Die spezifischen Risiken des Lehrerberufs unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Schulleitung und ihres Einflusses auf die Lehrergesundheit


Hausarbeit, 2015

24 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Grundlegende Konzepte und Modelle aus dem Bereich der Arbeitspsychologie
2.1 Gesundheit
2.2 Stress

3 Spezielle Belastungen des Lehrerberufs

4 Voraussetzungen für die Gesundheitserhaltung von Lehrkräften
4.1 Aspekte einer „gesunden“ Schule
4.2 Die Schulleitung als Faktor einer gesunden Schule
4.2.2 Das 4-Ebenen-Modell der gesundheitsförderlichen Schulleitung

5 Diskussion

6 Fazit

Literatur

1 Einleitung

Lehrerinnen und Lehrer bilden in Deutschland eine der größten homogenen Berufsgruppen. Betrachtet man das Berufsfeld der Lehrkräfte, so kann man feststellen, dass sie nicht nur die Aufgabe haben, Schülerinnen und Schülern Kenntnisse zu vermitteln, sie zu bilden und zu erziehen, sondern sie tragen mit ihrer Arbeit auch zur Weiterentwicklung der aufwachsenden Generationen bei und helfen so eine Stabilität in der Gesellschaft herzustellen (Scheuch, Haufe & Seibt, 2015). Somit übernehmen sie auch eine wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe. Lehrerinnen und Lehrer sollen für die Schülerinnen und Schüler aber auch verständnisvolle Partner und geduldige Berater sein; zugleich müssen sie Noten vergeben und die Schüler / Schülerinnen bewerten. Außerdem wird ihnen in der heutigen immer stärker multikulturell geprägten Zeit die Rolle des Sozialarbeiters zugesprochen (Scheuch, Seibt, Rehm, Riedel & Melzer, 2010). Somit hat sich der Lehrerberuf in den letzten Jahrzehnten vom “klassischen” Unterrichten in Richtung eines Kultur-, Gesellschafts- und Sozialberufs entwickelt, der zunehmend auch einen großen Teil an bürokratischen Verwaltungstätigkeiten umfasst (Ulich, 1996).

Die Unterrichtstätigkeit selbst ist geprägt durch starke soziale, interaktive und hoch emotionale Arbeit. Durch den immer größer werdenden Anteil an Tätigkeiten im Schulmanagement und in der Schulverwaltung kommen auf den einzelnen Lehrer und die einzelne Lehrerin erhebliche Mehrfachbelastungen zu (European Commission, 2013).

So ist es nicht verwunderlich, dass der Lehrerberuf zu den Berufen gehört, die in besonderem Maße mit einer hohen psychischen Belastung verbunden sind (Schaarschmidt & Fischer, 2001). Viele Lehrerinnen und Lehrer beklagen sich darüber, dass ihr Aufgabenbereich immer weiter wächst, während sich ihre Arbeitsbedingungen verschlechtern (Schaarschmidt, 2004). Alarmierend sind Zahlen aus dem Jahr 2001, die belegen, dass jede zweite Lehrkraft aufgrund von Dienstunfähigkeit pensioniert werden musste. Zwar verbesserten sich diese Zahlen in den letzten Jahren, doch sind weiterhin die Tage, an denen Lehrkräfte arbeitsunfähig waren, besorgniserregend hoch (Statistisches Bundesamt, 2013).

Anders als bei anderen Berufsgruppen - z.B. bei den Bergleuten die Staublunge oder beim Bäckerhandwerk das Bäckerasthma -, gibt es bei der Berufsgruppe der Lehrerinnen und Lehrer keine spezifische Berufskrankheit im engeren Sinne. Vielmehr wird immer wieder die allgemeine Diagnose Burn-Out gestellt, wobei es sich hier um ein noch nicht ausreichend anerkanntes Krankheitsbild handelt. So wird im ICD-10-GM Burn-Out nicht als eigene Diagnose aufgeführt, sondern nur als Unterpunkt der Diagnose Z73 “Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung” (Graubner, 2014 und Nieskens, Rupprecht & Erbring, 2012). Aus diesem Grunde wollen wir in dieser Arbeit zunächst die allgemein angewandten Begriffe “Gesundheit” und “Stress” erläutern. Im nachfolgenden Kapitel werden dann die spezifischen Stressoren und Belastungen des Lehrerberufes dargelegt, um schließlich die Aufgabe der Schulleitung zu reflektieren.

