Lügen und Sprache. Differenzen zwischen Fremd- und Muttersprachlern

Kognitive Psychologie und Sprachpsychologie


Hausarbeit, 2020

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Cognitive-Load-Hypothese
2.2 Emotional-Distance-Hypothese

3 Empirische Studien
3.1 Zusammenfassung der Studie „The Language of Lies: Behavioral and Autonomic Costs of Lying in a Native Compared to a Foreign Language“ (Suchotzki & Gamer, 2018)
3.2 Zusammenfassung der Studie „You Must Be Lying Because I Don’t Understand You: Language Proficieny and Lie Detection“ (Elliott & Leach, 2016)
3.3 Vergleich der empirischen Studien

4 Diskussion
4.1 Zusammenfassung
4.2 Kritik
4.3 Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der empirisch psychologischen Forschung der letzten Jahre hat sich gezeigt, dass die allgemeine Lügendetektion nur in einem geringen Maß besser ist als die zufällige Ratewahrscheinlichkeit von 50% (Bond & DePaulo, 2006). Nur wenige Forscher haben sich bereits damit befasst, welche Implikationen das Sprechen einer Fremdsprache auf das Lügen und die Genauigkeit der Lügendetektion hat.

Es gibt zwei Forschungsrichtungen, auf Basis derer man mögliche Differenzen beim Erzählen von Lügen und der Lügendetektion zwischen Muttersprachlern im Vergleich zu Fremdsprachlern untersuchen kann: Die kognitive Psychologie und die Sprachpsychologie. Die Forschung im Bereich der kognitiven Psychologie befasst sich damit, welche kognitiven Auswirkungen das Lügen und das Sprechen einer Fremdsprache auf ein Individuum haben. Neben dem kognitiven Ansatz wird in der Sprachpsychologie erforscht, welche emotionalen Veränderungen durch das Lügen und das Sprechen der Mutter- oder Fremdsprache hervorgerufen werden. Aufgrund der Resultate dieser beiden Forschungsrichtungen ergeben sich zwei unterschiedliche Hypothesen, welche die Forscher in den folgenden Studien hinzuziehen, um die Differenzen zwischen Fremd- und Muttersprachlern zu untersuchen.

2 Theoretischer Hintergrund

2.1 Cognitive-Load-Hypothese

Mithilfe der Cognitive-Load-Hypothese soll erklärt werden, welche kognitiven Veränderungen dem Lügen und dem Sprechen einer Fremdsprache zugrunde liegen. Sowohl in der kognitiven Psychologie, als auch in der Neurowissenschaft hat sich gezeigt, dass das Erzählen von Lügen im Vergleich zum wahrheitsgemäßen Berichten zu höheren kognitiven Anforderungen führt (Vrij et al., 2011). Lügen ist jedoch nicht nur kognitiv anstrengender, sondern nimmt auch mehr Zeit in Anspruch (Suchotzki et al., 2017). Vor dem Hintergrund des sprachlichen Aspekts beim Lügen ist es ebenfalls wichtig, anzumerken, dass das Lügen durch weitere kognitive Anforderungen, wie in diesem Fall dem Sprechen einer Fremdsprache, zusätzlich erschwert wird (Blandon-Gitlin et al., 2014). Hiernach wäre davon auszugehen, dass das Lügen bei Fremdsprachlern erfolgloser ist als bei Muttersprachlern, da bereits das Lügen alleine hohe kognitive Anforderungen mit sich bringt, die durch das Sprechen einer Fremdsprache verstärkt werden.

2.2 Emotional-Distance-Hypothese

Neben dem Effekt der erhöhten kognitiven Anforderung trägt das Lügen auch dazu bei, dass die emotionale Erregung, sowie das Stresslevel steigt (The Global Deception Team, 2006). Die Steigerung der emotionalen Erregung ist beispielsweise ersichtlich anhand eines erhöhten Aktivationsniveaus der Amygdala während der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), da die Amygdala eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen spielt (Abe et al., 2007). Eine erhöhte Hautleitfähigkeit, sowie eine erhöhte Herzfrequenz zählen ebenfalls zu den Lügenindikatoren (Lykken, 1974). Das emotionale Erregungsniveau unterscheidet sich auch hinsichtlich der Sprache. Wird eine Fremdsprache gesprochen, ist das Sprechen im Vergleich zur Muttersprache weniger emotional erregend (Dewaele, 2008). Nach der Emotional-Distance-Hypothese wäre also zu erwarten, dass das Lügen in einer Fremdsprache aufgrund der erhöhten emotionalen Distanz erleichtert wird und die Lügendetektion weniger erfolgreich ist.

