Rowolt Taschenbuch GmbH Hamburg 1958, S. 224

4 Schleiermacher, Friedrich: Platon. Phaidon. Politeia; Rowolt Taschenbuch GmbH Hamburg 1958, S. 225

5 Schleiermacher, Friedrich: Platon. Phaidon. Politeia; Rowolt Taschenbuch GmbH Hamburg 1958, S. 226

6 Schleiermacher, Friedrich: Platon. Phaidon. Politeia; Rowolt Taschenbuch GmbH Hamburg 1958, S. 227

7 Hoffmann, Ernst: Pädagogischer Humanismus, Artemis Verlag Zürich und Stuttgart 1955, S. 159

8 Ballauff, Theodor: Die Idee der Paideia, Westkulturverlag Meisenheim/Glan 1952, S.17

9 Gaarder, Jostein: Sofies Welt; Carl Hanser Verlag München Wien 1993, S. 111

10 s. Störig, Hans Joachim: Kleine Geschichte der Philosophie, Fischer Taschenbuch Verlag GmbH Frankfurt a.M. 1998, S.169

11 Hoffmann, Ernst: Pädagogischer Humanismus, Artemis Verlag Zürich und Stuttgart 1955, S. 160f

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Platon - Das Höhlengleichnis in Politeia, 7.Buch
Veranstaltung
Seminar: Der platonische, der aristotelische und der kantische Bildungsbegriff - Grundtypen der abendländischen Bildungsbegriffe
Autor
Jahr
1999
Seiten
15
Katalognummer
V96081
Dateigröße
367 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Deutung des Höhlengleichnisses nah am Text, Informationen zu Platons Leben und Ideenlehre
Schlagworte
Platon, Höhlengleichnis, Politeia, Buch, Seminar, Bildungsbegriff, Grundtypen, Bildungsbegriffe
Arbeit zitieren
Alexandra Odri (Autor:in), 1999, Platon - Das Höhlengleichnis in Politeia, 7.Buch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/96081

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