Was kann getan werden, damit der Lehrerberuf weniger belastend wird? In der vorliegenden Arbeit möchten wir vor allem auf die Möglichkeiten und die Rolle des Schulleiters/ der Schulleiterin eingehen. Inwieweit ist die Schulleitung in der Lage, auf die Gesundheit der Lehrkräfte einzuwirken und welche Führungsstile sind förderlich, um für die Lehrkräfte ein weniger psychisch belastendes Arbeitsklima zu schaffen?

2 Grundlegende Konzepte und Modelle aus dem Bereich der Arbeitspsychologie

Bevor näher auf die Funktion des Schulleiters / der Schulleiterin für die Lehrergesundheit eingegangen wird, sollen zunächst einige grundlegende arbeitspsychologische Konzepte und Modelle vorgestellt werden, die man auch auf den Lehrerberuf beziehen kann.

2.1 Gesundheit

Gesundheit zu definieren, ist ein schwieriges Unterfangen, da der Begriff ein Konstrukt von verschiedenen Gesundheitsvorstellungen ist, die wiederum durch soziale Konstruktionen entstanden sind (Hurrelmann, Franzskowiak, 2011).

Grundsätzlich kann man aber sagen, dass Gesundheit multidimensional definiert werden muss. Neben körperlichen Anteilen enthält sie auch seelisch-geistige und soziale Anteile, die sich wechselseitig beeinflussen können. Dies alles fasst die Definition der Weltgesundheitsorganisation zusammen: „Gesundheit ist der Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur des Freiseins von Krankheit und Gebrechen” (World Health Organization, 1948, zit. nach Nieskens, Rupprecht & Erbring, 2012, S. 43).

Im Jahre 2014 konkretisierte die WHO die Definition noch und sprach von nun an von einer seelisch-geistigen Gesundheit, nahm also die psychische Gesundheit in die Definition mit auf. “Mental health is defined as a state of well-being in which every individual realizes his or her own potential, can cope with the normal stresses of life, can work productively and fruitfully, and is able to make a contribution to her or his community” (WHO, 2014). Passend dazu macht die WHO mit ihrem Slogan “There is no health without mental health” (WHO, 2014) auf die zentrale, essentielle Rolle der psychischen Gesundheit aufmerksam.

Barkholz, Israel, Paulus und Posse (1998) beschreiben Gesundheit als eine lebenslange Entwicklungsaufgabe. Es muss stetig die Balance zwischen den drei Bereichen Person, soziale Lebenswelt und Umwelt gefunden werden. Da die Bereiche einander wechselseitig beeinflussen, kann dies dazu führen, dass ein Anstieg oder ein Absinken des Gesundheitsniveaus in einem der drei Bereiche die anderen Bereiche ebenfalls beeinflusst. Sie schließen daraus, dass man eine Person immer im Lebenskontext betrachten und bewerten muss und dass sich somit die Förderung der Gesundheit immer auch auf die die Person umgebende Umwelt beziehen muss.

Diesen dynamischen Charakter der Gesundheit beschreibt auch das Anforderungs­Ressourcen-Modell von Peter Becker. Das Individuum und seine Umwelt werden beide als komplexe hierarchisch strukturierte Systeme verstanden, die miteinander interagieren und sich gegenseitig beeinflussen. Den Ausgangspunkt bilden Anforderungen, die von außen und innen einwirkende Stressoren sind. Dies können sowohl klassische Risikofaktoren sein, sowie solche Faktoren, welche nicht zwingend gesundheitsbeeinträchtigende Wirkungen haben müssen. Um diese Stressoren bzw. Anforderungen zu bewältigen, muss das Individuum interne oder externe Ressourcen nutzen, also Kräfte und Kompetenzen, die zur Aufgabenlösung zur Verfügung stehen (Nieskens et al., 2012). Die vorhandenen Ressourcen entscheiden letztendlich auch darüber, wie die Anforderung erlebt wird - als Belastung oder eben nicht als eine solche. Ebenfalls entscheiden die vorhandenen Ressourcen darüber, ob eine Belastung nur von kurzer Dauer ist oder langfristig anhält und so gesundheitsschädlich werden kann. Weiter kann man zwischen internen und externen Anforderungen sowie externen und internen Ressourcen unterscheiden. Interne Anforderungen bestehen aus Bedürfnissen, Werten, Normen und Zielen, deren Erfüllung im Zentrum des Handelns des Individuums stehen. Externe Anforderungen hingegen werden von der das Individuum umgebenden Umwelt gestellt und bestehen in sozialen Erwartungen, Normen und Werten. Interne und externe Anforderungen können voneinander abhängig sein, wenn z.B. die eigenen Werte und Normen durch soziale und kulturelle Einflüsse beeinflusst werden (Nieskens et al., 2012). Zu den internen Ressourcen werden Kompetenzen und Eigenschaften einer Person zusammengefasst, bspw. Fähigkeiten, Eigenschaften und Überzeugungen. Außerdem werden hier auch die physiologischen Voraussetzungen hinzugezählt. Soziale, berufliche, materielle und ökologische Ressourcen stellen die externen Ressourcen dar und bestehen aus sämtlichen Anforderungen, die in der Umwelt des Individuums zu finden sind (Nieskens et al., 2012).

Insgesamt wird die Gesundheit in diesem Modell durch das spezifische Verhalten und Erleben sowie das Verhalten zur Bewältigung bestimmt. Dieses Bewältigungsverhalten hat den größten Einfluss auf die Gesundheit, da es sich aus allen Komponenten zusammensetzt - den internen und externen Ressourcen und den internen und externen Anforderungen und sich daraus später das emotionale Verhalten des Individuums ergibt. Dieses prägt dann erheblich die individuelle Gesundheit (Nieskens et al., 2012).

2.2 Stress

Der Begriff Stress wird im Alltag sehr häufig verwendet, wobei zu beachten ist, dass er ganz unterschiedliche Bedeutungen haben kann. So kann er gleichzeitig auf Umgebungsfaktoren wie Lärm oder Zeitdruck bezogen werden oder aber auch auf physiologische Reaktionen und Empfindungen (Dick, 1999).

Hans Selye war einer der ersten, der den Stressbegriff definierte. Er verstand hierunter “die unspezifische Reaktion des Körpers auf jede an ihn gestellte Anforderung” (1974, S.58). Zusammen mit seiner Definition zum Stress stellte Selye das Konzept des allgemeinen Adaptionssyndroms auf. Die Stressreaktion wird hierbei in drei aufeinander aufbauende Phasen unterteilt. Zunächst reagiert der Organismus auf einen Stressor mit einer Alarmreaktion, die eine erhöhte Hormonausschüttung beinhaltet. Darauf folgt die Widerstandsphase. Der Organismus passt sich der Situation an, was zur Folge hat, dass die allgemeine Aktivierung abnimmt. Sollte die Anpassungsreaktion aber überreizt werden, weil der Stressor bspw. zu stark ist, tritt die Erschöpfungsphase ein. Sie ist dadurch charakterisiert, dass der Organismus durch die andauernde Belastung all seine Ressourcen aufbraucht, was letztendlich zu Krankheit und im schlimmsten Fall sogar zum Tod führen kann (Dick, 1999).

Ein anderes Modell, das sich mit dem Phänomen Stress beschäftigt, ist das Belastungs­Beanspruchungskonzept. Das von Rohnert und Rutenfranz entwickelte Konzept hat Eingang in die deutsche und sogar die europäische Norm gefunden. Unter psychischer Belastung wird “die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken” (Deutsches Institut für Normung, 2000, S.3) verstanden. Belastungen sind demnach alle auf den Menschen von außen einwirkenden Größen und Bedingungen. Sie können sowohl förderlich als auch beeinträchtigend sein. Hierbei sind immer die individuellen Eigenschaften der Person zu berücksichtigen. Unter psychischer Beanspruchung wird im DIN EN ISO 10075-1 “die unmittelbare (nicht langfristige) Auswirkung der psychischen Belastung im Individuum in Abhängigkeit von seinen jeweiligen überdauernden und augenblicklichen Voraussetzungen, einschließlich der individuellen Bewältigungsstrategien” (Deutsches Institut für Normung, 2000, S.3) verstanden. Die Beanspruchungen sind also die direkt aus der (Arbeits-)Belastung resultierenden Auswirkungen auf den Menschen. Genauso wie die Belastung kann auch die Beanspruchung sowohl einen positiven, anregenden, trainierenden Effekt haben, sie kann aber genauso einen negativen, ermüdenden Effekt zeigen (Bamberger, Mohr & Busch, 2012).

Das transaktionale Stressmodell wurde von Richard Lazarus entwickelt und stellt einen kognitiven Erklärungsansatz dar. Individuelle, kognitive Bewertungsprozesse des Menschen entscheiden darüber, ob bei ihm ein Stresserleben entsteht oder nicht. Es beginnt mit einem Reiz, der ein möglicher Stressauslöser sein kann. Entscheidend ist, wie der Reiz von der Person selbst bewertet wird. In diesem Stressmodell kann zwischen drei Bewertungsprozessen unterschieden werden. Im Rahmen der primären Bewertung wird eine Situation danach beurteilt, ob Umweltbedingungen oder Anforderungen vorherrschen, die möglicherweise bedrohlich für die Person sind, also Stressoren beinhalten könnten. Wenn die Situation als bedrohlich eingeschätzt wird, gibt es eine sekundäre Bewertung. Die Person entscheidet dann darüber, ob sie zur Bewältigung der Situation über genügend Ressourcen verfügt. Wenn die Situation erfolgreich bewältigt wurde, kommt es zu einer Neubewertung der Situation. Es wird überprüft, ob die Aufgabenbewältigung gelungen ist oder ob die vorliegende Situation immer noch bedrohlich ist. Wurde die Situation erfolgreich gelöst, wird sie in Zukunft als weniger stressend wahrgenommen. Diese Bewertungsvorgänge können beliebig oft wiederholt werden, wobei es sich dabei um intuitive Prozesse handelt. Stress entsteht laut diesem Modell, wenn zur Bewältigung einer bedrohlichen Situation nicht genügend Ressourcen bzw. Bewältigungsfähigkeiten zur Verfügung stehen (Bamberger, Mohr & Busch, 2012).

Eine gelungene Definition für den Stressbegriff stammt von Greif, Bamberger und Semmer, die mit ihren Überlegungen am transaktionalen Modell anknüpfen. “Stress ist ein subjektiv intensiv unangenehmer Spannungszustand, der aus der Befürchtung entsteht, dass eine stark aversive, subjektiv zeitlich nahe (oder bereits eingetretene) und subjektiv lang andauernde Situation sehr wahrscheinlich nicht vollständig kontrollierbar ist, deren Vermeidung aber subjektiv wichtig erscheint” (Greif, Bamberger & Semmer, 1991, S.13). Im Zentrum dieser Definition stehen die “unangenehmen Spannungszustände”, die durch die Stressoren zustande kommen. Außerdem wird auf die Qualität, Intensität und Dauer der subjektiven Empfindung eingegangen (Greif, Bamberger & Semmer, 1991).

Genetisch bedingt, ist der Körper in der Lage, durch eine individuelle Reaktion Stress zu bewältigen, den Stressor anzugreifen oder gar vor ihm zu flüchten. Dabei kommt der Körper in ein Ungleichgewicht, das zwar dazu befähigt, schnell und angemessen zu handeln, das bei längerem Andauern aber schädlich sein kann und sich dann negativ auf die Gesundheit auswirkt. Kurzfristige Stressreaktionen dienen als Signale, die zur Alltagsbewältigung vonnöten sind. Wenn diese Warnsignale aber über längere Zeit anhalten, befindet sich der Körper in einem Zustand der Dauerbelastung, was dazu führt, dass essentielle Körperfunktionen nur noch bedingt zur Verfügung stehen. Es kommt dazu, dass Hormone, die in Stress-Situationen ausgeschüttet werden, langfristig nicht mehr abgebaut werden können und dass negative Gefühle überdauern. Dies kann auf Dauer zu Depressionen und Aggressionen führen, aber auch Auswirkungen auf physiologisch-somatischer Ebene haben, wie Herz-Kreislaufbeschwerden, Müdigkeit und Magen-Darm-Probleme (Nieskens et al., 2012).

3 Spezielle Belastungen des Lehrerberufs

Wie in der Einleitung angesprochen, gehörte der Lehrerberuf schon immer zu den Berufen, die mit einer besonders hohen psychischen Belastung verbunden sind. Wie einleitend schon erwähnt, wurde im Jahr 2001 mehr als jede zweite Lehrkraft aufgrund von Dienstunfähigkeit pensioniert (Statistisches Bundesamt, 2013). Und obwohl sich die Zahlen bis heute zwar verbessert haben (wahrscheinlich aber nur aufgrund versorgungsrelevanter Maßnahmen), sind Lehrer und Lehrerinnen unvermindert berufsspezifischen Anforderungen ausgesetzt, die sie in besonderem Maße fordern und auf die sie selbst nur sehr begrenzt Einfluss nehmen können (Nieskens et al., 2012).

Schaarschmidt beschreibt die - teilweise sehr gegensätzlichen - Anforderungen, denen ein Lehrer / eine Lehrerin ausgesetzt sind, sehr treffend:

Da wird einerseits soziale Sensibilität verlangt, andererseits aber auch - vor allem in Bezug auf die eigene Person - ein hohes Maß an Robustheit. Gewünscht ist ein empathisches und partnerschaftliches Verhalten gegenüber den Schülern, doch zugleich ist es unumgänglich, zur Selbstbehauptung und Durchsetzung in der Lage zu sein. Gefordert sind Verantwortungsbewusstsein und ein hoher Anspruch an die Güte der eigenen Arbeit, andererseits kommt der Lehrer nicht umhin, sich mit viel Unvollkommenem und Unerreichtem abfinden und permanent mit dem Gefühl des Nicht-Fertig-Seins leben zu müssen. Nicht zu unterschätzen sind auch die zu erbringenden Aufmerksamkeitsleistungen [...] (2004, S.15).

Hier wird unter anderem deutlich, welch diskrepante Rollenerwartungen an den Lehrer / die Lehrerin gestellt werden. Wie bereits erwähnt wurde, werden von verschiedenen Seiten ganz unterschiedliche Rollenerwartungen an den Lehrer / die Lehrerin herangetragen und deren qualifizierte Ausübung erwartet. Dazu gehören neben Schülerinnen und Schülern, Kolleginnen und Kollegen, neben der Schulleitung und den Eltern auch die Gesellschaft, die zuständigen Behörden und die Politik. Ganz abgesehen von den Rollen, die Lehrkräfte in ihrem Privatleben in ganz unterschiedlichem Maße erfüllen müssen. Häufig wollen Lehrerinnen und Lehrer all diesen Rollenerwartungen gerecht werden oder aber sie suchen nach der Lehrerrolle, welche ihren Stärken und Schwächen am ehesten entspricht. Diese Suche kann sich allerdings als recht schwierig und aufwendig erweisen, was schnell und häufig zu Überforderung führen kann (Nieskens et al., 2012).

Neben den “klassischen” Belastungsfaktoren wie Unterrichten, Fördern und Benoten kommen Faktoren wie die immer weiter steigende Klassengröße, die nicht klar definierten Arbeitszeiten und das eigene Zeitmanagement hinzu (Nieskens et al, 2012). Noch entscheidender aber ist, dass sich die Lehrkräfte ständig auf andere Schülergruppen mit ganz unterschiedlichen Zusammensetzungen und auf das jeweilige Verhalten der einzelnen Schülerinnen und Schüler einstellen müssen. Hier wirken sich auf das Wohlergehen insbesondere die Schülerinnen und Schüler negativ aus, die wenig oder gar nicht motiviert sind und die durch ihr Verhalten die Lerngruppe so belasten, dass ein angemessener Unterricht kaum möglich ist. Nieskens, Schumacher, Sieland und Bräuer belegen, dass knapp 50% der 507 befragten Berufsschulleiter Schülerinnen und Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten unterrichten (Nieskens et al., 2012). Kramis-Aebischer (1995) berichtet in seiner Studie zu den Belastungen im Lehrerberuf außerdem von Disziplinproblem auf Seiten der Schülerschaft, die auch mit einer geringen Lernbereitschaft einhergehen. Auf einen großen Teil dieser Faktoren haben Lehrerinnen und Lehrer nur bedingt Einfluss, da diese Belastungen extern bestimmt werden, z.B. durch den Erziehungsbeitrag des Elternhauses, die soziale Herkunft des Kindes oder durch politische Entscheidungen und Lehrpläne.