3 Empirische Studien

3.1 Zusammenfassung der Studie „The Language of Lies: Behavioral and Autonomic Costs of Lying in a Native Compared to a Foreign Language“ (Suchotzki & Gamer, 2018)

In dieser Studie soll die Fragestellung untersucht werden, ob es Differenzen beim Lügen zwischen Muttersprachlern und Fremdsprachlern gibt. Zur Beantwortung dieser Fragestellung basieren die Forscher ihre Studie auf der Cognitive-Load-Hypothese und der Emotional-Distance-Hypothese. Nach der Cognitive-Load-Hypothese würde das Lügen in einer Fremdsprache erschwert werden. Die Differenzen zwischen Muttersprachlern und Fremdsprachlern müssten vergleichsweise groß ausfallen. Im Gegensatz dazu besagt die Emotional-Distance-Hypothese, dass durch die emotionale Distanz das Lügen für Fremdsprachler erleichtert wird. Die Differenzen zwischen den beiden Versuchsgruppen würden vergleichsweise gering ausfallen. Geringe Differenzen zwischen emotionalen Fragen im Vergleich zu neutralen Fragen bei Fremdsprachlern würden ebenfalls die Emotional-Distance-Hypothese belegen.

Die Studie wird durch insgesamt drei Experimente gestützt (Tabelle 1). Die unabhängige Variable stellt bei allen drei Experimenten das Lügen in der Fremdsprache (Englisch) und Muttersprache (Deutsch) dar. Als abhängige Variable wurden in allen drei Experimenten die Reaktionszeiten der ProbandInnen gemessen. Im dritten Experiment wurden zusätzlich die Herzfrequenz und die Hautleitfähigkeit als abhängige Variablen erfasst. Die Methodik der drei Experimente zeigt große Überschneidungen. Voraussetzungen für die Teilnahme war, dass die ProbandInnen deutsche Muttersprachler waren, mindestens vier bis fünf Jahre Englischunterricht hatten und nicht bilingual aufgewachsen sind. Die ProbandInnen bearbeiteten in jedem Experiment eine spezifische Lügenaufgabe. Am Ende wurden die Fragen und Aussagen aus der Lügenaufgabe nach ihrer Emotionalität bewertet.

Table 1 Example of the English Questions Used in the Three Experiments

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Am ersten Experiment nahmen 41 ProbandInnen mit einem Durchschnittsalter von 19.81 Jahren (SD = 1.66 Jahre) teil. Die Lügenaufgabe bestand aus 40 allgemeinen Aussagen, von denen jeweils 20 neutral und 20 emotional behaftet waren. Die Aussagen wurden am Computer präsentiert und sollten durch das Drücken von kompatiblen Tasten beantwortet werden. Anhand der Schriftfarbe der Aussagen wurde den TeilnehmerInnen signalisiert, ob diese wahrheitsgemäß oder täuschend beantwortet werden sollten.

Am zweiten Experiment nahmen 38 ProbandInnen mit einem Durchschnittsalter von 20.80 Jahren (SD = 7.22 Jahre) teil. Der Ablauf war annähernd identisch zu dem des ersten Experiments, jedoch bestand die Lügenaufgabe im zweiten Experiment darin, dass 56 persönliche Fragen über Kopfhörer gestellt wurden, von denen 50 % neutral und 50 % emotional waren. Ein farbiger Hinweisreiz in Form eines Punktes am Bildschirm deutete auf eine wahrheitsgemäße oder falsche Beantwortung der Frage hin. Die Antworten wurden hier verbal mitgeteilt.

Am dritten Experiment nahmen 48 ProbandInnen mit einem Durchschnittsalter von 27.24 Jahren (SD = 6.74 Jahre) teil. Der Unterschied zu den vorangegangenen Experimenten lag darin, dass neben den Reaktionszeiten die Herzfrequenz und die Hautleitfähigkeit der ProbandInnen während der Lügenaufgabe gemessen wurden. Es wurden persönliche Fragen per Video gestellt, die verbal beantwortet wurden. Der Hinweisreiz war hier ebenfalls ein in der Farbe variierender Punkt auf dem Bildschirm. Die Aussagen und Fragen in allen Experimenten wurden sowohl auf Deutsch, als auch auf Englisch präsentiert und mussten jeweils einmal bejaht oder verneint werden. Die Reihenfolge war randomisiert.

Bei allen Experimenten zeigte sich, dass die Reaktionszeiten bei wahrheitsgemäßen Antworten im Vergleich zu gelogenen Antworten geringer waren. Die Reaktionszeiten waren ebenfalls geringer, wenn die Aussagen auf Deutsch stattfanden, also der Muttersprache. Die emotionalen Aussagen in den Experimenten wurden von den ProbandInnen auch als emotionaler bewertet. Alle ProbandInnen zeigten schnellere Reaktionszeiten bei neutralen Aussagen im Vergleich zu emotionalen Aussagen. Zwar gab es auch geringere Reaktionszeitdifferenzen zwischen dem Erzählen von Lügen und Wahrheiten bei Fremdsprachlern im Vergleich zu Muttersprachlern, jedoch ist dieser Effekt zurückzuführen auf ein langsameres Berichten von Wahrheiten und nicht auf ein effizienteres Lügen, zumal kein Einfluss der Emotionalität in den Experimenten nachgewiesen werden konnte.