Neben den berufsspezifischen Belastungen gibt es im Lehrerberuf auch berufsunspezifische Anforderungen. Hierzu zählen vor allem Kooperationsschwierigkeiten, fehlende Wertschätzung und - gerade im Lehrerberuf - fehlende Entwicklungsmöglichkeiten hinsichtlich der Karriere (Nieskens et al., 2012).

Eine ganz erhebliche Belastung stellt die Isolation der meisten Lehrer und Lehrerinnen dar. So stehen sie doch stets alleine vor einer Klasse und können selten auf ein professionelles Feedback in Bezug auf ihr Lehrerverhalten zurückgreifen. Sehr oft mangelt es bei den Lehrkräften an kollegialem Austausch. Dieser Aspekt der Interaktion und Kommunikation spielt eine wesentliche Rolle, auch im Zusammenwirken mit dem Schulleiter / der Schulleiterin oder der erweiterten Schulleitung. In ihrer Studie fanden Nieskens, Schumacher, Sieland und Bräuer heraus, dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem allgemeinen Gesundheitszustand der Lehrer und Lehrerinnen und der Zufriedenheit mit der Schulleitung, dem Kollegium und der allgemeinen Berufszufriedenheit gibt. Daraus folgern sie, dass der soziale Zusammenhalt bei Schulen mit hohem Zufriedenheitswert im Bereich Schulleitung und Kollegium eine Ressource ist, bei Schulen, die eine geringe Zufriedenheit aufweisen, aber eine erhebliche Belastung darstellt (Nieskens et al., 2012).

4 Voraussetzungen für die Gesundheitserhaltung von Lehrkräften

Wie im vorangegangenen Kapitel deutlich wurde, kann der Lehrerberuf eine Reihe von Belastungen und damit auch eine Gefährdung der Gesundheit mit sich bringen. Die Verantwortung für den Erhalt der Gesundheit von Lehrkräften sehen sowohl Außenstehende als auch die Angehörigen dieses Berufs meist bei den Betroffenen selbst. Sie gehen davon aus, dass ein angemessener Lebensstil und der Erwerb von spezifischen Kompetenzen protektive Auswirkungen auf die Belastungen des Individuums haben (Schumacher, 2012). In zahlreichen Studien zeigt sich jedoch, dass die Verhältnisse in der jeweiligen Schule mindestens genauso relevant für die Erhaltung der Lehrergesundheit sind. Jede Schule weist gewisse Strukturen auf, welche belastend oder förderlich für die Gesundheit der dort arbeitenden Lehrkräfte sein können (Schumacher, 2012). Welche Aspekte förderlich bzw. gefährdend für die Gesundheit sind, wird nachfolgend erläutert. Zu diesem Zweck wird zunächst darauf eingegangen, was eine “gesunde” Schule kennzeichnet. Anschließend wird vor diesem Hintergrund die Rolle der Schulleitung als Faktor für eine gesunde Schule in den Blick genommen.

4.1 Aspekte einer „gesunden“ Schule

Schulen sind Organisationseinheiten. So müssen oftmals mehr als 1000 Schülerinnen und Schüler und mehr als 100 Lehrkräfte ‘verwaltet’ werden. Deshalb wird zunächst auf die Merkmale einer gesundheitsförderlichen Organisation eingegangen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die spezifischen Risiken des Lehrerberufs unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Schulleitung und ihres Einflusses auf die Lehrergesundheit
Hochschule
International Psychoanalytic University
Note
1,0
Jahr
2015
Seiten
24
Katalognummer
V960873
ISBN (eBook)
9783346308948
ISBN (Buch)
9783346308955
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lehrer, Burnout, Psychische Gesundheit, Psychische Krankheit, Schulleiter, Rektor
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Die spezifischen Risiken des Lehrerberufs unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Schulleitung und ihres Einflusses auf die Lehrergesundheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/960873

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