Nur im zweiten Experiment kam es zu längeren Reaktionszeiten während des Lügens bei Fremdsprachlern. Im dritten Experiment wurde eine erhöhte elektrodermale Aktivität bei emotionalen Fragen gemessen, sowie beim Lügen allgemein. Die Differenzen in der elektrodermalen Aktivität beim Lügen und wahrheitsgemäßen Berichten waren jedoch unabhängig von der Sprache. Im Gegensatz zu früheren Forschungsergebnissen unterschied sich die Herzfrequenz nicht in Abhängigkeit von dem Wahrheitsgehalt der Aussagen (Gödert et al., 2001).

3.2 Zusammenfassung der Studie „You Must Be Lying Because I Don’t Understand You: Language Proficieny and Lie Detection“ (Elliott & Leach, 2016)

In dieser Studie lag der Fokus auf den Sprachkenntnissen der Lügenden mit vier Abstufungen als unabhängige Variable und der Auswirkungen dieser auf die Lügendetektion als abhängige Variable. Es wurden Hypothesen zur Lügendetektion, Verzerrungen und Täuschungshinweisen aufgestellt. Bezüglich der Lügendetektion wurde die Hypothese aufgestellt, dass diese am schlechtesten bei befragten TeilnehmerInnen mit Anfängerenglisch im Vergleich zu Muttersprachlern ausfallen würde. Darüber hinaus wurde vermutet, dass die Lügendetektion bei TeilnehmerInnen mit mittleren sprachlichen Kenntnissen ähnlich wie bei Muttersprachlern ausfallen würde, jedoch akkurater bei fortgeschrittenen Sprechern im Vergleich zu Muttersprachlern. Bezüglich der Verzerrungen erwarteten die Versuchsleiter, dass die BeurteilerInnen häufiger davon ausgehen würden, dass Muttersprachler die Wahrheit berichten. Darüber hinaus wurde vermutet, dass Lügende mit den geringsten Englischkenntnissen mehr Hinweise auf eine erhöhte kognitive Beanspruchung im Sinne der Cognitive-Load-Hypothese zeigen würden.

Insgesamt bestand die Studie aus zwei Phasen. Die Stichprobe in der ersten Phase bestand aus 56 TeilnehmerInnen mit einem Durchschnittsalter von 27.51 Jahren (SD = 9.81 Jahre), welche hinsichtlich der vier verschiedenen Englischniveaus, des Alters, der ethnischen Herkunft und des Geschlechts aufeinander abgestimmt wurden. Englische Muttersprachler und TeilnehmerInnen mit anderen Englischniveaus wurden zufällig einer von zwei Bedingungen zugewiesen. In der einen Bedingung schauten die ProbandInnen ein neutrales Video oder ein Video, in dem ein vermeidlich terroristischer Akt geplant wurde. Über das letztere Video sollten die TeilnehmerInnen eine Lüge berichten. In einem darauffolgenden Interview wurden ihnen Fragen über das Video gestellt. In der zweiten Phase schauten 132 TeilnehmerInnen mit einem Durschnittsalter von 19.21 Jahren (SD = 1.85 Jahre) die Interviews der Befragten an und sollten beurteilen, ob diese lügen oder nicht und wie sicher sie sich ihrer Entscheidung waren.

Insgesamt war die Lügendetektion bei den BeurteilerInnen besser als der Zufall, vor allem bei der Beurteilung von Wahrheiten. Die Hypothesen haben sich zum größten Teil bestätigt. Die Lügendetektion waren am schlechtesten bei den Befragten mit Anfängerenglisch und etwa gleich bei Sprechern im mittleren Bereich im Vergleich zu Muttersprachlern. Entgegen der Hypothesen war die Lügendetektion bei fortgeschrittenen Fremdsprachlern und Muttersprachlern gleich. Verzerrungen zugunsten der Muttersprachler konnten ebenfalls nachgewiesen werden. Lügende mit geringen Englischkenntnissen zeigten jedoch keine besonderen Hinweise im Sinne der Cognitive-Load-Hypothese.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Lügen und Sprache. Differenzen zwischen Fremd- und Muttersprachlern
Untertitel
Kognitive Psychologie und Sprachpsychologie
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
14
Katalognummer
V960830
ISBN (eBook)
9783346307965
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lügen, sprache, differenzen, fremd-, muttersprachlern, kognitive, psychologie, sprachpsychologie
Arbeit zitieren
Celine Tatus (Autor), 2020, Lügen und Sprache. Differenzen zwischen Fremd- und Muttersprachlern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/960830

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Lügen und Sprache. Differenzen zwischen Fremd- und Muttersprachlern



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden